Sonntag, 20. Oktober 2019

Von der Heartland-Theorie über Brzezinski zur nahen Zukunft

Europa-Russland-Politik – Willy Wimmer und Wolfgang Bittner bei den BUCHKOMPLIZEN {47:23}

KenFM
Am 20.10.2019 veröffentlicht 
Ist der Kalte Krieg zurück oder nie beendet worden?
Deutsch-Russische Freundschaft? Oder doch eher Feindschaft? Wie steht es um das deutsch-russische Verhältnis heute? Und was sind die Ursachen für die bestehende Kalte-Krieger-Stimmung, die wir doch längst überwunden zu haben glaubten? Eingebettet in den historischen Kontext, der bis zu den Versailler Verträgen zurückreicht, ergibt sich ein schlüssiges Bild für die heutigen Verhältnisse. Die Herzland-Theorie von Mackinder kann als Ziel geopolitischer imperialer Bestrebungen seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute erkannt werden.
Der ehemalige Staatssekretär der Verteidigung, Willy Wimmer, und der Jurist und Autor des Buches „Der Neue West-Ost-Konflikt“, Wolfgang Bittner, widmen sich diesen und weiteren wichtigen Fragen auf der Frankfurter Buchmesse 2019.
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Die Heartland-Theorie ist eine geopolitische und -strategische Theorie des britischen Geographen Halford Mackinder. In seinem Aufsatz „The geographical pivot of history“ (1904)[1], zunächst der Royal Geographical Society vorgelegt, später als Teil seines Werkes „Democratic Ideals and Reality“ veröffentlicht[2], formulierte er diese Theorie zur Warnung an seine Landsleute. Er setzte sich mit der Bedeutung von Geographie, Technik, Wirtschaft, Industrie sowie Rohstoff- und Bevölkerungsressourcen für eine vergleichende Bewertung von Landmacht und Seemachtauseinander. Nach dem Ersten Weltkrieg aktualisierte er seine Theorie unter dem Eindruck des Krieges. Sein Heartland-Konzept ist „die wohl bedeutsamste Idee in der Geschichte der Geopolitik.“[3]
[Heartland-Theorie, Wikipedia, abgerufen am 20.10.2019]
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Wie in anderen orthodoxen geopolitischen Theorien legte Mackinder seiner Theorie ein materialistisch geprägtes Menschenbild zugrunde, in dem Menschen im Rahmen ihrer Bedürfnisse nach Sicherheit und Wohlstand miteinander im Wettbewerb um Territorium und Ressourcen stehen. In diesem Zusammenhang sah er sich und das britische Weltreich am Ende eines kolumbianischen Zeitalters (Columbian era), das von der Wiederentdeckung des amerikanischen Kontinents für Europa durch Christoph Kolumbus an von der relativen Dominanz der Seemacht über die Landmacht geprägt gewesen sei.[4]
Im Gegensatz zu der von Alfred Thayer Mahan formulierten Theorie der alleinigen historischen Dominanz der Seemacht betont Mackinder, dass im Verlauf der Geschichte sowohl Land- als auch Seemacht als entscheidende Faktoren gewirkt haben. Einer expandierenden Landmacht sei es häufig gelungen, eine Seemacht zu bezwingen, indem sie deren Stützpunkte von der Landseite her erobert habe. Großbritanniens effektive Kontrolle über die Weltmeere verschaffte ihm bis in das 20. Jahrhundert hinein universale Hegemonie. Danach verlor es, Mackinder zufolge, durch Dampfmaschine und Motor und das in deren Gefolge aufkommende Straßen- und Eisenbahnverkehrsnetz seine Welthandelsdominanz. Die Macht Großbritanniens wurde gegenüber den kontinentalen Staaten gemindert.
Entwickelt nun das „Herzland“ des Kontinents – Westsibirien und das europäische Russland – entsprechende Verkehrswege und in ihrem Gefolge einen hohen industriellen und wirtschaftlichen Durchdringungsgrad, so wird es eine entsprechend größere Macht ausüben können. Ein mächtiger Kontinentalstaat, dem alle Errungenschaften moderner Technik zur Verfügung stünden, könnte durch eine Herrschaft über dieses „Herzland“ die Herrschaft über die gesamte „Weltinsel“ erlangen. Mackinder formulierte dies als einen in der Literatur vielzitierten Merksatz:[5]
Who rules Eastern Europe commands the Heartland
Who rules the Heartland commands the World Island
Who rules the World Island commands the World
deutsch:
Wer über Osteuropa herrscht, beherrscht das Herzland.
Wer über das Herzland herrscht, beherrscht die Weltinsel.
Wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die Welt.“
– Mackinder, Democratic Ideals and Reality, S. 106
Unter der „Weltinsel“ verstand Mackinder Eurasien unter Hinzunahme des afrikanischen Kontinents. Die Rohstoff- und Bevölkerungsressourcen dieses Gesamtgebietes würde die Beherrschung der kontinentalen „Randländer“ und sukzessive auch des amerikanischen und australischen Kontinents sowie Japans ermöglichen.
Bezogen auf die aktuelle Entwicklung der Weltpolitik in seiner Zeit, glaubte Mackinder: Hätte Deutschland seine gesamte Kraft auf die Beherrschung des Ostens, des „Herzlands“, konzentriert, hätte es von da aus die „Weltinsel“ unter seine Kontrolle bringen und die Seemächte von der Landseite her ihrer Stützpunkte berauben können. Er glaubte, dass die atlantischen Mächte durch den Ersten Weltkrieg nur knapp dieser Gefahr entronnen sind. Mackinder sprach die Prophezeiung aus, dass diese Gefahr nicht für alle Zeiten gebannt sei.
[Heartland-Theorie, Grundzüge der Theorie, Wikipedia, abgerufen am 20.10.2019]
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Eurasien
Die Vormachtstellung der USA hängt in der geostrategischen Konzeption Brzezinskis davon ab, inwiefern die USA sich in Eurasien, dem insgesamt überlegenen und geopolitisch „axialen“ Kontinent, behaupten können:

„Eurasien ist somit das Schachbrett, auf dem sich auch in Zukunft der Kampf um die globale Vorherrschaft abspielen wird.“ (S. 16) „Dieses riesige, merkwürdig geformte eurasische Schachbrett – das sich von Lissabon bis Wladiwostok erstreckt – ist der Schauplatz des global play.“ (S. 58) 
Ohne die Vormachtstellung der USA gäbe es laut Brzezniski weltweit Anarchie. Um diese zu verhindern, müsse sich die USA in drei geographischen Zonen durchsetzen:
„Wenn der mittlere Bereich immer stärker in den expandierenden Einflussbereich des Westens (wo Amerika das Übergewicht hat) gezogen werden kann, wenn die südliche Region nicht unter die Herrschaft eines einzigen Akteurs gerät und eine eventuelle Vereinigung der Länder in Fernost nicht die Vertreibung Amerikas von seinen Seebasen vor der ostasiatischen Küste nach sich zieht, dürften sich die USA behaupten können.“ (S. 58)

Geopolitik und Geostrategie 
Anknüpfend an die Heartland-Theorie Halford Mackinders und die Geopolitik Albrecht Haushofers lautet in Brzezinskis Verständnis die geopolitische Frage heute nicht mehr, von welchem Teil Eurasiens aus der ganze Kontinent beherrscht werden könne, und auch nicht, ob eine Landmacht wichtiger als eine Seemacht sei. In der Geopolitik gehe es nicht mehr um regionale, sondern um globale Dimensionen, wobei aber die Dominanz auf dem eurasischen Kontinent auch heute noch die Voraussetzung für globale Vormachtstellung sei.
Der ersten beiden grundlegenden Schritte der von Brezinski empfohlenen Strategie sind,
  • die Ziele der politischen Eliten der „geostrategisch dynamischen Staaten“ Eurasiens zu entschlüsseln und die „geopolitisch kritischen“ und „katalytischen“ eurasischen Staaten ins Auge zu fassen, die aufgrund ihrer geographischen Lage und/oder ihrer bloßen Existenz entweder auf die aktiveren geostrategischen Akteure oder auf die regionalen Gegebenheiten wie „Katalysatoren“ wirken.
  • eine spezifische US-Politik zu formulieren, die in der Lage ist, diese Verhältnisse auszubalancieren, mitzubestimmen und/oder unter Kontrolle zu bekommen, um unverzichtbare US-Interessen zu wahren und zu stärken und eine umfassendere Geostrategie zu entwerfen, die alle Politikfelder verbindet.
Brzezinski fasst die „Imperative imperialer Geostrategie“ zusammen: taktisch kluger Umgang mit den dynamischen Staaten und behutsamer Umgang mit den katalytischen. Was gemeint ist, erläutert er im Rückgriff auf politische Verhältnisse der Vergangenheit mit drei Imperativen:
„Bedient man sich einer Terminologie, die an das brutalere Zeitalter der alten Weltreiche gemahnt, so lauten die drei großen Imperative imperialer Geostrategie: Absprachen zwischen den Vasallen zu verhindern und ihre Abhängigkeit in Fragen der Sicherheit zu bewahren, die tributpflichtigen Staaten fügsam zu halten und zu schützen und dafür zu sorgen, dass die ‚Barbaren‘völker sich nicht zusammenschließen.“ (S. 65f.)
[Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Das eurasische Schachbrett (S. 53–88)Wikipedia, abgerufen am 20.10.2019]
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STRATFOR Chef legt die Außenpolitik der USA offen: Ukraine, Russland, Deutschland, Nahost {12:52 – Start bei 3:18}

LT-News.com
Am 26.08.2015 veröffentlicht 
Ziel: Allianz zwischen Russland und Deutschland verhindern

Grundlagen der Geopolitik - eine Ordnung hinter dem Chaos erkennen {9:19}

Deutschland+Russland
Am 22.08.2015 veröffentlicht 
Die vom US-Imperium angestrebte Neue Weltordnung verbirgt sich hinter dem scheinbar undurchsichtigen Chaos der politischen Erreignissen auf der Welt. Der investigative US-Journalist Aaron Dykes erläutert die globalen Geopolitik und Geostrategie, basiered auf den Konzepten von britischen und US-amerikaischen Geopolitiker Halford Mackinder und Nicholas J. Spykman und deren Heartland- und Rimland-Theorien - der jahrhundertelange geopolitische "Great Game" zwischen Russland und anglo-amerikanischem Imperium. Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=swaoG…
http://truthstreammedia.com/

Grundlagen der Geopolitik - Heartland Theorie von Halford Mackinder {12:38}

Mut gegen Macht
Am 13.12.2014 veröffentlicht 
Quelle:
Rodando de Largo https://www.youtube.com/watch?v=kscnY...
Verbreitet das Video und erzählt es euren Mitmenschen!
Schaut in meine Playlists zu den verschiedenen Themen und guckt euch die Videos vom ältesten zum neuesten an, um alle Sachverhalte zu verstehen
https://www.youtube.com/channel/UCzaQ...

Jörg Schönenborn im Gespräch mit Wladimir Putin {35:26}

phoenix
Am 08.04.2013 veröffentlicht 
Jörg Schönenborn im Gespräch mit Wladimir Putin
Russlands Präsident Wladimir Putin stellt sich vor seinem Deutschland-Besuch anlässlich der Hannover-Messe im ARD-Interview den Fragen von WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn. Themen sind unter anderem die Razzien bei deutschen Stiftungen in Russland und Russlands Rolle bei der Zypern-Krise.
Phoenix zeigt das Interview in voller Länge.
Moderation: Jörg Schönenborn

euronews interview - Brzezinski: "Es gibt eine Obama-Doktrin aber keine Obama-Strategie" {9:00}

euronews (deutsch)
Am 20.01.2013 veröffentlicht 
http://de.euronews.com/ Er ist einer der anerkannesten und einflussreichsten Veteranen der Außenpoltik in Washington: Zbiginiew Brzezinski, Nationaler Sicherheitsberater von 1977 bis -81 unter US-Präsident Jimmy Carter. Der heute 84-Jährige gilt als geostrategischer Denker, er ist Autor zahlreicher Bücher und internationaler Studien und hat weiter eine starke Stimme in Sachen Außenpolitik.
Brzezinski war ein scharfer Kritiker der Politik von Präsident George W. Bush und dessen "Krieg gegen den Terror". Er war einer der ersten Unterstützer des damaligen Senators Barack Obama, doch während dessen erster Amtszeit kritisierte er die Außenpolitik des Präsidenten gelegentlich auch als "zu soft gegenüber Israel" oder "strategielos". Den Einsatz in Libyen unterstützte er. In einem Exklusiv-Interview mit euronews lobte Brzezinski das neue außenpolitische Team Obamas.
Stefan Grobe (euronews): Dr. Brzezinski, Danke, dass Sie hier sind und uns helfen, die Außen- und Sicherheitspolitik der zweiten Amtszeit von Präsident Barack Obama zu analysieren.
Zbigniew Brzezinski: Erfreut, hier zu sein.
euronews: Er hat zwei ehemalige Sentaskollegen ausgesucht, um die Außen- und Verteidigungsressorts zu leiten, John Kerry und Chuck Hagel, beides Männer, die durch die Erfahrung des Vietnam-Krieges gezeichnet sind. Ist das ein Zufall, oder steckt da eine Botschaft dahinter?
ZB: Ein wenig von beidem. Ich denke, es geht nicht darum, speziell die Bedeutung der Erfahrungen aus dem Vietnam-Krieg zu zeigen. Aber andererseits war es natürlich eine der wichtigsten Episoden in Amerikas Abenteuern auf globaler Ebene. In diesem Sinne sind die beiden wohl weise genug, ihre eigenen Schlüsse daraus zu ziehen.
euronews: Gibt es schon so etwas wie eine "Obama-Doktrin"?
ZB: Wir haben eine "Obama-Doktrin". Aber ich habe schon häufiger gesagt - das birgt ein gewisses politisches Risiko für mich -, es gibt eine "Obama-Doktrin", wir haben keine Obama-Strategie Ich denke, diese beiden können die Strategie für die Doktrin liefern. euronews: Wie sieht diese Strategie aus?
ZB: Ich denke zunächst sollte der Ausgangspunkt sein, dass man anerkennt, dass die traditionellen globalen Konflikte, wie wir sie 200 Jahre lang erlebt haben, zukünftig nicht mehr zählen werden. Die globale Hegemonie einer einzelnen Macht ist nicht mehr länger machbar, selbst wenn es die mächtigste ist. Aber gleichzeitig werden wir mit mehr Konflikten konfrontiert sein, die möglicherweise hohe Risiken bergen. Deshalb muss unsere Antwort darauf viel intelligenter, mannigfaltiger, hoffentlich kollegialer mit anderen wichtigen Staaten abgestimmt sein und eine Art "totaler Konfrontation" vermeiden, wie wir sie in unserer jüngsten Geschichte kannten.
euronews: Das erste Jahr der zweiten Amtszeit eines US-Präsidenten ist immer sehr hoffnungsvoll, denn der Präsident hat viel außenpolitisches Kapital. Er hat volle vier Jahre, um kreativ zu sein und muss sich nicht um seine Wiederwahl sorgen. Wie sollte Obama dieses Kapital anlegen? Was sollten seine Prioritäten sein?
ZB: Ich denke die Prioritäten sind gewissermaßen bereits vorgegeben, etwa durch die Dinge, mit denen wir durch die Konflikte und Spannungen im Nahen Osten konfrontiert sind; nicht nur mit den traditionellen, wie dem zwischen Israel und den Palästinensern, sondern auch der Syrien-Konflikt hat das Potenzial zu weiteren Spannungen zu führen. Er muss sich außerdem mit den Risiken, die vom Iran ausgehen, auseinandersetzen. Wenn man sich die südlichen Grenzziehungen Eurasiens ansieht, von Nord-Korea bis ins Chinesische Meer, Indien und China, Afghanistan und Pakistan, Iran, Irak, Syrien, von Suez bis Ägypten, und dann von Niger bis Mali - wir sind einem ganzen Gürtel potenziell explosiver Umstände ausgesetzt.
euronews: Lassen Sie uns über Europa sprechen. Manche Beobachter sagen, Amerika unter Obama sei europäisch geworden. Das das sollte ich natürlich als Kompliment auffassen, aber es handelt sich natürlich um Sarkasmus. Wir wissen, dass Europa eine Menge Probleme hat, dass in Europa einiges schief gelaufen ist. Aber wir wissen auch, dass Europa Verantwortung und politische Führung gezeigt hat. Ich will Sie folgendes fragen: Gibt es derzeit etwas, das Amerika von Europa lernen könnte?
bleiben sie bei uns :
YouTube: http://bit.ly/z5WTvy

siehe dazu auch:
Deutschland – Russland – USA (Post, 29.09.2019)
Die USA und ihr Tiefer Staat (Post, 24.09.2019)
Der Kampf um die „Weltinsel“ (Mathias Broeckers, broeckers.com, 14.05.2018)
Dreieinhalb Jahre nach Beginn des Krieges in der Ukraine: Ein wenig US-Geostrategie (Post, 24.09.2019)

au dem Broeckers-Artikel (s.o.)



Warum Halford J. Mackinders geopolitische Thesen von Bedeutung sind
In London, an einem kalten Januarabend im Januar 1904, hielt Halford Mackinder, der Direktor der London School of Economics and Political Sciences, vor den „hingerissenen“ Zuhörern der Royal Geographic Society in der Savile Row einen Vortrag, der den kühnen Titel „Der geographische Drehpunkt der Geschichte“ trug. Sein Referat wies, wie der Präsident der Sozietät bemerkte, „eine Brillanz der Beschreibung“ auf, „wie sie in diesem Saal nur selten erreicht worden ist“.

Mackinder argumentierte, die Zukunft globaler Machtpolitik liege nicht, wie die meisten Briten damals glaubten, in der Kontrolle der Schiffahrtswege des Planeten, sondern in jener der riesigen Landmasse, die er „Eurasien“ nannte. Er stellte Afrika, Asien und Europa nicht als drei verschiedene Kontinente dar, sondern als eine einheitliche „Drehpunktregion“, wie er sagte. Deren breites und tiefes Kernland – 4 000 Meilen vom Persischen Golf zum Sibirischen Meer – war so weit, daß es sich nur von den Rändern in Osteuropa oder den Küstenzonen in den umgebenden Meeren kontrollieren ließ.

Die Entdeckung der Route um das Kap der Guten Hoffnung nach Indien im 16. Jahrhundert, so erläuterte Mackinder, „verlieh der Christenheit die größtmögliche Mobilität der Macht … und umschloß mit ihrem Einfluß die eurasische Landmasse, die bis dahin ihre Existenz bedroht hatte“. Diese größere Mobilität, erklärte er später, gab den Seefahrern Europas „etwa vier Jahrhunderte lang Überlegenheit über die Landbewohner Afrikas und Asiens“.

Das Herzland (the heartland) aber dieser riesigen Landmasse, eine „Angelpunktzone“, die sich vom Persischen Golf durch die russischen Steppen bis zu den Wäldern Sibiriens erstreckte, war nach wie vor das Areal, wo der Hebel für die Herrschaft über die Welt anzusetzen war. Wer das Herzland beherrsche, beherrsche die Weltinsel, schrieb Mackinder später. Wer die Weltinsel beherrsche, befehle der Welt. Jenseits der riesigen Ausdehnung dieser Insel, die beinahe sechzig Prozent der Landmasse des Planeten umfaßte, lag eine weniger bedeutende Hemisphäre, bedeckt von weiten Ozeanen und ein paar kleineren Inseln. Damit meinte er natürlich Australien, Grönland und Nord- und Südamerika.

Für eine frühere Generation der Viktorianer hätten, so führte er aus, die Eröffnung des Suezkanals und der Beginn der Dampfschiffahrt „die Mobilität der Seemacht relativ zur Landmacht“ wesentlich erhöht. Nun aber taten die Eisenbahnen „wahre Wunder in der Steppe“ – hier nahm er Bezug auf ein historisches Ereignis, das allen Zuhörern an diesem Abend wohlvertraut war: das unerbittliche Voranrücken der Geleise der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau Richtung Wladiwostok und Pazifik. Solche transkontinentalen Eisenbahnlinien würden, so glaubte er, schließlich die Kosten des Frachtverkehrs zur See unterbieten können und den Hauptakzent geopolitischer Macht landeinwärts verlagern. Am Ende würde der „Drehpunktstaat“ Rußland (in einer Allianz mit einer anderen Festlandsmacht wie Deutschland) „über die marginalen Staaten Eurasiens hinweg expandieren“, was „ungeheure kontinentale Ressourcen zum Flottenbau gestatten [würde]; das Weltimperium wäre damit in Sicht.“

Während der folgenden zwei Stunden, in denen er einen Text vortrug, welcher sich durch seine komplizierte Syntax und durch jene Anspielungen auf die griechisch-römische Antike auszeichnete, die man von einem ehemaligen Oxford-Dozenten erwarten durfte, waren sich die Zuhörer darüber im klaren, daß sie hier Zeugen von etwas Außerordentlichem wurden.
[Alfred W. Mccoy, Herzland und Weltinsel, Lettre international, 120, Frühjahr 2018]
Heartland, attualità di un concetto geopolitico (Emanuel Pietrobon, geopolitica.info, 24.03.2017 – Google-Übersetzer)
USA – Die Heimat von Freiheit, Demokratie und militärisch-industriellem Komplex (Post, 30.04.2016)
- Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht (Post, 28.11.2014)



Während der Lektüre ist man immer wieder versucht, zum Copyright-Vermerk zu blättern: Ist dieses Buch wirklich 1997 erschienen? Es liest sich wie eine brandaktuelle Analyse, welche geopolitischen Triebkräfte die internationale Politik heute bestimmen. Geschrieben hat Zbigniew Brzezinski „The Grand Chessboard“ – wörtlich: „Das große Schachbrett“ – aber vor 18 Jahren! Damals regierte Bill Clinton, der Weltwirtschaft ging es gut, die Bundesregierung bereitete den Umzug von Bonn nach Berlin vor. Islamistischer Terror war noch nicht im allgemeinen Bewusstsein, 9/11 kam ja erst vier Jahre später. Der Ost-West-Konflikt war beendet. Polen, Tschechien und Ungarn bereiteten sich auf den Beitritt zu EU und NATO vor. Man hoffte, dass Russland mit etwas Verspätung ebenfalls zu Demokratie und Rechtsstaat findet und ein Friedenspartner wird.

Schon damals sagte Brzezinski voraus: Die Ukraine wird der Schlüssel sein, für Russlands Zukunft und den Frieden. Denn in der Ukraine entscheide sich, ob Russland sich nach Europa orientiert oder in imperiales Auftrumpfen zurückfällt.

„Allein schon die Existenz einer unabhängigen Ukraine hilft, Russland zu verändern. Ohne die Ukraine hört Russland auf, ein eurasisches Imperium zu sein. Es kann zwar immer noch imperialen Status beanspruchen, würde dann aber in Konflikte mit den zentralasiatischen Staaten verwickelt. Auch China würde sich erneuter russischer Dominanz in Zentralasien entgegenstellen. Wenn Russland aber die Kontrolle über die Ukraine zurückgewinnt, wäre es wieder eine Imperialmacht.“

All die westlichen Hoffnungen, dass Russland sich öffnet und modernisiert, dass es zu einem demokratischen Partner eines demokratischen Amerika wird, sind aus Brzezinskis Sicht davon abhängig, dass Russland den Herrschaftsanspruch über die Ukraine aufgibt.
Entscheidende Jahre exakt prognostiziert

„Wenn Russland sich für Europa entscheidet, liegt es automatisch in seinem Interesse, dass die Ukraine in die europäischen Strukturen aufgenommen wird. Das Verhältnis der Ukraine zu Europa wird zum Wendepunkt für Russland.“

Russland aber, das spürt Brzezinski bereits 1997, wird wohl die andere Richtung wählen – wobei führende russische Denker die Möglichkeiten ihres Landes auf groteske Weise überschätzen. China werde sich erfolgreich modernisieren. Russland wohl nicht. Dann aber fehlen ihm die Ressourcen für Weltmachtstatus. Genau so ist es gekommen. China wird die USA demnächst beim Bruttoinlandsprodukt überholen. Technisch liegt es freilich weit hinter Amerika zurück. Ökonomisch sind die Wirtschaftsräume EU, USA und China jeder für sich rund sieben Mal so stark wie Russland. Die Entscheidung über die Ukraine, das prognostizierte Brzezinski vor 18 Jahren so präzise, als wäre er ein Hellseher, werde in der Dekade von 2005 bis 2015 fallen. Er trifft damit die Wendepunkte „Orange Revolution“ sowie russischer Angriff auf die Krim und die Ost-Ukraine ziemlich exakt. Manche nehmen solche Weitsicht zum Anlass für den Verdacht, Brzezinski habe diese Entwicklung als Strippenzieher mit herbeigeführt. Das wirkt aber weit hergeholt. Er hatte seit Jahrzehnten kein Regierungsamt und steuert auch nicht die US-Geheimdienste.
[Christoph von Marschall, Zbigniew Brzezinski: Rückblick in die Konflikte der Zukunft, Deutschlandfunk, 03.08.2015 – Hervorhebung von mir 😂]
mein Kommentar:
Die Übereinstimmung zwischen Brzezinskis Buch und den tatsächlichen Ereignissen ist purer Zufall! Eins ist mir jetzt sonnenklar: Im Ringen von Weltmächten hat Moral keinen Platz. 

„Wenn man weiß, wo der Verstand ist, hat der Tag Struktur“ – Alexander Unzicker bei BUCHKOMPLIZEN

„Wenn man weiß, wo der Verstand ist, hat der Tag Struktur“ – Alexander Unzicker bei BUCHKOMPLIZEN {32:01 – Start bei 2:17}

KenFM
Am 19.10.2019 veröffentlicht 
Was bedeutet eigenständiges Denken? Wie frei können Gedanken sein, wenn sie auf gefilterten Informationen basieren? Wie reagiert das Umfeld, wenn man den Mainstream nicht bestätigt? Sind wir wirklich frei oder gehorchen wir vielmehr dem Gruppendenken, wenn Ausschluss aus der Gemeinschaft droht?
Diese und weitere Fragen beantwortet der Physiker, Psychologe und Buchautor Alexander Unzicker im Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse 2019.
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"Glaube wenig, hinterfrage alles, denke selbst" – Albrecht Müller bei den BUCHKOMPLIZEN {33:07}

KenFM
Am 20.10.2019 veröffentlicht 
Albrecht Müller ist der Herausgeber der Medienplattform NachDenkSeiten. Vor über 10 Jahren bereits sah Müller die Notwendigkeit eines Portals im Internet, das die mediale Berichterstattung in Deutschland kritisch unter die Lupe nimmt. Wie kam es dazu? Was war der Auslöser für die Gründung der NachDenkSeiten? Und was hat Müller in seinem aktuellen Buch niedergeschrieben, das in seinen bisherigen Bestsellern „Meinungsmache“ oder „Machtwahn“ nicht schon längst erzählt worden ist?
Diesen und weiteren Fragen widmet sich Albrecht Müller im Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse 2019.
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Dirk Pohlmann über "Der duale Staat: Recht, Macht und Ausnahmezustand" {2:06:59 – Start bei 2:04:19}

Gruppe42
Am 16.05.2018 veröffentlicht 
"Der Staat - das klingt in unseren Ohren nicht unbedingt freundlich, aber es klingt nach Recht und Ordnung. In der Schule und an der Universität erfahren wir von den ehernen Regeln der Demokratie. Gewaltenteilung, Rechtsstaat, Wahlen, parlamentarische Repräsentanz, alles scheint altehrwürdig und wohlgeregelt im Staats und Verfassungsrecht. Bis in die Details und bis in die letzten Winkel ist festgelegt, wer nach welchen Regeln für was zuständig und verantworlich ist. Dass daran nicht gerüttelt wird, dafür sorgt die Demokratie, sie bezeichnet sich selbst gerne als „wehrhaft“.
Da ist ein Begriff wie „Deep State“ oder „Dualer Staat“ störend. Er legt nahe, dass es neben dem bekannten, demokratisch legitimierten Staat noch einen anderen gibt, der nicht gewählt wird, der sich selbst ermächtig, der eingreift, wann es passt. Aber wann? Wer bildet ihn? Was tut er? Wann tötet er? Warum liest man darüber so wenig? Und warum beschäftigen sich „seriöse“ Medien damit eigentlich überhaupt nicht? Medien, Politiker und Universitätslehrer verweisen den Begriff des „parallelen Staates" gerne in den Bereich der „Verschwörungstheorien“.
Und doch ist er real. In allen Staatsformen, aber insbesondere in der Demokratie, gibt es im Unterschied zum normativen Ideal die realpolitische Existenz eines „Machtstaates“ oder „Maßnahmenstaates“, des "Deep State". Auch akademische Politologen und Rechtswissenschaftler haben sich damit beschäftigt, ausnahmslos Personen, die sich mit dem Widerspruch zwischen Realpolitik einerseits und der Idee des liberalen Rechtsstaates andererseits beschäftigt haben. Sie haben erkannt: Der „Deep State" hängt mit den Erfordernissen der Hegemonialmacht im „Grossraum“ zusammen.
Dementsprechend gibt es Länder, in denen der „Tiefe Staat“ Alltagswissen ist, z.B. die Türkei oder Italien. Dort ist die Realität des parallelen Staates so unübersehbar zutage getreten, dass auch Staatspräsidenten von ihm reden - müssen. Und es gibt Länder, in denen man in öffentlichen Ämtern nicht von ihm sprechen kann, ohne Reputation und Karriere zu riskieren.
Die staatstragenden Kräfte vieler Länder blenden diese Realität deshalb weiter aus. Oder sie versuchen es zumindest. Aber auch in diesen Ländern ist der „Deep State“ aktiv geworden. Nicht nur in Vasallenstaaten, sondern auch im Zentralreich des Hegemons selbst.
Anhand praktischer Beispiele legt der Journalist Dirk Pohlmann praktisch und theoretisch dar, was es mit dem "Deep State“ auf sich hat. Sein Vortrag ist eine Mischung aus staatsrechtlicher Analyse und Bericht, wann und wo der Deep State sichtbar geworden ist. Ein spannendes Thema, dessen Bedeutung kaum überschätzt werden kann. Es ist besser, darüber Bescheid zu wissen, als nur die Konsequenzen verständnislos erleben zu müssen.
https://gruppe42.com/

Klartext vom Medienwissenschaftler Prof. Norbert Bolz: "Medien verschweigen, ... {12:07, Start bei 2:57}

klar sehen
Am 04.05.2017 veröffentlicht 
Medienwissenschaftler Prof. Norbert Bolz bei Peter Hahne im ZDF zum Thema: Medien zwischen Gefühl und Fakten
„Medien verschweigen, klären nicht über die Wirklichkeit auf, die Bürger werden für dumm verkauft bzw. gehalten, die Arroganz der Journalisten und Politiker!!
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Michael Lüders bei M. Lanz: Syrien, Giftgas, Türkei {25:58 – Start bei 18:46}

Tu Was
Am 06.04.2017 veröffentlicht 
Markus Lanz vom 5. April 2017
Mit Rainer Langhans, Gisela Getty, Michael Lüders, Edmund Maser und Stephan Harbort. (Quelle: ZDF / Markus Lanz Videos)
Dazu: Giftgaseinsatz zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung im Umfeld von Konferenzen zu Syrien? Zynischer geht es nicht. – Siehe Lüders bei Lanz.
"Markus Lanz weist darauf hin, dass zur Zeit ein Wettkampf um die Deutungshoheit tobt. War es Assad, im Zusammenhang mit den Russen? Michael Lüders berichtete davon, dass auch ein früherer, massiver Giftgaseinsatz vom August 2013 Assad in die Schuhe geschoben worden war, tatsächlich aber der damalige Einsatz in der Nähe von Damaskus auf ein Zusammenspiel zwischen der Al Nusra-Front und dem türkischen Geheimdienst zurückging. In seinem aktuellen Buch „Die den Sturm ernten. Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte“ hat Michael Lüders den damaligen tödlichen Vorgang geschildert und belegt. (Näheres zum interessanten Buch von Michael Lüders siehe zum Beispiel)."
(siehe: http://www.nachdenkseiten.de/?p=37725)
Was geschah in Idlib? (Von Karin Leukefeld)
Syrien-Konferenz in Brüssel von vermeintlichem Giftgasangriff überschattet. Westen verurteilt Regierung – ohne Beweise
Eigentlich sollte es am Dienstag und Mittwoch in Brüssel darum gehen, wie Syrien und seine Nachbarländer in Zukunft unterstützt werden können. Eingeladen hatte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini, »Kovorsitzende« waren Deutschland, Norwegen, Großbritannien, Katar und Kuwait sowie die Vereinten Nationen, die von dem Syrien-Beauftragten Staffan De Mistura vertreten wurde. Vertreter von insgesamt 70 Staaten und internationalen Hilfsorganisationen waren in die belgische Hauptstadt gereist, um darüber zu beraten, wieviel Geld für welche Gebiete in Syrien und in den Nachbarländern aufgebracht werden soll – und unter welchen Bedingungen.
Doch noch bevor die ersten Gespräche beginnen konnten, bestimmte ein Luftangriff in dem syrischen Ort Khan Scheikhun (Provinz Idlib) die Tagesordnung. Mehr als 70 Menschen waren dabei am Dienstag getötet worden, Hunderte wurden verletzt. Ein Krankenhaus, das die Verletzten versorgte, wurde mit einer Rakete beschossen.
Die Nachrichten über einen angeblichen Giftgasangriff war von der bewaffneten Opposition in Khan Scheikhun verbreitet worden. Verantwortlich seien entweder »russische oder syrische Kampfjets«. Die »Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte« in Großbritannien sorgte für die weltweite Verbreitung der Nachricht, die »Nationale Koalition« (Etilaf) in Istanbul forderte eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates. Unmittelbar darauf verurteilte Mogherini den Angriff und machte den syrischen Präsidenten verantwortlich. Frankreich, Großbritannien und die USA legten in Windeseile einen Resolutionsentwurf für den UN-Sicherheitsrat vor. US-Außenminister Rex Tillerson forderte Russland auf, den syrischen Präsidenten »zu stoppen«. Der UN-Beauftragte De Mistura forderte eine internationale Untersuchung und warnte vor vorschnellen Schuldzuweisungen. siehe: https://www.jungewelt.de/artikel/3085...


siehe auch:
"Es gab noch nie so viel geistige Unfreiheit nach dem 2. Weltkrieg wie heute.“ (Gespräch von Hans-Martin Esser mit Norbert Bolz , The European, 16.05.2019)
Soll RT eine Rundfunklizenz erhalten? Ein Kommentar (Post, 23.01.2019)
Über die Notwendigkeit des stetigen Rüttelns am Narrativ (Post, 15.01.2019)
Leben wir in einem aufgeklärten Zeitalter? (Lucie Frahm, Fichtenblatt, 18.04.2018)
Fangt an zu denken! – Immanuel Kant: Was ist Aufklärung? (Michael Rasche, michaelrasche.eu, 31.01.2018)
KANT HEUTE: Der Eingang in die Unmündigkeit (Volker Zastrow, FAZ, 26.08.2016)
Beantwortung der Frage: Was heisst Aufklärung heute? – Paraphrase der Antwort Kants unter der Prämisse der Digitalisierung (futur iii, 20.07.2015)
Zweite Aufklärung: Von der Aufklärung lernen heißt denken lernen (Lutz Frühbrodt, zweite-aufklaerung.de, 07.10.2014)
In Großbritannien erkannte zwar Edmund Burke (1729-1797), der „Vater des Konservatismus“, das aufklärerische Vernunftprinzip zumindest partiell an, betonte aber die vermeintliche Ungleichheit der Menschen und leitete davon die „göttliche Ordnung“ der adelsgestützten Monarchie ab.

In Preußen wetterte unter anderem der Philosoph Johann Georg Hamann (1730-1788) gegen die Aufklärung. Sein hanebüchener Anwurf, ein allzu rigider Vernunftglaube führe zur Ausbildung autoritärer Strukturen und damit zur Bevormundung der Menschen, war das klassische Totschlagargument seiner Zeit. Und absolut grotesk: Denn mit Hilfe der Aufklärung sollte ja gerade die Bevormundung aufgehoben werden.

Interessanterweise ist dies ein Vorwurf, der bis in die heutige Zeit immer wieder formuliert wird. Das Argument ist gestern wie heute gleich in doppelter Hinsicht fadenscheinig. Zum einen weil der Einsatz von Vernunft und die Emanzipation des Individuums auf der Basis der Freiwilligkeit erfolgt und zudem die Denkergebnisse des Einzelnen keineswegs vorwegnehmen will. Es handelt sich mitnichten um einen Prozess der Zwangsbeglückung. Zum anderen wird das Argument gerade von denjenigen Kräften bemüht, die die Emanzipation verhindern wollen, die Menschen also mehr oder minder direkt bevormunden oder manipulieren.

So ist es auch kaum verwunderlich, dass der Aufklärungskritiker Hamann vor einer Überhöhung der Vernunft zu einem „transzendentalen Aberglauben“ warnte, selbst aber das Christentum als den einzig wahren Weg (der Erkenntnis) predigte. Hier fließen geistige Auseinandersetzung und kühle Machtpolitik ineinander. Herrscherstaat und Kirche – im Übrigen beide Konfessionen – gingen im Schulterschluss gegen die Aufklärer vor, indem sie zum Beispiel die Revolutionäre in Frankreich als – damals verfemte – Freimaurer und Illuminaten diffamierten. Die unteren Chargen der Gegenaufklärung setzten die „Freygeisterey“ mit der Häresie früherer Jahrhunderte gleich. Mit dem Propagandamärchen, dass dunkle Mächte am Werk seien, sollten Ängste in der Bevölkerung geschürt werden, um die gesellschaftspolitischen Reformprojekte (Menschenrechte, Demokratie, Bildung etc.) der Aufklärer zu schwächen.


Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse

Der aufklärerische Ansatz fand seine Fortführung im Deutschen Idealismus von Fichte, Hegel und anderen. Fast alle philosophischen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts drehten sich zudem um das Gedankengut von Immanuel Kant, dem Übervater der deutschen Aufklärung. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es sogar eine Welle des „Neukantianismus“. Deren dogmatische Ausrichtung zeugte jedoch davon, dass das Kant’sche Denken eher an Wirkkraft eingebüßt hatte.

Die politische Entwicklung des 19. Jahrhunderts zeigt auch klar, dass der Aufklärung als gesellschaftlicher Kraft erst einmal die Luft ausging. Nach dem Sturz Napoleons setzte in ganz Europa politisch das Zeitalter der Restauration und geistig-kulturell das der Romantik (Biedermeier) ein – nur kurzfristig unterbrochen von der demokratischen März-Revolution 1848. Die zweite Hälfte des Jahrhunderts stand ganz im Zeichen des Nationalismus (Reichsgründung 1871) und der Industrialisierung, die mehr den Bourgeois als den Citoyen als Bürgertypus hervorbrachte.

In dieser Phase schwang sich auf geistig-philosophischer Ebene Friedrich Nietzsche (1844-1900) zum Chefkritiker der Aufklärung auf, prägte sogar den Begriff der Gegenaufklärung. „Leibniz und Kant – diese zwei größten Hemmschuhe der intellektuellen Rechtschaffenheit Europas!“, lautete das in Ecce homo formulierte Verdikt Nietzsches. Nietzsche attackierte den modernen Wissenschaftsbetrieb und damit den empirisch grundierten Wissenschaftsbegriff. An der Aufklärung kritisierte er, dass sie sich angeblich nicht von den Denkschemata der Moral des Christentums habe lösen können, das er wütend verdammte. Wahrhaft freies und aufgeklärtes Denken habe sich jenseits von Gut und Böse zu stellen. Dem vernunftbetonten Universalismus der Aufklärer stellte der Philosoph Glaube und Gefühl gegenüber. Nietzsche predigte eine „dionysische Weltanschauung“, die Rausch und Ekstase zum Grundprinzip aller angeblich wahren Kunst erklärte. In seinen Worten: „‘Vernünftigkeit‘ gegen Instinkt. Die ’Vernünftigkeit‘ um jeden Preis als gefährliche, als lebenuntergrabende Gewalt!“

Für Nietzsche stand das Genie des Einzelnen (womit er im Zustand zunehmender geistiger Umnachtung wohl vor allem sich selbst meinte) deutlich höher als die „Massen“. Damit stellte er sich eindeutig gegen die gesellschaftliche und politische Emanzipation. Seine Abneigung galt aber nicht nur den Sozialisten, sondern auch der kaisertreuen Bourgeoisie. Der neomarxistische Philosoph Georg Lucàcs hat Nietzsche als „Zerstörer der Vernunft“ tituliert. Es gibt auch Stimmen in der Wissenschaft, die in Nietzsche einen geistigen Wegbereiter des Hitler-Faschismus sehen. Tatsache ist, dass er im 20. Jahrhundert vor allem das Denken konservativ-reaktionärer Kräfte beeinflusste, so zum Beispiel Oswald Spengler („Der Untergang des Abendlandes“, 1918), Gottfried Benn und Martin Heidegger. Die beiden letztgenannten waren Kollaborateure des Nazi-Regimes. Späte Ehre hat Nietzsche gefunden, indem er die Weltsicht vor allem französischer Verfechter der Postmoderne prägte (siehe Teil 2 dieses Artikels).
[Die Gegenaufklärer und ihre Argumente – eine Zeitreise, Teil 1 (Lutz Frühbrodt, zweite-aufklaerung.de, 16.12.2013)
- Ludwig Marcuse: Aufklärung damals und heute (Zeit.de, 07.02.1964)