Sonntag, 27. Januar 2019

Gelbwesten: Das elfte WE in Folge, postfaktische Teilnehmerzahlen, Mißhandlungen und ein Beispiel rar gewordener sozialer Intelligenz

"Acte XI": Offizielle Teilnehmerzahlen markieren einen Rückgang. Die schwere Verletzung einer bekannten Persönlichkeit, die sich für Pazifismus einsetzte, allem Anschein nach durch Polizeigewalt, steigert die Empörung

So leicht lassen sich die "Figuren der alten Welt" (Eric Drouet) nicht von der Macht entfernen. Die Bewegung der Gilet jaunes stößt an Grenzen, nun kommt es darauf an, mit welchen Einfällen sie die Regierung aufs Neue aus der Balance bringen kann, um politische Legitimation für weitergehende Forderungen zu haben. Dass die Zeit für Präsident Macron abgelaufen ist, wie es die Proteste postulieren, dient im Augenblick vor allem der Autosuggestion. Realistisch ist es nicht.

Landesweit 69.000 Teilnehmer am gestrigen "Act XI" der Gilet jaunes, dem elften Protestsamstag in Folge, zählte das französische Innenministerium. Das sind weniger als am Wochenende zuvor, wo die Regierung von 84.000 Teilnehmern gesprochen hatte. Es gibt aber auch ganz andere Zahlen. Wie stets gibt das Syndicat France Police - Policiers en Colère eine weitaus höhere Schätzung, nämlich 330.000, für den gestrigen Samstag, 19 Uhr 30, bekannt.

Zu überprüfen ist das schwerlich. Wer hat schon die Übersicht, um zu ermitteln, wie viele Personen in Gelben Westen sich an Orten in ganz Frankreich getroffen haben? Das sei nicht leicht, heißt es in einer Leser-Zuschrift an Le Monde, weil sich die Demonstranten auch immer wieder die Gelben Westen ausziehen würden.

Die Zeitung antwortet mit dem Verweis darauf, dass man sich an die Angaben des Innenministeriums halte, weil damit doch immerhin eine Vergleichsreihe gegeben sei, die bis zum ersten Protestsamstag am 17. November vergangenen Jahres zurückreiche, und weil sie sich auf Zahlen der jeweiligen Präfekturen gründen. Allerdings ist es wohl auch naiv anzunehmen, dass die Präfekturen völlig korrekt arbeiten. Es steht einiges auf dem Spiel. Die Legitimation in der Demokratie hat viel damit zu tun, wer die größere Zahl hinter sich weiß. Macron verweist auf seine Wähler, die Gilet jaunes auf ihre Unterstützer, die sie mobilisieren können.

Auch wenn aus den Reihen der Organisatoren andere Zahlen kommen, die Mobilisierung gestern wird den Gelben Westen keine zusätzliche politische Wucht eingebracht haben. Das Projekt eines Protestes, der in der Nacht fortgesetzt wird, nach dem Vorbild der Nuit débout-Proteste im Jahr 2016, steht noch am Anfang. Gestern hatte die Polizei offenbar wenig Mühe, das Gros der Teilnehmer von der Place de la République zu vertreiben und sie in der Metro daran zu hindern, dass sie in großen Mengen zurückkommen.

mehr:
- Gelbwesten: An der Grenze (Thomas Pany, Telepolis, 27.01.2019)
siehe auch:
- Gilets jaunes leader hit in eye during protest 'will be disabled for life' (Kim Willsher, Guardian, 27.01.2019)
- Yellow vest protester seriously wounded in Paris during 11th week of marches (Sandrine Amiel, Kara Fox, CNN, 27.01.2019)
- Wieder Massenproteste der „Gelbwesten“ in Frankreich (Handelsblatt, 26.01.2019)


Jérôme Rodrigues blessé à un œil pendant un live Facebook (Gilets Jaunes Acte 11) - Vidéo insolite



Un journaliste malmené par des CRS (Manifestation #JusticePourTheo) - Insolite



Un motard de la police dégaine son arme face aux Gilets Jaunes (Paris) - Zapping Vidéo



Gilet Jaune vs Flash-ball (Paris) - Zapping Vidéo


siehe dazu auch:
- GdP NRW: Einsatz von Gummigeschossen ist unverantwortlich (Gewerkschaft der Polizei, Bundesvorstand, 05.06.2012; Zitat:)
»Wer Gummigeschosse einsetzen will, nimmt bewusst in Kauf, dass es zu Toten und Schwerverletzten kommt. Das ist in einer Demokratie nicht hinnehmbar. […] Unser Rechtsstaat muss wehrhaft sein, aber die Polizei darf dabei nicht bewusst den Tod von Menschen im Kauf nehmen.«
[GdP-Landesvorsitzender Frank Richter]
==========
Die Schweizer Vereinigung unabhängiger Ärztinnen und Ärzte forderte ein Verbot der Munition. Seit September 2013 steht der Einsatz von Gummigeschossen schweizweit erneut in der Kritik, als eine Neunzehnjährige während Ausschreitungen zwischen Polizei und Demonstranten in Winterthur nach eigener Aussage am Auge getroffen wurde und über 80 % der Sehkraft verlor, während sie sich hinter Autos in Sicherheit bringen wollte.[7][8][9] Die Jungen Grünen forderten als Folge ein Verbot von Gummigeschossen.[10]
[Gummigeschoss, Kritik, Wikipedia, abgerufen am 27.01.2019] 
==========


La matraque facile - Vidéo



La police oblige un photographe à effacer ses photos - Zapping Vidéo


Jérôme Rodrigues témoigne à BFMTV: "J'ai été visé délibérément" {3:03}

BFMTV
Am 27.01.2019 veröffentlicht 
Jérôme Rodrigues est l'une des figures du mouvement. Ce proche d'Éric Drouet a été blessé place de la Bastille samedi soir lors d'un rassemblement des gilets jaunes. Il a été gravement touché à l'oeil.

So geht’s auch:

Des CRS retirent leur casques face aux gilets jaunes (Pau) - Vidéo


siehe auch:
- »Ich sehe Mistgabeln« – Menschen ohne Ansprechpartner (Post, 23.01.2019)
Gelbwesten: Prinzipielle Ablehnung einer Parteigründung (Thomas Pany, Telepolis, 25.01.2019)
Gelbwesten zur Europawahl – Macron winkt ein zweiter Frühling (Judith Görs, n-tv, 25.01.2019)
Gelbwesten: Der Protest und die inszenierte Debatte (Thomas Pany, Telepolis, 21.01.2019)
13 janvier 2019 : La Lettre d’Emmanuel Macron aux Français (H. Wittmann, France-BlogInfo, 13.01.2019)
- Jahier über Gelbwesten-Proteste: „Fehler einer losgelösten politischen Elite“ (Florence Schulz, Euractiv, 21.12.2018)
- Gelbwesten Proteste 2018 (BessereWeltLinks)

Ingrid Levavasseur, Botschafterin von unten

Porträt Ingrid Levavasseur gehört zu den bekanntesten Gelbwesten in Frankreich – aber sie repräsentiert sie nicht 

Mit ungeahnter Beharrlichkeit protestieren sie weiter. An Hunderten Kreisverkehren in der Provinz und in den großen Städten. Fast drei Monate dauert er nun an, der Aufruhr der Gelbwesten gegen die Politik Emmanuel Macrons – und auch gegen ihn selbst, gegen Jupiter höchstpersönlich. Doch allein die Bezeichnung „Gilets jaunes“ zeigt schon die Schwierigkeit, eine Bewegung treffend zu beschreiben, deren primäres Erkennungsmerkmal das Tragen einer gelben Warnweste ist. Ein Graus nicht nur für Journalisten, sondern auch für Repräsentanten der Regierung, die nicht wissen, mit wem und worüber sie verhandeln sollen, oder zumindest für ein versöhnliches Foto posieren, um den aufrührerischen Geist zu besänftigen. Nur wenige Führungsfiguren waren anfangs bekannt genug, um als legitime Vertretung der Bewegung wahrgenommen zu werden. Da gab es Priscilla Ludosky, die die wichtige Online-Petition gegen die Benzinpreiserhöhung ins Leben gerufen hatte. Und da gab es Jacline Mouraud, Gelbweste der ersten Stunde, deren energisches Anti-Macron-Video tausendfach geklickt wurde und Likes erntete. Aber die Medien suchten weiter die eine Stimme der Bewegung. Ein Gesicht musste her.
mehr:
- Botschafterin von unten (Romy Straßenburg, der Freitag, 27.01.2019)