Dienstag, 25. Dezember 2012

Ein Leben für die Welt

Das Ereignis, 1978

Auch Das Ereignis erzählt von der Geburt eines Kindes. Ist es ein Zufall, dass dieses Bild bis in seinen Grundaufbau hinein Jakobs Traum (s. 10. Dezember) ähnelt? Wieder begegnen sich zwei Bildhälften verschiedener Größe und Tönung, und wieder durchdringen und vermischen sich die Farben zu neuen Zwischentönen.
Im Zentrum der rechten geringfügig größeren und freundlich roten Bildhälfte steht eine Familie, bei der sich Nachwuchs eingestellt hat. Was im Bild von Jakobs Traum die Menora als Zeichen der Gegenwart Gottes, so ist es nun das Kind, das licht und gelb im Zentrum dieser Bildhälfte leuchtet: ein Leben für die Welt. Die Familie des Kindes – einschließlich der Ziege – ist in dem Blau gehalten, das in Jakobs Traum für die Sphäre der Transzendenz und des Himmels gewählt war. Die Familie lebt auf der Erde, aber sie ist nicht von dieser Erde. Rot – nicht nur Chagalls ureigene Farbe der Liebe – umschließt die Familie und den Raum, in dem sie lebt, wie ein schützender Mantel. 
Und dann vermischen sich das Blau des Himmels und das Rot der Liebe und grundieren und übertönen in tiefem Violett die linke Bildhälfte, das Dunkel der Nacht, und verzaubern sie in die Welt des Traumes. Ist der rechten Bildhälfte das Licht und die golden glühende Sonne zugeordnet, so schimmert links die Sichel des Mondes. Seit die Liebe Einzug gehalten hat in die Welt, ist selbst das Dunkel nicht mehr ausweglos. 
Die Welten sind zwar verschieden, aber nicht mehr von einander getrennt. Nicht nur, dass sich deren Farben durchdringen. Es herrscht ein reger Austausch. Musiker, Maler, Blumenmädchen und ein Liebespaar erweisen sich als Grenzgänger und Wanderer zwischen hüben und drüben. Auch das ist die Kraft der Liebe – oben und unten, rechts und links, hell und dunkel, Lachen und Weinen, Liebe und Leiden sind keine Gegensätze mehr. Die Phantasie und Leidenschaft der Liebe verbindet und durchdringt alles zu dem einen großen und wunderbar facettenreichen Ereignis gelingenden Lebens.


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