Mittwoch, 12. März 2008

Interessante Links

Bei meinen Recherchen stoße ich immer wieder auf interessante Seiten, die ich Euch nicht vorenthalten möchte. Wie auch über den Links links erwähnt: für deren Inhalt bin ich nicht verantwortlich.

Hackemesser
Umweltbrief
Perlentaucher
Politblog.net
NachDenkSeiten
Infokrieg.tv
United Mutations
Pfui.ch
(wird fortgesetzt)

hier gibt’s auch ein Linkverzeichnis:
nwo-fighter.info/toplist (sogar mit Bewertung; Danke für den Tip!)

Zehn Gebote für den klugen Umgang mit der EDV

Im Jura-Archiv der Universität Saarbrücken gibt’s manche interessante Sachen. Z.B. die hier:

Maximilian Herberger, Zehn Gebote für den klugen Umgang (vielleicht nicht nur) des Juristen mit der EDV, zwar schon aus dem Jahr 1993, aber immer noch aktuell:

"Jedes Zeichen war eine Zahl. Für eins machst du ein Zeichen, für zwei ein anderes, für drei wieder ein anderes, und so weiter." "Wozu?" "So konnten die Leute ohne Computer rechnen. Natürlich mußten sie wissen, was die verschiedenen Zeichen bedeuteten. Mr. Daugherty sagt, daß früher alle Kinder diese Zeichen lernen mußten. Sie wurden auf Papier gemalt, das nannte man 'schreiben'. Und das Entschlüsseln nannte man 'lesen'. Er sagt, früher hätten die Leute ganze Bücher in solchen Zeichen geschrieben, und es gäbe noch welche im Museum, und wenn ich wollte, könnte ich sie mir ansehen. Ich habe schon alle Zahlen bis neun gelernt."

(Isaac Asimov, Der Märchenerzähler, in: Schlaue Kisten machen Geschichten, hrsg. v. Ruth J. Kilchenmann, o.O. 1977, S. 217 -226, 223.)



Vorbemerkung

Die Juristen erheben mit der Bezeichnung "Jurisprudenz" den Anspruch, über eine praxisorientierte Klugheitslehre für den Umgang mit dem Recht zu verfügen. Soll der EDV-Einsatz der Juristen mit diesem Anspruch Schritt halten, sind Anstrengungen unumgänglich, auch für diesen Teil der juristischen Tätigkeit Klugheitsstandards zu entwickeln, die dem entsprechen, was die Juristen für den Umgang mit dem Recht postulieren. Der Akzent liegt dabei ebenso auf "Klugheitslehre" wie auf "praxisorientiert". Für das ausschließlich theoriegeleitete Bemühen auf dem Gebiet der Rechtsinformatik mag manches (wenn auch nicht alles) anders aussehen als hier empfohlen.


1. "If it ain't broken, don't fix it"
2. Übe Dich in der Software-Askese,
oder: Nicht jede neue Version verdient Aufmerksamkeit
3. Wappne Dich gegen den zufälligen Wandel (so gut es geht),
oder: Richte den Blick, auf das, was bleibt
4. Beachte den Primat des zu Erledigenden,
oder: Das Mittel ist nur Mittel zum Zweck
5. Wähle das richtige (im Sinne von: zweckadäquate) Mittel
6. "Small is beautiful",
oder: Vom eigenen Charme des Unaufwendigen
7. Tue nicht alles selbst
8. Versuche zu verstehen, was das Programm tut
9. Bewahre die Fähigkeit,
das tun zu können, was das Programm tut
10. Bleibe Herr der Dinge


1. "If it ain't broken, don't fix it"

Der unter amerikanischen Programmierern beliebte Satz, daß man etwas Nicht-Defektes nicht reparieren soll, gehört an den Anfang jeder EDV-Klugheitslehre. Immer wieder wird man erleben, daß angesichts einer nicht mit erkennbaren größeren Fehlern behafteten EDV-Lösung ein Spezialist (manchmal ein selbsternannter) auf den Plan treten wird, der mit großer Überzeugungskraft behauptet, man könne all dies wesentlich eleganter bewerkstelligen. So sehr das Streben nach höherer Eleganz ein Antriebsmoment für den Theorienfortschritt sein mag, so sehr sollte man sich in der Praxis im Regelfall diesem Ansinnen entgegenstellen. Denn häufig endet die Verschönerung eines angeblich allzu hausbackenen (aber immerhin nicht ersichtlich fehlerhaften) Programms bei einem wirklich fehlerhaften Programm (mindestens für einen nennenswerten Zeitraum). Rechnet man dann die Vorteile des Erreichten gegen den Aufwand bis dorthin, wird man sich schmerzlich daran erinnern, daß "If it ain't broken, don't fix it" wirklich eine Klugheitsmaxime ist.

2. Übe Dich in der Software-Askese,
oder: Nicht jede neue Version verdient Aufmerksamkeit

Die Entwicklungszyklen im Software-Bereich werden immer kürzer.
Eine neue Version jagt förmlich die andere. Wer über eine nennenswerte Anzahl von Programmen verfügt, kommt mit dem "Updaten" (so sagt man) nicht nach. Die Klugheit fragt danach, ob man sich dieser scheinbaren Zwangsläufigkeit aussetzen muß, und antwortet verneinend. Der (zugegebenermaßen einfache) Grund liegt darin, daß das Neue nicht per se als das Bessere oder Geeignetere angesehen werden kann, weswegen man ein Prüf-und Auswahlprinzip benötigt. Dieses könnte lauten: Wenn die Version des Programms, das Du einsetzt, alles von ihm Erwartete und für die Arbeit Nötige in ausreichend benutzerfreundlicher Weise leistet, besteht kein Anlaß, sich durch eine neue Version beunruhigen zu lassen. Umgekehrt: Nur wenn das verwendete Programm Mängel hat oder bezogen auf notwendige Arbeitsziele Defizite aufweist, besteht Anlaß, eine neue Programmversion daraufhin zu prüfen, ob sie diesbezüglich besser abschneidet.

(Um möglichen Mißverständnissen vorzubeugen: Es versteht sich von selbst, daß unnötige Umständlichkeiten im Bereich der Handhabung zu den Restriktionen gehören, deren Überwindung angezeigt ist, so daß hier der Software-Fortschritt zu prüfen bleibt. Aber auch da gilt: Das Neue ist nicht per se software-ergonomisch gelungener als das Alte.)

Software-Askese1 steht im übrigen mit der alten Tugend der Sparsamkeit in einem engen inneren Zusammenhang, was beweist, daß alte Moralphilosophie auch kategorial Neuem (wie der Software) gewachsen sein kann: Man kann sparsam mit den Ressourcen umgehen, weil nicht jede Aufforderung zu erhöhtem Verbrauch (um nicht zu sagen: zur Verschwendung) auf zweckbedingter Notwendigkeit beruht.

3. Wappne Dich gegen den zufälligen Wandel (so gut es geht),
oder: Richte den Blick, auf das, was bleibt

Spektakuläre Firmenübernahmen und überraschende Produktionseinstellungen machen immer wieder darauf aufmerksam, von welchen Zufälligkeiten der EDV-Anwender abhängt und unter welcher Bedrohung das für ein bestimmtes kommerzielles Programm eingesetzte Zeitbudget steht. Hat ein Programm den Konsolidierungsgrad erreicht, von dem eben die Rede war, so mag man sich damit beruhigen, daß weitere Entwicklungen ohnehin für die eigene Arbeit nichts entscheidend Besseres hätten erbringen können. Hat man sich aber aus wohlerwogenen Gründen, was auch oft vorkommt, für ein noch nicht ganz ausgereiftes Produkt entschieden, und dies im Vertrauen auf die Weiterentwicklung, so wird man von der Produkteinstellung oder dem Übergang des Produkts an eine Firma, die es kaum noch pflegt, schmerzlich betroffen.

Die Diagnose ist klar, die Therapie nicht einfach: Gibt es klugheitsorientiert überhaupt eine Möglichkeit, sich gegen derartige Wechselfälle des Lebens und der Wirtschaft zu wappnen? Es gibt sie, wenn auch nicht im Sinne eines Patentrezepts, sondern nur als heuristische Regel, die die Wahrscheinlichkeit, unangenehm überrascht zu werden, in nennenswerter Weise verringert.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, daß man sein Gespür für dauerhafte Strukturen schärft. Einer Firma zu vertrauen, mag sie noch so groß und noch so alt sein, ist risikoreicher, als sich auf übergreifende Kooperationszusammenhänge zu verlassen. Derartige Kooperationen mit einem allemal haltbareren verzweigteren Wurzelwerk trifft man beispielsweise im Bereich der "Public Domain"-Software an. Der Hinweis auf Donald Knuth's TEX mag genügen um zu veranschaulichen, was gemeint ist (vgl. für eine Kurzcharakteristik meinen Beitrag "Software für juristische PC-Räume" in: Eberle, Informationstechnik in der Juristenausbildung, München 1989, S. 83 -113, 92f.). Die weltweite "TEX-community" ist - wie die bisherige, gar nicht so kurze Geschichte zeigt - gegen Wechsel im Hard- und Software-Bereich recht resistent und produziert rund um TEX immer wieder angemessene und innovative Lösungen - meist übrigens dem Geist der "Public Domain" entsprechend altruistisch. Man ist vor diesem Hintergrund versucht, die Hilfsregel zu erwägen, daß das Uneigennützige mehr Aussicht auf Bestand hat als das Eigennützige.

4. Beachte den Primat des zu Erledigenden,
oder: Das Mittel ist nur Mittel zum Zweck

Wer kennt nicht die folgende Situation: Anläßlich der Erledigung einer Aufgabe mit Mitteln der EDV verhält sich das Gerät oder das Programm an einer Stelle nicht so, wie es sollte. Man kann diesen unerwarteten Zustand leicht umgehen und das Ziel auf diesem naheliegenden Umweg nur mäßig umständlicher erreichen. Trotz dieses naheliegenden "workaround" (ein in EDV-Kreisen bis hin zu AGB's nicht ohne Grund zunehmend beliebter werdender Ausdruck) liefert man sich ein gnadenloses Duell mit dem Rechner, bis er das Gewollte genau so wie gewollt tut. Ein wenig trägt dieser erbitterte Kampf Züge von "Er oder ich", als müsse man als Herr und Meister dem Instrument sogar in den Einzelheiten der Ausführung den eigenen Willen aufzwingen. Hin und wieder mag das zu Lernzwecken nützlich sein. Auf's Ganze gesehen ist es unvernünftig, weil das eigentlich zu Erledigende, dem schließlich der Primat zukommt, dabei aus dem Blick gerät.

5. Wähle das richtige (im Sinne von: zweckadäquate) Mittel

Die Faszination der EDV-Technologie verführt oft dazu, sich bei der Erreichung eines Ziels interessante technische Möglichkeiten zunutze zu machen, die den Scharfsinn herausfordern, aber im Vergleich mit anderen Mitteln ganz unzweckmäßig sind.

Ein (durchaus nicht fiktives) Beispiel mag diese Behauptung veranschaulichen: Ein Schriftsatz für einen Korrespondenzanwalt ist mittels Textverarbeitung erstellt worden. Mit Hilfe eines anspruchsvollen Fax-Programms wird dieser Schriftsatz nun direkt aus der Textverarbeitung an den Kollegen gefaxt. Dieser setzt OCR-Software ein, um das zugefaxte Bild (Fax übermittelt Bilddateien) wieder in den Text zurückzuverwandeln, der es einmal war, um dann mit der Textverarbeitung eine Überarbeitung vorzunehmen. Angesichts der Tatsache, daß man Texte von Rechner zu Rechner (übrigens sogar über das normale Telefonnetz) direkt als Text übertragen kann, ist das eine ganz unangemessene Verfahrensweise. Wer aber die Personen aus dem Beispiel einmal begeistert über den von ihnen betriebenen Aufwand hat sprechen hören, wird das Postulat der Auswahl des zweckadäquaten Mittels bei aller Selbstverständlichkeit der Einschärfung für Wert halten.

6. "Small is beautiful",
oder: Vom eigenen Charme des Unaufwendigen

Wenn eben für die Wahl des zweckadäquaten Mittels votiert wurde, so ist darin implizit auch die These enthalten, daß nicht mehr Aufwand getrieben werden darf, als es der Zweck erfordert. Trotzdem verdient dieses Corollarium im Sinne der Verdeutlichung eine zusätzliche Betrachtung.

Wieder soll ein Beispiel in die Problemlage einstimmen. Setzen wir den Fall, daß ein Jurist einen Text erstellen will, der außer einfachen Auszeichnungen wie Fett oder Kursiv keine weiteren Gestaltungsmerkmale enthält. Es ist heutzutage nicht mehr selten, daß er zu diesem Zweck einen Rechner mit 8 MB Hauptspeicher und graphischer Benutzeroberfläche anwirft und dann ein hochkarätiges Textverarbeitungsprogramm aufruft, das überdimensional viel mehr erlaubt, als vorliegend gefordert ist.

Ist es schädlich, so zu verfahren? Man sollte sich das hin und wieder bewußt fragen, da es nicht nur um die ästhetische Qualität der unaufwendigen einfachen Lösung geht, sondern zusätzlich um die Frage der Ressourcen-Verschwendung. Und wie so oft, erweist sich das Sparsame auch unter anderen Aspekten als das Nützliche: Nicht selten ist die "kleinere" Lösung auch unter sekundären Aspekten wie Geschwindigkeit, Stabilität, Bedienungsleichtigkeit etc. die bessere.

7. Tue nicht alles selbst

Arbeitsteilung ist nicht ohne Grund entstanden und hat als Spezialisierung meist ihren Nutzen. Immer leistungsfähigere Programme entfalten eine gegenläufige Tendenz und verführen dazu, alles selbst machen zu wollen. In einer Karikatur, die ich kürzlich sah, meint ein Manager in diesem Sinne: "Mein neues Programm erlaubt es mir, Texte so zu schreiben, wie dies früher meine Sekretärin getan hat, sie so zu gestalten, wie dies früher unsere Hausdruckerei getan hat, zu buchen, wie dies früher mein Buchhalter tat ... (usw.)". Jeder mag in dieses Schema selbst die Beschreibung dessen einsetzen, was er früher nicht selbst getan hat, nun aber mit Mitteln der EDV meint selbst tun zu müssen (und zu können). Sicher ist es gut, dazuzulernen und sich neue Tätigkeitsfelder zu erschließen. Nur muß man sich dabei darüber im Klaren sein, daß das Programm, das anscheinend (und manchmal sogar nur scheinbar) all dieses Neue erlaubt, nicht auch noch durch eine Art Osmose die für ein Anwendungsumfeld nötige Kunstfertigkeit und das dort geforderte handwerkliche Können mit vermittelt. Die Wahrheit dieser These ist etwa beim Desktop-Publishing allerorten zu beobachten: Die vielfältigen Möglichkeiten, das Aussehen eines Textes zu gestalten, werden oft exzessiv genutzt, ohne daß dieser Gestaltungsdrang durch das Wissen moderiert würde, das sich ein guter Setzer in langer Ausbildung und Übung erworben hat. Deshalb wäre es oft besser, ohne entsprechende Ausbildung die Textgestaltung den dafür Kundigen zu überlassen.

Wie viele Klugheitsregeln, so ist auch die eben behandelte in Gestalt des Sprichworts "Schuster, bleib bei Deinem Leisten" dem Volksmund wohl vertraut (was nicht gegen sie spricht).

8. Versuche zu verstehen, was das Programm tut

Je "mächtiger" (so sagt man heute gerne in EDV-Kreisen) Software wird, desto mehr ist die Fähigkeit des Anwenders gefährdet, zu verstehen, was das Programm im Einzelfall wie tut. Das Phänomen hat seine Vorläufer in einfacheren Zusammenhängen: Spätestens seit es Taschenrechner gibt, dürfte die Fähigkeit, bestimmte Berechnungen im Kopf oder auf Papier durchführen zu können, zu einer gefährdeten Kulturtechnik geworden sein. Und wem kann man beispielsweise heute noch zutrauen, daß er in der Lage wäre, eine Quadratwurzel ohne andere Hilfsmittel als Papier und Bleistift auszurechnen?

Doch das sind, wie gesagt, nur die Vorläufer des Problems, das heutzutage auf uns zukommt. Es gibt Juristen, die berechnen als notwendige Vorfrage für die juristische Behandlung des möglicherweise sittenwidrigen Kredits mit EDV-Instrumenten Zinssätze von Ratenkrediten, ohne zu wissen, was sich dabei im einzelnen abspielt. So ist man dem Instrument hilflos ausgeliefert - und das erweist die Redeweise von der "mächtigen" Software in einer hintergründigen zweiten Lesart in dem Sinne als zutreffend, daß wir uns den Zwangsläufigkeiten der Instrumentarien ausliefern, uns von ihrer "Macht" überwältigen lassen. Was aber, wenn die Programme Fehler machen und wir mangels Verständnisses gar nicht mehr ahnen, daß dem so sein könnte? Nebenbei bemerkt: Gerade bei dem Beispiel der Programme zur Berechnung von Ratenkrediten ist die Frage nicht nur rhetorischer Art.

9. Bewahre die Fähigkeit,
das tun zu können, was das Programm tut

Von der Kompetenz, im Prinzip angeben zu können, was ein Programm wie bewerkstelligt, ist die (weitergehende) Fähigkeit zu unterscheiden, auch selbst das tun zu können, was das Programm tut. Insofern ist dieses Postulat eine Verschärfung des vorhergehenden. Eine Geschichte (es ist eine Science-Fiction-Erzählung, deren Fundstelle ich nicht mehr verifizieren kann) mag veranschaulichen, worum es geht: In ferner Zukunft ist auf einem entlegenen Planeten ein riesiges Raumschiff mit Tausenden von Besatzungsmitgliedern zur Notlandung gezwungen gewesen, weil die EDV-Anlage für die Kursberechnung ausgefallen war. Es bricht große Verzweiflung aus, man sieht sich rettungslos verloren. Doch dann entwickelt jemand den Plan, durch geschickte Verteilung von Rechenaufgaben die Berechnung des Rückflugkurses so zu organisieren, daß alle an Bord wie Rechenwerke eines Großrechners kooperieren. So gelingt das bewußtseinsmäßig schon nicht mehr als reale Möglichkeit Präsente: Die Erledigung einer Aufgabe durch Menschen, die nur noch "dem Rechner" zugetraut wurde.

Die Möglichkeit des Erfolges "in fabula" beruht zum einen darauf, daß das vorhergehende Postulat realisiert war. Das Know-How für Kursberechnungen war an Bord des Raumschiffs vorhanden. Hinzukommen muß aber bei komplexeren Aufgaben eine Menge von handwerklichem und arbeitsorganisatorischem Wissen. Das prinzipielle "Gewußt wie" ist notwendige, nicht jedoch auch hinreichende Bedingung für das "Gewußt was". Eine milde Sicht der Dinge könnte geneigt sein, der darin liegenden Ausweitung des Pflichtenkatalogs auszuweichen und es bei der Forderung nach begleitendem prinzipiellen Verstehen bewenden zu lassen. Doch liefe auch das auf eine Abdankung als Herr des Geschehens hinaus, hieße es doch, daß die Wegnahme der EDV-Hilfsmittel die Unmöglichkeit eigenständiger Problemlösung nach sich zieht. An dieser Stelle ist ein Punkt erreicht, wo man sich fragen muß, ob wir nicht in größeren Organisationszusammenhängen sozial schon den Zustand erreicht haben, dem das eben besprochene Postulat entgegenwirken soll: Gibt es nicht bereits Bereiche, wo die Dinge so organisiert sind, daß bei Ausfall der EDV die geschuldete Arbeit gar nicht mehr erbracht werden könnte (und nicht nur langsamer oder mühevoller)? So wichtig es ist, dieser Frage nachzugehen, so wenig darf man sich durch diese globale Fragestellung davon ablenken lassen, daß man es am eigenen PC-Arbeitsplatz, im Bereich der eigenen "Organisationshoheit" nicht dahin kommen lassen sollte, weniger kompetent zu sein als der Rechner. Oder, wie Dreyfus und Dreyfus es ausdrücken:

"The chips are down, the choice is being made right now. And at all levels of society computer-type rationality is winning out. Experts are an endangered species. If we fail to put logic machines in their proper place, as aids to human beings with expert intuition, then we shall end up servants supplying data to our competent machines. Should calculative rationality triumph, no one will notice that something is missing, but now, while we still know what expert judgement is, let us use that expert judgement to preserve it" (Hubert L. Dreyfus/Stuart E. Dreyfus, Mind over machine: The power of Human Intuition and Expertise in the Era of the Computer, New York: The Free Press 1986, S. 206; vgl. dazu Marion Drücker, Informatik und Recht 1987, S. 165 - 168, 205 - 209).

10. Bleibe Herr der Dinge

Sucht man nach einer Meta-Regel, die das bisher Erörterte zusammenfaßt, so bietet sich das Souveränitätspostulat "Bleibe Herr der Dinge" an. Es bliebe ohne Entfaltung im Einzelnen zu pauschal, hat aber als Merkposten für im Detail Begründetes durchaus seine Bedeutung. Auch dazu eine (diesmal selbsterlebte) Geschichte.

In einem EDV-Geschäft in der Nähe von Münster, das es mittlerweile konkursbedingt schon lange nicht mehr gibt, erscheint ganz in Ledermontur ein Motorradfahrer und erkundigt sich nach einem Gerätetreiber, den es - wie man ihm sagt ñ nicht gibt. Darauf erwidert er gedankenschwer: "Ich könnte den Treiber ja schlimmstenfalls selber schreiben, wenn ich nur wüßte wie."

Ja, wenn wir eines Tages nicht mehr wissen wie - was wäre dann (vgl. das vorangestellte Zitat)?


*Diese Überlegungen wurden bei der Eröffnung des Deutschen EDV-Gerichtstages 1993 in Saarbrücken vorgetragen und sind hier nur geringfügig erweitert worden. Die Vortragsform ist beibehalten.

1 Erfreulicherweise hat gerade dieser Punkt bereits Resonanz in der Praxis gefunden; vgl. Dieter Schmidt, Grußwort zur Marburger Fachtagung "Die zweite Geburt der Rechtsinformatik", jur-pc 1993, S. 2344 - 2346, 2345.


Monsanto, mit Gift und Genen

Dokumentarfilm, Frankreich 2007, ARTE F, Synchronfassung, Erstausstrahlung
Regie: Marie-Monique Robin

Der Dokumentarfilm erkundet das Reich des US-amerikanischen Konzerns "Monsanto Chemical Works", dem weltweiten Marktführer für Biotechnologie. Dem Engagement auf diesem Gebiet verdankt "Monsanto" auch, dass es zum umstrittensten Unternehmen des modernen Industriezeitalters wurde, stellte es doch das im Vietnamkrieg zu trauriger Berühmtheit gelangte Herbizid "Agent Orange" her. Heute sind 90 Prozent der angebauten gentechnisch veränderten Organismen "Monsanto"-Patente. Diesen Umstand halten viele für bedenklich.

Das 1901 in St. Louis im US-Staat Missouri gegründete Unternehmen "Monsanto Chemical Works" war im 20. Jahrhundert weltweit eines der größten Chemieunternehmen, bevor es zum mächtigen Agrochemiekonzern wurde. In der Vergangenheit machte "Monsanto" mehrfach von sich reden. Das Unternehmen produzierte das im Vietnamkrieg zu trauriger Berühmtheit gelangte Herbizid Agent Orange, das heute als chemischer Kampfstoff klassifiziert ist. Zur Produktpalette gehört ferner der umstrittene Süßstoff Aspartam, das Wachstumshormon rBST zur Steigerung der Milchleistung von Rindern sowie die in der Industrie häufig verwendete Substanz PCB, die in Deutschland unter dem Namen Clophen bekannt ist und seit Beginn der 80er Jahre als hochgiftig eingestuft wird.

Heute ist "Monsanto" weltweiter Marktführer auf dem Gebiet der Biotechnologie. 90 Prozent der heute derzeit angebauten gentechnisch veränderten Organismen, unter anderem Soja, Raps, Mais und Baumwolle, sind "Monsanto"-Patente. Und über kurz oder lang scheint das Unternehmen die gesamte Nahrungsmittelkette zu kontrollieren. Überall auf der Welt gibt es mittlerweile transgene Organismen von "Monsanto". Aber noch nie hat ein agro-industrielles Patent so sehr die Gemüter erhitzt. Der Dokumentarfilm fragt nach den Gründen für die Aufregung und erklärt, worum es bei gentechnisch veränderten Organismen überhaupt geht. Am Ende steht die Frage, ob "Monsanto"-Produkte Fluch oder Segen für die Menschheit sind.




Der Dokumentarfilm stützt sich auf bisher unveröffentlichte Dokumente und auf Stellungnahmen von Wissenschaftlern, Vertretern von Bürgerinitiativen, Geschädigten, Rechtsanwälten, Politikern sowie Vertretern der staatlichen Food and Drug Administration (FDA).



Die mit dem angesehenen Journalistenpreis "Albert Londres" ausgezeichnete Regisseurin Marie-Monique Robin hat drei Jahre in Nord- und Südamerika sowie in Europa und Asien recherchiert. Sie hat mit Bauern in Indien, Mexiko und Paraguay gesprochen, um die Geschichte des heute vielleicht mächtigsten Samenherstellers der Welt zu rekonstruieren. Dabei zeichnete sich hinter dem von den Werbekampagnen bedienten Image des sauberen und umweltfreundlichen Konzerns eine gnadenlos nach Marktführerschaft strebende Unternehmenspolitik ab.
(Ankündigungstext bei Arte)



Interview mit der Regisseurin

Marie-Monique Robin ist Autorin und Regisseurin des Films Monsanto, mit Gift und Genen.

Marie-Monique Robin hat uns am 30. Januar 2008 empfangen. Die gebürtige Französin, die vier Jahre in Deutschland lebte, beantwortete uns einige Fragen auf Deutsch.






Das vollständige Interview als Text-Version:


Was hat Sie zu dieser umfangreichen Untersuchung veranlasst?
Ich habe drei Dokumentationen über die Artenvielfalt und ihren ärgsten Feind, die Patentierung von Lebewesen oder Teilen derselben, gemacht. Das hat mich früher schon einmal nach Indien und Amerika geführt. (…) Jedes Mal schwebte über allem der Name Monsanto wie ein böser Geist. Ich hatte von den Auswirkungen des Herbizids „Agent Orange“ gehört, das im Vietnamkrieg von der US-Armee eingesetzt wurde; ich wusste auch, dass Monsanto weltweit die Macht über das Saatgut übernehmen möchte und dass über GMO heftig gestritten wird. Ich hatte damals noch keine Meinung zum Thema genmani-pulierte Organismen, abgesehen davon, dass ich nicht dazu neige, mich kritiklos auf etwas einzulassen. Für mich als Tochter eines Landwirts bleibt eine Pflanze eine Pflanze, auch wenn sie gentechnisch verändert ist. Aber dieser US-Multikonzern hat mich neugierig gemacht, und ich habe angefangen, im Internet zu recherchieren, wie es in der Dokumentation auch gezeigt wird. Alle Informationen waren in Reichweite, in diesem Fall in siebenmillionenfacher Ausführung, ich brauchte sie nur geduldig zu sammeln und wie ein Puzzle zusammenzusetzen. Denn Monsanto ist eins der umstrittensten Unternehmen der Industriebranche. Meine Recherche ergab viele Überraschungen. Meine größte Entdeckung war, dass die weltweite massenhafte Verbreitung der GMO aufgrund von Manipulation, ja von Intrigen möglich war. Die GMO kamen auf den Markt, ohne dass sie irgendeinem ernstzunehmenden wissenschaftlichen Test unterzogen worden wären. Die Zulassung geschah aus rein politischen Gründen. Das hat der Sprecher der Food and Drug Administration (FDA), James Maryanski, vor laufender Kamera auch zugegeben.

Wie haben Sie angesichts dieser ungeheuren Masse an Informationen ausgewählt?
Das hat 3 Jahre gedauert. Ich musste zuerst die Quellen und dann den Wahrheitsgehalt der über tausend Seiten prüfen, insbesondere all der Dokumente, die im Anschluss an die verschiedenen Monsanto-Prozesse freigegeben und ins Internet gestellt wurden. Ich habe Nächte lang das Internet durchforstet. Dann musste ich geeignete Ansprechpartner finden und sie vor allem zum Reden bringen. Schließlich musste ich den komplexen Stoff leicht verständlich zusammenfassen. Am schwierigsten war es, eine allgemein-verständliche Darstellung zu finden. Ich wollte wirklich etwas für das breite Publikum schaffen, was aber nicht heißt, dass man beim Niveau Abstriche macht. Ich wollte auf einfache Weise auf eine schwierige Problematik aufmerksam machen. Anfangs hatte ich große Vorbehalte, selbst in der Dokumentation zu erscheinen. Aber meine Cutterin, Françoise Boulègue, hat mich dann überzeugt, dass meine Präsenz und mein Kommentar das beste Mittel sind, alle Puzzleteile zusammenzufügen. Im Übrigen weisen wir klar darauf hin – und das tun wir auch zu unserem Schutz -, dass jeder zu all unseren Informationen freien Zugang im Internet hat. Mein Anwalt William Bourdon und ich haben alle erdenklichen Vorkehrungen getroffen, aber ein Unternehmen, das dazu in der Lage ist, amerikanische und europäische Regulierungsinstanzen zu manipulieren, Journalisten und Forscher zu entlassen, missliebige Unter-suchungen abzubrechen, das kann durchaus über Waffen verfügen, die wir nicht bedacht haben.

Sie wollten Vertreter von Monsanto treffen, die haben sich aber geweigert.
Ja, aber sie haben es sich lange überlegt. Ich selbst wollte nicht den Weg nach Saint-Louis machen, um dann auf irgendeinen Angestellten aus der Presseabteilung zu treffen. Ich habe genau gesagt, wen ich treffen möchte, zum Beispiel den Erfinder des genveränderten Sojas. Da konnten sie sich natürlich denken, dass ich sehr präzise Fragen stellen würde. Schließlich haben sie sich fürs Schweigen entschieden. So lautet die Botschaft, die ich im Film vermittle. Monsanto hat mich wissen lassen, dass auch sie mich im Internet „gegoogelt“ haben. Das Internet bietet tolle Möglichkeiten, aber es fällt auch auf einen selbst zurück. Vor 15 Jahren noch hätte Monsanto nichts über mich gefunden. Heute ist es viel schwieriger sich versteckt zu halten.
Dennoch ist Monsanto im Film zu hören. Das ist sogar der zweite rote Faden, der sich durch die Dokumentation zieht. Mein Ausgangspunkt ist ganz einfach: Ich benutze die offizielle Website des Unternehmens, die Dokumente, die es selbst im Internet veröffentlicht hat, und die öffentlichen Stellungnahmen von Vertretern von Monsanto.

Kann man ihnen Glauben schenken?
Das wird von Fall zu Fall geprüft: Was Indien, Mexiko, Paraguay, die USA und Europa betrifft, greift kein einziges Argument. Schon von Anfang an hatte ich das Gefühl, ihnen nicht vertrauen zu können. Ich glaube, es ist mir auch gelungen zu zeigen, dass Monsanto in mehreren Fällen bewusst die Unwahrheit gesagt hat.

Die Aussagen von James Maryanski, von der FDA [Food and Drug Administration], haben entscheidend zur Glaubwürdigkeit ihrer Anschuldigungen beigetragen. Wie haben sie es geschafft, ihn zum Reden zu bringen?
Als er mir am Telefon sagte, dass er zu einem Interview mit mir bereit sei, bin ich vor Freude an die Decke gesprungen! Er hat sicher auch deshalb zugesagt, weil ich mich etwas dumm gestellt und ihn im Glauben gelassen habe, dass ich mich nicht sehr gut auskenne. Denn man muss an so einem komplexen Thema wirklich lange Zeit gearbeitet haben, um Widersprüche aufzeigen zu können. Ich habe ihn schließlich in die Enge getrieben, und er war gezwungen, die Wahrheit zu sagen. Zeitweise glaubte ich sogar, er würde abspringen.

Welches Fazit ziehen Sie aus dieser dreijährigen Arbeit?
Ich bin ziemlich schockiert darüber, welch ungeheuren Einfluss ein multinationales Unternehmen auf demokratische Staaten und darüber hinaus auf die ganze Welt ausüben kann. Das hätte ich nie gedacht. Während meiner Nachforschungen über Monsanto ist mir bewusst geworden, wie wenig wir einer solchen Macht entgegenzusetzen haben und welche schwerwiegenden Konsequenzen das hat. Die Forschungslabore beispielsweise sind heute stark abhängig von Unternehmen; das ist die unmittelbare Folge der fortschreitenden Privatisierung der Universitäten. Die Wissenschaftler können kaum noch unabhängig Stellung annehmen. Ich bin natürlich auch auf viele Leute gestoßen, die entschlossen gegen solch ein demokratiewidriges Verhalten ankämpfen. Leider gehören im Allgemeinen weder Politiker und schon gar nicht Vertreter der Medien dazu.
Ich liebe meinen Beruf und ich bemühe mich sehr darum meine Rolle als Journalistin zu erfüllen, indem ich weiterhin eine Gegenmacht zu bilden versuche. Aber wir alleine können das nicht tun. Investigativer Journalismus wird immer schwieriger, denn er kostet Geld und Zeit, und wegen der Konzentration im Presse- und Medienbereich gibt es immer weniger Senderaum.

Wie sollen die Zuschauer an ihren Film herangehen?
Ich hoffe, dass meine Dokumentation eine ernsthafte Debatte über die GMO anregt und dass sie in Frankreich dazu beiträgt, Anbau und Konsum solcher Produkte zu verbieten. Das Problem von genveränderter Saat und Nahrung ist, dass es kein Zurück mehr gibt. Die Verbraucher sollen verstehen, dass sie die Wahl haben: kaufen oder nicht kaufen. Das ist unsere wichtigste Waffe im Kampf gegen die Marktbeherrschung in Sachen GMO und genveränderte Nahrungsmittel. Nach Baumwolle, Soja, Raps und Mais wollte Monsanto eine resistente Weizenart auf den Markt bringen, doch die nordamerikanischen Getreideproduzenten haben sich dagegen gewehrt, denn 80% ihrer Produktion wird nach Europa und Japan exportiert, und die Produzenten fürchteten einen Boykott. Neben der Biotechnologie ist Monsanto auch ein Musterbeispiel für die gegenwärtige Entwicklung des Kapitalismus. Seit dem Ende des 2. Weltkriegs wurden mehr als hunderttausend Moleküle auf den Markt gebracht, die nie je wissenschaftlich getestet wurden. Dieses Wirtschaftsmodell sollte von Grund auf überdacht werden. Mein Ziel ist es, die Menschen dazu zu bringen, sich in das einzumischen, was sie selbst betrifft.


* Les pirates du vivant; Le blé: chronique d’une mort annoncée und Le soja de la faim, koproduziert und ausgestrahlt von ARTE.

(von der Arte-Seite)


Mit Gift und Genen

"Mit Gift und Genen" kontrolliert der US-Konzern Monsanto den Markt der Biotechnologie. Und mit Korruption, wie eine Arte-Doku zeigt. VON HELMUT HÖGE

Der US-Großkonzern Monsanto beschäftigt 8.000 Mitarbeiter in 50 Ländern, vermarktet 90 Prozent der gentechnisch veränderten Organismen auf der Welt. Eine Monopolstellung, die erhalten und ausgebaut werden soll - wenn es sein muss mit drastischen Mitteln. Dabei steht Monsanto die US-Regierung zur Seite. In ihren Richtlinien über genmanipulierte Pflanzen heißt es: "The USA is world leader in biotechnology - and will keep it that way."
Der beeindruckend direkte Film steigt ein mit einem Produkt, dass Monsanto 1974 auf den Markt brachte, dem Unkrautvernichtungsmittel "Roundup". Jahre später produzierte der Konzern dann die "Roundup-Ready-Sojabohne", die genetisch so verändert wurde, dass sie resistent gegen das Totalherbizid ist. Entgegen der Werbung von Monsanto gilt "Roundup" allerdings nicht als "biologisch abbaubar", sondern als hochgiftig und krebsfördernd. Um das Herbizid und die Genpflanzen auf dem Markt zu halten, unterdrückte Monsanto Gutachten, erpresste unabhängige Wissenschaftler, erwirkte ihre Entlassung (zum Beispiel aus der US-Food-and-Drug-Administration und aus Forschungsinstituten weltweit) und hievte umgekehrt Monsanto-Mitarbeiter in die Kontrollbehörden.
Schöner Wachsen mit »Roundup« (Foto: Arte)
Verantwortlich für "Mit Gift und Genen" zeichnet die französische Journalistin Marie-Monique Robin, die selbst lange aus Südamerika berichtete und sich mit ihren Enthüllungen über die Verbindungen französischer Geheimdienste zu südamerikanischen Todesschwadronen und über den Algerien-Krieg einen Namen gemacht hat. Der schwierigen Materie wegen hat die Regisseurin ihren Film didaktisch aufgebaut: Sie googelt nach den Monsanto-Produkten und ihren Kritikern und reist dann zu Verantwortlichen, Wissenschaftlern und Betroffenen.
Hierzulande ergaben Umfragen, dass eine große Mehrheit in der Bevölkerung gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel ist, aber der Meinung ist, nichts dagegen tun zu können. Nur eine kleine Minderheit versucht mit Aufklärung und "Feldbefreiungen", also durch Ausreißen von "Genmais"-Pflanzen, Monsanto zu stoppen. Sie riskieren Gefängnisstrafen - wie zum Beispiel der Imker Michael Grolm und der Schafzüchter José Bové -, haben aber Erfolg: Zumindest in Frankreich wurde der Genmais-Anbau gerade verboten.
Im Film folgt sodann das dioxinhaltige Unkrautvernichtungsmittel "2,4,5-T", das ein Hauptbestandteil von Agent Orange war. Die Amerikaner hatten 80 Millionen Liter davon über Vietnam versprüht, um den Dschungel, in dem der Vietkong hockte, zu entlauben und den Bauern die Reisfelder zu vernichten. Sie mussten daraufhin in die Städte abwandern, was US-Soziologen als "nachgeholte Urbanisierung" begrüßten. Noch 1985 hatte der US-Wissenschaftler Alwin Young auf einem Kongress in Bayreuth erklärt: "Der Dioxin-Einsatz hat niemandem geschadet!" Aber seitdem verklagen neben den Vietnamesen, die verkrüppelte Kinder zur Welt brachten, auch viele krank gewordene US-Vietnam-Veteranen Monsanto.
Um nicht zahlen zu müssen, ließ der Konzern die Untersuchungsberichte manipulieren. Auch den US-Sojaanbauern spielte der Konzern übel mit: Wie einer im Film es ausdrückte, "verbreitet Monsanto Angst und Schrecken unter den Farmern". Da es sich bei den Genpflanzen um patentiertes Saatgut - eine Art Kopierschutz - handelt, dürfen die Bauern nichts von der Ernte zurückbehalten, um es im nächsten Jahr auszusäen. Rüde werden sie von Monsanto deswegen mit Prozessen überzogen. Um ihre Felder zu kontrollieren, hat Monsanto sogar eigens eine "Gen-Polizei" geschaffen.
"Sie wollen alles Saatgut kontrollieren und machen alle Lebensmittel zu ihrem Eigentum", sagt ein Bauer im Film. Besonders drastisch geschieht dies beim Baumwollanbau in Indien. Hier hat Monsanto fast alle Saatgutfirmen aufgekauft. Die Anbauer können nur noch die viermal so teure, gentechnisch veränderte BT-Baumwollsaat von Monsanto beziehen. Die ist gegen einige Schädlinge resistent, dafür werden die Pflanzen jedoch von neuen, bisher unbekannten Krankheiten befallen.
Um sich das Saatgut überhaupt leisten zu können, müssen die Bauern Kredite aufnehmen. Fällt die Ernte schlecht aus, sind sie pleite. Jedes Jahr begehen hunderte von ihnen deswegen Selbstmord. Die dortigen Agrarwissenschaftler sprechen von einer "Katastrophe" - und auch die ist eine indirekte Folge der vermeintlich so segensreichen grünen Gentechnik.
Ankündigung bei taz.de vom 11.3.08

Der Film hat mich sehr beeindruckt: Monsanto: Das sind Verbrecher.

Einige Fakten aus dem Gedächtnis:

– Monsanto produzierte das aus dem Vietnamkrieg bekannte »Agent Orange«. Klagen von Vietnamkriegsveteranen auf Schadensersatz wurden durch absichtlich fehlinterpretierte Studien abgewiesen.

– Zwischen der FDA (Federal Drug Administration) und Monsanto gibt es eine rege Personalfluktuation, weswegen obengenannte Studien durch amerikanische Regierungsstellen trotz kritischer Hinweise durch Wissenschaftler nie überprüft wurden. (Siehe den Abschnitt »Welcome to the revolving door« bei alkalizeforhealth.net)

– In Indien hat sich Monsanto fast der gesamten Baumwollproduktion bemächtigt und ist dazu in der Lage – und tut dies auch – dafür zu sorgen, daß die Baumwollbauern nur noch genmanipuliertes Saatgut, welches überdies das Vierfache kostet, kaufen können. Über tausend Baumwollbauern, die nicht mehr aus der Schuldenfalle rauskommen, nehmen sich jedes Jahr das Leben.
– Die genmanipulierte Baumwolle ist keineswegs gegen alle Erreger geschützt, und es gibt Krankheitserreger, die nur genmanipulierte Baumwolle befallen.

– Es gibt inzwischen keinen natürlichen Mais auf der Erde, der nicht schon durch genmanipulierten Mais kontaminiert ist.

– Die in den genmanipulierten Pflanzen enthaltenen Herbizide und Insektizide reichen sich in den Tieren, die damit gefüttert werden, an.

– Europa ist nicht dazu in der Lage, (siehe Blair-House-Abkommen, »Im Zusammenhang mit dem GATT-Abkommen 1993 geschlossene Vereinbarung über den Ölsaaten-Anbau in der Europäischen Union (EU). Seit 1994/95 gibt es eine Ölsaaten-Garantiefläche, die in nationale Garantieflächen aufgeteilt ist. Etwa 17 % davon stehen Deutschland zu. Diese Fläche muss jährlich um etwa 10 % vermindert werden.« von ima-agrar.de), genügend eigene Futtermittel herzustellen, was zwangsläufig dazu führt, daß Futtermittel importiert werden muß. 40% des amerikanischen Mais ist inzwischen genmanipuliert.

– Die sogenannten Langzeitstudien, die vor der Importerlaubnis stehen, erstrecken sich über höchstens zwei Jahre, teilweise werden diese Studien nur an einer einzigen Tierart durchgeführt.

– Die Nachrichtenpolitik durch Monsanto ist naturgemäß sehr restriktiv. Greenpeace mußte sich das Recht auf Einsicht in die Studienunterlagen von Monsanto vor Gericht erstreiten.

Es gibt noch viel mehr Fakten, bei denen einem übel wird …

Nach der Sendung gab es noch eine Diskussion

Was einen dabei so hilflos macht, daß man ab irgendeinem Punkt nicht mehr durchblickt.
Wer sich die Arbeit machen will, hier ist ein Artikel über Grundzüge der Welthandelsordnung von Christoph W. Herrmann auf der Seite der Uni Saarbrücken.

Schutzzonen um Freilandversuchsflächen sind bloße Makulatur und dienen der Beruhigung der Bevölkerung. Die Samen können um den ganzen Erdball fliegen. Seit nunmehr 20 Jahren bin ich gegen genmanipulierte Nahrungsmittel (egal ob für Mensch oder Tier). Noch nie hat mir jemand verständlich machen können, weshalb man so einen Scheiß braucht. Wohlverstanden: Ich bin nicht gegen Gentechnik. In der Medizin ergeben sich hier möglicherweise hochinteressante Therapiemöglichkeiten. (z.B. stammen unser Insulin und viele Antibiotika von verarschten Bakterien. Und ich habe als Student noch mit Schweine- und Rinderinsulin gearbeitet. Das ist jetzt eine Wohltat!) Aber sowas zu essen? Brrrrr!!
Ich kann einfach nicht verstehen, wieso Technologien auf die Menschheit losgelassen werden, die in ihren Auswirkungen nicht gründlich überprüft werden, egal, ob es um Kernkraft, genmanipulierte Nahrungsmittel oder Nanotechnologie geht. Wir bekommen weisgemacht, es ginge um Fortschritt, aber es geht nur um Macht, Kontrolle und Profit! Wozu braucht irgendjemand Genmais? Wozu? Genmais ist ein Produkt zur Herstellung von Abhängigkeit. Fertig, aus! Die Rechnung werden die Herren, die uns das eingebrockt haben nicht bezahlen. Bezahlen werden wir und unsere Kinder…

von konfusius’ Goldgruben-Blog:

»Viel zu wenig bekannt ist Green Cotton. Die dänische Firma Novotex versucht umfassend, die Produktion der Baumwolle ökologisch zu verbessern, hilft Baumwollfarmern aus der Schuldenfalle, gibt ihnen traditionelles Saatgut, garantiert eine Abnahme der Ernte bei Verzicht auf Pestiziden, verarbeitet die geerntete Baumwolle in modernen, stressmindernden Fertigungsanlagen und dieses Philosophie setzt sich fort über die Färbemittel bis in die Verkaufswege. Darum bitte ich Dich, such dir Information, Entwickel Vertrauen, sag es weiter, sag es weiter, sag es weiter. Frag nach Green Cotton Produkten. Such vergleichbare Strategien, verbreite das Wissen darüber. Vertreiben wir Monsanto und Co von diesem Planeten.«

Bewertung von Green Cotton bei Label online


Meine bisherigen Gen-Mais-Posts:
Gen-Mais darf auf die Äcker (11.3.2008)
Gen-Mais macht Ratten krank (30.5.2007)
Gen-Mais: also doch … (22.3.2007)
Gentechnik durch die Hintertür (25.4.2006)


Regierung reagiert auf Atommüll-Skandal

Jahrelang haben Atomkraftgegner alle Hebel in Bewegung gesetzt, um auf die vom Atommüllager (ich schreibe das jetzt nicht mit drei »L« hintereinander) Asse bei Wolfenbüttel ausgehenden akuten Gefahren hinzuweisen. Das Lager, in dem 125.787 Fässer mit schwach- und mittelaktiven Abfällen lagern, droht wegen des eindringenden Wassers regelrecht „abzusaufen“. Eine kurzzeitige Kontamination der Biosphäre liegt im Bereich des Möglichen. Jetzt endlich hat auch die Bundesregierung förmlich auf den Gefahrenherd reagiert. Die Bundesministerien für Forschung sowie Umwelt und das niedersächsische Umweltministerium verständigten sich im November 2007 auf „Maßnahmen zur Minimierung von Risiken“ in dem ehemaligen Salzbergwerk. Ziel müsse es sein, die Bevölkerung zu schützen, hieß es am 21. November in einer gemeinsamen Erklärung der Ministerien. Die von Asse 2 ausgehenden möglichen Gefährdungen müssten „neu bewertet“ werden, heißt es.

Die Bundesregierung macht unverblümt deutlich, dass die bisherigen offiziellen Aussagen, man habe alles im Griff, nicht aufrecht zu halten sind. So heißt es: Wegen der noch offenen, großen Hohlräume werde es voraussichtlich weiter Bewegungen im Deckgebirge geben. Deshalb könne nicht ausgeschlossen werden, dass der Wasserzulauf von jetzt etwa 12.000 Litern pro Tag künftig erheblich zunehme. Vor diesem Hintergrund wurde die Betreibergesellschaft GSF aufgefordert, bis Mai 2008 eine Störfallanalyse zu erstellen. Dabei soll auch der Fall eines rasch steigenden Wasserpegels betrachtet werden. Ferner sieht die Vereinbarung vor, bis Mitte 2008 eine abschließende Bewertung von Optionen vorzunehmen. Dabei werde auch eine Rückholung des eingelagerten Atommülls in die Prüfung einbezogen. Die Bevölkerung solle an den Überlegungen beteiligt werden. Bislang wurde beim Thema Atommüll vorwiegend die Langzeitsicherheit diskutiert. Dass Atommüllager bereits kurzfristig undicht werden können, muss erst langsam ins Bewusstsein der Bevölkerung vordringen. Das Beispiel Asse zeigt, dass schon die Kurzzeit-Sicherheit in keiner Weise zu gewährleisten ist. Die Menschheit steht mit der Abschirmung der extrem gefährlichen Radioaktivität vor einer der größten Herausforderungen, die nach heutigem Kenntnisstand nicht zu lösen ist.
Original bei ngo-online.de, IPPNW
(mal vorbeisehen, ergiebig!)

aus IPPNW-Forum, Dezember 2007