Freitag, 29. März 2013

Heute vor 40 Jahren – 29. März 1973: Abzug der letzten US-Truppen aus Vietnam

Raus aus der Apokalypse 

 Am 27. Januar 1973 schlossen die USA, Süd- und Nordvietnam sowie die Guerillaorganisation Vietcong ein Waffenstillstandsabkommen. Es forderte die sofortige Einstellung der Kampfhandlungen und den Abzug sämtlicher amerikanischer Truppen binnen 60 Tagen, die Freilassung aller Kriegsgefangenen und die Anerkennung der entmilitarisierten Zone als provisorische Grenze. Für US-Präsident Richard Nixon bot sich damit die Gelegenheit, die seit 1965 aktiv an dem Krieg beteiligten US-Streitkräfte aus Vietnam abzuziehen, ohne das Gesicht zu verlieren. 
Mahnmal für Vietnamveteranen in Washington, DC, 1984

Die letzten US-Truppen zogen heute vor 40 Jahren aus Vietnam ab. In dem verlustreichen Krieg wurden rund 200.000 südvietnamesische und 56.000 amerikanische Soldaten sowie 5000 Angehörige der SEATO-Verbände getötet, auf kommunistischer Seite forderte der Krieg 920.000 Soldatenleben. Darüber hinaus gab es erschreckend viele zivile Opfer: In Nordvietnam starben 350.000 Zivilisten, in Südvietnam 450.000. Getötet wurden sie vor allem durch die Flächenbombardements der US-Luftwaffe, die ganze Landstriche entvölkerten.   

SEATO
South East Asia Treaty Organization (1955-1977)
Vertrag zwischen Australien, Frankreich (bis 1974), Großbritannien, Neuseeland, Pakistan (bis 1972), den Philippinen, Thailand und den USA
garantierte im Fall eines bewaffneten Angriffs gegenseitige Verteidigungshilfe


Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2013 


Tote:
amerikanischer Bürgerkrieg: 600.000
1. Weltkrieg: 10.000.000
2. Weltkrieg: 63.000.000

Donnerstag, 28. März 2013

Geschichtsfrage: preußisches Regulativ

Was verbot das »preußische Regulativ« von 1839? 

■ Die Kinderarbeit in Fabriken 
■ Den Verkauf von Grundbesitz an Nicht-Preußen 
■ Das Waffentragen in der Öffentlichkeit

Mittwoch, 27. März 2013

Heute vor 55 Jahren – 27. März 1958: Nikita Chruschtschow wird Regierungschef

Ein Mann geht seinen Weg 

 Als Josef Stalin 1953 starb, entbrannte im Kreml der Kampf um die Macht. Letztlich setzte sich Nikita Chruschtschow (1894-1971) durch; heute vor 55 Jahren, am 27. März 1958, wurde er Ministerpräsident der Sowjetunion.

Nikita Chruschtschow bei einer Ansprache auf dem 5. Parteitag der SED in Berlin, DDR, 1958
Bis dahin gab es eine kollektive Führung der KPdSU, da niemand über genug Autorität verfügte, allein die Nachfolge Stalins anzutreten. Chruschtschow erlangte den Posten eines Sekretärs im Zentralkomitee (ZK), zum Ministerpräsidenten und Ersten Parteisekretär avancierte Georgi Malenkow. Da dieser in Partei und Armee wenig Rückendeckung genoss, gelang es Chruschtschow, ihn aus seinen Ämtern zu verdrängen: Im September 1953 wählte das ZK Chruschtschow zum ersten Parteisekretär, Malenkow blieb nur noch Ministerpräsident. Und Chruschtschow baute seine Position stetig aus. So nutzte er Malenkows gescheiterte Wirtschaftsreformen, um ihn öffentlich anzugreifen. Im Februar 1955 trat Malenkow auch als Ministerpräsident zurück. Fortan teilten sich Chruschtschow und Nikolai Bulganin diesen Posten. Doch am 27. März 1958 stürzte der neue starke Mann auch Bulganin und übernahm das Amt des Ministerpräsidenten. Wie einst Stalin vereinte er nun das höchste Partei- und Staatsamt in einer Person.

Was am 27. März noch geschah: 
1955: In Ostberlin findet die erste Jugendweihe als sozialistisches Gegenstück zu Konfirmation und Firmung statt.

Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2013 

Freitag, 15. März 2013

Chefs im Stress

Angesichts der aktuellen postkapitalistischen Entwicklung hat sich der Ulmer Neuropsychiater Manfred Spitzer in seinem letzten Editorial der Zeitschrift Nervenheilkunde mit der Korrelation zwischen Stress und der Position in sozialen Hierarchien auseinandergesetzt.

- Der Chef im Stress? (Nervenheilkunde 3/2013) 

Links zu weiteren Aufsätzen von Manfred Spitzer hier

Donnerstag, 14. März 2013

Wir geben ihnen Macht 1

Kaum also ist der Papst gewählt, überschlagen sich alle möglichen Leute, alles Mögliche für wichtig zu erklären und zu kommentieren. Immer wieder ist dabei von Erwartungen zu hören, von Hoffnungen, von schwierigen Aufgaben, von einem Übergangspapst, sogar von einer Übergangszeit. Sicher ist ein Faszinosum dieses Amtes des Stellvertreters Christi auf Erden die Konstanz in einer sich immer schneller verändernden Welt. Wenn Angela Merkel innerhalb weniger Wochen erst aus dem Atomausstieg aussteigt und dann wieder aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aussteigt, und dies dann aber auch wiederum so, daß der Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg rechtlich angreifbar ist und möglicherweise einer erneuten 180-Grad-Kehre eine Hintertür offen läßt, erzeugt dies zwangsläufig Desorientiertheit, und ich wage zu behaupten: auch bei ihr selbst.

Rechtschreibreformen zum Beispiel oder neue Mitgliedschaften im Euro-Raum werden einfach durchgedrückt.
Kriege werden angezettelt mit Begründungen, die kein normaler Mensch glauben mag.
In schneller Folge werden immer neue Rettungsschirme aufgespannt. Die Wirtschaft galoppiert den Staaten davon, Börsengeschäfte werden vercomputerisiert im Millisekundentakt getätigt, ohne daß die Geldgeber oder Geldmanager die geringste Ahnung haben, was sie da eigentlich tun.
Die Wirtschaftseliten verdienen prozentual immer mehr, während sie in immer ausgefeilteren Taktiken die Risiken ihres Handelns der Allgemeinheit aufbürden.
Die gesamte deutsche Ärzteschaft muß neue Chipkartenlesegeräte anschaffen, ohne daß bis heute klar gesetzlich geregelt ist, was auf den zu lesenden Chipkarten gespeichert werden darf. (Dabei geht es mir nicht um die Ärzte! Es soll ein Beispiel dafür sein, wie intelligente Eliten zu unsinnigem Handeln gezwungen werden können.)
Neue Technologien wie Nano-Technologie oder Gen-Technik (oder auch das Fracking) fallen über uns her, ohne daß der Staat dies – wie bei der Arzneimittelzulassung – erst einmal zu prüfen imstande oder auch nur gewillt ist.
Die Liste ließe sich noch um einiges verlängern.
Auf die immer selbstverständlicher werdende Pervertierung der Sprache möchte ich besonders hinweisen: Wenn in den 70ern aus der Putzfrau die Reinigungskraft wurde, hat man das ja noch schulterzuckend zur Kenntnis genommen. Heute werden Arbeiter freigesetzt (= entlassen), oder bei Stuttgart 21 ergibt sich eine milliardenschwere Negativverzinsung (= Schulden), politisches Handeln wird in der Ära Merkel immer öfter als »alternativlos« abgeblockt.

All dies erzeugt Verunsicherung. Jede Desorientiertheit und Verunsicherung erzeugt einen Bedarf nach Sicherheit und Orientierung, nach Erklärungen, Deutungssystemen und Handlungsrichtlinien. Verunsicherungen hat es schon immer gegeben. Oben habe ich Gründe für unsere heutigen Verunsicherungen aufgeführt.

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Jedes gewollte Einwirken auf eine menschliche Seele hat nach ethischen Maßstäben zu erfolgen. Jedes Einwirken auf die Seele erzeugt ein Gefälle, Macht und Abhängigkeit. Das kann hilfreich sein. Ein Gips nach einem Beinbruch schafft Stabilität und Funktionsfähigkeit, die der verletzte Körper eine gewisse Zeit lang nicht selbst herzustellen vermag.

Zu einer meiner grundlegenden Aufgaben als Psychotherapeut gehört es, mich überflüssig zu machen. Freiheit für die Seelen, mit denen ich arbeite, ist oberstes Gebot und ist praktisch gelebte Aufklärung. Aufklärung – nach Kant – »ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.«

1. Die Charakterisierung »selbst verschuldet« ist aus psychologischer Sicht unzutreffend und der Zeit, in der Kant diesen Satz sprach und seiner mangelnden Kenntnis psychodynamischer Zusammenhänge geschuldet. Ich gehe an dieser Stelle nicht weiter darauf ein.
2. Die Abhängigkeit der Funktion des Verstandes von dem emotionalen Binnenraum, in welchem der Verstand existiert, läßt Kant außer acht.

An diesem Punkt treten »Seelenarbeiter« auf den Plan. Ob man sie Guru, Meister, Lehrer, Oberhaupt, Psychotherapeut, Pfarrer, Schamane, Philosoph oder auch »Ozean der Weisheit« (freie Übersetzung des Titels Dalai Lama) nennen mag, sie alle versuchen, mit Erklärungsmodellen, Deutungen und Bewußtmachung zu arbeiten. Sie alle versuchen – angeblich – Menschen zu helfen. (An dieser Stelle verzichte ich auch auf Überlegungen, was helfen eigentlich bedeutet.)

Für mich bedeutet Arbeit mit der menschlichen Seele vor allem die Verantwortung dafür, meinem Gegenüber Instrumente an die Hand zu geben, um aus seiner Leidenssituation herauszukommen – falls er es denn auch will. Ich bin ganz sicher, daß viele Seelenarbeiter kein Interesse daran haben, Menschen zur Freiheit zu verhelfen. Und ich bin ganz sicher: viele Patienten, die durch meine Hände gegangen sind, haben kein Interesse daran, etwas zu verändern. Unter uns Psychotherapeuten ist ganz klar: Dort, wo finanzielle oder Machtinteressen in der Beziehung zwischen »Seelenklempner« und Leidendem eine Rolle spielen, ist der therapeutische Prozeß gefährdet. Der therapeutische Prozeß ist ausgerichtet auf Kants Ziel der Aufklärung, nämlich, daß sich der Mensch seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen vermag. Dafür hat Arbeit an der Seele – im beschriebenen Fall Psychotherapie – die Voraussetzungen zu schaffen: ein seelisches bzw. emotionales Umfeld, welches die Verwendung des Verstandes – und das heißt auch Denken in alle Richtungen – ermöglicht.

Wenn ich einem Kleinkind die Hand reiche, ist das Teil eines Prozesses, der zum Ziel hat, daß das Kind selbst gehen kann. Ist das nicht der Fall, hat dieser Prozeß nicht dieses Ziel, ist diese »Hilfe« dysfunktional (wie wir heute so schön sagen). Ziel muß immer Autarkie sein. Wenn Hilfe keine Hilfe zur Autarkie ist, ist sie keine Hilfe. Manchmal ist Hilfe notwendig und oft bedeutet diese Hilfe die Auslieferung an den Helfenden (wie bei einer Operation). Aber es muß wohl nicht weiter ausgeführt werden, daß das Ziel Helfenden immer die Autarkie des Leidenden zum Ziel zu haben hat. Das ist der ethische Maßstab. Bei dysfunktionaler Hilfe muß nach unbewußten Interessen geforscht werden, die dem intendierten Prozeß der Autarkiegewinnung zuwiderlaufen.

Dysfunktionale Hilfe muß immer nach den – bewußten oder unbewußten – Intentionen von Helfendem und Leidenden fragen. Wenn ich eine schlechtgehende Praxis habe, habe ich natürlich ein Interesse daran einen Patienten noch 10 oder 20 Stunden länger in Therapie zu halten. Das mag ja noch angehen. Aber wenn im Umgang mit dem Leidenden von Seiten des Helfers eine längere oder teure Abhängigkeit hergestellt oder perpetuiert wird, ist dies nicht in Ordnung, jedenfalls nicht in der Psychotherapie. Eine Ausnahme gibt es, und die wird gleich noch wichtig werden: angeborene oder nicht korrigierbare Schäden. Meine Kurzsichtigkeit zum Beispiel wird mich bis zu meinem Tod begleiten, und ich werde immer auf entsprechende Sehhilfen angewiesen sein.

Natürlich sind die Grenzen fließend. Es gibt Analysen, die 10 Jahre dauern (Freud, Die endliche und die unendliche Analyse) und die ihre Berechtigung haben (vor allem, wenn es sich um sogenannte Frühstörungen handelt). Und ich glaube, Woody Allen war sein Leben lang in Therapie (das weiß ich aber nicht sicher). Damit es jetzt nicht zu kompliziert wird, komme ich von der anderen Seite und behaupte: Es gibt Helfer, die ein Interesse daran haben – bewußt oder unbewußt –, den Leidenden in Abhängigkeit zu halten. Und es gibt Leidende, die – bewußt oder unbewußt – ein nur begrenztes Interesse daran haben, autark zu werden. Abhängigkeit kann ein Gefühl von Orientierung und Sicherheit schaffen.

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Meine Behauptung lautet nun: Religionen verwenden Deutungs- bzw. Interpretationskonstrukte, die leidende Menschen in Abhängigkeit halten. An diesem Punkt könnte man lange über den Begriff des Leidens debattieren, das erspare ich allen Beteiligten. Worum es mir geht, ist folgendes: Das Bedürfnis nach Orientierung und Sicherheit auf der einen und das Bedürfnis nach Macht auf der anderen Seite (welche Form diese Macht auch immer annehmen mag) erhält religiöse Strukturen aufrecht. Der nach Orientierung Suchende und der Orientierung Gebende bedingen sich gegenseitig. Derjenige, der nicht allein gehen will auf der einen und derjenige, der die bedürftige Hand nicht loslassen möchte, gehen eine Symbiose ein, die nicht auf Autarkie sondern auf Aufrechterhaltung der Unmündigkeit ausgerichtet ist. Nun gibt es symbiotische Deutungssysteme, die gesellschaftlich akzeptiert sind, andere sind es nicht. In den USA soll es mehrere hunderttausend Menschen geben, die Elvis Presley für die Wiedergeburt von Jesus Christus halten. Ich kann mir vorstellen, daß es da viele drunter gibt die glücklicher und zufriedener sind als diejenigen Priester, die sich an kleinen Jungs oder Mädchen vergangen haben. (Übrigens sollte ja auch Krishnamurti als Wiedergeburt von Jesus ausgerufen werden. Der arme Jesus!) Ich wäre gespannt zu erfahren, was geschehen würde, würde ein Jesus-Presley-Anhänger in einem Jesus-Presley-Kindergarten, kleine Kinder sexuell mißbrauchen…

Jedes lebendige System ist zuallererst auf Selbsterhaltung ausgerichtet. Somit sind auch alle religiösen Organisationen vor allem auf Selbsterhaltung ausgerichtet. Was würde ich als Psychotherapeut machen, wenn sämtliche Frühgestörten und Neurotiker an Ostern plötzlich gesund wären? (Darüber müßte ich wirklich mal nachdenken…) Somit muß davon ausgegangen werden, daß alle Religionen eine Form von Symbiose darstellen: der Handel mit Sicherheit vermittelnden Deutungssystemen auf der einen und der Bedarf nach Orientierung auf der anderen Seite bedingen und erhalten sich gegenseitig.

Und deshalb ist der Papst so wichtig. (Das erinnert mich an die Geschichte eines skandinavischen Nobelpreisträgers, der über der Tür zu seinem Labor einen Mistelzweig hängen hatte. Ein Journalist fragte ihn, ob er abergläubisch sein. Der Wissenschaftlicher antwortete: »Natürlich nicht. Aber man hat mir glaubhaft versichert, daß der Mistelzweig auch bei denen wirkt, die nicht dran glauben.«) Es spielt keine Rolle, ob wir an ihn oder das durch ihn vermittelte Deutungssystem glauben. Wichtig ist, daß wir den Papst wichtig finden, und sei es auch nur als abzulehnende Person. Auch dann ist er wie der Polarstern Orientierungspunkt. Die Macht, die der Papst hat, wird ihm von den Gläubigen gegeben. Aber nicht nur: sie wird ihm auch von denen gegeben, die sich an ihm reiben.

Ob zum Geschlechtsverkehr nur die dafür vorgesehenen Körperöffnungen verwendet werden sollen (der Dalai Lama in einem Buch um 1960 herum, der Titel ist mir nicht mehr erinnerlich – zum Thema: Die buddhistische Sexual-Ethik überdenken, Tibetischer Buddhismus im Westen) oder Homosexuelle keine voll entwickelten Menschen sind (Benedikt XVI., wer übrigens einen voll entwickelten Menschen kennt, kann mich Tag und Nacht anrufen), hier erheben sich Menschen – welchen überhöhenden Titel sie auch immer tragen mögen – und die zu ihnen gehörenden Weltinterpretationssysteme zu Richtern, die im Besitz allgemeingültiger Wertesysteme zu sein behaupten. Ich glaube, daß es allgemeingültige Wertesysteme gibt, aber es ist sicher, daß diese begrenzt sind.

Letztendlich muß jeder auf eigenen Beinen stehen. Die Papst-Hype – und da nehme ich mich gar nicht aus – benötigt Rezeptoren in der Seele, um andocken zu können (wie ein Virus). Es ist ergreifend, wie Menschen in Entzückung geraten, wenn der weiße Rauch aus der Konklave aufsteigt oder Tränen in die Augen kriegen, wenn Benedikt zum letzten Mal in den Hubschrauber steigt. Tiefe menschliche Gefühle sind ergreifend. Trotzdem: Die Macht haben diese Institutionen und Menschen von uns. Wir geben sie ihnen, weil wir hoffen, daß sie uns Orientierung vermitteln, wo wir selbst keine haben oder sie nicht zu haben glauben. Wir projizieren auf diese Systeme und deren Repräsentanten Idealbilder, denen wir nicht gerecht werden können. Und diese Institutionen erzeugen wiederum Idealbilder, denen wir nicht gerecht werden können. (Wer erinnert sich noch an den Aufruhr, als der Film »Die letzte Versuchung Christi« in die Kinos kam: ein Jesus mit Geschlechtsverkehr! Man stelle sich vor, jemand zeige Jesus beim Onanieren, oh Gott!)

Vielleicht ist unsere Unsicherheit angeboren. Möglicherweise gehört sie zu unserer Existenz. Vielleicht gibt es letztlich nichts, was ein konstantes und stabiles Gefühl von Sicherheit schaffen kann. Ich bezweifle nicht, daß Immanuel Kant auch Angst hatte. Was macht man, wenn man sich instabil oder orientierungslos fühlt? Es sind Gefühle, die auftreten und eine zeitlang da sind – für manche Menschen auch ziemlich lange. (Möglicherweise sind ja auch nicht die Gefühle von Desorientierheit und Verunsicherung das Problem sondern unsere verzweifelten Bemühungen, solchen Gefühle aus dem Weg zu gehen.) Du mußt nur lange genug meditieren, auf dem Kopf stehen, Sexualität vermeiden oder Mantras singen, dann erschrickst Du nicht mehr, wenn die Steuernachzahlung kommt oder Deine Frau fremdgeht. Wenn Du Dich nur bewußtseinsmäßig hoch genug entwickelst, geht Dir alles am Arsch vorbei. Das nennen wir dann Erleuchtung oder endgültige Befreiung. 14. Wiedergeburt (wie bei Karmapa oder dem Dalai Lama) oder Operating Thetan VIII (Tom Cruise hat bei den Scientologen angeblich Stufe VII). Und auf diese Personen projizieren wir all das, was uns an uns unvollkommen erscheint. (Ich selbst mußte Anfang der 80er ziemlich lange nachdenken, als ich hörte, Bhagwan habe beim Zurücksetzen seines Rolls Royce einen Mülleimer umgefahren. Und ein Journalist fragte ihn, als die ganze Sheela-Bande in die Wüste geschickt worden war, wieso er als Erleuchteter denn nicht wußte, daß sein Telefon angezapft worden war.) Überhöhung ist ein wichtiges Element von Religion. Sei es, daß Jesus übers Wasser wandelte, Maria »unbefleckt« empfing, irgendwelche Heiligen irgendwelche Wunder vollbringen: Wenn wir nur intensiv genug glauben, lange genug üben, dann sind wir genauso großartig wie diese Menschen. Bis dahin aber haben wir Angst, daß uns der Chef rausschmeißt, daß wir an Weihnachten nicht die erhoffte Gehaltserhöhung kriegen, haben Schweißfüße, und in manchen Momenten rutscht uns ein Furz raus. Wäre Jesus, Krishnamurti, Bhagwan, Karmapa oder wem von diesen göttlichen Personen auch immer natürlich nicht passiert: 14. Wiedergeburt und geil? Naja, der Dalai Lama hat es publikumswirksam bei Alfred Biolek mal zugegeben. Und wenn sich der Papst (Johannes Paul II.) für eventuelle Fehler bei seinem Italienisch entschuldigt, sind die Menschen hellauf begeistert! Wie menschlich diese göttlichen Figuren doch sind, und sie geben es auch noch zu!

Und aus dieser Tatsache leitet sich die Berechtigung von Religionen ab, welche auch immer das sein mag. Ob ich von dem Affengott Hanuman, dem Elefantengott Ganesh, der heiligen Dreifaltigkeit, der Auferstehung, Dharma, Nirvana, der Heiligen Mutter Erde oder Gaja spreche: wir sollten versuchen, auf eigenen Beinen zu stehen und akzeptieren, daß wir manchmal einen Gips benötigen. Aber es wäre unangemessen, sich vor dem Gips niederzuwerfen und ihn anzubeten. Die Begegnung mit dem Göttlichen ist die Wiederholung der frühkindlichen Beziehung zu den allmächtigen Eltern (vor allem der Mutter). Diese mußten uns damals allmächtig und göttlich erscheinen. (Welches Erklärungsmodell hat denn ein Kleinkind?) Tiefe religiöse Gefühle können sehr gesund sein (Stichwort: Regression im Dienste des Ich). Aber wie Moses auf dem Berg den Weg zum Heiligen Land gewiesen bekam und danach im Tal marschieren mußte: das Leben wird im Alltag gelebt!

Wir sind diejenigen, die darüber entscheiden, was gut für uns ist und was nicht. Und wir müssen die Verantwortung dafür übernehmen, wie wir unser Leben leben. Jeder Einzelne muß entscheiden, welche Löcher er beim Geschlechtsverkehr benutzt und ob er auch bumst, wenn er nur Spaß dran haben will. (Wie sollen sich eigentlich katholische Frauen nach der Menopause verhalten?) Ich halte es nicht für gesund, wenn jemand längere Zeit nach außen schaut, um Informationen darüber zu bekommen, wie er zu leben hat. Die Antworten liegen in uns.

Ich lese grad die Schlagzeile: »Franziskus’ erste Messe: ›Wer nicht zu Gott betet, betet zum Teufel.‹« (die Welt, 15.03.2013) Soll ich mich jetzt erschrecken oder freuen oder ärgern, den Artikel lesen oder einfach mit dem Schreiben aufhören, weil alles gesagt ist und nachhause gehen?



Wir geben ihnen die Macht 2

Nachdem ich im Teil 1 so viel geschrieben habe, folgt Musik. Vielleicht vermittelt dies noch etwas besser, was ich meine:

Pink Floyd - "Brain Damage" / "Eclipse" [5:37] (Text)


Michael Jackson- They Don't Care About Us (HD 1080p Prison Version) [4:43] (Text)


Mark Knopfler - Brothers in arms [Berlin 2007] [6:33] (Text)


John Lennon - Imagine [3:31] (Text)
 

USA for Africa - We Are The World (w/M.Jackson) + Lyrics HQ [7:26] (Text)

(Written by Michael Jackson and Lionel Richie, produced by Quincy Jones) 


What a wonderful world - LOUIS ARMSTRONG. [2:18] (Text)
 

Van Morrison In The Garden [5:00] (Text)
(man achte auf 3:13 ff.)

Dire Straits & Hank Marvin "Going home - Local Hero" 1985 London live [4:52]


Heute wird Quincy Jones 80 Jahre alt

Er hält musikalische Rekorde über Rekorde: Grammys, verkaufte Platten etc. pp. Dabei hat Quincy Jones nie seine Seele verkauft. Nun wird der musikalische Allrounder 80 Jahre.

Freude, Vergnügen, Entzücken, Lust, Wohlgefallen, Wonne, Glück – all diese Zustände beschreibt das englische Wort "Delight". Da müssen die Eltern von Quincy Jones schon irgendwas geahnt haben, als sie ihrem Sohn diesen zweiten Vornamen gaben: Delight. Am 14. März 1933 erblickt Quincy Delight Jones Jr. n Chicago das Licht der Welt. Dieser Quincy Delight Jones jr. versteht sich nicht nur auf Freude, Vergnügen und Entzücken, er versteht sich auf den Blues und den Bossa Nova, auf Jazz und Pop, auf Afrikanisches und sogar auf HipHop.



"Das Letzte, was von unserem Planeten verschwinden wird, sind Wasser und Musik."

mehr:
- Quincy Jones wird 80 – Der musikalische Allrounder (Bayern 2, 14.03.2013)
- Zum 80. Geburtstag von Quincy Jones – Leonardo des Pop (Süddeutsche Zeitung, 14.03.2013)
- Als ausgesprochener Partyfreund lässt sich Quincy Jones zu seinem 80. Lebensjahr natürlich entsprechend hochleben. Zusammen mit dem gleich alten Schauspieler Michael Caine feiert der Musikproduzent für einen guten Zweck. (Ampya, 14.03.2014)
- Über jeden Zweifel erhaben – Quincy Jones - Zum 80. Geburtstag (SWR1, 14.03.2013)
- Der Erfolgsmacher – Magie ist harte Arbeit - Quincy Jones wird 80 (Tagesspiegel, 13.03.2014)
- Quincy Jones: Der Mann hinter dem Vorhang (Magistrix, 06.03.2013)

Quincy Jones’ Musik war mir meist zu nichtssagend und zu gefällig. Aber 27 Grammies (bei 79 Nominierungen) sind nicht zu verachten. (Eine Auflistung seiner Preise im englischen Wikipedia) Wofür ich ihn am meisten achte, ist seine Unterstützung für Claude Nobs und sein Montreux Jazz Festival, (siehe: John Lord ist 70 geworden, Post, 17.06.2011) daß ohne die Beziehungen und das Engagement von Quincy Jones nicht einen solchen Erfolg gehabt hätte. 
Deshalb gab’s da auch eine Riesenfete zu seinem 75. Geburtstag.

Quincy Jones 75th Birthday Celebration live at Montreux 2008 [2:36:23]

Veröffentlicht am 27.06.2013

Quincy Jones - Soul Bossa Nova - Live HD [3:54]

Veröffentlicht am 21.08.2013 "Soul Bossa Nova" is a popular instrumental title, composed by and first performed by American impresario, jazz composer, arranger, and record producer Quincy Jones.


Ich habe keine Ahnung, wie man auf so eine Melodie und auf einen solchen Sound kommt…
Der Sound wurde in den Austin-Powers-Filmen verwendet

Quincy Jones, Ray Charles & Chaka Khan - I'll Be Good To You [4:06]

Hochgeladen am 14.04.2010
Great track from the Quincy Jones album "Back on the Block" released in 1989. Performed by Ray Charles and Chaka Khan. (clip produced by Pfunk... with a HIGH quality in sound (bitrate:224) / quality video: svcd - www.pfunk.nl)



Er war auch maßgeblich am Erfolg von Michael Jackson beteiligt:
How To Make Sonic Sound, Quincy Jones, Recording Engineer Skills [10:00]

Hochgeladen am 30.07.2009
How did Thriller become the greatest selling album of all time? The secrets revealed in this documentary.

Er hat auch gecovert:
Quincy Jones Ai No Corrida [2:54]

Veröffentlicht am 01.03.2012

QUINCY JONES - THE SECRET GARDEN (LIVE SOUL TRAIN AWARDS) 1991 [6:04]



Quincy Jones - Just Once [4:33]

Veröffentlicht am 18.06.2014
The Dude


Quincy Jones "Walking In Space" (long version) [10:00]

Hochgeladen am 13.06.2009
The title track from the album "Walking In Space"
1969


Call Me Mr Tibbs! - Quincy Jones [4:34]

Hochgeladen am 05.09.2009
Film score of the sequel to 'In the Heat of the Night' starring Sidney Poitier.
Composed and conducted by Quincy Jones.
United Artists Records
Date Recorded: 1970



SOUNDTRACK: Quincy Jones - Money Runner (Le Coup) [3:07]

Veröffentlicht am 01.04.2012
Artist: Quincy Jones
Title: Money Runner
Year: 1972



Quincy Jones Big Band In Germany 1960 [27:06]

Veröffentlicht am 13.11.2012


Mittwoch, 13. März 2013

Heute vor 65 Jahren – 13. März 1948: Alfred Kinsey veröffentlicht seine Studie zum sexuellen Verhalten des Mannes

Die Amerikaner sollen entsetzt gewesen sein über 40% Seitenspringer und einige andere für das Selbstbild unangenehmen Fakten im Kinsey-Report.

»Größter Perversling der US-Geschichte« (Nachruf bei STERN Online 2006)




Es soll nicht verschwiegen werden, daß es inzwischen einige Stimen gibt, die ihn der Pädophilie bezichtigen.

Heute vor 88 Jahren – 13. März 1925: Der Butler Act verbietet Zweifel an der göttlichen Abstammung des Menschen

Lehrern, die ab 1925 gegen den »Butler Act« verstoßen, drohen Geldstrafen zwischen 100 und 500 Dollar. Nicht alle Teile von Darwins Evolutionstheorie sind betroffen. Strafbar machen sich die Lehrer immer dann, wenn sie bezweifeln, dass der Mensch von Gott geschaffen wurde.

Mehr bei Kalenderblatt

Im »Affenprozeß« wurde 1925 der Lehrer John Thomas Scopes zu 100$ Strafe verurteilt, weil er die Evolutionstheorie gelehrt hatte. (Verfilmung: »Wer den Wind sät«)

Unter Hinweis auf den 1. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten wurde nach der Beschwerde eines Lehrers der Butler Act im Jahr 1967 aufgehoben.

In den USA gibt es unter dem Stichwort »Intelligent Design« auch heute noch immer wieder durch Kreationisten angestoßene Diskussionen um die Stichhaltigkeit der Evolutionstheorie bis hin zu von Wissenschaftlern vorgetragene Überzeugungen, die Erde sei nur 6.000 Jahre alt.

In den USA ist man anscheinend wählbar, wenn man nicht an die Evolutionstheorie glaubt. Da lob’ ich mir doch unser gutes, altmodisches Europa.



Konklave

Es ist eine ausgezeichnete Show: Vatikan sucht den Superstar nachdem Wir zurückgetreten sind. Adieu Vatikan! Und alle machen mit: Frauen ins Priesteramt? Mißbrauchs- und Vertuschungsvorwürfe! Wie wird der neue Papst das alles handeln? Wer ist der Mann, an dem wir uns in wenigen Tagen reiben können? Wann hat er in den letzten sechzig oder siebzig Jahren was gesagt oder getan? Welche Leichen hat er im Keller, die wir uns natürlich sofort aufmachen werden zu suchen. Wie können wir ihn aus der Fassung bringen, welche Äußerung können wir mißverstehen und in in Erklärungsnöte bringen?

Auf zum nächsten Rumble in the Vatikan, the show must go on! Und nervt er uns ständig mit seinen altbackenen Sprüchen, wenigstens können wir zu ihm aufsehen und an seinem Podest sägen! 1,2 Milliarden Fliegen können nicht irren, die Erde ist eine Scheibe, der Papst der Stellvertreter Gottes auf Erden, und zum Geschlechtsverkehr sollten nur die dafür vorgesehenen Körperöffnungen verwendet werden. (Oh, Entschuldigung, das hat mal der Dalai Lama geschrieben, nicht so publikumswirksam, deshalb würde er das heute auch nie mehr von sich geben. Bei den ganzen gottgleichen Herrlichkeiten werde ich ganz durcheinander.)

Also: uns allen viel Freude mit dem neuen alten Herrn. Auf daß wir glücklich zu ihm aufblicken oder uns über ihn aufregen können, je nach Geschmack!


(Eine Karikatur von Burkhard Fritsche, gefunden auf SPIEGEL Online)

Dienstag, 12. März 2013

Fernsehempfehlung: Stieg Larsson, Verdammnis

Heute und an den beiden folgenden Dienstagabenden laufen die Verfilmungen der Millenium-Trilogie von Stieg Larsson um 22 Uhr auf ZDF neo. Heute abend läuft der zweite Teil von »Verdammnis«, der erste Teil findet sich noch auf der Mediathek des ZDF

Lisbeth Salander, eindrucksvoll gespielt von Noomi Rapace; dieses und weitere Bilder
finden sich auf cinema.de



Montag, 11. März 2013

Dirk Müller, Mr. Dax

Dirk Müller vor dem Finanzausschuß des Deutschen Bundestages über Hochfrequenzhandel:







Ein Interview aus 2010 bei WELT Online

Samstag, 9. März 2013

Heute vor 174 Jahren – 9. März 1839: Das erste deutsche Arbeitsschutzgesetz

Das preußische Regulativ zur Regelung der Kinderarbeit 
Kinderarbeit in einer Fabrik (USA, 1908). Aus Wikipedia
 »1. Vor zurückgelegtem neunten Lebensjahr darf niemand in einer Fabrik oder bei Berg-, Hütten- und Pochwerken zu einer regelmäßigen Beschäftigung angenommen werden… 
3. Junge Leute, welche das 16. Lebensjahr noch nicht zurückgelegt haben, dürfen in diesen Anstalten nicht über zehn Stunden täglich beschäftigt werden.« 
Kinderarbeit in Deutschland im 19. Jahrhundert
(Lit.: Cantauw-Groschek u. Tenschert), aus Wikipedia
 So lauteten die wichtigsten Bestimmungen des preußischen »Regulativs über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Fabriken«. Dabei sorgte sich die Obrigkeit in erster Linie nicht etwa um das Wohlergehen der Kinder, sondern um deren Tauglichkeit für den Dienst an der Waffe. Die lange, schwere Arbeit unter unsäglichen Bedingungen nahm die Kinder nämlich derart mit, dass die Militärs fürchteten, sie könnten keine guten Soldaten mehr abgeben. Die Kinder schufteten wie die Erwachsenen, erhielten aber nur einen Bruchteil von deren Lohn. Dennoch waren viele Familien auf die Lohnarbeit der Kinder angewiesen. Die Unternehmer wiederum nutzten die billige Arbeitskraft der Kinder, um auch die Löhne für die Erwachsenen zu drücken. 
Kinderarbeit in einer optischen Fabrik (um 1870)
Die geschlechterspezifische Arbeitsteilung in den untersten Schichten
der Arbeiterklasse wird in diesem Holzschnitt gezeigt, der auf einer
Zeichnung von L. Bechstein basiert. (Quelle: German History Docs)
 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012

Freitag, 8. März 2013

Alvin Lee ist gestorben

Alvin Lee ist tot, verstorben am 6. März an den Komplikationen nach einem Routineeingriff. Er wurde 68 Jahre alt. Der ehemalige Frontman von Ten Years After war einer der besten Gitarristen, die die Rockmusik je hervorgebracht hat. 
mehr: - R.I.P. Alvin Lee (Der Lindwurm, 06.03.2013) 

Woodstock - Ten Years After - I'm Going Home(Live) [11:23]

Veröffentlicht am 18.07.2012
Ten Years After - I'm Going Home(Live)
Woodstock (August 17th 1969)
Band members: Alvin Lee -- guitar, vocals, Leo Lyons -- bass, Ric Lee -- drums, Chick Churchill -- organ

R.I.P. Alvin Lee


Siehe auch: 
- Woodstock-Legende – Ten-Years-After-Gitarrist Alvin Lee ist tot (ZEIT Online, 07.03.2013)
Zu Woodstock-Zeiten war er der Gitarrist mit den schnellsten Fingern: Alvin Lee, Gitarren-Virtuose von Ten Years After, ist tot. Er starb bei einer Routineoperation.
- Ten Years After – Blues-Gitarrist Alvin Lee gestorben (n24, 07.03.2013)
- Alvin Lee ist tot (Rolling Stone, 06.03.2013)
- Ten Years After: Gitarrist Alvin Lee ist tot (SPIEGEL Online, 07.03.2013)
"I'm Going Home" war einer seiner größten Hits, jetzt ist Alvin Lee im Alter von 68 Jahren gestorben. Er war vor allem als Gitarrist von Ten Years After bekannt und spielte mit Ex-Beatle George Harrison.

Mittwoch, 6. März 2013

Heute vor 70 Jahren – 6. März 1943: Berliner Protest gegen die Deportation von Juden

Frauen lehnen sich gegen das Regime auf 

 Als Ende Februar 1943 die bis dahin verschonten Berliner Juden deportiert werden sollten, wurden in der »Fabrikaktion« 8000 Menschen verhaftet. Viele von ihnen arbeiteten in den Berliner Rüstungsbetrieben. Darunter waren auch etwa 2000 Betroffene aus sogenannten privilegierten Mischehen, die zur weiteren Überprüfung in ein Gestapo-Gebäude in der Rosenstraße verbracht wurden. Ihr Aufenthaltsort sprach sich schnell unter den »arischen« Angehörigen herum. 


Denkmal zur Erinnerung an den Protest der Frauen in der Berliner Rosenstraße, 1995
[Skulptur von Ingeborg Hunziger]
 Vor dem Gebäude versammelten sich bald über 200 Frauen, die lautstark die Herausgabe ihrer Männer und Familienmitglieder forderten. Am 4. März reagierte die SS zunächst wie gewöhnlich und ließ Gewehre auf die Menge richten. Unbeeindruckt protestierten die Frauen weiter und wichen nicht, bis die Verhafteten heute vor 70 jahren, am 6. März 1943, freigelassen wurden. Es spricht zwar manches dafür, dass die Verhafteten nicht zur Deportation bestimmt waren, trotzdem war diese größte spontane Demonstration der NS-Zeit ein Beleg dafür, dass Widerstand im Dritten Reich möglich war und auch erfolgreich sein konnte. Tagebucheintragungen von joseph Goebbels belegen, dass der Widerstand die NS-Führung nervös gemacht hatte.

 

 Was am 6. März noch geschah: 
 1957: Ghana erklärt seine Unabhängigkeit
 Brockhaus – Abenteuer Geschichte 2013 





Richard Falk im englischen Wikipedia
Erinnerungen an Warschauer Ghetto [Frankfurter Rundschau]


















Montag, 4. März 2013

Heute vor 80 Jahren – 3. März 1933: Franklin Delano Roosevelt legt den Amtseid ab

Der Demokrat Franklin Delano Roosevelt legt in Washington vor dem Obersten Bundesrichter den Amtseid als 32. Präsident der USA ab. Mit dem »New Deal«, einem breitangelegten Sozialprogramm, will er die schwere Wirtschaftskrise des Landes eindämmen.



Heute vor 80 Jahren – 4. März 1933: Die Selbstausschaltung des österreichischen Parlaments

In Österreich kommt es aufgrund einer verfahrenstechnischen Unachtsamkeit zur Beschlussunfähigkeit des Nationalrats, die der christlichsoziale Bundeskanzler Engelbert Dollfuß für einen Staatsstreich nutzt, indem er diese als „Selbstausschaltung des Parlaments“ bezeichnet. Die Zeit des Austrofaschismus beginnt.




Sighard Neckel: Die Refeudalisierung der Wirtschaftsgesellschaft

 
Das philosophische Radio
mit Sighard Neckel über
Die Refeudalisierung der Wirtschaftsgesellschaft
Moderation:  Jürgen Wiebicke

[…] Entbettung der Wirtschaft: Die Wirtschaft ist heute weniger eingebettet in soziale Normen, in kulturelle Vorstellungen und verletzt sogar vielfach die kulturellen Werte, an die wir uns gleichzeitig doch auch gebunden fühlen.
[…]
Diejenigen, die in der Vermögenshierarchie an der Spitze stehen, die verdanken ihr Vermögen und ihren Reichtum häufig leistungslosen Quellen. Sie erzielen häufig Gewinne, ohne daß sie für diese Gewinne Risiken eingehen müssen, […] daß an der Spitze der Hierarchie eine Klasse stehen kann, die nicht durch Leistung und nicht durch Risiko tatsächlich auch in ihrem Handeln bestimmt ist.
[…]
Der heutige, durch die Finanzmärkte getriebene moderne Kapitalismus im Wesentlichen eine Form der Reichtumsproduktion in den Oberklassen hervorbringt, die nicht durch eine risikohaltige Unternehmertätigkeit hervorgebracht wird und auch nicht durch Erwerbsleistungen, sondern hervorgebracht wird durch Vermögensgewinne, die ohne Leistungen zustande kommen, bzw. durch Erträge, die sich auf das Leistungsprinzip nicht mehr zurückführen lassen und auch in der Öffentlichkeit durch eine Verletzung des Leistungsgedankens empfunden werden.
[…]
Wir haben heute mit einer Führungsschicht zu tun, die, jedenfalls wenn wir über die Finanzmärkte sprechen – nicht über alle anderen wirtschaftlichen Gebiete –, dann haben wir mit einer Führungsschicht zu tun, mit einer Eigentümerklasse, die ihre Gewinne ohne Risiko erzielt, weil das Risiko, etwa der finanziellen Spekulation, Dritte tragen, die Allgemeinheit, die Staaten, die Rettungsprogramme. Und das ist schon eine Verletzung der Vorstellung dessen, was der Kapitalismus als eine Art von Wertordnung immer auch als Rechtfertigung von Gewinnen verstanden hat. Und hohe Gewinne sollten gerechtfertigt sein, wenn dieser Gewinnerzielung auch das Risiko entspricht im Fall eines wirtschaftlichen Fehlschlags, die Verluste tragen zu müssen.
 […]
In den meisten Berufen […] ist es heute so, daß viel größere Leistungen erwartet und verlangt werden, als das in früheren Zeiten der Fall gewesen ist. Nur: mit der Leistungserbringung, die man von den Menschen erwartet, verbindet sich nicht mehr das Versprechen der modernen Gesellschaft, nämlich, daß Leistungen Wohlstand begründen und Leistungen sozialen Aufstieg hervorbringen können.
[…]
Auf der anderen Seite kommen die Erträge der wirtschaftlichen Führungsgruppen, insbesondere auf den Finanzmärkten, durch Prozesse zustande, die auf Leistungen nicht mehr zurückzuführen sind. Und diese beiden Faktoren gemeinsam, daß oben nicht mehr gilt – das Leistungsprinzip –, was unten aber verstärkt gefordert wird, ohne daß man dafür aber auch einen entsprechenden Lohn erhält, das irritiert die Menschen…
[…]
Wir haben Entwicklungen […], die bemerkenswert sind. Wir müssen und das einmal vorstellen:
1989, und wir sprechen über die Regierungszeit Kohl, das heiß: es war keine radikal sozialdemokratische oder sozialistische Regierung an der Macht. 1989 betrug das Durchschnittseinkommen der DAX-Vorstände, der Vorstände der deutschen DAX-Unternehmen, 500.000 D-Mark. Im Jahre 2010 ist das Durchschnittseinkommen der Vorstände der DAX-Unternehmen auf 6 Millionen Euro gewachsen. Das Verhältnis zwischen den Vorstandsgehältern deutscher Aktiengesellschaften zu den Durchschnittsgehältern wiederum der Beschäftigten bei diesen Aktiengesellschaften lag in früheren Zeiten – noch Anfang 1990 – bei 20 : 1. Heute geht das bis 200 : 1. Und das geschieht in einer Zeit von ungefähr 20 Jahren.
[…]
Es ist in den beiden letzten Jahrzehnten häufig genug so gewesen, daß sich die Politik sich so verstanden hat, der Wirtschaft, wie es dann hieß, günstige Investitionsbedingungen zu verschaffen. Dazu gehörten auch die Deckelung […] der Arbeitnehmereinkommen. Das gehörte mit zu dem Konzept des sogenannten Wettbewerbsstaates, das wir in den letzten zwei Jahrzehnten erlebt haben. Und dieser Staat und die Politik, die diesen Staat bestimmt, ist im Wesentlichen damit befaßt gewesen, in der Konkurrenz unterschiedlicher Länder den Kapitalanlegern die günstigsten Bedingungen bereitzustellen, und dazu gehörten dann eben auch vergleichsweise niedrige Löhne, flexibilisierte Arbeitsmärkte, die Mini-Jobs und so weiter und so fort. So daß sich die Politik eigentlich in den letzten Jahren – nicht durchgängig, aber sehr weitgehend – verabschiedet hat, die Interessen auch der Arbeitnehmerschaft tatsächlich zu repräsentieren. Die Interessen der Wirtschaft sind durch dieses Konzept des Wettbewerbsstaats – »Wir wollen Deutschland wettbewerbsfähig machen oder wettbewerbsfähig erhalten« –, dadurch sind die Interessen der Arbeitnehmerschaft vielfach auch in den Hintergrund getreten.
[…]
Drei Jahre nach der Finanzkrise, und diese Finanzkrise hat dazu geführt, daß vielfach die öffentlichen Haushalte […] tief in die Schulden gekommen sind, schon drei Jahre nach der Finanzkrise – heute, fünf Jahre nach der Finanzkrise, ist das noch mehr der Fall – hat man festgestellt, daß die vermögenden Schichten in den Vereinigten Staaten, in den europäischen Ländern durch diese Finanzkrise gar nicht verloren haben, sondern dennoch gewonnen haben und Vermögenszuwächse zu verbuchen hatten. […] Hier steht das Verhältnis von […] materiellen Einkünften und dem Nutzen, den die Allgemeinheit davon hat, in einem direkten Gegensatz. Hier beutet gewissermaßen eine Eigentümerklasse an Anlagekapital die Gesellschaften insgesamt aus, um sich Vorteile zu verschaffen.
[…]
Es gibt interessante Einsichten aus der Spieltheorie, die sich übertragen lassen. Es gibt die Einsicht, daß immer dann, wenn wirtschaftliche Akteure in längere Kooperationsketten einbegriffen sind, wenn man seinem Verhandlungs- und Vertragspartner, seinem Kunden, nicht nur einmal begegnet, sondern weiß, daß man ihm auch in der Zukunft begegnen wird, wenn man mit Anbietern auch in der Zukunft kooperieren muß, dann nimmt die Tendenz, unbedingt den eigenen Nutzen absolut durchsetzen zu müssen, ab. Wenn wirtschaftlicher Erfolg sich als eine Ökonomie der günstigen Gelegenheit darstellt, dann kommt es tatsächlich darauf an, daß ich im richtigen Moment zuschlage – hit and run – und ohne Blick auf die Kosten, ohne Blick auf die sozialen Kosten versuche, meinen größtmöglichen Vorteil zu realisieren. Und das ist die Gefahr, die in der Finanzmarktökonomie steckt, weil es eine Ökonomie ist, die sich relativ weit abkoppelt von der Notwendigkeit, mit anderen Gruppen kooperieren zu müssen. Immer dann, wenn ich mit anderen kooperieren muß – ob ich will oder nicht –, muß ich Rücksichten nehmen und muß Vereinbarungen treffen, die auch die Interessen der anderen Seite berücksichtigen.


Sighard Neckel (* 25. Oktober 1956 in Gifhorn) ist ein deutscher Soziologe. Seit dem Wintersemester 2011/12 ist er Professor für Soziologie der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Zugleich ist er Mitglied der Leitung des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main. [Wikipedia]

siehe auch:
WDR 5: Das philosophische Radio – Sendungsübersicht (WDR 5, undatiert)
Sighard Neckel: „Refeudalisierung": Aktualität und Systematik eines Begriffs der Habermas'schen Gesellschaftsanalyse (Andrea Reisinger, Philosophische Audiothek, 18.04.2018)
- Refeudalisierung der Ökonomie: Zum Strukturwandel kapitalistischer Wirtschaft (Sighard Neckel, MPlFG Working Paper 10/6, Max-Planck-Gesellschaft, Juli 2010 – PDF)
- Prof. Dr. Sighard Neckel, Publikationen (Uni Hamburg, WiSo-Fakultät)

Der Gefühlshaushalt des Kapitalismus. Geldgier als Strukturprinzip? {46:38}

Normative Orders
Am 23.02.2018 veröffentlicht 
Frankfurter Stadtgespräch XVI
Prof. Ute Frevert (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung) im Gespräch mit Prof. Sighard Neckel (Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen")
Moderation: Rebecca Caroline Schmidt (Geschäftsführerin des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen")
Ob zum Zweck seiner Erklärung oder zur Rechtfertigung: Im Kapitalismus wird zumeist die Rationalität und Sachlichkeit wirtschaftlichen Handelns behauptet. Die allgegenwärtige Rede von Gier oder der Notwendigkeit von Vertrauen in Märkte scheint hingegen die Zentralität nicht-rationaler Motive nahzezulegen. Auch stellt sich in Zeiten zunehmender Burnouts die Frage, wie die Gefühlswelt der Menschen durch den Kapitalismus geformt wird. Setzt die Rationalität des Kapitalismus also nicht notwendig emotionale Antriebe wie Geldgier voraus? Auf welche Weise verändert der Kapitalismus den Gefühlshauhalt des modernen Menschen? Über dieses Thema werden im XVI. Frankfurter Stadtgespräch Ute Frevert, Emotionsforscherin und Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin und Sighard Neckel, Professor für Soziologie an der Goethe-Universität und Principal Investigator des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, diskutieren.
Veranstalter:
Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen" in Kooperation mit dem Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main
Mehr Informationen zu den Frankfurter Stadtgesprächen:
http://www.normativeorders.net/de/ver...

Hamburger Horizonte 2017: »Zerfall … – und jetzt? Ein Schlusswort« von Prof. Dr. Sighard Neckel {12:49}

Körber-Stiftung
Am 23.02.2018 veröffentlicht 
In seinem Schlusswort erörtert Prof. Dr. Sighard Neckel, Sozialwissenschaftler an der Universität Hamburg, die Konferenzergebnisse zum Zerfall von Ordnungen und gibt einen Ausblick auf den Übergang zu neuen Ordnungen.

Leistung, die sich lohnt?- Das Versprechen der Chancengerechtigkeit {2:11:40 – Start bei 3:53}

Heinrich-Böll-Stiftung
Am 26.06.2012 veröffentlicht 
Keynote:
Prof. Sighard Neckel, Goethe-Universität, Frankfurt a. M.
Diskussion mit...
Dr. Mehmet Gürcan Daimagüler, Rechtsanwalt und Autor von „Kein schönes Land in dieser Zeit", Berlin Brigitte Mergenthaler-Walter, Studienleitung Schule Schloss Salem
Moderation:
Andrea Dernbach, Journalistin/Der Tagesspiegel, Berlin
Das Leistungsprinzip ist ein zentrales Element der sozialen Integration moderner Gesellschaften. Mit ihm wandte sich das Bürgertum einst gegen die Vorherrschaft des Adels. Wo ständisch begründete Herkunftsrechte den gesellschaftlichen Status bestimmten, sollte das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit entscheiden. Das Leistungsprinzip entsprach den Interessen des aufstrebenden Bürgertums.
Wie ist es heute um die Wirklichkeit des Leistungsprinzips in Deutschland bestellt? Wessen Interessen lassen sich daran knüpfen? Wie steht es um seine Legitimität?
Zwei Gruppen haben weiterhin großes Interesse mit dem Leistungsprinzip: neben Frauen auch Männer und Frauen mit Migrationsbiographie. Unter Berufung auf das Leistungsprinzip streiten sie gegen Ungleichbehandlung und Diskriminierung. Zugleich wird die Legitimität des Leistungsprinzips auch in Frage gestellt. In Zeiten, in denen sich das Transfereinkommen des Staates nur gering von einem niedrigen Erwerbseinkommen unterscheidet, verlieren viele Menschen den Glauben an das Leistungsprinzip. Zwei von drei Deutschen sind der Meinung, dass sich Leistung in Deutschland nicht mehr lohnt, so ein Ergebnis einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung vom November 2011. Knapp 70 Prozent der Befragten sind davon überzeugt, dass nicht alle Menschen die gleichen Chancen haben, erfolgreich zu sein. Und ein wachsender Teil verabschiedet sich vom Leistungsprinzip, indem er auf andere Formen der gesellschaftlichen Anerkennung wie den (schnellen und oftmals spektakulären) Erfolg oder den Rückhalt in der Peergroup setzt.
Zu den Menschen, die nach wie vor auf Leistung als Mittel ihres sozialen Aufstiegs und gesellschaftlicher Anerkennung setzen, gehören heute besonders Menschen mit Migrationsgeschichte mit guten Schul- und Hochschulabschlüssen. Sie haben im Bildungssystem auf das Versprechen der Leistungsgerechtigkeit vertraut und müssen nun auf dem Weg in den qualifizierten Arbeitsmarkt vielfach feststellen, dass viele Aufstiegschancen gar nicht nach Leistung verteilt werden. Sie scheitern entweder ganz oder werden unter ihrem Qualifizierungsniveau beschäftigt.
aktualisiert am 11.08.2019

Sonntag, 3. März 2013

Mac OS X: Alte Mailadressen aus dem Speicher des Programms Mail entfernen

Apples Mail-Programm in Mac OS X 10.5 Leopard speichert die Mailadressen von Leuten, von denen man Mails bekommen oder an die man geschrieben hat. Gibt man beim Verfassen einer Mail den Beginn einer Mailadresse ein, so werden automatisch Mailadressen mit den entsprechenden Anfangsbuchstaben zur Auswahl angeboten. Das ist sehr praktisch, jedoch störend, wenn die Mailadressen veraltet sind. Doch man kann solche veralteten Mailadressen aus dem Speicher von Mail entfernen.

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Heute vor 80 Jahren – 3. März 1933: Ernst Thälmann wird verhaftet

Ernst Thälmann, Lager-, Hafen- und Transportarbeiter, 1886 in Hamburg geboren, schloss sich 1903 der SPD an und trat 1904 in die Gewerkschaft ein. Ab 1924 Mitglied des Reichstages und Führer des Roten Frontkämpferbundes, wurde er 1925 zum Parteivorsitzenden der Kommunisten.
Am 3. März 1933 wurde er nach einer Denunziation verhaftet und nach elfjähriger Einzelhaft und ohne Prozess am 18. August 1944 im KZ Buchenwald erschossen.

Der DDR-Propagandafilm entstand 1954


Heute vor 90 Jahren – 3. März 1923: Die Erstausgabe des TIME-Magazin erscheint

Der SPIEGEL nahm sie sich zum Vorbild, und ihr bekanntestes Feature ist der Man of the Year (inzwischen Person of the Year): TIME

Titelblatt der Erstausgabe [aus Wikipedia]


TIME Video

Samstag, 2. März 2013

Italienische Politiker träumen!

Nach Freud sind Träume der Königsweg zum Unbewußten. Manchmal allerdings auch Anstoß, eine Bestechung zuzugeben. Falls also Clown Silvio Berlusconi (Steinbrück bekommt inzwischen sogar von Bernhard Paul Feuer) nicht wieder hinter der italienischen Polit-Betonmauer Schutz findet, die ihm Immunität (letzter Absatz) gewährt, könnte es jetzt – endlich – eng für ihn werden. Annähernd 30 Prozent der Italiener haben nach 10 Jahren Berlusconis göttlicher Kommödie anscheinend immer noch nicht die Nase voll von ihm, der Vater von Mitte-Links-Politiker Sergio De Gregorio schon: Der erschien nämlich seinem Sohn im Traum und spornte ihn an, sich von seinen Bürden zu befreien. Papa hatte einen guten Grund, den Münchener Aloisius einige Zeit allein frohlocken zu lassen.



Sohn Sergio war nämlich klar geworden, daß einige Parlamentsabgeordnete eine Art »Nürnberg für Politiker« fordern würden. (Ich weiß ja nicht, was in diese Abgeordneten gefahren ist.) Die Staatsanwaltschaft Neapel ermittelt nämlicht neben Silvio Berlusconi auch gegen Sergio De Gregorio wegen Korruption und illegaler Parteienfinanzierung. Und da er »nicht in die Geschichte eingehen [wollte] als Senator, der in Handschellen aus dem Palazzo Madama abgeführt wird«, hat Sohn Sergio nun gegenüber der Zeitung La Stampa zugegeben, von Berlusconi im Jahr 2006 insgesamt 3 Millionen Euro erhalten zu haben. (Voraussetzung: Dieses Geständnis ist nicht wieder eine erneute Lüge.) Dieses Geld bewog De Gregorio dazu, Mitglied der Partei Popolo della Libertà (PdL) zu werden. (Volk der Freiheit… Freiheit für wen?) Und das wiederum hatte zur Folge, dass die damalige Mitte-links-Koalition unter Romano Prodi zusammenbrach. Nachdem nämlich De Gregorio einige Zeit dem Verteidigungsausschuss im Mitte-links-Bündnis vorgestanden hatte, wechselte er ins Oppositionslager zu Berlusconi. Und aus der darauf folgenden Wahl ging Berlusconi mit Abstand als Sieger hervor. (Copy & Paste aus SPIEGEL Online)
Ob damals Papa De Gregorio seinem Filius Sergio im Traum geraten hat, das Bestechungsgeld anzunehmen, weil dieser damals hoch verschuldet war, darüber ist nichts bekannt. Auch gehören Vermutungen, daß Papst Benedikt XVI. sich mit De Gregorios Vater ins Benehmen gesetzt hat, um dessen Sohn zu diesem Geständnis zu bewegen, ins Reich der Spekulation. Jedenfalls hat Sergio De Gregorio, dem Beispiel Jesus’ folgend, getan, was sein Vater sagte. Es ist zur Zeit noch nicht klar, für wen sich De Gregorio opfert – möglicherweise steckt er ja wieder in finanziellen Nöten… Auch hat sich Peer Steinbrück noch nicht darüber geäußert, wie er De Gregorio titulieren will. Da zur Zeit kein Besuch eines hochrangigen italienischen Ministers ansteht, hat er eigentlich freie Wahl.



Was die Italiener dazu sagen, daß Träume im politischen Geschehen der Republik eine große Rolle spielen, darüber darf auch spekuliert werden. Solche Äußerungen hätte ich bis zur Lektüre dieses Artikels nur schwarzafrikanischen, südamerikanischen oder fundamentalistischen islamischen Politikern zugetraut. Anscheinend habe ich mich da geirrt. Ich jedenfalls wäre gespannt darauf, was solche alten Haudegen wie Helmut Schmidt oder Peter Scholl-Latour zu Politikern zu sagen haben, die ihre Geständnisse durch Träume von Familienmitgliedern begründen. Ehrlich gesagt: wahrscheinlich nichts…

In seiner vielkritisierten Rede zitierte Papst Benedikt XVI. Kaiser Manuel II. Palaeologos mit den Worten »Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider.« Benedikt läßt auch nicht unerwähnt, daß es in der christlichen Kirche unterschiedliche Strömungen in der Beurteilung der Vernunft im Verhältnis zu Gott gab und gibt. Welches Verhältnis De Gregorio zur Vernunft hat, und welches Verhältnis die Menschen zur Vernunft haben, die er hofft, mit einer solchen Begründung erreichen zu können, ist mir unklar. Aber diese Art von Vernunft, die mir da aus der Lektüre des SPIEGEL-Artikels entgegenspringt, macht mich zusammenzucken. Und ich fürchte, daß da auch weder Beten noch Meditieren hilft.

Anscheinend haben die Alpen in der Euro-Zone doch eine größere Bedeutung als ich bisher dachte. (Vielleicht muß man da auch die Sonnenstrahlung in die Überlegungen miteinbeziehen.) Das Geständnis von De Gregorio bzw. seine Begründung gibt mir sehr zu denken über das Ausmaß von Vernunft, dem sich südeuropäische Politiker verpflichtet fühlen und was sie ihren Wählern vorsetzen zu können glauben. Und ich muß wohl auch vorsichtiger sein in meiner Einschätzung der Menschen, denen man so etwas erzählen kann und denjenigen, die diesen Bongo-Bongo-Chauvi nochmals gewählt haben. Wer solche Partner in der Euro-Zone hat, braucht sich um Feinde keine Gedanken zu machen. Und wenn dann in einigen Jahren die Türkei in die EU aufgenommen wird, werden wir uns möglicherweise nach solchen Zeiten wie der jetzigen sogar zurücksehnen.