Donnerstag, 21. Mai 2015

Der militärische Teil des EU-Assoziierungsabkommens mit der Ukraine

Die EU hat mit der Putschregierung der Ukraine den „politischen Teil“ des Assoziierungsabkommens unterzeichnet. Darin verpflichtet sich die Ukraine nicht nur zur „freien Marktwirtschaft“ sondern auch zu einer militärischen und rüstungswirtschaftlichen Anbindung an die EU.

Vor kurzem hat die EU mit Kiew den politischen Teil des EU-Ukraine-Assoziierungsabkommens unterzeichnet. Das muss man sich vor Augen halten: Der gewählte Präsident, der sich davor geweigert hatte, dieses Assoziierungsabkommen zu unterzeichen, wird mit Hilfe eines von EU und USA hochgepäppelten braunen Mobs weggeputscht, ein kurz davor ausgehandelter Vertrag zur verfassungskonformen und gewaltfreien Lösung der Krise wird über Nacht zur Makulatur gemacht, um umgehend mit einer von Neofaschisten durchsetzen Putschregierung den politischen Teil eines Assoziierungsabkommens zu unterzeichnen, der im Kapitel 1 „den Respekt vor dem Prinzip des Rechtsstaatlichkeit als Basis der Innen- und Außenpolitik“ hervorhebt. Zwei Böcke adeln sich gegenseitig zum Gärtner.

mehr:
- EU/Ukraine: „Gemeinsame militärische Krisenmanagementoperationen“ (Solidar-Werkstatt, 08.04.2014)
siehe auch:
- Teure Partnerschaft (Rainer Rupp, junge Welt, 20.09.2014, zu finden bei AG Friedensforschung)

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In Artikel 10 des Assoziierungsabkommens wird eine stärkere Zusammenarbeit in Militärübungen im Rahmen der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik und Krisenbewältigung vereinbart und in dessen Absatz 3 die Prüfung eine verstärkten technologische Zusammenarbeit. Außerdem vereinbaren die Vertragsparteien, „[…] einen Beitrag zur Bekämpfung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, dazugehörigem Material und Trägermitteln zu leisten […]“ (Artikel 11 Absatz 1 Satz 2). Neben Abrüstungspolitik (Artikel 12) wird auch die Zusammenarbeit in der Terrorismusbekämpfung (Artikel 13) angekündigt. [Assoziierungsabkommen zwischen der Europäischen Union und der Ukraine, Inhalt, Wikipedia, abgerufen am 21.05.2015]
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aktualisiert am 28.07.2016

Heute vor 94 Jahren – 21. Mai 1921: Andrej Sacharow wird geboren

Von der Atombombe zu explosiven Gedanken 

Der russische Atomphysiker Andrej Sacharow (1921-1989) wirkte maßgeblich an der Entwicklung der sowjetischen Wasserstoffbombe mit. Als ein Atombombentest 1955 erste Opfer forderte, setzte bei Sacharow ein Umdenken ein. Er warnte vor weiteren Tests und nahm auch zu politischen Themen kritisch Stellung, etwa der Niederschlagung des "Prager Frühlings« 1968. In den späten Jahren der Sowjetunion war Sacharow ihr bekanntester Dissident. Er trat unbeirrt und unbeugsam für die Freiheit des Denkens und die Verteidigung der Menschenrechte ein, er kümmerte sich um die Rechte politischer Gefangener und setzte sich für das Selbstbestimmungsrecht ethnischer Minderheiten des Vielvölkerstaates ein. Als Staatsfeind diskreditiert, musste Sacharow 1980-88 in der Verbannung in Gorki unter der Aufsicht des KGB leben. 

Weitere bekannte sowjetische Dissidenten: Lew Kopelew (1912-1997) war ein russischer Schriftsteller und Germanist und nach 1968 ebenfalls ein prominenter Dissident der Sowjetunion. 1981 wurden Kopelew und sein Frau Raissa Orlowa zwangsweise ausgebürgert, als sie sich auf Einladung Heinrich Bölls auf Studienreise in Deutschland aufhielten. Erst 1989 erhielt Kopelew die Erlaubnis, seine Heimatstadt Moskau zu besuchen. 

Der Schriftsteller Alexander Solschenizyn (1918-2008), Autor des weltberühmten Werks "Archipel Gulag« (1973), war jahrelang in sowjetischen Lagern inhaftiert, wurde später verbannt und schließlich ausgewiesen. 

Harenberg - Abenteuer Geschichte 2015 

Stalin: Inside the Terror [1:28:37]

Veröffentlicht am 21.11.2013
This is a BBC2 documentary from 2003 and probably one of the best on Stalin. The archive footage is very good and it draws upon some excellent evidence from close witnesses, including Stalin's own family. Uploaded for educational purposes only.


Die rote Bombe Im Namen des Friedens Doku über die rote Bombe Teil 1 [15:00]

Veröffentlicht am 07.06.2013
Akteure von einst erzählen, wie es der UdSSR in den frühen 50er Jahren gelingen konnte, die Atomnacht USA zu überrunden. Der Mann, der diese Ära prägen sollte, hieß Andrej Sacharow. Seine Einsicht in den Wahnwitz seines Tuns kam zu spät, denn sein persönliches Opfer konnte das Wettrüsten nicht verhindern.

Lew Kopelew über das Buch 'Der Eisbrecher' [6:20]

Veröffentlicht am 18.08.2015
Lew Kopelew spricht über Viktor Suworows Buch 'Der Eisbrecher', in welchem Stalins Rolle im zweiten Weltkrieg behandelt wird. Zur Sprache kommen auch die Nürnberger Prozesse und das Schicksal deutscher Städte im Verlauf des Krieges.

Great Souls: Aleksandr Solzhenitsyn [56:43]

Hochgeladen am 13.01.2012
hosted by David Aikman. {English audio.}

Solschenizyn kehrt nach Russland zurück (1994) [3:18]

Veröffentlicht am 24.05.2014
Der Schriftsteller Alexander Solschenizyn kehrt im Mai 1994 nach 20 Jahren Exil in seine Heimat zurück. Eric A. Peschler, Journalist des Schweizer Fernsehens DRS, besucht den zukünftigen Wohnort Solschenizyns in Moskau. [«Tagesschau» vom 14. Mai 1994]

Drei Jahre Fukushima – verdrängt und vergessen?

Auch drei Jahre nach dem verheerenden Erdbeben und dem Tsunami in Japan lassen sich die langfristigen Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima noch nicht erahnen. Noch immer gibt es kaum Zugangsmöglichkeiten zur Reaktorruine und immer wieder gelangt kontaminiertes Wasser in den Pazifik. Dessen ungeachtet verkündete Japans Premierminister Abe Shinzo[1] im September 2013 während seiner Bewerbungsrede für die olympischen Sommerspiele 2020 vor dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) in Buenos Aires voller Überzeugung: „Lassen Sie mich Ihnen versichern: Wir haben die Situation komplett unter Kontrolle. Der Unfall hatte noch nie und wird nie Auswirkungen in Tokio haben.“[2]

Als die Entscheidung für Tokio gefallen war, verwies Abe auf einer IOC-Pressekonferenz zwar darauf, dass es noch das Problem mit dem kontaminierten Wasser gebe. Es sei aber ausgeschlossen, dass dies gesundheitliche Schäden anrichte. Schließlich würde sich die Kontamination auf den Bereich vor dem AKW Fukushima Daiichi begrenzen.[3] Dieser Auftritt steht beispielhaft dafür, wie die japanische Regierung die Lage seit der Atomkatastrophe 2011 verharmlost. Denn es kann nicht die Rede davon sein, dass die Regierung oder die Betreibergesellschaft Tepco die „Situation unter Kontrolle“ haben. Nach wie vor ist völlig unklar, wie die hochradioaktiv verseuchte Reaktorruine rückgebaut werden soll – die Radionuklide wie Plutonium 239 strahlen noch mehr als 20 000 Jahre. Auch ist noch immer unbekannt, in welcher Situation sich die geschmolzenen Brennelemente befinden. Doch solange diese dort bleiben, verhindert nur die permanente Kühlung der Reaktorkerne die erneute Kettenreaktion einer Kernspaltung, bei der Unmengen an Radioaktivität austreten würden. Tag für Tag fällt deshalb radioaktiv verstrahltes Kühlwasser an, ohne dass es ein Konzept für die Entsorgung des verunreinigten Wassers gibt. Die kontaminierten Wassermassen von mittlerweile mehr als 360 000 Tonnen sind für Tepco zu einem unlösbaren Problem geworden, für das eine nachhaltige Lösung nicht in Sicht ist. Zugleich musste das Unternehmen einräumen, dass immer wieder kontaminiertes Wasser aus den Lagertanks austritt und in den Pazifik fließt – und dass dessen Radioaktivität bisweilen noch höher ist, als zuerst mitgeteilt wurde: Im August vergangenen Jahres entwichen rund 300 Tonnen hoch radioaktives Wasser aus den Lagertanks, nach ersten Angaben sollen 80 Mio. Bequerel (Bq) Betastrahler pro Liter[4] gemessen worden sein. Schon dieses Ereignis wurde nach der Internationalen Bewertungsskala für Nukleare Ereignisse (INES) als Ernster Störfall (Stufe 3) bewertet. Anfang Februar dieses Jahres ließ Tepco allerdings verlauten, dass die tatsächliche Strahlenbelastung sogar fast fünfmal höher gewesen sei. Schon im Dezember 2013 musste Tepco mitteilen, dass sich die Strahlenwerte des Grundwassers am AKW innerhalb eines Monats verdoppelt haben.

Um das kontaminierte Wasser zu reinigen, sollen die Radionuklide in zwei Stufen herausgefiltert werden. Doch bislang funktioniert die zweite Stufe, in der überwiegend Betastrahler abgetrennt werden, noch nicht erwartungsgemäß. Und selbst wenn dies gelingen sollte, enthielte das aufbereitete Wasser noch immer hoch radioaktives Tritium (ebenfalls ein Betastrahler). Dennoch soll dieses dann im Pazifik entsorgt werden – obwohl die ökologischen Folgen nicht vorhersehbar sind.



Zysten in der Schilddrüse


Auf dem Land gibt es hingegen schon Indizien für strahleninduzierte Erkrankungen. Anfang Februar veröffentlichte die Präfektur Fukushima die jüngsten Ergebnisse der Schilddrüsenuntersuchungen von Kindern, die im März 2011 jünger als 18 Jahre waren. Bei 75 von 254 000 Kindern wurden Schilddrüsenkrebserkrankungen (einschließlich Verdachtsfällen) festgestellt, von denen knapp die Hälfte bereits operiert wurde. Insgesamt mehr als 46 Prozent aller untersuchten Kinder im Zeitraum zwischen 2011 und 2013 hatten Zysten in der Schilddrüse: 2011 waren es 36 Prozent, 2012 knapp 45 und 2013 schon mehr als 55 Prozent.[5]

Normalerweise erkranken Kinder selten an Schilddrüsenkrebs. Deshalb erfasst beispielsweise das deutsche Kinderkrebsregister diese Erkrankung nicht. Da es in Japan weder Vergleichsdaten aus der Zeit vor der Katastrophe noch Daten für die von der radioaktiven Kontamination nicht betroffenen Regionen gibt, kann man nur schwer feststellen, ob die Schilddrüsenkrebserkrankungen bei den Kindern zugenommen haben oder nicht. Die Präfektur Fukushima betonte, dass die Schilddrüsenerkrankungen bei den Kindern nicht von der erhöhten Strahlenbelastung nach der Katastrophe verursacht wurden – eine plausible Erklärung für den Anstieg von Zysten seit 2011 lieferte sie jedoch nicht. In Weißrussland und der Ukraine stiegen rund fünf Jahre nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl die Zahlen von Schilddrüsenkrebserkrankungen bei kleinen Kindern drastisch an. Die Entwicklung in Fukushima muss deshalb sehr genau beobachtet werden. Der frühere Forscher des Umweltinstituts München, Alfred Körblein, und der Forscher des Helmholtz-Zentrums München, Hagen Scherb, haben nach Tschernobyl die gesundheitlichen Auswirkungen auf Deutschland und insbesondere Bayern untersucht. Sie stellten unter anderem eine signifikante Zunahme der Frühsterblichkeit und der Totgeburten sowie einen deutlichen Rückgang der Lebendgeburten nach dem GAU fest.[6] Nach der Analyse der vom japanischen Ministerium für Gesundheit und Arbeit veröffentlichten Statistik über die Bevölkerungsentwicklung lassen sich Ähnlichkeiten zwischen Japan und Westdeutschland nach Tschernobyl feststellen: So gab es in der Präfektur Fukushima und in umliegenden Präfekturen 9 bis 19 Monate nach dem Reaktorunfall eine signifikante Zunahme der Säuglingssterblichkeit. In den 9 Monaten nach dem Unfall gingen die Lebendgeburten in Fukushima und der angrenzenden Präfektur Miyagi um mehr als das Dreifache zurück, in vier benachbarten Präfekturen um das Zweifache; zugleich gab es eine starke Zunahme von Totgeburten in den am höchsten belasteten Präfekturen.[7] Zudem ist seit dem Jahr 2013 auch eine Verschiebung im Geschlechterverhältnis zu verzeichnen.

Diese Indizien werden oft ignoriert, da die Zusammenhänge zwischen der Strahlenbelastung und diesen Fällen wissenschaftlich nur schwer nachweisbar sind. Der nach der Katastrophe von der Präfektur Fukushima einberufene Sicherheitsberater Yamashita Shunichi behauptet, dass eine effektive Strahlendosis unter 100 Millisievert (mSv) pro Jahr keine gesundheitlichen Auswirkungen hat. Die im Normalfall für die Öffentlichkeit gültige effektive Strahlendosis beträgt aber lediglich ein mSv pro Jahr.

mehr:
- Drei Jahre Fukushima – verdrängt und vergessen? (Fukumoto Masao, Berliner Republik 3/14)

[Doku] Fukushima - Chronik eines Disasters [Deutsch/HD] {47:15}

Veröffentlicht am 20.03.2013

Die Fukushima-Lüge, doku {29:07}

Veröffentlicht am 13.03.2013


Ukrainekonflikt und kein Ende?

Mit dem Abschluss von „Minsk II“ ist es, wenn auch unter großen Schwierigkeiten, zu einem höchst fragilen Waffenstillstand in der Ostukraine gekommen – inklusive einer Entzerrung der Frontlinien, des Abzugs schwerer Waffen und weiterer Deeskalationsschritte.[1] Ob die Beendigung der militärischen Auseinandersetzungen diesmal von Dauer sein wird, bleibt abzuwarten. Das hängt nicht zuletzt davon ab, ob die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) jetzt – anders als im ersten Konfliktjahr 2014 – von ihren 57 Mitgliedstaaten die ausreichenden personellen, finanziellen und logistischen Mittel erhält, damit sie die ihr in „Minsk II“ zugewiesenen Aufgaben auch erfüllen kann. Doch selbst dann wäre der Weg zu einem nachhaltigen Frieden noch weit.

Selbst wenn es tatsächlich gelingen sollte, den Krieg in der Ostukraine dauerhaft zu beenden, wäre der hinter den innerukrainischen Auseinandersetzungen stehende geopolitische Großkonflikt zwischen Russland und den Mitgliedstaaten von Nato und EU keineswegs überwunden. Voraussetzung dafür ist vielmehr, dass diese Konfliktparteien ihre grundlegenden Fehler und die falsche Politik der letzten Jahre korrigierten.

Theoretisch könnte den Vereinten Nationen dabei eine wichtige Rolle zukommen. Sie müssten den Konfliktparteien dazu verhelfen, in einen Deeskalationsprozess einzusteigen. Aus realpolitischen Gründen ist der UN-Sicherheitsrat jedoch das ungeeignete Gremium: Denn jedes Mandat des UN-Sicherheitsrates für eine wie auch immer geartete Präsenz in der Ukraine, das über die bisherige OSZE-Mission hinausginge, würde an einem Veto des ständigen Sicherheitsmitglieds Russland scheitern.

Erforderlich wäre daher eine gemeinsame Initiative von UN-Mitgliedstaaten, die nicht oder zumindest nicht in vorderster Linie an dem Konflikt beteiligt sind, die aber dennoch auch ein Interesse an seiner Deeskalation und Beilegung haben könnten. Denn eine Fortsetzung oder gar eine weitere Verschärfung des Konflikts zwischen Nato/EU und Russland hätte globale negative Auswirkungen. Einige sind schon jetzt spürbar: Die enormen Spannungen zwischen den USA und Russland wegen der Ukraine erschweren zusätzlich die so dringend nötige Kooperation zwischen den beiden Mächten bei der Beendigung des syrischen Bürgerkriegs und anderer Konflikte. Die schwere Wirtschaftskrise, in die Russland infolge der westlichen Sanktionen sowie zusätzlich wegen des deutlich gefallenen Weltmarktpreises für Öl geraten ist, werden zunehmend auch zum Problem für Länder, die mit Russland Handel treiben und deren Unternehmen in Russland investieren.

Notwendige Fehlerkorrekturen der Nato


Eine entscheidende Rolle spielt dabei auch die Nato: Die Nato-Staaten müssten in erster Linie – anstatt die Regierung in Kiew durch Waffenlieferungen und politischen Zuspruch in ihrem Ziel eines Nato-Beitritts zu bestärken – den Beschluss ihres Gipfels von 2008 aufheben und die klare, auch für die Wahrnehmung in Moskau unzweideutige Entscheidung treffen, dass eine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine wie auch Georgiens und Moldawiens nicht geplant ist. Um diesen Konfliktpunkt mit Moskau aus der Welt zu schaffen, reicht es nicht aus, wenn die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Regierungsvertreter in anderen EU-Hauptstädten in Hintergrundgesprächen mit Journalisten die Einschätzung äußern, dass „die Ukraine weder der Nato noch der EU in den nächsten zwanzig Jahren beitreten“ werde – weil „die Bedingungen schlicht nicht gegeben“ seien.

Zum Zweiten müssten die Mitgliedstaaten von Nato und EU die Sanktionen gegen Russland aufheben. Diese Sanktionen waren von Beginn an zum Scheitern verurteilt, gemessen an ihrem erklärten politischen Ziel, die Regierung Putin zu einer grundlegenden Veränderung ihrer Haltung zu bewegen. Offensichtlich kann davon keine Rede sein, ja mehr noch: Inzwischen wirken die Sanktionen sogar kontraproduktiv und erschweren eine Deeskalation des Konflikts und seine politische Lösung.

Die EU müsste zu der Einsicht gelangen, dass ihre seit etwa 2005 betriebene Ukrainepolitik, mit der sie Kiew vor die Entweder-oder-Alternative einer Partnerschaft mit der EU oder mit Russland stellte, dem Land nur geschadet hat. Denn die Ukraine ist zum einen ein in mehrfacher Hinsicht gespaltenes Land – unter anderem in der Interpretation der historischen Ereignisse nach der Besetzung durch Nazideutschland 1941. Zum anderen ist die Ukraine für ihr wirtschaftliches Überleben unbedingt angewiesen auf gute Handels- und Wirtschaftsbeziehungen sowohl mit Russland als auch mit der EU sowie zunehmend auch mit China und anderen asiatischen Ländern. Hintergrund der verfehlten und in ihrer Wirkung schädlichen Ukrainepolitik der EU war ihre 2001 verkündete „Lissabon-Strategie“. Diese Strategie hatte zum Ziel, die EU bis 2010 zum wirtschaftlich, technologisch und in anderer Hinsicht stärksten und wettbewerbsfähigsten „globalen Player“ zu machen. Nach Überzeugung der damals verantwortlichen Brüsseler Strategen benötigte die EU für dieses Ziel zwei große Staaten wegen ihrer geografischen Lage und regionalen Bedeutung, wenn nicht als Vollmitglieder, so doch als eng angebundene Partner in einer Zoll- und Wirtschaftsunion: die Türkei und die Ukraine. Weitere 14 Länder, darunter die nordafrikanischen Maghrebstaaten Marokko, Tunesien, Algerien und Libyen, dann Ägypten, Israel, die besetzten palästinensischen Gebiete, Syrien, Irak, Libanon und Jordanien sowie Aserbaidschan, Armenien und Weißrussland sollten in abgestufte Partnerschaftsbeziehungen an die EU angebunden werden und zu ihrem Einflussgebiet und ihrer vorgelagerten Peripherie werden. Das sind eindeutig geopolitische Zielsetzungen. Die EU veröffentliche diese Zielsetzungen 2004 allerdings unter dem verbrämenden Titel „Nachbarschaftspolitik“. Das Wort „Geopolitik“ benutzen die EU und ihre Mitgliedsregierungen lediglich als Vorwurf an Russland.

Als dritte Deeskalationsmaßnahme sollten die westlichen Staaten die Auszahlung ihrer versprochenen Kredite an Kiew in Höhe von 27 Mrd. US-Dollar bis zum Jahr 2019 abhängig machen von der konkreten Umsetzung der bereits im Sommer 2014 von der Regierung in Kiew zugesagten Reformen. Vordringlich ist dabei eine Verfassungsgarantie für sprachliche und sonstige Minderheitenrechte sowie eine Dezentralisierung des Landes, die den Provinzen mehr Kompetenzen gibt. Letzteres ist keineswegs nur eine Forderung, die in den ostukrainischen Provinzen mit einem hohen russischstämmigen Bevölkerungsanteil erhoben wird, sondern auch in westlichen Regionen des Landes.

mehr:
- Ukrainekonflikt und kein Ende? (Andreas Zumach, Berliner Republik 4/15)

Die Anstalt - Tatsachenanalyse zu ISIS und RUSSLAND - auf den Punkt gebracht - September 2014 [26:14]

Veröffentlicht am 30.09.2014
Geschichte der Politik des Westens im Mittleren und Nahen Osten und die aktuelle Russland-Politik. Schade und sehr bezeichnend, wenn man Wahrheiten in unseren deutschen Medien fast nur noch von Kabarettisten zu hören bekommt. Wo ist der journalistische Ehrgeiz geblieben? Gab es ihn überhaupt in der deutschen Medienlandschaft, wurde er jemals zugelassen? Armes Deutschland!

Bologna oder Die Kapitalisierung der Bildung

Seit Wochen gehen in Deutschland wieder Studentinnen und Studenten auf die Straße und besetzen ihre Universitäten, um gegen die gegenwärtigen Studienbedingungen zu protestieren. Im Kern richtet sich ihr Protest gegen die im Zuge des Bologna-Prozesses erfolgten massiven Änderungen in der Studienorganisation. Und das völlig zu Recht. Es sind nämlich bei weitem nicht bloß „handwerkliche Fehler“, wie Bundesbildungsministerin Annette Schavan behauptet, die die „Umsetzung“ der Hochschulreform erschweren. Im Gegenteil: Auf diese Weise wird die Verantwortung für die gegenwärtige Misere lediglich von der politischen auf die universitäre Ebene verschoben, und die tiefer liegenden Probleme werden nicht zur Sprache gebracht.

In der Bundesrepublik bedeutet der Bologna-Prozess eine Kulturrevolution. Er vollzieht einen sich schon länger anbahnenden fundamentalen Wandel der Vermittlung von Bildung und Beschäftigung – und durchbricht die lange wirksamen Widerstände gegen diesen Wandel, die jedoch zumindest unter den Studierenden (zu Recht) noch nicht beseitigt sind.

Der „Bologna-Prozess zur Schaffung eines europäischen Hochschulraumes“ sollte die nationalen Bildungssysteme für den europäischen Integrationsprozess öffnen. Der durch diesen Prozess eingeleitete Umbau besteht jedoch nicht nur aus einer formalen Angleichung von Hochschulabschlüssen: Bologna hat eine zunehmende Schichtung und Hierarchisierung nationaler Bildungseinrichtungen zur Folge. Die angestrebte transnationale Integration der Bildungssysteme wird von einer nationalen Desintegration begleitet. Das ist des Pudels Kern, der den gesamten Prozess so umstritten macht.

Der Kampf ums Prestige: Märkte als Mittler zwischen Bildung und Beschäftigung
Bildung wird unter den neuen Bedingungen in der Tendenz nicht mehr als Kollektivgut der Gesellschaft gestaltet (durch die Fachgesellschaften der Professoren und Berufsverbände), sondern als Individualgut und Ware auf einem globalen Bildungsmarkt gehandelt. Im neuen akademischen Kapitalismus dreht sich alles um die Renditen, die Investitionen in Humankapital erbringen. Der Kampf um Bildungsprestige verschärft sich und verteuert Bildung enorm. Zum Erfolg kann in einem solchen System nur derjenige kommen, dessen Eltern schon im Kindergarten, in Primarschule und Sekundarschule mit dem nötigen Geld die Weichen stellen, wie man in den USA und in Großbritannien am besten beobachten kann.

Offene Märkte treten an die Stelle der Berufsordnungen, als Mittler zwischen Bildung und Beschäftigung. Das schafft gravierende Unsicherheiten.

In Deutschland haben wir eine gewachsene Tradition der engen Kopplung von Bildung (Titel) und Beschäftigung (Stelle). Das wurde durch feste Berufsbilder gewährleistet, die von Fachgesellschaften (etwa bei Chemikern und Physikern) und Berufsverbänden (etwa bei Ärzten, Anwälten, Architekten, Ingenieuren und Lehrern) in öffentlicher Verantwortung gestaltet wurden. Diese Berufsbilder haben die Studiengänge (Staatsexamina, Diplome) und die Stellenanforderungen in der beruflichen Praxis eng miteinander verzahnt.

Die neuen Bachelorstudiengänge können das nicht leisten. Sie vermitteln lediglich Grundlagenkompetenzen und entlassen die Absolventen auf einen für sie viel weniger durch eindeutige Stellenprofile vorbereiteten Arbeitsmarkt. Was man im Bachelorstudium gelernt hat, muss deshalb umso mehr durch zusätzliche Qualitäten der Selbstdarstellung und Selbstvermarktung und durch das sogenannte lebenslange Lernen ergänzt werden. 1

Weil man Arbeitgeber nicht mehr mit einem beruflichen Profil für sich gewinnen kann, muss mehr in das persönliche Profil investiert werden: durch Auslandsaufenthalte, soziale Kompetenzen, sicheres Auftreten, Eloquenz und nicht zuletzt durch den Prestigewert des erworbenen Bildungstitels, der gegenüber dem reinen Sachwert die Oberhand gewinnt. Es kommt in Zukunft weniger darauf an, welchen Bildungstitel man erworben hat, sondern mehr darauf, von welcher Hochschule er verliehen wurde.

Es entwickelt sich ein Kampf um Prestige, der zu einer fortschreitenden Verteuerung der Bildungstitel führt, wie man an der explosionsartigen Steigerung der Studiengebühren in den USA besonders anschaulich beobachten kann. Dort kostet ein vierjähriges Bachelorstudium zwischen 40000 und 180000 US-Dollar allein an Studiengebühren. Wie in der Fußball-Champions-League erlangen die kapitalkräftigsten Bildungseinrichtungen auch das höchste Prestige und erzielen die dauerhaftesten Erfolge auf dem Bildungsmarkt. Sie schließen sich zu Allianzen europäischer Spitzeneinrichtungen zusammen, die sich durch akademischen Luxus von der Masse der übrigen Einrichtungen absetzen und dadurch den Abstand nach unten immer weiter vergrößern.

mehr:
- Bologna oder Die Kapitalisierung der Bildung (Richard Münch, Berliner Republik 1/2010)

ZDF Frontal21: Die Bachelor-Falle [8:17]

Veröffentlicht am 30.07.2014
Mit dem Bologna-Prozess wurde vor 15 Jahren das Bachelor-Master-System beschlossen, um die Lage an den Universitäten und am Arbeitsmarkt zu verbessern. Doch die Realität sieht heute anders aus.

Der Rückzug der Mitte

Wird die Linke konservativ und die Mehrheit unpolitisch? In der Absicht, vor allem ihr individuelles Wohlergehen zu sichern, treffen immer mehr Menschen Entscheidungen, die kollektive Nachteile zur Folge haben - und schaden sich so durch die Hintertür selbst
In jüngster Zeit mehren sich die Stimmen, die vor dem Niedergang der westlichen Demokratie, dem Ende des Politischen und dem Rückzug ins Private warnen. Die Finanzkrise, der Abbau sozialer Schutzmechanismen und Arbeitnehmerrechte, die Ausweitung globaler Konflikte und ökologischer Problemlagen hätten inzwischen einen Punkt erreicht, der mittelfristig nicht nur die westlichen Demokratien, sondern den Kapitalismus als Ganzes, sein ökonomisches, soziales und ökologisches Über-leben infragestelle. Ein nachhaltiger Wille zum Widerstand oder gar zum Protest sei jedoch kaum auszumachen.

Vor allem die jüngere Generation habe sich aus dem Politischen zurückgezogen. Sie zeige eine Rückwendung hin zu Familien-, Gemeinschafts- und Traditionswerten und eine unhinterfragte Anpassungsbereitschaft an die Spielregeln der Marktgesellschaft. Dies manifestiere sich auch in der Abwesenheit politischer Gesellschaftsentwürfe. Die Jüngeren zögen aus gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und prekärer Beschäftigung keine politischen Konsequenzen, sondern suchten allein das Private: Sie wollten für sich wirtschaftliche Sicherheit, passten sich pragmatisch den herrschenden Leistungsnormen an und sehnten sich nach stabilen Ordnungen.

Der Sozialhistoriker Jürgen Kocka glaubt, dass der Rückzug ins Private kein neues Phänomen ist. Es habe in der Geschichte immer wieder Zeiten des Rückzugs gegeben – als Zeichen kollektiver Verausgabung und Erschöpfung. Das sei in den fünfziger Jahren, nach der Katastrophe der Nazi-Diktatur und des Zweiten Weltkrieges wie auch nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 der Fall gewesen, also vor allem nach Phasen des gesellschaftlichen Umbruchs, nach einer großen öffentlichen Anstrengung und Überspannung der politischen Idee. Bereits der Soziologe Albert Hirschman geht in seinem Essay Engagement und Enttäuschung aus dem Jahr 1984 von einem Zyklenmodell aus: Auf eine Phase des öffentlichen Engagements und der Ideologie folge fast zwangsläufig ein zunehmendes Interesse an Konsumgütern und privatem Fortkommen. Letzteres würde nach einiger Zeit aufgrund der unausweichlichen Beschränktheit der privaten Glückssuche wiederum durch den verstärkten Einsatz für öffentliche Belange abgelöst. Haben wir es also lediglich mit einem Zeitgeistphänomen zu tun, mit einer momentanen Sehnsucht nach Bürgerlichkeit und konservativen Werten?


Ein libertäres Zeitalter – aus Mangel an Alternativen


Im Gegensatz dazu betonen politische Ökonomen und Soziologen die Unwiderruflichkeit der gegenwärtigen Entwicklung. Im politischen Rückzug manifestiere sich eine grundsätzliche Schwächung der Institutionen demokratischer Willensbildung. Die zunehmende Macht multinationaler Konzerne und die Umgestaltung der Politik zur Mediendemokratie habe die Macht der Staaten und politischen Entscheidungsinstanzen ausgehöhlt; wir befänden uns bereits heute in einem Zustand der Postdemokratie.

Der Publizist und Historiker Mark Lilla verortet (in der Berliner Republik 6/2014) das Problem dagegen eher auf einer kulturellen Ebene der Ideologien und Glaubenssysteme. Den Linken seien die Ideen ausgegangen, die aus den Ideologien seit der Französischen Revolution geborenen Utopien seien mit dem Ende des Kalten Krieges erloschen. Das politische Denken im Westen sei niemals so oberflächlich und leidenschaftslos gewesen wie heute. Es sei bequem geworden und antworte auf jedes weltpolitische Problem mit ein und demselben Dogma: dem der individuellen Freiheit. Heraufgezogen sei unser libertäres Zeitalter schlicht aus Mangel an Alternativen. Die individuelle Freiheit habe Vorrang gegenüber sozialen Bindungen, der Markt gegenüber der öffentlichen Gewalt und das Gebot der Toleranz gegenüber der Gestaltung des Gemeinwesens. Doch solange es an bewegenden Bildern und großen Erzählungen fehle, würden die Menschen in westlichen Kulturen ihre aktuelle Selbstbezüglichkeit und ihr politisches Desinteresse nicht überwinden können.

Auch die in den Sozialwissenschaften weit verbreitete Kritik am Neoliberalismus führt das Ende des Politischen auf den gesteigerten Individualismus zurück. Er begann als Emanzipationsprojekt der Neuen Sozialen Bewegungen und tritt dem Einzelnen nun als Forderung nach freier Entscheidung, als Strategie einer aktivierenden Politik entgegen. Etliche Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die zuvor beim Staat lagen, werden nun auf private Akteure, zivilgesellschaftliche Gruppen und vor allem auf Einzelpersonen und Familien übertragen.

mehr:
- Der Rückzug der Mitte (Cornelia Koppetsch, Berliner Republik 2/2015)