Freitag, 13. November 2015

Flüchtlingskrise – Weitermerkeln

Nein, die Kanzlerin ist noch nicht am Ende. Auch die deutsche Willkommenskultur wird von keiner Lawine mitgerissen. Nur mit der Hysterie sollte langsam mal Schluss sein.

Ein Kommentar von Steffen Dobbert

Wer in dieser Woche verfolgt hat, was in der Regierung dieses Landes passiert, den kann die Angst beschleichen, und die Verwunderung.
An Horst Seehofer hatte man sich ja schon fast gewöhnt. Im Streben, möglichst oft gegen statt mit der Bundesregierung an der Bewältigung der Flüchtlingskrise zu arbeiten, scheint der CSU-Vorsitzende schon seit Längerem vergessen zu haben, dass seine Partei auch Teil dieser Regierung ist.

Nun hat Thomas de Maizière, als Innen- und Verteidigungsminister in der öffentlichen Kommunikation und Nichtkommunikation sehr geübt, einen ähnlichen Weg eingeschlagen. Drei Wochen vergaß er irgendwie, seine Kollegen in der Regierung und die Öffentlichkeit über Beschlüsse seines Ministeriums zu informieren. Und Wolfgang Schäuble, der erfahrenste unter den Politprofis erfand eine Schneelawinen-Metapher, um durch deren Schneeballeffekt seine Kanzlerin etwas weiter Richtung Abgrund zu drängen.

Diese Truppe älterer Männer – Hans-Peter Friedrich und Wolfgang Bosbach gehören sicher auch noch dazu – hat es damit geschafft, die Debatte über Flüchtlinge in Deutschland zu bestimmen, und sie für ihre ganz eigene Agenda zu benutzen. Im Schatten einer gewaltigen Herausforderung, eigentlich geht es ja um die Registrierung und Integration von Flüchtlingen, scheinen die Herren nur darauf gewartet zu haben, die Frau, der sie eigentlich zuarbeiten müssten, zu demontieren.

Neu ist: Dieser Anti-Merkel-Kurs findet Widerhall in anderen Teilen des Politik- und Medienbetriebes. Die einen, denen Merkels Politik spätestens seit dem Atomausstieg zu links erschien, nutzen die Angriffe der CDU-Herren, um selbst auszuteilen. Die anderen erfreuen sich an der Hysterie. Diese Mischung aus Zirkus und Kampagne geht gar so weit, dass Beobachter glauben, der Anfang vom Ende der Regierungschefin sei erreicht.
Das klingt vielleicht interessant, ist aber trotzdem unrealistisch. Mag sein, dass Angela Merkel in der schlimmsten innenpolitischen Krise ihrer Kanzlerschaft steckt. Mag sein, dass die Gründe dafür auch in ihrem Handeln zu finden sind. Aber am Ende ist Merkel mit Sicherheit noch nicht angelangt.


Nach zehn Jahren im Amt, in denen ihr politisches Durchwursteln als schöpferisch galt, ihr Herantasten und Justieren gefeiert und verurteilt wurde, tat Merkel im Angesicht der Flüchtlingskrise genau das Gegenteil.
mehr:
- Flüchtlingskrise: Weitermerkeln (Steffen Dobbert, ZEIT Online, 13.11.2015)
And the rest of Europe looks on [Patrick Chapatte, NY Times, 08.09.2015]
dazu passen:
- Flüchtlinge : Bamf-Mitarbeiter sehen "systemische Mängel" in Asylverfahren (ZEIT Online, 12.11.2015)
- Brief von BAMF-Beschäftigten: Bundesamt weist Vorwürfe zurück (Bayrischer Rundfunk, 12.11.2015)
- „Bitte treten Sie zurück!“ (Post, 12.11.2015)

mein Kommentar:
1988 nahm ich anlässlich einer Tagung des IWF  in Berlin an einer Demo teil. (Farbe des Geldes, SPON, 03.10.1988) Wir unterhielten uns mit einigen Bereitschaftspolizisten: Soundsoviele Stunden ohne Schlaf, soundsoviele Stunden ohne Essen, soundsoviele Stunden ohne Toilettengang…
aus dem SPON-Artikel:
Die staatliche Übermacht erstickte vor allem in Berlin vorwiegend friedlichen Protest und überrollte völlig Unbeteiligte. Das war eine Bilanz, die dem Innensenator Wilhelm Kewenig (CDU) glatt hinunterging: "Besonnenheit mit der unmißverständlichen Entschlossenheit zum Eingreifen" habe all die militanten Nein-Sager zur Räson gebracht.

Doch das bräsige Selbstlob des Senats wurde nicht überall geteilt. Im grünen Gewimmel war vielfach die Polizeitaktik nicht mehr auszumachen. Auswärtige Hilfstruppen irrten umher. Spottete ein Polizeibeamter: "Keiner weiß, was er tut, und das mit vollem Einsatz."

Unter den meist passiven, mehrheitlich friedfertigen Versammlungsteilnehmern gab es 600 Festnahmen und eine hohe Zahl von Verletzten. Am Wittenbergplatz etwa schleppten Malteserhelfer einen Bewußtlosen mit Kopfwunde in den Transporter. Augenzeugen berichteten, wie der beamtete Täter sich im Schutz der übrigen Ordnungshüter davonmachte.
siehe dazu:
- Sollbruchstelle (Wikipedia)

Im Dialog - Peter Scholl Latour 2013 mit sensationellen Aussagen zu Syrien und der Heuchelei [35:09]

Veröffentlicht am 06.06.2013

"Merkel ist irre" [10:05]

Veröffentlicht am 05.08.2015
Der Herausgeber des Politblogs "Rationalgalerie", Uli Gellermann, warnt im Gespräch mit weltnetz.tv vor der Gefahr eines globalen atomaren Konflikts und einer beängstigenden Verantwortungslosigkeit der deutschen Regierung.

„Wenn die Kanzlerin sich mit Irren einlässt, wie z.B in der Ukraine – also mit Leuten, die ihr eigenes Volk beschiessen und behaupten, das sei „Terroristenabwehr“; mit Leuten, die bereit sind, mit Faschisten zu paktieren; mit Leuten, die bereit sind, in ihrem Parlament die Grundlage für einen Atomkrieg zu schaffen, mit dem Gesetz 2953 jüngst im Juni noch, die sind ja nicht gescheit. Sie gefährden ja sogar sich selbst. Wer so wenig gescheit ist, wie eine alte Freundin von Frau Merkel, nämlich Frau Timoschenko, welche „die Russen“ (die Russen wohlgemerkt, die auf dem Territorium der Ukraine leben) vor ein paar Monaten noch mit einer Atombombe auslöschen wollte… Wer sich mit denen einlässt, der kann ja nicht gescheit sein. Und was ist einer, wenn er nicht gescheit ist? Er ist verrückt.“

http://www.rationalgalerie.de/home/la...

http://weltnetz.tv/

Wachse an Dir selbst! - Prof. Dr. Gerald Hüther im Dialog mit I-Protest [1:27:28]

Veröffentlicht am 07.10.2014
Im März traf sich I-Protestler Hagen Grell mit Prof. Dr. Gerald Hüther in Göttingen für einen Dialog über seine Projekte, seine Ziele und was er in seiner Lebenszeit gelernt hat. Gute und schlechte Erfahrungen, Herausforderungen und immer wieder neue Versuche und Rückschläge prägen ein individuellen und persönliches Wachstum.

Ein spannendes Gespräch, was man nicht verpast haben sollte.

Quelle:
http://www.iprotest-blog.de/
https://twitter.com/HagenGrell

Gerald Hüther: Kommunale Intelligenz (PDF der Bürgermeisterei Arnsberg und der Körber-Stiftung) [53:42]

Veröffentlicht am 03.06.2015
Der Hirnfoscher und Sachbuchautor Dr. Gerald Hüther referierte beim Agenda 21 Netzwerktreffen über Kommunale Intelligenz - Potenzialentfaltung in Städten und Gemeinden. Wie schafft man es, in einer Kommune alle Menschen mit einzubinden und so Probleme und Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen? Wie schaffen wir gute Beziehungen zueinander? Was brauchen Menschen zum glücklich sein? Hüther sieht unsere Gesellschaft wie das Gehirn - sie funktioniert nur dann, wenn passende Vernetzungen geschaffen werden.

Interview mit Gerald Hüther: https://www.youtube.com/watch?v=-Ydkv...

Der Vortrag wurde am 27.5.2015 in den Linzer Redoutensälen aufgezeichnet.

Philip Mirowski – Neoliberalismus als weltumspannende Verschwörung

Der Ökonom Philip Mirowski übt in seinem neuen Buch massive Kritik an seiner eigenen Zunft und am Neoliberalismus. Dieser sei frei von Ethik und höchst manipulativ. Der Autor schafft es, Ideologiekritik so spannend wie einen Thriller zu formulieren.

Neoliberalismus beschreibt der amerikanische Ökonomen Philip Mirowski als ein ideologisches Projekt, das im Dienst wirtschaftlicher Interessen auftrete und wissenschaftlich äußert fragwürdig agiere.

Seine Analyse hätte er auch als Thriller anlegen können. Es wäre ein Krimi über eine weltweit angelegte Verschwörung eines intellektuellen Geheimbundes geworden, der radikale Marktfreunde benutzt, um in einem langen Marsch Wissenschaft und Gesellschaft zu unterwandern. Wer sich in der amerikanischen Hochschullandschaft nicht auskennt, würde von Verve und Furor einer solchen Story überrascht sein, auch davon, dass deutsche Ordo-Liberale auf eine kleine, kaum erwähnenswerte Rolle in einem korrupten Spiel reduziert werden.

Philip Mirowski stellt den Neoliberalismus als eine windige Denkschule vor, liberalen und konservativen Strömungen zwar verwandt, aber nicht annähernd so prinzipientreu oder durchschaubar. Sie entpuppe sich vielmehr als eine doktrinäre, interessengeleitete Strategie, die in einem Geflecht weitverzweigter, sich sogar widersprechender Initiativen agiere.

mehr:

- Philip Mirowski: „Untote leben länger“: Neoliberalismus als weltumspannende Verschwörung (Buchkritik, Ernst Romeney, Deutschlandfunk Kultur, 13.11.2015 – Zitat: – Hervorhebungen von mir) 
Ideologiekritik ist das Forschungsgebiet des Ökonomieprofessors an der „University of Notre Dame“ in Indiana. Er folgt dabei der Spur wirtschaftlicher Interessen durch den Wissenschaftsbetrieb der USA. Seit den 40er Jahren hätte eine handverlesene Gruppe neoliberaler Intellektueller ein hierarchisches Netzwerk aus Denkfabriken, Akademien, Universitätsinstituten und Unternehmen aufgebaut, das nach außen für eine offene Gesellschaft eintrete, sich nach innen aber als elitär, demokratieverachtend und feindselig gegenüber anderen Auffassungen darstelle. Die doppelte Wahrheit, die er mit hehrem Anspruch verkünde, sei ein Merkmal des Neoliberalismus.

Seinen Fachkollegen hält Philipp Mirowski Verstöße wider jede Ethik vor, wenn sie das Renommee von Hochschulen nutzten, um sich als unabhängige Experten auszugeben und sich als Sachverständige, Berater oder ranghohe Mitarbeiter von Regierung, Parlament und Notenbank berufen zu lassen, dabei aber nicht offenlegten, wie sehr ihre wissenschaftliche Arbeit privat von interessierten Unternehmen gesponsert werde.

Ein zweites Merkmal sei folglich die hoch manipulative Vorgehensweise. Wie Liberale würden Neoliberale an alles regulierende Kräfte des Marktes glauben, die deswegen auch nie an ihrem Versagen selbst schuld sein könnten. Schuld seien immer andere Akteure, vorzugsweise der Staat. Nicht dass sie ihn verachteten sei das „Neo“ an den Neoliberalen, sondern dass sie seine Institutionen jederzeit bereitwillig vor ihren Karren spannen würden, um marktkonforme Gesetze zu verabschieden oder finanzielle Folgen abzuwälzen. Mit ihrer Strategie hätten sie dem Kommerz eine Bresche über Universitäten und Wissenschaft hinaus in das gesamte gesellschaftliche Denken geschlagen – so sehr, dass selbst Kritiker davon angesteckt seien und nichts entgegen zu setzen hätten.

KenFM-Spotlight: Prof. Rainer Mausfeld über das Menschenbild des Neoliberalismus {6:33}

KenFM
Am 27.12.2016 veröffentlicht 
Ausschnitt aus dem Gespräch mit Prof. Rainer Mausfeld – in voller Länge hier zu sehen: https://kenfm.de/rainer-mausfeld/ Wenn es einer sehr kleinen und übersichtlichen Gruppe von Menschen gelingt, die Massen global und über Jahrzehnte für die eigenen Ziele arbeiten zu lassen, kann das nur dann erfolgreich bewerkstelligt werden, wenn diese Eliten die Techniken der Gehirnwäsche auf allen Ebenen konsequent zur Anwendung bringen. Schon der Umstand, dass Völker sich für Krieg begeistern lassen, zeigt die Macht dieser Technik.
Seit dem römischen Prinzip „Teile und Herrsche“ haben sich die Werkzeuge der Gehirnwäsche extrem verfeinert. Ein großer Teil der sogenannten Sozialforschung wurde im Auftrag der Eliten finanziert, um den Menschen als Wesen, das nur im Kollektiv überleben kann, im Anschluss in seine Bestandteile zerlegen zu können, ihn gefügig zu machen.
Der Grad der Manipulation ist viel größer, als die meisten von uns auch nur ahnen. Aber gerade darin liegt die Macht dieser Elitentechnik. Massenmedien sind dabei eines der wichtigsten Werkzeuge, um die Realität zu verschleiern und unsichtbar zu machen. Wer darauf aufmerksam macht, wird vom System gnadenlos attackiert, lächerlich gemacht und ausgegrenzt. Das finale Ziel ist immer die Vernichtung derer, die die Tarnung der Eliten auffliegen lassen.
Der Soziologe Prof. Rainer Mausfeld hat sich intensiv mit den Techniken der Verschleierung und des Gefügigmachens auseinandergesetzt. Seine auch im Netz veröffentlichen Vorträge, u. a. mit dem Titel „Warum schweigen die Lämmer“, wurden zu Blockbustern in Netz.
KenFM sprach mit Rainer Mausfeld über den Status Quo einer auf den neoliberalen Kurs eingeschworenen Gesellschaft, die sich in gegenseitigen Lagerkämpfen an die Gurgel geht, während die Geldeliten weiter die Strippen ziehen. Die Manipulation ist extrem perfide, denn sie beleidigt den Menschen an sich, der nicht wahrhaben will, dass er wie Vieh zur Schlachtbank geführt werden kann und wird, indem man ihn mit den pervertierten Techniken der Demokratie davon abhält zu sehen, in welcher Situation er sich tatsächlich befindet.
Die Zeit des Erwachens steht unmittelbar bevor. Sie wird nicht ohne Schmerzen zu haben sein. Die Medienrevolution ist wie eine Geburt. Wir müssen da durch, um ein autarkes Leben wirklich beginnen zu können.
+++
Dir gefällt unser Programm? Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten hier:
https://www.kenfm.de/kenfm-unterstuet…
mehr Mausfeld:
- Rainer Mausfeld: Angst und Macht in kapitalistischen Demokratien (Post, 26.07.2019)
- KenFM im Gespräch mit: Prof. Rainer Mausfeld („Warum schweigen die Lämmer?“) (Post, 02.10.2018)
- KenFM im Gespräch mit: Prof. Rainer Mausfeld (Post, 05.08.2016)
- Warum schweigen die Lämmer? – Der Mensch im Geflecht von Medien, Manipulation und Macht (Post, 14.07.2016)

The Power of Choice - Mont Pelerin Society {1:50}

Free To Choose Network
Am 21.05.2019 veröffentlicht 
The rise of Communism across the globe during the 1940’s led to a meeting of minds, featuring some of the most elite thinkers of the time. If you’ve never heard of the Mont Pelerin Society, see the story in this clip from The Power of Choice.
Check out our Facebook page here: http://www.facebook.com/FreeToChooseN...
x
Neoliberalismus einfach erklärt ● Gehe auf SIMPLECLUB.DE/GO & werde #EinserSchüler {5:37}

Wirtschaft - simpleclub
Am 02.11.2016 veröffentlicht 

mein Kommentar:
Man könnte den Neoliberalismus auch mit moderner Schweinehaltung vergleichen…

Moderne Landwirtschaft: Tschüss Bilderbuchbauernhof! | SWR odysso {9:24}

SWR
Am 05.07.2014 veröffentlicht 
Die Techniken der heutigen Landwirtschaft. Moderne Schweine kommen aus der Tube: Als Sperma in der Eberstation gezapft, vom Ferkelerzeuger produziert. Sie werden gezeugt, geworfen und gemästet - um nach einem guten halben Jahr geschlachtet zu werden. Die neue Methoden der Landwirtschaft haben sicherlich nichts mehr mit einem Bilderbuchbauernhof zu tun.

Gleiche Chancen ... nur für Reiche - Die Anstalt vom 16.07.2019 | ZDF {9:13}

ZDF
Am 19.07.2019 veröffentlicht
Mehr Die Anstalt: http://ly.zdf.de/UbH1V/
Demokratie: Wohlhabende wählen andere Wohlhabende. Und dann gibt's mehr Geld für alle - Wohlhabenden.

siehe auch:
- Die Entwicklung des Neoliberalismus aus der Perspektive Deutschlands – Die Nachkriegszeit (Marco Wenzel, NachDenkSeiten, 10.08.2019)
- Werner Rügemer gewinnt gegen das IZA. Wir gratulieren! (Post, 22.01.2019)
- Water Makes Money - Wie private Konzerne aus Wasser Geld machen (Post, 16.02.2013)
- WERNER RÜGEMER: RATING-AGENTUREN: Der Richter und sein Banker (Thomas Thiel, FAZ, 04.03.2013)
- Die Macht der Rating-Agenturen (Post, 29.05.2012)
- Enthemmte Wirtschaft – Krisen, Politik und Grenzen der Demokratie (Reinhard Jellen, Telepolis, Heise-Verlag 2012 – Google-Books)
- Privatisierung als Ursache der Finanzkatastrophe (Reinhard Jellen, Gespräch mit Werner Rügemer über Cross Border Leasing, Telepolis, 28.10.2008)
- Privatisierung – Blaues Wunder in Braunschweig (Gernot Knödler, taz, 07.10.2010)
- Pokerspiel mit Stadtwerken – Immer mehr Städte in Europa schließen dubiose US-Leasing-Verträge ab (Teil I) (Werner Rügemer, Junge Welt, 06.02.2002, gefunden bei Anarchie.de)
- Ware Wasser – Die Wasserwirtschaft zwischen Daseinsvorsorge und Profitmaximierung (Franz Garnreiter, Sonja Schmid, Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung München e.V., Dezember 2002 – gefunden bei docplayer.org)

KenFM im Gespräch mit: Prof. Rainer Mausfeld ("Warum schweigen die Lämmer?") {1:38:19 – Start bei 1:25:32 – Mausfeld zitiert Miriowski: »Solange Du Deinen Feind nicht kennst, höre auf, von einer besseren Welt zu träumen!«}

KenFM
Am 02.10.2018 veröffentlicht 
Dass Professor Rainer Mausfeld es im Alter von 68 Jahren mit seinen Vorträgen noch zu einem Millionenpublikum bringen würde, hätte er selbst vermutlich als Letzter vermutet. Doch ganz offensichtlich trifft er mit seinen Inhalten, verbildlicht durch die inzwischen weitläufig bekannte politische Metapher der „schweigenden Lämmer“, den Nerv der Zeit. Es ist, als hätten wir jahrelang eine dunkle Vermutung gehegt und endlich spricht sie einmal jemand aus – Unsere Demokratie ist bei weitem nicht so demokratisch, wie sie uns verkauft wird.
Nun ist der Kaiser also nackt. Dennoch hält sich die gesellschaftliche Empörung in Grenzen. Wie lässt sich das erklären? Professor Mausfeld ist überzeugt: Es liegt an der Beschaffenheit des Kaisers, der nicht mehr in schicker, feudaler Tenue, sondern in Form unpersönlicher, intransparenter und abstrakter Machtstrukturen daherkommt. Genannte Strukturen, man kann sie auch als Elitenetzwerke bezeichnen, bedienen sich des Begriffes der Demokratie, weil er sich für sie als ideale Revolutionsprophylaxe in Zeiten zunehmend feudal anmutender sozialer Ungleichheit herausgestellt hat. Da diese Verschleierungstaktik, bei der ideologisch aufgeladene Begriffe inhaltlich in ihr Gegenteil verkehrt werden, sich zu Indoktrinationszwecken als besonders effektiv erwiesen hat, kommt sie auch in aller Regelmäßigkeit zur Anwendung. So z.B. bei Wörtern wie „Globalisierung“ oder „freie Märkte“, welche der desorientierten Bevölkerung als naturgegebene Phänomene verkauft werden, um über das in ihrer neoliberalen Interpretation verankerte Recht des Stärkeren hinwegzutäuschen.
Hieraus ergibt sich die Aufgabe, die Kluft zwischen dem vorgegaukeltem und dem eigentlichen Wortsinn, zwischen PR und Realität, zu überwinden, mit dem Ziel sich dabei Schritt für Schritt an das Ideal demokratischer Verhältnisse im Sinne der Aufklärung anzunähern. Dafür bedarf es nicht nur der intellektuellen Bewaffnung und Bewusstwerdung über die subtilen Techniken der Meinungskontrolle des Einzelnen, sondern vor allem auch des Eingeständnisses, dass man einem gigantischen Betrug aufgesessen ist.
Professor Mausfelds Buch „Warum schweigen die Lämmer?“, welches die Inhalte des beliebten gleichnamigen Vortrages weiter vertieft, kann diesen kollektiven Aufwachprozess mit anschieben. Ins Handeln kommen müssen wir dann aber schon selber.
Inhaltsübersicht:
0:04:56 Der Kaiser ist nackt – wir wissen es alle
0:13:15 Der „Feind“ ist abstrakt
0:21:50 Aber wir haben doch eine Demokratie…
0:31:16 Wie wichtig ist Repräsentation in einer Demokratie?
0:40:43 Meinungsmanagement
0:57:29 Definition von Links und Rechts: ein „Haufen Spaghetti“
1:03:02 Chemnitz aktuell – Ablenken von den wahren Problemen
1:13:25 Programme zur Angst-Induktion
1:20:37 Für das Warten auf bessere Zeiten ist keine Zeit
1:34:08 Feedback aus der Bevölkerung
+++
KenFM jetzt auch als kostenlose App für Android- und iOS-Geräte verfügbar! Über unsere Homepage kommt Ihr zu den Stores von Apple und Google. Hier der Link:
https://kenfm.de/kenfm-app/

aktualisiert am 22.10.2019

Donnerstag, 12. November 2015

„Bitte treten Sie zurück!“

Rund vier Wochen nach dem ersten offenen Brief des Generalmajors a.D. Gerd Schultze-Rhonhof an Angela Merkel fordert er die Bundeskanzlerin nun in einem zweiten offenen Brief zum Rücktritt auf. Schultze-Rhonhof beschreibt schonungslos die aktuelle Flüchtlingskrise und den Irrweg von Angela Merkels Politik. Er wirft der Bundeskanzlerin mehrere gravierende Fehlentscheidungen vor, die schwerwiegende Folgen haben. Wir veröffentlichen seinen Brief ungekürzt.

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
dies ist nach vier Wochen mein zweiter „Offener Brief“ zum Problem der derzeitigen Einwanderungs-Flut an Sie. Die Welle der deutschen Hilfsbereitschaft, der tausendfache, aufopfernde Einsatz von Helfern und die Leistungen unserer Verwaltungen haben anfangs den Blick auf die Schwierigkeiten und Grenzen unserer Aufnahme- und Integrationsfähigkeit verstellt.

Ich habe mir erlaubt, Sie mit Brief vom 11. September 2015 auf die Gefahren der ungesteuerten Masseneinwanderung für Deutschland hinzuweisen und Vorschläge für das Asylrecht, für das Steuern der Einwanderung und für das Beenden der beginnenden Völkerwanderung zu machen. Ich habe seither Ihr ehrliches, aber erfolgloses Bemühen, der Lage Herr zu werden, beobachtet und gesehen, dass der Massenzustrom von Migranten weiter ungebremst anhält und auch ganz andere, hässliche Begleiterscheinungen mit sich bringt, als es mir vor vier Wochen schwante. Inzwischen haben sich die Schätzungen der in Deutschland „aufgestauten“ Migranten für das Ende diesen Jahres auf 2 bis 2,5 Millionen aufaddiert, etwa 700.000 nicht anerkannte und nicht zurückgeführte Asylbewerber, etwa 300.000 inzwischen untergetauchte Migranten und 1 bis 1,5 Millionen Neuankömmlinge im Jahr 2015. Sie haben bisher keinen wirksamen Versuch unternommen, die Massenmigration nach Deutschland zu unterbinden. Sie haben in Ihrer Angewohnheit des sehr, sehr langen Abwägens wertvolle Zeit nutzlos verstreichen lassen, in der Sie hätten beginnen können, Schaden von unserem Volk abzuwenden.

mehr:
- Bitte treten Sie zurück!“ Zweiter offener Brief von Generalmajor a.D. Schultze-Rhonhof (Mama Merkel, 14.10.2015)
siehe auch:
- Geschichtsrevisionismus (Wikipedia)
- Der Kannibalismus und die Doppelzüngigkeit des Westens (Post, 16.11.2014)
- Jean Ziegler: „Geierfonds - Quintessenz krimineller Bankenaktivitäten“ (Bürgerrechtsbewegung Solidarität, 08.10.2014)
- Jean Ziegler – ein wahrhaftiger Mensch (Post, 10.09.2013)
- Nach der Willkommenskultur wächst die Angst vor der Einwanderung (Post, 04.10.2015)
- Tunesien im Müll: Eine Demokratie aus Scherben und Orangenschalen (19.10.2015)
- EPA – TTIP für Arme und die Werte des »alten Europa« (Post, 13.09.2015)
- Äthiopien – Merkel verlangt Eigenverantwortung von Afrika (Margret Heckel, Die Welt, 04.10.2007)
- Merkel sieht afrikanische Länder in der Pflicht (Grafschafter Nachrichten, 11.11.2015)

Mittwoch, 11. November 2015

Helmut Schmidt – Noch so ein Fixstern gestorben – Gelegenheit zur Selbstbesinnung

Zum Schluss war er eine Legende, sein Leben erschien vielen wie ein Mythos aus grauer Vorzeit. Nun ist Helmut Schmidt im Alter von 96 Jahren gestorben. Und am Ende dieses langen Lebens mag er sich selbst manchmal vorgekommen sein wie ein altes Möbel im Bonner „Haus der Geschichte“, das längst zum festen Inventar der Republik gehört. Ein Nachruf
Helmut Schmidt war einer der Großen des vergangenen Jahrhunderts, bis zum Schluss des Wortes und der Rede mächtig, ein bedeutender Politiker und Publizist, aber am Ende trotzdem machtlos. Seine Bücher waren Bestseller, seine immer selteneren Auftritte im Fernsehen Quotenrenner, seine Interviews – vor allem die mit dem „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo („Auf eine Zigarette“) – Kult.

Die Ratschläge, die der Pensionär als Publizist und Buchautor den aktiven Politikern gab, wurden gern gehört, aber selten befolgt. Seine Warnungen vor einer noch schlimmeren Finanzkrise und weiteren Auswüchsen des „Raubtierkapitalismus“ viel zitiert, aber wenig beachtet. Zum Beispiel seine konkrete Forderung, die G-20-Staaten sollten durch „gemeinsam verabredetes Handeln“ den Handel mit Derivaten und faulen Krediten nicht nur auf nationaler oder europäischer Ebene, sondern weltweit verbieten.

mehr:
- Ein deutscher Methusalem (Hartmut Palmer, Cicero, 09.11.2015)

mein Kommentar:
Mann kann sich heute und wohl auch in den nächsten Tagen vor den medial geforderten Lobhudeleien kaum schützen. ich würde mein Augenmerk gern auf einen anderen Punkt lenken: Von Helmut Schmidt bis Angela Merkel hat es fünfundzwanzig Jahre gedauert. Wenn wir heute über Helmut Schmidts Tod trauern, sollten wir uns fragen, was sich in unserer Gesellschaft geändert hat, daß Leute wie Angela Merkel wählbar sind.

Dei beiden aus meiner Sicht zutreffendsten Aussagen zu seinem Tod:


»Wir Deutschen haben eine Vaterfigur verloren.« (Frank-Welter Steinmeier, Außenminister) 
»Helmut Schmidt ist tot, und wir, die ihn überlebt haben, müssen jetzt erwachsen werden. Ob wir es wollen oder nicht.« (Giovanni di Lorenzo, Chefredaktuer der »Zeit« am Dienstag in Hamburg)
Der Jahresrückblick 2011 Teil 1.mp4 [14:59]   mehr auf Youtube

Hochgeladen am 27.12.2011
Der Jahresrückblick 2011. Helmut Schmidt im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo.

Giovanni di Lorenzo über Helmut Schmidt: "Er ist ein recht zufriedener Mensch" [5:29]

Veröffentlicht am 13.11.2014
ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo über Helmut Schmidt: Wie der Altbundeskanzler auf Betriebstemperatur kommt und warum er sich mit Journalisten schwertut.

Angela Merkel wird »Mama« genannt. Wer wählt Mama als Kanzler? Ein Kindergarten.
Obwohl es wahrscheinlich nicht gendergerecht ist: es heißt »Vater-« und nicht »Mutterfigur«. Und das macht Sinn:
Die psychischen Folgen der Vaterlosigkeit sind nur in Umrissen bekannt und wurden in Deutschland kaum systematisch erforscht. Das biografische Echo dieser traumatischen Erfahrung erfährt erst in allerletzter Zeit verstärktes wissenschaftliches Interesse. Eine psychosomatisch-epidemiologische Langzeitstudie an der Mannheimer Normalbevölkerung, in der auch der Langzeitverlauf psychischer und psychosomatischer Erkrankungen untersucht wurde, erbrachte als wesentliches Ergebnis, dass die „Kinder des Krieges“ (die Geburtsjahrgänge 1935 und 1945), denen in den ersten sechs Lebensjahren der Kontakt zum Vater fehlte, noch über 50 Jahre später ein deutlich höheres Risiko für psychische Störungen aufwiesen als die Kriegskinder derselben Jahrgänge, die einen konstanten Kontakt zum Vater hatten. Aus psychoanalytischer Sicht verdeutlicht Hartmut Radebold in seinem Buch Abwesende Väter. Folgen der Kriegskindheit in Psychoanalysen diese Zusammenhänge anhand eindrucksvoller Fallgeschichten. (Matthias Franz, Wenn der Vater fehlt, Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft)
In einer weiteren Metaanalyse untersuchten Allen Russell und Judith Saebel 287 Studien. Immerhin 40 Prozent dieser Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass sich Väter ihren Kindern gegenüber deutlich anders verhalten als Mütter. Danach legen Väter in ihren Spiel- und Freizeitaktivitäten einen starken Akzent auf Motorik und Körper. Sie fördern Selbständigkeit und Individuation und betonen das Geschlecht des Kindes. (Inge Seiffge-Krenke, Gut, dass sie anders sind, Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft)  
»Jungen, die ohne Vaterfigur aufwachsen, auch das ist vielfach bewiesen, orientieren sich entweder am Weiblichen und passen sich an oder überkompensieren ihre männliche Identität.« (Melanie Mühl, S. 132, zitiert in Elke Pechmann, Rezension – Melanie Mühl: Die Patchwork-Lüge, Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft) 
Die Bedeutung des Vaters für die Töchter ist nicht minder relevant: „Der Vater ist derjenige, der das Kind lehrt, der ihm den Weg in die Welt weist. Der Vater versöhnt die Tochter mit dem Fremden.“ (Melanie Mühl, S. 134, zitiert in Elke Pechmann, Rezension – Melanie Mühl: Die Patchwork-Lüge, Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft) 
Melanie Mühl greift die Bedeutung des Vaters auf, um den vermeintlichen gesellschaftlichen Konsens, es sei egal, mit wem Kinder aufwüchsen, zurückzuweisen. „In den ersten Monaten, das hat die Bindungsforschung eindrucksvoll nachgewiesen, entstehen tiefe Bindungen, zu Mutter und Vater, der eben nicht erst dann eine wichtige Funktion übernimmt, wenn er mit seinem Kind Fußball spielen kann. Trotz der eindeutigen Belege gibt es nach wie vor noch genügend Stimmen, die beharrlich behaupten, jeder Vater sei ersetzbar, egal ob durch Stiefvater, einen Samenspender oder eine zweite Mutter.“ (Melanie Mühl, S. 131, zitiert in Elke Pechmann, Rezension – Melanie Mühl: Die Patchwork-Lüge, Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft) 
Der US-amerikanische Sozialhistoriker David Blankenhorn, den Mühl als Beleg ihrer Kritik über die angebliche Bedeutungslosigkeit des Vaters zitiert, ist aufgrund seiner Forschungen davon überzeugt, dass anwesende Väter wesentlich zur Stabilität einer Gesellschaft beitragen. „Ohne Vater aufzuwachsen, ist die Hauptursache für die wachsenden sozialen Probleme wie Kriminalität, Teenager-Schwangerschaften und Gewalt gegen Frauen in der Familie“, warnt Blankenhorn. (Angelika Faas, zitiert in Gute Väter sind eine "Freikarte" für ein erfülltes Liebesleben,  T-Online; zitiert in Elke Pechmann, Rezension – Melanie Mühl: Die Patchwork-Lüge, Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft)   
Väter spielen für die Entwicklung von Kindern eine wesentliche Rolle, gerade weil sie anders als die Mutter mit ihnen umgehen. Sie bestimmen maßgeblich das Selbstwertgefühl der Kinder, unterstützen die Autonomie, fördern Motorik und Spielverhalten. Die Bedeutung des Vaters für die kindliche Entwicklung wurde lange unterschätzt (siehe Interview: „Über ,normale‘ Väter wissen wir erstaunlich wenig“ in PP 10/2002). Doch häufig scheitert die „soziale Vaterschaft“, das Konzept vom Vater als Erzieher und Betreuer. Der Vater ist in vielen Familien abwesend, beziehungsweise zieht sich auf die Rolle des Ernährers zurück. Das ermittelte Prof. Dr. Dr. Wassilios E. Fthenakis, Staatsinstitut für Frühpädagogik der Universität München, in einer Längsschnittstudie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums (2). Vor der Geburt des ersten Kindes sehen sich noch 67 Prozent der werdenden Väter in der Rolle des sozialen Vaters und nur 33 Prozent in der des Brotverdieners. Aber: „Das ideale Konzept der Väter hat in diesem Land keine Chance zur Umsetzung“, betonte der „Pionier der Vaterforschung“. Zieht der Mann sich auf die Rolle des Ernährers zurück, liegt das zumeist an der abnehmenden Qualität der Partnerschaft. Diese sinkt in den meisten Familien nach dem ersten Kind – Streit und Kritik am Partner nehmen zu, Sexualität nimmt ab. Nach dem zweiten Kind verfestigt sich dieses Phänomen (Grafiken 1 und 2). (Petra Bühring, Psychoanalyse und Familie: Andere Lebensfomen – andere Innenwelten, Ärzteblatt, Januar 2014)          
siehe auch:
- Helmut Schmidt? – Na ja! (AlterMannBlog, 11.11.2015)

Dienstag, 10. November 2015

Able Archer 83: "Um Haaresbreite"

USA geben Geheimbericht von 1990 zu Able Archer 83 frei 

Nachdem Präsident Ronald Reagan Anfang der 1980er Jahre das Klima zwischen den Supermächten vom Tauwetter wieder zur Eiszeit gewandelt hatte, befürchteten die Strategen in Moskau einen nuklearen Überraschungsangriff. Lange war umstritten, wie real die sowjetische Kriegsangst von 1983 und damit das Risiko eines versehentlich eingeleiteten Gegen- oder gar Präventivschlags tatsächlich gewesen war. Eine nun freigegebene Studie für die außenpolitischen Berater der Regierung Bush von 1990, der alle geheimen US-Quellen zur Verfügung standen, kommentierte: "on a hair trigger".
Dieser Tage jährt sich zum 32. Mal das Ende diverser NATO-Übungen vom Herbst 1983, die in Moskau als Tarnung zur Vorbereitung eines Überraschungsschlags der USA gedeutet wurden (vgl. Der letzte Tag). Den Historikern des National Security Archive der George Washington University gelang es nach zwölf Jahren Kampf, die Freigabe des ultrageheimen Berichts für das President's Foreign Intelligence Advisory Board (PFIAB) aus dem Jahr 1990 zu erwirken. Damit liegt die bislang vollständigste Regierungsanalyse zu dem Drama vor, das selbst konservative US-Insider für gefährlicher als die Kubakrise halten. Dem PFIAB-Bericht ist ein Zitat des damaligen Politbüro-Mitglieds Michail Gorbatschow vorangestellt:

Wahrscheinlich niemals in den Nachkriegsjahrzehnten war die Weltlage explosiver und daher schwieriger und ungünstiger als in der ersten Hälfte der 1980er Jahre.
In der Regierung Reagan konnte sich laut dem PFIAB-Bericht niemand vorstellen, dass die Sowjets in Friedenszeiten mit einem Überraschungsschlag rechneten. Offenbar hatte man in Washington verdrängt, dass seit 1945 ultrarechte Generäle wie Curtis LeMay offen einen solchen Präventivschlag gefordert hatten. Wie Robert Kennedy durchsickern ließ, hatte der Generalstab des Militärs dies noch Anfang der 1960er Jahre der Regierung Kennedy konkret einen Atomkrieg angetragen.
mehr:
- "Um Haaresbreite" (Markus Kompa, Telepolis, 10.11.2015)
Ungeachtet dessen provozierten die USA durch sogenannte PsyOps die Luftabwehr der Sowjets, bei denen US-Flugzeuge auf sowjetischen Luftraum zuflogen und erst kurz vorher abdrehten. Damit verrieten die daraufhin aktivierten Zielradarstationen ihre Position. Das hierdurch aufgeheizte Klima führte im September 1983 zum tragischen Abschuss der Passagiermaschine KAL 007, die nach sowjetischer Darstellung den Luftraum verletzt hatte und für ein Spionageflugzeug gehalten wurde, das den Radarschatten der Maschine gekreuzt hatte. Nach diesem Vorfall war die politische Atmosphäre endgültig vergiftet. Die Nierenerkrankung des todgeweihten Staatschefs Andropow, der nach Einschätzung des PFIAB als einziger den Gegenschlag befehlen durfte, sorgte für zusätzliche Unwägbarkeiten. Ein Politbüro-Mitglied beschrieb die interne Situation während Able Archer wörtlich als "Weißglut".
Sicherheitsberater Robert McFarlane will Reagan wegen sowjetischer Befindlichkeiten bereits von der Teilnahme an Able Archer 83 abgebracht haben, wo andere Regierungschefs wie Thatcher und Kohl in einem verlagerten Kommandoleitstand die Übung politisch aufwerteten (Planspiel Atomkrieg (2013)). Unter Berufung auf McFarlane präsentierte das ZDF in der ansonsten sehenswerten Doku Welt am Abgrund (2011) ausgerechnet Brandstifter Reagan als Weltretter, der vor den konkreten Kriegsvorbereitungen des Ostens gewarnt worden sei und sich als besonnener Staatsmann im Ton gemäßigt habe.

Tatsächlich jedoch wurde damals in keinem Briefing des Präsidenten Able Archer oder eine konkrete sowjetische Kriegsangst erwähnt. Der PFIAB-Bericht hält die damalige Bewertung durch die Geheimdienste für unbrauchbar, um den Bedürfnissen des Präsidenten zu entsprechen. Erst am 18.11.1983, damit also eine Woche nach dem Ende von Able Archer 83 und der dann von Moskau am 11.11.1983 gegebenen Entwarnung an Militärs, hatte sich Reagan gegenüber seinem Außenminister George Shultz besorgt über eine sowjetische Kriegsparanoia geäußert. Am 05.11.1983 hatte Reagan den Film The Day After gesehen, der ihn sehr nachdenklich gemacht habe.
siehe auch:
- Heute vor 32 Jahren – 26. September 1983: Stanislaw Petrow verhindert den 3. Weltkrieg (Post, 26.11.2015)

1983 - Am atomaren Abgrund [1:13:13]

Veröffentlicht am 21.04.2014
Dokumentation ARTE
(Originaltitel: Soviet War Scare 1983 -- Discovery Channel, 2007, 1983: The Brink of Apocalypse -- Channel 4, 2008)
Able Archer 83 (engl. „tüchtiger Bogenschütze") war eine europaweite NATO-Kommandostabsübung vom 7. bis 11. November 1983, die einen Atomkrieg simulierte. Der hohe Realitätsgrad, die strenge Geheimhaltung sowie das zu dieser Zeit besonders angespannte Verhältnis zwischen den USA und der UdSSR führten im Warschauer Pakt zu dem Verdacht, es handele sich bei der Übung um einen Deckmantel für einen tatsächlich unmittelbar bevorstehenden Nuklearschlag. Dies zog die Alarmierung konventioneller Streitkräfte und nuklearer Trägersysteme in Osteuropa nach sich. Able Archer 83 war eines der Ereignisse im Kalten Krieg, bei denen die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges relativ hoch war.
Able Archer spielte sich vom 7. bis 11. November 1983 vor allem auf der Kommando- und Kommunikationsebene der europäischen NATO-Staaten ab und sollte dort mit einem hohen Realitätsgrad die Vorgänge während eines Atomkriegs simulieren. Das Manöver unterschied sich von denen der Vorjahre in drei Punkten:
- Erstmals wurden die Regierungschefs von NATO-Ländern wie Margaret Thatcher und Helmut Kohl eingebunden, was dem Manöver politisches Gewicht verlieh.
- hochrangige Aktivitäten, verbunden mit einem simulierten Durchspielen der Alarmzustände für die Streitkräfte der USA DEFCON-Stufe 5 bis 1 (Maximale Einsatzbereitschaft - Alle verfügbaren Truppen werden eingesetzt)
- die neuen Funkverschlüsselungsmethoden wurden im Rahmen der Übung erstmals im großen Maßstab verwendet.
Text: Quelle Wikipedia



siehe auch:
- Der Abschuß von KAL 007: Das westliche Narrativ in der Schlacht um die Deutungshoheit (Post, 30.12.2015)
- Vor 39 Jahren – 1976: Pinochet befahl Bombenattentat in Washington (Post, 13.10.2015)
- Fundgrube – Helmut Schmidt: Wie gefährlich ist Amerika? (Post, 29.08.2015)


»Für den Frieden der Welt geht von Russland heute viel weniger Gefahr aus als etwa von Amerika.« (Helmut Schmidt)
- Geheimdokumente zu Nato-Manöver: So nah kam die Welt 1983 einem Atomkrieg (SPON, 03.11.2013)
- Kurz vor dem Atomkrieg – Die Aufklärung des NATO-Manövers »Able Archer«: Wie die HVA, der Auslandsnachrichtendienst der DDR, dazu beitrug, den Kalten Krieg kalt zu halten (Rainer Rupp, Antikriegsforum Heidelberg, 22.11.2007)


1983 Deutschland befindet sich 5 Minuten vor dem atomaren Angriff der Sowjetunion [44:20]

Veröffentlicht am 30.07.2015
1983 Deutschland befindet sich 5 Minuten vor dem atomaren Angriff der Sowjetunion. Die mit Atombomben bestückten Jagdflugzeuge stehen mit laufenden Triebwerken in Startposition…

Able Archer 1983 The Brink of Apocalypse [1:15:52]
Veröffentlicht am 14.08.2013
This documentary focuses on "Able Archer 83" exercises that almost led to third world war between NATO and Warsaw Pact.
[PL] Dokument opisujący manewry "Able Archer 83", które prawie doprowadziły do wybuchu III wojny światowej pomiędzy NATO i Układem Warszawskim.
Credit to kakdjw aksje for the video files, I just put the files together as one, this may not be as high quality as his, but you can check out the ones he uploaded here:
http://www.youtube.com/watch?v=w-Df7U...

Bonn - Friedensdemo 10-10-1982.flv [14:41]

Hochgeladen am 10.08.2011
Die Großkundgebung in Bonn - eine organisatorische Herausforderung für die Friedensinitiative Marl. Der Andrang der Atomraketen- und Aufrüstungsgegner war groß - immer wieder mußte die Zahl der bestellten Busse nach oben korrigiert werden. Schließlich waren es sechzehn. "Was denn, sechzehn Busse?" fragte am Telefon der Gesprächspartner vom Busunternehmen. "Wollt Ihr die Regierung stürzen?" "Ach ja," antwortete ihm der Beauftragte der Friedensinitiative, "für die Rückfahrt brauchen wir noch einen Gefangenentransporter - habit Ihr so etwas auch?"
Daß die Regierung in Bonn während der Demo nicht gestürzt wurde, lag vor allem daran, daß dieses Bus-Unternehmen keine Gefangenentransporter hatte - so'n Saftladen!
Außer den 16 Bussen der FI stellten übrigens auch die Marler Gewerkschaften noch fünf Busse, alles in ellem also 21 - und alle wurden voll!

mein Kommentar:
»… hatte sich Reagan gegenüber seinem Außenminister George Shultz besorgt über eine sowjetische Kriegsparanoia geäußert«
Kopfschüttel, Kopfschüttel, Kopfschüttel, Kopfschüttel, Kopfschüttel, Kopfschüttel, Kopfschüttel, Kopfschüttel…

Der geheime Luftkrieg der Supermächte - Abschuss über der Sowjetunion - ZDF-History [44:12]


Veröffentlicht am 23.04.2013
Die Aufklärungsflüge der Amerikaner in den Luftraum des Ostblocks waren weitaus zahlreicher als behauptet. In der Luft wurde der Kalte Krieg mit Kameras, Bordkanonen und Raketen weitergeführt. Es gab Abschüsse, Gefangennahmen und Tote.
Mehr als 150 vermisste US-Air-Force-Soldaten sind Teil der Bilanz des geheimen Luftkrieges, bei dem durchweg westliche Flugzeuge in den sowjetischen Luftraum eindrangen.
Im April 1950 hat Anatolij Gerasimov den US-Aufklärer PB 4Y2 im Visier seines sowjetischen Jagdflugzeuges. Gerade hat ihm der Pilot des amerikanischen Spionageflugzeugs noch zugewinkt. Dann dreht dieser Richtung Westen ab. Von der Bodenleitstelle erhalten Gerasimov und drei weitere Jagdpiloten den Feuerbefehl. Ein Kugelhagel bringt die amerikanische Maschine zum Absturz. Es ist der erste Abschuss in einer langen Reihe von geheim gehaltenen Zwischenfällen - viele davon mit tödlichem Ausgang.
SENDETERMIN
Di, 28.08.12, 12.00 Uhr
Westdeutschland war dabei eine Art Basis für die amerikanischen Spionageflüge. Im Film kommt das bedrohliche Ausmaß der von russischer wie amerikanischer Seite lange verschleierten Operationen wie das Absetzen von Agenten bei Nachtflügen und geheime Einsätze zur Zielkartenerstellung für einen Nuklearangriff zur Sprache, von Beteiligten in beeindruckenden Aussagen belegt. Neue Dokumente werfen viele Fragen auf, u.a. welchen Sinn es hatte, US-Aufklärer, die äußerlich nicht von Atombombern zu unterscheiden waren, in Formation die Sowjetunion überfliegen zu lassen. Die Flüge waren provokativ genug, um den Dritten Weltkrieg heraufzubeschwören.
x
siehe dazu auch:
- A Cold War Conundrum: The 1983 Soviet War Scare, KAL 007 (Benjamin B. Fisher, CIA, 19.03.2007) 

Moscow did not even acknowledge the incident until September 6, and it delayed an official explanation for three more days. On 9 September, Marshal Ogarkov held a live press conference that ran for two hours.76 The five-star spin doctor's goal was to prove that – 269 innocent victims notwithstanding – the Soviet Union had acted rationally. Ogarkov asserted that the regional air defense unit had identified the aircraft as a US intelligence platform, an RC-135 of the type that routinely performed intelligence operations along a similar fight path. In any event, regardless of whether it was an RC-135 or a 747, he argued, the plane was unquestionably on a US or joint US-Japanese intelligence mission, and the local air defense commander had made the correct decision. The real blame for the tragedy, he insisted, lay with the United States, not the USSR.77
- Navy Secretary Lehman and the Maritime Strategy: How NATO Almost Triggered Armageddon(Trowbridge H. Ford, codshit, 12.02.2004)
By this time, Moscow had completely absorbed Operation ABSORB, and Ames had even tipped off the Soviets about the tap on the Moscow telephone cable. (Sontag and Drew, op cit.) Unknown to the West, the Soviets also had 82 nuclear-armed SS-23 missiles in East Germany, and the USSR (Urban, p. 290) under the command of Marshal Nicholai Ogarkov, eager to make amends for shooting down KAL 007. The over-confident contingent to Brixmis in East Germany, the 200 British personnel to insure compliance with the Four-Power Agreement, had overlooked their existence (Ken Connor Ghost Force, p. 430ff., and Urban, pp. 79-80), and their surpirse contribution to an escalating East-West showdown would have been devastating. In sum, KGB Chief Victor Chebrikov knew what he was talking about when he unprecedentedly warned the West to back off from what it had planned on the morning to Palme's assassination. (Christopher Walker, "KGB reveals big swoop on state spies," The Times, March 1, 1986, p. 1) 
vergleiche die Reaktion der US-Regierung nach dem Abschuß von Iran-Air-Flug 655 ( Iran-Air-Flug 655, Diplomatische Konsequenzen (Wikipedia)

zum geschichtlichen Hintergrund:
- Täuschung - Die Methode Reagan, Ressourcenkriege und medial vemittelte Feindbilder (Post, 14.05.2015)
- Russland in Atem halten – USA verkaufen ihre expansionistischen Bestrebungen als Angst (Post, 27.11.2015)

„Kinder bis etwa 3 Jahre sind naive Realisten, sie halten die Weise, wie die Welt ihnen erscheint, unhinterfragt für wahr und für alle zugänglich, sie verstehen noch nicht, dass ihre Überzeugungen zu Sachverhalten nur Annahmen sind, die den realen Tatbestand treffen oder auch verfehlen können“ (Bischof-Köhler 2011, S. 330).
Das Verständnis des Zusammenhangs zwischen innerer und äußerer Realität ist nicht von Beginn an vorhanden, sondern eine Entwicklungsleistung. Mentalisieren ist das Ergebnis einer erfolgreichen Integration zweier verschiedener Arten, zwischen Innen und Außen zu unterscheiden. Die psychische Entwicklung bewegt sich von einer Erfahrung der psychischen Realität, in der mentale Zustände nicht als Repräsentationen abgebildet sind, hin zu einer zunehmend komplexeren Sicht der inneren Welt, die durch die Fähigkeit gekennzeichnet ist, Gedanken, Gefühle im anderen und in der eigenen Person vorauszusetzen und zu erkennen, dass eine (wenn auch lose) Verbindung zwischen diesen und der Außenwelt besteht (Fonagy 2003). [Die Entwicklung der Mentalisierungsfähigkeit, Post, 19.07.2015, Hervorhebungen von mir]