Posts mit dem Label Gender werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gender werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 9. Juli 2020

Die Schriftstellerin, die Sprache, die verletzten Gefühle der geschützten Minderheit, der Shitstorm und die Medien


  • Die „Harry Potter“-Autorin veröffentlichte eine Reihe transfeindlicher Tweets.
  • Neben zahlreichen Aktivistinnen und Aktivisten ergreift auch „Harry Potter“-Schauspieler Daniel Radcliffe das Wort 
Update vom Donnerstag, 09.07.2020, 10.40 Uhr: Gemeinsam mit weiteren 151 Intellektuellen hat J.K. Rowling einen offenen Brief geschrieben. In dem Schreiben solidarisieren sich die Unterzeichner*innen auf der einen Seite mit den weltweiten Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt, kritisieren auf der anderen aber eine intolerante Kultur, die der offenen Debatte schaden würde.
J.K. Rowling fordert freien Austausch von Informationen  
„Der freie Austausch von Informationen und Ideen, der Lebensnerv einer liberalen Gesellschaft, wird jeden Tag weiter verengt“, schreiben J.K. Rowling und ihre Kolleg*innen, zu denen unter anderem der deutsche Autor Daniel Kehlmann, der amerikanische Linguistik-Professor Noam Chomsky und die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood gehören. Veröffentlicht wurde der Brief durch das „Harper‘s Magazine“.
Die internationale Riege von Intellektuellen um Rowling kritisiert außerdem die feindliche Kultur, die ihnen entgegengebracht werden würde. Es gebe „im Geiste eine panische Schadenskontrolle“, die einen freien Austausch von Ideen verhindern oder zumindest beeinträchtigen würde. Auch Beispiele werden in dem Brief aufgeführt: „Redakteure werden entlassen, weil sie umstrittene Texte veröffentlicht haben. Bücher werden wegen angeblicher Inauthentizität zurückgezogen. Journalisten dürfen nicht über bestimmte Themen schreiben. Gegen Professoren wird ermittelt, weil sie im Unterricht literarische Werke zitiert haben.“
J.K. Rowling und die anderen sehen sich als Verteidigerinnen der freien Rede
Die Idee des Briefes stammt laut Informationen der New York Times von Thomas Chatterton Williams. Der amerikanische Autor sagte gegenüber der US-Zeitung, der Brief sei „eine Verteidigung“ der freien Rede, „ohne Angst vor Strafe oder Vergeltung haben zu müssen“.
Die Kritik blieb nicht aus und entzündete sich vor allem an der prominentesten Unterzeichnerin, J.K. Rowling. Sie stand aufgrund ihrer Tweets, die von der Transgender-Community als feindlich eingestuft wurden, ohnehin in der Kritik. Emily VanDerWerff, Autorin für das US-Nachrichtenportal „Vox“, veröffentlichte auf Twitter ein Statement, in dem sie angab, sich als trans Frau durch den Brief an ihrem Arbeitsplatz unwohl zu fühlen, weil auch Teile ihrer Kollegen und „prominente Anti-Trans-Stimmen" zu den Unterzeichnern gehören würden.
[Valerie Eiseler, J.K. Rowling beklagt sich in offenem Brief über „intolerantes Klima“, fr.de, 09.07.2020]


Mit einem differenzierten Beitrag versuchte die Harry-Potter-Autorin dem Vorwurf zu begegnen, sie achte Transgender-Menschen nicht. Der Text trug ihr neue Schmähungen ein – und sie ist nicht die Einzige, die derzeit mit dem moralischen Reinheitsfuror zu kämpfen hat.  
Was haben «Black Lives Matter» und Transgender-Streitigkeiten gemeinsam? Was verbindet die Neubesichtigung von Satire mit dem Sturz alter Denkmäler? Unmut macht sich in Grossbritannien an vielen Schauplätzen breit.

J. K. Rowling liess sich nicht zum ersten Mal, und wieder mutig, auf eine Diskussion über Transgender-Menschen ein und trat erneut eine Hasslawine los. In einem langen Blog-Eintrag, dem eine ausführliche Beschäftigung mit dem Thema vorausgegangen sei, erklärte die Harry-Potter-Autorin, was vordem nur in Twitter-Kriegen angerissen worden war.

Rowling betont ihre grosse Sympathie für Transmenschen, und es wird klar, dass sie weiss, wie exponiert und verletzlich diese sind. Wäre sie dreissig Jahre später geboren worden, schreibt die Autorin, hätte sie sich in ihrer eigenen Jugend eine Transition vorstellen können – «die Verlockung, dem Frausein entfliehen zu können, war riesig». Trotz allem aber seien auch die Gegebenheiten des biologischen Geschlechts nicht zu leugnen. Sie finde alle Behauptungen, dass biologische Frauen keine gemeinsamen Erfahrungen hätten, «frauenfeindlich und regressiv».

Türen auf für alle?

Auslöser der Debatte war ein Gesetzesvorschlag des schottischen Parlaments, der es Transmenschen erlauben würde, auch ohne medizinischen Nachweis ihre geschlechtliche Identität rechtsgültig zu wählen. Darin sah Rowling einen Risikofaktor: Wenn man die Türen von Toiletten- und Umkleideräumen für jeden Mann öffnen würde, der sich als Frau fühle, «dann öffnet man die Tür für alle Männer, die hereinkommen wollen». Ihre Vorbehalte führte die Schriftstellerin auf Erinnerungen an häusliche Gewalt in ihrer ersten Ehe zurück, ein Umstand, den sie zum ersten Mal erwähnte.

Eingehend schreibt sie auch über bereits erfahrene und noch erwartete erbitterte Reaktionen auf ihre Äusserungen. Obwohl diese explizit eine Aufforderung zur Akzeptanz unterschiedlicher Meinungen enthalten, liessen die Beschimpfungen nicht auf sich warten. Sie manifestierten sich in gewohnt schriller Intoleranz zuerst auf Twitter, gingen dann aber darüber hinaus.

Harry-Potter-Fans drohten, Rowlings Bücher zu entsorgen, sogar zu verbrennen, Fanklubs sagten sich von ihr los und riefen zum Boykott auf – was für eine bittere Ironie. Eine Schule in West Sussex, die einen Gebäudeflügel nach der Autorin benennen wollte, verzichtete nach dem Erscheinen des Blog-Eintrags mit der Begründung, der Standpunkt der Autorin entspreche nicht ihrem «Ethos der Inklusivität». Stars der Harry-Potter-Filme wie Emma Watson und Daniel Radcliffe kritisierten J. K. Rowling scharf, ebenso Eddie Redmayne, der in einer anderen Rowling-Verfilmung («Phantastische Tierwesen») spielte. Ältere Darsteller aus den Harry-Potter-Filmen wie Emma Thompson, Maggie Smith und Gary Oldman schwiegen dazu.

Der Disput kann auch als Ausdruck eines Generationenkonflikts gelesen werden. Im Kampf um Wertverschiebungen ändern sich Terminologien in hohem Tempo. Menschen, die gestern und vorgestern noch als offen und liberal galten, können sich heute unversehens mit der Beschuldigung konfrontiert sehen, das Gegenteil zu verkörpern.
Kein Sinn für Satire  
Zensur gab es auch anderswo. Dabei wurden nicht nur bisher innig geliebte Bücher auf die Kippe geschmissen, sondern weiteres, plötzlich unliebsam gewordenes Kulturgut beseitigt. Dieses Mal kam der Anstoss von der «Black Lives Matter»-Bewegung. Der Klassiker «Vom Winde verweht» und andere Filme und Serien (darunter «Little Britain») werden von Fernsehsendern auf rassistische Inhalte überprüft, mit kritischen Kommentaren versehen oder aus dem Programm genommen. Eine Diskussion und Neubewertung von Kulturgütern aus der Vergangenheit kann geboten sein, wie im Fall von «Vom Winde verweht»; Zensur aber ist nicht sinnvoll.

Eine ebenso lächerliche Verlagerung des triftigen Rassismus-Anliegens auf einen Nebenschauplatz erlebte die Comedy-Serie «Fawlty Towers» (1975/79). Der BBC-Anbieter UKTV entfernte eine der berühmtesten Folgen aus seinem Box-Set. Nach Zuschauerprotesten versprach der Sender, die Episode «The Germans» mit einem kritischen Kommentar und Warnungen vor rassistischen Verunglimpfungen wieder aufzunehmen.

Der Sender legte nicht dar, warum genau er die schon seit Jahren als politisch unkorrekt umstrittene Folge entfernte. Denn in Wirklichkeit wird gerade in ihr die Fremdenfeindlichkeit – sie trifft die Deutschen, Schwarze und in Massen auch einen unglücklichen Kellner aus Barcelona – mit komödiantischen Mitteln verhöhnt. Der «Fawlty Towers»-Schöpfer John Cleese erklärte es noch einmal für alle: «Wenn man einer Figur Unsinn in den Mund legt, über die man sich lustig machen will, heisst das nicht, dass man ihre Meinungen verbreiten will, sondern, dass man sich darüber lustig macht.»

Als den Hotelbesitzer Basil Fawlty spielt John Cleese ein Monstrum der Überheblichkeit, einen Menschenfeind im permanenten verbalen Overdrive – und eine der ganz grossen Schöpfungen britischer Comedy. Andere Figuren der Serie werden mit ebenso komischer Meisterschaft und Radikalität in ihrer Grausamkeit oder Dummheit entlarvt, was selbst nicht ohne Grausamkeit ist, aber weder dumm noch rassistisch – im Gegenteil.

[Marion Löhndorf, Zetern ist leichter als hinhören – der neue Shitstorm gegen J. K. Rowling ist da der traurige Beweis, NZZ, 16.06.2020]     


Nicht alle Frauen menstruieren, zum Beispiel trans Frauen. Andererseits sind nicht alle Menschen, die menstruieren, Frauen. Dazu gehören nicht-binären Personen und vor allem trans Männer, was beispielsweise im Zusammenhang mit Gesundheitsfragen von Belang sein kann. […]

Die Gruppe der „menstruierenden Menschen“ kann also nicht mit "Frauen" gleichgesetzt werden. Dass Rowling für all das kein Verständnis aufbringt und inklusive Formulierungen lächerlich macht, empfinden viele aus der queeren Community als ignorant, inter- und transfeindlich.

Deshalb wird die 54-Jährige nun von Twitter User*innen, Organisationen und Aktivist*innen kritisiert. So schrieb der britische TV-Journalist Scott Brian: „Bitte sprich mit queeren Personen. Bitte.“

Rowling begibt sich mit ihrer Sichtweise in die gedankliche Nähe der sogenannten „TERFs“ (Trans-Exclusionary Radical Feminism“), also Menschen, die trans Frauen aus ihrem Verständnis von Frauen ausschließen. Die meisten TERFs bezeichnen sich selbst nicht als solche, sondern beispielsweise als „genderkritische Feminist*innen“. Es handelt es sich also um eine Zuschreibung von außen.

Autor Linus Giese hat es im Queerspiegel so erklärt: „Trans Männer sind für TERFs ‚biologische Frauen‘, die Opfer von Geschlechterstereotypen und Frauenfeindlichkeit werden: Um dem erdrückenden Patriarchat zu entkommen, werden sie körperliche Männer.“ Dahinter stehe ein Denken, das trans Menschen sprachlich unsichtbar mache, ihre Identität anzweifle oder ihnen obendrein ihre Existenz abspreche.

Die Autorin fühlt sich als "Feminazi" diffamiert

Auch Rowling bezeichnet sich selbst nicht als TERF. Das stellte sie auf Twitter klar: „‘Feminazi‘, ‚TERF‘, ‚Bitch‘, ‚Hexe‘. Zeiten ändern sich. Frauenhass ist ewig.“ Dabei ist es nicht das erste Mal, dass die Autorin durch transfeindliche Äußerungen auffällt.

Bereits vor zwei Jahren likte sie den Tweet eines bekannten transfeindlichen Aktivisten, der trans Frauen als „Männer in Kleidern“ diffamierte. Ihre Vertreter*innen nannten das später einen „ungeschickten middle-aged Moment“.

Im Dezember 2019 solidarisierte Rowling sich außerdem in den sozialen Netzwerken mit Maya Forstater. Diese hatte zuvor trans Frauen mehrfach ihre Geschlechtsidentität abgesprochen.

[Inga Hofmann, Transfeindliche Tweets von J.K. Rowling – Bestsellerautorin zieht Wut von queeren Harry Potter-Fans auf sich, Tagesspiegel, 10.03.2020]

siehe auch: 
Ein Kleinod deutscher Fernsehkultur: Doktor Murkes gesammeltes Schweigen (Post, 09.07.2018)
Ein „sexistisches Gedicht“? (Post, 08.09.2017)
Vegan modifiziertes Glockenspiel (Post, 19.02.2017)
Gleichstellungsbeauftragte und bayerische Tradition (Post, 25.05.2015)
- Realsatire: Nennen Sie mich Prosecco Hornscheidt (Post, 26.12.2014)
Vor wenigen Tagen habe ich nun von einem 17jährigen Schüler gehört, der auf seiner Schule Probleme bekommen hat. Dieser Junge, der übrigens ausgezeichnet integriert ist – er ist Klassensprecher, Sanitäts-Helfer und auch in der Energiespar-Kommission der Schule –, hat sich bei einem Kameraden eine Softgun ausgeliehen. Da seine Mutter keine Waffe zuhause haben will, hat er das Gewehr in einer großen Tasche in die Schule mitgenommen und dort im Sanitätsraum in seinem Spind verstaut. Er hatte vor, wenn seine Mutter mal tagsüber nicht da ist, die Softgun mit nachhause zu nehmen und da auszuprobieren. Ein anderer Sanitäter durchsuchte nun auf der Suche nach einem bestimmten Gegenstand auch den Spind dieses Mitschülers, es fiel ihm die große Tasche auf, und jetzt haben wir den Salat: Mehrere Lehrerinnen haben jetzt Angst davor, diesen Schüler zu unterrichten. Dazu kommt, daß sich die Eltern des Jungen vor einigen Jahren haben scheiden lassen, weswegen er die Schulpsychologin aufsuchte. Nun haben sich Direktor und Klassenlehrer an die Psychologin gewendet, damit diese eine Einschätzung abgibt, wie wahrscheinlich ein Amoklauf dieses Jungen ist. Einige Eltern von Mitschülern haben davon Kenntnis erhalten und fordern seinen Schulverweis.
[Gewalt durch Männer, Gewalt durch Frauen: Im Inneren des Walfischs, Post, 11.05.2009]
Gender 4: Wie falsch ist die gerechte Sprache? - Punkt.PRERADOVIC mit Doro Wilke {15:53}

Punkt.PRERADOVIC
Am 19.06.2020 veröffentlicht 
Gendersprache vs Grammatik. An Unis, in Kommunen, bei ARD und ZDF, die Gendersprache breitet sich momentan rasant aus. Aber viele der neuen, gerechten Wörter sind schlicht falsch. Zumindest nach der geltenden Grammatik. Das sagt Doro Wilke vom Verein Deutsche Sprache. Außerdem führe Gendersprache nicht zu Gleichbehandlung, sondern diskriminiere andere Minderheiten.
x
Dirty Harry {0:09}

MrsCalahan
Am 10.07.2007 veröffentlicht 
Meinungen sind wie Arschlöcher


Dienstag, 29. Oktober 2019

„Venus“ Berlin: Die Bagatellisierung des Sex

Am vergangenen Sonntag besuchte ich gemeinsam mit meinem Freund die Berliner Erotikmesse „Venus“, die weltweit größte internationale Fachmesse für Internet-, Multimedia- und Adult-Entertainment, wie es bei Wikipedia heißt. Berlinern dürfte die Veranstaltung dadurch bekannt sein, dass sie auf Plakaten jedes Jahr mit Testimonials aus dem Erotikbereich beworben wird, seit Jahren ist Micaela Schäfer eines der „Venus“-Gesichter.

Mein Freund hat beruflich mit erotischer Fotografie und Literatur zu tun, ist sozusagen „vom Fach“ und wollte auf der diesjährigen Messe neue Kontakte zu Fotografen knüpfen. Ich selbst war vorher noch nie auf der „Venus“ und am vergangenen Sonntag mit seinen frühlingshaften Temperaturen eigentlich nicht in Stimmung für stickige Messeluft, auch nicht für erotische. „Ulrike, ich möchte dort höchstens zwei Stunden zubringen und danach wieder verschwinden. Komm doch mit, danach können wir noch spazieren gehen.“ Nach einigem Hin und Her siegte meine Neugier und gemeinsam stapften wir zum Messegelände.

Meine Bedenken, ob es ratsam sei, in professioneller Abarbeitungs-Stimmung auf eine derartige Veranstaltung zu gehen, lösten sich bereits auf, als ich die Toiletten am Eingang aufsuchte. Zwei dralle Damen um die 40, schwarzhaarig in schwarzen Dessous, stark geschminkt und offensichtlich als Hostessen im Einsatz, tauschten sich an den Waschbecken müde über die Abende der letzten Messetage aus und kamen zu dem Schluss, dass man mit Fetisch-Partys doch am wenigsten falsch machen kann, wenn man schon unbedingt feiern gehen muss.

mehr:
- „Venus“ Berlin: Die Bagatellisierung des Sex (Ulrike Stockmann, AchGut, 27.10.2019)
siehe auch:
Borgen - Gefährliche Seilschaften - 3. Staffel (5/10) (Arte-Mediathek, abrufbar bis 05.12.2019)
Amnesty tritt für Entkriminalisierung der Prostitution ein (Post, 05.12.2019)
Licht an, Kriminelle raus? (Post, 01.05.2015)
- Prostitution – “So, wie geht es deiner Seele?” (Post, 11.11.2014)
mein Kommentar:
Vielleicht würde uns allen ein wenig Bagatellisierung des Sex gut tun…
x

Donnerstag, 24. Oktober 2019

In der Schule sind Knaben fauler als Mädchen

Schulen diskriminieren Jungen, weil sie weibliche Eigenschaften und Fähigkeiten höher bewerten, klagt ein Vater. Eine Lehrerin widerspricht.
x
In der Schweiz hat Rechtsanwalt Martin Hablützel Rekurs eingereicht, weil sein Sohn Luiz am Gymnasium nicht promoviert worden ist. Er argumentiert, dass Knaben an den Gymnasien diskriminiert werden. Sprachliche Fächer, in denen Mädchen besser seien, und weibliche Eigenschaften wie Fleiss, Anpassung und Genauigkeit hätten einen zu hohen Stellenwert. Sein Sohn ist nach Angaben der «NZZ am Sonntag» jedoch nicht an sprachlichen Fächern gescheitert, sondern weil er in Physik beim Nachbarn abgeschrieben hatte. Vater Hablützel argumentiere deshalb vor allem mit der Entwicklung von Jungen in der Pubertät.

Männlicher Minimalismus

«An den tieferen Noten der Buben ist nicht die Biologie schuld, sondern eine breite Duldung des männlichen Minimalismus in der Pubertät», schreibt Lehrerin Miriam Missura in einem Beitrag für die «NZZ am Sonntag». Fleiss habe jahrhundertelang als männliche Eigenschaft gegolten. Erst im 20. Jahrhundert durften Frauen überhaupt an Gymnasien. Und erst seit sie stärkere schulische Leistungen zeigen als Knaben, gelte Fleiss nicht mehr als erstrebenswert, «sondern wird als Mädcheneigenschaft diskreditiert und oft mit tieferer Intelligenz gleichgesetzt». Doch das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. Ein Kind könne intelligent und gleichzeitig fleissig oder faul sein.

Fleiss gilt als «uncool»

Lehrerin Missura stellt bei Knaben in der Pubertät eine Tendenz zum Minimalismus auch in Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern fest. Im Unterschied zu vielen Mädchen seien sie oft mit tieferen Noten zufrieden. Wer bessere Noten anstrebe gelte als «Streber» und Fleiss als «uncool». Gesellschaft und Familien würden diesen Minimalismus vor und während der Pubertät dulden. «Es wird Zeit, dass dem pubertären Minimalismus ein Riegel vorgeschoben wird.» Leistungswille gelte als eine Schlüsselkompetenz in der Wirtschaft. «Knaben müssen lernen, dass sich Motivation durch Erfolg und Erfolg durch Fleiss steigert. Den Fleiss müssen sie aber selber aufbringen.» Wenn sie dies nicht können oder wollen, sollen sie in einen anderen Bildungsgang wechseln und beispielsweise eine Lehre machen, schreibt Missura.

mehr:
- In der Schule sind Knaben fauler als Mädchen (Info-Sperber, 24.10.2019)
siehe auch:
Mädchen können besser lesen und vor allem besser schreiben (Post, 07.10.2018)
„Männer wissen immer weniger, wer sie sind“ (Post, 03.03.2016)
Feminismus im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (Post, 24.08.2015)
Männer auf dem Rückzug (Post, 21.06.2015)
Warum Jungs öfter scheitern (Post, 21.06.2015)
Schweizer Studie: Schulerfolg bei Jungen von der richtigen Gesinnung abhängig (Post, 14.06.2015)
- Krise bei den jungen Männern (Post, 12.05.2015)

Montag, 9. September 2019

Roman Polanski in Zeiten des Gutmenschentums

Kommentar: Wieder mal steht Roman Polanski in den Schlagzeilen. Er ist der wahre Sieger bei den Filmfestspielen von Venedig - ein Sieg gegen den grassierenden Hypermoralismus
Die Leute, die ich anklage, kenne ich nicht, ich habe sie nie gesehen, ich hege weder Groll noch Hass gegen sie. Sie sind für mich nur Erscheinungen, Symptome der Krankheit der Gesellschaft. Und die Handlung, die ich hier vollziehe, ist nur ein radikales Mittel, um den Ausbruch der Wahrheit und der Gerechtigkeit zu beschleunigen. Ich habe nur eine Leidenschaft, die des Lichtes, im Namen der Menschheit, die so viel gelitten hat und die ein Recht auf Glück besitzt. Mein flammender Protest ist nur der Schrei meiner Seele.
Emile Zola: "J'accuse!

Das war mehr als eine große Überraschung zum Abschluss der Filmfestspiele in Venedig: Der bislang nur Experten bekannte Amerikaner Todd Phillips gewann am Samstagabend für seinen Film "Joker" den Goldenen Löwen von Venedig.

Der wahre Sieger der diesjährigen Venedig-Ausgabe ist aber der französisch-polnische Regisseur Roman Polanski, der für seinen Film "J'Accuse!" den Spezialpreis der Jury bekam.

"J'Accuse!" erzählt von der Dreyfus-Affaire vor 125 Jahren, basierend auf Robert Harris' Roman "An Officer and Spy". Die Geschichte ist beschämend genug, wie sie ist. Polanski schildert nüchtern und klar die Fakten. Sein Film verzichtet auf alle billige Aktualisierung, auf Sensationalismus, auf boshafte Witze, die sich auf die Gegenwart beziehen.

Die gesellschaftlichen Schwächen einer Massendemokratie

Seine Herangehensweise ist im gewissen Sinn sehr klassisch. Der Film beginnt Anfang 1895 mit Alfred Dreyfus' öffentlicher Degradierung und Demütigung. Danach geht es hin und her zwischen dem Ablauf der Jahre 1895-1906 und Rückblicken in die Vorgeschichte, die im Herbst 1894 in die Vorwürfe gegen Dreyfus mündete.

Alles ist ein bisschen eine Detektivgeschichte, in der die Gewinnung von Indizien im Zentrum steht. Vor allem ist dies auch die Geschichte eines bisher unbekannten, geradezu geheimen Helden, des Colonel Marie-Georges Picard – ein Whistleblower der Jahrhundertwende.

Mit großer Lässigkeit zeigt Polanski die politischen und die gesellschaftlichen Schwächen einer Massendemokratie auf. Seine Erzählung der Dreyfus-Affaire zeigt, wie Meinungsfreiheit in Populismus, wie Populismus in Demagogie und Hetze umschlägt: Er zeigt Bücherverbrennungen, antisemitische Ausschreitungen und Verschwörungen einer rechtskonservativen, katholischen, militärischen Clique.

Dieser Film erinnert auch an den Kampf eines bestimmten Teils der politischen Linken, die heute ganz vergessen ist: Einer politischen Linken, die wirklich mit Radikalität gegen den existierenden Staat stand, auch wenn er formal eine Demokratie war, und die wirklich Widerstand geleistet hat gegen die Macht.

So erinnert Polanski daran, was wirkliche Opfer im politischen Kampf sind, was andere Leute riskiert haben: ihr Leben, ihre Gesundheit, ihre Ehre. Von solchen Positionen und von Menschen wie Emile Zola oder Georges Clemenceau ist unsere Gegenwart weit entfernt.

So ist dies eine zeitgemäße Geschichte: Über die Hexenjagden der Gegenwart, von denen Polanki selbst ein Lied singen kann; über den Antisemitismus unserer Zeit in Frankreich wie in Deutschland, über Überwachungswahnsinn, über Whistleblower.

mehr:
- In Zeiten der Hexenjagd (Rüdger Suchsland, Telepolis, 09.09.2019)

Donnerstag, 5. September 2019

„Akte Weinstein“ (3): Monster, Mäuse und Moneten

Bei aller Wut soll es dem in der Regel auf Granit beißenden Weinstein allerdings hin und wieder doch gelungen sein, seinen Gegenspielerinnen die ihm verweigerte Gegenleistung abzuringen, wenn er sie auch austricksen musste, um einzustreichen, was er verdient zu haben meinte: eine Geste der Erkenntlichkeit. Und diese kleinen Siege sind es, die ihm die durch ihn groß gewordenen „Opfer“ auch lange Zeit danach nicht gönnen, ja nicht verzeihen können.

Erst geizig bis ins Mark, dann kleinlich nachtragend, wie es sich für die feministisch camouflierte Menschenfeindlichkeit gefühlloser Heulsusen gehört, die jede Kritik, die sie als Subjekte anspricht, als Victim Blaming von sich weisen, haben sie die Gelegenheit ergriffen, zu stoßen, was fällt, um anschließend, von Opferschützern befeuert, mit dem Nachtreten nicht mehr aufzuhören.

Denn immer dann, wenn die Resonanz des Weinstein-Skandals abzuebben drohte, weil nach der medialen Hinrichtung des Produzenten niemandem mehr ernsthaft zu vermitteln war, womit er diese eigentlich verdiente – und weil auch die „MeToo“-Opfer „sexuelle Übergriffigkeit“ bloß noch zum Anlass nahmen, um ihre Patriarchatskritik am mangelnden Einsatz männlicher WG-Mitglieder beim Abwischen der Küchenplatte zu verdeutlichen –, machte ein neues, bis dahin nicht gehörtes Weinstein-Opfer auf sich aufmerksam, dessen Selbstentblößung die Kolportage missbrauchte, um den Verdacht eines Sexualverbrechens gegen Weinstein zu säen und zugleich zu dementieren.

mehr:
- „Akte Weinstein“ (3): Monster, Mäuse und Moneten (Thomas Maul, AhGut, 05.09.2019)
Mein Kommentar:
Obwohl ich den Artikel vom Inhaltlichen gut finde, ist er ein Teil des Problems. Mit dieser Entweder-ich-habe-recht-oder-Du-hast-recht-Haltung wird in die Debatte nur weiter Öl gegossen.

Siehe auch:
Von Mozart bis Placido Domingo: Männer, die Schweine! (Post, 21.08.2019)
Lou Andreas-Salomé: »Ich verliere nie die Gewissheit, dass hinter mir Arme geöffnet sind, um mich aufzunehmen.« (Post, 02.08.2019)
- Die Schönheit des Abgrunds (Post, 04.06.2018)
Selbstverständlich dachte ich, dass Assange ein Vergewaltiger sein muss! Aber ich fand heraus, dass er nie wegen einer Sexualstraftat angeklagt wurde. Zwar machten zwei Frauen in Schweden Schlagzeilen, kurz nachdem die USA die Verbündeten ermutigt hatten, Gründe für die Verfolgung von Assange zu finden. Eine von ihnen behauptete, er habe ein Kondom zerrissen, die andere, dass er es nicht getragen habe, in beiden Fällen beim einvernehmlichen Geschlechtsverkehr - nicht gerade Szenarien, die den Ruf der "Vergewaltigung" in einer anderen Sprache als Schwedisch haben.
Allerdings hat jede Frau sogar ein Kondom als Beweis vorgelegt. Das erste, angeblich von Assange getragen und zerrissen, enthüllte keinerlei DNA - weder seine, noch ihre oder die von jemand anderem. Stell dir das vor. Das zweite, gebrauchte, aber intakte, sollte "ungeschützten" Geschlechtsverkehr beweisen. Stell dir das noch mal vor. Die Frauen schrieben sogar, dass sie nie beabsichtigten, ein Verbrechen zu melden, sondern von der eifrigen schwedischen Polizei dazu gezwungen wurden.
[Nils Melzer, UN-Sonderberichterstatter, zit. in Präzedenzfall WikiLeaks, Mathias Bröckers, Telepolis, 01.07.2019]

Mittwoch, 21. August 2019

Von Mozart bis Placido Domingo: Männer, die Schweine!

Neun Frauen, eine Ballerina und acht Sängerinnen, haben eine Kampagne gegen Plácido Domingo angezettelt. Vor dreißig Jahren soll ihnen der mittlerweile achtundsiebzigjährige Tenor an die Knie gefasst, Komplimente in die Ohren geflüstert und sogar versucht haben, sie zu nächtlichen Treffen in seine Hotelzimmer einzuladen.

Schrecklich muss es da zugegangen sein, schlimmer als in den Romanen von Rosamunde Pilcher: zum Gähnen langweilig. Über die Geschichten, die uns die keuschen Frauen heute auftischen, haben sie damals vermutlich selbst nur heimlich gekichert. Mit der Harmlosigkeit ihrer Domingo-Erlebnisse wollte sich wohl keine blamieren, nicht in den Zeiten der sexuellen Freizügigkeit. Wie hätten sie dagestanden neben einer Uschi Obermaier, die sich nie mit der Hand am Knie zufriedengeben wollte, mit der von Mick Jagger so wenig wie mit der von Keith Richards.

Doch das Blatt hat sich mit den Zeiten gewendet. Unverhofft beschert die kultivierte Prüderie unserer Tage den alternden Diven einen letzten Frühling. Noch einmal können sie sich in dem Gefühl sonnen, wie es gewesen wäre, wenn … Mit der Erinnerungen an die erotischen Lappalien ihrer Jugend drängen sie zurück ins Licht der Öffentlichkeit. Den berühmten Männern wird die Rechnung für ihre einstige Halbherzigkeit präsentiert. Weil sich die Erwartungen nicht erfüllten, die sie flirtend weckten, werden sie an den Pranger gestellt. Gewiss nicht immer zu unrecht, aber öfter noch mit Argumenten, die an den Haaren herbeigezogen sind, lächerlich.

mehr:
- Und wann kommt Mozart, der alte Lustmolch, auf die Anklagebank? (Thomas Rietzschel, AchGut, 21.08.2019)
siehe auch:
Die Schönheit des Abgrunds (Post, 04.06.2018)
#Menot (reloaded) (Post, 03.03.2018)
MeToo und eine Chinesin bei der Deutschen Welle: Deutsche Männer sind arme Schweine (Post, 06.12.2017)
- hashtag #Metoo: Zwischen übler Nachrede und Befreiungsschlag – Die mediale Welt als Pranger (Post, 18.11.2017)

Freitag, 2. August 2019

Lou Andreas-Salomé: »Ich verliere nie die Gewissheit, dass hinter mir Arme geöffnet sind, um mich aufzunehmen.« – Materialsammlung

==========
Lou Andreas-Salomé (geborene Louise von Salomé; gelegentliches Pseudonym Henri Lou; in jungen Jahren auch Ljola von Salomé genannt) (* 12. Februar 1861 in St. Petersburg; † 5. Februar 1937 in Göttingen) war eine weitgereiste Schriftstellerin, Erzählerin, Essayistin und Psychoanalytikerin aus russisch-deutscher Familie. Die Art ihrer persönlichen Beziehungen zu prominenten Vertretern des deutschen Geisteslebens – in erster Linie zu Friedrich NietzscheRainer Maria Rilke und Sigmund Freud – war und ist bis heute Gegenstand unterschiedlicher Interpretationen.[Lou Andreas-Salomé, Wikipedia, abgerufen am 02.08.2019]
==========

Intelligenz, robuste Gesundheit, Charisma, erotische Ausstrahlung, Tatkraft, günstige Lebensumstände – all das gehorcht in seiner Verteilung keinen demokratischen Prinzipien. Andreas-Salomé hatte alles im Übermaß. Das gehätschelte späte Kind eines französisch-stämmigen, russischen Generals und Intimus des Zaren geht lange vor dem großen Umbruch in den Westen, trifft die großen Geister ihrer Zeit ( als 21jährige!), wandert in alpinen und geistigen Höhen mit Nietzsche. Später wird sie Rilke als ersten Mann an sich heran lassen, nachdem sie ihren Freunden Nietzsche und Rée einen Korb gegeben hat, ebenso wie dem Orientalisten und Sprachgenie Andreas, mit dem sie, zuletzt in Göttingen, eine gute, freundschaftlich-platonische Ehe führt. Die Schärfe ihres Verstandes und ihr Urteil in künstlerischen Fragen lassen neben Bewunderung großer Geister deren Kritik und Relativierung nicht zu kurz kommen. Rilke streicht sie sein René und macht einen Rainer aus ihm. Wo Rilke schwül, pathetisch und zu prätentiös ist, wo er ein schlechter Lyriker ist, sagt sie es ihm unverblümt. Aber natürlich begreift sie sein Talent und seine Größe. Die Machtverhältnisse sind klar. Sie hat bald genug von seiner Dauerekstase und entzieht sich ihm. Er muss schmachten und darf antichambrieren. Ab und zu lässt sie ihn vor. Später, als sie sich für Freunds Psychoanalyse interessiert, kündigt sie ihr Kommen an und nimmt ohne Umstände in der Mittwoch-Gesellschaft Platz. Selbstverständlich gilt ihr Wort mindestens so wie das der Anderen, auch wenn sie noch keine psychoanalytische Ausbildung gemacht hat. Wo sie anderer Meinung als Freud ist, verbessert sie ihn. Kein anderer hätte das gedurft.
mehr:
Lou Andreas-Salomé: Der bittersüße Funke Ich (Rezension Übermädchen, Amazon, 22.11.2018)
siehe auch:
Lou Andreas-Salomé – Die Frau mit der Peitsche (Katja Iken, SPON, 29.06.2016 – mit Bildstrecke)
Treulos, schön und sehr gescheit (Simone Meier, TagesAnzeiger, 02.07.2016)
LOU ANDREAS-SALOMÉ (ZEIT Campus Nr. 4/2016, 7. Juni 2016)
Hilfe, ich habe Friedrich Nietzsche geschrumpft (Barbara Möller, Welt, 13.02.2011)



LOU ANDREAS-SALOMÉ - WIE ICH DICH LIEBE RÄTSELLEBEN | Trailer & Filmclips [HD] {4:47}

vipmagazin
Am 06.06.2016 veröffentlicht 
http://youtube.com/vipmagazin | "Lou Andreas-Salomé - Wie ich dich liebe Rätselleben" (Trailer deutsch german) | Kinostart: 30.06.2016
---
Bitte ABONNIEREN/LIKEN nicht vergessen:
• http://www.youtube.com/vipmagazin

==========
Ein Empfehlungsschreiben verschaffte Lou von Salomé Zugang zum Bekanntenkreis der Schriftstellerin, Pazifistin und Frauenrechtlerin Malwida von Meysenbug, die einst wegen ihrer offenen Sympathien für die Revolutionäre von 1848 aus Berlin ausgewiesen worden war und inzwischen in Rom einen Zirkel von Künstlern und Intellektuellen in der Tradition der Berliner Salons etabliert hatte. In diesem Kreis verkehrten der Philosoph Paul Rée, ein Freund Friedrich Nietzsches, und auch Nietzsche selbst. Rée verliebte sich umgehend in Lou von Salomé, hielt um ihre Hand an und wurde abgewiesen; zwischen beiden entwickelte sich aber eine enge Freundschaft. Als Nietzsche im April 1882 Rom erreichte, war er durch enthusiastische Briefe von Rée auf die Begegnung mit von Salomé vorbereitet. Auch er war von der „jungen Russin“ entzückt und machte ihr einen Heiratsantrag, ausgerechnet durch Rée als Vermittler. Auch er wurde zurückgewiesen, war aber als Freund, Lehrer und Gesprächspartner hochwillkommen.
Denn sie hatte inzwischen, ohne ihn persönlich zu kennen, das Wunschbild einer intensiven Arbeitsgemeinschaft (der von ihr so genannten „Dreieinigkeit“) mit Nietzsche, Rée und sich selbst entworfen. Man würde in Wien oder Paris freundschaftlich zusammenleben, studieren, schreiben und diskutieren. Diese ihre Idealvorstellung, die zu dritt eifrig besprochen wurde, ließ sich nicht verwirklichen. Sie scheiterte letztlich an der Eifersucht der beiden Männer – sie wollten sich nicht auf die ihnen zugedachten Rollen festlegen lassen (andererseits hatte Nietzsche mehrfach die Befürchtung geäußert, dass jede wirklich enge, dauerhafte Bindung ihn an der Vollendung seines Lebenswerkes hindern könne). Die Freundschaft zwischen von Salomé und Paul Rée war relativ unkompliziert, dabei enger und vertrauter als die zu Nietzsche – man duzte sich, schickte sich Tagebuchblätter zu und beriet sich über den jeweiligen Stand der Dinge im Verhältnis zu Nietzsche, der von alledem nichts wusste.Dessen Situation wurde zunehmend unbefriedigender. Anfang Mai 1882 hatte er allein mit von Salomé einen langen Ausflug am Sacro Monte di Orta in Oberitalien gemacht – seither Anlass für Mutmaßungen darüber, wie nahe sich die beiden dabei gekommen waren. Mitte Mai folgte dann in Luzern ein neuer Heiratsantrag, der wieder abgewiesen wurde. Hier entstand das bekannte Foto, von Nietzsche selbst in allen Einzelheiten arrangiert, auf dem von Salomé ihn und Rée vor ihren Karren spannt. Wenig später begann Nietzsches Schwester Elisabeth, sich in die Angelegenheiten ihres Bruders einzumischen. Sie berichtete ihm von dem angeblich „leichtfertigen“ und „skandalösen“ Verhalten seiner Freundin während der Festspiele in Bayreuth und unterrichtete auch ihre Mutter über die aus ihrer Sicht moralisch bedenkliche Affäre. Nietzsche war empört über die Einmischung seiner Familie, litt aber auch unter den Details, die ihm zugetragen worden waren. Den Sommer 1882 verbrachten Nietzsche und von Salomé philosophierend in Tautenburg. Die Beziehung der beiden wurde von manchen Zeitgenossen kritisch gesehen, so etwa von dem in Tautenburg ansässigen Pfarrer Hermann Otto Stölten.[3]
Nietzsches Beziehung zu Lou von Salomé endete schließlich nach einer letzten Begegnung mit ihr und Rée im Herbst 1882 in Leipzig, von wo von Salomé abreiste, ohne sich von ihm zu verabschieden. Danach änderten sich Nietzsches Einstellung und Verhalten beiden gegenüber. In einem Briefentwurf vom Dezember 1882 äußerte er Verzweiflung und Selbstmitleid: „An jedem Morgen verzweifle ich, wie ich den Tag überdaure … Heute Abend werde ich so viel Opium nehmen, dass ich die Vernunft verliere: Wo ist noch ein M(ensch) den man verehren könnte! Aber ich kenne Euch alle durch und durch“.[4] In unbeherrschter Eifersucht machte er Rée und Lou schwere Vorwürfe und verstieg sich zu wilden Beschimpfungen und Beleidigungen auch gegenüber Dritten. Danach sah man sich nie wieder.
Später bedauerte Nietzsche in einem Brief an seine Schwester sein Verhalten – und zwar sowohl in Hinblick auf die verlorene Freundschaft als auch aus grundsätzlichen Erwägungen: „Nein, ich bin nicht gemacht zu Feindschaft und Hass: und seit diese Sache so weit fortgeschritten ist, dass eine Versöhnung mit jenen beiden nicht mehr möglich ist, weiß ich nicht mehr, wie leben; ich denke fortwährend dran. Es ist unverträglich mit meiner ganzen Philosophie und Denkweise …“[4] Im Januar 1883 schrieb er in Rapallo den ersten Teil des Zarathustra, überwand so seine akute Krise und hatte sich, wie er anmerkte, „einen schweren Stein von der Seele gewälzt“. Aus den Kapiteln, die sich auf das Wesen der Frauen beziehen, kann man Spuren seiner Erfahrungen mit von Salomé herauslesen, zugleich aber auch Abschluss und Bewältigung dieser Episode seines Lebens. Er blieb bis zu seinem Lebensende allein; nach seinem völligen geistigen Zusammenbruch im Januar 1889 wurde er von Mutter und Schwester gepflegt, bis er am 25. August 1900 starb. In ihrem Buch „Nietzsche in seinen Werken“ von 1894 versuchte von Salomé, auf der Grundlage ihrer genauen Textkenntnis und ihrer persönlichen Erfahrungen mit dem schwierigen Freund, den „Denker durch den Menschen zu erläutern“. Anna Freud sprach später davon, Lou Andreas-Salomé habe mit diesem Buch über Nietzsche die Psychoanalyse vorweggenommen.
Lou von Salomé und Paul Rée lebten drei Jahre lang freundschaftlich zusammen in Berlin und trennten sich 1885. Rée kam 1901 bei einer Bergwanderung ums Leben; ungeklärt blieb, ob durch einen Unfall oder durch Suizid.[Lou Andreas-Salomé, Paul Rée und Friedrich Nietzsche, Wikipedia, abgerufen am 02.08.2019]

Nietzsche / Doku {51:24}

Der Klassiker
Am 23.02.2015 veröffentlicht 
Info zur Doku:
Aufklärer, Visionär, Vordenker totalitärer Systeme - ist Nietzsche wirklich der, für den wir ihn halten? Was waren seine Ideen, und was wird dafür gehalten? Und welchen Einfluss hatte seine Schwester auf ihren Bruder? „Wahnsinn! Nietzsche!“ bringt einen Fälschungsskandal ans Licht, der in der deutschen Geistesgeschichte beispiellos ist.
Nach einem Zusammenbruch verbringt der bis dahin nahezu unbekannte Philosoph sein Dasein in vollkommener geistiger Umnachtung. Seltsam ist: Nietzsche wird nach seinem Zusammenbruch plötzlich über Nacht berühmt. Seine Bücher finden reißenden Absatz, Millionen erklären Gott endgültig für tot und Nietzsche zum Propheten ihrer schöpferischen Befreiung. Nicht nur das linke, auch das rechte Spektrum beruft sich auf Nietzsche. Der aufstrebende Adolf Hitler beruft sich auf den Philosophen als seinen ideologischen Vordenker.
Das prägt das Bild Nietzsches: Bis heute gilt er als der große Blut- und Bodenphilosoph, als Autor des Werks „Der Wille zur Macht“. Doch gerade hier gibt es Zweifel: Wann soll Nietzsche das Buch verfasst haben, das unmittelbar nach seinem Tod auf den Markt kam? Nach seinem Zusammenbruch? Vorher? Oder ist das einflussreiche Werk eine Fälschung? Und ist Nietzsches eigene Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche dafür verantwortlich?
„Wahnsinn! Nietzsche!“ ermittelt die Hintergründe und Folgen einer kriminellen Werkfälschung im Stil eines modernen Untersuchungsverfahrens. Die Geschichte führt aber auch in die Abgründe einer ungewöhnlich engen Geschwisterbeziehung und macht den Philosophen Friedrich Nietzsche als Menschen spürbar.

Lou Andreas Salomé se despide de Friedrich Nietzsche - Cavani {7:18}

Siglo XX
Am 23.02.2015 veröffentlicht 
Secuencia, para uso en clase dentro del proyecto académico "Centuria XX", de la película de Liliana Cavani: Más allá del bien y del mal". Libre acceso al proyecto desde la dirección http://angarmegia.com/Centuria/Entrad...

==========
Im August 1886 lernte Lou von Salomé in Berlin den Orientalisten Friedrich Carl Andreas kennen. Er war fünfzehn Jahre älter als sie, dunkelhaarig, temperamentvoll und bald fest entschlossen, sie zu heiraten. Seine entschiedene Absicht unterstrich er durch einen Selbstmordversuch vor ihren Augen. Nach längeren inneren Kämpfen willigte sie 1887 in die Eheschließung ein, stellte aber Bedingungen. Die Hauptsache: Sie werde sich niemals bereitfinden, die Ehe sexuell zu vollziehen. Aus welchen Gründen Andreas dies akzeptierte, ist nicht bekannt. Falls er hoffte – wie meist vermutet wird –, dass sie es damit nicht dauerhaft ernst meinen werde, sah er sich enttäuscht. In den ersten Ehejahren gab es immer wieder Eifersuchtsszenen wegen ihrer Beziehungen zu anderen Männern. Dennoch lehnte Andreas es mehrmals ab, sich scheiden zu lassen. In Berlin bewohnte das Paar nacheinander verschiedene Wohnungen, zeitweilig hatte Andreas berufliche Schwierigkeiten und nur sehr geringe Einnahmen, so dass die ebenfalls recht begrenzten Einkünfte, die seine Frau als Schriftstellerin erzielte, dringend gebraucht wurden.
Lou Andreas-Salomés Leben bestand aus einer konventionellen, bürgerlichen Hälfte mit Ehemann, hausfraulicher Pflichterfüllung und geistiger Arbeit – und einem anderen Bereich, in dem sie weder Pflichten noch engere Bindungen akzeptierte und mit gelegentlichen, inoffiziellen Liebhabern unterwegs war. Gleichzeitig warf sie ihrem Mann anfangs dessen Beziehung zu ihrer Haushälterin Marie vor. Doch kümmerte auch sie sich um das Kind aus dieser Verbindung, nachdem die Mutter früh gestorben war, und setzte es später als Haupterbin ein. Auf lange Sicht erwies sich die schwierige, widersprüchliche Ehe als unerwartet haltbar. Seit Friedrich Carl Andreas im Frühjahr 1903 auf den Lehrstuhl für Westasiatische Sprachen an der Universität Göttingen berufen worden war, lebte das Paar dort im eigenen Haus (von ihr „Loufried“ genannt, wie schon ein früherer Aufenthaltsort) – er mit der Haushälterin im Erdgeschoss, sie im Stockwerk darüber. Sie betreute, wenn sie in Göttingen war, den Garten am Haus, sie baute Gemüse an und hielt Hühner, führte aber im Wesentlichen weiterhin ein unabhängiges, reisefreudiges Leben. In ihren Tagebuchnotizen erscheint dieser Lebensabschnitt, insbesondere das Verhältnis zu ihrem Mann, wesentlich entspannter als die Zeit zuvor.
[Lou Andreas-Salomé, Die Ehe, Wikipedia, abgerufen am 02.08.2019]
==========

Rainer Maria Rilke hatte sich seit 1896 in München aufgehalten und war mit literarisch noch recht anspruchslosen Gedichten und Erzählungen einigermaßen erfolgreich. Als Lou Andreas-Salomé im Frühjahr 1897 von Berlin aus ihre Freundin Frieda von Bülow in München besuchte, wurde ihr Rilke bei Jakob Wassermann vorgestellt. Was sie zu jenem Zeitpunkt nicht wusste: Schon vorher hatte er ihr eine Reihe von anonymen Briefen mit beigefügten Gedichten zukommen lassen. Nun versicherte er ihr, wie überaus beeindruckt er von ihrem religionsphilosophischen Essay „Jesus der Jude“ gewesen sei, in dem sie „mit der gigantischen Wucht einer heiligen Überzeugung so meisterhaft klar ausgesprochen“ habe, was er selbst in einem Gedichtzyklus ausdrücken wollte; er lief „mit ein paar Rosen in der Stadt und dem Anfang des Englischen Gartens herum …, um Ihnen die Rosen zu schenken“,[6] las ihr aus seinen Arbeiten vor, widmete ihr ein eigenes Gedicht – wenig später hatte er mit seiner intensiven Werbung Erfolg.
Es folgten einige gemeinsame Sommermonate in der Marktgemeinde Wolfratshausen im Isartal nahe München. Sie bewohnten drei Kammern in einem Bauernhaus und nannten die Unterkunft „Loufried“. Als Lou Andreas-Salomé zurück nach Berlin ging, folgte Rilke ihr dorthin. Er war 21 Jahre alt. Andreas-Salomé, die er als mütterliche Geliebte überschwänglich verehrte, war 36. Auch sie war heftig verliebt, behielt aber, ihrem Wesen entsprechend, gleichzeitig die Kontrolle über sich und die Situation. Sie veranlasste ihn, an seinem sprachlichen Ausdruck zu arbeiten, den sie als übertrieben pathetisch empfand. Ihrem Vorschlag entsprechend änderte er seinen eigentlichen Vornamen René zu Rainer. Sie machte ihn mit dem Denken Nietzschesbekannt und lenkte sein Interesse auf ihre Heimat Russland; er lernte Russisch und begann, Turgenjew und Tolstoi im Original zu lesen. Dies alles geschah vorwiegend in der engen Berliner Wohnung des Ehepaares Andreas-Salomé. Rilke hatte sich ganz in der Nähe eingemietet, hielt sich aber meist bei Lou Andreas-Salomé auf, die in der Küche ihren Wohn- und Arbeitsraum hatte, während ihr Mann im Wohnzimmer arbeitete. Andreas-Salomé stellte bald fest, dass die innere Abhängigkeit des jungen, psychisch labilen Dichters ihr gegenüber ständig zunahm – eine unerwünschte Entwicklung. So drängte sie ihn im Frühjahr 1898 zu einer Italienreise, auf der sie ihn nicht begleitete.
In den Jahren 1899 und 1900 unternahmen sie dann gemeinsam zwei Reisen nach Russland, die erste, kürzere (25. April bis 18. Juni 1899) noch in Begleitung von Andreas. Die zweite Reise dauerte vom 7. Mai bis zum 24. August 1900 und gilt als Wendepunkt in der Beziehung zwischen Andreas-Salomé und Rilke (eine dritte Reise wurde für 1901 geplant, kam aber nicht zustande). Die Pfingstwoche verbrachten beide in Kiew. Die starken Eindrücke und Empfindungen dieser Zeit sollen ihren Niederschlag in seinem berühmten Stundenbuch gefunden haben (geschrieben von 1899 bis 1903). Sie gaben ihm aber auch Anlass zu Weinkrämpfen, zu „Angstverfassungen und körperlichen Anfällen“, wie Andreas-Salomé sich in ihrem Lebensrückblick erinnerte. Sie war erschrocken und besorgt, vermutete als Hintergrund eine ernsthafte psychische Erkrankung. Während eines Abstechers im August 1900 zum Urlaubsort ihrer Familie in Finnland beschloss sie, sich von Rilke zu trennen. Tatsächlich beendete sie die Liebesbeziehung dann erst mit einem Abschiedsbrief vom 26. Februar 1901. In der Zwischenzeit bekräftigte sie ihren Vorsatz in Tagebuchnotizen: „Was ich will vom kommenden Jahr, was ich brauche, ist fast nur Stille, – mehr Alleinsein, so wie es bis vor vier Jahren war. Das wird, muss wiederkommen“ – „Mich vor R. mit Lügen verleugnet“ – „Damit R. fortginge, ganz fort, wäre ich einer Brutalität fähig (Er muss fort!)“[6]
Die leidenschaftliche Beziehung ging über in eine enge Freundschaft, die bis zu Rilkes Tod im Jahre 1926 anhielt. 1937 erinnerte Sigmund Freud in seinem Nachruf auf Lou Andreas-Salomé daran, „dass sie dem großen, im Leben ziemlich hilflosen Dichter Rainer Maria Rilke zugleich Muse und sorgsame Mutter gewesen war“.
[Lou Andreas-Salomé, Rainer Maria Rilke, Wikipedia. abgerufen am 02.08.2019]
==========


Rainer Maria Rilke – Biographie eines Lyrikers der Moderne {1:16:12}

ZYX Music Hörbuch
Am 29.01.2019 veröffentlicht 
H 50000 Rainer Maria Rilke – Biographie eines Lyrikers der Moderne GELESEN VON SVEN GÖRTZ 9783959952521 Amazon: https://goo.gl/yH1S7T zyx.de: https://goo.gl/HiUoRx Rainer Maria Rilke (1875 –1926)
Wenn das eigene Leben Themen, Motive und Bilder für das schriftstellerische Werk vorgibt, dann kommt man an der Biographie von Rainer Maria Rilke, Lieblingslyriker der Deutschen, nicht vorbei: Die Kindheit in Mädchenkleidern, die jäh beendet wird durch den Besuch der Militärrealschule, seine – milde ausgedrückt - unkonventionellen Beziehungen zu Frauen wie Lou Andreas-Salomé, Paula Becker und seiner späteren Gattin Clara Westhoff, sämtlich Künstlerinnen, sein Aufenthalt in der Künstlerkolonie Worpswede, seine Beziehung zu Auguste Rodin, sein Ruf als „höflicher Schnorrer“, der bei reichen Gönnern gern gesehener Gast ist, die kräftezehrende Arbeit an den „Duineser Elegien“ sowie sein früher Tod im Sanatorium in der Schweiz: 28 Kapitel, davon 9 integrierte Werkbeispiele, zeigen, dass für ein solches Werk ein ganz besonderes Leben nötig war.
Gelesen von Sven Görtz, dem Autoren.
1. Intro
2. Geburt und Kindheit
3. Auf der Militärschule
4. Ende einer Liaison
5. „Ich bin so jung“ (vollständige Lesung)
6. In München mit Lou Andreas - Salomé
7. Russlandreisen
8. „Du Nachbar, Gott“ (vollständige Lesung)
9. Rilkes kommerziell erfolgreichstes Werk „Die Weise von Liebe und Tod des Cornetts Christoph Rilke“ 10. „Die Weise von Liebe und Tod des Cornetts Christoph Rilke“ (Auszug)
11. Trennung von Lou Andreas - Salomé
12. In Worpswede
13. Heirat mit Clara Westhoff
14. Das Gefühl der Heimatlosigkeit
15. „Herbsttag“ (vollständige Lesung)
16. Bei Rodin in Paris
17. „Der Panther im Jardin des Plantes“ (vollständige Lesung)
18. „Archaischer Torso Apolls“ (vollständige Lesung)
19. Rilkes einziger Roman “Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge”
20. „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ (Lesung des Romananfangs)
21. Schaffenskrise und Leben im Luxus
22. Die Inspiration auf Schloss Duino 1912
23. Großer künstlerischer Fixpunkt: die Duineser Elegien
24. Die Arbeit an den Duineser Elegien
25. „Die Sonnette an Orpheus“
26. Tod Rilkes am 29.12.1926
27. Die erste „Duineser Elegie“ (vollständige Lesung)
28. „Die Sonnette an Orpheus“: Das dritte Gedicht (vollständige Lesung)


zur Beziehung zu Rilke siehe auch:

- „Lou, liebe Lou“ – Über die Brieffolge von Rainer Maria Rilke an Lou Andreas-Salomé, die jetzt ins Deutsche Literaturarchiv Marbach gelangte. (Ulrich von Bülow, Kulturstiftung der Länder, undatiert)



Reisen.  […] Während ihrer zweiten, ausführlicheren Russlandreise, die vom 7.5. bis zum 26.8.1900 gedauert hat, waren sie in der Pfingstwoche in Kiew. Hier soll Rilke Eindrücke gesammelt, Erfahrungen gemacht und Empfindungen gehabt haben, die wesentlich zu seinem Stundenbuch beigetragen haben, das in der Weltliteratur zu der Spitzenklasse gehört. Aber er hat zugleich, vielleicht in einem tieferen Zusammenhang mit seiner Fähigkeit zu solchen Eindrücken, Erfahrungen und Empfindungen, auch Verhaltensweisen an den Tag gelegt, die den Anfang vom Ende der Liebesbeziehung gebildet haben. Er soll bei dem gewohnten Spaziergang durch einen schönen Akazienwald in Kiew nicht in der Lage gewesen sein, an einem bestimmten Baum vorbeizugehen und habe sich aus Angst davor zu Boden geworfen, habe Weinkrämpfe und "Angstverfassungen und körperliche Anfälle" dargeboten [Lebensrückblick, S. 145 und 277]. Lou war erschrocken und entsetzt. Eine innere Distanzierung von dieser bizarr anmutenden Person, die sie für krank hielt, kündigte sich in ihr allmählich an.
[Rainer Maria Rilke, Wann ist das Ende einer Liebe? Kazem Sadegh-Zadeh, lou-andreas-salome.de, undatiert]

Wann ist das Ende einer Liebe? Diese Frage erhält einige Antworten aus Lous Tagebuchnotizen ab Silvesterabend 1900. Jede(r) mag sie selbst interpretieren. Dem tragischen Verstehen wird sich jedoch niemand entziehen können. An dem genannten Silvesterabend notiert Lou in ihrem Tagebuch: "Was ich will vom kommenden Jahr, was ich brauche, ist fast nur Stille, - mehr Alleinsein, so wie es bis vor vier Jahren war. Das wird, muss wiederkommen" (RMR-Brw S. 49). Und am 10. Januar 1901: "Schlecht war ich auch gegen Rainer, aber das tut mir nie weh" (RMR-Brw S. 50). Zehn Tage später, am 20.1.1901, schreibt sie: "Damit R. fortginge, ganz fort, wäre ich einer Brutalität fähig. (Er muß fort!)". Und wir lesen einen Tag danach: "Mich vor R. mit Lügen verleugnet" (RMR-Brw, S. 51). [Hier steht die Abkürzung "RMR-Brw" für "Rainer Maria Rilke und Lou Andreas-Salomé]. → Eintrag Nr. 15 in Briefwechsel.]
[Rainer Maria Rilke, Wann ist das Ende einer Liebe? Kazem Sadegh-Zadeh, lou-andreas-salome.de, undatiert]

==========


Bei einem Aufenthalt in Schweden begann Lou Andreas-Salomé ein intensives Verhältnis mit einem 15 Jahre jüngeren Mann, dem Nervenarzt und Freudianer Poul Bjerre. Als er 1911 zum Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung nach Weimar fuhr, begleitete sie ihn und traf dort erstmals mit Sigmund Freud zusammen. Er wurde zur entscheidenden Bezugsperson ihrer letzten 25 Lebensjahre. Sie ahnte und hoffte, dass die neue Denkschule der Psychoanalyse – mit Freud als Vaterfigur – ihr Zugang verschaffen könnte zum Verständnis der eigenen seelischen Verfassung. Von Oktober 1912 bis April 1913 hielt sie sich in Wien auf, später folgten viele weitere Besuche. Sie hörte im Wintersemester 1912/1913 Freuds Vorlesung in der Psychiatrischen Klinik über „Einzelne Kapitel aus der Lehre von der Psychoanalyse“ und nahm an seinen „Mittwochssitzungen“ und „Samstags-Kollegs“ teil. Mit ausdrücklicher Zustimmung Freuds beteiligte sie sich aber auch an den Diskussionsabenden Alfred Adlers, der sich 1911 von der orthodoxen psychoanalytischen Schule Freuds distanziert und mit seinem Verein für Individualpsychologie eine eigene tiefenpsychologische Schule begründet hatte.
Sigmund Freud hielt sehr viel von seiner Schülerin. In einer engen, rein platonischen Beziehung wurde sie für ihn durch ihren Wissensdurst, ihre Neugier auf menschliche Verhaltensweisen und die intensive Suche nach deren Verständnis eine hochgeschätzte Diskussionspartnerin. Sogar ihre eigenwillige Ausdeutung psychoanalytischer Konzepte, denen sie eine vorwiegend poetische und literarische Form gab, akzeptierte er ohne Widerspruch. Er fand, sie sei die „Dichterin der Psychoanalyse“, während er selbst Prosa schreibe. In der „Schule bei Freud“ (so der Titel ihres postum veröffentlichten Tagebuches der Jahre 1912/1913) lernte Lou Andreas-Salomé, ihr eigenes Leben besser zu verstehen und zu beherrschen, darauf legte sie in Hinblick auf ihr fortgeschrittenes Alter besonderen Wert.
Freud riet ihr zum Beruf der Psychoanalytikerin. Sie schrieb Aufsätze für die psychoanalytische Zeitschrift „Imago“ und war schon 1913 Gastrednerin beim Psychoanalytischen Kongress in Berlin. 1915 eröffnete sie in ihrem Göttinger Wohnhaus die erste psychoanalytische Praxis der Stadt. 1921 begann ihre Freundschaft mit Anna, einer der drei Töchter Freuds, ein Jahr später wurde sie zusammen mit Anna Freud in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen. 1923 ging sie auf Bitten Sigmund Freuds für ein halbes Jahr als Lehranalytikerin nach Königsberg, fünf Ärzte absolvierten bei ihr eine Lehranalyse (die sie selbst nie durchlaufen hatte). Zum 75. Geburtstag ihres Freundes und Lehrers am 6. Mai 1931 schrieb sie den offenen Brief „Mein Dank an Freud“. Der Adressat antwortete ihr: „Es ist gewiss nicht oft vorgekommen, dass ich eine psa. [psychoanalytische] Arbeit bewundert habe, anstatt sie zu kritisieren. Das muss ich diesmal tun. Es ist das Schönste, was ich von Ihnen gelesen habe, ein unfreiwilliger Beweis Ihrer Überlegenheit über uns alle.“[7]
[Lou Andreas-Salomé, Sigmund Freud und die Psychoanalyse, Wikipedia, abgerufen am 02.08.2019]
==========

Nun ist ja die Psychoanalyse ihrem historischen Werdegang nach praktische Heilmethodik, und als ich ihr beitrat, war gerade erst die Ermöglichung klar geworden, aus den Zuständen des Kranken auf die Struktur des Gesunden zu schließen, indem hier, wie unter einer Lupe, entziffert werden konnte, was unserm Blick innerhalb des Normalen sonst fast unlesbar bleibt. Mit unendlicher Umsicht und Vorsicht der methodologischen Hantierung hatte analytische Grabearbeit von Schicht zu Schicht Ursprünglicheres zutage gefördert, und vom allerersten der grandiosen Freudschen Spatenwürfe an bewährte sich die Unwiderleglichkeit ihrer Funde. Aber je tiefer man grub, desto mehr ergab sich, daß nicht etwa nur im pathologischen, sondern auch gerade im gesunden Menschen der psychische Untergrund sich als eine förmliche Ausstellung dessen erwies, was uns »Gier«, »Roheit«, »Gemeinheit« usw. heißt, kurz alles Ärgsten, dessen man sich am heftigsten schämt; ja, daß selbst von Motiven der leitenden Vernunft kaum Besseres auszusagen sei, als was Mephisto von ihr behauptet. Denn führt allmähliche Kulturwerdung – durch Nöte und Vorteile der praktischen Erfahrungen – darüber hinaus, so doch nur infolge von Triebabschwächungen überhaupt, also von Einbuße an Fülle und Kraft, so daß ans Ende schließlich ein recht ausgemergeltes Menschentier zu stehen kommt, demgegenüber die Kreatur in ihrer unbeschnittenen Kulturlosigkeit nahezu als Großgrundbesitzer imponieren könnte. Der trübe Ausblick von solcher Sachlage her – vom Gesunden aus demnach kaum angenehmer als vom Kranken, der doch wenigstens von seiner Heilung träumen durfte – stieß wahrscheinlich noch mehr Leute von der Tiefenforschung ab: weckte er doch einen ähnlichen Pessimismus wie den des hoffnungsarmen Neurotikers, den sie zu korrigieren unternahm.
Wenn ich von mir persönlich was dazu bemerken soll, so muß ich zunächst feststellen, etwas wie Wichtiges ich gerade dieser schon frühen Geisteshaltung der Psychoanalyse verdanke: diesem Sich-nicht-stören-lassen von allgemeinen Erwägungen über unerfreuliche Endergebnisse, dieser unverkürzten Bezugnahme auf exakte Untersuchung des jeweiligen Einzelobjekts und Sonderfalles, welches auch immer deren Resultat sein möge. War es doch eben dies, dessen ich bedurfte. Meine Augen, noch ganz erfüllt von den vorangegangenen Eindrücken, die an einem primitivem Menschentum wiederzuerkennen glaubten, was tieferhin unser aller unverwischbare Kindlichkeit sei und – als heimlicher Reichtum hinter aller Reife – auch verbliebe, mußten sich zwingen, davon hinwegzusehen und statt dessen sich mit rationaler Kleinarbeit am gegenständlich Menschlichen abzugeben; sie mußten dies, um sich der Gefahr zu entziehen, in einen bloßen blinden, weil blickblendenden Schwarm zu geraten: in den der »angenehmen Psychologie«, aus der kein Zugang zur Wirklichkeit führt, sondern die uns nur in unserm eigenen Wunschgarten herumtummeln läßt.
Mir ist kein Zweifel, daß es – wenn auch von ganz verschiedenen Stellen aus – Analoges war, was uns Gegner schuf und Anhänger abfallen ließ: dies an sich ganz natürliche Bedürfnis, nicht so grundsätzlich in der Schwebe lassen zu müssen, was man am liebsten beantwortet sehen möchte, oder richtiger: dessen erfreuliche Beantwortung man eigentlich schon vorweg weiß. Das wird vermutlich auch dann noch so bleiben, nachdem die »anstößigsten« der psychoanalytischen Enthüllungen sich durch Gewöhnung den Menschen längst verharmlost haben werden. Es erscheint ja auch so gerechtfertigt, wenn man zwar »triebrein« zu denken versucht in Fragen bloßer logischer Denkanwendungen, jedoch in den sogenannten »Geisteswissenschaften« – unausweichlich gespalten in Beobachter und Gegenstand sich versucht fühlt, ins Denkergebnis ein wenig eigenen Senf hineinzutun, um es mundgerechter zu machen.
[Lou Andreas-Salomé, Lebensrückblick - Kapitel 9, Das Erlebnis Freud gutenberg.spiegel.de]


Quelle: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XXIII 1937 Heft 1 (archive.org) ,