Donnerstag, 3. Juli 2008

Die 68er – Aufbegehren gegen starre Strukturen

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Von Irene Dänzer-Vanotti

Die 6oer-Jahre des 20. Jahrhunderts sind in der Bundesrepublik und Europa insgesamt von Bestrebungen zur Befreiung der Menschen aus erzwungenen Konstellationen und Beziehungen gekennzeichnet. Allerdings steht jedem Versuch politischer Veränderung der rigide Antikommunismus der Konservativen, ja wahrscheinlich der Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung entgegen.

1960 beginnt die Ostermarschbewegung mit Demonstrationen gegen Wiederbewaffnung und Krieg. Diese Bewegung wird die Wurzel der Friedensbewegung und der ökologischen Bewegung der späten 70er- und 80er-Jahre. An Ostern 1962 etwa nehmen 50 000 Menschen an den Demonstrationen teil.

1961 kommt zum ersten Mal die Pille auf den Markt. Sie ermöglicht freie Sexualität und damit ein bisher in der Geschichte ungekanntes Selbstbewusstsein der Frau. Zur Emanzipation der Frauen tragen natürlich auch andere Faktoren bei – bessere Ausbildung, Möglichkeiten wirtschaftlicher Unabhängigkeit –,aber die Pille ist ein entscheidender Faktor. Die Hippie-Bewegung Ende der 6oer-Jahre wäre ohne das einigermaßen sichere Verhütungsmittel nicht möglich gewesen.

1962 nimmt die Polizei in München zwei Straßenmusikanten fest, weil ihr Gesang »ruhestörend« sei. Es kommt daraufhin in Schwabing mehrere Tage lang zu Straßenkrawallen.

1962, der Vietnamkrieg ist während der gesamten 60er-Jahre Hintergrund der verschiedenen Bewegungen, die für den Frieden eintreten (Make love not war) und sich kritisch mit der Rolle der USA auseinandersetzen. Vor allem an den amerikanischen Universitäten – Berkeley in Kalifornien ist das Zentrum – sind Friedens- und Protestbewegung verknüpft. Aber natürlich auch in Deutschland. Die USA, die in der Nachkriegszeit als die Kaugummi und Carepakete spendenden Retter betrachtet wurden, werden jetzt in der Rolle der Unterdrücker und Kriegstreiber wahrgenommen.

An den deutschen Universitäten beginnen sich Studenten in den frühen 60er-Jahren gegen die Allmacht der Professoren aufzulehnen und demokratische Strukturen zu fordern. Bei allen Protesten spielte der körperliche Einsatz (Sit-in, Blockaden, Märsche etc.) eine große Rolle.

In dieser Zeit tragen Studenten erstmals keine Krawatten an der Uni und duzen einander.

Spezifisch für die deutsche 8ewegung ist die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Zwei Ereignisse fachen die Debatten an:

1965 endet in Frankfurt der Auschwitz-Prozess mit sechs lebenslangen, elf Zeitstrafen und drei Freisprüchen. Der Prozess führt den Deutschen – vielleicht zum ersten Mal – im Detail vor Augen, welche Verbrechen Deutsche in der Uniiforrn der Nationalsozialisten begingen.

1967 erscheint das Buch »Die Unfähigkeit zu trauern« von Margarete und Alexander Mitscherlich. Schon der Titel wird legendär. Er trägt dazu bei, dass die junge Generation ihre Väter und Mütter nach ihrer Geschichte in Krieg und Diktatur fragt. – Ein Teil der Wucht und der Wut, die die 68er-Bewegung in Deutschland hatte, sind nur in dem Zusammenhang zu verstehen.

Demonstranten im Strahl der Wasserwerfer: Ostermarsch in Berlin, 1968
Wucht und Wut verschafften sich auch in der Kultur Raum: Als einen weiteren Zündfunken für die Bewegung sehen viele das Konzert der Rolling Stones am 15. September 1965 auf der Berliner Waldbühne. Kaum war »Satisfaction« erklungen, tobte die Menge und schlug alles kurz und klein. Es folgten mehrstündige Straßenschlachten.

Vier Tage später wird Ludwig Erhard zum Bundeskanzler gewählt: Die Mehrheit der Deutschen ist also freundlich-demokratisch, aber auch bieder und brav.

Es kommt zur Großen Koalition.

Die Koalition beschließt die Notstandsgesetze. Eine Verfassungsänderung, die sagt: Im Fall eines Angriffs oder einer anderen außergewöhnlichen Situation kann das Grundgesetz außer Kraft gesetzt werden. Dagegen protestieren (vor allem) Studenten in ganz Deutschland. In vielen Städten werden die Proteste mit der Ablehnung lokaler Entscheidungen (etwa Erhöhung der Straßenbahntarife) verknüpft. Die Stimmung des Kritisierens hat Raum gegriffen. Von jetzt an wird nicht mehr einfach akzeptiert, was die Autoritäten im Staat – ob das Minister, Kanzler, Professoren, Lehrer oder Ärzte sind – entscheiden.

Im Dezember 1966 ruft Rudi Dutschke zur Gründung der APO, der Außerparlamentarischen Opposition, auf.

Suche nach neuen Lebensformen: Rainer Langhans und Uschi Obermaier

1967 ist Deutschland das zentrale Jahr des Aufstands. Es beginnt damit, dass am 1. Januar Rainer Langhans, Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann und andere die »Kommune 1« gründen. Damit finden die Suche nach neuen Lebensformen und die neue Macht der freien Sexualität einen Ort und einen Namen.


Politisch ist das entscheidende Datum für die ganze Bewegung der 2. Juni 1967. Der Schah von Persien und seine Frau Farah Diba besuchen Berlin. Berliner demonstrieren gegen den Schah. Am Rande der Demo erschießt ein Polizist aus der Nähe den Studenten Benno Ohnesorg. Der Polizist wird später freigesprochen und bleibt bis in die 1980er-Jahre im Amt. Ein Kommando der Roten Armee Fraktion – RAF– nennt sich nach diesem Tag.

Ikonen des politischen Widerstands: Rudi Dutschke und Fritz Teufel

Jetzt wird Rudi Dutschke endgültig der Anführer der Revolte.


»Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren«: dieser Spruch entsteht 1967. Zwei Hamburger Jura-Studenten schreiben ihn auf ein Spruchband, das sie bei einer feierlichen Rektoratsübergabe entrollen. Sie treffen damit den Nerv der Zeit.

1968, am 11. April – Gründonnerstag – verübt der Arbeiter Josef Bachmann auf offener Straße ein Attentat auf Rudi Dutschke. Es folgen gewaltsame Proteste während des Osterfestes in verschiedenen deutschen Städten.

Sigrid Rüger vom SDS wirft ihrem Kollegen Hans-Jürgen Krahl eine Tomate ins Gesicht. Die Frauen des SDS proben den Aufstand gegen die »sozialistischen Eminenzen mit den bürgerlichen Schwänzen«.

Der SDS wurde 1970 aufgelöst, nachdem der frühere Vorsitzende Hans-Jürgen Krahl bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Eine neue Form der Auflehnung gegen herrschende Machtverhältnisse sind die Besetzungen von Häusern. In den meisten Universitätsstädten wird leer stehender Wohnraum besetzt. Berühmt wird die Besetzer-Szene von Frankfurt. Joschka Fischer gehörte dazu.

Love-and-Peace-Ära: Das legendäre Rock-Festival von Woodstock

1969 feiert die Popmusik ein Fest, das zur Legende werden soll: Woodstock. Auch hier mischen sich freie Liebe, Sexualität, Rausch und Auflehnung gegen die USA (Jimi Hendrix spielt eine entfremdete Version der US-Nationalhymne, die im Klang das Verbrechen von Vietnam laut werden lässt). •



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aus Publik-Forum Nr. 12•2008

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