Montag, 17. März 2008

„Atomstrom ist nicht nur gefährlich – wir brauchen ihn nicht"

Interview mit dem Energiesprecher des BUND, Dr. Werner Neumann

Wir haben dem Energiesprecher des BUND, Dr. Werner Neumann, Fragen zur aktuellen Energiepolitik gestellt.

• Vielfach wird gesagt, der Strom aus alten abgeschriebenen Atomkraftwerken sei billig. Da kann man doch nichts dagegen haben, oder?

Neumann: Wenn Atomstrom keine großen Gefahren beim Betrieb oder beim Atommüll aufweisen würde, ware dies alles kein Problem Es besteht aber ein hohes Risiko, dass bei einer Kernschmelze mit Freisetzung von Radioaktivität Haus, Hof und Gesundheit zerstört werden und die Atomwirtschaft noch nicht mal den Schaden trägt.
Schauen Sie mal in die Unterlagen Ihrer Hausratsversicherung. Dort sind alle Schäden durch Kernenergie ausdrücklich ausgeschlossen. Und die vorgeschriebene Deckungsvorsorge für Atomkraftwerke dürfte maximal wenige Promille des Gesamtschadens betragen.
Der Versicherungsexperte der Münchner Rück, Klaus Ben hat einmal auf die Frage zur Versicherbarkeit von Atomanlagen gesagt: „Der Schaden kann nicht abgeschätzt werden, wir können und werden dies nicht versichern können.“ So gesehen dürfte man Atomkraftwerke im Grund genommen gar nicht betreiben – alle anderen Stromerzeuger habe, eine Haftpflichtversicherung, Atomenergie nicht.

• Die Atomindustrie sagt, das Endlagerproblem ist gelöst, man müsste Gorleben nur in Betrieb nehmen.
Dr. Werner Neumann

Tatsächlich ist das Endlagerproblem in keiner Weise gelöst. Viele Menschen glauben, in Gorleben wäre der Atommüll schon im Salzstock eingelagert, tatsächlich lagert dieser nur in der oberirdischen Halle. Grund ist ja, dass es begründete Zweifel gibt, ob der Salzstock von Gorleben langfristige Sicherheitskriterien erfüllt.

• Mit der Klimaargumentation der Atomindustrie sind Sie auch nicht einverstanden. Warum?

In Biblis A und B wurden in den letzten Jahren über 1 Milliarde Euro für Nachrüstungen investiert. Beide Blöcke produzieren zusammen 15 Milliarden Kilowattstunden im Jahr. Die gleiche Strommenge könnte man kostengünstiger wegsparen. Beispielsweise kosten 100 Millionen Steckerleisten zum Abschalten von Stand-By etwa 500 Millionen Euro und sparen 10 Milliarden Kilowattstunden Strom. 20 Mio. sparsame Heizungspumpen haben Mehrkosten von S Milliarden Euro, sparen im Jahr 1 Milliarde Euro Stromkosten und sparen 5 Milliarden Kilowattstunden im Jahr. Das zeigt: Effiziente Stromanwendung ist dem Atomstrom meilenweit überlegen.

• Als „Brückenenergie“ für den Weg zu den erneuerbaren Energien könnten Sie die Atomenergie doch wenigstens akzeptieren …

Wozu braucht es eine wackelige Brücke, wenn man den direkten Weg zu den erneuerbaren Energien wählen kann.
Schauen Sie, vor 10 bis 15 Jahren waren die erneuerbaren Energien noch in den Kinderschuhen. Die Stromwirtschaft hat noch Anfang der 90er Jahre Anzeigen geschaltet mit dem Text: „Denn regenerative Energien wie Sonne, Wasser und Wind können auch langfristig nicht mehr als vier Prozent unseres Strombedarfs decken.*
Heute decken erneuerbare Energien 15 Prozent unseres Stromverbrauchs, wir gehen auf 20 bis 30 Prozent zu und bald darauf sind auch 100 Prozent möglich. Zudem wird Strom aus erneuerbaren Energien immer preisgünstiger – Windstrom kostet nur halb soviel wie vor 10 Jahren.

• Aber mit der Windenergie haben die Umweltverbände doch Probleme?

Nein, der BUND und alle anderen Naturschutzverbände im Deutschen Naturschutzring haben sich für die Erzeugung von Strom aus Windenergie ausgesprochen. Wenn für den Naturschutz wichtige Bereiche ausgespart bleiben, ist noch reichlich Platz, dass allein Windstrom 30 Prozent unseres Strombedarfs decken kann.
Es hat sich gezeigt, dass die immer unterstellten Schäden durch Vogelschlag sehr gering sind. Probleme gibt es nur bei speziellen Vogelarten, wie Rotmilan und Seeadlern, und dies nur an besonderen Orten. Bei www.wind-ist-kraft.de kann man sich genauer informieren, wie Naturschutz und Windenergie in Einklang kommen können.

• Wann soll das Atomkraftwerk Biblis stillgelegt werden?

Sofort! Ein weiterer Betrieb ist nicht zu verantworten. Die Gefahr, dass mit einer Kernschmelze das Rhein-Main-Gebiet praktisch für immer unbewohnbar wird, ist zu groß.

• Es werden bundesweit über 20 Kohlekraftwerke geplant – der BUND ist nun auch gegen diese?

Richtig. Neue Kohlekraftwerke, durch die nach Berechnungen des BUND die CO2-Emissionen bundesweit noch um über 100 Millionen Tonnen im Jahr steigen würden, sind keine Alternative für alte gefährliche Atomkraftwerke. Eigentlich wäre die Umgestaltung unserer Energieversorgung einfach. Der forcierte Ausbau erneuerbarer Energien kann den Strom aus gefährlichen Atom- und schmutzigen Kohlekraftwerken leicht ersetzen.

• Was ist eigentlich Kraft-Wärme-Kopplung?

Es ist ein Fremdwort für die Betreiber von Atomkraftwerken, denn dort und auch bei vielen großen Kohlekraftwerken – werden ca. zwei Drittel der eingesetzten Energie ungenutzt als Abwärme über Kühltürme oder in Flüsse abgeleitet. Das ist schlicht Energieverschwendung und schafft Umweltprobleme.
Kleinere Heizkraftwerke in Stadtteilen, in Krankenhäusern, Bürogebäuden, Schulen, Industrie und Gewerbe können vor Ort Strom produzieren und die entstehende Wärme wird gleichzeitig genutzt. Solche Anlagen gibt es in allen Größenordnungen, sogar für Haushalte. Sie können mit Erdgas, Biogas, Pflanzenöl, größere auch mit Holz betrieben werden.

* Anzeige 33/93 Badenwerk, Bayernwerk, Preußen-Elektra u. a. Infoservice STROM



• Atomausstieg selber machen

Führende Umweltverbände, Verbraucherschutzorganisationen und Anti-Atom-Initiativen rufen die atomkritische Mehrheit in Deutschland auf, ihre Vertragsbeziehungen zu den Atomstromproduzenten zu beenden und massenhaft zu Ökostromern zu wechseln. Private Haushalte, Gewerbe und Unternehmen sollen so gegen die einseitige Aufkündigung des so genannten Atomkonsenses durch den Essener Stromriesen RWE und die anderen drei Atomstromproduzenten EON, Vattenfall und Energie Baden-Württemberg (EnBW) vorgehen. Zu den Organisationen, die zusammen mehrere Millionen Mitglieder repräsentieren, gehört auch die IPPNW.

Über eine eigens eingerichtete Homepage (www.atomausstieg-selber-machen.de), aber auch durch direkte Ansprache werden jene rund zwei Drittel der Bevölkerung angesprochen und informiert, die nach jüngsten Umfragen der Atomenergie ablehnend gegenüberstehen, bisher daraus aber noch nicht die Konsequenz eines Stromanbieterwechsels gezogen haben. „Erteilen Sie dem Wortbruch der Konzerne mit der Aufkündigung Ihrer Vertragsbeziehungen eine angemessene Antwort. Es kostet Sie fünf Minuten“, heißt es in dem Aufruf der Verbände und Organisationen

aus der Aktionszeitung »Biblis angeklagt«, herausgegeben von der deutschen Sektion der IPPNW, Ärzte in sozialer Verantwortung e.V., dem BUND Landesverband Hessen e.V. und der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien e.V. (EUROSOLAR)

siehe auch Atomkraftgegner bei Wikipedia

Keine Kommentare:

Kommentar posten