Dienstag, 29. September 2009

Der Handstand

Fast täglich erreichen uns schlimme Nachrichten aus Schulen und Schulstuben: hier ein jugendlicher Amokschütze, der blindwütig und wahllos auf Mitschülerlnnnen und Lehrpersonen schiesst und unsägliches Leid bereitet, dort ein Messerstecher, der scheinbar grundlos auf seinen Sitznachbarn einsticht und ihn lebensgefährlich versetzt.

Wenn man noch vor einiger Zeit davon ausgehen konnte, dass diese Dinge im fernen Amerika geschehen (im Land der „unbegrenzten Möglichkeiten“), so hat sich das geändert. Schauplatz dieser Schuldramen ist heute auch Europa, ja sogar die Schweiz, – Was ist mit unseren Schulen, was ist mit unseren Kindern los?

Da wäre zuerst einmal zu fragen: ist die Schule nicht immer und überall ein Spiegelbild unserer Gesellschaft? Weshalb sollten Schüler friedlicher sein als die Erwachsenenwelt, in der sie gross werden? Die moderne Leistungsgesellschaft fordert ihre Opfer, der allgegenwärtige Wettbewerb und Verdrängungskampf hinterlässt Spuren.

Nun gibt es in unserem Land offenbar bereits Schulen, in denen gute Schülerleistungen mit Geld honoriert werden. Wer an einer Prüfung gut abschneidet, erhält ein Geldgeschenk, einen „Bonus“ müsste man wohl heute sagen. Mit Verlaub: Das kann doch nicht der richtige Weg sein, die Schule als Bildungsanstalt zu retten … Und was geschieht mit denen – wohl mit der Mehrzahl –, die nie zu den Besten gehören, die trotz Fleiss und Anstrengung keine finanzielle Prämie erhalten? Wie gehen sie mit dieser Frustration um, wie verkraften sie eine kontinuierliche Zurücksetzung?

Zum Glück funktionieren heute die meisten Schulen nicht mehr ausschliesslich defizitorientiert. Man hackt nicht einfach bloss auf den Schwächen der Kinder herum, verlangt nicht ausschliesslich ausgerechnet das von ihnen, was sie (noch) nicht können. Vielmehr versucht man dort einzusetzen, wo Ressourcen vorhanden sind, und seien diese auch nur bescheiden. Denn Kinder brauchen Erfolgserlebnisse, Anerkennung; sie müssen spüren, dass sie an- und aufgenommen werden, wie sie eben sind. Das gilt für die Schule und das Elternhaus. Übrigens: Haben nicht auch wir Erwachsene das gleiche Bedürfnis? Brauchen nicht auch wir es, dass uns ab und zu jemand „rühmt“, uns Anerkennung ausspricht?

Die Berner Autorin Maja Beutler hat als reife Frau von ihren Schulerlebnissen geschrieben. Eigentlich denke sie nur an einen Lehrer gerne zurück, und zwar an denjenigen, der seine Kinder am ersten Schultag der dritten Klasse gefragt habe, was jedes von ihnen besonders gut könne. Und wenn ein Kind dann in einer Probe versagt hatte, durfte es anschliessend der ganzen Klasse zeigen, was es besser konnte als die anderen. Und da war der Ernst, der schulisch kaum auf einen grünen Zweig kam, dafür aber den Handstand perfekt beherrschte. Und diesen durfte er fast jeden Morgen der Klasse vordemonstrieren, denn der Lehrer fand, es gehöre sich, dass man einander mit Achtung begegne für das, was man könne.

Bietet die heutige Schule jedem Kind die Möglichkeit, ab und zu einen stolzen Handstand zu drücken?

Christian Bärtschi


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