Mittwoch, 16. August 2017

Mehmet Scholl im Kampf um die Deutungshoheit nicht mehr auf Linie

Seit Jahren steht Mehmet Scholl als Fußballexperte vor der ARD-Kamera. Nun ist es zum Krach gekommen: Scholl ließ zwei Sendungen ausfallen, offenbar passte ihm nicht, dass der Sender über Dopingvorwürfe berichten wollte.

Aufmerksame TV-Zuschauer dürften irritiert gewesen sein. Am vergangenen Mittwoch, kurz vor dem Confed-Cup-Halbfinale zwischen Portugal und Chile, stand nicht wie üblich Mehmet Scholl als Fußballexperte vor der ARD-Kamera, sondern Thomas Hitzlsperger. Der Grund dafür: Streit zwischen Scholl und dem Sender.

Scholl, 46, soll sich im Vorfeld der Sendung geweigert haben, über die Dopingvorwürfe gegen das russische Nationalteam zu sprechen. Das berichtet die "Bild"-Zeitung. Stattdessen habe Scholl über die Erfolge der DFB-Mannschaften sprechen wollen. Einig wurden sich der Experte und die ARD-Redaktion nicht - also soll Scholl vor Sendebeginn das Studio verlassen haben. Auch das zweite Halbfinale zwischen Deutschland und Mexiko ließ er aus, jeweils sprang Hitzlsperger ein.

Die ARD bestätigte dem SPIEGEL den Disput. "Ja, es gab eine Meinungsverschiedenheit", teilte Sportkoordinator Axel Balkausky auf Anfrage mit. Das sei jedoch an sich nicht außergewöhnlich. Man werde das Thema "intern klären". Ob tatsächlich die Dopingberichterstattung Streitanlass gewesen ist, ließ Balkausky unkommentiert.


Dass Scholl mit dem Doping-Thema nichts anzufangen weiß, ist nicht neu. Schon in der Vergangenheit hatte der ehemalige Profi des FC Bayern behauptet, zu dopen ergebe im Fußball keinen Sinn, weil der Sport zu komplex sei. Ein fragwürdiger Standpunkt, den viele aktuelle und ehemalige Fußballer vertreten. Verschiedene Anti-Doping-Experten sehen das anders. Und dass im Fußball gedopt wurde und wird, gilt als sicher.
mehr:
- Streit um Dopingberichterstattung: Scholl boykottierte ARD-Sendungen (SPON, 05.07.2017)

n24 berichtet:
Confed Cup: Weshalb Mehmet Scholl sich wirklich zurück zog {0:47}

Veröffentlicht am 05.07.2017
Der Ex-Fußballprofi Mehmet Scholl ist während des Confed Cups plötzlich von der ARD-Bildfläche verschwunden. Angeblich fühlte er sich unwohl. Wie die Bild berichtet, soll seine Abreise ganz andere Gründe gehabt haben.

in der Südddeutschen Zeitung erschienen über zehn Artikel:
- ARD-Kommentator Mehmet Scholl wollte im TV-Studio nicht über Doping sprechen (Süddeutsche Zeitung, 05.07.2017)
- Doping im Fußball: Mehmet Scholl hat nicht verstanden, worum es geht (Martin Schneider, Süddeutsche Zeitung, 08.07.2017)
Also alles klar: Klappe zu, Affe tot!

bei Google finden sich ähnlich viele Artikel bei der FAZ:
- Fußball-Experte ARD und Scholl trennen sich nach Streit beim Confed Cup (FAZ, 10.08.2017)
- ARD und Mehmet Scholl: Die Wahrheit liegt auf dem Platz (Michael Hanfeld, FAZ, 10.08.2017)

etwa doppelt so viele Artikel finden sich bei Google zum Thema Confed Cup – Russland – Doping
- Confed-Cup-Aus und Doping-Verdacht – Russischer Scherbenhaufen (25.06.2017)
- Das gesamte WM-Team Russlands steht wohl unter Doping-Verdacht – Russen-Team unter Doping-Verdacht (sport1, 25.06.2017)


Scholl zu dem Konflikt im Telefoninterview:
Mehmet Scholl explains his boykott in the ARD! [Ger] {2:10}

Veröffentlicht am 08.08.2017

==========
Seit Scholl bei den beiden Halbfinalspielen des Confed Cups fehlte, gab es Berichte über die Gründe. In seiner Sendung Mehmets Schollplatten im Bayerischen Rundfunk sagte er dazu, dass er vor den Partien über das Thema Doping sprechen sollte. Er habe gesagt: „Ich möchte, dass diese Story für diesen schönen Tag draußen bleibt. Da haben die gesagt, die bleibt nicht draußen und ich darf mich nicht ins Programm einmischen. Da habe ich gesagt: Ich gehe. Und dann bin ich gegangen.“ Diese Aktion wird von den Medien als Grund der Vertragsauflösung angenommen.[20] [Mehmet Scholl, Sportkommentator und Moderator, Wikipedia, abgerufen am 16.08.2017]
(Was Scholl sagte, ist oben in dem Telefoninterview zu hören…)


==========

Der Spiegel überschrieb: »Scholl boykottierte ARD-Sendungen«
Die Süddeutsche Zeitung hat verstanden: »Mehmet Scholl hat nicht verstanden, worum es geht«
rp Online (10.08.2017) wiegelt ab: »Kein großer Verlust«
und Oliver Fritsch macht in seinem Kommentar in der Zeit klar: »Dieser Sport braucht keinen Sprücheklopfer, er braucht Journalismus.«
(Mehmet Scholl : Es ist nicht mehr die Zeit für lustige Sprüche, ZON, 10.08.2017), 
nachdem ihn zwei Tage zuvor der Satiriker Leo Fischer auf dem Zeit-Twitter-Account für tot erklärt hatte:
Fake-Meldung auf Twitter: „Zeit Magazin“ erklärt Mehmet Scholl für tot (Focus, 10.08.2017)

mein Kommentar:
Daß gerade die Doping-Vorwürfe gegen Russland (gerade auch, da in diesem Jahr der Confed-Cup in Russland stattgefunden hat) immer wieder auf die erste Seite gehoben werden, hat doch ein seltsames »Geschmäckle«.
(siehe: Sport, Staats-Doping und zweierlei Maß, Post, 14.08.2018)
Daß in Russland gedopt wird, kommt auf die Titelseite, daß in Deutschland ähnlich systematisch gedopt wurde (jetzt, wo’s rauskommt, sind wir natürlich sauber), kommt unter ferner liefen.
Und das Geschmäckle wird bei der Lektüre über Scholls Rausschmiß bei der ARD stärker, wenn man bedenkt, daß sich alle unsere Mainstream-Medien über den Rauswurf Scholls ähnlich äußern. In keiner Zeitung oder keinem Fernsehbericht wurde Scholls Rauswurf bedauert oder sogar kritisiert. Unterschiedlich waren nur Anzahl und Inhalt der Begründungen, weshalb Scholl nach acht Jahren als Co-Kommentator einfach nicht mehr tragbar war.

Unisono berichten die Leitmedien, 
er wolle nicht über Doping im Sport reden und
er habe zweimal die Sendung geschwänzt und/oder 
er habe sich schon mehrfach verplappert und/oder 
er wolle der Redaktion in ihre Sendungsgestaltung reinreden. 
Auf jeden Fall sollte für jeden unbedarften Leser nachvollziehbar sein, daß Scholl sein Geld – aus welchem Grund auch immer – einfach nicht mehr wert ist – und daß das aber auch rein gar nichts mit den ständigen Medien-Sticheleien gegen Russland zu tun hat, wo Scholl keine Lust hat sich dafür mißbrauchen zu lassen.
… unisono bei allen Leitmedien!

Ich bin gespannt, wem nächstes Jahr was aufstößt, wenn unsere eingenordeten Leitmedien (»Lügenpresse« ist ja inzwischen »Unwort des Jahres«, und »gleichgeschaltet« ist zu braun) über die Fußball-WM in Russland berichten…

Keine Kommentare:

Kommentar posten