Freitag, 2. Dezember 2016

»Sully«-Kritiken: Eastwood einmal mehr in der Populismus-Schublade

Dogmatische Wissenschaftsfeindschaft: Clint Eastwoods "Sully" ist eine gut verpackte reaktionäre Botschaft
Es ist eines jener Bilder, die einmal gesehen, für immer im Gedächtnis bleiben: Ein Airbus, der mitten im Hudson-River vor Manhattan schwimmt, nachdem der Pilot wegen Totalausfalls der Triebwerke notwassern musste. Innerhalb von wenigen Stunden wurde der Kapitän, Chesley “Sully” Sullenberger, einer der berühmtesten Piloten der Welt nach Charles Lindbergh. Doch was geschah danach?

Clint Eastwood erzählt jetzt diese Geschichte, erzählt von Zweifeln und Rechtfertigungen und den Untersuchungen des Unglücks, denen sich der mutige Pilot ausgesetzt sah. Eine Beleidigung des Helden? Sully ist ein sehr menschlicher, aber auch ein sehr klassischer Hollywood-Film geworden.

"Mayday Mayday!!" - ein Flugzeug fliegt zwischen den Wolkenkratzern von Manhattan, stürzt ab zwischen den Häuserschluchten New Yorks, kracht in einem Feuerball in eines der Hochhäuser. Ein Albtraum nur, aber im Kino ans kollektive 9/11-Gedächtnis rührend, ein Albtraum der Hauptfigur, dem das, was er kurz davor durchlebt hat, erst jetzt ins Bewusstsein fährt.

Dann sieht man den älteren Mann mit dem silbrigen Haar und dem schmucken Schnurrbart joggen. Am Hudson-River, den die Kamera in prächtige, warme Abendrotfarben taucht. "Sully" ist zuerst einmal ein schöner Film, ein Film mit klassischen Tugenden des musikalisch-beiläufigen Erzählens.

mehr:
- Helden-Majestätsbeleidigung (Rüdiger Suchsland, Telepolis, 02.12.2016)

mein Kommentar: 
In meinem Post zur Entscheidung des Nobelpreiskommittees, Bob Dylan den Literaturnobelpreis zu verleihen, 
Endlich: Bob Dylan kriegt den Literaturnobelpreis – »The way we look at the world…« (13.10.2016)
habe ich Eastwood und die Perry-Rhodan-Serie als Pendants zum Mißverstanden-Werden Dylans als Beispiele für das sofortige Einsortieren in bereitstehende Schubladen angeführt.
Dürfte es auch etwas differenzierter sein?
Genauso wie Monitor-Redakteur Casdorff packte auch Zukunftsforsscher Jungk Perry Rhodan fast reflexhaft in die faschistoide Schublade, aus meiner Sicht ähnlich kurzsichtig wie Vorwürfe an die Adresse Dylans, bestimmte Lieder bei seinen Auftritten in der VR China nicht zu spielen (Blowin’ in the Idiot WindMaureen Dowd, NY Times, 09.04.2011) oder für seine Auftritte eine E-Gitarre zu verwenden.
Noch einmal: Das Problem sind weder Dylan noch Eastwood, das Problem ist das reflexhafte Verwenden unserer Schubladen!
Fazit des Artikels: Kritisiert nicht die Spezialisten, ihr blickt ja doch nicht durch!
Was aber ist, wenn die Spezialisten-Clique korrumpiert und nur noch an ihrem Machterhalt ist?


“Daß ihr Menschen”, rief ich aus, “um von einer Sache zu reden, gleich sprechen müßt: ’das ist töricht, das ist klug, das ist gut, das ist bös!’ und was will das alles heißen? Habt ihr deswegen die innern Verhältnisse einer Handlung erforscht? Wißt ihr mit Bestimmtheit die Ursachen zu entwickeln, warum sie geschah, warum sie geschehen mußte? Hättet ihr das, ihr würdet nicht so eilfertig mit euren Urteilen sein”. [Johann Wolfgang von Goethe, Die Leiden des jungen Werthers, Am 12. August]


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Hauptkritikpunkte waren, dass
  • der Film, anders als "normale" Hollywoodproduktionen, nicht die Handlung in den Vordergrund stelle
  • einige Rollen jeweils nur aus einem langen Monolog bestehen
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mein Kommentar: 
Kapieren die Kritiker die Dinge erst, wenn ein Etikett draufklebt?
Wer käme auf die Idee, dem Film »Ein andalusischer Hund« vorzuwerfen, er stelle nicht die Handlung in den Vordergrund und gebe keine Antworten?
Das ist nicht die Aufgabe des Surrealismus!

siehe auch:

- Ein eindeutiger Held (Lukas Foerster, der Freitag, 02.12.2016)
- Der Mann, der auf dem Hudson landete (Peter Körte, FAZ, 30.11.2016)
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Das Unbehagen in der Kultur ist der Titel einer 1930 erschienenen Schrift von Sigmund Freud. Die Arbeit ist, neben Massenpsychologie und Ich-Analyse von 1921, Freuds umfassendste kulturtheoretische Abhandlung; sie gehört zu den einflussreichsten kulturkritischen Schriften des 20. Jahrhunderts. Thema ist der Gegensatz zwischen der Kultur und den Triebregungen. Die Kultur ist bestrebt, immer größere soziale Einheiten zu bilden. Hierzu schränkt sie die Befriedigung sexueller und aggressiver Triebe ein; einen Teil der Aggression verwandelt sie in Schuldgefühl. Auf diese Weise ist die Kultur eine Quelle des Leidens; ihre Entwicklung führt zu einem wachsenden Unbehagen. [Das Unbehagen in der Kultur, Wikipedia, abgerufen am 02.12.2016]

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siehe auch:
- Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur (ZEIT-Magazin, 01.08.1980)
- Zu Sigmund Freud „Das Unbehagen in der Kultur“ (Astrid Schmidt, FU Berlin, VS Literatur- und Kulturtheorie, 2007, PDF)
- Das Unbehagen in der Kultur - Sigmund Freud (Alexander Fiedler, Otto-Friedrich-Univerität Bamber, Fachbereich Europäische Ethnologie, WS 2012/2013, auf seiner Internet-Seite, PDF)

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Freud war von Beginn an, wie er sagte, nicht so sehr Seelenarzt, sondern eher ein „Konquistadorentemperament“, jemand, der noch unerforschte geistige Kontinente erobern wollte. Dabei stieß er aber schon früh an seine inneren Grenzen. Denn obwohl er, nach Eroberung des Kontinents des Unbewussten, durch seine Neurosenlehre im Grunde „die gesamte Menschheit zum Patienten“ gemacht hatte – schon wegen der weltweiten Verbreitung der Religionen und ihrer säkularen Ersatzideologien – scheute er zurück, wenn es um praktische Konsequenzen aus dieser Auffassung ging: Konkrete Gesellschaftskritik, politische Schritte zur Neurosenprophylaxe lehnte er seiner inneren Einstellung nach ab. [Das Unbehagen in der Kultur, Freuds Zurückschrecken vor praktischen Konsequenzen, Wikipedia, abgerufen am 02.12.2016]
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Mein Kommentar:
Freuds Neffe Edward Bernays hat gut dran verdient, vor den praktischen Konsequenzen nicht zurückzuschrecken:

Angewandte Psychoanalyse: Masse und Mob – Wie sich Emotionen in der Menge entladen, und wie sie gesteuert werden können (Post, 14.03.2016) 
Es gibt in der Geschichte der Menschheit immer wieder Situationen, in denen Menschen vor den praktischen Konsequenzen nicht zurückgeschreckt sind.
Es darf vermutet werden, daß das »Zurückschrecken« eine wertvolle kulturelle Errungenschaft ist! (Nachteil: die Verkaufszahlen gehen zurück…)

Mit anderen Worten: Demut, Rücksichtnahme, Selbstbeschränkung, Selbstaufgeklärtheit, d.h. Anerkennung, daß man selber der Fall ist, mit dem man eigentlich handeln muß. Nicht die anderen sind die Faschisten, die Dummköpfe, die Radikalen, sondern man muß sich selbst als potentiellen Faschisten, potentiellen Radikalen in sein Urteil miteinbeziehen…« [Bazon Brock in einem RT-Interview zu unlösbaren Problemen]
siehe dazu auch:
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Bernie Sanders, Spike Lee und der Mann mit den Atomcodes

Im Gespräch Der Senator Bernie Sanders und der Filmemacher Spike Lee diskutieren über Trumps Erfolg und Clintons Fehler – und wie man es 2017 besser machen könnte

Bernie Sanders stürmt mit dem Kopf voran in das Hotelzimmer im Zentrum von Manhattan. Der Mann hat keine Zeit zu verlieren. Dies ist nicht der lustige Wahlkampf-Bernie. So, wie er heute auftritt, fühlt es sich sogar falsch an, ihn überhaupt Bernie zu nennen. Senator Sanders zeigt sich als gestandener Politiker mit 40-jähriger Erfahrung, der dafür brennt, der Politik seiner Gegner mit seinen eignen politischen Vorstellungen zu begegnen und der kein Verständnis für Leute hat, die stattdessen lieber lamentieren und rumjammern. Das einzige, was noch an den Wahlkampf-Sanders erinnert, ist die Angewohnheit, alles zweimal zu sagen.

Spike Lee hingegen ist ein emotionaler Mensch. Er hat für Sanders Wahlkampf gemacht und will von ihm in den Arm genommen werden. Er will die Bestätigung, dass die Welt verrückt geworden ist, aber wieder in Ordnung kommen wird. Er will seine Wunden lecken. Sanders kann das zwar verstehen, macht aber auch keinen Hehl daraus, dass es ihn nervt. Die beiden stehen politisch auf derselben Seite, haben aber unterschiedliche Funktionen inne. Der eine steht für die politische Gegnerschaft zu Trump, der andere für die kulturelle. Lee erhofft sich von Sanders Orientierung darüber, wie die Oppositionsarbeit gegen Trumps Politik funktionieren könnte, er will aber auch hören, dass Annäherung und Zusammenarbeit mit Trump nicht auf Kosten von Grundwerten geht.

Hier besteht Dissens. Lee kann es sich leisten, in absolute Opposition zu Trump zu gehen und dessen Unterstützer zu denunzieren. Der eigentlich als kompromisslos bekannte Sanders hingegen ist in diesem Punkt sogar zurückhaltender als seine Kollegen wie der US-amerikanischePolitiker Harry Reid. Der Minderheitenführer im Weißen Haus hat Trump öffentlich als „Sexualstraftäter“ bezeichnet, „der über eine Million Stimmen weniger erhalten hat als Clinton und in seiner Kampagne auf Bigotterie und Hass setzte“.

Sanders verurteilt diese Seite an Trump, aber er weigert sich – wahrscheinlich aus politischem Pragmatismus heraus – Millionen weißer Wähler aus der Arbeiterschicht als Rassisten zu bezeichnen. Lee ist nicht so ohne weiteres bereit, den Trump-Wählern diesen Vertrauensvorschuss zu geben. Hier ist, was sie sich zu sagen haben.

mehr:
- "Wo liegt die Hoffnung?" (Emma Brockes, der Freitag, 01.12.2016)

Adventsrätsel, das zweite von vierundzwanzig

Unter Hundertausend einer bringt es wohl zum »u«.
Mit »a« ist es bedeutend leichter, da kommt es von der Kuh.