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Montag, 16. Februar 2015

Lupenreine Demokraten

Über Putin wird ständig geredet. (Volker Pispers: »Wenn man weiß, wer der Böse ist, hat der Tag Struktur!«) Über Gerhard Schröders Äußerung (»Putin ist ein lupenreiner Demokrat!«) zu lächeln gehört zur Zeit zu den freiheitlich-demokratischen Grundpflichten – genauso, wie Putin für einen lupenreinen Narzißten zu halten.
Doch Demokratie ist labil. Sie hat zur Voraussetzung, daß es in der Gesellschaft einen breiten Konsens bezüglich bestimmter Sachverhalte gibt.
Wie in unseren Medien mit Pegida und den ostukrainischen Rebellen umgegangen wird, zeigt, wie groß die Anstrengungen sind, die unsere herrschende Elite glaubt, unternehmen zu müssen, um die Leute, die in unserem System leben, bei der Stange halten zu können. Wer etwas sagt, was nicht in den benötigten Konsens paßt, wird totgeschwiegen oder desavouiert. Die Angst ist groß im System.
»Laut Michael Katz und anderen Forschern wurden Schulen dazu entworfen, Menschen auf ein Leben innerhalb eines sie beherrschenden Systems vorzubereiten, be i dem wenige Menschen von den Mühen vieler profitieren. […]Sie [Schulen] wurden gegründet, um ein Wirtschaftssystem aufrechtzuerhalten, das von den Menschen verlangt, dass sie für äußerliche Belohnungen arbeiten und nicht dafür, dass die Menschen über den Wert dessen, was sie tun, nachdenken. Eines der Dinge, das ich beim Fortgeschrittenenstudium entdeckte, war, wie gefährlich es ist, Psychologie getrennt von sozialen Strukturen zu betrachten und zu glauben, dass Leiden nur dadurch entstünde, dass mit den Menschen etwas nicht stimmt. (Marschall Rosenberg, Eine Sprache des Mitgefühls, Interview, Leseprobe Arbor Verlag, PDF)
Wir beten »Freiheit und Demokratie« an wie ein Goldenes Kalb. Nur: Wir beachten dabei nicht, daß es Gegenden auf der Erde gibt, bei denen die Voraussetzungen für Freiheit und Demokratie nicht geschaffen sind.
Und mich beschleicht immer öfter der Verdacht, daß die Amerikaner die Begriffe »Freiheit und Demokratie« dazu verwenden, ihr kapitalistisches System zu exportieren. Natürlich bin ich nicht gegen Freiheit und Demokratie. Ich bin froh, daß ich hier meine Meinung äußern kann, ohne, wenn ich aus der Tür rauskomme, zusammengeschlagen zu werden. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut! Um was es im Konflikt mit Russland geht, ist erst in zweiter Linie eine Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Staatsphilosophien. Im Grunde genommen ist es eine Auseinandersetzung zwischen oben und unten. In jedem System gibt es eine Elite, die die Menschenwie Kühe sieht: Ein Oligarch – egal in welchem System – stellt Brot und Spiele (bzw. im Kuh-Jargon Gras und Unterhaltung) zur Verfügung und hofft, daß er für seine Investitionskossten möglichst viel Milch bekommt.

Cows chasing a RC car around a field [3:21]

Veröffentlicht am 27.07.2013
Cows chasing a RC car around a field

Was im alten Rom gegolten hat, gilt– durch Internet und den ganzen uns zur Verfügung stehenden Elektronik-Krams mit all seinen Möglichkeiten zur Ersatzbefriedigung modifiziert – auch für uns heute: Wir werden unterhalten, bekommen ununterbrochen erzählt, wie die Welt ist, laufen munter irgendwelchen Autochen – oder virtuellen Realitäten – hinterher – und werden gemolken.


Dienstag, 30. Dezember 2014

Die Kraft des Tai Chi wohnt hier nicht mehr. Eine Erweckungsgeschichte

Tai Chi ist gut für die Harmonie. Und für die innere Ruhe. Vorausgesetzt, man weiß was das ist. So sprach vor langer Zeit zu mir eine Tai-Chi-Begeisterte, der ich ganz frisch in Liebe zugetan war. Damals lebte ich in einer Hinterhofwohnung in Berlin-Friedrichshain, wo es sich anfühlte, als lebte ich auf dem Flughafen. Der Hinterhof hinter der Hinterhofwohnung war riesig und beherbergte ein Plexiglas-Sägewerk, eine Autowerkstatt und eine Sammelstelle für Altglascontainer. Dass die vor dem Haus haltende Straßenbahn bimmelte, fiel nur auf, wenn es dunkel wurde und im Hinterhof Ruhe einkehrte (bis sechs Uhr morgens).

Und so saß ich mit meiner neuen Freundin bei einem schlechten Inder um die Ecke und lauschte ihrem Lob des Schattenboxens. »Da wird man total ruhig und tankt auch noch viel Kraft«, sagte sie mit würdevoller Stimme, während mir das brüchige Papadam aus dem offenen Mund rieselte. Welche Kraft es denn da zu tanken gebe, fragte ich vorsichtig. »Na, Energie. Das kannst du spüren.« Wie denn das? wollte ich wissen. Sie schaute mich mit großen Augen an, als wäre ich frisch entlaufen. »Wenn man die Hände aneinander reibt. Wir massieren uns auch gegenseitig die Füße – wunderbar. Und wir machen Qigong und formen einen unsichtbaren Ball aus purer Energie! Damit wir warm werden.« Ich glaubte, hier pfeift das Vögelchen. Doch sie dachte das auch von mir und blitzte mich an: »Was, du bist nicht ein bisschen spirituell? Du armer Mann!«

mehr:
- Du armer Mann! – Die Kraft des Tai Chi wohnt hier nicht mehr. Eine Erweckungsgeschichte (Jackson Müller, junge Welt, 29.12.2014)
Eine Postkarte, die mir mal jemand geschickt hat

Samstag, 23. Februar 2013

Der Klempner von Mumbai


Der Klempner von Mumbai

In einem Land wie Indien ist jeder Tropfen Wasser kostbar. Deshalb ist Aabid Surti zur Stelle, wo immer in Mumbai ein Hahn leckt. Der Einzelkämpfer will die Verschwendung stoppen

VON THOMAS KRAUSE

Der Sisyphos von Mumbai trägt eine graugrün karierte Schirmmütze und hellblaue Jeans. Der Stein, den er bergauf rollt, ist flüssig: Er will helfen, Wasser zu sparen. jeden Sonntagvormittag zieht Aabid Surti von Wohnungsr zu Wohnungstür und fragt, ob er kostenlos tropfende Wasserhähne reparieren darf.
An diesem Sonntag beginnt Surti seine Tour am Bahnhof Mira Road in einem Vorort der indischen Metropole. Es ist kurz nach zehn Uhr morgens, doch das Thermometer nähert sich bereits der 30-GradMarke. Am Motorrikscha-Stand vor dem Bahnhof besteigt Aabid Surti einen der dreirädrigen Motorroller, der knatternd in den Verkehrsstrom eintaucht. Mit dem Fahrtwind wehen Straßenstaub und Benzingeruch heran. Der Weg führt vorbei an zweistöckigen Häusern mit Flachdächern. Ich bin eine Ein-Mann-Nichtregierungsorganisation, sagt Surti. Er brauche kein Büro, um etwas für die Gesellschaft zu tun. Nur einen Klempner.
Ich wuchs auf der Straße auf, da lernte ich den Wert des Wassers zu schätzen”, sagt der 77-Jährige. „Später schmerzte es mich, wenn in den Häusern meiner Freunde ein Wasserhahn tropfte. Ich sagte ihnen immer wieder: Bestell' doch bitte einen Klempner! Aber die kommen halt nicht für so einen kleinen Job.
Über die Jahre hätten sich seine Freunde immer weniger an ihren tropfenden Hähnen gestört: Der Wassertank auf dem Dach läuft über, warum scherst du dich um ein paar Tropfen?, fragten sie. ,,2007 las ich in einem Artikel, dass pro Monat hundert Liter Trinkwasser verschwendet werden, wenn ein Wasserhahn einmal pro Sekunde tropft”, sagt Surti. Da wusste ich plötzlich, was zu tun war: Wenn ich nur einen einzigen Wasserhahn repariere, spare ich schon nach einem Jahr 1200 Liter Wasser!Manche Wasserhähne tropften fünf Monate, andere fünf Jahre lang, ohne dass sich jemand daran störe.
Sein heutiges Ziel ist der Mira-Darshan-Komplex, ein Haus mit Eigentumswohnungen. Sieben Stockwerke ragt das hellbraun und weiß angestrichene Gebäude empor. In einigen der vergitterten Fensternischen hängt Wäsche auf der Leine, in anderen sind Klimaanlagen montiert. Im Schaukasten an Aufgang 0 des Appartementhauses hängt ein Zettel mit einem blau-schwarzen Logo, das auch auf Surtis T-Shirt zu sehen ist. Save every Drop or Drop Dead” steht da. Spare jeden Tropfen, sonst gehst du den Bach runter. Das ist der Name von Surtis Initiative. Die Zettel hängt er immer montags dort auf, wo er am darauffolgenden Sonntag an die Türen klopfen will.
Im sechsten Stock erwarten ihn bereits seine Mitstreiter: Der Klempner Riyaz Khan, 42, und seine Assistentin Tejal Shah. Die 36-Jährige mit schwerem, schwarzem Zopf und einem kleinen goldenen Stecker im linken Nasenflügel klopft an die weiß lackierte Tür der Wohnung 173. Eine Luke öffnet sich und gibt den Blick frei auf das rundliche Gesicht einer Frau, die skeptisch die Gruppe vor ihrer Wohnungstür mustert. „Guten Tag! Haben Sie einen tropfenden Wasserhahn?”, fragt Shah. Wir sind von Drop Dead und wollen helfen, Wasser zu sparen. Deswegen reparieren wir kostenlos Wasserhähne.Das Gesicht hellt sich auf. Die Luke geht zu, die Tür öffnet sich. Alles, was der Klempner an Werkzeug braucht, trägt der hagere Mann mit dem mintgrünen Hemd in einer Plastiktüte bei sich. Er folgt der Hausherrin ins Badezimmer. Meist kommt er mit einem Schraubenzieher und einem Engländer, einem verstellbaren Schraubenschlüssel, aus. Khans Handgriffe sind geübt: Schraube lösen, die Abdeckung des Ventils abnehmen, mit dem Engländer das Ventil ein wenig fester anziehen, Abdeckung wieder draufsetzen, zuschrauben. Wenige Minuten ster tropfen zwei Wasserhähne weniger.
hrend einige Teile Mumbais fliend Wasser haben, sind andere Stadtviertel noch gar nicht ans Leitungsnetz angeschlossen. Dorthin wird Wasser mit Tankwagen geliefert. In einem Land, in dem Millionen Menschen täglich ums Überleben kämpfen, haben viele Menschen drängendere Probleme als die Umwelt zu schützen. Wer sich wie Surti um gesellschaftliche Belange statt um sein tägliches Auskommen kümmern kann, gilt schon als privilegiert.
Seinen relativen Wohlstand verdankt Surti seinen Begabungen. Er ist Autor von mehr als 80 chern, Schöpfer von Comicserien und Maler. Als ihm die Regierung des Bundesstaates Uttar Pradesh 2007 eine Auszeichnung für sein literarisches Lebenswerk verlieh, investierte er das Preisgeld von 100.000 Rupien (etwa 1700 Euro, das sind beinahe drei durchschnittliche indische Jahresgehälter) in das „Drop DeadProjekt. Zwar fehlt Surti die Zeit, um jeden Tag loszuziehen. Aber seit über fünf Jahren opfert er einen halben Tag pro Woche, damit andere Wasser sparen.



Aabid Surti (oben) repariert mit seiner Initiative „Spare jeden Tropfen, sonst gehst du den Bach runter” kostenlos Wasserhähne. Jeden Sonntag besucht er mit seinem Team, dem Klempner Ryaz Khan (Mitte) und seiner Assistentin Tejal Shah, Haushalte in Mumbai

Was passiert, wenn du etwas Gutes für die Gesellschaft tun möchtest?”, fragt Surti. Das ganze Universum hilft dir!Trotzdem bringt auch ehrenamtliches Engagement Kosten mit sich: Die Bezahlung seiner Mitstreiter und die Ersatzteile kosten Geld. Deshalb lässt er T-Shirts mit dem „Drop Dead”-Logo bedrucken und verteilt diese gegen Spenden. Dass er kein Geld von denen nimmt, deren Wasserhähne er repariert, hat einen einfachen Grund: „Die Leute würden sofort denken, ich wolle ein Geschäft machen”, sagt Surti. 
Am Ende jeder Reparatur klebt Shah einen Aufkleber mit dem „Drop Dead”-Logo im Bad auf die Fliesen. In den Jahren 2007 und 2008 tat sie das insgesamt 3841 Mal das waren ihre Rekordjahre. „Nach meinen Berechnungen haben wir damit geholfen, mehr als vier Millionen Liter Wasser zu sparen”, sagt die Assistentin. Mit dem rechten Daumen reibt sie über den Sticker, damit dieser auch gut hält. „Zum einen ist der Aufkleber ein Zeichen, dass wir hier waren. Zum anderen ist er eine Erinnerung an die Bewohner, weiterhin Wasser zu sparen.” Der Aufkleber ist so eine permanente, aber höfliche Ermahnung. Stockwerk für Stockwerk arbeitet sich der kleine „Drop Dead”-Trupp in dem Wohnhaus nach unten.
„Ich kann nicht zusehen, wie das blaue Gold einfach so im Abfluss verschwindet”, sagt Surti. „Das motiviert mich.” Der Sisyphos von Mumbai hat sich eine Aufgabe gesucht, die er nie zu Ende bringen kann. „Gerade weil es eine unerfüllbare Aufgabe ist”, sagt er, „muss jemand beim ersten Tropfen anfangen.”
aus Greenpeace Magazin 2.13