Samstag, 23. Februar 2013

Der Klempner von Mumbai


Der Klempner von Mumbai

In einem Land wie Indien ist jeder Tropfen Wasser kostbar. Deshalb ist Aabid Surti zur Stelle, wo immer in Mumbai ein Hahn leckt. Der Einzelkämpfer will die Verschwendung stoppen

VON THOMAS KRAUSE

Der Sisyphos von Mumbai trägt eine graugrün karierte Schirmmütze und hellblaue Jeans. Der Stein, den er bergauf rollt, ist flüssig: Er will helfen, Wasser zu sparen. jeden Sonntagvormittag zieht Aabid Surti von Wohnungsr zu Wohnungstür und fragt, ob er kostenlos tropfende Wasserhähne reparieren darf.
An diesem Sonntag beginnt Surti seine Tour am Bahnhof Mira Road in einem Vorort der indischen Metropole. Es ist kurz nach zehn Uhr morgens, doch das Thermometer nähert sich bereits der 30-GradMarke. Am Motorrikscha-Stand vor dem Bahnhof besteigt Aabid Surti einen der dreirädrigen Motorroller, der knatternd in den Verkehrsstrom eintaucht. Mit dem Fahrtwind wehen Straßenstaub und Benzingeruch heran. Der Weg führt vorbei an zweistöckigen Häusern mit Flachdächern. Ich bin eine Ein-Mann-Nichtregierungsorganisation, sagt Surti. Er brauche kein Büro, um etwas für die Gesellschaft zu tun. Nur einen Klempner.
Ich wuchs auf der Straße auf, da lernte ich den Wert des Wassers zu schätzen”, sagt der 77-Jährige. „Später schmerzte es mich, wenn in den Häusern meiner Freunde ein Wasserhahn tropfte. Ich sagte ihnen immer wieder: Bestell' doch bitte einen Klempner! Aber die kommen halt nicht für so einen kleinen Job.
Über die Jahre hätten sich seine Freunde immer weniger an ihren tropfenden Hähnen gestört: Der Wassertank auf dem Dach läuft über, warum scherst du dich um ein paar Tropfen?, fragten sie. ,,2007 las ich in einem Artikel, dass pro Monat hundert Liter Trinkwasser verschwendet werden, wenn ein Wasserhahn einmal pro Sekunde tropft”, sagt Surti. Da wusste ich plötzlich, was zu tun war: Wenn ich nur einen einzigen Wasserhahn repariere, spare ich schon nach einem Jahr 1200 Liter Wasser!Manche Wasserhähne tropften fünf Monate, andere fünf Jahre lang, ohne dass sich jemand daran störe.
Sein heutiges Ziel ist der Mira-Darshan-Komplex, ein Haus mit Eigentumswohnungen. Sieben Stockwerke ragt das hellbraun und weiß angestrichene Gebäude empor. In einigen der vergitterten Fensternischen hängt Wäsche auf der Leine, in anderen sind Klimaanlagen montiert. Im Schaukasten an Aufgang 0 des Appartementhauses hängt ein Zettel mit einem blau-schwarzen Logo, das auch auf Surtis T-Shirt zu sehen ist. Save every Drop or Drop Dead” steht da. Spare jeden Tropfen, sonst gehst du den Bach runter. Das ist der Name von Surtis Initiative. Die Zettel hängt er immer montags dort auf, wo er am darauffolgenden Sonntag an die Türen klopfen will.
Im sechsten Stock erwarten ihn bereits seine Mitstreiter: Der Klempner Riyaz Khan, 42, und seine Assistentin Tejal Shah. Die 36-Jährige mit schwerem, schwarzem Zopf und einem kleinen goldenen Stecker im linken Nasenflügel klopft an die weiß lackierte Tür der Wohnung 173. Eine Luke öffnet sich und gibt den Blick frei auf das rundliche Gesicht einer Frau, die skeptisch die Gruppe vor ihrer Wohnungstür mustert. „Guten Tag! Haben Sie einen tropfenden Wasserhahn?”, fragt Shah. Wir sind von Drop Dead und wollen helfen, Wasser zu sparen. Deswegen reparieren wir kostenlos Wasserhähne.Das Gesicht hellt sich auf. Die Luke geht zu, die Tür öffnet sich. Alles, was der Klempner an Werkzeug braucht, trägt der hagere Mann mit dem mintgrünen Hemd in einer Plastiktüte bei sich. Er folgt der Hausherrin ins Badezimmer. Meist kommt er mit einem Schraubenzieher und einem Engländer, einem verstellbaren Schraubenschlüssel, aus. Khans Handgriffe sind geübt: Schraube lösen, die Abdeckung des Ventils abnehmen, mit dem Engländer das Ventil ein wenig fester anziehen, Abdeckung wieder draufsetzen, zuschrauben. Wenige Minuten ster tropfen zwei Wasserhähne weniger.
hrend einige Teile Mumbais fliend Wasser haben, sind andere Stadtviertel noch gar nicht ans Leitungsnetz angeschlossen. Dorthin wird Wasser mit Tankwagen geliefert. In einem Land, in dem Millionen Menschen täglich ums Überleben kämpfen, haben viele Menschen drängendere Probleme als die Umwelt zu schützen. Wer sich wie Surti um gesellschaftliche Belange statt um sein tägliches Auskommen kümmern kann, gilt schon als privilegiert.
Seinen relativen Wohlstand verdankt Surti seinen Begabungen. Er ist Autor von mehr als 80 chern, Schöpfer von Comicserien und Maler. Als ihm die Regierung des Bundesstaates Uttar Pradesh 2007 eine Auszeichnung für sein literarisches Lebenswerk verlieh, investierte er das Preisgeld von 100.000 Rupien (etwa 1700 Euro, das sind beinahe drei durchschnittliche indische Jahresgehälter) in das „Drop DeadProjekt. Zwar fehlt Surti die Zeit, um jeden Tag loszuziehen. Aber seit über fünf Jahren opfert er einen halben Tag pro Woche, damit andere Wasser sparen.



Aabid Surti (oben) repariert mit seiner Initiative „Spare jeden Tropfen, sonst gehst du den Bach runter” kostenlos Wasserhähne. Jeden Sonntag besucht er mit seinem Team, dem Klempner Ryaz Khan (Mitte) und seiner Assistentin Tejal Shah, Haushalte in Mumbai

Was passiert, wenn du etwas Gutes für die Gesellschaft tun möchtest?”, fragt Surti. Das ganze Universum hilft dir!Trotzdem bringt auch ehrenamtliches Engagement Kosten mit sich: Die Bezahlung seiner Mitstreiter und die Ersatzteile kosten Geld. Deshalb lässt er T-Shirts mit dem „Drop Dead”-Logo bedrucken und verteilt diese gegen Spenden. Dass er kein Geld von denen nimmt, deren Wasserhähne er repariert, hat einen einfachen Grund: „Die Leute würden sofort denken, ich wolle ein Geschäft machen”, sagt Surti. 
Am Ende jeder Reparatur klebt Shah einen Aufkleber mit dem „Drop Dead”-Logo im Bad auf die Fliesen. In den Jahren 2007 und 2008 tat sie das insgesamt 3841 Mal das waren ihre Rekordjahre. „Nach meinen Berechnungen haben wir damit geholfen, mehr als vier Millionen Liter Wasser zu sparen”, sagt die Assistentin. Mit dem rechten Daumen reibt sie über den Sticker, damit dieser auch gut hält. „Zum einen ist der Aufkleber ein Zeichen, dass wir hier waren. Zum anderen ist er eine Erinnerung an die Bewohner, weiterhin Wasser zu sparen.” Der Aufkleber ist so eine permanente, aber höfliche Ermahnung. Stockwerk für Stockwerk arbeitet sich der kleine „Drop Dead”-Trupp in dem Wohnhaus nach unten.
„Ich kann nicht zusehen, wie das blaue Gold einfach so im Abfluss verschwindet”, sagt Surti. „Das motiviert mich.” Der Sisyphos von Mumbai hat sich eine Aufgabe gesucht, die er nie zu Ende bringen kann. „Gerade weil es eine unerfüllbare Aufgabe ist”, sagt er, „muss jemand beim ersten Tropfen anfangen.”
aus Greenpeace Magazin 2.13

Freitag, 22. Februar 2013

Mit 400 Sachen über die Piste

Eigentlich hatte William Campbell seinen Sohn von England nach Deutschland geschickt, um das Metier des Diamantenhandels zu erlernen, doch Malcolm Campbell (1885-1949) entdeckte nicht nur die Reize der funkelnden Steine, sondern auch seine Passion für Autos, kräftige Motoren und hohe Geschwindigkeit. Er begann seine Rennkarriere auf dem Motorrad, 1906 gewann er sein erstes Rennen. 1910 stieg er aufs Auto um und war auch auf vier Rädern erfolgreich: 1927 und 1928 siegte er bei zwei Grand-Prix-Rennen in Frankreich. 
Malcom Campbell (l.) vor seinem »Bluebird« in Daytona Beach, Florida, 1933

Daneben aber wollte Campbell den Geschwindigkeitsrekord brechen. Für seinen gigantischen Feuerstuhl »Bluebird II«, ausgerüstet mit einem 1400 PS starken Flugzeugmotor, suchte er ständig nach geeigneten Strecken. Er testete Gelände in Südafrika und Argentinien und entschied sich schließlich für Daytona Beach. Mit 435,51 km/h stellte er dort am 22. Februar 1933 einen neuen Weltrekord für Landfahrzeuge auf. Später steigerte er die Marke noch und auch zu Wasser brach er viermal den bestehenden Weltrekord. 

 Was am 22. Februar noch geschah: 
 1635: Kardinal Richelieu fordert die Académie française auf, über die Reinheit der französischen Sprache zu wachen. 
Académie française, 23, quai de Conti, Paris [Bild aus Wikipedia]
 Brockhaus – Abenteuer Geschichte 2013

Donnerstag, 21. Februar 2013

Schriftverwaltung am Mac

Immer wieder schleichen sich Schriftduplikate ein, von denen man erstmal nichts mitkriegt.
Nachdem mir das zum x-ten Mal passiert ist, habe ich ein wenig gesucht:
Font-Management in OSX, PDF-Datei zum Downloaden
(nachdem ich vor kurzem zwei Trojaner auf meiner Festplatte entdeckt habe – ich empfehle Sophos – nochmal zu meiner Sicherheit: ich übernehme keinerlei Verantwortung)
- Mac OS X Leopard Missing Manual von Davi Pogue (gogglebooks)

Mittwoch, 20. Februar 2013

Heute vor 50 Jahren – 20. Februar 1963: Uraufführung des Schauspiels »Der Stellvertreter«

Die Frage nach Schuld und Mitschuld 

 Rolf Hochhuths Drama »Der Stellvertreter« bleibt das umstrittenste Theaterstück der deutschen Nachkriegsgeschichte, obwohl noch eine Reihe von Skandalen folgte. Tausende von Kritiken, Artikeln, Essays und Stellungnahmen beschäftigen sich mit dem »christlichen Trauerspiel«, das heute vor 50 Jahren, am 20. Februar 1963, unter der Regie von Erwin Piscator an der Berliner Freien Volksbühne uraufgeführt wurde. Das Erstlingswerk des bis dahin unbekannten jungen Dramatikers war Gegenstand leidenschaftlicher Debatten und machte den Autor weltweit berühmt. 
Dieter Borsche als Papst Pius XII. in der Berliner Uraufführung des Stücks »Der Stellvertreter«, 1963

 Im Mittelpunkt des Schauspiels steht eine einzige Frage: Durfte Papst Pius XII. als Stellvertreter Christi auf Erden zur Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten schweigen oder hätte er in einem klaren öffentlichen Aufruf, in einem flammenden Appell die Christen zum Widerstand aufrufen und das Konkordat mit dem Dritten Reich brechen müssen? Hochhuths Antwort ist deutlich: Pius XII. war die einzige Instanz, die den Völkermord noch hätte stoppen können, aber der Papst hat versagt, weil ihm der Besitzstand der Kirche wichtiger war. Damit war 1963 ein Skandal vorprogrammiert. 



youtube-Info:
Kaum ein anderes Stück war im Nachkriegsdeutschland so viel diskutiert wie "Der Stellvertreter". Kein anderes Stück ging so offen mit der katholischen Kirche ins Gericht. Wo blieb die Intervention des Vatikans warum schwieg der Stellvertreter Gottes, Papst Pius XII, zu den Judendeportationen? Warum siegte politisches Kalkül über die Menschlichkeit? 

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 Schon die bloße Ankündigung eines Stückes über Papst Pius XII und den Holocaust entfachte damals eine heftige Diskussion. Für das HR-Hörspiel stellte sich die Frage, ob an dieser Diskussion nur die Theaterbesucher beteiligt sein sollten oder die weitaus größere Öffentlichkeit der Radiohörer. Und wie konnte man das Stück möglichst rasch ins Programm bringen? Erwin Piscator war damit einverstanden, eine Radiofassung seiner Inszenierung mit der kompletten Besetzung der Uraufführung in einem Berliner Studio aufzunehmen. Eine Protestwelle bisher unbekanntem Ausmaßes überschwemmte daraufhin den HR. Als der Rohschnitt der Studioaufnahmen in Frankfurt eintraf, stand das Funkhaus am Dornbusch wegen einer Bombendrohung bereits unter Polizeischutz. Dennoch gab der Intendant Werner Hess grünes Licht für die Sendung. 
-Hermann Naber

 Was am 20.2. noch geschah: 
1810: Der Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer wird hingerichtet. 
 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2013