Mittwoch, 26. September 2018

Rettet Claus Kleber!

Claus Kleber: Rettet die Wahrheit. Berlin: Ullstein 2017.

Claus Kleber ist nicht Ulrich Wickert (2016) und schon gar nicht Hanns Joachim Friedrichs (1994, 1995). Okay: Die beiden Alten waren weg vom Bildschirm, als sie ihre Idee vom guten Journalismus aufgeschrieben haben. Vielleicht liegt aber gerade da das Problem. Claus Kleber ist weiter auf Sendung. Und er hat nichts verstanden.

Eigentlich verdient dieses Büchlein, das der Autor „Streitschrift“ nennt (S. 10, 93), keine Rezension in einem wissenschaftlichen Blog. Keine hundert Seiten, kaum Belege (genau zehn, wobei eine Fußnote noch doppelt erscheint und eine zweite sagt, dass das ZDF 4,36 Euro vom Haushaltsbeitrag bekommt). „Rettet die Wahrheit“ bringt aber auf den Punkt, was heute in vielen Gesprächen mit Journalistinnen und Journalisten durchscheint: Unverständnis. Was wollt ihr eigentlich, ihr Medienkritiker? Wir Redakteure, wie rackern uns ab, für euch da draußen, Tag für Tag. Glaubt ihr im Ernst, dass die Kanzlerin uns anruft oder irgendein Minister? Dass wir nicht senden oder schreiben dürfen, was wir wollen?

Nein, Claus Kleber. Das glaubt niemand. So einfach ist es nämlich nicht. Claus Kleber erzählt, wie ein heute journal entsteht, vom „Start mit einem weißen Blatt“ morgens um zehn (S. 11) über all die vielen kleinen Gespräche mit Korrespondenten, Rechercheuren und Technikern bis zur Hektik in der Maske fünf Minuten vor der Sendung. „Wer hat nun die wichtigen Entscheidungen getroffen? Der Sendung ihre politische Richtung gegeben? Wo blieben die Anweisungen von oben?“ (S. 24f.)

Wie gesagt: Darum geht es nicht. Man muss gar nicht den großen Noam Chomsky aufrufen und seine Propagandatheorie, die fünf Filter nennt für das, was an die Öffentlichkeit kommt (vgl. Wernicke 2017, Herman/Chomsky 1988). Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk am wichtigsten: die Quellen, die Ideologie (etwas neutraler: der Grundkonsens, der eine Gesellschaft trägt) und „Flak“, das Gegenfeuer. Woher kommt das, was am Ende im heute journal gesendet wird? Wer bezahlt die Expertinnen, die Claus Kleber interviewt? Wer produziert die Begriffe und die Deutungsmuster, mit denen die Medien zum Beispiel das Treffen der Staats- und Regierungschefs Anfang Juli in Hamburg beschrieben haben und die Demonstrationen, die es gegen dieses Treffen gab?

mehr:
- Rettet Claus Kleber (In: Michael Meyen [Hrsg.]: Medienrealität 2017 , Michael Meyen, medienblog.hypetheses.org, 11.12.2017)
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siehe auch:
- Medien: „Eine Arena für Hahnenkämpfe“ (Marcus Klöckner interviewt Michael Meyen, NachDenkSeiten, 03.01.2018)
- Über Claus Klebers Buch „Rettet die Wahrheit“ (Jan Gebhard, jangebhardt.de, 01.10.2017)
- Kampfschrift: Wie ZDF-Mann Claus Kleber die Wahrheit retten will (Christian Meier, Welt, 08.09.2017)

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