Dienstag, 24. Januar 2017

Hardeep Singh Puri: Moralische Hysterie, missionarische Außenpolitik und falsche Kriege

Der Diplomat Hardeep Singh Puri wirft dem Westen moralische Hysterie vor. Das Ergebnis seien falsche Kriege. Eine Begegnung

Wer nach Hardeep Singh Puri im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen spreche, hat der russische UN-Gesandte einmal bemerkt, klinge wie ein Mundharmonikaspieler nach dem Konzert eines Sinfonieorchesters. Man glaubt es sofort. Botschafter Puri ist eine jener wortmächtigen, kultivierten Erscheinungen, an denen die indische Elite so reich ist. Wir sitzen in seiner Wohnung in Neu-Delhi; an der Wand hängt ein gerahmtes Foto, das den Hausherrn im Gespräch mit Barack Obama zeigt. Schon Hardeep Singh Puris Vater war Diplomat, in den 1950er Jahren war er auf Posten in der alten Bundesrepublik: "Ich bin vier Jahre lang in Bad Godesberg in den Kindergarten gegangen", erzählt Puri, der seinen Ruhestand zwischen Indien und New York verbringt. Er weiß noch die Adresse des Hauses, in dem die Familie damals wohnte: Goethestraße 42.

Puri hat in den Jahren 2011 und 2012 für Indien im UN-Sicherheitsrat gesessen, er hat die Entscheidung für den Kriegseinsatz gegen den libyschen Diktator Gaddafi aus der Nähe erlebt. (Indien war damals skeptisch, wie die Regierung Merkel/Westerwelle.) Über seine Erfahrungen hat Puri gerade ein Buch veröffentlicht, eine bittere Abrechnung mit der Politik der militärischen Intervention. Die Bewaffnung von Rebellen, der von außen betriebene Sturz von Regimen, die Zerschlagung von Staatsstrukturen, die man am Ende durch nichts Besseres ersetzen kann: Das alles ist in seinen Augen ein entscheidender Faktor für das blutige Desaster, in das die arabische Welt seither abgeglitten ist.

Humanitär begründete Interventionen sind nach den komplizierten Erfahrungen der vergangenen Jahre inzwischen wenig beliebt, für Puri sind sie der Ausdruck eines allgemeineren irregeleiteten Polit-Idealismus, den er für gefährlich hält. Die Hoffnungen auf den Arabischen Frühling, den Freiheitsaufbruch im Mittleren Osten, waren in seinen Augen von Anfang an illusionär: "Die Unruhe auf den arabischen Straßen war kein Ruf nach Demokratie wie in Mitteleuropa vor 1989", sagt er. "In Polen mochte man den Westen und seine politische Führung. In Ägypten dachte man, dass die westlichen Führer mit den eigenen Diktatoren im Bett gewesen seien." Kein Wunder, findet er, dass diese Bitterkeit in Feindseligkeit und Gewalt umschlug.

mehr:
- Hardeep Singh Puri: Ein Inder rechnet ab (Jan Roß, ZON, 19.01.2017)

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Der indische UN-Botschafter Hardeep Singh Puri kritisierte weitreichende Maßnahmen der Resolution ohne Antworten auf grundlegende Fragen. Es gebe keine ausreichenden Informationen als Grundlage. Gefürchtet wurde eine Gefährdung der Territorialen Integrität und der Zivilbevölkerung Libyens.[36][Resolution 1973 des UN-Sicherheitsrates, Kritik anderer Staaten, Indien, Wikipedia, abgerufen am 25.01.2017]
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siehe auch:

- Zittern vor Trump oder vor der Kurzsichtigkeit und Unberechenbarkeit der US-amerikanischen Politik? (Post, 21.08.2017)
- Wüstenflüsse, wie ein Diktator verrückt wird, westliche Werte und ein moderater Moderator (Post, 23.07.2016)
- xxx

mein Kommentar:

Pflichtlektüre für Politologen!

Perilous Interventions: The Security Council and the Politics of Chaos [1:10:30]


International Peace Institute
Veröffentlicht am 27.10.2016
On Tuesday, October 25th, IPI hosted a discussion on the UN Security Council and military interventions with Hardeep Singh Puri, author of Perilous Interventions: The Security Council and the Politics of Chaos.


siehe auch:
- NNT’s Review of Hardeep Singh Puri’s ‘Perilous Interventions’ (John, The Black Swan Report, 07.01.2017, Zitat:)
This is an outstanding book on the side effects of interventionism, written in extremely elegant prose and with maximal clarity. It documents how people find arguments couched in moralistic terms to intervene in complex systems they don’t understand. These interventions trigger endless chains of unintended consequences –consequences for the victims, but none for the interventionistas, allowing them to repeat the mistake again and again.
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