Donnerstag, 5. Januar 2012

Horst-Eberhard Richter ist tot

Vor zwei oder drei Tagen habe ich es erfahren. Ein Kommilitone von mir arbeitete neben seinem Studium in Richters Institut, und so durfte ich – ich glaube es war mittwochs – mit den Leuten aus Richters Institut, unter anderem Michael Wirsching– und manchmal auch mit ihm – Fußball spielen. Mein kaputtes rechtes Knie erinnert mich heute noch dran. (Da war ich aber – im Gegensatz zum linken – ganz alleine dran schuld: Übereifer!)
Über Horst-Eberhard habe ich unschöne Dinge gehört, die nicht hierher gehören.
Und die auch seiner Größe keinerlei Abbruch tun, nicht nur Bundespräsidenten, nicht nur Päpste, nicht nur Dalai Lamas, auch wir Psychotherapeuten und ebenso – vielleicht sogar: gerade deshalb – einer der bekanntesten dürfen Mensch sein! Und Mensch sein heißt automatisch: Fehler machen, fehlbar sein, unvollkommen sein, Macken haben und auch anscheinend Schlimmes machen dürfen!

Ich jedenfalls habe mich damals riesig gefreut, als mir mein Kommilitone erzählte, Horst-Eberhard (ich durfte ihn duzen! ey wow!) hätte sich über meine Spielweise gewundert. Weil ich doch Schüler eines fernöstlichen Gurus sei, hatte er erwartet, ich würde einen sehr langsamen und bedachten Fußball spielen,

Fußball der Philosophie [3:59]

Hochgeladen am 16.10.2010
Deutschland gegen Griechenland


aber meine recht forsche Art hatte ihm anscheinend was zum Nachdenken gegeben. (Natürlich, da braucht man auch gar nicht stolz zu sein, aber damals war ich es halt!) Bevor ich weiter über Horst Eberhard rede…
Ach ja, da fällt mir noch eine Fernsehdiskussion ein, da nannte Horst Schily, der ja anscheinend keinerlei Schwierigkeiten damit hatte (natürlich hatte er damit Schwierigkeiten, das hat nur kein Schwein – ich auch nicht – mitgekriegt – übrigens wie auch Horst Mahler, kann man ja mal drüber nachdenken, was passiert mit den Leuten, ist aber in diesem Zusammenhang egal) vom äußersten linken letztlich zum rechten Ende des politischen Spektrums zu wandern, also dieser Horst Schily nannte Horst-Eberhard vor laufenden Kameras etwas milde-abfällig: »Ach, Sie guter Mensch von Gießen!« Und dieser Schily-Satz – und Horst-Eberhard war das einzige Mal, das ich das mitgekriegt habe, konsterniert – wird mich wohl bis ins Grab begleiten, weil da steckt unheimlich viel drin!

Statt eines Nachrufes hier ein Vortrag von Horst-Eberhard Richter über das Verhältnis von Psychoanalyse und Politik (wenn ich mich recht erinnere, habe ich ihn über die IPPNW zugemailt bekommen, ich weiß es nicht mehr):


Ist eine andere Welt möglich?

Über die Betäubung sozialer Sensibilität und die Abwehr in Zeiten der Bedrohung / Horst-Eberhard Richter zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik

Die Psychoanalyse ist ein wertvolles Instrument der Aufklärung und kritischen Deutung von Politik - diese Grundhaltung vertritt kaum jemand in Deutschland so populär wie Horst-Eberhard Richter. Am gestrigen Abend hat sich der 79-jährige Psychoanalytiker, der in der Studenten- und Friedensbewegung großen Widerhall fand, mit einem Vortrag in der Aula der Goethe-Universität Frankfurt aus dem Amt des Geschäftsführenden Direktors des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts verabschiedet. Sein Thema: Mechanismen der Distanzierung in einer von Gewalt gekennzeichneten Welt und die Chancen der politischen Emanzipation.

Meine Damen und Herren,

Freud hat einmal gesagt, die Psychoanalytiker könnten nicht vermeiden, die Gesellschaft gegen sich aufzubringen, weil sie ihr ihre eigenen Verdrängungen genau so vorhalten müssten wie jeweils den einzelnen Patienten, die ebenfalls gegen diese Aufdeckung Widerstand leisteten. Man müsse also als Psychoanalytiker die Bezichtigung in Kauf nehmen, dass man gesellschaftliche Illusionen und Ideale in Gefahr bringe.

Tatsächlich musste Freud viele Jahre eine Flut von Schmähungen über sich ergehen lassen, weil er mit seiner Sexualtheorie ein Tabu brach und als revolutionärer Pionier einer hemmungslosen Libertinage gefürchtet, aber damit zugleich gründlich missverstanden wurde. Er hatte die Gesellschaft in einem Moment provoziert, da ein Verdrängungsthema zwar schon ans Licht drängte, aber gerade noch von Ängsten und ideologischen Verboten zurückgehalten wurde. Daher anfangs die massiven Widerstände, erst später die Rehabilitation eines der herausragendsten Aufklärer der Neuzeit.

Was Freud bewirkte, wurde ihm ähnlich wie in der Einzeltherapie schließlich dadurch erleichtert, dass sich eine Verdrängung in der Gesellschaft schon gelockert hatte, so dass der Anstoß zu ihrer weiteren Erschütterung wirksam werden konnte. Nun kann man fragen, wo sich denn heute etwa ein ähnlich wichtiges gesellschaftliches Verdrängungsthema zu kritischer analytischer Befragung anbiete. Anbieten ist allerdings schon eine gewagte Formulierung, zumal in einer Zeit, da die große Mehrzahl der Psychoanalytiker froh ist, sich einen anerkannten Platz im klinischen Versorgungssystem zu sichern und nachweisen zu können, dass ihre praktische Arbeit hilfreich und notwendig ist. Aber wenn man fast ein halbes Jahrhundert nicht ganz erfolglos bemüht war, einiges zu solchen Nachweisen beizusteuern, so kann man doch dem Bedürfnis nachgeben, sich der genannten Frage zuzuwenden.

Dabei bin ich auf eine Bemerkung Freuds am Schluss seines Buches "Das Unbehagen in der Kultur" gestoßen, das er nach langer Arbeit 1930 herausgebracht hat. Da lauten die letzten Sätze: "Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, dass sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks, ihrer Angststimmung. Und nun ist zu erwarten, dass die andere der beiden ,himmlischen Mächte', der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten."

Vielleicht erspürte Freud damals schon das Heraufziehen einer Ausrottungsmentalität, wie sie demnächst Hitlers Völkermord an den Juden möglich machen würde. Und vielleicht ahnte er auch, dass die Entwicklung wahnwitziger Massenvernichtungswaffen bevorstand und dass es den Menschen schwer fallen würde, sich von diesen Arsenalen je wieder zu trennen. Man denke nur an die vom Pentagon neu entworfene Nuklearstrategie mit der atomaren Bedrohung auch atomwaffenfreier Staaten. Freuds Einfall, wie die gefürchtete Katastrophe abgewendet werden könnte, erschöpfte sich in der Anrufung der "Himmelsmacht" Eros, was aus der Feder des areligiösen Freud eher wie eine hilflose Tröstung anmutete.

Niemand dürfte bestreiten, dass die Anhaltspunkte für Freuds apokalyptische Befürchtung inzwischen noch erheblich an Bedrohlichkeit zugenommen haben. Andererseits hat sich die Neigung erkennbar vermindert, ausgerechnet von Vertretern der Psychoanalyse Hilfe zu einem besseren Verständnis des Dilemmas oder gar zu hilfreichen Interventionsmöglichkeiten zu erhalten. Nun gehöre ich selbst zu der eher bescheidenen Zahl von Psychoanalytikern, die sich auch ungebeten zu kritischer Kommentierung gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen zu Wort melden und auch vor praktischem Engagement nicht zurückscheuen. In der Erinnerung an Freuds Ermutigung, dass die Erregung von Widerstand nicht heißen müsse, dass man falsch liege, riskiere ich es, die folgenden provozierenden Überlegungen vorzutragen.

Lassen Sie mich mit einem Beispiel aus den letzten Wochen beginnen. Der amerikanische Außenminister Powell erfährt im Gespräch mit seinem französischen Amtskollegen, dass dieser im Zusammenhang mit den Irak-Kriegsplänen Bedenken gegen den amerikanischen Unilateralismus hegt. Powells überlieferter Kommentar: Der Kollege führe sich schwächlich und weibisch auf. Richard Rorty berichtet von demokratischen Senatoren und Abgeordneten, die sich wegen ihrer Kriegsgegnerschaft als "weichliche Europhile" schmähen lassen müssen. Weichlich, schwächlich, weibisch, feige - in Deutschland kommt noch die Titulierung von Friedensaktivisten als Weicheier hinzu, eine weitere Variante von Entmännlichung. Die Entscheidung für Krieg oder Nichtkrieg wäre demnach u.a. ein Test für Männlichkeit oder Unmännlichkeit. Man mag mir nachsehen, dass mir als Psychoanalytiker dazu die kraftmeierische Sprache von postpubertären Jugendlichen einfällt, die sich in riskanten Mutproben ihrer Potenz versichern zu müssen glauben. Warum reagiert sogar ein sonst eher zu den Besonnenen zählender Minister Powell so gereizt?

Ich meine indessen, dass sein impulsiver Ausbruch repräsentativ ist für die mehrheitliche Verfassung eines Großteils der männlichen Machtelite und dass es dabei nicht nur um den Irak-Krieg oder die augenblickliche Kriegspolitik überhaupt geht, sondern darüber hinaus um die Verteidigung eines männlichen Machtwillens, der sich durch weichliche, weinerliche, weibische Bedenklichkeiten nicht ankränkeln lassen will. Aber die übertriebene Gereiztheit, die auch der deutsche Kanzler bei seiner Distanzierung von den Irak-Kriegsplänen in Amerika zu spüren bekommt, verrät doch auch, dass hier etwas getroffen worden ist, was man einen wunden Punkt nennt. Denn am heftigsten wehrt man sich bekanntlich dagegen, was man zugleich im eigenen Innern niederhalten muss.

Führt diese Spur vielleicht weiter zu derjenigen zeittypischen Verdrängung, an der zu arbeiten sich momentan besonders lohnt? Lohnen allerdings nicht in dem Sinne des Belohntwerdens durch Zustimmung gemeint.

Wenn ich es richtig sehe, gab Freud selber einen Fingerzeig nicht zur Lösung, aber zur Erklärung des Problems, indem er in der zitierten Arbeit an einem bemerkenswerten Selbstwiderspruch hängen blieb. Im Anfangsteil des Textes hatte er noch eine Einstellung gepriesen, deren Konsequenz ihn am Ende erschreckte. Zunächst hatte er nämlich gemeint, dass man zusammen mit Allen am Glück Aller arbeite, wenn man mit Hilfe der Wissenschaft und Technik die Natur menschlichem Willen unterwerfe. Diese Kulturarbeit sei indessen im wesentlichen den Männern vorbehalten, weil die Frauen - so heißt es in einem späteren Abschnitt - weniger sublimieren könnten und mit ihren Interessen an Familie und Sexualität, also am Eros im weiteren Sinne, den Männern viel Energie rauben könnten, falls diese sich dagegen nicht ausreichend schützten.

Man versteht jetzt besser, warum Freud nur den himmlischen Eros gegen den ausufernden männlichen Bemächtigungstrieb zu Hilfe rief, denn wie man sieht, hatte auch er es schwer, die stigmatisierten "weibischen" Bindungsgefühle in das männliche Selbstbild, offenbar zugleich in das eigene, zu integrieren. Ludwig Binswanger schrieb einmal, Freuds Persönlichkeit sei durch einen ungeheuren Willen zur Macht charakterisiert. Dieser meinte dazu, er wisse zwar nichts davon, aber er wolle auch nicht widersprechen, denn das Eigentliche des eigenen Wesens sei wohl unbewusst.

Ich habe Freud hier allerdings überhaupt nur als Zeugen für eine ideologisch fixierte Gespaltenheit des kulturellen Menschenbildes zitieren wollen. Diese hat eine lange Geschichte. Dazu nur einige skizzenhafte Bemerkungen. Es begann damit, dass sich in der Renaissance das selbstbewusste Individuum entdeckte und sich aus seiner gehorsamen Unterordnung unter die mittelalterliche Kirchenherrschaft befreien wollte. Philosophen wie Francis Bacon und René Descartes gehörten zu den Pionieren, die im naturwissenschaftlichen Erkennen einen Weg zur Überwindung von Ohnmacht und Unmündigkeit wiesen. Unter den wachsamen Augen der Kirche wollte man das Forschen zunächst noch als unschuldige Neugier erscheinen lassen. Aber von Anfang an ging es um Macht, so wie später Freud die Abkunft des Wisstriebes aus dem Bemächtigungstrieb entlarvte. Bereits im 17. Jahrhundert hatten Denker wie Descartes und Spinoza festgestellt, dass jede emotionale Regung, von der das Ich passiv ergriffen werde, den intellektuellen Bemächtigungswillen störe. Der Wille, schrieb Descartes, dürfe sich nur auf den Verstand stützen und sich nicht durch Gefühle und Empfindungen irritieren lassen, die vom Körper und nicht von der Seele her stammten. Descartes beschrieb bereits die Vision, dass der Prozess des Erkennens grenzenlos fortschreiten und bis zur Annäherung an göttliche Vollkommenheit führen könne. Vor den Augen stand jedoch immer nur die eine Seite des Göttlichen, nämlich Allwissenheit und Allmacht. Die andere Seite - Güte, Liebe, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Versöhnung blieb ausgegrenzt, weil sie zu einem Rückfall in mittelalterliche Ergebenheit, Ehrfurcht, Hilflosigkeit und Ohnmacht einzuladen schien. Der im Bunde mit der Naturwissenschaft vorherrschende Bemächtigungswille sorgte somit zur Unterdrückung und Abspaltung derjenigen psychischen Merkmale, die dem Aufstieg zur machtvollen Selbstvergöttlichung des Individuums hinderlich schienen.

Ich habe den aus der Psychiatrie herrührenden Terminus der Manie gewählt, um die Maßlosigkeit des Anspruchs zu kennzeichnen, der von der Illusion geleitet wird, am Ende winke eine gottähnliche absolute Unabhängigkeit bzw. Ungebundenheit. Immer wieder gab es allerdings auch Zwischenphasen, in denen bedeutende Denker Gehör mit der Feststellung fanden, dass der Zusammenhalt menschlicher Gemeinschaften sozialer Antriebe bedürfe, ohne die keine gerechte gesellschaftliche Ordnung möglich sei. Rousseaus Sorge war, dass der Fortschritt die Menschlichkeit der Herzen ersticke. David Hume bemühte sich, mitmenschlichen, sympathischen Gefühlen als ursprünglichen Motiven moralischen Handelns Anerkennung zu verschaffen. Sogar Adam Smith, Erfinder der liberalen Marktwirtschaft, pries in einem großen Buch über die "Ethischen Gefühle" die Benevolence und die Sympathie als Gegenkräfte gegen überwuchernde selbstsüchtige Interessen. Auf das Entschiedenste bestand dann Schopenhauer darauf, dass allein Mitleid das Fundament für Gerechtigkeit lege. Keiner pochte so entschieden wie er auf das Mitleid als ethisches Grundmotiv. Allerdings sah er darin wiederum vorrangig eine Qualität der Frauen, denen er genau so wenig wie später Freud zutraute, im kulturellen Prozess zur Übernahme verantwortlicher kultureller Aufgaben zu taugen.

Der folgende beispiellose Aufschwung der Technik wurde dann aber als wunderbare Bestätigung des männlichen Bemächtigungswillens erlebt. Man feierte Nietzsche, der im Bilde des Übermenschen dem Traum der Selbstvergöttlichung Gestalt gab. Dazu passte es, dass Nietzsche die vermeintlich entmännlichenden Gefühle, an der Spitze das Mitleid, in Grund und Boden verdammte. Den Schwachen gebühre kein Beistand. Sie sollten zugrunde gehen. Mitleid sei Gift, weil es erhalte, was zum Untergang reif sei. Der Gute sei der letzte Mensch, die schädlichste Art Mensch. Den Guten habe sich der Mensch des Ressentiments ausgedacht. Das schrieb der Mann in den Jahren einer sehr schmerzhaften Krankheit, in denen er sein eigenes Leiden und sein Mitleiden mit sich selbst niederkämpfte. Aber seine Ethik entfaltete über zwei Jahrhunderte eine gewaltige Wirkung. Und sie lebt bis heute fort, etwa, wie gezeigt, als Waffe gegen europäische oder europhile Weichlinge.

Allerdings hat die technische Entwicklung geholfen - sofern man es so zu nennen wagt, die Versuchung zum Mitfühlen und Mitleid ohnehin sehr zu dämpfen. Die nach wie vor in Tausenden von Nuklearwaffen gespeicherte massenmörderische Gewalt ist unsichtbar, und das voraussehbare Leiden der angezielten potentiellen Opfer ist nicht vorausfühlbar. Die Kampfflieger, die in unerreichbarer Höhe mit Knopfdruck Bomben oder Raketen ausklinken, sehen nichts von den zerfetzten und verstümmelten Menschen. Sie hören keine Schreie. Der Krieg ist nur noch selten ein Kampf, eher eine Hinrichtung durch Männer, die aus weiter Ferne in Flugzeugen oder auf Kriegsschiffen den Tod bringen. Überdies sorgen die überwachten Medien seit Vietnam dafür, dass nur solche Grausamkeiten abgebildet werden dürfen, die der Gegner verübt.

Joseph Weizenbaum spricht von der riesigen psychologischen Distanz, die wir neuerdings zwischen unserem Tun und dessen Auswirkungen herstellen können. Wir können Brutalitäten planen und verüben, ohne davon das Geringste zu spüren. Das ist u.a. auch ein "Erfolg" der Computer-Wissenschaft. Und es ist nur symptomatisch, dass das bedeutendste Technik-Forschungszentrum der Welt, das MIT, sein Wissen immer zuerst seinem Hauptsponsor, dem Pentagon, zur Verfügung stellt. Man kann es als Triumph des Bemächtigungswillens ansehen, dass er seinen gefährlichsten Gegenspieler, die soziale Sensibilität, mit den neuen technischen Mitteln betäuben kann. Aber was da unterdrückt wird, ist das psychologische Immunsystem, das zur Abwehr einer furchtbaren gemeinsamen Selbstbedrohung unerlässlich ist.

So ist es wohl kaum übertrieben zu behaupten, dass die heute gefährlichste Verdrängung genau die Sensibilität betrifft, die allein imstande ist, den weiteren Absturz in eine letztlich tödliche Dehumanisierung aufzuhalten. Und die Psychoanalyse kann sich durchaus dafür zuständig fühlen, zur Aufklärung dieses fatalen gesellschaftlichen Abwehrvorganges beizutragen. Psychoanalytiker, Psychiater und andere Mediziner aus vielen Ländern hatten sich Anfang der 80er Jahre vereint, um dem atomaren Rüstungswettlauf mit Aufklärung über die unübersehbaren medizinischen Folgen atomarer Katastrophen entgegenzutreten. Die Menschen sollten wissen, dass die Medizin in diesem Fall hilflos sei. Man warf uns vor, Angst zu verbreiten. Aber genau das wollten wir, nämlich die Menschen fühlen zu lassen, was ihnen drohte, und ihnen klar machen, dass sie die Verantwortung dafür mittrugen, die Abschreckungsdrohung im Ernstfall möglicherweise wahrmachen zu müssen.

Wir Psychoanalytiker wissen allerdings, dass mit moralischen Appellen nichts zu erreichen ist. Es lässt sich Verdrängtes nicht bewegen, das sich nicht schon spontan rührt. Aber wenn sich etwas rührt, kann man nachbohren. Zum Beispiel, wenn man spürt, dass es Mühe macht, gewisse peinliche Erinnerungen niederzuhalten. Wir Deutschen können, selbst wenn wir es wollten, nicht der Erinnerung an die Schrecken zweier verschuldeter Weltkriege und des Holocaust entkommen. Die Jugend strömt in Massen zu Filmen wie "Schindlers Liste" oder "Der Pianist", auch in die Ausstellung über die Wehrmachtsverbrechen, und erfährt darin Wichtiges über ein beunruhigendes geistiges Erbe, das in den Familien vielfach verheimlicht wurde. Die Jugendlichen spüren durch die Filme Entsetzen, Scham, Mitgefühl - aber auch ein Stück Hoffnung, dass selbst unter der Drohung der schlimmsten Barbarei die Menschlichkeit eine Chance hat. Wenn die gemeinsame schlimme Vergangenheit in diesem Land eine besondere Ideosynkrasie gegen kriegerische Gewalt hinterlassen hat, so ist das, meine ich, überhaupt nicht beschämend, und dafür muss sich kein Kanzler entschuldigen.

Die Geschichte der Amerikaner ist eine andere. Sie haben entscheidend mitgeholfen, die Welt vom Naziterror zu befreien. Sie waren ein großes Bollwerk gegen den Stalinismus. Aber auch sie haben Schuld zu tragen: Hiroshima mit über 200.000 Opfern; Vietnam, wo das versprühte Dioxin der Menge nach ausgereicht hätte, die gesamte Menschheit zu vergiften. Vietnam bereitete ihnen eine kurze moralische Krise, so dass sie einen Läuterer suchten und den frommen Jimmy Carter als Präsidenten fanden, der ihnen ausgerechnet jetzt, am Rande eines Irak-Krieges, wie ein Mahnmal als Nobelfriedenspreisträger vorgehalten wird. Aber um alles in der Welt wollen sie Hiroshima als ruhmwürdiges Heldenstück hochhalten. Eine zum 50. Jahrestag des Bombenabwurfs im Smithonian-Museum in Washington geplante große Ausstellung, die zwar patriotisch ausgerichtet sein, aber auch die Zerstörungen und die Wirkung auf die Menschen zeigen sollte, wurde auf großen Druck hin verboten. Noch immer darf nicht besichtigt werden, was damals angerichtet wurde. Aber Kritiker geben keine Ruhe. Das Buch des Psychiaters Robert J. Lifton "Hiroshima in America" hat die Verdrängung wieder gestört.

Ich habe, wie manche sich vielleicht erinnern, einmal ein Buch mit dem Titel geschrieben: "Wer nicht leiden will, muss hassen". Man könnte auch hinzufügen: "Wer nicht mitleiden will, muss hassen." Er muss die anderen hassen, die noch mitleiden können, weil sie ihm wie ein strafender Vorwurf entgegentreten. Der Hass als Abwehr von Schuldgefühl liegt immer bereit, seitdem der Bemächtigungswille seine Hemmungen abgestreift hat. Dennoch bleibt der Hass immer ein wenig von Angst gefärbt, muss es auch bleiben, denn das Leiden bleibt eine Farbe des Lebens, die sich nicht tilgen lässt, und dies umso weniger, je höher man sich über die anderen erhebt. Das entspricht wiederum dem Verhängnis der Manie, die ständig am Abgrund der Depression und des Selbsthasses wandelt.

Nun gab es den 11. September. Der hat zwar nicht die Welt verändert, aber er hat genau dasjenige egomanische Weltbild als Illusion entlarvt, das den hektischen Wettlauf in unserem System unerbittlich antreibt. Es gibt die grandiose Freiheit nicht, die mit der erreichten Beinahe-Omnipotenz verbunden sein sollte, deren sich die alles überragende Hegemonialmacht schon fast sicher zu sein glaubte. Ein paar fast unbewaffnete Terroristen vermochten in dem Land der stärksten Wirtschaft, der höchsten Rüstung, der fortgeschrittensten Technik und des teuersten Spionagesystems die Symbole der wirtschaftlichen und der militärischen Macht vernichtend zu treffen. Alle je errungenen Siege als scheinbare Beweise unüberwindbarer Stärke konnten und können nicht das Mindeste an eigener Verletzbarkeit ändern, weil es die erstrebte Unabhängigkeit nicht gibt. Somit bleibt die Verletzlichkeit immer erhalten, was auch Israel zu spüren bekommt, das mit eskalierender militärischer Gewalt nur neuen terroristischem Hass und neuen Selbstmord-Anschlägen den Boden bereitet.

Das hat der amerikanische Politikwissenschaftler Benjamin Barber seinem Präsidenten nach dem 11. September klar machen wollen, als er ihm schrieb: "Der Terrorismus ist nur die negative und verzerrte Form der wechselseitigen Abhängigkeit, die wir in der positiven und nützlichen Form nicht anzuerkennen bereit sind." Der Satz enthält die unerhörte Aufforderung zu einer Einsicht, die in Wahrheit ganz simpel und banal ist, stände ihr eben nicht der neuzeitliche Glaube an die erreichbare Allmacht durch überlegene Stärke entgegen und als Grundlage dafür das wahnhafte Selbstbild eines männlichen Ego, das sich zu unumschränkter Autonomie erheben zu können glaubt.

* * *

Erlauben Sie mir, m.D.u.H., die kurze Abschweifung zu einer autobiographischen Erfahrung, die mich Schritt für Schritt zum Zweifel an solchen Visionen geführt hat. Als ich vor genau einem halben Jahrhundert als Leiter einer Beratungs- und Forschungsstelle für seelische Störungen im Kindes- und Jugendalter in Berlin meine Arbeit begann, fand ich bald bestätigt, was ich als junger Psychoanalytiker gelernt hatte und weiter lernte. Nämlich, dass die psychischen und oder psychosomatischen Störungen von Kindern ganz überwiegend mit unbewussten Konflikten zusammenhingen. Aber diese Konflikte konnte ich fast immer nur verstehen, wenn ich näher untersuchte, wie das jeweilige Kind in das Netzwerk der Familie oder zumindest der Mutter-Kind-Beziehung verstrickt war. Was liefen da für Dialoge ab? Wie verknüpften sich Ängste, Sehnsüchte, Trotz, Machtwünsche, Eifersüchte, Racheimpulse untereinander? Wie passten die Symptome der Kinder zu den durchschaubaren familiären Dramen? So gelangte ich ganz unplanmäßig zu einer Revision des klassischen Bildes von einem individuell abgekapselten psychischen Apparat, für dessen Entwicklung sich das Kind der Außenwelt mehr oder weniger erfolgreich bemächtige, um seine innere Struktur auszubilden. Vielmehr stützte ich mich bald mehr auf die ungarische psychoanalytische Schule, die von Geburt an die Gegenseitigkeit allen psychischen Geschehens betonte. Und ich sehe mich nahe bei Norbert Elias, der sich wunderte, dass wir unter "Ich" etwas von allen Menschen und Dingen "draußen" Abgeschlossenes verstehen, also den Menschen als einen "Homo clausus" und nicht als eine offene Persönlichkeit, die zwar eine gewisse Autonomie erreichen kann, aber zeitlebens auf andere Menschen ausgerichtet und angewiesen bleibt. Von meinen ersten Büchern der 60er Jahre an, es waren: "Eltern, Kinder und Neurose" und "Patient Familie", verfolgte ich diese Spur und entdeckte, wie von Müttern, Vätern, Schule die Machtkämpfe unseres Systems frühzeitig in die Psyche der Kinder eindringen und in ihnen Barrieren gegen die Anderen und im eigenen Inneren Scheidewände gegen das Andere errichten, insbesondere bei den Jungen. Das innere Andere ist dann das, was schon früh als Potenzbedrohung gefürchtet wird, nämlich das Schwache, die Anhänglichkeit, das Angewiesen-Sein, die Gebundenheit.

In den 70er Jahren suchte ein Großteil der studentischen Jugend genau dieses Andere. Sie gingen in die Jugendheime, Jugendgefängnisse und Obdachlosen-Gettos, zu den psychisch Kranken, und viele brachen in die Dritte Welt auf, um die Benachteiligten zu unterstützen - aber auch in sich selbst das Andere zu integrieren. So wie sie sich gegenüber den Schwachen nicht als Retter von oben her näherten, sondern sich in Ebenbürtigkeit bewähren wollten, so wollten die jungen Männer auch ihre inneren passiven Bedürfnisse und ihre Empfindsamkeit offen ausleben. Eine Idee stand über allem: Wir können uns nicht als Einzelne, sondern nur gemeinschaftlich emanzipieren und unsere Kultur humanisieren. So schossen Selbsthilfegruppen, politisierte Wohngemeinschaften, Eltern-Kindergruppen wie Pilze aus dem Boden. Paar-, Familien- und Gruppentherapie blühten auf. Sorgen um andere, Gemeinschaftsfähigkeit, Integration Fremder, Verantwortungssinn wurden Kriterien von psychischer Gesundheit. Von der Psychoanalyse wurde Hilfe gesucht, aber weniger von der Psychoanalyse des Narzissmus und von der Therapie des hungernden Selbst, sondern vor allem von den neuen Erkenntnissen über unbewusste Interaktions- und Gruppenprozesse.

Es war jedoch nur ein kurzlebiger Aufstand gegen die eingewurzelte Ideologie der Egomanie und deren Durchdringung der neoliberalen Strukturen. Der mörderische atomare Wettlauf des Kalten Krieges, den selbst der UN-Generalsekretär einen Wahnsinn nannte, legte sich wie ein eisiger Nebel über die Euphorie des Sozialen. Einige Reformmodelle hielten sich. Mehrheitlich setzte indessen eine große Rückwärtsbewegung ein. Und nicht wenige aus der sozialen Avantgarde begruben eilig ihre Ideale und fanden, um nicht leiden zu müssen, die Zuflucht zu dem Trick mit den sauren Trauben.

Heute ist üblich zu denken: Was gescheitert ist, war falsch. Wer siegt, liegt richtig und hat Recht. Tatsächlich war vieles, was in jener Aufbruchphase probiert wurde, übertrieben, überstürzt und unausgegoren. Das Ziel war der Aufschwung auf eine Stufe von höherem erwachsenen Verantwortungssinn. Aber die Kraft und die Besonnenheit reichten nicht aus, um den Anspruch zu erfüllen. Dennoch haben die Experimente eine Entdeckung zu Tage gefördert, die kaum mehr ausgelöscht werden kann. Nämlich die Möglichkeit, ein Bewusstsein von Gemeinschaftlichkeit und Bescheidenheit zu entwickeln, das die falsche Idealisierung von Machtwillen und die falsche Entwertung von Sensibilität überwindet. Richard Rorty, der bekannte amerikanische Philosoph, hat die provokante These aufgestellt, die ich als Motto für mein neues Buch übernommen habe:

"Der moralische Fortschritt ist davon abhängig, dass die Reichweite des Mitgefühls immer umfassender wird. Er ist nicht davon abhängig, dass man sich über die Empfindsamkeit erhebt und zur Vernunft vordringt."

Empfindsamkeit und Mitfühlen, das klingt unpolitisch. Man denkt an Mutter Theresa oder an Prinzessin Diana. Aber niemand wird einen Nelson Mandela, der einmal Anführer einer terroristischen Organisation war, unpolitisch nennen, weil der Antrieb zu seiner einzigartigen Versöhnungspolitik aus seinem Glauben an die Überwindbarkeit von Gewalt durch Menschlichkeit herrührte. In 27 Jahren Kerkerhaft hat er in eigenem Leiden und im ohnmächtigen Miterleben der Gräuel der Apartheid gelernt, den blutigen Rachefeldzug zu verhüten, den alle Welt als unvermeidlich erwartet hatte. Der Widerständler Willy Brandt nannte seine Politik gelegentlich eine Politik der Compassion und meinte damit seinen Beweggrund zum Kampf für soziale Gerechtigkeit und Frieden. Woher rührt in einer christlichen Kultur die Angst, sich zu derjenigen Disposition in unserem Innern zu bekennen, von der unsere Humanität und letztlich unser Streben nach Gerechtigkeit abhängt?

Die Angst stammt wohl genau aus der Stigmatisierung der Gefühle und der Gesinnung, die einst das Christliche bestimmten, an deren Stelle nun der Anspruch auf egomanische Selbstbefreiung getreten ist, der z.B. die führende westliche Nation bestärkt, ungeniert aus dringenden Gemeinschaftsverpflichtungen auszuscheren, etwa aus einer verbindlichen Klimakonvention oder aus der Unterwerfung unter einen internationalen Strafgerichtshof zum Schutz der Menschenrechte. Damit droht nun das Abgleiten in eine gefährliche imperiale Weltordung. Andererseits gibt es dagegen vorläufig nur schwachen Widerstand, eben weil die Erringung von Ungebundenheit durch überlegene Stärke auf der Linie eines immer noch tragenden westlichen Irrglaubens liegt. Der ermächtigt nach wie vor zu fortwährenden Spaltungen der Welt, um im Namen des Guten über das Böse siegen zu können, was irgendwann aber in ein Sich zu Tode Siegen einmünden muss, etwa nach dem Muster der Gewaltkette in Israel-Palästina.

M.D.u.H. Ist eine andere Welt möglich? Zu dieser Frage habe ich Sie in diesen Vortrag gelockt. Aber ich hatte schon anfangs gesagt, dass ich mich darauf konzentrieren würde, nach demjenigen Verdrängten zu suchen, dessen Befreiung momentan vordringlich zu wünschen wäre. Dabei bin ich auf verschiedene Abwehrformen gestoßen, gegen die sich der derzeit herrschende Kriegsgeist bisher noch behaupten kann: Das ist u.a. die technische Verschleierung von Brutalität, es ist die ideologische Stigmatisation von Empfindsamkeit, die aggressive Leidensabwehr nach dem Muster: Wer nicht leiden will, muss hassen. Aber es erwies sich, dass die Wurzeln eines fatalen einseitigen Bemächtigungswillens sehr tief reichen, weil dieser unterdrückten Bindungsgefühlen abgerungen ist, die wiederum als Rückfall in Ohnmacht und Unmündigkeit gefürchtet werden. Andererseits bedürfen gerade diese Bindungsgefühle der Rehabilitation mit Hilfe der Wandlung eines individualistischen Menschenbildes zum Bild von Menschen, die von Geburt an aufeinander bezogen und in übergreifende Generationenzusammenhänge eingebunden sind.

Auf die Frage, ob eine andere Welt möglich sei, müssen wir wohl in Anlehnung an Freuds Sorge von 1930 feststellen, dass die Steuerung der Welt zur Zeit immer noch auf die sich vergrößernde Gefahr einer gemeinsamen Selbstzerstörung hinausläuft. Also muss die Welt anders gemacht werden. Und da regen sich ja nun auch aus der Mitte der Gesellschaften Kräfte, die so etwas im Sinne haben.

Ich habe bewusst im Titel meines Vortrages Bezug auf das Motto genommen, unter dem sich die globalisierungskritische Bewegung attac in Deutschland gegründet hat. Nämlich: "Eine andere Welt ist möglich". Ich freue mich über den Mut und das umfassende Verantwortungsbewusstsein dieser wachsenden internationalen Bewegung und unterstütze sie gern. Sie repräsentiert zumindest einen wichtigen und mutigen kreativen Ansatz, der mir einleuchtet. Die Frage nach dem Möglichen verlangt indessen zuallererst immer eine Antwort nach dem eigenen Engagement, an dem Möglich-Machen persönlich praktisch mitzuwirken. Da kann ich selbst mit meinen nachlassenden Kräften nicht mehr viel bieten, nur noch eine bescheidene Aktivität in der Friedensarbeit der Ärzte für Frieden und soziale Verantwortung. Immerhin ist und bleibt diese Aufgabe ein Kernstück im Programm für eine Veränderung der Welt, entsprechend dem Satz von Willy Brandt: "Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts."

Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Erscheinungsdatum 04.12.2002
siehe auch:
- Nachruf Horst-Eberhard Richter – Der Therapeut der Republik (Jan Feddersen, taz, 20.12.2011)
- "Unübersehbare Folgen für die Kultur des Friedens" (im Interview mit Christina Matte, Neues Deutschland, 15.09.2001, gefunden bei Friedenskooperative)
- Horst-Eberhard Richter zwischen Mord und Krieg (Nichtidentisches, 09.11.2007)

Stuart, der Salsa-tanzende Hund



für D., den Salsa-Fan
(Video gefunden bei Meerschweinchenreport)