Freitag, 14. Juni 2019

DER SPIEGEL 1947 bis 1956: "Dieses Schmierblatt wird leider Gottes gelesen"

Hunger, Trotz und Zuversicht – die erste SPIEGEL-Dekade

Wann beginnt eine gute Erfolgsgeschichte? Am kalendarischen Datum, also am 4. Januar 1947? Oder schon dann, wenn die ganze Geschichte losgeht – Monate vorher? Oder erst dann, wenn sich Erfolg einstellt – Jahre später?

Die Geschichte des SPIEGEL startet unstrittig 1946 in Hannover mit den drei britischen Besatzungssoldaten John Chaloner, Henry Ormond und Harry Bohrer, die sich in den Kopf gesetzt haben, die damals noch recht nationalsozialistischen Deutschen mit halbwegs demokratischen Presseerzeugnissen zu versorgen – mit Zeitungen und, möglichst, auch mit einem Magazin.

Die Geschichten rund um die Gründung des SPIEGEL, die seitdem im Haus kursieren, bilden ein Knäuel aus Legenden, Anekdoten, Halbwahrheiten, das 60 Jahre später schwer zu entwirren ist. Die Anekdote will wissen, dass ein weiterer Engländer, der Pressemajor Robin Kelly, seinen jungen Untergebenen Rudolf Augstein, 22, vom "Neuen Hannoverschen Kurier", zum Kriegsverbrecherprozess ins ehemalige KZ nach Bergen-Belsen schickt, damit der die Aussagen der Angeklagten in Kurzschrift protokolliere. Schnell stellt sich heraus, dass der Junge von Stenografie so viel versteht wie nach ihm fast alle Journalisten – nämlich nichts. Augstein wird fristlos gefeuert, verabschiedet sich gefasst von seinen Kollegen und bemerkt beim Verlassen des Hofs im Pressehaus ein parkendes, jedoch seltsam wippendes Fahrzeug. Bei näherer Betrachtung entdeckt er seinen Eben-noch-Vorgesetzten Kelly in engem, damals verbotenem Kontakt mit einer deutschen Sekretärin.

Die Legende sagt, Augstein habe den Engländer höflich gefragt: "May I help you?"

Die Wahrheit ist: Die Kündigung wird sogleich kassiert. Und schnell merken die Briten, dass ihr Zögling keinerlei Lust entwickelt, dem sonst in der deutschen Medienlandschaft geübten Brauch zu folgen "Wes' Brot ich ess, des' Lied ich sing." Wohl nehmen die Jungredakteure in diesen Hungerzeiten gern am Mittagsmahl der Besatzer und am gespendeten Five o' Clock Tea teil – doch sie spucken auch gern in die Hand, die sie füttert. Chaloner selbst hat sie gelehrt, als "Ikonoklasten", Bilderstürmer, vorzugehen – und das tut die junge Mannschaft mit Genuss: Sie nennt die Politik der Besatzungsmacht "idiotisch". Sie wettert gegen den Mangel an Kohle und Lebensmitteln. Sie schreibt darüber, wie die Besatzer immer mehr Know-how, aber auch Maschinen in ihr Heimatland deportieren.
mehr:
- DER SPIEGEL 1947 bis 1956: "Dieses Schmierblatt wird leider Gottes gelesen" (SPON, 14.06.2019)

Erfundene und manipulierte Geschichten: Der Fall Relotius und seine Folgen {29:55}

ZAPP - Das Medienmagazin
Am 30.05.2019 veröffentlicht 
Mit erfundenen Geschichten hat Claas Relotius Leser und Kollegen getäuscht - und so für einen Skandal gesorgt. Der Schaden für den Journalismus ist groß, Maßnahmen werden ergriffen.
https://www.ndr.de

siehe auch:
"Spiegel"-Abschlussbericht: Ein System von Gleichgültigkeit (Willi Winkler, Süddeutsche Zeitung, 29.05.2019)
Das Ende des Mythos von der „Spiegel“-Dok, die jedes Wort prüft (Stefan Niggemeier, ÜberMedien, 22.12.2018)
Betrugsaffäre um "Spiegel"-Reporter – Ein Fall Relotius darf sich nicht wiederholen (Mathias Müller von Blumencron, nowheretostay.blogspot.com, 19.12.2018)
Wie der NDR die Medienkritik der AfD bestätigt (Don Alphonso, Deus ex Machina, blogs.faz.net, 14.09.2017)
Was einen Artikel zum "Spiegel"-Artikel macht (horizont.net, 04.01.2017)
- 70 Jahre „Der Spiegel“ – „Das alte Konzept des Leitmediums ist verloren gegangen“ (Lutz Hachmeister im Gespräch mit Ulrich Biermann, Deutschlandfunk, 04.01.2017)