Donnerstag, 16. Juni 2016

Ruhrpott-Alltag in den Achtzigern "Wo bleibt denn da die Freude?"

Krabbelnde Striptease-Tänzerinnen und dösende Bierleichen, schrille Michael-Jackson-Imitatoren und Rollschuh fahrende Rentner: Der Fotograf Reinhard Krause hat in den Achtzigerjahren den Ruhrpott porträtiert. Seine hinreißenden Bilder zeigen die Tristesse und die Komik einer vom Wirtschaftssterben gezeichneten Region.
Gute Reportagen, gute journalistische Fotos entstehen, wenn man einem Thema sehr nahe kommen kann. Wenn man sich aber mit seinem direkten Lebensumfeld beschäftigt, kann es besonders schwer werden: Die nötige Distanz fehlt. In den achtziger Jahren habe ich es im Ruhrgebiet versucht, wo ich aufgewachsen bin und 30 Jahre lang gelebt habe. Ständig und überall habe ich fotografiert.

Fotografie bietet die Möglichkeit, den eigenen Alltag, die Straßenbahn vorm Haus und die Bushaltestelle um die Ecke oder den Discobesuch am Wochenende neu zu entdecken. Mit der Kamera kann man in unbekannte Gefilde vorstoßen, fremde Orte in der Nachbarschaft entdecken. Wie sonst hätte man die Möglichkeit, als Nicht-Tänzer das Training des Bayerischen Gebirgstrachtenvereins "Edelweiß" in Duisburg zu besuchen?

Genug Geld konnte ich damit aber nicht verdienen, abgesehen von einer Geschichte über den "Herrenkarneval", die als Titelgeschichte im "Stern" landete, druckten nur die "taz" und die "Zeit" gelegentlich Bilder von mir. Meinen Lebensunterhalt verdiente ich damals als Fotograf bei der Messe Essen und später bei einem Projekt mit arbeitslosen Jugendlichen in Essen-Katernberg. Fotografiert habe ich aber trotzdem weiter alles, was mir in meinem Alltag und in der Freizeit interessant erschien. Im Jahr 1989 verließ ich das Ruhrgebiet, um für die Nachrichtenagentur Reuters zu arbeiten, heute bin ich Chef des Reuters-Bilderdienstes in China.

mehr:
- Alltag in den Achtzigern – "Wo bleibt denn da die Freude?" (SPON, 08.10.2007)

Die Stählerne Zeit [1:39:31]

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Dokumentation über die Industrialisierung [43:11]

Veröffentlicht am 23.02.2016
Eine Dokumentation über den sogenannten Stahlkrieg.

Wie der Himmel über der Ruhr wieder blau wurde (Doku) [43:30]

Veröffentlicht am 08.01.2014
"Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden!" fordert Willy Brandt auch im Wahlkampf 1961 und liefert den sich wehrenden Bürgern die Parole. Ein Umdenken hatte begonnen, und am 10. April 1962 verabschiedetet der Landtag einstimmig das "Landesimmissionsschutzgesetz" - das erste Landesgesetz zur Reinhaltung der Luft in der Bundesrepublik. Zwei Jahre später wurden erstmals Höchstwerte für Immissionen festgelegt. Die Industrie sah sich gezwungen, Filter einzubauen. Der Himmel über der Ruhr wurde tatsächlich wieder klarer - doch richtig blau wurde er erst, als immer mehr Betriebe schließen mussten.
Dass die Wäsche schwarz wird, wenn man sie raushängt zum Trocknen, dass man abends von den Hälsen der Kinder einen schwarzen Belag abrubbeln kann, dass die Sonne im Sommer nicht mehr richtig durchkommt - daran waren die Bewohner des Ruhrgebietes gewöhnt. "Richtig durchatmen konnte man hier eigentlich nie", erinnert sich Anne Weinberg. "Aber ich habe gedacht, das müsste so sein."

Luftverschmutzung im Ruhrgebiet: Lange verdunkelte der braune Rauch den Himmel über dem Ruhrgebiet. Bürgervereine in Duisburg und Essen begannen schon Ende der 50er Jahre sich gegen den Dreck aus den Hütten zu wehren.

Seit im 19. Jahrhundert hier das größte Industriegebiet Europas entstanden war, lebten die Menschen zwischen Duisburg und Dortmund, Hattingen und Oer-Erkenschwick mit Staub, Ruß, Ascheregen und Gestank. Eine Klage hatte keinen Sinn, weil ein Paragraph aus der alten Gewerbeordnung den Dreck, der aus den Schloten kam, als "ortsüblich" und damit hinnehmbar definierte. Nach dem Krieg waren die Menschen auch erst einmal dankbar dafür, dass die Schornsteine wieder rauchten und sie Arbeit hatten. Man arrangierte sich, fuhr am Wochenende ins Grüne und putzte eben, wenn Besuch kam, schnell noch einmal die ewig dreckigen Fenster.Doch weil der Dunst immer dichter und immer unerträglicher wurde, wehrten sie sich. In Oer-Erkenschwick sorgte der Betriebsrat der Zeche dafür, dass sich Kreistags- und Landtagspolitiker mit den über Nacht entlaubten Bäumen im Ort beschäftigen mussten. Sein Neffe, Harald Winter, erzählt, wie die Werksleitung reagierte: "Sie sagten: 'Wir entschädigen die Leute und dafür, Betriebsrat, hängst du das nicht mehr an die große Glocke.' Aber das hat mein Onkel abgelehnt und gesagt: ,Nein, wir werden das weiter verfolgen.'" In Duisburg schließen sich Bürgervereine zusammen und fordern den Einbau von Filtern, denn hier war die Luftverschmutzung besonders schlimm. "Zur damaligen Zeit gab es einen Schlager, der Refrain begann: 'Ich schau den weißen Wolken nach und fange an zu träumen'", erinnert sich Hermann Fengels. "Da habe ich dann immer gesungen: 'Ich schau den braunen Wolken nach und fange an zu weinen'."Einige Städte schließen sich zusammen und lassen ihre Kinder und die Luft, die sie atmen müssen, untersuchen. Die Ergebnisse sind alarmierend: Oberhausener Kinder haben doppelt so oft Rachitis wie Kinder vom Lande. "Ich bin dann für 6 Wochen nach Borkum gekommen," erzählt Anne Weinberg, die immer kränklich war. "Das hat wirklich geholfen."
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