Montag, 1. August 2011

Mediapart: die französische Internetzeitung macht ganz ohne Werbung Gewinn

Die französische Internetzeitung Mediapart macht ganz ohne Werbung Gewinn. Weil sie bietet, wofür Zehntausende Leser zahlen. Und weil sie liefert, was die anderen Medien versäumen.

- Dies ist die Geschichte einer großen Frustration - und wie sie zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell führte. Es war im Jahr 2004, als Edwy Plenel und François Bonnet in einem Konferenzraum im südlichen 13. Arrondissement von Paris saßen und ihren Ohren kaum trauen wollten. Der Herausgeber ihrer Zeitung, der legendären "Le Monde", teilte der Redaktion mit, dass sie sich künftig weniger der investigativen Recherche widmen und mehr Gewicht auf die Einordnung und Kommentierung von Ereignissen legen solle. "Das ist schlicht unglaublich", sagt Bonnet noch heute, hörbar aufgeregt. "Da wurde die ureigenste Aufgabe von Journalisten preisgegeben."

Bonnet sitzt an seinem Schreibtisch in einem zum Großraumbüro umgebauten Fabrikgebäude unweit der Bastille. Das Mobiliar ist aus billigem weiß lackiertem Press-Span Marke Ikea. Nur die Computer waren teuer. Was durchaus als Statement zu verstehen ist. Für die Texte, die insgesamt 26 Journalisten dort tagein, tagaus verfassen, konnte das Beste gerade gut genug sein. Mediapart.fr heißt die Internetzeitung, die Plenel und Bonnet seit drei Jahren als Herausgeber und Chefredakteur verantworten, und sie sorgen damit für Furore.


Politisch vor allem wegen ihrer unerschrockenen Berichte, die Politiker und Unternehmer seitdem häufig aufbringen. Und wirtschaftlich, weil es Mediapart nach so kurzer Zeit gelungen ist, ganz ohne Werbung und nur mit den Abonnement-Zahlungen der Leser Geld zu verdienen. Für 2011 rechnet Plenel bei fünf Millionen Euro Umsatz mit 500 000 Euro Gewinn. Das ist, angesichts weltweiter Bemühungen von Medienhäusern um die Akzeptanz von bezahltem Inhalt auf ihren Internetseiten, ein großer Erfolg.

Den Machern ist er nicht in den Schoß gefallen. "In der ersten Zeit haben wir enorm viel Geld verloren", erinnert sich der Chefredakteur Bonnet. Viel hätte nicht gefehlt, dass jene recht behielten, die ihnen den baldigen Ruin prophezeit hatten und über ihre Naivität spotteten. "Wir sind die Hauptverantwortlichen für unsere Freiheiten", schrieb Edwy Plenel als ersten Satz in einer Info-Broschüre über Mediapart - und folgert: "Wenn sie beschränkt werden oder gar verloren gehen, liegt das in erster Linie daran, dass wir nicht genügend für sie gesorgt haben." Da hätte er, der eine halbe Million Euro aus seiner Abfindung und persönlichen Krediten investiert hatte, das Geld auch gleich in der Seine versenken können, sagten Kritiker.

Doch dann kam der Sommer 2010 und mit ihm die Affäre Bettencourt. Die Kombination dieser beiden Wörter hat in Frankreich auch gut ein Jahr später noch einen speziellen Klang. Es ist, als spräche man über die Dreyfus-Affäre, einen historischen Justiz- und Militärskandal. Jeder im Lande weiß sofort, wovon die Rede ist.

Es waren die Journalisten von Mediapart, die den Skandal um die Alleinerbin des L'Oréal-Gründers aufdeckten. Gespräche aus dem Salon der alten Dame, die ihr ehemaliger Butler heimlich aufgezeichnet hatte und die Mediapart zugespielt worden waren, zeigten, dass vermeintliche Freunde und Berater die Milliardenerbin schamlos ausgenommen hatten und dass sie Schwarzgeldkonten in der Schweiz unterhielt. Die Bänder lieferten außerdem Hinweise auf illegale Parteispenden, die 2007 vor allem dem Präsidentschaftswahlkampf von Nicolas Sarkozy zugute gekommen waren.


Nach wochenlangem Gezerre, hartnäckigem Leugnen, einem Einbruch in die Redaktionsräume und verbalen Angriffen auf die Macher von Mediapart, die darin gipfelten, dass Plenel mit Joseph Goebbels verglichen und die Internetzeitung als "faschistisch" beschimpft wurde, musste der Arbeitsminister Éric Woerth zurücktreten. Sarkozys einstiger Wahlkampfmanager, dem eine glanzvolle Karriere bevorstand, hatte Bettencourts Vermögensberater den Orden der Ehrenlegion verschafft - die Auszeichnung durch den Präsidenten persönlich entspricht etwa dem deutschen Bundesverdienstkreuz - und ihm gleich auch noch seine Ehefrau als Mitarbeiterin vermittelt, damit sie ihm half, die Steuerlast Bettencourts zu mindern. Einen Interessenkonflikt mochten die Betroffenen darin erstaunlicherweise nicht erkennen.

Die Zahl der Abonnenten von Mediapart schoss in die Höhe: von etwas mehr als 15 000 Ende Dezember 2009 auf rund 27 000 im Juli 2010. Bis zum Herbst vergangenen Jahres war die Marke von 40 000 Abos überschritten. Aktuell sind es nach Angaben des Unternehmens 52 000 zahlende Leser, die für neun Euro im Monat uneingeschränkt Zugriff auf die Berichte haben.

mehr:
- Wie ein drückender Schuh (Karin Finkenzeller, Brandeins 08/2011)

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