Sonntag, 11. Mai 2014

Ukraine 9 – Wider die veröffentlichte Meinung

Auffällig an der Medienberichterstattung über die Ukraine-Krise ist, 

1. daß kein einziges der deutschen (Qualitäts?-) Leitmedien (ARD, ZDF, SPIEGEL, ZEIT, STERN, FAZ, taz)
- die Expansionspolitik der USA, der NATO und der EU in den vergangenen Jahren,
- das EU-Assoziierungs-Abkommen mit der Ukraine,
- die Präsenz von EU-Politikern, US-Nachrichtendienstlern oder US-Söldnern in der Ukraine,
- die faschistoide Ausrichtung vieler Polit-/Wirtschafts-Oligarchen der Ukraine, mit denen sich die westliche Politik gemein gemacht hat,
- die Versuche der ukrainischen Regierungen der letzten Jahre, die Verwendung der russischen Sprache in der Ukraine zurückzudrängen
- das stereotype Beschuldigen Putins oder
- die aggressiven Äußerungen des NATO-Generalsekretär Rasmussen oder von US-Regierungsvertretern
in Frage gestellt hat;
Nun schauen Sie sich Anders Fogh Rasmussen an. Dieser Mann hat scheinbar vergessen, dass er nur Generalsekretär ist. Er war ja selbst an der Entstehung des Strategischen Konzepts der NATO 2010 beteiligt. Und das sieht vor, mit Russland zu kooperieren. Und was passiert? Rasmussen heizte nach meinem Verständnis die Krise verbal ständig weiter an, ruft zur Stärkung der Verteidigungsbereitschaft auf, äußert sich zu Truppenverlegungen ins Baltikum. Der müsste eigentlich deeskalieren und tut das Gegenteil. Deswegen fragten sich erfahrene Köpfe wie Egon Bahr, warum diesen Mann eigentlich niemand zurückpfeift. Rasmussen kommuniziert teilweise wie ein militärischer Oberkommandierender, der er nicht ist! Und die Medien greifen das auf, statt es zu kritisieren. (Ukraine-Berichterstattung: Programmbeschwerde beim Rundfunkrat, Kommunikationswissenschaftler Stefan Slaby im Interview, Hintergrund, 06.02.2016)

Ich nehme mir die Freiheit, auch das Video der Rede eines Rechtsaußen-Politikers (Karl Richter, Bürgerinitiative Ausländerstopp) einzubetten: 
Erste Politiker erkennen Merkels Steuerung der Gewalt in der Ukraine [3:57]

Veröffentlicht am 04.03.2014
BIA-Stadtrat Karl Richter weißt auf die erhebliche Verantwortung westlicher
Politiker und Parteien für die Eskalation in der Ukraine hin und forderten
dazu auf, die Einmischung unverzüglich zu stoppen.

Besonders perfide, so Richter, sei es, daß bundesdeutsche Parteien in der
Ukraine mit „faschistischen Banden" zusammenarbeiteten, während sie in der
Bundesrepublik gleichzeitig versuchten, die NPD zu verbieten.

 2. die »gleichgeschaltet« wirkende Verwendung der Begriffe
- Annexion
- pro-russische Separatisten
- OSZE-Beobachter/OSZE-Mission oder
- die Anweisung, den Begriff »Referendum« in Anführungszeichen zu setzen oder mit dem Zusatz »illegal« oder »sogenannt« zu versehen (Niemand wagt es, laut zu protestieren Junge Welt, 15.05.2014);

3. der fehlende Versuch, das Handeln Putins aus einer russischen, empathischen Sicht oder dem Blick auf die (jüngere oder ältere) Geschichte verstehen zu wollen, verbunden mit der abwertenden Reaktion auf solche Versuche, sowie der Versuch, »Russland-Versteher« des Antiamerikanismus zu bezichtigen und ihnen zu unterstellen, sie stünden den Handlungsweisen Putins kritiklos gegenüber oder sie wollten zurück in die Verhältnisse des Kalten Krieges;


Matthias Platzeck (»In aller Öffentlichkeit was Positives über Rußland zu sagen, das ist ja heute schon fast verboten.«) und Jens Weißflog:
Sich über Russland positiv zu äußern in Deutschland... ist heldenhaft! [1:45]

Veröffentlicht am 14.01.2015
Quelle:
Deutschland+Russland
Verbreitet das Video und erzählt es euren Mitmenschen!
Schaut in meine Playlists zu den verschiedenen Themen und guckt euch die Videos vom ältesten zum neuesten an, um alle Sachverhalte zu verstehen https://www.youtube.com/channel/UCzaQ...
Noch eine Sache zu den Bewertungen: Bitte bewertet die Videos nicht danach, ob ihr den Inhalt verabscheut oder ablehnt, sondern danach ob ihr das Video für informativ haltet und ob ihr weiterhin über solche Sachen informiert werden wollt.
Beispiel: Es wird ein Video gezeigt auf dem bewiesen wird wie ukrainische Nazis die Zivilbevölkerung töten. Das man das nicht gut findet und verabscheut ist schon klar, aber wenn man es dann negativ bewertet, gelangt das Video nie an die breite Öffentlichkeit, aber das ist das Ziel! Positive Bewertung abzugeben ist ganz wichtig!
Übrigens: Das Datum was vor den Videos steht muss nicht unbedingt stimmen. Ich habe es soweit wie möglich versucht korrekt zu halten, aber es manchmal auch nicht herausgefunden und dann das zuletzt gefundene Hochladedatum genommen. Wenn einer das korrekte Datum kennt, bitte melden, dann werde ich es korrigieren.

4. das (selbst-) kritiklose Herunterbeten 
- von Verdächtigungen gegen Putin (»es wird vermutet«, »XY unterstellt Putin«, »XY warnt Putin«)
[ein Permanentlink zum Titel »Putin-Bashing« auf dem altermannblog]
- und der Mär von der moralischen Überlegenheit des Westens

5. die einseitige Beurteilung des Aufenthaltes russischer oder westlicher Offzieller in der Ukraine;

ZDF Heute Journal verstrickt sich in Propaganda-Lügen [1:10]


(Und wenn dann das ZDF einem Fake aufsitzt, verniedlicht dies ZDF-Nachrichtensprecher Claus Kleber in seiner Entschuldigung, redet von einem betrunkenen Hauptmann von Köpenick und bringt auch zum Schluß noch einen Seitenhieb auf Russland unter: als Anzeichen dafür, wie sehr doch Russland mittlerweile die Bewohner der Ost-Ukraine mitsamt der Polizei eingeschüchtert habe. Link zum Info)
Steinmeier verklappt Propaganda an die Schweine da draußen
[Propaganda-Fernsehen; Quelle: Die Anmerkung]

 
6. daß sich von den in der Öffentlichkeit bekannten Politikern und Journalisten fast nur diejenigen mit Ihrer West-Kritik aus dem Fenster hängen, die schon im Rentenalter befinden:
- Gerhard Schröder
- Helmut Schmidt
- Helmut Kohl
- Egon Bahr
- Peter Scholl-Latour
- Gabriele Krone-Schmalz
und die alsdann abgewatscht wurden. (Erstaunlicherweise habe ich dies bei Frau Krone-Schmalz nicht beobachtet.)

In der folgenden Diskussionsrunde erklärt der Grünen-EU-Abgeordnete Werner Schulz in Zivil gekleidete Soldaten zu zivilen Beobachtern:
Ukraine: OSZE Beobachter waren doch Militärs so lügen Politiker [0:48]


Gabriele Krone-Schmalz [14:23]


Fr. Krone-Schmalz erklärt Putin und Russische Außenpolitik [7:37]


Helmut Schmidt, zum Beispiel, wurde angeraten, sich angesichts seiner Senilität doch mit Meinungsäußerungen zurück zu halten, um sich nicht selbst zu demontieren;

7. die magelnde Selbstkritik und die erstaunlich hohe Anzahl von Kommentatoren, die in ihren Kommentaren zu den Berichten deren Einseitigkeit, Konformität und Qualität kritisierten 

und schließlich

8. das Nicht-Berichten bestimmter Ereignisse. 

Ukraine11 – Unsere Medien: Nicht-Berichten und Sprachverdrehung 
siehe dazu auch:
- People-Powered Media Mobilizes Masses While Mass Media Remains Silent (AlterNet, 07.02.2014) 
If we continue to build the independent, people-powered media, greater numbers of people will build up immunity to the destructive misinformation of corporate media.

Volker Pispers - Meinungen und Stimmungen 2014 [21:11]



In welch glücklichem Land leben wir!
Worüber uns die Leitmedien nicht informieren, erfahren wir in der Kabarett-Sendung!

Inzwischen gibt es (habe ich heute auch zum ersten Mal gelesen) anscheinend auch die Sparte »investigatives Kabarett«. Das muß man sich wirklich auf Trommelfell und Großhirnrinde zergehen lassen! (Das erinnert ein bißchen an die Ausstellung von Mark Lombardi im New Yorker Whitney Museum, welches der CIA um die Ausleihe eines seiner Bilder nachfragte, um genauere Einsicht in die Vernetzung von Osama bin Laden gewinnen zu können.)

Investigativen Journalismus betreibt – möglicherweise nicht mehr lange – auch »die Anstalt«.

Die Anstalt - Folge 3 - vom 29.04.2014 [HD] [49:35] [48:39]

JapuDCret Veröffentlicht am 28.03.2015 
© ZDF Die Polit-Satire mit Max Uthoff und Claus von Wagner Playlist mit allen Folgen: https://www.youtube.com/playlist?list... =========================== sonstige Informationen über die Sendung Titelmusik: Kraftklub – Juppe Regie: Frank Hof Drehbuch: Max Uthoff, Claus von Wagner, Dietrich Krauß Erstausstrahlung: 4. Februar 2014 auf ZDF https://www.youtube.com/watch?v=U2_XH... =========================== bei Fragen wenden Sie sich bitte an folgende E-Mail Adresse: Japu_D_Cret@web.de

Das ZDF steht wahrscheinlich in diesen Wochen vor einer schwierigen Entscheidung:
Werden durch die Anstalt zu viele unangenehme Tatsachen unters Volk gebracht, oder ist die Ausstrahlung so etwas wie die »Schwarzwaldklinik« (der Vergleich ist für die Älteren) oder »Germany’s next Topmodel« (der Vergleich ist für die Jüngeren) für kritische Politik-Interessierte? Die könnten sich im Studio oder vor dem Fernseher so auf- bzw. abregen, damit sie danach eben nicht auf die Straße gehen. (Marguerite A. Sechehaye, La réalisation symbolique – Symbolische Wunscherfüllung)

- Zeit vs. ZDF – Journalismus aus der Anstalt (Cicero, 07.08.2014)
Der Streit um eine ZDF-Satire aus der „Anstalt“ zeigt: Journalistische Unabhängigkeit wird in Deutschland sehr eigenwillig definiert. Parteimitgliedschaften sind in Ordnung, Engagement in zivilgesellschaftlichen Organisationen nicht 
Journalistische Unabhängigkeit? Wenn es um Medien in Zentralasien oder Afrika geht, wissen sie in Deutschland immer ganz genau, was sich gehört und was nicht. Staatsnähe ist ein Übel. Parteinähe geht auch nicht: Weil sich im kurdischen Irak politische Gruppierungen in den Medien festsetzen, vergeben die Reporter ohne Grenzen den Stempel „nicht unabhängig“. 
Seitdem sich die ZDF-Sendung „Die Anstalt“ auf dem Höhepunkt der Empörung über die Ukraine-Berichterstattung mit dem deutschen Qualitätsjournalismus beschäftigte, diskutiert man nun auch hier darüber, was geht und was nicht geht.


Nachrichtenansager Claus Kleber im Rededuell mit Joe Kaeser 26.03.2014 - Bananenrepublik {5:37}

Am 28.03.2014 veröffentlicht 
Bananenrepublik1
zu dem »Rededuell« siehe:
- Dr. Seltsam ist heute online (Frank Schirrmacher, FAZ, 28.03.2014)

In die Reihe der Felsen in der Brandung hat sich jetzt auch der Kunst- und Kulturtheoretiker Bazon Brock eingereiht. Wie schon in einigen anderen Fernsehinterviews, die man in den letzten Wochen sehen konnte (Reinhold Beckmann – Gerhard Schröder, Klaus Kleber – Siemens Vorstandschef Joe Kaeser), forderte die Moderatorin Tina Mendelsohn auf 3sat den emeritierten Professor immer unverblümter und hilfloser dazu heraus, Altkanzler Schröder ob seiner Umarmung Putins die mediale Watschn zu verpassen, hatte dem altgedienten Intellektuellen aber schließlich nichts mehr entgegen zu setzen.

Die Männerfreundschaft Schröder-Putin - Bazon Brock 3sat 30.04.2014 - die Bananenrepublik [7:32]

Bevor er bedankt ausgeblendet wurde, wunderte sich Brock über das abrupt erscheinende Interview-Ende: »’N bißchen schnell…«

Bazon Brock ließ Tina Mendelsohn die Luft raus kommentierte genüßlich das Existenz-Blog (30.04.2014)

siehe auch:

- Ohne alternative Medien gibt es keine Wahrheit über die Kriege (Alles Schall und Rauch, 07.04.2010)
- Türkei: Kein Unterschied zwischen einem Cyberangriff und einem militärischen Angriff (Telepolis, 28.03.2014) 
Die Regierung versucht, das geleakte Gespräch über die Auslösung eines militärischen Konflikts mit Syrien für sich zu nutzen 
Der Verdacht besteht schon lange, dass die türkische Regierung über die Unterstützung der syrischen Opposition hinaus auch aus innenpolitischen Gründen mit dem Syrien-Konflikt zündelt (Türkisches Parlament erlaubt Armee militärische Operationen auf syrischem Gebiet). Dass ausgerechnet zeitlich passend während einer Wahlkampfveranstaltung ein syrisches Kampfflugzeug abgeschossen wurde und Regierungschef Erdogan diesen "Akt der syrischen Aggression" auch gleich mitteilte, spricht dafür. Die türkische Regierung drängte auch wegen der dauernden Vorfälle an der Grenze und der vielen Flüchtlinge aus Syrien auf die Einrichtung einer Flugverbotszone oder eines humanitären Korridors, blieb aber damit alleine. Bis auf die Bereitstellung von Patriot-Raketenabwehrsystemen in der Nähe der syrischen Grenze (Gefährliche Defensive der NATO) hat die Nato dem Drängen nicht nachgegeben.
und dazu:
- Verstörend: 1914...2014? (Telepolis, Forum-Kommentar 29.03.2014) 
Der Vorfall reiht sich in eine lange Liste anderer Vorfälle ein, bei denen die Qualitätsmedien wichtige Informationen vorenthalten haben. Im Mai 2013 verübte eine syrische Terrorgruppe, in den Qualitätsmedien mal als Rebellen mal als Opposition bezeichnet, einen verheerenden Bombenanschlag in der Türkei. Ankara übte sich in Kriegsrhetorik. Eine linke Hackergruppe veröffentlichte daraufhin interne Dokumente, aus denen hervorging, dass der türkische Geheimdienst von den Anschlagsplänen schon im Vorfeld wusste, die Terroristen aber einreisen ließ. Die türkische Regierung räumte die Vorwürfe ein. Die Qualitätsmedien schwiegen. https://www.jungewelt.de/downloads/pdf.php?id=8657
- „Der Maidan“ und die Medien (Links-Netz, April 2014) 
In den tonangebenden Zeitungen sowie im Fernsehen werden die Namen von Straßen und Plätzen in letzter Zeit so oft und so selbstverständlich genannt wie die Vornamen von Kindern und die Namen von Haustieren. Ob „Gezi“, „Taksim“, „Tahrir“ oder „Maidan“ – mit diesen Wörtern jonglieren Journalisten „angeberisch wie ein Kleinbürger-Tourist, der sich als Habitué aufspielen will“ (Max Frisch) – also als Weltenkenner, der sich überall auskennt wie in seinem Stadtviertel oder Dorf. Dieser zunächst nur lächerliche Sprachgebrauch verliert seine Harmlosigkeit, wenn man seine politischen Implikationen einbezieht.
- Der Journaille ins Stammbuch (0815-Info - Die News hinter der News, 14.05.2014)
- Stoppt die Nazis in der Ukraine (Alles Schall und Rauch, 16.05.2014) 
- Lüge in Kriegszeiten (Telepolis, 29.07.2014) 
- Vorverurteilung ist in (junge Welt, 31.07.2014) 
- Ukraine-Krise – Fünf Tickets für die Front (ZEIT Online, 09.08.2014)
Unterwegs mit jungen Russen, die in den ukrainischen Krieg ziehen – und das, obwohl sie Putin hassen.
Die ukrainischen Männer werden »Russen« genannt. Der Link auf der Übersichtsseite lautet »Unterwegs mit Russlands Kämpfern«
Man beachte auch die Kommentare…



zuletzt aktualisiert am 06-02-2016


Ukraine 8 – Mariopol und die Berichterstattung (10.05.2014)
Der Ukraine-Konflikt 5 – Die Nagelprobe des Journalismus (21.04.2014)

Samstag, 10. Mai 2014

Ukraine 8 – Mariopol, die Berichterstattung und die Schuldzuweisungen

Auf dem folgenden Video ist eine demonstrierende Menschenmenge zu sehen. Das Schweiz-Magazin überschreibt seinen Artikel, in dem zum folgenden Video verlinkt wird mit
Ukraine: Wer nicht in die EU will, wird erschossen ! (09.05.2014)

МАРИУПОЛЬ [2:40]

Auf Zwissle ist das Video (709) unterschrieben mit:
»Auf diese Menschen, die den Sieg über Hitler feierten, eröffneten die Putschisten heute in Mariupol das Feuer. Angeblich wurden 20 von ihnen getötet. Video vor 7 Stunden gefilmt
veröffentlicht: May 9, 2014 05:37 PM«

Mit »Putschisten« sind die aktuellen Machthaber in der Ukraine gemeint, die nach der Absetzung von Ministerpräsident Janukowytsch (22.02.2014) an die Macht kamen. Die rechtliche Bewertung seiner Absetzung ist strittig (dazu Janukowytsch und innenpolitischer Kampf, Wikipedia), vor allem im Osten der Ukraine wird die gegenwärtige Regierung unter Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk nicht als rechtmäßig anerkannt.

Anmerkung von mir:
Auf dem Video sehe ich viele rote Fahnen mit Hammer und Sichel und einige Luftballons der russischen Landesfarben.
Zur Lage von Mariupol siehe den Wikipedia-Artikel über das Donez-Becken.
===
Мариуполь - безоружные люди атакуют Украинский БМП 09.05.2014 [1:08]


Auf Zwissle ist das Video (710) unterschrieben mit:

»Die Bürger in Mariupol versuchen die Panzer der Putschisten zu umringen und sie an der Weiterfahrt zu hindern. 
veröffentlicht: May 9, 2014 05:49 PM«
===
9 мая 2014 - Мариуполь - украинские военные в центре города сражаются с баннерами [1:15]


Auf Zwissle ist das Video (711) unterschrieben mit:

»Panzer rücken in Mariupol ein. 
veröffentlicht: May 9, 2014 05:50 PM«
=== 
Shootout During Antiterrorist Operation In Mariupol Eastern Ukraine, May 9 2014 [4:18]
(Youtube meldet: Video nicht mehr verfügbar)

Auf Zwissle ist das Video (712) unterschrieben mit:
»Mariupol gestern am 08.05.2014. Putschisten attackieren die Zivilisten. 
veröffentlicht: May 9, 2014 05:51 PM«

Anmerkung von mir:
Ich sehe keine attackierten Zivilisten.
Ich sehe Soldaten, die über die Köpfe von Zivilpersonen hinwegschießen, wahrscheinlich um diese am Betreten eines Gebäudes zu hindern.
=== 
Shootout During Antiterrorist Operation In Mariupol Eastern Ukraine, May 9 2014 [4:19]


Auf Zwissle ist das Video (713) unterschrieben mit:
»Kiews Putschisten schiessen auf unbewaffnete Zivilisten. 
veröffentlicht: May 9, 2014 06:56 PM«

Anmerkung von mir:
Offensichtlich sind die Radpanzer, die die Straße hinunter fahren, bei den Zivilisten unwillkommen. Danach sieht man anscheinend ein Dutzend auf dem Rückzug befindliche Fußsoldaten, die von rechts nach links über eine Kreuzung laufen. An dem Eckgebäude rechts scheint ein Soldat zu hocken, der den Rückzug decken soll. Ein weiterer Soldat steht an der linken Kreuzungsecke vor einem kleinen runden Kiosk, soll wohl ebenfalls den Rückzug decken und erhält aufgeregte Rufe der sich ihm nähernden Zivilisten. Bei 2:52 schießt ein Zivilist mit einer Pistole auf einen Soldaten. Wenige Sekunden zuvor (2:35) wurde zwischen dem kleinen runden Kiosk und der dahinter befindlichen Stehkneipe offenbar ein Zivilist von einer Kugel getroffen und fiel hin. Ob vor dem kleinen runden Kiosk noch jemand am Boden liegt ist nicht klar zu erkennen. Bei 3:00 wird vor der Stehkneipe ein weiterer Zivilist von einer Kugel getroffen und fällt hin.
===
Захват БМП в Мариуполе (другой ракурс) 11:42 9 мая 2014 [3:06]


Auf Zwissle ist das Video (716 – Nummer 714 und 715 enthalten keine Videos) unterschrieben mit:
»Junge und Alte versuchen die Panzer in Mariupol aufzuhalten, 
veröffentlicht: May 10, 2014 07:40 AM«

Anmerkung von mir:
Der Herr in den orangefarbenen Anzug (3:05) hätte wohl andere Kleidung gewählt, hätte er beim Verlassen seiner Wohnung vorgehabt, sich an irgendwelchen Tätlichkeiten zu beteiligen. Eine ältere Frau mit Einkaufstasche (0:52), die vor einem Panzer einen Gummireifen auf die Straße wirft, dürfte ebenfalls eher weniger als »Aktivistin« zu bezeichnen sein.
=== 
Mariupol - Tank (BMP) Exploding [0:44]


Auf Zwissle ist das Video (720) unterschrieben mit:
» Schützenpanzer der Putschisten in Mariupol in Brand gesetzt. 
veröffentlicht: May 10, 2014 12:58 PM«
===

Die zwei im Moment letzten Meldungen bezüglich der militärischen Aktion der Ostukraine auf Zwissle lauten:
»Die Nationalgarde der Ukraine, die bei der Sonderoperation gegen die Föderalisten eingesetzt ist, meldet, dass sie bei den Zusammenstößen am Freitag einen Gefallenen und vier Verwundete zu beklagen hatte.« (717) und
»Der Anführer der Putschisten, Turtschinow (Übergangspräsident, langjähriger politischer Weggefährte von Julija Tymoschenko), erklärte am Sonnabend, dass die Durchführung der Sonderoperation bedeutend erschwert werde, weil sich die dortigen Einwohner gegen die Behörden in Kiew wenden.« (718)
===

Anmerkung von mir:
Es ist offensichtlich, daß das Militär in Mariupol alles andere als willkommen ist. Der Versuch, durch pro-russische Aktivisten besetzte Regierungs- oder Polizeigebäude zu befreien ist zwar verständlich, gleichwohl muß der Regierung in Kiew schon seit vielen Tagen bewußt gewesen sein, in welchem Umfeld diese Aktionen stattfinden.

Mir tun die Soldaten leid, die – gesendet mit einem unlösbaren Auftrag – hier zwischen die Fronten geraten. Die pro-russischen Aktivisten scheinen im Donez-Becken ein leichtes Spiel zu haben: Man provoziert die Regierung in Kiew durch die Besetzung einer Polizeistation, diese schickt Soldaten, die den Auftrag haben, das Gebäude von den Besetzern zu räumen und diese geraten damit in einen durch militärische Mittel nicht mehr lösbaren Konflikt mit der pro-russisch eingestellten Zivilbevölkerung geraten.
Die entscheidende Frage scheint mir zu sein: Weshalb läßt sich die Regierung in Kiew so nahe an der Grenze zu Rußland zu solchen Aktionen hinreißen?

Es scheint mir immer schwieriger zu werden, dem russischen Präsidenten Putin die Verantwortung für diese Gewalt in die Schuhe zu schieben – es sei denn, man unterstellt ihm, die Gebäude-Besetzer zu ihren Taten anzustacheln. Aber ich glaube, das braucht er gar nicht. Wer den Post über den Sprachen-Streit in der Ukraine gelesen hat, kann wohl nachvollziehen, daß sich Kiew der Ostukraine gegenüber in den letzten Monaten und Jahren alles andere als sensibel verhalten und dadurch die Bevölkerung gegen sich aufgebracht hat. 
Nationale Identität ist, wie wir in den nächsten Jahren sehen werden, eine immer noch sehr wirksame und starke politische Kraft. Keiner der in den letzten Jahren aufgetretenen Politiker scheint das Format zu haben, in der Ukraine integrativ zu wirken.

Angesichts der innerukrainischen Verhältnisse muß das Assoziierungsabkommen mit der EU wie in Feuer gegossenes Öl wirken. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sich die EU-Politiker das nicht klargemacht haben. So betriebsblind kann man doch gar nicht nicht sein.

Und den bislang gültigen Gebrauch
der Namen für die Dinge
vertauschten sie nach ihrer Willkür:
unbedachtes Losstürmen galt nun
als Tapferkeit und gute Kameradschaft,
aber vordenkendes Zögern
als aufgeschmückte Feigheit,
Sittlichkeit
als Deckmantel einer ängstlichen Natur,
Klugsein bei jedem Ding
als Schlaffheit zu jeder Tat […]
Wer schalt und eiferte,
galt immer für glaubwürdig,
wer ihm widersprach, für verdächtig.
(Thukydides, 454 v. Chr. - ca. 398 v. Chr., Geschichte des Pelloponesischen Krieges) 

Rebecca Harms: Rede auf dem besetzten Maidan zu Sylvester [3:34]

(Rebecca Harms, Vorsitzende der Fraktion der Grünen im EU-Parlament)

Guy Verhofstadt speecht op Maidan in Kiev [4:38]

(Guy Verhofstadt, leitet die liberale Fraktion ALDE um EU-Parlament) 

zwei Artikel aus dem Freitag:
- Verspielt und verloren (Lutz Herden, 16.04.2014)
- Wut, Angst und Verunsicherung (Luke Harding, 09.05.2014, man beachte auch die Kommentare!)
Zitat: » Offenbar sind immer weniger Polizisten bereit oder in der Lage, öffentliche Gebäude zu schützen, auch weil Kiew die ohnehin dürftige Kontrolle über die Gesetzeshüter im Osten weiter abhandenkommt. In Luhansk ließ sich die Bereitschaftspolizei von mit Knüppeln bewaffneten Aufrührern im Innenhof eines Gebäudes einkesseln und nach Hause schicken. „Die regionale Führung weiß nicht, ob sie sich auf ihre Polizei noch verlassen kann“, klagt Stanislav Rechynsky, ein Berater des Kiewer Innenministers. „Viele Uniformierte sind nur noch passive Beobachter.“ «
mein Kommentar:
Man frage sich, was wohl hier im Westen in den Medien los wäre, würden russische Politiker in der Ukraine Reden halten!


siehe auch:
- Liste von Mitgliedern der Atlantik-Brücke (Wikipedia)


zuletzt aktualisiert am 04.07.2016


Ukraine 7 – Der Sprachenkonflikt als Teil des Ukraine-Konfliktes (03.05.2014)

Donnerstag, 8. Mai 2014

Ein Sandmandala wird gemacht

In der Viên-Giác-Pagode in Hannover Mittelfeld (Karlsruher Straße, Ecke Eichelkampstraße) findet vom 16. bis 18 Mai die Vesak-Feier statt. Aus diesem Grund sind drei Mönche in der Andachtshalle mit der Anfertigung eines Sandmandalas zugange. Zuschauer sind willkommen!


Im Sam-Nok arbeitete vor acht Jahren ein buddhistischer Mönch eine Woche lang an einem Sandmandala (Post vom 17.11.2006)

Mittwoch, 7. Mai 2014

Heute vor 60 Jahren – 7. Mai 1954: Französische Kapitulation bei Dien Bien Phu

Die Wende im Indochinakrieg 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Frankreich bestrebt, seine Kolonialherrschaft in Indochina – in Vietnam, Laos, Kambodscha – wiederherzustellen. Die Franzosen besetzten den Süden Vietnams und gerieten in Konflikt mit der Unabhängigkeitsbewegung der Vietminh. Der folgende Indochinakrieg (1946-54) war weithin ein Guerillakrieg, in dem die Franzosen den Gegner kaum einmal in größeren Verbänden zu Gesicht bekamen. 1953 entwickelte das französische Oberkommando den Plan, die Vietminh in eine offene Schlacht zu locken, um die eigene Überlegenheit an Waffen und Technik auszuspielen Die Wahl des Ortes fiel auf ein breites Tal an der Grenze Nordvietnams zu Laos. 
 
Französische Fallschirmspringer im Schützengraben
bei Dien Bien Phu, Indochina, März 1954

 In der größten Luftlandeoperation des Kriegs setzten die Franzosen im November 1953 nahe der Stadt Dien Bien Phu Tausende Fallschirmjäger ab. Im März 1954 begann die Schlacht mit einer bösen Überraschung für die Franzosen: Die Vietnamesen hatten reichlich schwere Artillerie von China erhalten und nahmen das Tal unter Beschuss. In einem wochenlangen Zermürbungskampf zogen sie den Ring um Dien Bien Phu immer enger. Heute vor 60 Jahren kapitulierten die Franzosen. 

Folgen des Indochinakriegs 
Teilung Vietnams entlang des 17. Breitengrad
Ende der französischen Kolonialherrschaft in Indochina 
politische Spannungen mündeten in die zweite Phase des Vietnamkriegs 

Harenberg - Abenteuer Geschichte 2014

Dienstag, 6. Mai 2014

Opium für das Volk

Marx hat in der Einleitung (1844 in der zusammen mit Arnold Ruge herausgegebenen Zeitschrift Deutsch-Französische Jahrbücher veröffentlicht) zu seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (1843/44) einmal von der Religion als Opium des Volkes gesprochen.
Marx führte die Religion auf die politischen Zustände der Gesellschaft zurück[3] […] und führte aus: 
„Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben, oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Societät. Dieser Staat, diese Societät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Compendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d'honneur (Ehrgefühl), ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.
Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.

Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.“

Karl Marx: Einleitung zur Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie; in: Deutsch-Französische Jahrbücher 1844, S. 71f, zitiert nach MEW, Bd. 1, S. 378-379
 
In seiner Denkschrift für Ludwig Börne (1830, siehe Zeno.org) schreibt Heinrich Heine
"Heil einer Religion, die dem leidenden Menschengeschlecht in den bittern Kelch einige süße, einschläfernde Tropfen goss, geistiges Opium, einige Tropfen Liebe, Hoffnung und Glauben!"

Diese Formulierung knüpft an eine Aussage von Novalis über die Religion der „Philister“ (Aphorismus 83 aus seiner Fragmentsammlung Blütenstaub von 1798) an:

Ihre sogenannte Religion wirkt bloß wie ein Opiat: reizend, betäubend, Schmerzen aus Schwäche stillend.


Der Philosoph der Aufklärung Paul Henri Thiry d’Holbach ist für seine religionskritischen Werke bekannt. Nach ihm entstammt die Religion der Furcht und der Unwissenheit. (Zeno.org)

„Die Phantasie ist das gefährlichste Vermögen des Menschen, wofern sie nicht recht geleitet wird. Fanatismus, relgiöse Glaubenswuth und alle Schrecken und Verbrechen eines bethörten Enthsiasmus sind Folgen einer verirrten Phantasie. Wird sie aber wohl geregelt, so nährt die Phantasie einen wohlthätigen Enthusiasmus für alles Gute. Begeisteriung für jegliche Tugend, Vaterlandsliebe, Freundschaft, kurz alle edleren Gefühle wurzeln in ihr und empfangen von ihr Lrben und Kraft. Wer aller Phantasie ermangelt, in dem ist gemeiniglich auch jenes edle Feuer erstickt, das uns zu Thaten treibt und unsrem geistigen Leben Aufschwung verleiht. Ohne Begeisterung wird nichts Großes erreicht: große Tugenden verlangen Begeisterung so gut, wie große Verbrechen. Begeisterung ist ein der Trunkenheit vergleichbarer Zustansd, isofern und beide zu rascher That treiben. Wir preisen die Begeisterung, wenn sie uns zum Guten führt: wir nennen sie Thorheit, Wahnsinn, Verbrechen, Raserei, wenn sie uns zu schädlicher, zerstörender Thätigkeit bestimmt.


Nach Holbach ist »Die Religion ist die Kunst, die Menschen mit Enthusiasmus zu berauschen.« [nach: H. Gollwitzer: Die marxistische Religionskritik und der christliche Glaube, gefunden bei der Zentrale für Unterrichtsmedien] und zerstört ein Atheist die „dem Menschengeschlecht schädlichen Hirngespinste“
[gefunden bei der Widipedia]



Wladimir Iljitsch Lenin interpretierte den Ausspruch als den Kern marxistischer Religionskritik und formuliert:

„Die Ohnmacht der ausgebeuteten Klassen im Kampf gegen die Ausbeuter erzeugt ebenso unvermeidlich den Glauben an ein besseres Leben im Jenseits, wie die Ohnmacht des Wilden im Kampf mit der Natur den Glauben an Götter, Teufel, Wunder usw. erzeugt. Denjenigen, der sein Leben lang arbeitet und Not leidet, lehrt die Religion Demut und Langmut hienieden und vertröstet ihn mit der Hoffnung auf himmlischen Lohn. Diejenigen aber, die von fremder Arbeit leben, lehrt die Religion Wohltätigkeit hienieden, womit sie ihnen eine recht billige Rechtfertigung ihres ganzen Ausbeuterdaseins anbietet und Eintrittskarten für die himmlische Seligkeit zu erschwinglichen Preisen verkauft. Die Religion ist das Opium des Volks. Die Religion ist eine Art geistigen Fusels, in dem die Sklaven des Kapitals ihr Menschenantlitz und ihre Ansprüche auf ein halbwegs menschenwürdiges Leben ersäufen.“

Lenin: Sozialismus und Religion, 1905[7]


Die jüdische Philosophin Simone Weil soll gesagt haben »Nicht die Religion, die Revolution ist Opium für das Volk..« [vielfach im Internet zu finden, aber keine konkrete Quellenangabe]

Was sonst noch Opium-Wirkung hat,läßt sich bei Klüngelbeutel nachlesen:
- Atheismus (Walter Rominger)
- Marxismus (Thomas Schirrmacher, da gab’s noch andere vor ihm, die suche ich jetzt aber nicht)
- Sozialamt (Stefan Sauer vom Kölner Stadtanzeiger)
- Teamsupervison (Jochen Schweitzer)
- Nacktmodels (die Briten)
- Lachen (Sabine Nuss)
- Religion: Eine Umfrage von Würzburger Studenten ergab, dass diejenigen, die relativ religiös waren, glücklicher sind, als solche, die nichts mit der Religion am Hut haben.
http://shortnews.stern.de

Auch die Toten Hosen haben eine Platte gemacht mit dem Titel


Warum sollte eigentlich für das Volk Opium so wichtig sein?
Wer sollte ein Interesse daran haben, dem Volk Opium (in welcher Form auch immer) zu verabreichen?

Gegen Schmerzen einer heute noch umstrittenen Erkrankung nahm Heinrich Heine Opium:

Gegen die Schmerzen nahm Heine über Jahre hohe Dosen Morphium, verabreicht über eine künstlich offen gehaltene Wunde im Nacken, in die das Pulver eingerieben wurde. Seinem Bruder Gustav schrieb er im November 1850: "Du hast keinen Begriff davon, wie viel ich gelitten und noch leide; beständige Krämpfe und Zusammenziehungen, besonders der Beine und des Rückgrats, zusammengekrümmt liege ich auf einer Seite im Bette, ohne mich bewegen zu können [...] um die Schmerzen zu betäuben, nehme ich beständig Zuflucht zum Opium, auch mein Kopf ist daher sehr dumpfig." Gleichwohl schrieb Heine in diesen Jahren herausragende Werke: "Romanzero", "Der Doctor Faustus" und "Vermischte Schriften I-III".

WDR, unter dem Abschnitt »Morphium« findet sich auch die Abbildung eines Opium-Rezeptes für den Dichter.

 Friedrich Nietzsche meint: »Die Wahrheit ist häßlich. Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.« [aus den Nachgelassenen Fragmenten, 1887-89]
»Nun aber eilt die Wissenschaft, von ihrem kräftigen Wahne angespornt, unaufhaltsam bis zu ihren Grenzen, an denen ihr im Wesen der Logik verborgener Optimismus scheitert. Denn die Peripherie des Kreises der Wissenschaft hat unendlich viele Punkte, und während noch gar nicht abzusehen ist, wie jemals der Kreis völlig ausgemessen werden könnte, so trifft doch der edle und begabte Mensch, noch vor der Mitte seines Daseins und unvermeidlich, auf solche Grenzpunkte der Peripherie, wo er in das Unaufhellbare starrt. Wenn er hier zu seinem Schrecken sieht, wie die Logik sich an diesen Grenzen um sich selbst ringelt und endlich sich in den Schwanz beißt – da bricht die neue Form der Erkenntnis durch, die tragische Erkenntnis, die, um nur ertragen zu werden, als Schutz und Heilmittel die Kunst braucht.« [Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, 1872]


Sowohl bei Heine wie auch bei Nietzsche scheint es ums Aushalten zu gehen: bei Heine um das Aushalten von Schmerzen, bei Nietzsche um das der Wirklichkeit. Was ist denn da, was an der Wirklichkeit – nach deren Erkennen wir ja angeblich streben bzw. streben sollten –, so schwer aushaltbar ist?

Ein bekannter spiritueller Meister, Gurdjieff, soll des öfteren große Mengen an Alkohol zu sich genommen haben. Sigmund Freud nahm – zumindest eine Zeit lang – des öfteren Kokain. Karlfried Graf Dürckheim fordert dazu auf, das Unaushaltbare auszuhalten. Möglicherweise hat Kalu Rinpoche, ein hochangesehener Lehrer aus dem tibetischen Buddhismus, seine nicht ausgelebte Sexualität nicht ausgehalten.

Was ist an der Wirklichkeit so schwer aushaltbar? 
Schmerzen, Gefühle, Bewußtseinszustände, die Häßlichkeit der Welt (Nietzsche)? 

Ich habe Patienten, die haben Schwierigkeiten, ihren Partner bzw. dessen Verhalten auszuhalten, Schwierigkeiten, die Eltern oder Schwiegereltern auszuhalten, Schwierigkeiten, ihre depressive Sicht der Welt auszuhalten. Ich hatte eine Patientin, die das Nicht-Leben ihrer masochistischen sexuellen Phantasien und Wünsche nicht mehr auszuhalten gewillt war und ihren Mann verließ. Ich hatte einen Patienten, der es nicht aushielt, die Angst vor dem Verlust der Liebe seines Vaters zu verlieren, wenn er sein – gegen den Willen seines Vaters begonnenes – Studium weiterführen würde. Ich habe Patienten gehabt, die es nicht aushielten, in eine Gruppe fremder Menschen zu kommen oder es nicht aushielten, sich mit dem Partner zu streiten.

Was macht das Unaushaltbare nicht aushaltbar? Was macht mensch, wenn er das Unaushaltbare nicht aushalten kann? Alle Patienten, die mit Alkoholproblemen zu mir kamen oder mir während der Therapie gestanden, daß sie Hasch rauchten, tranken Alkohol oder rauchten Hasch, um etwas auszuhalten. Und es dauerte lange – und manchmal gelang es nicht –, das Unaushaltbare beim Namen zu nennen. Eine Patientin hatte Sex mit drei Unbekannten, weil sie einen Streit mit ihrem Freund nicht aushalten konnte. Zwei Bulimikerinnen fraßen, wenn Sie sich in einer Konfliktsituation nicht abgrenzen konnten. Eine Patientin ging fremd, weil sie den unbefriedigenden Sex – oder auch die Abwesenheit ihres Partners – nicht aushalten konnte. Viele Depressive ziehen sich zurück, weil sie die Gesellschaft von Nicht-Depressiven nicht aushalten können, weil sie befürchten, die Anderen können sie nicht aushalten. Viele psychosomatisch Erkrankte verschieben das emotional nicht Aushaltbare in den Körper. (Scherf: »Die bessere der beiden schlechten Möglichkeiten«)

Was tun Menschenmengen, wenn sie etwas nicht mehr aushalten? 

Gerhart Hauptmann schrieb seine »Weber« über den Schlesischen Weberaufstand 1844.

Goethe setzte 1773 Götz von Berlichingen mit seinem gleichnamigen Schauspiel ein Denkmal.

Die Französische Revolution 1789 wurde ausgelöst, als der sogenannte Dritte Stand (Bauern und Bürger), der 95% der Bevölkerung ausmachte (und als einziger Stand die Last der direkten Steuern trug), für die aus Finanznot einberufenen Nationalversammlung (die letzte hatte 1614 stattgefunden) eine Aufwertung gegenüber den übrigen beiden Ständen (Adel und Klerus) forderte und König Ludwig XVI zu taktieren versuchte.

Dem Dritten Stand wurde zwar die Verdoppelung der Abgeordnetenzahl zugestanden, der Abstimmungsmodus in den Generalständen blieb aber offen. Das Eröffnungszeremoniell am 5. Mai 1789 in Versailles verhieß nichts Gutes: Die beiden ersten Stände kamen in großer Festgarderobe auf reservierten Plätzen zu sitzen; die Abgeordneten des Dritten Standes, denen einfacher schwarzer Anzug vorgeschrieben war, mussten selbst sehen, wie sie sich platzierten. In den Ansprachen gab es von Seiten des Hofes noch immer keinen Hinweis auf die Geschäftsordnung. Mehr als ein Monat verging danach mit ergebnislosen Debatten, da die privilegierten Stände mehrheitlich auf dem alten Tagungs- und Abstimmungsmodus beharrten: getrennte Beratung der Stände, je einheitliche Stimmabgabe pro Stand.
Doch vor allem beim volksnahen niederen Klerus, den Dorf- und Gemeindepfarrern, begann die Front massiv zu bröckeln, als sich seit dem 12. Juni einige dem Dritten Stand anschlossen und dessen Beratungen zu folgen begannen. Von da an überstürzten sich die Ereignisse. Auf Antrag des Abbé Sieyès, der die überragende Rolle des Dritten Standes schon vordem wirksam propagiert hatte, erklärten dessen Vertreter sich am 17. Juni zu Repräsentanten von mindestens 96 % der französischen Bevölkerung, gaben sich den Namen Nationalversammlung und forderten beide anderen Stände auf, sich ihnen anzuschließen. Diesem Aufruf folgte der Klerus am 19. Juni mit knapper Mehrheit, während der Adel bis auf 80 seiner Vertreter die Unterstützung des Königs zur Erhaltung der alten Ordnung suchte.

 Zu der Finanznot des verschwenderischen Staates …

Als der Generalkontrolleur der Finanzen Jacques Necker 1781 erstmals die Zahlen des französischen Staatsbudgets (Compte rendu) veröffentlichte, war dies als Befreiungsschlag zur Herstellung allgemeiner Reformbereitschaft in einer ansonsten ausweglosen Finanzkrise gemeint. Seine Amtsvorgänger hatten da bereits vergebliche Anläufe zur Stabilisierung der Staatsfinanzen unternommen. Neckers Zahlenwerk schockierte: Einnahmen von 503 Millionen Livres (Pfund) standen Ausgaben von 620 Millionen gegenüber, wovon allein die Hälfte auf Zins und Tilgung für die enorme Staatsverschuldung entfiel. Weitere 25 % verschlang das Militär, 19 % die Zivilverwaltung und ca. 6 % die königliche Hofhaltung. Dass für höfische Feste und Pensionszahlungen an Höflinge eine Summe von 36 Millionen Livres anfiel, wurde als besonders skandalös angesehen.[3]
 … kamen:
- die Reformblockaden der Privilegierten
- das sich ausbreitende aufklärerische Denken (Wirkung der Enzyklopädienauf bildungsbürgerliche Schichten)
- der sich entwickelnde Kapitalismus, verbunden mit der enormen Verteuerung der Grundnahrungsmittel


Le Bons Ansteckungstheorie

Eine frühe Theorie zum kollektiven Verhalten hat der französische Soziologe Gustave Le Bon mit seinem Hauptwerk "Psychologie der Massen" (1895), formuliert. Nach Le Bons Ansteckungstheorie (engl. Contagion theory) üben soziale Gruppen eine hypnotische Wirkung auf ihre Mitglieder aus. Geschützt in der Anonymität der Menge, geben Menschen ihre persönliche Verantwortung auf und ergeben sich den ansteckenden Gefühlen der Masse. Die Menschenmenge entwickelt so ein Eigenleben, wühlt die Gefühle auf und verleitet die Personen tendenziell zu irrationalem Handeln. Wie Clark McPhail ausführt, offenbaren systematische Untersuchungen allerdings, dass „die verrückte Masse“ kein Eigenleben getrennt von den Gedanken und Intentionen ihrer Mitglieder führt. Norris Johnson, der eine Panik während eines Who-Konzerts 1979 erforschte, kam zu dem Schluss, dass die Masse aus vielen Kleingruppen bestand, deren Mitglieder vorwiegend versuchten, einander zu helfen.
Le Bons Arbeiten bilden den Ausgangspunkt von Sigmund Freuds Studie Massenpsychologie und Ich-Analyse. Wilhelm Reich formuliert aus seiner eigenen Weiterentwicklung der Psychoanalyse 1933 sein Werk Die Massenpsychologie des Faschismus.
[…]
Die Finanzmarktpsychologie ist ein wichtiges Anwendungsgebiet, in welchem sich die massenpsychologische Forschung etablieren kann. Die Zusammenführung von Wissen über Anlegerverhalten mit den Erkenntnissen der Massenpsychologie offenbart neue Modelle und Herangehensweisen für realistischere Erklärungskonzepte der Finanzmarktdynamik. Denn der Zyklus von Boom und Krise ist ein „natürliches“ Element in der Finanzmarktgeschichte und traditionellen ökonomischen Theorien und Finanzmarktmodelle (z.B. Effizienzmarkthypothese) versagen aber bei der Erklärung und Vorhersage solcher Trends und den ihnen zugrundeliegenden Verhaltensweisen der Marktteilnehmer. Denn sie berücksichtigen nicht den gesamten Menschen, sondern nur eine akademische Abstraktion jener Aspekte des menschlichen Verhaltens, die sie für ökonomisch relevant halten. Und sie vergessen auch die Gesellschaft, mit der die Märkte untrennbar verbunden sind. Und genau an diesem Punkt setzt die Massenpsychologie, die unter anderem auf den Konzepten der gegenseitigen sozialen und psychologischen Ansteckung sowie der menschlichen Neigung zur Orientierung und Nachahmung anderer im sozialen Umfeld basiert, an. Die Erforschung kollektiver Dynamiken liefert noch einen weiteren Beitrag zum besseren Verständnis der Prozesse an den Finanzmärkten, indem sie auf den Zusammenhang zwischen kurzfristigen Entwicklungen und langfristigen Veränderungsprozessen hinweist. Basierend auf dem Prinzip langer und kurzer Zyklen wird in der Massenpsychologie zwischen bewusst erkannten, kurzlebigen Auswirkungen und den ihnen zugrunde liegenden langsamen, subtilen und oftmals nicht erkannten Entwicklungen unterschieden. Durch diese zentrale Erkenntnis, die im Wesentlichen schon auf Gustave LeBon zurückgeht, leistet die massenpsychologische Forschung einen Beitrag zur Beschreibung des Zusammenwirkens eines seit den 1960er Jahren angehäuften Schuldenbergs und der periodischen Entstehung von Boom-Krisen-Zyklen während der vergangenen Jahrzehnte (Fenzl 2009).

So diffus, vielgestaltig und teilweise unbestimmt die unterschiedlichen individuellen  Intentionen der auch selbstbetäubenden Kompensationsmechanismen sind, lassen sie sich auf den Wunsch, seelisch Unerträgliches erscheinendes aushaltbar zu machen, zurückführen.

Die Ausgangssituation der französischen Revolution und der oben beschriebenen Aufstände sind ähnlich: die materielle Not in der Bevölkerung mit dem sich zunehmend entwickelnden Gefühl der Ungerechtigkeit begegnet der Reformblockade der Privilegierten.

In einer solchen Situation dürften in der heutigen Zeit Massenmedien bei der Aufrechterhaltung des Status quo (»Ruhe ist die erste Bürgerpflicht«) eine wichtige Rolle spielen.

Darf man von Gleichschaltung der Medien sprechen? Und davon, dass die Demokratie höchst gefährdet ist? (Nachdenkseiten, 15.05.2014)