Donnerstag, 16. November 2006

So vergänglich! oder Was bleibt…

Mitte Oktober des Jahres stellte der tibetische Mönch Lama Jampa Rinpoche im Möbelgeschäft Sam-Nok in der Vahrenwalder Straße ein Sandmandala her. Zehn Tag lang saß er da täglich fünf bis acht Stunden im Kellergeschoß und schüttete mit konzentrierten, doch zugleich leicht wirkenden Bewegungen den knallbunten Sand auf eine mehr als einen Meter im Durchmesser große Vorlage, für deren Erstellung er drei Tage benötigt hatte.

Das Mandala stellt alle sechs Bereiche dar, denen die Lebewesen unterworfen sind:
- den Bereich der Menschen, der Tiere und der Höllenbewohner sowie
- den Bereich der Pretas (der Hungrigen Geister), den der Asuras (der Neidischen Götter oder Titanen) und die Welt der Götter.

Das Ritual des Anfertigens eines Sandmandalas wird nur von ordinierten Mönchen ausgeführt. Das Mandala gilt – je nach Ausführung – als Sitz einer bestimmten buddhistischen Gottheit. Diese personifiziert eine bestimmte Bewußtseinsqualität und wird im Zentrum des Mandalas dargestellt. Um sie herum erkennt man die jeweiligen Schutzgottheiten. Alle zusammen »bewohnen« einen meist quadratischen Palast mit vier Eingängen.

Bevor ich Mark Epstein einen Vergleich zwischen dem westlich-psychoanalytischen und dem buddhistischen Umgang mit dem neurotischen Geist anstellen lasse (Scherf: »Dabei ist das vermeintlich neurotische etwas zutiefst menschliches.«), hier eine köstliche Begebenheit, die er in seinem Buch schildert:


Ein Fehlstart


Als ich anfing, mich für Buddhismus und Psychologie zu interessieren, wurde mir in einer Situation besonders lebhaft demonstriert, wie schwierig es sein würde, eine Integration von beiden zustandezubringen. Einige Freunde von mir hatten im Haus eines Psychologieprofessors ein Zusammentreffen zweier prominenter Buddhisten, die gerade an der Harvard Universität zu Besuch waren, arrangiert. Die beiden Lehrer hatten einander zuvor noch nie getroffen und stammten aus zwei sehr verschiedenen buddhistischen Traditionen. Vor dem Zusammentreffen von Buddhismus und abendländischer Psychologie war die Begegnung dieser verschiedenen Schulen des Buddhismus geplant. Wir sollten Zeugen dieses ersten Dialogs sein.
Die Lehrer, der siebzig Jahre alte Kalu Rinpoche aus Tibet, der jahrelang in völliger Abgeschiedenheit gelebt hatte, und der koreanische Zen–Meister Seung Sahn, der erste, der in den Vereinigten Staaten gelehrt hat, sollten im Interesse der westlichen Studenten ihr jeweiliges Verständnis der Lehren des Buddha vorstellen. Es sollte ein Dharma–Gefecht (Wortwechsel zwischen Menschen, die durch jahrelanges Studium und Meditation ihren Geist trainiert haben. A. d. Ü.) auf hohem Niveau sein, und wir sahen diesem Ereignis mit all der Erwartung entgegen, die solch einem historischen Ereignis gebührt. Die beiden Mönche betraten den Raum in wehenden Gewändern – das des Tibeters war kastanienbraun und gelb, das des Koreaners streng grau und schwarz – und mit einem Gefolge jüngerer, kahlgeschorener Mönche und Übersetzer. Sie setzten sich wie üblich mit gekreuzten Beinen auf die Kissen, und der Gastgeber erklärte, der jüngere Zen-Meister solle beginnen. Der tibetische Lama saß ganz ruhig da, ließ durch die Finger der einen Hand eine Art hölzernen Rosenkranz (Mala) laufen und murmelte »Om mani padme hum«. Der Zen–Meister – er hatte für seine Methode, den Studenten Fragen an den Kopf zu werfen, bis sie ihr Unwissen eingestehen mußten und er dann brüllen konnte: »Bewahrt euch diesen Weiß–nicht–Geist!«, bereits eine gewisse Berühmtheit erlangt – griff tief in seine Gewänder und zog eine Orange heraus. »Was ist das?« fragte er den Lama. »Was ist das?« Das war eine typische erste Frage, und wir spürten, daß er bereit war, sich auf jedwede Antwort zu stürzen.
Der Tibeter blieb ruhig sitzen, ließ seine Mala durch die Finger laufen und machte keinerlei Anstalten zu antworten.
»Was ist das?« beharrte der Zen–Meister auf seiner Frage und hielt dem Tibeter die Orange vor die Nase.
Kalu Rinpoche beugte sich sehr langsam zu dem tibetischen Mönch neben ihm, der als Übersetzer fungierte, und sie flüsterten ein paar Minuten lang miteinander. Schließlich wandte sich der Übersetzer mit den Worten: »Rinpoche sagt: ›Was ist los mit ihm? Gibt es dort, wo er herkommt, keine Orangen?‹« an das Auditorium.
Der Dialog war damit zu Ende.


dann ein Ausschnitt aus dem Kapitel »Das Lebensrad«:

Der wichtigste Punkt ist folgender: Solange Lebewesen von Begierde, Haß und Verblendung – den drei Kräften, die im Kreisinneren als Schwein, Schlange und Hahn dargestellt sind und sich wechselseitig zu verschlingen trachten – getrieben sind, bleiben sie sich ihrer eigenen Buddha–Natur unbewußt; sie wissen nicht um die vergängliche, nicht–wesenhafte und unbefriedigende Natur der Welt und bleiben im Lebensrad gefangen.
Eines der überzeugendsten Momente der buddhistischen Sicht des Leidens ist die im Bild des Lebensrads enthaltene Vorstellung, daß die Ursachen des Leidens zugleich die Mittel zur Erlösung sind; das bedeutet, die Perspektive des Leidenden bestimmt, ob ein gegebener Bereich Medium des Erwachens oder der Gefangenschaft ist. Von den Kräften der Gier, des Ärgers und der Torheit bestimmt, verursacht unsere fehlerhafte Wahrnehmung der Bereiche – nicht die Bereiche selbst – das Leiden. Jeder Bereich enthält eine kleine Buddha–Gestalt (eigentlich handelt es sich um den Bodhisattva des Mitgefühls, dessen Streben darauf gerichtet ist, das Leiden anderer zu beseitigen), die uns auf symbolische Weise lehrt, wie wir die falschen Wahrnehmungen korrigieren können, die jede Dimension verzerren und damit das Leiden perpetuieren. Wir erfahren keinen Bereich in aller Klarheit, lehren die Buddhisten; statt dessen durchleben wir sie alle angsterfüllt; abgeschnitten von der Fülle der Erfahrung, unfähig, sie zu akzeptieren, fürchten wir uns vor dem, was wir zu sehen bekommen. So wie wir den »geschwätzigen Affen« in uns nicht zum Schweigen bringen können, so gleiten wir von einem Bereich in den nächsten, ohne wirklich zu wissen, wo wir uns befinden. Wir sind in unserem Geist befangen, kennen ihn aber nicht wirklich. Von dessen Wellenbewegung angetrieben, treiben wir dahin und mühen uns ab, weil wir nicht gelernt haben, loszulassen und frei zu schweben.
Dies ist die andere Möglichkeit, das Lebensrad zu verstehen, weniger wörtlich als psychologisch. Schließlich ist die Hauptfrage der buddhistischen Praxis die psychologische Frage: »Wer hin ich?« Ihre Beantwortung erfordert die Erkundung aller Daseinsbereiche. Diese verwandeln sich somit in Metaphern für verschiedene psychologische Zustände, wodurch das ganze Rad zur Darstellung des neurotischen Leidens wird.
Dem Buddhismus zufolge ist es unsere Furcht davor, uns unmittelbar selbst zu erfahren, die Leiden schafft. Dies schien mir immer sehr gut zu Freuds Ansichten zu passen. So behauptete Freud, der Patient

muß den Mut erwerben, seine Aufmerksamkeit mit den Erscheinungen der Krankheit zu beschäftigen. Die Krankheit selbst darf ihm nichts Verächtliches mehr sein, vielmehr ein würdiger Gegner werden, ein Stück seines Wesens, das sich auf gute Motive stützt, aus dem es Wertvolles für sein späteres Leben zu holen gilt. Die Versöhnung mit dem Verdrängten, welches sich in den Symptomen äußert, wird so von Anfang an vorbereitet, aber es wird auch eine gewisse Toleranz fürs Kranksein eingeräumt.

Der Glaube, daß Versöhnung zur Erlösung führen kann, ist grundlegend für die buddhistische Vorstellung von den Sechs Bereichen. Wir können nicht zur Erleuchtung gelangen, solange wir unserem neurotischen Geist entfremdet bleiben. Wie Freud so weitblickend bemerkte: »Auf diesem Felde muß der Sieg gewonnen werden, dessen Ausdruck die dauernde Genesung von der Neurose ist, ... denn schließlich kann niemand in absentia oder in effigie erschlagen werden.« In jedem Bereich unserer Erfahrung, lehren die Buddhisten, müssen wir klar sehen lernen. Nur dann läßt sich das Leiden umwandeln, das der Buddha als universell erkannte. Die Erlösung vom Lebensrad, von den Sechs Daseinsbereichen wird traditionell als Nirvana beschrieben und mit dem Pfad symbolisiert, der aus dem Bereich der Menschen hinausführt. Es ist jedoch mittlerweile ein grundlegendes Axiom des buddhistischen Denkens, daß Nirvana Samsara ist – daß es keinen getrennten Bereich des Buddha neben der weltlichen Existenz gibt, daß die Erlösung vom Leiden durch eine veränderte Wahrnehmung gewonnen wird, nicht durch das Überwechseln in ein himmlisches Reich.
Die westliche Psychologie hat viel zur Erhellung der Sechs Bereiche beigetragen. Freud und seine Anhänger deckten die animalische Natur der Leidenschaften auf, die höllische Natur von paranoiden, aggressiven und Angstzuständen sowie die unstillbare Sehnsucht, das orale Verlangen (im Lebensrad sind es die Hungergeister). Spätere Entwicklungen in der Psychotherapie rückten sogar die höheren Bereiche in den Mittelpunkt. Die humanistische Psychotherapie legte den Schwerpunkt auf die »Gipfelerlebnisse« (Maslow) im Bereich der Götter; die Ich–Psychologie, der Behaviorismus und die kognitive Therapie forderten das wettbewerbsfähige und effiziente Ich, das im Buddhismus im Bereich der Neidischen Götter angesiedelt ist; und die Psychologie des Narzißmus behandelte ausdrücklich die für den Bereich der Menschen so wichtigen Fragen der Identität. Jede dieser Richtungen befaßte sich mit der Rückgabe eines fehlenden Stücks menschlicher Erfahrung, eines Moments des neurotischen Geistes, von dem wir uns entfremdet haben.
Das Interesse an der Integration aller Aspekte des Selbst ist grundlegend für die buddhistische Vorstellung von den Sechs Daseinsbereichen. Wir sind nicht nur von diesen Aspekten unseres Charakters entfremdet, behauptet die buddhistische Lehre, sondern auch von unserer eigenen Buddha–Natur, von unserem eigenen erleuchteten Geist. In der Meditation kann man lernen, das ganze Material der Sechs Bereiche zu erschließen und damit alle Punkte, an denen unser Geist haftet.
Bleiben Persönlichkeitsaspekte unverdaut – werden sie abgeschnitten, verleugnet, projiziert, zurückgewiesen, gibt man ihnen distanzlos nach oder werden sie auf andere Weise nicht assimiliert –, dann werden sie zu den Kristallisationspunkten für Begierden, Haß und Verblendung. Es sind schwarze Löcher, die Angst absorbieren und die Abwehrhaltung des isolierten Selbst schaffen, das nicht in der Lage ist, befriedigende Kontakte zu anderen bzw. zur Welt zu knüpfen. Wie Wilhelm Reich in seinem bahnbrechenden Werk über die Charakterbildung zeigte, ist die Persönlichkeit auf diesen Momenten der Selbstentfremdung aufgebaut; das Paradox besteht darin, daß das, was wir für so real halten, unser Selbst, in Reaktion auf das konstruiert wird, was wir nicht anerkennen wollen. Rund um das, was wir verleugnen, spannen wir uns an und erfahren uns selbst durch unsere Spannungen. Ein Patient, der kürzlich bei mir in Therapie war, erkannte beispielsweise, daß er eine Identität aufgebaut hatte, die sich um die Pole Scham, Minderwertigkeit und Zorn drehte. Diese Gefühle wurzelten in der Erfahrung, daß seine Mutter für ihn, als er ein kleines Kind war, emotional nicht verfügbar war. Er hatte ihre Abwesenheit gespürt und Angst bekommen. Doch dieses Gefühl war für seine Psyche zu bedrohlich gewesen, so daß er es statt dessen in ein Bild seiner eigenen Unzulänglichkeit umgewandelt und sich so selbst zum Problem erklärte hatte. Erst als er schon lange erwachsen war und seine Mutter, von einem Schlaganfall gelähmt, nicht auf ihn reagieren konnte, gestand er sich diese Angst endlich ein. Das Gebilde des Selbst ist aus solchen schwarzen Löchern in unserer emotionalen Erfahrung zusammengeheftet. Wenn man sich diese Aspekte, die man verdrängt hatte, bewußt macht, sie akzeptiert, toleriert oder integriert, kann das Selbst eine Einheit bilden; es verschwindet die Notwendigkeit, eine selbstbewußte Fassade aufrechtzuerhalten, und die Kraft des Mitgefühls wird freigesetzt. Erst als mein Patient schließlich imstande war, sich seine eigene Angst vor der emotionalen Nicht–Verfügbarkeit seiner Mutter einzugestehen, konnte er Mitgefühl mit ihren emotionalen Dilemma entwickeln. Seine Scham hatte das vorher verhindert. Mit anderen Worten hat der berühmte Zen–Meister Dogen es so formuliert:
Den Buddhismus studieren, ist das Selbst studieren.
Das Selbst studieren, ist das Selbst vergessen.
Das Selbst vergessen, ist mit anderen eins sein.


Durch die Lehren vom Lebensrad werden wir daran erinnert, daß es nicht genügt, die Hemmungen nur in einem oder zwei der sechs Bereiche aufzudecken; wir müssen es in allen tun. Wer von seinen Leidenschaften abgeschnitten ist, nicht aber von seiner gottähnlichen Natur, ist genauso unausgeglichen und unerträglich wie jemand, der am umgekehrten Szenario leidet. Viele Forschungsrichtungen der westlichen Psychotherapie haben die Leiden in einem besonderen Bereich sehr aufmerksam analysiert, aber keine hat das ganze Lebensrad erforscht. Freud erforschte zum Beispiel den Bereich der Tiere und der Begierde; die Kinderanalytikerin Melanie Klein den Bereich der Höllenwesen voller Ängste und Aggressionen; der britische Psychoanalytiker D. W. Winnicott und der Vater der Psychologie des Selbst, Heinz Kohut, den menschlichen Bereich des Narzißmus, und die humanistischen Psychologen Carl Rogers und Abraham Maslow den Götterbereich der »Gipfelerlebnisse«. Alle diese Ansätze waren hilfreich – ja sogar wesentlich – für die Behandlung je besonderer Punkte, an denen der Neurotiker haftet. Sie sind jedoch in sich beschränkt, weil jeder sich nur auf eine Dimension konzentriert. Bis zu einem gewissen Grad mag jeder Ansatz notwendig sein, doch betrachtet die buddhistische Tradition das ganze Mandala als Reflexion des neurotischen Geistes und fordert daher einen umfassend anwendbaren Ansatz.
Innerhalb des Lebensrads heben die Buddhisten die besondere Chance hervor, die der menschliche Bereich bietet. Nur hier führt der Weg zur Befreiung. Aus diesem Bereich geht die wesentliche Meditationstechnik, die des reinen Gewahrseins, hervor; diese Strategie unterstützt die meisten Therapien, die für die anderen Bereiche entwickelt wurden. Der menschliche Bereich beeinflußt alle anderen: Er ist das Kernstück oder die Nabe des Rades, die Domäne des von seinem eigenen Spiegelbild eingenommenen Narziß auf der Suche nach sich selbst.

aus Mark Epstein, Gedanken ohne den Denker




Am 25. Oktober wurde der Sand zusammengestrichen und dem Wasser – sprich: dem Mittellandkanal – übergeben. Vielleicht würde es uns ein Stück besser gehen, wenn wir alle regelmäßig Sandmandalas anfertigen und sie wieder zusammenstreichen würden.

(Die Bilder sind von der Photographin Uta Focke aus Bredenbeck)
Lama Jampa Rinpoche ist Lama in der dritten Reinkarnation und ausgebildet in tibetischer Medizin, Astrologie und Schamanismus. (Das ist übrigens ganz interessant: Genauso wie das Christentum heidnische Aspekte integriert hat, integrierte der Buddhismus die schamanistischen Aspekte aus dem Bön, der vor dem Buddhismus in Tibet heimisch war und von diesem verdrängt wurde. Dabei gingen die Buddhisten auch nicht so gewaltlos vor, wie sie das heute gerne propagieren. Jede Religion hatte auch mal Kinderschuhe. Die Jungen unter uns werden in fünzig Jahren mal die Äußerungen der Chinesen über die Tibeter mit den Äußerungen der Amis über die Indianer vergleichen können. Heute gilt der Bön als eine Richtung des Buddhismus, ähnlich wie der Katholizismus eine christliche Richtung ist.)


Hier gehts zur Homepage von Lharampa Geshe (entsprechend unserem Dr. phil.) Gendun Yonten, der Lama Jampa hier in Hannover betreut und für ihn übersetzt: www.openyourlife.de

Diese beiden Links geben mehr Informationen zu Sandmandalas:
bei sino-liedtke.de und bei shedrupling.at


zu Kalu Rinpoche:
- Buddhistische Autoritäten und ihre »Geistesgifte« (Post, 03.08.2013)

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