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Montag, 26. Oktober 2020

Leserbriefe an die NachDenkSeiten zu „Lawrows Paukenschlag: Medien stellen Realität auf den Kopf“

Tobias Riegel hat in diesem Beitrag die Worte des russischen Außenministers Sergej Lawrow, die Kommunikation mit der EU für einige Zeit zu beenden, als „nicht überraschenden“, aber „dennoch beunruhigenden“ Paukenschlag bezeichnet. Er weist darauf hin, dass Deutschland „führend bei antirussischer Propaganda“ ist und er macht auf etliche Beispiele falscher Schuldzuweisungen aus Politik und Medien aufmerksam.
Zahlreiche Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten haben geantwortet. Die Zustimmung zum Inhalt und die Sorgen über eine Zunahme der Konfrontation sind groß. Wir bedanken uns sehr für die Antworten. Es folgen einige der Leserbriefe. Zusammengestellt von Christian Reimann.
mehr:
siehe auch:
ZAPP Studie: Vertrauen in Medien ist gesunken (Annette Leiterer, NDR/ZAPP, 17.12.14, siehe das Video ab Min. 1)
mein Kommentar:
Das antirussische Gebaren unserer Medien ist beileibe nicht neu:
Unsere Qualitätsmedien: Das sind keine Irrtümer; das sind Lügen, Propaganda und Zensur! (Post, 09.12.2014, Beachte vor allem Pkt. 2 [der einsame Putin auf dem G20-Gipfel in Brisbane] und 6 [Kürzung eines Putin-Interviews von 27 auf 9 Minuten]!)

Mittwoch, 14. Oktober 2020

Der Krieg gegen die Wahrheit, den Dissens und die Meinungsfreiheit

Syrien, die OPCW-Untersuchung zu Duma und die "Working Group on Syria, Propaganda and Media" – Vorbemerkung der Redaktion: Der britische Politikwissenschaftler und Propagandaforscher Piers Robinson beschreibt hier, mit welcher Vehemenz einige Leitmedien eine kritische Auseinandersetzung mit dem fragwürdigen Giftgasangriff in Duma im Jahr 2018 behindern und wie unliebsame Wahrheiten dennoch Stück für Stück ans Licht der Öffentlichkeit kommen.

Am Samstag, dem 13. Juni 2020, veröffentlichte die Zeitung The Times ihren dritten Angriff auf Forscher, die sich mit der Untersuchung britischer Regierungspropaganda und dem Krieg in Syrien befassen. Dieses Mal konzentrierte sich der Angriff darauf, Professor David Miller und mich zu verleumden, mit dem Ziel, eine von uns gegründete akademische Organisation, die Organisation for Propaganda Studies (OPS), die Forschung und Veröffentlichungen über Propaganda fördern soll, zu diskreditieren.

Der Artikel enthielt zahlreiche Unwahrheiten und Verzerrungen und ähnelte in seinem Stil früheren Angriffen, die hauptsächlich durch den Einsatz des Begriffs "Verschwörungstheoretiker" auf Rufmord abzielten. Am auffälligsten war, dass die Artikel die Arbeit von Mitgliedern der Working Group on Syria, Propaganda and Media (WGSPM), der auch Miller und ich angehören, mit der OPS in irreführender Weise vermischten. Formelle Beschwerden der OPS sind im Gange und die Times sah sich bereits gezwungen, eine Reihe von Korrekturen vorzunehmen.

Natürlich sind Rufmordangriffe als Propagandataktik weit verbreitet und es gibt sogar ein akademisches Routledge-Handbuch zu diesem Thema, das "Routledge Handbook of Character Assassination and Reputation Management", das 2019 veröffentlicht wurde und etwa 30 Kapitel enthält. Die Angriffe der Times wurden durch ähnliche Artikel, die Chris York für die Huffington Post geschrieben hat, noch verstärkt.

Insgesamt wurden etwa 20 Artikel verfasst, in denen diejenigen von uns angegriffen werden, die sich mit dem Krieg in Syrien befassen und wichtige Aspekte der britischen Propagandaoperationen in Frage stellen. Der größte Teil dieser Artikel wurde von nur zwei Journalisten verfasst, Dominic Kennedy für die Zeitung The Times und Chris York für die Huffington Post. Dies stellt eine außergewöhnlich intensive und anhaltende Kampagne gegen uns dar.

Warum in aller Welt sind wir in solche Schwierigkeiten geraten?
mehr:
- Der Krieg gegen die Wahrheit, den Dissens und die Meinungsfreiheit (Piers Robinson, multipolar, 14.10.2020)
siehe auch:
Merkel-Show im Bundestag: Die Chancen auf eine fünfte Amtszeit steigen (Thomas Siegmund, Handelsblatt, 13.05.2020)
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Russlandfeindliche Schmierenkomödie – von Merkel über Maas bis Lesch

Es gab ja und gibt wohl immer noch Menschen, die Bundeskanzlerin Merkel und damit auch unser Land für vermittelnd und ausgleichend halten. Dieser Eindruck war beispielsweise beim Konflikt um die Ukraine und die Krim entstanden. Aber dieser Eindruck täuscht. Die Bundeskanzlerin und ihre Beauftragten und Mitstreiter heizen den neuen West-Ost-Konflikt an. Herausragende Belege dafür sind: 1. die einseitige Parteinahme und Dauer-Rolle im Fall Nawalny. 2. das Verhalten des deutschen UNO-Botschafters und Merkel-Vertrauten Heusgen im UN-Sicherheitsrat. 3. das Drängen des deutschen Außenministers auf neue Sanktionen gegen Russland und 4. im Zusammenspiel mit den Offiziellen in Berlin auch Harald Lesch vom ZDF Terra X. – Die Scharfmacherei nimmt inzwischen gefährliche Dimensionen an. Albrecht Müller.

Es tritt ein, was wir auf den NachDenkSeiten schon seit Längerem beschrieben und befürchtet haben: Die vom Westen betriebene Konfrontation führt zu einer Verhärtung auf russischer Seite – offen geäußert jetzt vom russischen Außenminister Lawrow hier. Innerhalb Russlands wird das zu Verhärtungen und Veränderungen führen, die wir nicht wollen können. Es geht zulasten notwendiger und fruchtbarer Zusammenarbeit. Es geht zulasten unseres Rufes. Es geht zulasten der Sympathie, die sehr viele Russen für uns Deutsche empfinden. Bald wird man sagen müssen: empfunden haben. Ein Wunder ist es nicht, wenn man sich die Scharfmacherei auf deutscher Seite anschaut:
mehr:
- Scharfmacher Deutschland – von Merkel über Maas bis Lesch (Albrecht Müller, NachDenkSeiten, 14.10.2020)
siehe auch:
Abgedreht: Merkel, Scholz, Maas, Nawalny (Friedhelm Klinkhammer und Volker Bräutigam, Ken FM, 14.10.2020)
Der Krieg gegen die Wahrheit, den Dissens und die Meinungsfreiheit (Piers Robinson, multipolar, 14.10.2020)
mein Kommentar:
Irgendwoher kenne ich das…

a) Das Märchen vom einsamen Putin auf dem G20-Gipfel in Brisbane
b) Tagesthemen: Wie man aus 500 Zehntausende macht
c) Zensur durch Weglassen – das Putin-Interview von Thomas Roth 2008
die drei und noch mehr auf:
aber macht nichts:
Das wird keinem deutschen Couch-Potato auffallen!
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Donnerstag, 8. Oktober 2020

"Die OPCW hat noch die Möglichkeit, sich selbst zu korrigieren"

Verhinderte Rede des ersten Generaldirektors der OPCW, José Bustani, über die Politisierung der Arbeit, Chemiewaffen in Syrien und einen Appell an seinen Nachfolger

Im UN-Sicherheitsrat haben die USA, Großbritannien, Frankreich und ihnen nahestehenden Mitgliedsstaaten am Dienstag eine Intervention von José Bustani, dem ersten Generaldirektor der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPVW), zu einem umstrittenen Bericht über einen mutmaßlichen Giftgasangriff in Syrien verhindert.

José Bustani sollte vor dem Sicherheitsrat zu einem mutmaßlich manipulierten Bericht (Der OPCW-Abschlussbericht und der angebliche Giftgasangriff in Duma) über einen Zwischenfall in der syrischen Stadt Duma am 7. April 2018 sprechen. Eine folgende Untersuchung der OPCW sorgt für anhaltende Konflikte in der Organisation. Autoren der Untersuchung werfen der OPCW-Leitung vor, die Aussagen so manipuliert zu haben, dass die syrische Luftwaffe verantwortlich gemacht werden konnte. Dafür seien eine Reihe von Erkenntnissen der Untersuchungsmission vor Ort beiseitegeschoben worden. Zahlreiche Leaks aus der OPCW haben die These inzwischen bestätigt.

Brisant ist die Debatte in der OPCW auch, weil die USA, Großbritannien und Frankreich nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff umgehend Ziele in Syrien bombardiert hatten. Die OPCW-Inspektoren fanden später Beweise, die gegen eine Täterschaft der syrischen Luftwaffe sprachen. Ihre Erkenntnisse wurden auf Druck der Organisationsleitung und der USA jedoch zensiert.

Vor dem UN-Sicherheitsrat stellte sich Bustani nun vor die OPCW-Inspekteure, die nach den Geschehnissen in Duma vor Ort waren. Zugleich drängte er den amtierenden Generaldirektor Fernando Arias die bislang zensierten Erkenntnisse öffentlich zu machen. Kritisiert worden war vor allem, dass der Bericht der OPCW über den mutmaßlichen Giftgasangriff in Duma im April 2018 von einem fast komplett neuen Autorenteam verfasst wurde, nachdem alle Mitglieder der Vor-Ort-Mission abgezogen worden waren. Nachdem diese Mitarbeiter mit ihrer Kritik intern nicht durchdrangen (Ex-OPCW-Inspekteur kritisiert Abschlussbericht über den Duma-Vorfall), kam es zu Leaks mehrerer interner Dokumente.

"Unter großem Risiko für sich selbst haben es (die Inspekteure) gewagt, sich gegen ein mögliches irreguläres Verhalten in Ihrer Organisation auszusprechen, und es liegt zweifellos in Ihrem, im Interesse der Organisation und im Interesse der Welt, dass Sie sie anhören", so Bustani zu Arias. "Unabhängig davon, ob die Bedenken, die im Zusammenhang mit dem Verhalten der OPCW bei der Duma-Untersuchung geäußert wurden, stichhaltig sind oder nicht, wäre es ein wichtiger erster Schritt zur Behebung des Imageschadens, den die Organisation erlitten hat, wenn Sie sich anhören würden, was Ihre eigenen Inspektoren zu sagen haben. Diese Inspektoren behaupten nicht, Recht zu haben, aber sie wollen eine faire Anhörung erhalten".
mehr:
siehe auch:
ZAPP Studie: Vertrauen in Medien ist gesunken (Annette Leiterer, NDR/ZAPP, 17.12.2014)
Anmerkung:
Ab Min. 1:00 des in dem ZAPP-Artikel eingebetteten Videos erfährt man den Titel der Bröckers-Lesung: »Wir sind die Guten«

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Mittwoch, 30. September 2020

Propaganda in Coronazeiten: Die Reichstagsinszenierung

Reichsbürger und Reichstag - eine Inszenierung? | #43 Wikihausen {1:09:02}

wikihausen  
Am 30.09.2020 veröffentlicht 
Groteskes und Postfaktisches präsentiert von Dirk Pohlmann und Markus Fiedler.
Kommentieren Sie dieses Video unter: http://www.wikihausen.de/video-blog/
--------- Was ist rund um den "Sturm auf den Reichstag" geschehen?
War der Sturm auf die Reichtagstreppen gewollt?
Warum verhält sich die Polizei so seltsam?
Was erzählt die Wikipedia dazu?
Welche Rolle spielen Tamara K. und Gunnar W. bei dem Sturm auf den Reichstag ?
Warum reagiert die Polizei verspätet auf die Besetzung der Reichstagstreppen?
Was ist mit dem Polizisten, der sowohl in einer Daily-Soap als auch vor dem Reichstag auftaucht?
--------- Haben Sie den Film "die dunkle Seite der Wikipedia" gesehen? Wissen Sie davon, dass in der Wikipedia etwas nicht stimmt?
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siehe auch:
Die Weißhelme – ein Vergleich zwischen der aktuellen und einer alten Wikipedia-Version (Post, 20.09.2020)
Corona-Demo, Berlin: medial aufgeblasenes Affentheater am Reichstag – und der coolste Kommentar des ganzen Tages (Post, 31.08.2020)
…und weil’s so schön ist, hier nochmal das Video von Immo vom ATV & QUAD Magazin:
Berlin Demo am 29. August 2020 - Fazit: Warum werden wir belogen? Kein Ruhmestag für den Rechtsstaat {8:54}

ATV & QUAD MAGAZIN 
Am 29.08.2020 veröffentlicht 
Berlin Demo am 29. August 2020 - Fazit: Warum werden wir belogen? Kein Ruhmestag für den Rechtsstaat

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Montag, 28. September 2020

Geheimdienste und Medien: Propagandaoperation gegen Syrien enthüllt

Dokumente offenbaren, wie westliche Geheimdienste internationale Medien benutzt haben, um eine irreführende Medienberichterstattung über die Lage in Syrien zu erzeugen. Praktisch jeder Aspekt der so genannten “syrischen Opposition” sei von Public-Relations-Firmen „kultiviert und vermarktet“ worden, heißt es in den Dokumenten, deren Echtheit noch bestätigt werden muss. Wir veröffentlichen hier einen Artikel des italienischen Mediums „L’Antidiplomatico“. Von Redaktion.

In einem Artikel auf der Website von „Grayzone“ wurden Dokumente veröffentlicht, die eine groß angelegte Propaganda von Auftragnehmern westlicher Regierungen und Medien gegen die syrische Regierung enthüllen.[*]

Der Autor Ben Norton erklärt, dass die durchgesickerten Dokumente zeigen, wie Auftragnehmer der britischen Regierung eine fortschrittliche Propaganda-Infrastruktur entwickelt haben, um die Unterstützung der so genannten “politischen und bewaffneten Opposition” Syriens im Westen anzuregen.

Praktisch jeder Aspekt der so genannten “syrischen Opposition” wurde demnach von Public-Relations-Firmen, die von westlichen Regierungen unterstützt werden, kultiviert und vermarktet, von ihren politischen Erzählungen bis zu ihrer Marke, von dem, was sie sagten, bis zu dem Ort, wo sie es sagten.

Die durchgesickerten Akten enthüllen, wie westliche Geheimdienstzentren die Medien genutzt haben, indem sie sorgfältig eine Berichterstattung in englischer und arabischer Sprache über den Krieg in Syrien erstellten, um einen stetigen Strom so genannter “Pro-Oppositions-Berichterstattung” zu erzeugen.

US-amerikanische und europäische Auftragnehmer hätten “syrische Oppositionsführer” auf allen Ebenen geschult und beraten, diese Unternehmen hätten auch Interviews für so genannte “syrische Oppositionsführer” auf Mainstream-Kanälen wie der BBC und Channel 4 in Großbritannien organisiert.

Mehr als die Hälfte der Personen, die von Al Jazeera in Syrien eingesetzt werden, seien im Rahmen eines gemeinsamen Programms der US-Regierung und des Vereinigten Königreichs mit dem Namen “Basma” ausgebildet worden, das Hunderte von terroristischen Medienaktivisten hervorgebracht habe.

Die PR-Firmen westlicher Regierungen beeinflussten demnach nicht nur die Art und Weise, wie die Medien über Syrien berichteten, sondern produzierten, wie aus den durchgesickerten Dokumenten hervorgehe, ihre eigenen Pseudo-Nachrichten-Propagandageschichten, die von den großen Fernsehsendern im Nahen Osten, darunter BBC Arabic, Al Jazeera, Al Arabiya und Orient TV, ausgestrahlt wurden.
mehr:
siehe auch:
„Wenn man weiß, wo der Verstand ist, hat der Tag Struktur“ – Alexander Unzicker bei BUCHKOMPLIZEN (Post, 20.10.2019 – nur die Videos ansehen, sie starten an der wichtigen Stelle, jeweils etwa 1 Min. ansehen)
Operation Timber Sycamore:
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Samstag, 26. September 2020

30 Jahre „Brutkastenlüge“: Imperialer Machtanspruch und demokratische Öffentlichkeit

Wie gelingt es Regierungen demokratischer Staaten, Kriege zu führen, die von den Bevölkerungen abgelehnt werden? Die 1990 im Vorfeld des Irak-Kriegs aufgetischte „Brutkastenlüge“ steht exemplarisch dafür, wie Regierungen versuchen, Kriege gegen den Willen der Bürger zu legitimieren. Der Mechanismus hat Tradition. Von Reinhard Straumann.

Vor 30 Jahren, am 10. Oktober 1990, trat eine junge Kuwaiterin in Washington vor das Menschenrechtskomitee des Kongresses und machte eine Aussage. Zum Schutz seiner Familie wurde das 15-jährige Mädchen nur mit seinem Vornamen vorgestellt, Nayirah. Unter Tränen erzählte die Teenagerin, wie sie zwei Monate zuvor, als Praktikantin in der Klinik al-Addan in Kuwait, miterlebt habe, wie irakische Soldaten die Neugeborenenabteilung gestürmt und die Brutkästen entwendet hätten. Die Frühgeborenen warfen sie achtlos auf den Boden und ließen sie sterben, 312 an der Zahl.

Obwohl das Menschenrechtskomitee kein offizieller Ausschuss ist und dort niemand unter Eid steht, verursachte der Auftritt Nayirahs riesiges Aufsehen. Amnesty International berichtete darüber am 19. Dezember 1990. US-Präsident George Bush (Senior) erzählte die Story nachweislich zehn Mal. Sie wurde dem UN-Sicherheitsrat aufgetischt und im Kongress kolportiert, als dieser im Januar 1991 dem Krieg gegen den Irak zustimmte, der im August Kuwait überfallen und dessen Ölfelder besetzt hatte. Die Abstimmungen für den Krieg waren knapp; 250 zu 183 im Repräsentantenhaus und 52 zu 47 im Senat. Angesichts dieser engen Stimmendifferenz ist denkbar, dass Nayirahs Schilderung den Ausschlag gegeben hatte. Ganz gewiss aber hatte sie die öffentliche Meinung gekippt. Jetzt verstanden die Menschen, weshalb die USA Saddam Hussein jahrelang unterstützt hatten – und nun doch gegen ihn Krieg führten. Jetzt konnte die Regierung den militärischen Kampf um das Öl im mittleren Osten aufnehmen und gleichzeitig die Mär von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten aufrechterhalten.

PR-Kampagnen für den Krieg

Ohne Zustimmung der Öffentlichkeit tun sich auch US-amerikanische Regierungen schwer, Krieg in einem Drittstaat zu führen. Also tut sie gut daran, mittels propagandistischer Maßnahmen für die gewünschte öffentliche Meinung zu sorgen. Im Falle Nayirahs war jede Silbe ihrer Schilderung erfunden und erlogen. Sie war in Tat und Wahrheit niemand anders als die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA, Saud Nasir al-Sabah, Mitglied der Königsfamilie, und hatte keine Sekunde als Praktikantin in der Geburtsklinik gearbeitet. Die ganze Geschichte war von der damals weltgrößten PR-Agentur Hill&Knowlton ersonnen, die von der kuwaitischen Exilregierung für 10,8 Millionen Dollar beauftragt war, die öffentliche Meinung für den Krieg einzunehmen. Ungesichert ist, ob auch die US-amerikanische Regierung über das Vorgehen informiert war.

Die sogenannte „Brutkastenlüge“ ist seither der Vergesslichkeit der Menschen überlassen worden. Denn sie führt direkt ins Zentrum einer Problematik, über welche man in den USA und in der NATO diskret hinwegsieht: in das Spannungsverhältnis von demokratischer Öffentlichkeit und imperialen Ansprüchen. Sie ist ein besonders krasses Beispiel dafür, wie im Sicherheitsrat der UNO mit dem Gewaltverzichtsgebot umgesprungen wird. Während die Menschen sich dagegen verwahren, „der Krieg sei der Vater aller Dinge“ (Heraklit, 500 v. Chr.), so ist er für den „militärisch-industriellen Komplex“ (Eisenhower) der Vater aller Geschäfte. Er ist unverzichtbar.

Die Geschichte von Nayirah steht exemplarisch dafür, wie Regierungen Krieg legitimieren, obwohl die Menschen ihn ablehnen, die die Regierungen wählen. Der Mechanismus hat Tradition. War es im Ersten Weltkrieg noch die Torheit der deutschen Admiralität gewesen, die den englischen Dampfer Lusitania torpedieren ließ (der 1200 amerikanische Passagiere und eine Waffenlieferung für Großbritannien an Bord hatte) und so den von der Industrie und den Banken längst geforderten Kriegseintritt der USA bewirkte, so war es im Zweiten Weltkrieg bereits komplizierter: Wiederum drängte das Großkapital auf die Kriegsteilnahme, aber wiederum zauderte die Öffentlichkeit. Erst der japanische Angriff auf Pearl Harbour im Dezember 1941 bewirkte den Meinungsumschwung. Dabei blieb dem US-amerikanischen Publikum vorenthalten, dass die US-Regierung den Erstschlag der Japaner durch ein radikales Ölembargo und das Einfrieren von Auslandsguthaben bewusst provoziert hatte und sogar dessen bevorstehendes Datum kannte. Es wäre ein Leichtes gewesen, die 3000 Menschen zu retten, die dem Angriff zum Opfer fallen sollten – stattdessen rettete man die Flugzeugträger, die man aus der Gefahrenzone aufs offene Meer abzog. Man brauchte sie ja noch.

Die Nachkriegszeit mit dem Kalten Krieg, den Stellvertreterkonflikten und dem immer enthemmteren Turbokapitalismus trug eine gesteigerte Amoralität in die Kriegsanlasslüge. Richtungsweisend war 1954 der Putsch in Guatemala, wo der sozialdemokratische Präsident Jacobo Arbenz eine Bodenreform plante, um die Campesions vor der Ausbeutung durch die United Fruit Company zu schützen. Wesentliche Aktienpakete der Gesellschaft befanden sich in den Händen der Brüder Dulles, des CIA-Direktors Allen Dulles und des Außenministers John Foster Dulles. Dementsprechend rigoros ging die CIA vor. Erstmals bediente sie sich der wissenschaftlichen Propagandaforschung, indem man den PR-Spezialisten Edward Bernays (ein Neffe von Sigmund Freud) beauftragte, die Öffentlichkeit auf einen Militärputsch in Guatemala vorzubereiten.
mehr:
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Montag, 17. August 2020

Wikipedia-Artikel »Kubakrise«: Wann verschwand der Satz mit den nur erstschlagfähigen Raketen?

Vorbemerkung:
Wenn ich die Geschichte von dieser Textänderung erzähle, muß ich immer wieder neu recherchieren.
Um mir die Arbeit zu ersparen, hier also der Post zur Textänderung im Abschnitt »Unmittelbaren Vorgeschichte der Kubakrise« – zusammen mit einem aus verschiedenen Quellen zusammengestellten geschichtlichen Hintergrund:



Die Vorgeschichte zur Vorgeschichte:


Nach Ende des 2. Weltkriegs gab es mit den Vereinigten Staaten von Amerika und der Sowjetunion nur noch zwei globale Weltmächte. Da diese beiden Nationen völlig gegensätzliche Ideologien und Wirtschaftssysteme vertraten, kam es zu einem Konflikt, der als "Kalter Krieg" bezeichnet wurde. Ein typisches Merkmal des Kalten Krieges war das gegenseitige Wettrüsten, das in den 50-er Jahren einsetzte und zur Entwicklung von immer neuen Waffentechniken führte. Dazu gehörten zunächst vor allem Langstreckenbomber. 1957 gelang es der Sowjetunion jedoch, Interkontinentalraketen zu entwickeln, was bei den USA und ihren Verbündeten für Entsetzen sorgte. Aufgrund langer Vorwarnzeiten war ein Überraschungsangriff mit diesem Raketentypus allerdings nicht möglich. Das bedeutete, dass die Waffen näher an ihre Ziele herangeführt werden mussten, weshalb die Sowjetunion ab 1958 atomare Mittelstreckenraketen in der DDR stationierte. Die USA reagierten daraufhin mit der Stationierung von Atomraketen in Großbritannien, Italien und der Türkei. Ein nuklearer Erstschlag zur Vernichtung des jeweiligen Gegners wurde dabei nicht ausgeschlossen.
[
Kubakrise, geschichte-lexikon.de, undatiert – Hervorhebung von mir]

 


1958 eröffneten die USA mit der Stationierung von nuklearen Mittelstreckenraketen in Europa ein gefährliches Spiel, das in der Kubakrise gipfelte. In England stationierte man 60 Raketensysteme vom Typ THOR, in Italien 30 Raketensysteme und in der Türkei 15 Raketensysteme vom Typ Jupiter. Großbritannien verfolgte 1958 eine Counter-City-Strategy, die 131 Städte der Länder des Warschauer Vertrages ins nukleare Visier nahm (Siehe Luftmarschall Tuttle ans britische Verteidigungsministerium 1. April 1958). In Reichweite der THOR-Raketen lagen 46 Großstädte, darunter Moskau.

Einen Schritt zur Kompensierung des möglichen nuklearen Enthauptungsschlages stellte die Stationierung von 4 R-5M-Raketen (SS-3) in der DDR dar. Am Ende des Jahres 1958 verlegte die 72. Ingenieurbrigade - Kommandeur Oberst Cholopow - zwei Raketenabteilungen nach Vogelsang und Fürstenberg. Im Sommer 1959 zog die Sowjetunion diese Raketen wieder ab - vermutlich wegen der Indienststellung der Rakete R-12 (SS-4) - mit der vom sowjetischen Territorium die meisten Punkte in Europa bekämpft werden konnten. Erst nach Zerfall der Sowjetunion wurde dieser Teil der Geschichte des Kalten Krieges bekannt.

Im Brief vom 27. Oktober 1962 schreibt Chruschtschow an Kennedy: "Ihre Raketen stehen in Großbritannien, in Italien und sind gegen uns gerichtet. Ihre Raketen stehen in der Türkei. Sie sind beunruhigt über Kuba. Sie sagen, das beunruhigt Sie, weil es nur 150 Kilometer vor der Küste der Vereinigten Staaten von Amerika liegt. Aber die Türkei grenzt an unser Land; unsere Wachposten patrouillieren hin und her und können einander sehen. Meinen Sie denn, Sie hätten das Recht, Sicherheit für Ihr Land zu verlangen und den Abzug der Waffen zu fordern, die Sie offensiv nennen, uns aber dasselbe Recht nicht zuzugestehen? Sie haben vernichtende Raketenwaffen, die Sie offensiv nennen, in der Türkei stationiert, buchstäblich in nächster Nähe unseres Landes. Wie läßt sich denn die Anerkennung unserer gleichwertigen militärischen Stärke mit so ungleichen Beziehungen zwischen unseren großen Staaten vereinbaren? Das ist unvereinbar." Zwei Jahre nach der Kubakrise und ein Jahr nach dem Tod des US-Präsidenten wurden die Raketen abgezogen.

[Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa ab 1958, peterhall.de, undatiert]
 
Mein Kommentar: 
Es wäre ja mal interessant herauszufinden, was mit den 60 Thor-Systemen auf der britischen Insel wurde. In Wikipedia wurden (und werden) sie nicht erwähnt…
Weiteres siehe unten…
 

Als Nikita Chruschtschow auf dem Höhepunkt der Karibischen Krise in einer Botschaft an den US-Präsidenten vorschlug, den Abzug der Sowjetraketen aus Kuba mit der Demontage der Nato -Raketenbasen in der Türkei zu honorieren, antwortete John F. Kennedy mit einem brüsken Nein.
Als Amerikas Uno-Chefdelegierter Adlai Stevenson sich im geheimen "Komitee der Neun" (SPIEGEL 51/1962), das Kennedy während des Kuba-Konflikts beriet, für diesen Raketen-Handel einsetzte und empfahl, auch die Raketenbasen in Italien und Großbritannien mit einzubeziehen, wurde ihm öffentlich vorgeworfen, er sei ein Weichling und propagiere ein "neues München".
Zu diesem angeblichen München entschloß sich die US-Regierung indes Mitte Januar aus eigenem Ermessen: Präsident Kennedy vereinbarte mit seinem italienischen Gast, dem Ministerpräsidenten Fanfani, die Demontage der 30 amerikanischen Jupiter-Mittelstrekkenraketen in den Dolomiten und auf Sardinien.
Zugleich ließ Washington die türkische Regierung wissen, daß auch die 15 Jupiter-Geschosse in der Türkei, die dem russischen Regierungschef von jeher ein besonderes Ärgernis waren, zurückgezogen werden sollen.
Die Raketenbasen in Großbritannien werden bereits abgebaut: Von den 60 auf vier ostenglische Stützpunkte verteilten Thor-Mittelstreckenraketen wurden inzwischen 15 wieder in die USA zurückgebracht, um dort für friedliche Weltraumzwecke umgebaut zu werden.
"Die Kennedy-Regierung ist freilich bemüht", kommentierte die Londoner "Times" diese amerikanische Raketen-Abrüstung in Europa, "zu versichern, daß kein Zusammenhang (mit Kuba) bestehe und daß wichtige strategische und technische Gründe diesen Schritt rechtfertigen."
Die technischen Gründe sind seit langem bekannt: Die mit flüssigem Treibstoff angetriebenen Thor- und Jupiter -Raketen mit Reichweiten von 2400 Kilometern sind veraltet. In ihren offenen, den Sowjets genau bekannten Feuerstellungen sind sie leicht verwundbar und würden einen ersten Schlag des Gegners nicht überstehen. Zudem sind ihre potentiellen Ziele längst durch wirksamere Waffen abgedeckt.
Die strategischen Gründe ergeben sich aus der neuen Verteidigungskonzeption Kennedys, der jüngst schon die für Großbritanniens Nuklearmacht bestimmte Skybolt-Rakete zum Opfer fiel. Es handelt sich dabei - so die "Times" - um "eine Politik, die das Hauptgewicht der nuklearen Abschreckungsmacht innerhalb der amerikanischen Grenzen konzentrieren will".
Strategische Atomwaffen sollen nicht länger auf dem Gebiet der Verbündeten stationiert werden, nur noch taktische Atomwaffen von hoher Beweglichkeit. Nach dem langsamen Abbau des strategischen Bomber-Kommandos soll sich die amerikanische Nuklearmacht künftig auf zwei wirksame Waffen konzentrieren:
- die "Minuteman"-Feststoffrakete, die bei einer Reichweite von vorläufig 10 200 Kilometern von amerikanischem Boden aus jeden strategisch wichtigen Punkt der Erde erreichen kann; bis 1966 sollen 1000 Minuteman-Raketen inunterirdischen Feuerstellungen bereitstehen.
- die Polaris-Rakete, die, von atomgetriebenen Unterseebooten aus abgeschossen, eine Reichweite von 2400 und später 4600 Kilometern hat; bis 1967 sollen 41 U-Boote mit je 16 Raketen zur Verfügung stehen.
Eine Polaris-Flotte von sechs bis neun Booten soll als Ersatz für die demontierten Jupiter-Stellungen im Mittelmeer stationiert werden, sofern der Nato-Rat den amerikanischen Plänen zustimmt. Noch in diesem Jahr werden die ersten Boote im US-Flottenstützpunkt Rota (Spanien) eintreffen.
Diese schwimmenden Raketenbasen werden bis zu ihrer Eingliederung in die geplante multilaterale Nato-Polaris-Flotte unter US-Befehl bleiben, und zwar aus militärischen Führungsgründen. Aber ihre eventuellen Ziele werden vom Nato-Oberkommando bestimmt werden, dem zur Zeit auch die Raketenbasen in Italien und der Türkei unterstellt sind.
Der Abbau der veralteten Mittelstreckenraketen hat freilich nicht nur technische und militärische Gründe. Die Kennedy-Regierung verbindet damit zugleich eine Frontbegradigung gegenüber der Sowjet-Union, ein erstes Auseinanderrücken der Atommächte, das, wie sie hofft, von Chruschtschow als Geste des guten Willens gewertet wird, obgleich das eher von psychologischem als von praktischem Wert ist.
"Möge diese Entscheidung", so schrieb dazu das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek", "von Chruschtschow als Zeichen dafür gewertet werden, daß die Möglichkeit besteht, mit dem Westen zu einer Verständigung über lebenswichtige Fragen zu gelangen."
Der Sowjetpremier, dessen Spitzendiplomaten nach der Kuba-Krise mit Kennedys Beratern wochenlang intime Verhandlungen geführt hatten, zeigte sich in der Tat willens, die amerikanische Anregung aufzugreifen. In einem Brief an den US-Präsidenten fand sich Chruschtschow zu Konzessionen in einer Frage bereit, die für die beiden Weltmächte angesichts der Gefahr einer weiteren Ausbreitung der Atomwaffen immer dringlicher wird: der Einstellung der Atomtests.
[NATO / RAKETEN-STRATEGIE: Rückzug angeordnet, Spiegel, 30.01.1963, Hervorhebungen von mir]     

 


Dass es überhaupt zu dieser Krise kommen konnte, lag in der Logik des Widerspruchs zwischen atomarer Abschreckung und offensiver Atomkriegsführung.

Ginge es bei Atomwaffen ausschließlich um die Aufrechterhaltung einer atomaren Abschreckung, so würden wenige dieser Waffen verbunden mit einer gesicherten Zweitschlagskapazität ausreichen, um dem vermeintlichen Gegner glaubwürdig vernichtende Schläge anzudrohen. Doch mit der Logik des „Wer als erster schießt, stirbt als zweiter“, lässt sich kein atomarer Angriffskrieg planen. Dafür braucht die angreifende Seite zumindest die Hoffnung, einen solchen Krieg gewinnen zu können.

Mit der Aufstellung von atomaren Mittelstreckenraketen des Typs Thor in England sowie des Typs Jupiter in Südostitalien und in der Türkei ab Januar 1959 hofften die USA, ihre Raketen so nahe an Zielen in der UdSSR installiert zu haben, dass ein Überraschungsangriff möglich sein könnte. Ausdrücklich wurde von den USA in ihrer Militärdoktrin ein Ersteinsatz von Atomwaffen nicht ausgeschlossen. Im April 1962 waren diese Raketen einsatzbereit. Da sie nicht besonders geschützt, sondern leicht angreifbar waren, eigneten sie sich nur für einen Erstschlag. Unterstützung in einem solchen Atomkriegsszenario konnten die mit Polaris-Atomraketen bestückten U-Boote bieten, denen die UdSSR zu diesem Zeitpunkt nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatte.

Nach dem Bruch zwischen Kuba und den USA im Oktober 1960 eröffnete ein Bündnis mit Kuba der UdSSR auch neue militärstrategische Optionen. Ab Juli 1962 begann die UdSSR heimlich mit der Stationierung von Militär. Die sowjetische Marine und Handelsflotte brachte über 42.000 Soldaten und 230.000 Tonnen Ausrüstung nach Kuba, darunter auch 40 R-12- und 24 R-14-Mittelstreckenraketen mit dazugehörigen Atomsprengköpfen mit einer Sprengkraft von 0,65, bzw. 1,65 Megatonnen TNT. Zum Vergleich: Die von den USA über Nagasaki abgeworfene Atombombe hatte eine Sprengkraft von 0,024 Megatonnen.

Die UdSSR konnte ihre Truppen- und Raketenstationierung nach der mit verdeckter Unterstützung der CIA durch Exilkubaner ausgeführten Invasion in der Schweinebucht im April 1961 problemlos als Hilfe für die Verteidigung Kubas gegen eine drohende US-Invasion begründen und zugleich ein atomares Potenzial aufbauen, das die bisherigen Schwächen im strategischen Vergleich gegenüber den USA ausgleichen sollte.

Am 5. und 29. August 1962 konnte die CIA auf Fotos eines Aufklärungsflugzeugs des Typs U-2 Startvorrichtungen für sowjetische Luftabwehrraketen in der Provinz Pinar del Río nachweisen. Am 14. Oktober von U-2-Flugzeugen aufgenommene Fotos zeigten sowjetische Techniker und Soldaten beim Bau von Startrampen für sowjetische Mittelstreckenraketen des Typs SS-4 und SS-5 in der Nähe von San Cristóbal.

Die USA waren jetzt in einer vergleichbar ungünstigen Lage wie die UdSSR. Der Gegner im Kalten Krieg konnte in absehbarer Zeit ihr Territorium von Kuba aus mit atomaren Mittelstreckenraketen mit kurzen Vorwarnzeiten bedrohen, so wie sie die UdSSR bereits von europäischem und türkischem Territorium aus bedrohen konnten. Daraufhin berief Präsident John F. Kennedy am 16. Oktober einen Beraterstab ein, der zwei alternative Reaktionsmöglichkeiten erörterte: Hinnehmen der Stationierung oder Luftangriffe und Invasion.

[Otmar Steinbicker, Kuba-Krise – Nahe am Abgrund, Friedensforum 4/2015 – Hervorhebungen von mir]     



Im Mai 1962 präsentiert der sowjetische Präsident Nikita Chruschtschow im engeren Machtzirkel der sowjetischen Führung seine Idee, auf Kuba Raketen mit Nuklearsprengköpfen zu stationieren.

Die USA hatten sich nach Auffassung von Chruschtschow mit der Stationierung von Jupiter-Raketen in der Türkei und in Italien einen unverhältnismäßig großen Vorteil verschafft. Außerdem waren sie in der Entwicklung strategischer Waffen klar überlegen. Dies könne mit der Stationierung von Raketen auf Kuba verändert werden. Ein zweites Motiv ist für Chruschtschow der Schutz der kubanische Revolution: "Die USA werden nach dem Scheitern in der Schweinebucht weitermachen, nicht mit Söldnern, sondern nun direkt intervenieren – nur Nuklearwaffen können sie stoppen".

Nach mehreren Debatten entscheidet sich der Sicherheitsrat der UdSSR für eine Stationierung von Nuklearwaffen auf Kuba. Eine Abordnung der sowjetischen Luftwaffe und der Roten Armee reist auf die Karibikinsel, um Fidel Castro die Pläne zu übermitteln. Dieser berät sich mit der kubanischen Führungsrunde, den „Vereinigten Revolutionären Organisationen“, über den Vorschlag. Neben Sicherheitsbedenken gegen die gefährlichen Nuklearwaffen auf der Insel, die mit der Stationierung der Waffen automatisch zur sowjetischen Militärbasis wird, überwiegen für die Kubaner jedoch die positiven Auswirkungen des sowjetischen Plans. Sie bedeuten eine Stärkung des sozialistischen Lagers und eine gewaltige Erhöhung der Verteidigungskraft Kubas, die eine Abschreckung jeglicher Invasion von außen bedeutet. Kuba stimmt dem Plan der UdSSR zu.

[Raimund Krämer, Ost-West: Ein Wettlauf atomarer Aufrüstung, planet-schule.de, undatiert]     


Zu den beiden Versionen: 

 

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  1. Von 1959 an stationierten die USA in Italien eine Staffel mit 25 und in der Türkei zwei Staffeln mit je 25 nuklear bestückten Mittelstreckenraketen vom Typ Jupiter, die auf die UdSSR gerichtet waren.
  2. Am 26. und 27. Oktober 1960 starteten die USA von der Laughlin Air Force Base in Texas erstmals auch U-2-Aufklärungsflüge über Kuba. Am 5. September 1961 wurden erstmals Aufnahmen von Flugabwehrraketen vom Typ S-75 und von Kampfflugzeugen vom Typ MiG-21 Fishbed gemacht.
  3. Im April 1962 wurden die amerikanischen Thor- und Jupiter-Atomraketen in der Türkei einsatzbereit gemacht. Weil sie wegen ihrer ungeschützten Aufstellung leicht angreifbar waren, konnten sie nur zu einem atomaren Erstschlag genutzt werden.
  4. Zudem fuhren auf den Meeren US-U-Boote mit Polaris-Atomraketen. Diese Submarine Launched Ballistic Missiles konnten auch unter Wasser abgefeuert werden und waren entsprechend schwer zu treffen. Die Sowjetunion hatte zu dem Zeitpunkt nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen.
    [Kubakrise, Unmittelbare Vorgeschichte, Wikipedia, freigegeben am 15.05.2015Hervorhebung von mir]
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  1. Von 1959 an stationierten die USA in Italien eine Staffel mit 25 und in der Türkei zwei Staffeln mit je 25 nuklear bestückten Mittelstreckenraketen vom Typ Jupiter, die auf die UdSSR gerichtet waren.
  2. Am 26. und 27. Oktober 1960 starteten die USA von der Laughlin Air Force Base in Texas erstmals auch U-2-Aufklärungsflüge über Kuba. Am 5. September 1961 wurden erstmals Aufnahmen von Flugabwehrraketen vom Typ S-75 und von Kampfflugzeugen vom Typ MiG-21 Fishbed gemacht.
  3. Im April 1962 wurden die amerikanischen Thor- und Jupiter-Atomraketen in der Türkei einsatzbereit gemacht.
  4. Zudem fuhren auf den Meeren US-U-Boote mit Polaris-Atomraketen. Diese Submarine Launched Ballistic Missiles konnten auch unter Wasser abgefeuert werden und waren entsprechend schwer zu treffen. Die Sowjetunion hatte zu dem Zeitpunkt nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen.
    [
    Kubakrise, Unmittelbare Vorgeschichte, Wikipedia, freigegeben am 20.05.2015]
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mein Kommentar:
Ein kurzer Satz in Wikipedia, eine große Veränderung im Kopf des Lesers.
Stellen wir uns zwei Leser vor, von denen der erste den Satz
»Weil sie wegen ihrer ungeschützten Aufstellung leicht angreifbar waren, konnten sie nur zu einem atomaren Erstschlag genutzt werden.« 
liest (also vor dem 20. Mai 2015 sich den Artikel »Kubakrise« bei Wikipedia zu Gemüte führt).
Der zweite Leser schaut nach dem 20. Mai 2015 in den Artikel rein und liest diesen Satz nicht.
Preisfrage:
Welcher der beiden Leser hat für den Versuch der sowjetischen Regierung, Atomraketen auf Kuba zu stationieren, (zumindest ein wenig) mehr Verständnis?

Und dann stellen wir uns die beiden in einem Streitgespräch über die Kubakrise – und den damit verbundenen sowjetischen Stationierungsversuch – vor.

Wenn man jetzt einen psychologischen Test machen würde und 100 Menschen den Wikipedia-Artikel mit und weiteren 100 Menschen den Wikipedia-Artikel ohne den Satz über die Verwendbarkeit der Thor-Raketen zu lesen geben würde:
Wie würden die 100 Wikipedia-Leser »mit dem Satz«, und wie würden die anderen 100 Leser »ohne den Satz« den Grad der Agressivität der Sowjets einschätzen?

Um es noch ein wenig komplizierter zu machen:
Ich selbst habe 1974 Abitur gemacht (und hatte noch das Bild der bösen sowjetischen Morlocks im Kopf, die der Lichtgestalt Kennedy das Leben schwer und der gesamten US-Nation Angst machen wollten). Erst im Jahr 2005 – also 30 Jahre später – erfuhr ich durch Zufall (ich las die damalige Wikipedia-Version des Artikels über die Kubakrise) von der Stationierung der US-Raketen in Italien und in der Türkei zwei bis drei Jahre zuvor.
Gestern erst erfuhr ich, daß neben den von Wikipedia erwähnten Jupiter- und Thor-Raketen noch weitere 60 Thor-Raketen in den Jahren 1958 bis 1963 in Großbritannien stationiert worden waren. (siehe dazu das obige Spiegel-Zitat, 5. Absatz)
Man kann mich jetzt gern als Verschwörungstheoretiker abtun, aber es gibt da eine zeitliche Koinzidenz zur Änderung des Wikipedia-Artikels, die mich nach meiner Beschäftigung mit den Wikipedia-Manipulationen nicht erstaunt:
Anfang Februar 2015 bargen niederländische Soldaten Leichenteile, persönliche Gegenstände und Wrackteile, die Bewohner der Absturzregion gefunden hatten. Experten hoffen, unter den menschlichen Überresten Teile der drei letzten nicht gefundenen Todesopfer identifizieren zu können. Die unbewaffneten Soldaten verzichteten angesichts von Winter und Kampfhandlungen in der nahe gelegenen Kleinstadt Debalzewe auf eine eigene Suche.[118] Anfang Mai trafen die letzten sieben Särge in den Niederlanden ein.[119]
[Malaysia-Airlines-Flug 17, Weitere Funde ab Februar 2015, Wikipedia, abgerufen am 18.08.2020 – Hervorhebung von mir]
weitere Quellen zur Stationierung von Thor-Raketen in Großbritannien:
- Vandenberg AFB Space Launch Emplacement 8 (physik.cosmos-indirekt.de, undatiert)
- Erste Anläufe zur Teilung der nuklearen Verfügungsgewalt (in: Burkhard Schmitt, Frankreich und die Nukleardebatte der Atlantischen Allianz 1956–1966, R. Oldenbourg Verlag München 1998, S. 39, 2. Abs. – Google-Books)
Thor (raumfahrer.net, 3. Abs., undatiert)



Unterschied zwischen der Wikipedia-Version vom 11.05.2015 (links) und
der Wikipedia-Version vom 20.05.2015 (rechts, Bearbeitung durch Hvd69)
(die gelbe Markierung in der linken Hälfte des Screenshots bzw.
die himmelblaue Randmarkierung rechts entspricht dem jeweils dritten Absatz
der beiden obigen Wikipedia-Zitate)


Freitag, 10. Juli 2020

Der SPIEGEL als Gegenstand von Verschwörungstheorien

Der „Spiegel“ stellt Proteste gegen die Corona-Maßnahmen pauschal in die Verschwörungstheoretiker-Ecke. Zugleich bekommt das Magazin von der Bill and Melinda Gates Foundation Millionen für ein journalistisches Projekt. Wie glaubwürdig ist es noch?
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„Wer die Apokalypse zur Basis seines Denkens macht, der schlägt Maßnahmen zu deren Verwirklichung vor“, spottete Christoph Süß in der von ihm moderierten BR-Sendung quer Ende Januar. Er bezog sich damit auf einen Twitternutzer, der aufgrund von Corona die Schließung der Grenzen empfahl. „Nehmen wir den hier implizit gemachten Vorschlag doch mal ernst!“, so Süß weiter, der im Folgenden maliziös erklärte, eine Schließung der Grenzen würde genau das bewirken, was man vermeiden wolle: ein Desaster.
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Sowohl der „rechte Asthmaanfall für Deutschland“ (gemeint ist die AfD) sowie rechte YouTuber „kriegen sich vor lauter Endzeitpsychosen gar nicht mehr ein“, verkündete der Moderator in einem Tonfall, der die Abwegigkeit jeglicher Coronapanik unterstreichen und ganz nebenbei ein wenig politischen Nektar aus der Situation gewinnen sollte. „Warum sind so viele so leicht mit Verschwörungstheorien zu infizieren?“, fragt er mit dezent gespielter Verzweiflung. Eine junge Chinesin gibt die Antwort per Einspieler: „Wir können nicht sicher sein, ob der Staat uns die ganze Wahrheit sagt.“ – In väterlichem Ton gibt Süß ihr recht, denn China sei schließlich eine Diktatur, eine freie Presse existiere dort nicht, anders als bei uns. – Sechs Wochen später begannen die europäischen Länder mit den Grenzschließungen. Der Wind der offiziellen Lesart in Sachen Corona hatte sich gedreht. Die Verschwörungstheoretiker hatten Recht behalten. Die Apokalypse war eingetreten.
mehr:
Der ideale Dünger für neue Verschwörungstheorien (Gerhard Strate, Cicero, 22.05.2020)

Manipulation von medizinischen Themen in der Wikipedia | #41 Wikihausen {1:19:38 – Start bei 25:36 
– Fiedler: »Der SPIEGEL hat, wie andere Zeitschriften auch, das große Problem, mit sinkender Auflage zu kämpfen.«}

wikihausen
Am 30.06.2020 veröffentlicht 
Der Spiegel meint, dass eine Spende von 2,3 Mio. Euro keinen Einfluss auf den Inhalt der veröffentlichten Artikel hat. Ist das so? Wir schauen uns zwei Beispiel-Artikel zu Bill Gates an. Einer aus dem Jahr 2007, einer aus dem Jahr 2018.
Der Benutzer "Julius Senegal" ist ein ebenso auffälliger wie umtriebiger Schreiber in den Pharmaartikeln der Wikipedia. Er ist vergleichbar mit Kopilot, der seine Weltsicht in den politischen Artikeln fast immer durchdrücken konnte.
Während Impfungen im Allgemeinen sicherlich sehr sinnvoll sind, so muss man bei einzelnen Impfstoffen evtl. vorsichtig sein. Vor allem dann, wenn diese nicht genügend auf Nebenwirkungen getestet sind wie z.B. der Impfstoff Pandemrix, der im Zusammenhang mit der Schweinegrippe massenhaft verabreicht wurde.
Julius Senegal hat hier eine andere Sicht auf die Dinge.
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Haben Sie den Film "die dunkle Seite der Wikipedia" gesehen? Wissen Sie davon, dass in der Wikipedia etwas nicht stimmt?
Die Wikipedia ist nicht nur das, was sie zu sein scheint. Es ist mehr als ein Lexikon. Es ist auch ein Scheinlexikon. Eine kleine aber effektive Meinungsmanipulationsmaschine. In gewissen Bereichen wird das Lexikon zum Pseudolexikon und wird in diesen Sparten schon seit Jahren von einer kleinen Gruppe, bestehend aus ca. 200 Personen, dominiert. Das einzig verbliebene Etwas, das so aussieht wie ein Nachschlagewerk, befindet sich in der Hand von Dogmatikern und Leuten, die rund um die Uhr in die Wikipedia schreiben, aber keine Qualifikation auf den Gebieten haben, über die sie schreiben.
Ihnen ist in der Wikipedia noch nichts aufgefallen? Dann kann es sein, dass Sie bisher nur Artikel gelesen haben, in denen es um Naturwissenschaften und Technik und nicht um Geld, Weltanschauungen, Politik und Geostrategien ging.
Wir beleuchten in jeder Folge einen Artikel von den dunklen Seiten der Wikipedia und zeigen auf, was dort nicht stimmt. Folgen Sie mit uns in die Abgründe einer Meinungsmanipulationsmaschine. 
weitere Links und Text auf YouTube

siehe auch:
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Donnerstag, 9. Juli 2020

Das neuartige Corona-Virus: Um was geht es hier?

Corona und Afrika und Amerika, von Bodo Schiffmann, Auszüge {11:21}

CrumanHorses - pferd-mensch-film
Am 08.07.2020 veröffentlicht 
Text und Links auf YouTube
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Schön: "Our Wold In Data" zeigt Corona-Infizierte und Tote im Länder-Vergleich. {6:12}

Lehrer MaPhy
Am 09.07.2020 veröffentlicht 
Text und Links auf YouTube
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siehe auch:
Das medial verbreitetete Narrativ und die Abweichler… (Post, 08.07.2020)
- Verschwörungstheorien – Worüber man besser schweigt… (Post, 08.07.2020)

Mittwoch, 8. Juli 2020

Verschwörungstheorien – Worüber man besser schweigt…


zum geschichtlichen Hintergrund sehe man sich folgende Wikipedia-Artikel an:
- Amalgam Virgo (engl. Wikipedia, Google-Übersetzer)
- Jersey Girls (engl. Wikipedia, Google-Übersetzer)


Die Menschen können ihrer Natur nach nichts weniger ertragen, als dass Meinungen, die sie für wahr halten, als Verbrechen gelten sollen, und dass ihnen als Unrecht das angerechnet werden solle, was sie zur Frömmigkeit gegen Gott und die Menschen bewegt. Dann kommt es, dass sie die Gesetze verwünschen und gegen die Obrigkeit sich vergehen und es nicht für schlecht, sondern für recht halten, wenn sie deshalb in Aufruhr sich erheben und jede böse That versuchen. Ist die menschliche Natur so beschaffen, so treffen die Gesetze gegen
Quelle: Tractatus theologico-politicus, Wikipedia
Meinungen nicht die Schlechten, sondern die Freisinnigen; sie halten nicht die Böswilligen im Zaum, sondern erbittern nur die Ehrlichen, und sie können nur mit grosser Gefahr für den Staat aufrecht erhalten werden.
Auch sind solche Gesetze überhaupt ohne Nutzen; denn wer die von den Gesetzen verbotenen Ansichten für wahr hält, kann dem Gesetz nicht gehorchen, und wer sie für falsch hält, nimmt die sie verbietenden Gesetze wie ein Vorrecht und pocht so darauf, dass die Obrigkeit sie später, selbst wenn sie will, nicht wieder aufheben kann. Dazu kommt das oben in Kap. 18 aus der jüdischen Geschichte unter No. 2 Abgeleitete. Wie viel Spaltungen sind endlich daraus in der Kirche entstanden? Welche Streitigkeiten der Gelehrten hat nicht die Obrigkeit durch Gesetze beenden wollen? Hofften die Menschen nicht, Gesetz und Obrigkeit auf ihre Seite zu ziehen, über ihre Gegner unter dem Beifall der Menge zu triumphiren und Ehre zu gewinnen, so würden sie nie mit so ungerechtem Eifer streiten, und keine solche Wuth würde ihr Gemüth ergreifen. […]

Damit also nicht die blosse Zustimmung, sondern die Treue geschützt bleibe, und die Staatsgewalt den Staat in gutem Stand erhalte und nicht genöthigt sei, den Aufrührern nachzugeben, muss die Freiheit des Urtheils zugestanden, und die Menschen müssen so regiert werden, dass sie trotzdem, dass sie unverhohlen verschiedener und entgegengesetzter Ansicht sind, doch friedlich mit einander leben. Unzweifelhaft ist dies die beste und mit den wenigsten Nachtheilen verknüpfte Art der Regierung, denn sie stimmt am besten mit der Natur des Menschen überein. Denn in dem demokratischen Staat, welcher sich dem natürlichen Zustand am meisten nähert, sind Alle übereingekommen, nach gemeinsamem Beschluss zu [273] handeln, aber nicht zu urtheilen und zu denken; d.h. weil alle Menschen nicht gleichen Sinnes sein können, ist man übereingekommen, dass das, was die Mehrheit der Stimmen für sich habe, die Kraft des Beschlusses haben solle, mit Vorbehalt, es wieder aufzuheben, wenn Besseres sich zeigt. Je weniger daher dem Menschen die Freiheit des Urtheils gestattet ist, desto mehr entfernt er sich von dem natürlichen Zustand, und desto mehr wird er durch Gewalt regiert.

[Baruch de Spinoza, Tractatus theologico-politicus, 1670, Zwanzigstes Kapitel – Es wird gezeigt, dass in einem Freistaate Jedem erlaubt ist, zu denken, was er will, und zu sagen, was er denkt., gefunden bei Zeno.org – Hervorhebung von mir]



Mit dem Begriff der Verschwörungstheorie werden unausgesprochen die Grenzen des erlaubten Diskurses abgesteckt

Der Artikel problematisiert die Verwendung des Begriffs "Verschwörungstheorie" und seiner Derivate. Dieser Begriff steht beispielhaft für eine oberflächliche Behandlung komplexer Zusammenhänge. Seine Anwendung, wie hier beispielhaft im Zusammenhang der Corona-Pandemie gezeigt, unterscheidet häufig kaum zwischen fundierter, aber politisch unerwünschter Kritik und der Widergabe unentwickelter, konfuser Argumentationen. Der undifferenzierte Einsatz des Begriffs führt so zu Tabuisierungen im gesellschaftlichen Diskurs, die eine Aufklärung wichtiger Fragen blockieren.

Die Zäsur der Corona-Pandemiesituation braucht viel Mut zu einem unverstellten Forschen wie Prüfen, will sie konstruktiv bewältigt werden. Wie es in Krisenlagen häufig ist, haben Schwachstellen und Fehler im System besonders gravierende Auswirkungen, sie können damit aber auch besonders klar wahrgenommen werden. Das Ereignis der Pandemie ist in seiner Einbettung in den Gesamtzusammenhang kompliziert und verschachtelt. Ein kompetenter Umgang mit ihm wird vermutlich immer lückenhaft bleiben und erfordert dennoch ein hohes Maß an Sorgfalt. Es wird dieses "Mehr" oder "Weniger" im Bemühen um Kompetenz sein, das wahrscheinlich darüber entscheiden wird, ob wir den weiter begangenen Weg irgendwann in der Rückschau als gut bewerten werden können.

In den vergangenen Jahrzehnten ist ganz allgemein die Qualität in der gesellschaftlichen Behandlung von Problemen in erschreckendem Maße erodiert. Viele der öffentlich geführten Debatten sind Spiegel hiervon. Einer der Schlüssel, die das besonders gut aufzeigen können, ist der Umgang mit den Begriffen "Verschwörungstheorie" und Verschwörungstheoretiker". Kennzeichen ihres Gebrauchs ist eine miteinhergehende inhaltliche Verflachung, was bei komplexen Zusammenhängen schwerwiegende Auswirkungen hat.
mehr:
- Coronavirus: Verschwörung Macht Theorie (Claudia Lorenz, Telepolis, 08.07.2020)
siehe auch:
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