Sonntag, 28. Oktober 2007

Wäscheleinen in den USA

Etwa 6% des Energieverbrauchs in den USA gehen auf Kosten von Wäschetrocknern. Auch auf der anderen Seite des Atlantiks gibt es Leute, die sich über Möglichkeiten des Energiesparens Gedanken machen. Auch Terminator Arnie scheint sich damit profilieren zu wollen. (Wollen wir wetten, daß er in spätestens zehn Jahren Präsident wird?) Aber es ist nicht so einfach, Nachbarn den Anblick der eigenen Unterwäsche zuzumuten, wie der "Weltspiegel" vom 7. Oktober zeigt:

Oregon – Schmutzige Wäsche

Dienstag, 23. Oktober 2007

Rudolf Steiner, Waldorfschulen und die Medienmeute

Zur Debatte über das Indizierungsverfahren zweier Bücher von Rudolf Steiner

Vorbemerkungen der Redaktion: Auf Nachfrage vieler verunsicherter Eltern wird ein Artikel eines Redaktionsmitglieds der zu den Rassismusvorwürfen gegen Rudolf Steiner und der Verknüpfung dies Vorwürfe mit der Waldorfpädagogik Stellung nimmt, auszugsweise veröffentlicht. Dabei gibt der Verfasser nicht in allen Teilen die Meinung der Redaktion wieder. Der Artikel umfasst in voller Länge mindestens zehn SchulZeit-Seiten, weshalb sich die Redaktion für eine Kürzung entschied. Der Text wird in voller Länge am Tresen des Schulbüros ausliegen.


1. Die Ausgangslage:
Anfang September machte eine Meldung durch die gesamte Medienprominenz die Runde, (gemäß dem Motto: Meinungsvielfalt ist, wenn einer berichtet und viele schreiben ab: die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften würde im Auftrag des Familienministeriums in den nächsten Tagen prüfen, ob zwei Vortragssammlungen aus dem Gesamtwerk Rudolf Steiners auf den jugendgefährdenden Index kommen werden; die Konsequenz wäre, dass diese Bücher aus allen Bibliotheken entfernt werden müßten. Da dieser dürre und bis dahin unbestätigte Verdacht noch nicht als Spitzenmeldung taugt, wurde von fast allen großen Medien (SPIEGEL, Focus, Netzeitung, TAZ, Stern, FAZ) der Vorwurf auf andere Zitate Steine erweitert und mit der Waldorfpädagogik, ihren Unterrichtsinhalten, der im Vergleich zu Staatsschulen angeblich gehäuft auftretenden Gewalt (vom Verantwortlichen der entsprechenden Studie, Christian Pfeiffer inzwischen widerlegt), sowie mit dem ehemaligen Waldorflehrer und aktuellen NPD-Spitzenkandidaten, Andreas Molau, in direkte Verbindung gebracht.

Es ist ja in der Theorie auch eine einfach und verlockend-schlüssige Kausalkette: man nehme als argumentative Basis einige Ausagen Rudolf Steiners, die man aus heutiger Sicht als rassistisch einstufen kann und stilisiere den Autor damit zum überzeugten Rassisten hoch. Da der Begründer der Anthroposophie demnach ein Rassist war, müssen auch die Anthroposophen (allenthalben „Steiner-Jünger“ genannt) Rassisten sein. Da die Waldorflehrer samt und sonders Anthroposophen sind, sind sie demzufolge auch Rassisten; da die Waldorflehrer Rassisten sind, ist die Waldorfschule rassistisch; und da die Waldorfschule rassistisch ist, ist der Unterricht dort zwangsläufig rassistisch.

(…)

2.4. Steiners Geschichtsbild und die Herausbildung der menschlichen Rassen
Für die Anthroposophie besteht die Weltenentwicklung nicht nur aus den physikalisch-biologischen, sondern auch aus den geistigen Prozessen. Demnach durchliefen Erde und Mensch Stufen einer immer greifbarer werdenden Materialisation, sie wurden stofflicher und fester. Träger dieser Entwicklung waren verschiedene Rassen, die, wie bei einem Staffellauf, den Stab der Evolution voran trugen, ihn übergaben, dann stehen blieben oder sich einseitig weiterentwickelten, während eine andere Rasse die nächste Etappe zurücklegte. Die letzte und am weitesten entwickelte dieser Rassen war laut Steiner die weiße oder arische Rasse.
Hieraus ließe sich nur dann ein Rassismusvorwurf konstruieren, wenn man nicht berücksichtigt, dass Rudolf Steiner damit die Entwicklung in der so genannten atlantischen Periode, die vor etwa 10.000 Jahre endete, beschrieben hätte, wobei er sich nicht auf die geistigen Fähigkeiten, sondern ausschließlich auf die Bildung des physischen Leibes bezieht. Aber genau auf diese Passagen stützt sich im Wesentlichen der von der Kulturwissenschaftlerin und Genderforscherin Jana Husmann-Kastein formulierte Verbotsantrag der beiden Werke Steiners.
Bis in die Neuzeit hinein, in der so genannten nachatlantischen Phase, spricht Steiner nicht mehr von Rassen, sondern von Kulturen (altpersische, ägyptisch-mesopotamische, griechische… Kultur), in der die Menschen verschiedene Seelenqualitäten ausbildeten.
In der Gegenwart verliert nach dem Verständnis Steiners und der Anthroposophie jegliche Zugehörigkeit zu Rasse, Volk, Nation oder Gruppe zunehmend an Bedeutung. Denn worauf es der Anthroposophie ankommt, ist die individuelle Ausbildung und Weiterentwicklung des geistigen Kerns in jedem einzelnen Menschen.

2.5. Anthroposophie und Steiner in der Gegenwart
Und an diesem Punkt sind wir bei der Essenz, bei dem eigentlichen Anliegen der Anthroposophie angekommen: dem Ich. Steiner propagiert als Kernthema seines Werkes die unbedingte Freiheit des menschlichen Geistes. Da jeder Mensch in all seinen Facetten absolut einmalig ist, verbietet sich jegliche Kategorisierung von selbst. Rassendenken und Anthroposophie sind ein Widerspruch in sich! Und entsprechend auf den individuellen Wesenskern im Menschen ausgerichtet ist nicht nur die Anthroposophie, sondern auch die Waldorfpädagogik.

3. Steiners Aussagen zu Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus
Steiner ein Rassist? Klare Antwort: Nein! Dies ergibt sich nicht nur aufgrund des Kerns der Steinerschen Lehre, sondern auch aus einer Vielzahl von Äußerungen Steiners, die wesentlich zahlreicher sind als die oben zitierten.
Einige Beispiele:
„Ein Mensch, der heute von dem Ideal der Rassen und Nationen und Stammeszugehörigkeiten spricht, der spricht von Niedergangsimpulsen der Menschheit. Und wenn er in diesen so genannten Idealen glaubt, fortschrittliche Ideale vor die Menschheit hinzustellen, so ist das die Unwahrheit. Denn durch nichts wird sich die Menschheit mehr in den Niedergang hineinbringen, als wenn sich die Rassen-, Volks- und Blutsideale fortpflanzen“(1917).
„Der Antisemitismus ist ein Hohn auf allen Glauben an die Ideen. Er spricht vor allem der Idee Hohn, dass die Menschheit höher steht als jede Form (Stamm, Rasse, Volk), in der sich die Menschheit auslebt.“(1901).
„Unsere (anthroposophische) Gesellschaft vereint in einer gemeinsamen geistigen Strömung die Angehörigen der verschiedensten Rassen, Völker, die heute feindlich gegeneinander sind (…). Wir suchen das, was zerstreut war in der Welt, wiederum zu sammeln, und die Angehörigen der verschiedenen Nationen umfassen sich wieder brüderlich, werden Brüder innerhalb unserer Reihen“ (13.9.1914!).
Diese Reihe ließe sich mit ähnlichen Zitaten beliebig fortsetzen.

4. Die anthroposophische Praxis
1918, unter dem Eindruck der Weltkriegskatastrophe, vollzog Steiner eine für einen spirituellen Lehrer radikale Wende ins Praktische. Erst jetzt entstehen in schneller Folge die anthroposophischen Einrichtungen, unter anderem die Waldorfpädagogik.
Innerhalb weniger Jahre war die Anthroposophie weltweit präsent. Da die Kritiker von deren antisemitischer und rassistischer Ausrichtung überzeugt sind, dürfte dies gar nicht sein, weshalb man sich sicherheitshalber nicht mit ihrer Internationalität und ihrem Kosmopolitismus auseinandersetzt.
Sonst müsste man ja erklären, weshalb
… ausgerechnet anthroposophische Einrichtungen in Südafrika während der Apartheid Angehörige beider Rassen unterrichtet und erzogen haben;
… es Waldorfschulen und -kindergärten in Israel gibt, in denen jüdische und palästinensische Kinder koedukativ erzogen werden;
… viele enge Mitarbeiter Steiners Juden waren; der bekannteste war Karl König, der Begründer der Camphill-Bewegung;
… die von Rudolf Steiner und Ita Wegmann entscheidend geförderte anthroposophische Heilpädagogik bereits in den 20er Jahren Therapie und Heilung von geistig und seelisch Behinderten, nach damaligem Verständnis „minderwertigen“ Menschen, betrieben haben – zu einer Zeit also, als Behinderte bestenfalls auf Verwahranstalten hoffen konnten.
Außerdem müssten die Kritiker erklären, weshalb die Nazis von der Unvereinbarkeit von Anthroposophie und Nationalsozialismus überzeugt waren, Zitat: „(…) dass eine Verbindung von anthroposophischen Gedankengängen und germanisch-völkischer Weltanschauung unmöglich ist und die Anthroposophie letzten Endes zur Zersetzung der nationalsozialistischen Weltanschauung führen muß“ (Bericht des Reichssicherheitshauptamtes, Berlin 1941)

Die Angriffe auf Steiner, die Anthroposophie und die Waldorfpädagogik sind ärgerlich, und sie sind in ihrer Form und Heftigkeit lächerlich.
Auch an Waldorfschulen werden Fehler gemacht wie an jeder anderen Institution auch. Wir Lehrer sind weder vor Übereifer oder Vereinfachungen, noch vor Fehlern im Umgang mit Kindern und Eltern gefeit. Das ist bedauerlich, aber menschlich, und es kommt an staatlichen Schulen genauso vor.
Diese individuellen Schwächen und Fehler der Waldorfpädagogik und der Anthroposophie und deren vermeintlich latenten Rassismus und Antisemitismus anzurechnen ist unfair und primitiv; hier wird Ignoranz zum Dogma!
Als ob es im Jahre 17 nach der Wiedervereinigung Deutschlands nicht längst viel zu viele real existierende Rassisten gäbe, gegen die dringend etwas unternommen werden müsste! Ist nicht ein Zusammenschluss aller demokratischen Köpfe und Herzen in Deutschland nötig, um dieser braunen Gefahr zu begegnen?

Ach ja, bevor ich es vergesse: die Bundesprüfstelle hat entschieden, die kritisierten Bücher von Rudolf Steiner NICHT auf den Index zu setzen.

Noch Fragen?

Thomas Beirle (L)



Extrem niedrige Fremdenfeindlichkeit an Waldorfschulen

Immer wieder werden dem Werk Rudolf Steiners rassistische Aussagen vorgeworfen und daraus eine fremdenfeindliche Tendenz an Waldorfschulen abgeleitet, wie im Frühjahr bei ZDF und 3SAT. Eine neue empirische Studie von Christian Pfeiffer vom Kriminologischen
Forschungsinstitut Niedersachsen zeigt, dass genau das Gegenteil zutrifft.

Sowohl bei Fremdenfeindlichkeit als auch bei Rechtsextremismus weisen Waldorfschüler nach der empirischen Studie von Kriminologie-Professor Christian Pfeiffer das allerniedrigste Niveau auf. Sind es bei Hauptschülern 24,7 Prozent beziehungsweise 9,5 Prozent, fallen die Anteile hei Gymnasiasten auf 8,3 Prozent beziehungsweise 1,9 Prozent, während nur 2,8 Prozent der Waldorfschüler als fremdenfeindlich und 1,2 Prozent als rechtsextrem einzustufen sind. Für diese Auswertungen wurden nur die Angaben der 9.001 deutschen Jugendlichen der 9. Jahrgangsstufe herangezogen.

Fremdenfeindlichkeit kommt damit drei mal häufiger an Hauptschulen als an Gymnasien vor, aber noch drei mal so häufig an Gymnasien wie an Waldorfschulen. Ein Wert, der in seiner deutlichen Niedrigkeit besonders ins Auge fällt, vor allem wenn man in Betracht zieht, dass in einigen anderen Kategorien (etwa Graffitisprayen, Ladendiebstahl und Schulschwänzen) Waldorfschüler ähnlich wie Hauptschüler in der Studie eingeordnet werden, weit über den Gymnasiasten.

Noch frappierender sind die Ergebnisse bezüglich der so genannten ,,Machogesinnungen“, die bei Waldorfschülern eine ultrageringe Zustimmung erfahren: Nur 0,3 Prozent der Neuntklässler stimmten Aussagen wie „Ein Mann, der nicht bereit ist, sich gegen Beleidigungen mit Gewalt zu wehren, ist ein Schwächling“ oder „Wenn eine Frau ihren Mann betrügt, darf der Mann sie schlagen“ zu. Bei Gymnasiasten waren es fast sieben mal mehr (2,0 Prozent). Bei Hauptschülern im Vergleich zu Gymnasiasten „nur“ über vier mal mehr (8,7 Prozent).

Waldorfschüler haben also gerade in den Bereichen, wo es am häufigsten zu erniedrigenden Stereotypisierungen kommt (nämlich gegenüber Frauen und gegenüber Fremden) viel modernere Einstellungen als ihre Mitschüler an Regelschulen. Das wiederum entspricht der Einstellung Steiners hierzu in seinen schriftlichen Werken, insbesondere seinem Hauptwerk „Die Philosophie der Freiheit“, wo er im Schlusskapitel „Individualität und Gattung“ über das menschliche Wesen schreibt:

„Wir suchen nun vergebens den Grund für eine Äußerung dieses Wesens in den Gesetzen der Gattung. Wir haben es mit einem Individuum zu tun, das nur durch sich selbst erklärt werden kann. Ist ein Mensch bis zu dieser Loslösung von dem Gattungsmäßigen durchdrungen, und wir
wollen alles, was an ihm ist, auch dann noch aus dem Charakter der Gattung erklären, so haben wir für das Individuelle kein Organ. Es ist unmöglich, einen Menschen ganz zu verstehen, wenn man seiner Beurteilung einen Gattungsbegriff zugrunde legt.“

Detlef Hardorp


http://www.waldorf.net/html/aktuell/pfeiffer_studie.htm


aus SchulZeit Nr. 68, Oktober 2007 (Schulzeitung der Freien Waldorfschule Hannover – Maschsee)

Noch ’n Kommentar bei info3


Sonntag, 21. Oktober 2007

Ein »Lebensborn«-Kind

Gisela Heidenreich will mit ihrem persönlichen Beitrag zur Zeitgeschichte gegen Rechtsextremismus und Menschenverachtung ankämpfen

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Von Ursula Frey

Als das junge Mädchen von der Volksschule ins Gymnasium wechselte, bekam sie von der Mutter eine schwarze Aktentasche. Sie war gebraucht, aber doch irgendwie edel. Für eine neue Mappe war kein Geld da, die Familie hatte kaum »die Butter aufs Brot«. Es waren die 1950er-Jahre und keiner fragte, warum die Mappe schwarz sei. Gisela machte sich nur Gedanken darüber, warum Buchstaben in die Tasche geritzt waren. Ein Männername:
»Horst Wagner«.

Heute weiß Gisela Heidenreich: Sie gehörte tatsächlich einem gewissen Horst Wagner, einem der Täter aus dem NS-Regime, der sich nach seiner Arbeit als hoher Beamter im Auswärtigen Amt seiner möglichen Bestrafung durch lange Flucht unter Deckadressen und falschen Namen über Italien bis zeitweilig sogar nach Südamerika entziehen konnte. Was immer in dieser schwarzen Tasche von ihm an Papieren transportiert worden sein mag, sei dahingestellt. Gisela Heidenreich fand jedenfalls heraus, dass Wagner die Lebensliebe ihrer Mutter war und ihr Stiefvater werden wollte. Dazu kam es aber nicht, denn das Paar trennte sich. Kennengelernt hatten sich die beiden Liebenden in Nürnberg im Justizgefängnis nach 1945, als die Verbrechen der Nazis von den Alliierten recherchiert und verhandelt wurden.

Gisela Heidenreich erfuhr nach dem Tod ihrer Mutter zufällig von dieser siebenjährigen Affäre durch einen dicken Stapel Liebesbriefe, den sie im Keller der ehemaligen Wohnung ihrer Mutter beim Ausräumen fand. Da hat sie auf dem hellen Teppich ihres Büros gesessen und wieder geweint – wie so oft im Leben. In diesem kleinen Zimmer mit den friedvollen, grünen Zweigen vor dem Fenster schreibt sie ihre Bücher. Ihr Mann hat sie in den Arm genommen, getröstet, bis sie wieder seelisch festen Boden unter sich spürte. Gisela Heidenreich musste in ihrem Leben viele Wahrheiten hinnehmen, Wahrheiten, die sie nach langer Ungewissheit fand. Nach endlosen Fragen, Recherchen in Archiven, gelesener Literatur vor allen von politisch analysierenden Zeitzeugen der NS-Zeit.

Sie ist belastet – durch ihre Geburt; denn sie ist ein »Lebensborn«-Kind. Das war und ist bisher eines der wichtigsten Themen ihres Lebens. Geradezu ungehalten wird sie, wenn sie darüber Legenden hört, sexuelle Fantasien etwa, dass es Edelbordelle gewesen seien, in denen SS-Offiziere mit ihnen zugeführten »arischen« Frauen blonde, großgewachsene, germanische Kinder mit blauen Augen zeugten. Vermeintliches Wissen, gefüttert durch reißerisch aufgemachte Zeitschriftenartikel. So etwas ist ihr schon als junges Mädchen entgegengehalten worden und hat sie tief verletzt und verunsichert. Aber die historische Wahrheit schmerzt nicht weniger.

Ihre leibliche Mutter, die sie liebevoll Mutti nennt, hat als Verwaltungskraft beim Lebensborn e. V gearbeitet. Der Nazi-Verein war tatsächlich eine SS-Organisation, die Heinrich Himmler gegründet hatte. Sie sollte der Aufrechterhaltung und Förderung der »arischen Rasse« dienen – weniger sensationell, als schon damals hinter vorgehaltener Hand überall geraunt wurde, wenn auch politisch nicht weniger kriminell.

Ihr leiblicherVater wiederum war SS -Standartenführer, erst Kommandant der SS-Junkerschule im bayerischen Bad Tölz, dann Stadtkommandant des französischen Metz. Die beiden hatten sich »im Dienst für die SS« kennengelernt. Geboren ist Gisela Heidenreich in Oslo, in einem der »Lebensborn«-Heime und Geburtsstationen für norwegische Frauen, die von deutschen Soldaten schwanger waren. Die werdenden Mütter bekamen dort genügend Milch und guten Käse, zu Kriegszeiten, wo im einer genug zu essen hatte.

Diese Kinder waren gefragt im sogenannten Dritten Reich – und später gehasst als »Deutschenkinder« in Norwegen. Giselas Mutter hatte sich 1943 dorthin versetzen lassen, möglichst weit weg von zu Hause, eigentlich geflüchtet, als der Bauch immer dicker und die Schande sichtbar wurde.

Es waren so viele Lügen und Halbwahrheiten, die die heute 64-jährige Gisela Heidenreich begleitet haben – ihre Mutter scheute sich, die Wahrheit zu sagen. Sie drehte und wendete die Fakten, hier eine Halbwahrheit, da ein belastendes Schweigen. Erst galt Gisela als das arme norwegische Waisenkind, von der Schwester der Mutter aufgenommen, musste ihre Tante »Mutti« nennen. Lange nachdem sie endlich wusste, wer ihre leibliche Mutter nun wirklich war, beschimpfte sie ganz brutal ein Onkel immer wieder: »Du SS-Bankert«. Ein Wunder, wie das Kind und noch mehr das junge Mädchen dies durchgestanden hat. Immer im Hintergrund die Botschaft an ihre Seele: »Mit dir stimmt etwas nicht, du bist bei uns nicht willkommen.«


Heute ist Gisela Heidenreich Familientherapeutin und hat zwei Bücher über ihre Familie geschrieben: eines über die Spurensuche ihrer verleugneten Herkunft und ihre Beziehung zu Mutter und Vater. Ein zweites über diese erschreckende zweite Liebe ihrer Mutter, die zu Horst Wagner. »Das endlose Jahr« und »Sieben Jahre Ewigkeit« heißen sie.

Eine richtige Familie, das war immer ihr sehnlichster Wunsch. Sie hat sie bekommen, mit Gert Heidenreich und ihren Söhnen. Gert Heidenreich, dem bekannten Schriftsteller und Journalisten, einem ausgewiesenen Kenner des Nationalsozialismus, der schon früh in Zeitungsartikeln und Rundfunkbeiträgen vor den Neonazis gewarnt hat, vor denen, deren rechtsextremistische Straf- und Gewalttaten laut Bundesinnenministerium seit geraumer Zeit zunehmen, Diese Entwicklung, siehe die jüngsten schrecklichen Vorkommnisse im sächsischen Mügeln, macht jetzt große Sorgen in Berlin.

Gisela Heidenreich und ihr Mann haben eine schon enorme seelische Leistung vollbracht. Achtung ist da geboten. Sie haben die frühere Mitarbeiterin von Lebensborn und den ehemaligen SS-Mann innerlich angenommen, als Eltern bzw. als Schwiegereltern, und sie als Großeltern ihrer Kinder anerkannt. Welche inneren Barrikaden mussten sie dazu überwinden, sie, die beiden, die sich der Mitmenschlichkeit, dem Respekt, der Würde des Menschen und vor allem der Demokratie verschrieben haben. Oder waren sie gerade deshalb zu dieser Güte, Liebe und Toleranz fähig, die dahinter zu suchen sind? Gisela Heidenreichs Mutter konnte viele Jahre mit der Familie ihrer Tochter verbringen. In der hartnäckigen Auseinandersetzung zwischen Mutter und Tochter bei den Recherchen zum Buch »Das endlose Jahr« haben beide ihren Frieden gefunden. »Tief innen«, wie sie betont. Die Mutter habe das Buch noch gelesen und sei das erste Mal so richtig stolz auf ihre Tochter gewesen. Wer mit Gisela Heidenreich spricht, spürt, wie wichtig ihr diese späte Anerkennung bis heute ist. »Es ist gut, dass du das aufgeschrieben hast«, sagte die Mutter noch mal in ihren letzten Stunden.

Nazi-Verein zur Förderung und Aufrechtethaltung der »arischen Rasse«: Lebensborn-Heim in Steinhoering 1938

Das Mädchen, das so wenig Mutterliebe als Kind erfahren hat, ist zu einer Frau gereift, die Gefühl ausstrahlt, die Wärme gibt, die anderen vertraut – und der man vertrauen kann. Lügen hasst sie, wer wollte ihr das verdenken? Sie strahlt Ehrlichkeit aus – bis hin zur Selbstverletzung. Doch es ist auch eine Aura um sie, die auf erlebte Gewalt hindeutet, die sie nicht zu verantworten hat: rechte Gewalt. Heute will diese Frau vor allem eines, mit ihrem Beitrag zur Zeitgeschichte gegen Rechtsextremismus und Menschenverachtung ankämpfen. Als ihre Mutter einmal erklärte: »Ich weiß nicht, warum dich der alte Schmarrn so aufregt«, war Gisela Heidenreich fassungslos: »Der alte Schmarrn hat Millionen Menschen das Leben gekostet.« Menschen, die in einem sinnlosen Krieg erschossen wurden, die verhungerten, verbrannten. Die wegen des Rassenwahns aufgehängt, totgeschlagen wurden oder in Gaskammern erstickten. Ermordet, weil sie anders waren, weil sie politisch anders dachten, weil sie Juden, Sozialdemokraten, Homosexuelle oder Kommunisten waren. Oder weil sie einfach nur eine seelische oder geistige Behinderung hatten.

Erst am Ende ihres Lebens hat ihre Mutter sich mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt; bis dahin war sie sich »keiner Schuld bewusst«. Ihr Vater hat seine politische Haltung lange verteidigt. Vor seinem Tod habe Gisela Heidenreich ihm noch einen umfassenden Brief über seine Rolle im NS-Regime geschrieben. Grundlegende politische Worte mussten jetzt vor dieser letzten Stunde zwischen Vater und Tochter ausgesprochen werden. »Er war vermutlich NPD-Wähler und ich damals SPD-Mitglied.« Auf dem Sterbebett hat er aber ihr zumindest gesagt: »Ich habe für meine Ideale gelebt und nicht bemerkt, dass sie missbraucht wurden. Mach du es besser als ich.«

Immer noch bewegt ist Gisela Heidenreich, als sie erzählt, wie schwer es war, vor ihrer Heirat ihrem Partner zu erzählen, dass ihr Vater SS-Mann gewesen sei – sie hatte Angst vor erneuter Ablehnung. Diesmal glücklicherweise grundlos. Das doppelte Stigma ihrer Herkunft hat sie lange genug belastet. Das des Lebensborn-Kindes und das ihrer Unehelichkeit – in der kleinbürgerlichen katholischen Familie, aus der sie stammt, mindestens ebenso groß. Wie grausam hatte sich ihre Mutter verhalten. Gisela musste manchmal auf der anderen Straßenseite gehen, nie durfte sie ihre Mutter vom Büro abholen – damals in den Nachkriegsjahren, als das bürgerliche Leben ohne jede Zäsur der Aufarbeitung scheinbar wieder »normal« war.

Plötzlich und völlig unerwartet erfuhr Gisela mit fast zwanzig Jahren dennoch elterliche Liebe von dem Mann, der sie gezeugt hatte, dem SS-Standartenführer. Seit sie seinen Namen und seinen SS-Dienstrang erfahren und entdeckt hatte, dass er am Leben war, hatte sie Angst, irgendwann einem Unmenschen zu begegnen. So einer wie die NS-Täter, die vor Bergen an zu Skeletten abgemagerten toten Menschenleibern standen. Den von ihnen ermordeten Sinti, Roma und Juden: ihren Hauptopfern in Auschwitz. So, wie sie deren politische Mörder in historischen Filmaufnahmen über die Befreiung des Vernichtungslagers als junges Mädchen voller Entsetzen gesehen hatte. Das hätte sie ihm alles entgegenschreien wollen – alle ihre Überzeugungen. Doch als sie ihm tatsächlich begegnete, stand sie vor einem Zivilisten, einem hochgewachsenen »freundlichen älteren Herrn, voller Humor«. Gleich nahm er seine Tochter in die Arme. Sie fand das, was sie sich immer sehnlichst gewünscht hatte: einen liebevollen Vater, und konnte und wollte nicht begreifen, dass auch er sich schuldig gemacht hat im Regime der Unmenschen.

Auch das will die politisch hellwache Gisela Heidenreich am Beispiel ihrer Eltern und des Geliebten ihrer Mutter stellvertretend für deren Generation zeigen: »Es waren eben keine Monster, es waren sehr wohl Menschen, ganz normale Mitbürger. Aber die menschenverachtende NS-Ideologie hat ihre Emotionen falsch gelenkt und einen Teil amputiert. So waren die Täter auf der einen Seite liebesfähig und andererseits unfähig, das Leid ihrer Opfer wahrzunehmen. Da gab es für sie kein Mitgefühl.«

Bei Lesungen wird Gisela Heidenreich manchmal vorgehalten, dass sie mit ihrer Mutter zu hart umginge, während der Vater als SS-Mann doch der wahre Täter gewesen sei. Jetzt hat sie Erleichterung gefunden, kann ihre für sie selbst überraschende Liebe zu ihm besser akzeptieren. Bei einer Lesung in München hat ihr, dem »Täterkind«, ein Zuhörer geholfen, ein Therapeut, der als »Opferkind« fast seine ganze Familie im Holocaust verloren hat. Er sagte ihr voller Humanität: »Natürlich haben Sie wie alle Menschen das Recht, Ihre Eltern zu lieben. Die Täter brauchen Sie nicht lieben.« Sie erzählt diese Geschichte mit Tränen in den Augen.

Die Rolle ihrer Mutter im Lebensborn ist ihr einigermaßen klar geworden, auch wenn viele Akten über den Lebensborn bei Kriegsende »gezielt vernichtet wurden«. Ihre Mutter ist »nur« als Zeugin in Nürnberg vernommen worden, war dafür dort lange in einer Einzelzelle inhaftiert gewesen. Sie selber erklärte noch im hohen Alter stoisch, auch am Schluss, als es darum ging, ihr Leben möglichst ehrlich vor sich zu bilanzieren: »Ich war doch nur eine kleine Sekretärin.« Gisela Heidenreich weiß, dass die Mutter doch eine »wichtigere Rolle in der SS-Organisation innehatte«. Sie sei zuständig gewesen für die Adoption norwegischer Lebensborn-Kinder. Fragen über Fragen aber bleiben in der Beziehung zu Horst Wagner, doch Gisela Heidenreich forscht weiter, will wissen, warum ihre Mutter auch nach dem Krieg einen Nazitäter lieben und schützen konnte. Nicht alles lässt sich mehr klären. Weil die Täter schwiegen. Auch Gisela Heidenreich, das biologische, aber nicht politische Kind des Systems, ist ein weiteres Opfer der unmenschlichen Nazi-Ideologie.

Einer der Söhne ist erfolgreicher Schauspieler geworden. Eine Rolle aber lehnt er immer rigoros ab, er, der Nazitäter vertrauensvoll Oma und Opa nannte – eine Rolle, die er, groß, blond und blauäugig, oft angeboten bekommt: die eines SS-Offiziers in Uniform. Die schwarze Uniform, die bei überlebenden Opfern und oft bei ihren Kindern weltweit immer noch Angst und Schrecken auslöst. Ja, die für Menschen vieler Nationen zum schwarzen Ursymbol des politisch Bösen und des daraus rührenden verbrecherischen, gewaltsamen Todes geworden ist.


Gisela Heidenreich: Das endlose Jahr. Die langsame Entdeckung der eigenen Biographie – ein Lebensborn-Schicksal, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2004, 320 Seiten, 8,90 EUR; Gisela Heidenreich: Sieben Jahre Ewigkeit. Eine deutsche Liebe, Droemer Verlag, München 2007,431 Seiten, 19,90 EUR

aus Publik-Forum 17/2007

Freitag, 19. Oktober 2007

Eva Herman: Hat sie oder hat sie nicht?

Eigentlich wollte ich hier was über Eva Hermans Auftritt bei Johannes B. Kerner schreiben. Aber aus meinem spontanen Gefühl einer öffentlichen Hinrichtung wurde Ratlosigkeit, einmal darüber, was Frau Herman will und wie sie sich ausdrückt. Noch mehr aber darüber, wie schnell in unserem Land Aufgeregtheit hergestellt wird und was das für Konsequenzen hat. Inzwischen weiß ich nicht mehr, was sie meint, und da ich nicht mehr sicher bin, wer hier wen richtig oder falsch zitiert, überlasse ich die Herstellungsversuche von adäquaten Kommentaren Leuten, die mehr Zeit haben.


Zuerst das auf Eva Hermans Seite als PDF-Datei herunterladbare Originalzitat [Das umstrittene Zitat und das, was ich wirklich sagte, Eva Herman, September 2007], das Anlaß für die Einladung in Kerners Talkshow war:

“Wir müssen den Familien Entlastung und nicht Belastung zumuten und müssen auch ‘ne Gerechtigkeit schaffen zwischen kinderlosen und kinderreichen Familien. Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68er wurde damals praktisch alles das – alles, was wir an Werten hatten – es war ‘ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle - aber es ist damals eben auch das, was gut war - und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt - das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehen bleiben ...“

Eva Herman, bei der Vorstellung ihres Buches »Das Prinzip Arche Noah« in Berlin am 6. September 2007

Zum Artikel von Barbara Möller im Hamburger Abendblatt vom 7.9.2007 (Man achte auf den letzten Absatz!)
=================Stellungnahme von Eva Herman auf ihrer Homepage über das Entstehen des Rauschens im Deutschen Blätterwald (man achte auf die Absätze 5 und 6). Zur »Analyse der Fälschung« auf ihrer Seite. (Wichtig!)
is hierher kann ich noch folgen: Frau Herman scheint es tatsächlich nicht gesagt zu haben, auch wenn man es aufgrund des Sprachduktus im ersten Moment annehmen könnte. Aber: In dubio pro reo. (Im Zweifel für den Angeklagten.)

Am 9. September meldet »Medienhure – Das Medienmagazin«„Frau Hermans schriftstellerische Tätigkeit ist aus unserer Sicht nicht länger vereinbar mit ihrer Rolle als Fernsehmoderatorin und Talk-Gastgeberin“, so begründete NDR-Programmdirektor Volker Herres die sofortige Entlassung der früheren Tagesschau-Moderatorin Eva Herman.
… und weiter unten im gleichen Text:
Die Buchautorin und Fernsehmoderatorin Eva Herman bestätigte ihre Äußerungen: „Was ich zum Ausdruck bringen wollte, war, dass Werte, die ja auch vor dem Dritten Reich existiert haben, wie Familie, Kinder und das Mutterdasein, die auch im Dritten Reich gefördert wurden, anschließend durch die 68er abgeschafft wurden.“

Auch Focus meldet am 9. September: »Mit einem Anruf bei Herman versicherte sich der NDR der Echtheit der zitierten Aussagen.«

Auch die Süddeutsche meldet am 9.9.07, der NDR habe mitgeteilt, Eva Herman habe ihre Äußerungen bestätigt.

Ab hier kann ich nicht mehr folgen. Hat sie es nun bestätigt oder hat sie nicht? Einen Vergleich mit der NS-Familienpolitik habe ich jedenfalls nicht gefunden. (Ich werde deswegen aber nicht noch ein Buch von ihr lesen.)

Eine Stellungnahme des NDR habe ich nicht gefunden, auch keine Stellungnahme von Eva Herman zur Begründung ihrer Entlassung aufgrund ihrer angeblichen Bestätigung.

Am 9.10. wurde gemeldet, Eva Herman habe gegen ihre Entlassung geklagt.

Zu Stellungnahme einer Seite, die sich angeblich der freien Meinungsäußerung verschrieben hat (Opponent)

Im Opponent-Blog gibt’s You-Tube-Ausschnitte

Zur Einschätzung der Welt nach der Talkschow

Während der 50minütigen Auseinandersetzung mit Eva Herman (hier die Video-Adresse) waren die Standpunkte der beiden Kontrahenten:
Kerner: Nimmst Du jetzt den Vergleich mit der NS-Familienpolitik zurück?
Herman: Ich habe nichts zurückzunehmen, weil ich keinen Vergleich angestellt habe.

Die Frage ist also: Hat Kerner Herman zurecht rausgeworfen, weil sie den Vergleich nicht zurückgenommen hat oder ist sie vorgeführt und öffentlich hingerichtet worden, weil man ihr etwas in den Mund gelegt hat, was sie gar nicht gesagt hat?

Die Seite Matziberlin sympathisiert mit dem Opfer. Ein Link etwa in der Mitte der Seite führt zu »Sendungsbewusstsein« mit dem fachlich kompetenten Übersichtsaufsatz »Eva Herman bei Kerner als Thema der Blogoszene«. Gut recherchiert gibt der Aufsatz einen Überblick über die Kommentare nach der Sendung. Ein Link etwa in der Mitte der Seite führt zu dem Artikel »Die neue Antifa« bei Telepolis. (Zur Begriffsklärung »Antifa« bei Wikipedia)

Vom Aufsatz bei »Sendungsbewusstsein« führt bei Punkt 4 ein Link zu »f!xmbr«, wo der Artikel »Adolf, Eva und die Autobahnen« den Verlauf der Sendung kommentiert schildert. Eine Zusammenfassung des Vorfalls gibt’s auch beim ZDF (und noch ein Link zu einer ZDF-Darstellung). Weitere Links erspare ich mir, wer interessiert ist, suche Punkt 4 des oben erwähnten Übersichtsaufsatzes.
Hier ist noch ein ganz interessanter Link zu einem offenen Brief von Felix Hau, Journalist und Redakteur, an Johannes B. Kerner bei "Berzengeschnetz"
Da der Link nicht mehr funktioniert: Der Text ist in einem Thread zu finden:
- Interessanter Brief zum Thema "Herman" (Danny M3, Forum Panzer-Archiv, 16.10.2007, 15:49h, Beitrags-Nr.: 131589)

=================

Was ist also passiert? Frau Herman hat die Nazizeit erwähnt und ist von einer Journalistin des Hamburger Abendblattes anscheinend falsch zitiert worden. Daraufhin entsteht große Aufregung, und der NDR meldet, sie habe ihre falsch zitierten Äußerungen bestätigt. Sie wird gekündigt, erhebt Klage und wird ob des Medienrummels bei Kerner in die Talkshow geladen. Hier wird sie aufgefordert, ihre Äußerungen zurückzunehmen, was sie nicht tut. Während der Sendung läßt sie sich dazu hinreißen, weitere Äußerungen zu tun, die mißverständlich sind und wird rausgeworfen.

Ich frage mich: Weshalb lädt eigentlich keiner Barbara Möller vom Hamburger Abendblatt ein und befragt sie über journalistische Sorgfaltspflicht? Darf in Deutschland jeder irgendwem einen Skandal anhängen und wird daraufhin nicht zur Rechenschaft gezogen? Ist das undifferenzierte Skadalisieren von Dingen, die nur im Entferntesten mit dem Dritten Reich zu tun haben, nicht dasselbe wie die Ignoranz und Nicht-Wissen-Wollen nach dem Krieg und der Braunen Subkultur heute?

Wenn wir unsere Geschichte wirklich aufarbeiten wollen, müssen wir vor allem zuhören. In diesem Zusammenhang erwähne ich den wohltuenden buddhistischen Begriff des »Nicht-urteilenden Gewahrseins«. Wenn wir wirklich verstehen wollen – und das ist der zentrale Punkt des Aufarbeitens – müssen wir dies vorurteilslos tun und uns des wohlfeilen, moralisch entrüsteten Draufhauens bei jeder sich bietenden Gelegenheit enthalten. Das Unangenehme dabei ist nämlich, das wir dabei feststellen müssen, daß uns braune Bewußtseinsinhalte in unserem Innern näher sind, als wir das gerne hätten. (Und das verführt zum Draufhauen.) Doch nur, wenn wir uns dessen bewußt sind, können wir eine Wiederholung der Geschichte verhindern. Mit Schlagworten, Anklagen und demokratisch geläuterter Selbstherrlichkeit wird es nicht funktionieren.

In den Augen vieler ist Frau Herman das Problem: Sie ist wirr im Kopf und äußert kruse Wertevorstellungen, die in einem diffusen Zusammenhang mit der Nazizeit stehen. Nach den systemischen Therapeuten läßt sich aber das Problem auch als Lösungsstrategie verstehen: Wenn Frau Herman nicht das Problem wäre, hätten wir ein Problem des Journalismus und der Medien. Deshalb ist es praktischer, wenn Frau Herman, deren Einstellung zum Geschlechterverhältnis ja auch nicht so einfach zu verdauen sind, zum Außenseiter gemacht wird. Dann braucht sich niemand von denen, die sie da reingeritten – und sich selbst profiliert – haben, an die eigene Nase zu fassen und sich Gedanken zu machen.

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An dieser Stelle möchte ich an die Jenninger-Rede vom 10. November 1988 erinnern (Link zur vollständigen Fassung). Diese zum 50. Jahrestag der Novemberprogrome 1938 gehaltene Rede, mit der der damalige Bundestagspräsident Philipp Jenninger ein Verständnis dafür vermitteln wollte, weshalb so viele Deutsche von Hitler begeistert waren, führte einen Tag später aufgrund massiver – auch internationaler – Proteste zu seinem Rücktritt. Horst Königstein hat 1989 dazu ein sehr einfühlsames und beeindruckendes Fernsehspiel gemacht (»Jenninger – Was eine Rede an den Tag brachte«). Ignatz Bubis, langjähriger Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland (siehe auch »Der Müll, die Stadt und der Tod« bei Wikipedia), hielt fast auf den Tag genau ein Jahr später, am 9. November 1989 in der Frankfurter Synagoge eine Gedenkrede, in der er weite Strecken aus der Jenninger-Rede übernahm. (Schon in einer Gedenkrede am 2. Mai 1989 hatte er einige Passagen aus der Jenninger-Rede übernommen.) Bei einer Diskussion im November 1995 anläßlich der Hamburger Kulturgespräche in Moorweide machte Bubis selbst darauf aufmerksam. Die Tatsache, daß zwei Journalisten anwesend waren, führte am nächsten Tag zu einem lauten Rauschen im deutschen Blätterwald (siehe auch bei ZEIT-online). Bei der Universität Koblenz läßt sich ein Artikel des japanischen Linguisten Ysushi Suzuki über die unterschiedliche Aufnahme der Jenninger und der Bubis-Rede aus der »Zeitschrift für angewandte Linguistik« herunterladen.

Dazu ein Standardspruch der Hypno-Therapeuten: »Der Empfänger bestimmt die Botschaft.«

Ein Link zur Walser–Bubis–Kontroverse

siehe auch:
- Unglücklicher Staatsakt - Philipp Jenningers Rede zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome 1938 (Wolfgang Benz, Bundeszentrale für politische Bildung, 04.11.2013)
- Rede am 10. November 1988 im Deutschen Bundestag (Wikipedia. siehe auch Literatur, Weblinks und Einzelnachweise!)

Eva Herman bei Kerner + Analyse {9:08}

Hochgeladen am 31.08.2009
Eva Herman bei Kerner mit einer TOP Analyse von FernsehKritik.tv, Abtreibungslobbyistin Berger und wie qualifiziert waren die anderen Gesprächsteilnehmer, sich moralisch so über Eva Herman zu erheben? Den so genannten Komiker Mario Barth können wir hier vernachlässigen, er wurde ohnehin kaum an der Debatte beteiligt. Die frühere TV Moderatorin Margarete Schreinemakers wollte 1996 ihre eigene Sendung schamlos dazu missbrauchen, ihren persönlichen Krieg mit dem Finanzamt in aller Öffentlichkeit mit Bundesfinanzminister Theo Waigel zu verhandeln.

Sat1 musste die Live Sendung abbrechen! Noch schlimmer die Schauspielerin Senta Berger. Sie hat 1971 an der Kampagne der Illustrierten Stern teilgenommen, die unter dem Bekenntnis Wir haben abgetrieben ein Recht der Frau auf die Tötung ihres ungeborenen Kindes einforderte.

Dass Menschen mit dieser Vergangenheit das Bedürfnis haben, ihre schmutzige Weste auf Kosten anderer in milderem Licht scheinen zu lassen, überrascht nicht. Aber vielen TV Zuschauern sind solche Zusammenhänge nicht klar.

Das Schlimmste passierte Senta Berger 1965 in New York. Da fragte der berühmte jüdische Produzent Zanuck: „War Ihr Vater Nazi? Senta antwortete: „Nein, Herr Zanuck. „War er in der Partei? „Ja, Herr Zanuck. „Dann ist Ihr Vater also mitverantwortlich für all die Greueltaten, die in den KZs verübt worden sind!

Senta Berger beschreibt: „Er öffnete seinen seidenen Schlafrock. Er war nackt darunter. Er schrie mich an: „Dein Volk hat Millionen von meinen Leuten getötet, vergast, erschossen Look at me! Ich bin bereit zu verzeihen. Mein ganzer Körper fiebert dir entgegen, du kleines Nazimädel! Das sagte er auf Deutsch: „Nazimädel.

Ich begann ihm auszuweichen. Und er mir nach, in seinem flatternden offen stehenden Schlafrock. Es gab ein kurzes absurdes Gerangel zwischen uns. Dann stand Senta Berger auf der Straße. Um eine Rolle ärmer, aber eine Erfahrung reicher. Senta Bergers Erlebnisse im jüdischen Hollywood.

Einseitiger Historiker - Wolfgang Wippermann
Ein einseitiger Experte ist der Geschichtsprofessor Wolfgang Wippermann (Berlin). Der Mann, dessen Sensorium für braunes Gedankengut so sensibel ist, dass es auch Unschuldige wie Eva Herman aufspürt, zeigt sich bei roten Verbrechen eher rustikal. Er warnte vor einer Dämonisierung des Kommunismus und verharmlost damit die Ideologie, die weltweit am meisten Todesopfer gekostet hat.

Und auch die Arbeit der Stasi Unterlagenbehörde hat er angegriffen, er nannte sie eine in der Verfassung nicht vorgesehenen Behörde; jedenfalls nicht in meiner Verfassung, man muss sich zwar mittlerweile dauernd eine neue kaufen, weil immer ein Grundrecht nach dem anderen beseitigt wird. Über das Interesse dieses Historikers an einer Aufarbeitung der DDR Geschichte spricht das ebenso Bände wie über sein Verhältnis zum Grundgesetz.

Auffällig, dass er dabei (wie abgesprochen) mit den anderen geladenen Gästen Margarete Schreinemakers und vor allem Senta Berger perfekt Doppelpass spielte. Fakten & Fiktionen hat schon recht bald Wippermanns dubiose Vergangenheit thematisiert, jetzt kommt heraus, dass Wippermann und Senta Berger sich wohl mindestens seit letztem Jahr gut kennen. Berger und ihr Mann, Michael Verhoeven, haben am Filmprojekt Der unbekannte Soldat in der ehelichen Sentana Filmproduktion GmbH zusammen gearbeitet.

Ein Schelm, wer böses dabei denkt
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Im Januar 2009 gewann Herman in erster Instanz vor dem Landgericht Köln zwei Prozesse gegen den Axel-Springer-Verlag, dessen Medien im September 2007 über ihre Aussagen berichtet hatten. Im ersten Verfahren verurteilte das Gericht die Bild-Zeitung für Franz Josef WagnersTitulierung Hermans als „dumme Kuh“ zu einem Schmerzensgeld in Höhe von 10.000 Euro. Die Überschrift „Ist Eva Herman braun oder nur doof?“ eines anderen Bild-Artikels wurde dagegen als zulässige Meinungsäußerung bewertet.[48] Im zweiten Fall urteilte das Gericht, dass das Hamburger Abendblatt Herman am 7. September 2007 falsch zitiert habe, und verurteilte den Verlag daher zur Unterlassung der strittigen Formulierungen, zum Abdruck einer Richtigstellung, dass es sich bei dem angeblichen Zitat nicht um Hermans Aussage gehandelt habe, und zu 10.000 Euro Schmerzensgeld für Herman.[49]
Nach einer Berufungsverhandlung zum ersten Fall erhöhte das Oberlandesgericht Köln das Schmerzensgeld, auf das der Axel-Springer-Verlag verklagt worden war, auf 25.000 Euro. Laut Urteilsbegründung handelte es sich um eine auch, aber nicht einzig mögliche Interpretation der „mehrdeutigen Äußerung“ Hermans, die aber als Zitat dargestellt worden sei. Das habe den Eindruck erweckt, Herman habe Positives am Nationalsozialismus hervorgehoben. Diese Tatsachenbehauptung habe ihr Persönlichkeitsrecht erheblich beeinträchtigt. Für weitere berufliche und private Auswirkungen dieser Interpretation könne Herman aber nicht allein den Springer-Verlag verantwortlich machen.[50]
Im Juni 2011 gab der für das allgemeine Persönlichkeitsrecht zuständige VI. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) der Revisionsklage des Axel-Springer-Verlags statt und widersprach dem Urteil des Oberlandesgerichts. Das Persönlichkeitsrecht schütze zwar vor „unrichtigen, verfälschten oder entstellten Wiedergaben einer Äußerung“. Diese lägen hier jedoch nicht vor, da Hermans Äußerung „im Gesamtzusammenhang betrachtet gemessen an Wortwahl, Kontext der Gedankenführung und Stoßrichtung“ nur die Deutung zulasse, „die die Beklagte ihr beigemessen hat.“[51][52]
Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) lehnte Hermans Beschwerde gegen dieses BGH-Urteil am 25. November 2012 ab: Die Entscheidung des BGH habe Herman nicht in ihren Grundrechten verletzt. Die vom Hamburger Abendblatt zitierten Äußerungen seien im Gesamtzusammenhang zu betrachten und stellten eine Meinungsäußerung dar. „Die Beschwerdeführerin, der es nicht gelungen war, sich unmissverständlich auszudrücken, muss die streitgegenständliche Passage als zum ‚Meinungskampf‘ gehörig hinnehmen.“[53][Eva Herman, Gerichtsurteile, Wikipedia, abgerufen am 12.05.2017]
Am 25. Juli 2010 kommentierte Herman beim Kopp Verlag das Unglück bei der Loveparade 2010, bei dem am Vortag 21 Personen gestorben waren. Sie kritisierte die Loveparade als „Sodom und Gomorra mit katastrophalen Folgen“ und als „riesige Drogen-, Alkohol- und Sexorgie”, die den „kulturellen und geistigen Absturz einer ganzen Gesellschaft” symbolisiere. Dafür machte sie die 68er-Bewegung verantwortlich und vermutete:[54]
„Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen! Grauenhaft allerdings, dass es erst zu einem solchen Unglück kommen musste.“[59]
Diese Aussage interpretierten und kritisierten einige Kommentatoren als Andeutung einer Strafe Gottes, also einer Schuldzuweisung an Opfer und Besucher.[60] [Eva Herman, Aktivitäten seit 2009Wikipedia, zuletzt abgerufen am 12.05.2017]

Sonntag, 14. Oktober 2007

Urwald statt Pestizide


Anoop Chinnuppa gilt als schwarzes Schaf: Geld ist dem indischen Bauern nicht so wichtig. Dafür schützt er die Natur

Da steht er neben einer Quelle, aus der frisches Wasser aus dem Felsen fließt, und freut sich über das Wunder der Natur. Anoop Chinnuppa trägt Shorts und ein weithin leuchtendes orangefarbenes T-Shirt. Er lebt zusammen mit seiner alten Mutter in Madikeri, einer kleinen Stadt im indischen Bundesstaat Karnataka. Anoop Chinnuppa gehört zur Minderheit der Kodova. Der Stamm pflegt animistische Traditionen und verehrt die Ahnen. Das macht die Kodava zu Außenseitern im hinduistisch geprägten Indien. Anoop Chinnuppa gilt aber auch in seiner eigenen Familie als schwarzes Schaf. Der Grund: Sohn Anoop ist Umwelt-Aktivist.

Indiens Umweltprobleme sind bekannt: ein stetig wachsendes Verkehrsaufkommen, wilde Müllkippen, PestizidEinsatz in der Landwirtschaft und Umwelt-Gesetze, die nicht umgesetzt werden. Traditionell leben auch die Kodova vom Landbau. 24 Hektar Land hat Chinnuppa von seinem Großvater geerbt. Aber nur auf zwei Hektar baut er Reis an. Der Rest ist Dschungel, und das soll auch so bleiben, Anoop Chinnuppa hält nämlich nichts vom Landbau moderner Prägung. 'Früher haben alle Kodava organischen Landbau betrieben. Heute benutzen sie Pestizide wie alle anderen auch und das Land geht zugrunde.« Er will den Dschungel lieber erhalten, etwa für die Elefanten, 'Die Farmer haben Angst vor den Tieren und erschießen sie, weil die angeblich das Land zerstören. Früher habe ich ähnlich gedacht und die Elefanten gehasst. Hassen kann man aber nut was man nicht kennt. Und heute kenne ich die Elefanten. Sie haben so viel Trauer in ihren Augen«, sagt Anoop Chinnuppa nachdenklich. Seit dem Jahr 2000 führt der gelernte Bank-Fachmann Touristen durch seinen Dschungel, um sie mit der Natur vertraut zu machen. »Ich habe von meinem Vater viel über die Natur und von Touristen das Wandern gelernt. Inder laufen nämlich nie ohne Grund«, sagt er mit seiner sanfter Stimme. «Inder denken fast nur ans Geld - selbst die spirituellen Führer. Und meine eigene Familie möchte, dass ich mein Land verkaufe.«

Geld verdienen könnte Anoop Chinnuppa auf vielfältige Art. Auf seinem Grund stehen weiße Zedern, die er der Möbelindustrie teuer verkaufen könnte obwohl die Bäume offiziell geschützt sind. Oder er könnte das Land erschließen lassen mit einer breiten Autostraße. Der sympathische Kodova winkt ab. Nicht mit ihm. Zu viel Lärm und zu viel Dreck.

Derzeit scheinen die Träume des Kodava noch zu groß für seine begrenzten Möglichkeiten. Aber aufgeben will er nicht: »Ich suche nach ausländischen Partnern, die hier investieren wollen. Um den Dschungel, die Natur und die Elefanten zu schützen, müssen wir das Land kaufen. Dann können wir die Kinder hierherbringen, damit sie lernen: Wir bekommen von der Natur wieder, was wir selbst geben.« • Annette Lübbers

aus Publik-Forum 18/2007

Mittwoch, 10. Oktober 2007

Die wundersame Wandlung des Tiziano Terzani

In der Osho-Times hat Satyananda alias Jörg Andrees Elten einen Nachruf auf den bekannten italienischen Starreporter geschrieben. Damit der Text nicht verlorengeht (wahrscheinlich ist er nur einen Monat lang auf der Seite), hab’ ich ihn hierher kopiert:

Klartext
Der Namenlose

Die wundersame Wandlung des Tiziano Terzani
von Satyananda

Wo immer er auftauchte, war er der Mittelpunkt. Einsneunundachtzig groß, schlank, athletisch, pechschwarze Lockenmähne, dazu ein frech geschwungener Schnurrbart und stets von Kopf bis Fuß in Weiß gekleidet. Unter seinen Kollegen, den Asien-Korrespondenten der Weltpresse, nahm er sich aus wie ein Papagei im Spatzenschwarm: Tiziano Terzani, Arbeiterkind aus Florenz, der es zum Korrespondenten des „Spiegel“ und zu einem der angesehensten Asienkenner gebracht hatte. Ein robustes Ego, ein wunderbarer Selbstdarsteller.
Im Vietnamkrieg und in Kambodscha war er immer ganz vorne dran und vertraute auf seine Schutzengel. Als die Vietkong zum Sturm auf Saigon ansetzten und die meisten westlichen Ausländer in Panik die Stadt verließen, flog Terzani in letzter Minute aus Bangkok ein, um den Einmarsch der roten Kämpfer hautnah zu erleben. Dabei stand er noch unter dem Schock eines Ereignisses, das ihn zwei Wochen vorher fast das Leben gekostet hätte: In Kambodscha hatten ihn ein paar halbwüchsige Kämpfer der Roten Khmer festgenommen, an die Wand gestellt und ihm eine Stunde lang ihre Revolver auf Augen, Mund und Nase gedrückt – bis endlich ihr Kommandeur auftauchte und den „Spiegel“-Korrespondenten laufen ließ.

Raus aus dem Society-Ghetto
Terzani konnte nicht wissen, was die Vietkong in Saigon mit ihm machen würden. Er wusste nur, dass er bei einem der größten Ereignisse in der Geschichte Asiens einfach dabei sein musste – dem Ende des Kolonialismus. Seine Reportage über die letzten Stunden von Saigon wurde zum Klassiker.
Um bei der Geburt des neuen China dabei zu sein, zog Terzani mit seiner Familie von Hongkong nach Peking um. Er und seine Frau Angela sprachen fließend Chinesisch. Die beiden Kinder lernten die Sprache auf einer chinesischen Schule. Das hatte es noch nie gegeben: dass ein westlicher Ausländer im Reich Mao Tse tungs seine Kinder auf eine chinesische Schule schickte! In Peking blieben westliche Diplomaten, Geschäftsleute und Journalisten ohne soziale Kontakte zu den Einheimischen ganz unter sich – in einer Art Ghetto. Terzani wollte raus aus dieser Ghetto-Routine mit ihren ewigen Cocktail- und Dinnerpartys.
Manchmal startete er mit seiner Frau und den Kindern zu spontanen Ausflügen aufs Land. Sie hievten ihre Fahrräder in den Zug, stiegen irgendwo aus, radelten los und sprachen mit Menschen, die noch nie einen Ausländer gesehen hatten. Für den Geheimdienst waren diese verbotenen Eskapaden des Reporters eine Provokation. Aber es dauerte immerhin fünf Jahre, bis sie die Geduld verloren und ihn verhafteten. Vier Wochen musste er im Gefängnis schmoren, dann wurde er abgeschoben.
Terzani hatte einst davon geträumt, dass Mao den Neuen Menschen in einem neuen China der Gerechtigkeit und Brüderlichkeit schaffen werde. Der Traum war verflogen. Der Reporter wusste nun, dass Bewusstseinsveränderung nicht durch ideologische Parolen von oben kommen kann, sondern eine Herausforderung für jeden einzelnen Menschen ist. Langsam verschob sich der Fokus des Reporters von der Politik zur Spiritualität, von der Logik zur Intuition, vom Kopf zum Herzen.

Abschied vom Journalismus
Eines Tages prophezeite ihm ein Wahrsager in Hongkong den Tod, wenn er im Jahre 1993 mit dem Flugzeug fliegen würde. Ein Reporter, der nicht fliegt? Unmöglich!
Aber Terzano ließ es darauf ankommen und eröffnete seinem Chefredakteur, dass er ein Jahr lang kein Flugzeug benutzen werde. Der Chef reagierte weise: „Tun Sie, was Sie für richtig halten!“ So durchbrach der Asienkorrespondent die sterile Routine von Flugzeug – Taxi – Hotel – Taxi – Flugzeug und stieg um auf Bahn, Mietwagen, Eselskarren, Fahrrad und Schiff. Seine Entschleunigung schärfte seine sinnliche Wahrnehmung und verband ihn mit den zeitlosen Kräften, die unter der Oberfläche des Tagesgeschehens wirken. Es war praktisch der Abschied vom Journalismus, aber das ahnte der Reporter damals noch gar nicht.
Der Abschied kam erst, als ein Arzt in Bologna den inzwischen Sechzigjährigen mit der Botschaft überraschte: „Signor Terzani, Sie haben Krebs!“ Terzani reagiert kühl und radikal – bricht alle Kontakte ab, außer zu seiner Familie, und nimmt den Kampf gegen den Krebs auf. Sein erster Kriegsschauplatz ist eine weltberühmte Krebsklinik in New York, eine Kultstätte der modernen westlichen Medizin. Terzani kommt sich vor wie in einer erstklassigen Reparaturwerkstatt. So nennt er seine Ärzte „meine Instandsetzer“. Sie operieren seinen Krebs – mit Erfolg. Terzani erholt sich, kehrt nach Asien zurück und macht sich auf die Suche nach den Quellen einer Heilkunst, die den ganzen Menschen einbezieht – nicht nur den Körper, sondern auch Geist und Seele.

Auf schwankendem Boden
Eine berühmte ayurvedische Klinik ist sein erstes Ziel. Danach geht es weiter zu mehr oder weniger bekannten Heilern, Wahrsagern, Gurus, Schamanen, Scharlatanen, aber auch zu seriösen Ärzten, die Medikamente aus wundersamen Heilkräutern und Kuhpisse herstellen. Terzani begegnet ihnen mit unvoreingenommener Neugierde und Respekt. Einerseits weiß er, dass ihm der „Realismus der Vernunft nicht mehr genügt“. Andererseits sind ihm Mystizismus und Spiritualität unheimlich, weil sie ihm „zu undefiniert, zu subjektiv und zu parteiisch“ erscheinen. Terzani: „Ich hatte das Gefühl, mich auf schwankendem Boden zu bewegen.“
Aber für eine Umkehr auf den scheinbar sicheren Boden der wissenschaftlich begründeten Realität war es schon zu spät. Als er zur Nachuntersuchung nach New York zurückkehrt, entdecken seine „Instandsetzer“, dass der Krebs Metastasen gebildet hat. Terzani lehnt Chemotherapie ab. Einer der Instandsetzer kommentiert lapidar: „Wenn Sie in einem halben Jahr noch leben, gehen Sie in die Geschichte der Medizin ein.“ Das war’s.

Was bleibt übrig?
Jetzt beginnt die interessanteste Etappe auf der letzten Reise des Reporters. Terzani sucht seinen „inneren Frieden“ und bereitet sich auf den Tod vor. Das Abenteuer beginnt mit der klassischen Frage aller spirituellen Sucher: „Wer bin ich?“ – „Mein Name, mein Beruf, meine Herkunft, all das, was ich einst herangezogen hätte, um mich zu beschreiben, gehörte nicht mehr zu mir“, schreibt er in seinem Buch „Noch eine Runde auf dem Karussell“. Und er fragt sich bang: „Was bleibt von mir ohne meinen Namen, ohne all das, woran ich mein ganzes Leben lang so hartnäckig gearbeitet habe?“
Auf der Suche nach einer Antwort tritt er als ein shisha (einer, der zu lernen würdig ist) in den Aschram eines Swamis ein, der von seinen Anhängern als Guru verehrt wird. Der gibt ihm den Namen Anam (der Namenlose). Drei Monate lang lässt er sich in Heiligen Schriften unterweisen, singt alte vedische Gesänge und Mantras und schweigt. Das Leben im Aschram ist spartanisch. Die Überwindung von Begierden gehört zu den hauptsächlichen Gesprächsthemen unter den Aschramiten. In Pune hätte es Terzani sicher besser gefallen. Aber Osho hatte seinen Körper schon verlassen.

Die Einsamkeit einer Berghütte
Der Abschied vom Aschram fällt Terzani letztlich nicht schwer. Das Gerangel der Jünger um die vorderen Sitze im Satsang und ihre kleinen Eifersüchteleien irritieren ihn. Er verehrt seinen Swami, aber Hingabe kommt für ihn nicht infrage. So zieht er sich lieber in die Einsamkeit einer Berghütte im Himalaja oberhalb von Almora zurück. Da ist die erhabene Kulisse schneebedeckter Achttausender, die wilde Ursprünglichkeit der Natur, der Gesang exotischer Vögel, die pralle Farbenpracht tropischer Pflanzen, der Bergleopard, der die Hütte umkreist, und da ist die kleine Maus, die Terzani, der Einsiedler, jeden Abend füttert, damit sie ihm nicht seine Vorräte wegknabbert. Er ernährt sich von Reis, Bohnen, Gemüse und Obst. Das Wasser holt er von einer Quelle. Schlag fünf Uhr morgens zündet er eine Kerze an und meditiert. Dann wandert er zu einem Felsen und begrüßt dort oben hoch über dem Tal die aufgehende Sonne.
Manchmal begegnet er einem anderen Einsiedler, einem alten Inder, der ein zweites Haus in der Nähe bewohnt. Terzani nennt ihn „Der Alte“. Der wird sein spiritueller Lehrer. Terzani fragt und Der Alte antwortet. Als Terzani nach einem kurzen Ausflug in die Welt mit einer kleinen Solaranlage und einem Laptop in die Einsamkeit zurückkehrt, um sein letztes Buch zu schreiben, schaut ihn Der Alte lächelnd an und fragt: „Für wen schreibst du das Buch? Für dein Ego?“ Terzani überlegt und sagt: „Eine gute Frage.“
Fast drei Jahre später, als das Buch „Noch eine Runde auf dem Karussell“ fertig ist, hat Terzani gefunden, wonach er gesucht hat: den inneren Frieden. Jetzt kann er in sein Haus in der Toskana zurückkehren und den Tod als Freund begrüßen. Am Ende einer langen Serie von Gesprächen mit seinem Sohn Folco, die später unter dem Titel „Mein Ende ist mein Anfang“ erscheint, fragt Folco seinen Vater, ob er nicht die Absicht habe, als Erleuchteter zu wirken. Terzani winkt ab: „Ich bin nichts als ein einfacher Mensch, der seine Bücher geschrieben, hier und da ein wenig genascht und dabei jede Menge Erfahrungen gesammelt hat …“
Tiziano Terzani starb 2004 mit 65 Jahren.
aus der Osho-Times vom Oktober 2007


»Fairer Kaffee im Stadtrat«

Wie können Städte anders einkaufen? Fragen an Dagmar Vogt-Sädler, Leiterin des Umweltamtes von Neuss
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Von Annette Jensen

Publik-Forum: Die 130 000-Einwohner-Stadt Neuss gilt als Modell für fairen Einkauf. Was machen Sie anders als andere deutsche Kommunen?
Dagmar Vogt-Sädler: Seit 1991 wird auf den Rats- und Ausschusssitzungen fairer Kaffee ausgeschenkt. Und sobald es Schokolade, Fußbälle und so weiter mit dem Transfair-Siegel gab, haben wir die auch eingekauft. Bei diesen Produkten gibt es die Garantie, dass sie ohne Ausbeutung hergestellt wurden. Aber bei vielem, was wir brauchen, existiert kein solches Siegel. Das gilt zum Beispiel für Dienstkleidung, Leder- oder Spielwaren. Deshalb hat Neuss Anfang 2006 als erste Stadt im Bundesgebiet beschlossen, nur noch Produkte – sofern verfügbar – zu berücksichtigen, die unter Beachtung der Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation hergestellt wurden.

Publik-Forum: Gewerkschaftsfreiheit gibt es in China nicht, und demnach dürfte Neuss dort auch nichts einkaufen.
Vogt-Sädler: Das sehe ich nicht so. Zwar hat China die entsprechende ILO-Norm nicht unterzeichnet. Aber es gibt ja Unternehmen in China, die in ihren Produktionsstätten Versammlungs- und Verhandlungsfreiheit erlauben. Und eine verstärkte Nachfrage in diese Richtung kann den Weg ebnen, dass die Einhaltung aller ILO-Normen in China gefördert wird.

Publik-Forum: Gab es auch kritische Stimmen, die sagten: Das alles kann eine Stadt wie Neuss doch gar nicht überprüfen?
Vogt-Sädler: Der Beschluss des Rates war einstimmig und wurde ohne eine lange Debatte gefasst. Natürlich kann es nicht unsere Aufgabe sein, selbst nach China zu fahren und die dortigen Betriebe zu inspizieren. Aber viele deutsche und europäische Unternehmen haben ja auch schon einen Verhaltenskodex, der sich in der Regel auf die Kernarbeitsnormen stützt und oft sogar die Forderung nach Mindestlöhnen beinhaltet. In solchem Fall erwarten wir, dass eine unabhängige Organisation die Einhaltung von solchen freiwilligen Selbstverpflichtungen bestätigt.

Publik-Forum: Rechnen Sie mit höheren Einkaufskosten für die Kommune?
Vogt-Sädler: Die Beachtung von Sozialstandards verteuert die Produkte nicht unbedingt. Der Anteil der Arbeitskosten am Verkaufspreis liegt ja bei nur ein bis fünf Prozent. Natürlich verursachen die Kontrollen durch unabhängige Gutachter zusätzliche Kosten. Doch auch das hält sich in überschaubarem Rahmen.

Publik-Forum: Was passiert, wenn die Angaben der Lieferanten falsch waren? Gibt es eine »schwarze Liste«?
Vogt-Sädler: Zurzeit gibt es noch keine solche Liste. Falsche Angaben würden aber grundsätzlich Zweifel an der Zuverlässigkeit des Unternehmens begründen und sind insofern ein Ausschlusskriterium von der Vergabe. •

aus Publik-Forum 18/2007

Dienstag, 9. Oktober 2007

»Obst per Flugzeug hat nichts mehr mit Bio zu tun«

Deutsche kaufen so viel Bioprodukte wie nie. Doch reicht das aus? Fragen an Greenpeace-Expertin Christiane Huxdorff


Christiane Huxdorff
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ist studierte Umweltwissenschaftlerin und arbeitet bei Greenpeace als Chemiereferentin. Sie war an den beiden großen Testreihen »Pestizide aus dem Supermarkt« beteiligt.



? Wenn man die Berichte in den Medien verfolgt, hat man das Gefühl, dass Bio boomt und die Bauern jammern. Oder?

! Bio boomt wirklich. Im Vergleich zum letzten Jahr ist der Umsatz bei den Bioprodukten im Lebensmittelhandel um 20 Prozent gestiegen, allerdings ist die Anbaufläche hierin Deutschland nur um 2,3 Prozent gewachsen. Das liegt daran, dass die Fördermittel, die von der Bundesregierung an umstellungswillige Bauern gezahlt werden, so massiv gekürzt wurden. Ein Biobauer muss sehr viel Eigenkapital investieren, bis er den Umstieg schafft. Denn die ersten zwei bis drei Jahre kann er sein Obst und Gemüse nur als Umstellungsware verkaufen, das heißt, er bekommt nicht den Mehrwert, den er eigentlich reinsteckt. Deshalb überlegen es sich die Landwirte zweimal, ob sie umstellen. Die, die es aus Überzeugung machen, sind schon längst dabei. Jetzt muss man versuchen, die zu ködern, die noch zaudern. Dann würde man diesen Boom nicht nur in die Supermärkte holen, sondern auch in die Landwirtschaft.

? Woher kommen die Produkte, wenn die Nachfrage wächst, der Anbau aber nicht?

! Bio-Produkte kommen aus der ganzen Welt, also Italien, Spanien, aber auch aus Israel und Neuseeland. Diese Produkte werden dann biologisch angebaut, aber nicht unbedingt ökologisch transportiert. Trotzdem ist die Ökobilanz von einem Bio-Apfel, der per Schiff aus Neuseeland hierher gefahren wird, besser als von einem Apfel, der hier gekühlt und unter geschützter Atmosphäre gelagert wird.

? Der heimische Apfel verbraucht mehr Energie als ein Apfel aus Neuseeland?

! Die Obst- und Apfelsaison hier in Deutschland ist jetzt, und bald ist sie vorbei, Dann werden die ganzen Äpfel eingelagert. Das schluckt mehr Energie, als wenn Apfel aus Neuseeland mit dem Schiff hergefahren werden. Natürlich ist es etwas anderes, wenn Obst und Gemüse per Flugzeug herkommen. Das hat nichts mehr mit Öko zu tun. Letztlich ist es immer das Beste, wenn man beim Biobauern nebenan kauft und das isst, was gerade Saison hat.

? In den Regalen der Supermärkte finden sich immer mehr Bioprodukte. Ist das hilfreich für den Bioanbau in Deutschland?

! Es ist ein guter und wichtiger Schritt, dass Bio beim Discounter erhältlich ist und dadurch Bio für die breite Masse zugänglich wird. Vorher konnte man Bioprodukte wirklich nur im Bioladen und im Reformhaus kaufen. Da waren sie extrem teuer. Jetzt fragen auch die Discounter nach. Dadurch kommt es zu einer erhöhten Produktion, die Preise sinken, und es wird für die Verbraucher erschwinglicher. Dadurch kaufen mehr Menschen, und die Nachfrage steigt weiter. Sowohl die Einstellung der Verbraucher als auch die Lebensmittelwirtschaft haben sich in den letzten fünf Jahren gravierend verändert – nur die Politik hinkt da hinterher.

? Haben die Produkte beim Discounter dieselbe Qualität wie im Bioladen?

! Wenn das sechseckige grüne Biosiegel auf den Produkten ist, weiß man, dass es auf jeden Fall Bioqualität ist. Aber es gibt natürlich Unterschiede zu den Produkten, die ich im richtigen Bioladen kaufen kann. Die erfüllen noch zusätzliche Kriterien, die von Anbauverbänden wie etwa Demeter, Naturland oder Bioland überwacht werden. Einige Anbauverbände verlangen zum Beispiel, dass wirklich hundert Prozent des Tierfutters auf dem eigenen Hof angebaut werden.

• Interview: Ute Pawlitschek

Samstag, 6. Oktober 2007

Transparency: Bestechung wird zu wenig verfolgt

Die deutschen Justizbehörden haben nach Einschätzung von Transparency International weiter zu wenig Kapazitäten, um gegen Firmen wegen Bestechung im Ausland vorzugehen. »Es geht ein wenig voran in Deutschland, aber noch immer müssen Unternehmen viel zu wenig fürchten, dass gegen sie wegen Bestechungen im Ausland ermittelt oder Anklage erhoben wird«, sagte ein Vorstandsmitglied der deutschen Sektion der Antikorruptionsorganisation. Nach Transparency-Angaben stieg in Deutschland die Zahl der Ermittlungsverfahren wegen Bestechung im Ausland auf mindestens 83 an, nach 43 im Vorjahr. 63 der Verfahren betreffen den Missbrauch des UN-Programms »Öl für Lebensmittel« für den Irak durch deutsche Firmen. Transparency hat in Deutschland vier Verurteilungen in den vergangenen Jahren erfasst, ein Urteil gegen Siemens ist noch nicht rechtskräftig. In den USA wurden im selben Zeitraum 67 Urteile gesprochen, allein 17 in den letzten zwölf Monaten.

aus Publik-Forum 15/2007

Atomkraft und Kinderkrebs

Der Verdacht, dass in der Umgebung von Atomkraftwerken Kleinkinder vermehrt an Krebs und Missbildungen erkranken, wird durch eine neue US-Studie bestätigt, die im European Journal of Cancer Care veröffentlicht wurde. In einer großen Analyse, in der Daten von 17 internationalen Studien aus Deutschland, Spanien, Frankreich, Japan und Nordamerika der Jahre 1984 bis 1999 ausgewertet worden waren, weisen der Medizinprofessor Peter Baker und seine Mitarbeiter ein erhöhtes Leukämierisiko in der Nähe von AKWs nach. Die Mediziner der Universität South Carolina fanden bei Kindern im Alter bis neun Jahren ein um 14 bis 21 Prozent erhöhtes Risiko, an Leukämie zu erkranken. Bis zum Alter von 25 Jahren war die Erkrankungswahrscheinlichkeit immer noch um 7 bis 10 Prozent höher, die Sterberate um 2 bis 18 Prozent. »Wir sehen uns in unserem langen Engagement, auf eine saubere Krebsforschung in der Umgebung von Atomkraftwerken zu bestehen, bestätigt«, sagt Reinhold Thiel von der Ulmer Ärzteinitiative, einer Regionalgruppe der Internationalen Ärzte zur Verhinderung des Atomkriegs (IPPNW). Zur Erinnerung: In einer 2001 von der Ulmer Ärzteinitiative initiierten und von Alfred Körblein vom Münchner Umweltinstitut durchgeführten Studie zeigten sich signifikant erhöhte Kinderkrebsraten im Nahbereich von AKWs. Auf Druck von AKW-Kritikern wurde 2001 eine große Fallkontrollstudie zum Thema Kinderkrebs beschlossen. Die Ergebnisse sollen bis Herbst 2007 vorliegen.

aus Publik-Forum 15/2007

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Lernen

Bei Barmenia gibt’s was Griffiges übers Lernen.

Dienstag, 2. Oktober 2007

Was passierte so 1967?

14. Januar:
Beim Human Bein spricht Beat-Autor Allen Ginsberg vor Zehntausenden. Das Event in San Franciscos Golden Gate Park gilt als Beginn des Summer of Love.






15. April:
Bürgerrechtler Martin Luter King führt 200.000 Demonstranten durch New York – und protestiert gegen den Vietnamkrieg. Die Friedensbewegung wir immer stärker.






28. April:
Muhammed Ali verweigert den Wehrdienst. Die Folge: Aberkennung des WM-Titels und der Boxlizenz, fünf Jahre Gefängnis und 10.000 Dollar Strafe. Ali kommt auf Kaution frei.






1. Juni:
Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ wird veröffentlicht. Das Kult-Album der „Beatles“ (bis heute 20 Millionen Mal verkauft) wird zum Soundtrack des Summer of Love.






5. Juni:
Beginn von Israels Sechstagekrieg gegen Ägypten, Jordanien und Syrien. Israel, von den USA finanziell unterstützt, erntet für den Krieg weltweite Kritik.






5. Juni:
Über Vietnam wird das 2000. Flugzeug der US Air Force abgeschossen. Allein auf amerikanischer Seite forderte der Krieg bis zu disem Tag rund 15.000 Tote und 100.000 Verletzte.





16. – 18. Juni:
Das Monterey Pop Festival wird Höhepunkt des Summer of Love. 200.000 hören Scott McKenzie, Janis Joplin (Foto), „The Who“ und Jimi Hendrix zu. Eintritt: 1$






24. Juni:
Der Spiegel“ druckt das Foto, auf dem Mitglieder der Berliner Kommune 1 eine Polizeidurchsuchung nachstellen. Das Bild wird zur Ikone des Protestes.






24. August:
Von der Galerie der New Yorker Börse läßt Kapitalismuskritiker Abbie Hoffman echte Dollar-Scheine regnen. Die Börsenhändler greifen gierig nach dem Geld.






17. Oktober:
In New York wird „Hair“ uraufgeführt. Das Musical („Let The Sun Shine in“) porträtiert die Hippie-Bewegung und beschreibt gleichzeitig die Tragik des Vietnamkriegs.






21. Oktober:
100.000 Vietnamkriegs-Gegner marschieren zum US-Verteidigungsministerium, dem Pentagon. Manche versuchen, Blumen in die Gewehre der Polizei zu stecken.






9. November:
Die erste Ausgabe des Musikmagazins „Rolling Stone“ erscheint. Auf dem Titel: John Lennon als Darsteller einer Kriegssatire.

(auch die Bilder) aus dem Magazin VIEW 8/2007