Mittwoch, 10. Oktober 2018

Desinformation über Desinformationskampagnen

Wir leben wieder in einer Zeit, in der man, wenn man nicht parteiisch ist, kaum mehr einer Seite wirklich vertrauen kann, Medien eingeschlossen. Das ist erkennbar in der seit 2014 gepflogenen Kampagne des Westens, gegen eine angebliche übermächtige Desinformationskampagne Moskaus ankämpfen zu müssen. Dort wiederum versucht man ebenfalls, sich gegen angebliche politisch-mediale Desinformationskampagnen aus den Nato-Ländern zur Wehr zu setzen und ebenso wie der Westen mit Auslandsmedien eigene Botschaften und Interpretationen zu verbreiten.

Seltsam mag das schon deswegen erscheinen, weil im Westen von vielen Politikern und Medien spätestens seit Ende 2013 die Maidanbewegung kritiklos gefeiert und die Janukowitsch-Regierung ebenso undifferenziert verteufelt wurde. Dass die angeblich proeuropäische Bewegung durchsetzt von rechtsextremen und nationalistischen Kräften und von wirtschaftlichen Interessen von Oligarchen geprägt war, wurde nicht zur Kenntnis genommen, aber man half mit Berichten, Bildern und Besuchen nach, den auch gewaltsamen Widerstand zu propagieren, auch wenn man wusste, dass die Ukraine ein zerrissenes Land war (und ist).

Man muss sich nur einmal vorstellen, wie man reagieren würde, wenn ein bewaffneter Mob mit teilweise faschistoider Ideologie in einem europäischen Land eine Regierung stürzen würde, die gerade noch eingewilligt hat, eine Übergangsregierung zu bilden und Neuwahlen einzuleiten. Die europäischen Minister, die einen friedlichen Übergang ausgehandelt hatten, wurden düpiert, weil die Radikalen sich auf die Unterstützung der USA verlassen konnten, die auf einen Regime Change aus war.

In Hamburg hat man während der G7 sehen können, wie die Polizei vorging, als es zu Randale kam. In Kiew gingen die Aufständischen über längere Zeit mit großer Gewalt gegen Polizisten vor, zündeten sie an, hatten sich mit Schusswaffen bewaffnet und öffentliche Räume sowie Gebäude okkupiert. Hätte man irgendwo in Europa solche "befreite Zonen" akzeptiert oder wäre man auch dort, sie etwa die Occupy-Bewegung, mit Polizeigewalt dagegen vorgegangen. Als dann Menschen in der Ostukraine die gleichen Strategien realisierten, wurden sie nicht als Freiheitskämpfer verherrlicht, sondern als Terroristen bezeichnet und mit Krieg überzogen - mit Rückendeckung des Westens.

In letzter Zeit wurden neue Kampagnen wegen angeblicher Giftgasangriffe seitens der syrischen Regierung oder wegen des Anschlags mit Nowitschok auf den ehemaligen russischen Agenten Skripal von den westlichen Regierungen gestartet. Noch bevor irgendwelche Beweise über angeblich alternativlose Verdächtigungen hinaus präsentiert wurden, war der Schuldige ausgemacht und wurde Syrien bombardiert, während man russische Botschaftsangehörige des Landes verwies.

mehr:
- Desinformation über Desinformationskampagnen (Florian Rötzer, Telepolis, 10.10.2018, Beachte die Kommentare!)

Wie viel Facebook seinen Dienstleistern bezahlt, behalten der Internet-Konzern und seine Faktenchecker für sich. Dem Vernehmen nach geht dpa aber davon aus, dass drei Mitarbeiter in Vollzeit mit Faktenchecks beschäftigt sein werden. Die Agentur werde ihrem Sprecher zufolge „genauso unabhängig“ über Facebook schreiben wie bisher. Immerhin beschäftige dpa auch Medienredakteure, die – „unabhängig und kritisch“ – über Verlage und Rundfunkanstalten berichteten, die zugleich Kunden seien.
In Deutschland hatte das gemeinnützige Recherchebüro Correctiv vor bald zwei Jahren mit dem Faktencheck für Facebook begonnen. Die Bedingung von Correctiv war: freie Hand bei der Themenwahl. So läuft es jetzt auch zwischen Facebook und dpa, sagt Agentursprecher Petersen. „Wir haben sozusagen Zugriff auf eine, ich nenne das mal: Datenpool bei Facebook, in dem verdächtige Informationen landen. Das schauen wir uns an und können dann eben selbst entscheiden, welche Factchecks wir machen.“
Quelle: - Kampf gegen Desinformation: dpa arbeitet für Facebook – und will trotzdem kritisch berichten (Daniel Bouhs, Deutschlandfunk, 19.03.2019)
siehe auch:
Geheimdienste und Leitmedien: unbekannte Fakten plus eindeutige Schlussfolgerungen ergeben unvoreingenommenes, faktenfreies Geschwurbel (Post, 15.03.2019)
Untersuchungsbericht zu Facebook: Massive Rechtsverstöße (Tobias Armbrüster im Gespräch mit Mirjam Kid, Deutschlandfunk, 19.02.2019)
Hamburger Gericht entscheidet im Wikipedia-Gerangel: »Politbüro« gegen Dirk Pohlman u.a. (Post, 21.02.2019)
Faktenfreies Qualitäts-Geschwurbel im ARD-Faktenfinder (Post, 06.02.2019)
Die Briten völlig von der Rolle: Integrity Initiative taucht ab (Post, 24.01.2019)
Der Fall Skripal: Lügen ohne Ende (Post, 07.10.2018)
Die »zuverlässigen Quellen« des Mainstreams (Post, 12.05.2018)
Recherchenetzwerk Correctiv: Vom Bock zum Gärtner (Post, 18.01.2017)
- Die dunkle Seite der Wikipedia (Post, 18.07.2016)
Beispiel Kosovo-Krieg: Anteil der Medien an der Vorbereitung, Begleitung und Auswertung der NATO-Angriffe (Post, 03.03.2015)
Frieden muss gestiftet werden (Post, 24.11.2014)
Forschungsarbeit: Meinungsmanipulationsstrategien in Frieden und Krieg (Jens Wernicke, Institut für Medienverantwortung, Juli 2009?)
Medien: intellektuelle Korrumpierbarkeit in Konfliktzeiten (Post, 31.12.2002)


zwei Beispiele offiziell »verfärbter« Narrative
vorher noch ein Artikel der WELT:
- Hinz und Kunz schwafeln heutzutage vom „Narrativ“ (Matthias Heine, WELT, 13.11.2016)

1. Liana Fix (damals Russland-Expertin der DGAP [Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik]) in einem Interview mit dem Deutsch-Türkischen Journal;


Sahen Friedensmissionen der Vereinten Nationen (UN) und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) in der Ukraine wie in Georgien zu, wie die Konfliktparteien die Vereinbarungen umgingen und sich die Gewalt über Jahre aufschaukelte?
In der Ukraine gab es keinen inneren Konflikt. Er wurde erst jetzt während dieser aktuellen Krise geschürt. In Georgien war lange eine Mission der OSZE vor Ort, der Ausbruch des Krieges in 2008 kam trotz aller Spannungen überraschend.
[Das Assozierungsabkommen mit der EU war Auslöser des Konfliktes (Deutsch-Türkisches Journal, 04.07.2014, Hervorhebungen von mir]
mehr dazu: 
Die Ukraine und die russische Sprache, Versuch eines zeitlichen Überblicks (Post, 08.02.2019)
Liana Fix und die Giftgas-Inszenierung: Nach dem Putin-Bashing ist vor dem Putin-Bashing (Post, 15.03.2018)
Die Ukraine-Krise für den Durchschnitts-Bürger: Unsere offiziellen Russland-Versteher konnten sie angeblich nicht kommen sehen! (Post, 04.07.2014)
Ukraine 7 – Der Sprachen- bzw. der ethnische Konflikt als Teil des Ukraine-Konfliktes (Post, 03.05.2014)


Die bei uns – und in Russland – gängige Vorstellung, die Ukrainer seien im Grunde Teil eines größeren russischen Volkes oder hätten doch zumindest bis ins 20. Jahrhundert die gleiche Geschichte, ist falsch und muss grundsätzlich korrigiert werden. Zwar haben die drei ostslawischen Völker (Russen, Ukrainer und Belarussen) ihren gemeinsamen Ursprung in den Fürstentümern der Kiewer Rus, aber die Ukrainer gehörten vom 13. bis zum 17. Jahrhundert zu Polen-Litauen – jenem europäischen Großreich, das sich vom Schwarzen Meer bis zur Ostsee erstreckte. Sie hatten damit Anteil an vielen gesamteuropäischen Entwicklungen des Mittelalters und der frühen Neuzeit, wie der Stadt- und Rechtskultur oder des Barock. Erst seit der Mitte des 17. Jahrhunderts begann Schritt für Schritt die Einbeziehung der von Ukrainern bewohnten Territorien in den Moskauer russischen Staat. Ausgerechnet Josef Stalin, der den Ukrainern mit größtem Misstrauen gegenüberstand, vereinigte erstmals seit dem Mittelalter wieder alle von Ukrainern bewohnten Territorien in einem Staat: der Sowjetukraine. Aber die Spannweite ist außerordentlich: Galizien im Westen hatte vor 1939 niemals zu einem russischen Staat gehört, die heutige Problemregion Donbas im Osten der Ukraine war umgekehrt niemals Teil eines westlich geprägten Staats gewesen. Ist es verwunderlich, dass die Ukraine durch viele, oft historisch bedingte Spannungen, durch Konflikte und Risse charakterisiert ist? Russland und die Russen werden im Westen und im Osten ganz unterschiedlich wahrgenommen: Während sie in der westlichen Ukraine als Bedrohung, als das „ganz Andere“ gelten, sehen die Bewohner des Donbas in ihnen die nach Sprache und politischer Mentalität nächsten Verwandten.
Als die Ukraine 1991 nach dem Zerfall der Sowjetunion als unabhängiger Staat die Weltbühne betrat, wurde das vielfach in Russland, aber auch im Westen von ungläubigem Staunen begleitet: Würde dieser Staat sich auf Dauer konsolidieren können? Würde Russland den „Verlust“ der Ukraine hinnehmen? Waren die Fliehkräfte innerhalb des Landes nicht viel zu groß? Demgegenüber bleibt festzustellen: Die Ukraine ist in den zurückliegenden knapp 25 Jahren zusammengewachsen. Auch und gerade die jetzige Krise stärkt das Zusammengehörigkeitsbewusstsein, die Ukraine wird ukrainischer werden. Die nationale Identität und zugleich das zivilgesellschaftliche Selbstbewusstsein nehmen zu. Die Gesellschaft hat sich zweimal 2004 und 2014 gegen die Versuche, eine autoritäre Präsidialherrschaft zu errichten, erfolgreich zur Wehr gesetzt. Die Vision von der europäischen Ukraine, von einer zukünftigen Mitgliedschaft in der EU beflügelt insbesondere die jüngere Generation. Es gibt keine Alternative zur europäischen Vision, denn die Anlehnung an Russland bedeutet den Weg zurück in die Vergangenheit, umso mehr als Russland nicht integriert werden will und stattdessen integrieren will, d.h. sich selbst als die Mitte eines zukünftigen euroasiatischen Integrationsraumes sieht. Ist es nicht denkbar, dass angesichts der in manchen Ländern Westeuropas wachsenden Frustration mit der EU die Europabegeisterung der Ukrainer ein höchst willkommener Stimulus sein könnte? […]
Aber im Donbas lehnen 70% der Bevölkerung die neue Regierung in Kiew, die Sieger des Euro-Majdan, ab. Umfragen zeigen außerdem, dass zwei Drittel der Menschen dort positiv zu Putin stehen. Beinahe 40% der Bevölkerung sind ethnische Russen. Dennoch sieht auch hier die Mehrheit der Menschen den Donbas nicht als Teil Russlands; vor der jetzigen akuten Krise gab es keine nennenswerte irredentistische Bewegung im Donbas. Nur 20% bis 30% der Bevölkerung befürworten gegenwärtig bei Umfragen den Anschluss ihrer Gebiete an Russland.
[Gerhard Simon, Die Ukraine. Ein gespaltenes Land?Sicherheit und Frieden, Nomos, 3/2014 – PDF – Herorhebungen von mir]



2. ARD- und ZDF-Nachrichtensendungen zum G20-Gipfel in Brisbane im November 2014:


Der Tenor der Öffentlich-Rechtlichen in ihrer Berichterstattung über den russischen Präsidenten Wladimir Putin auf dem G20 Gipfel in Australien war eindeutig: “Putin isoliert”, “Putin einsam und verlassen”.
Als angeblicher Beweis wurde immer wieder eine Videosequenz gezeigt, in der Putin anscheinend alleine an einem 7er Tisch sitzt. Der ARD-Korrespondent in Brisbane, Philipp Abresch, textete dazu munter: “Beim Barbecue am Mittag, wie symbolisch, Putin, einsam und verlassen.”
Das Problem: Putin war nicht alleine, wie das Foto suggeriert. Mit Putin am Tisch saß die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff und im weiteren Verlauf noch fünf weitere Staatsoberhäupter. Aber in allen Beiträgen der ARD und des ZDF zum Thema wurden die Videos so geschnitten, dass Rousseff nicht zu sehen war, und Putin als „isoliert“ dargestellt werden konnte.
Die Propagandaschau hat sich die Mühe gemacht, die entsprechenden Videosegmente zusammen zu stellen:
http://vimeo.com/111979727
Im Fall der Tagesthemen-Sequenz wurde das Originalmaterial von REUTERS


ARD und ZDF-Propaganda: Der isolierte Putin from Doku Mentor on Vimeo.

wie von der Propagandaschau nachgewiesen, sogar in der zeitlichen Abfolge geändert. Der Schnitt erfolgt genau in dem Moment, in dem der Kellner zur Seite tritt und Rousseff sichtbar werden würde. Danach wird eine Szene eingefügt in der sich Putin an den Tisch setzt und den Stuhl heran zieht. Auch in der Tagesschau wurde die Sequenz so geschnitten, dass die brasilianische Präsidentin nicht zu sehen ist.
[Quelle: "Putin isoliert"– ARD und ZDF der Medienmanipulation überführt, RT deutsch, 18.11.2014]
mehr dazu: 
Tagesschau sachlich und objektiv: »Putin, einsam und verlassen« (Post, 19.11.2014) 
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aktualisiert am 14.05.2019

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