Freitag, 27. September 2019

"Die Unkundigen": Lieblinge politischer Rhetorik

Wie in einer groß angelegten Versuchsreihe zeigt man in Österreich, dass im Wählerreservoir der politisch Unkundigen effizient "Wahlfang" betrieben werden kann. Im laufenden Wahlkampffinale werden mit rhetorischen Schleppnetzen gesamte Sinusmilieus leergefischt

Wenn an die Stelle des Inhalts politische Leerformeln treten, führt dies zu einer nicht unerheblichen diskursiven Irritation. Sobald jedoch öffentlich praktizierte politische Inhaltlosigkeit, anstatt konsequenzlos zu bleiben, von großen Teilen der Bevölkerung akzeptiert wird, dann potenziert sich ein Vorkommnis vom Problem zur politischen Gefahr.

Die treibende Kraft der Sprachgewalt

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Das Glauben-Erwecken war und ist das primäre wirkungspsychologische Ziel der Rhetorik. Wahrheit stellt demzufolge kein notwendiges Element, Wahrhaftigkeit keine Kategorie des rhetorischen Sprachprozesses dar. Im Vordergrund der Beherrschung des Wortes steht jenes sprachliche Vermögen, das zwischen Kunst und Fertigkeit, zwischen Denken und Sprachhandwerk oszilliert. Da für den Rhetor nicht die Verpflichtung zur Wahrheit, sondern der Zweck dominiert, bleibt Wahrhaftigkeit nur ein Beiwerk der Beredsamkeit, eine Art positiver Zierrat.

Die treibende Kraft der Sprachgewalt ist nicht inhaltlicher Natur, sondern jene Technik, mit welcher die Überzeugung des Gegenübers übersprungen werden kann, um geradewegs dessen Überredung anzupeilen.

Glaubhaftmachen oder die Illusion von Erkenntnis

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Da die Rhetorik – einer Kritik Platons zufolge – als Kunstfertigkeit der Überredung ihre Bedeutung "in der Seelenführung" sucht und "Glauben ohne Wissen hervorbringt", scheinen nur wenige politische Redner am Erkenntnisgewinn oder an innewohnenden Wahrheiten interessiert zu sein. Ihr Ziel bleibt das Glauben-Erwecken und Glauben-Finden innerhalb gesellschaftlicher Mehrheiten. "Kunstgriffe der Überredung" werden demzufolge angewendet, um das Unterwerfen des Inhalts unter den Primat des Effekts zu bewirken. Denn das Glaubhaftmachen ist nur eine erzeugte Illusion von Erkenntnis, die auf Mechanismen der Überredung gründet; oftmals tritt sie sogar im metaphorischen Kleid argumentativer Überzeugung auf.
mehr:
- "Die Unkundigen": Lieblinge politischer Rhetorik (Paul Sailer-Wasits, Telepolis, 27.09.2019)
siehe auch:
Der Jemenkrieg und die Medien (Post, 25.09.2019)
Was stört den Westen an Russland? – Über Denkverbote und Blinde Flecken (Post, 20.09.2019)
Public Relations - Manipulation der Masse | Doku | ARTE (Post, 09.09.2019)
transatlantischen Beeinflussungs-Gesellschaften – Materialsammlung (Post, 06.09.2019)
Was die Medien im Konflikt zwischen den USA und Iran übersehen (Post, 31.05.2019)
Das transatlantische Narrativ und die Meinungsfreiheit: Da prallen Welten aufeinander (Post, 27.05.2019)
„Wie werden Meinung und Demokratie gesteuert“ (Post, 31.05.2017)
Putin, Trump, Geheimdienste, ein Pipi-Video – und die Medien spielen mit! (Post, 12.01.2017)
Völkerrechtsverletzungen und das Narrativ deutscher Medienberichterstattung (21.12.2014)
Medien: intellektuelle Korrumpierbarkeit in Konfliktzeiten (Post, 31.12.2002)

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