Montag, 18. August 2014

Ukraine 16 – Eine Gefährdung unserer Europäischen Kultur


- Die Irrationalität in der Ukraine-Krise gefährdet unsere Demokratie (Gastkommentar von Alexander Unzicker bei Telepolis, 15.08.2014)
Laut Julian Nida-Rümelin lebt die Demokratie von der Vision, dass sich die Öffentlichkeit ein verlässliches politisches Urteil bilden kann (Interview). Wenn dies zutrifft, muss man sich Sorgen machen. 
Denn die Meinungsbildung der Öffentlichkeit scheint nach ähnlichen Mustern wie beim Fernsehen zu verlaufen: ein spannender Plot und gute Schauspieler befördern Emotionen und Überzeugungen, Auslassungen oder logische Brüche im Drehbuch spielen dagegen eine untergeordnete Rolle. Nur: die Nachrichten sind auch zu so einer Art von Fernsehen geworden. Die Rede ist von der Ukraine. Es ist nicht eine Krise wie viele andere, ihr Kennzeichen ist eine beunruhigende Irrationalität der Akteure. Wo Verstand und Logik ausgeschaltet ist, ist unsere Demokratie in Gefahr. 

Da widerspreche ich: Hier wäre eine genauere Analyse notwendig: Bei wem sind Verstand und Logik ausgeschaltet? Man erinnnere sich an die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs: Das ganze funktionierte nur über den im Volk entzündeten Hurra-Patriotismus.
Die Demokratie benötigt eine freie, unabhängige Presse als Vierte Macht. Nur durch die unabhängige und kritische Berichterstattung dessen, was unsere Oligarchen tun, bleiben die Selbstreinigungskräfte unseres politisch-wirtschaftlichen Systems gewahrt und funktionsfähig. 

Mit Oligarchen meine ich in diesem Zusammenhang Personen, die aufgrund ihrer materiellen Ressourcen und/oder ihrer gesellschaftlichen Position eigene Interessen auf einer systemrelevanten Ebene um- und durchzusetzen imstande sind. Dass diese Personen – oder Gruppierungen – ein Interesse daran haben, ihr Tun zu verschleiern, ist klar. Dass sie deswegen ein Interesse daran haben, auf die Medien Einfluss zu nehmen (sprich: im Westen transatlantische Think-Tanks, in Russland staatlich kontrollierte Medien), ist nachvollziehbar – und natürlich. 


Joseph Beuys, Demokratie ist lustig, Siebdruck auf Karton, 1973

In dem Moment, in welchem gesellschaftlich einflussreiche Medien so stark beeinflusst werden, dass sie nicht mehr dazu imstande sind, gesellschaftliches Geschehen kritisch, mit Abstand und reflektiert zu berichten und es zu hinterfragen, vor allem in dem Moment, in welchem der Verlust dieser Fähigkeit von immer mehr Menschen wahrgenommen wird, in diesem Moment verlieren diese Medien ihre Glaubwürdigkeit und damit ihre Funktionen: die Funktion, eine stabile und verlässliche Diskussionsplattform zu bieten und, wie erwähnt, dadurch die Selbstreinigungskräfte unserer Gesellschaft lebendig zu halten. 

Joseph Beuys - Ja Ja Ja Ne Ne Ne (1968) [1:04:55]

Veröffentlicht am 11.09.2012 
Keine Beschreibung verfügbar

Eine Gesellschaft ist nur dann stabil, wenn es eine genügend große Gruppe an Menschen gibt, die an die Werte dieser Gesellschaft glauben, so sehr glauben, dass diese Werte für sie handlungsrelevant werden. Der Glaube an die Werte einer Gesellschaft nimmt in dem Maße ab, in welchem das Handeln gesellschaftlich wichtiger Funktionsträger nicht mehr nachvollzogen werden kann oder den gesellschaftlich propagierten Werten zuwiderläuft. 

Man erinnere sich: 1903 veröffentlichte Konrad Duden seine »Rechtschreibung der Buchdruckereien deutscher Sprache«, den so genannten Buchdruckerduden, mit dessen Hilfe Schreibvarianten reduziert werden sollten. [Wikipedia]. Da die unterschiedlichen Schreibweisen eines Wortes im Orthographischen Wörterbuch noch recht zahlreich war, wünschen sich die Buchdrucker in »ihrem« Duden für jedes Wort nur eine Schreibweise. Auf einer Buchdruckertagung in Konstanz im Juni 1902 gaben sie »ganz unverhohlen ihrer Missstimmung über durch die neuen Regelbüchern nur noch vermehrte Unsicherheit der Rechtschreibung Ausdruck«. [Wikipedia

Die Entstehungsgeschichte des Dudens soll ein Beispiel dafür sein, dass eine Gesellschaft verlässliche und bindende Regeln benötigt. In dem Maße, in welchem Regeln von den Menschen nicht mehr als verlässlich und für alle bindend wahrgenommen werden, kündigen die Menschen einer Gesellschaft ihre Solidarität auf. Gesellschaftliche Solidarität ist aber eine der Grundvoraussetzungen für die Demokratiefähigkeit einer Gesellschaft. Die Demokratiefähigkeit einer Gesellschaft ist abhängig von einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Egoismus und gesellschaftlicher Solidarität. Dieses Verhältnis ist nicht Ergebnis eines rationalen Denkprozesses, dieses Verhältnis wird gelernt. Dafür benötigt man Vorbilder. Mit Peter Scholl-Latour ist jemand von uns gegangen, dem alle Mut bescheinigen. (Ulrich Wickert ist sogar so weit gegangen, ihn als »Mann« zu bezeichnen, dazu ausnahmsweise die BILD-Zeitung: Peter Scholl-Latour 85, 09.03.2009, außerdem beim Deutschlandradio) Gleichgültig, ob Scholl-Latour in seinen Einschätzungen richtig oder falsch lag, durfte man darauf vertrauen dass er 1. die Dinge so sagte, wie er sie meinte und 2. in einem halben Jahr noch die gleiche Meinung vertreten würde. Man durfte auch darauf vertrauen dass, wenn er in einem halben Jahr eine andere Meinung vertreten würde, er seinen Irrtum eingestehen würde. Wir brauchen solche Menschen. Nicht, weil sie Recht haben, sondern weil sie integer – und damit Orientierungspfeiler – sind. (Nicht umsonst wurde Scholl-Latour auch »letzter Welterklärer« genannt.)


Diese der Sache verpflichtete Integrität vermisse ich in unseren großen Medien schmerzlich. Viele unserer Journalisten kommen ihrer Verpflichtung, Meldungen auf ihre Richtigkeit zu überprüfen oder ihrer Verpflichtung zur objektiven Berichterstattung nicht mehr nach – und dies kontinuierlich. Seit Monaten werden wir mit einseitigen Schuldzuweisungen konfrontiert, die auch aufrechterhalten werden, wenn sich die angebliche Schuld in Luft aufgelöst hat. Seit Monaten hören wir ununterbrochen die gleiche Litanei, Putin habe das Völkerrecht gebrochen. Seit Monaten geben sich Politiker, die selber an Völkerrechtsverletzungen beteiligt waren – oder sind, das Recht, dieses Putin vorzuwerfen. Und seit Monaten wird genau diese Einseitigkeit von unseren Leitmedien in keiner Weise thematisiert.

Joseph Beuys - Sonne statt Reagan 1982 [2:41]

Hochgeladen am 09.10.2008 
Joseph Beuys - Sonne statt Reagan 1982


(Sun instead Reagan)

Aus dem Land, das sich selbst zerstört
und uns den 'way of life' Diktiert
da kommt Reagan und bringt Waffen und Tod
und hört er Frieden, sieht er rot.

Er sagt als Präsident von USA
Atomkrieg ? - Ja bitte dort und da
ob Polen, Mittler Osten, Nicaragua
er will den Endsieg, das ist doch klar.

Doch wir wollen: Sonne statt Reagan
ohne Rüstung leben !
Ob West, ob Ost
auf Raketen muß Rost !

Wir wollen: Sonne statt Reagan
ohne Rüstung leben !
Ob West, ob Ost
auf Raketen muß Rost !

Er will die Säcke im Osten reizen
die auch nicht mit Atomen geizen
doch dein Krieg um hirnverbrannte Ziele
der läuft nicht Reagan - wir sind viele !

Hau ab mit deinen Nuklearstrategen
deinen Russenhassern, deinem Strahlenregen
Mensch Knitterface, der Film ist aus
nimm' die Raketen mit nach Haus !

Denn wir wollen: Sonne statt Reagan
ohne Rüstung leben !
Ob Ost, ob West
Kalten Kriegern die Pest !

Wir wollen: Sonne statt Reagan
ohne Rüstung leben !
Ob Ost, ob West
Kalten Kriegern die Pest !

Dieser Reagan kommt als Mann der Rüstungsindustrie
but the peoples of the States don't want it - nie !
und den wahren Frieden wird's erst geben
wenn alle Menschen ohne Waffen leben.

Wir wollen: Sonne statt Reagan
ohne Rüstung leben !
Ob West, ob Ost
auf Raketen muß Rost !

Sonne statt Reagan
ohne Rüstung leben !
Ob Ost, ob West
Kalten Kriegern die Pest !

Wir wollen: Sonne statt Reagan
ohne Rüstung leben !
Ob West, ob Ost
auf Raketen muß Rost !

Wir wollen: Sonne statt Reagan


Seit Monaten werden von »unseren« Politikern – oder Institutionen – an Putin Warnungen ausgesprochen, die auf noch nicht überprüften oder nicht überprüfbaren Vorfällen beruhen. Seit Monaten machen sich unsere Politiker damit lächerlich und unglaubwürdig. Und seit Monaten wird nur in den alternativen, aber nicht in den Leitmedien über diese reflexhaften Schuldzuweisungen und Warnungen diskutiert. (Ausnahmen: ZAPP, extra3, Neues aus der Anstalt) Politiker und Journalisten scheinen zum großen Teil frei zu sein von Schamgefühlen. Wenn ich in einer Fernsehsendung meinen Gesprächspartner dazu bringen will, einen Vorgang oder eine Situation auf eine bestimmte Art und Weise zu beurteilen, degradierte ich ihn zu einem Instrument meiner Überzeugung. (»Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andersdenkenden!«) Wenn ich mein Handeln reflektiere, müsste ich danach Scham empfinden. Scham kann ein wichtiges Korrektiv sein! Aber wo sehe ich Korrekturen?!
Ein zartes Pfänzchen regt sich möglicherweise beim SPIEGEL:
- Ukraine-Konflikt: Wenn Hysterie brandgefährlich wird (Christian Neef, 16.08.2014)
Kann eine mögliche Falschmeldung aus einem Konflikt einen Krieg entzünden? In der Ukraine-Krise scheint die Gefahr nach dem angeblichen Angriff eines russischen Militärkonvois größer denn je.

Nirgendwo in den letzten Monaten habe ich in der Art der Berichterstattung über die Vorgänge in der Ukraine bei unseren Leitmedien irgend eine Art von Selbstreflexion wahrnehmen können, obwohl es wahrlich genügend Anlässe dazu gegeben hätte. Wie vom Fließband werden in Wort und Bild immer die gleichen Beschreibungen und Interpretationen der Realität heruntergebetet. Ich habe keine Kalaschnikow und keinen Panzer gesehen, der nachweislich aus Russland in die Ukraine geliefert worden wäre. 

UN: Keine Beweise, dass Russland Waffen an Ostukraine liefert, crash-magazine online, 02.08.2014
- Verwirrspiel um den Bericht über den Absturz von MH17, Telepolis, 19.08.2014) 
- Kriegspropaganda: Eine Kiewer Ente im deutschen Blätterwald (Telepolis, 19.08.2014)

Was ich gesehen habe, ist, dass ein ukrainisches Jagdflugzeug ein öffentliches Gebäude in Lugansk bombardiert, während die ukrainische Regierung behauptet, die Explosion habe im Gebäude stattgefunden. (Man google nach den Begriffen »Lugansk« und »Luftangriff«: Während jede Menge alternativer Medien die OSZE-Bestätigung des Luftangriffs vom 02.06.2014 melden, tut dies kein einziges unserer Leitmedien! Auf der OSZE-Internetpräsenz selbst, die wie mehrere Seiten am 3., 4. und 5. Juni meldeten, nach der Bestätigung nicht mehr erreichbar war, konnte ich die Bestätigung des Luftangriffs vom 03.06.2014 letztlich finden: Latest news from the OSCE Special Monitoring Mission to Ukraine (SMM), based on information received until 18:00 hrs, 2 June (Kyiv time).)

Ich habe Bilder gesehen von einem »pro-russischen Separatisten«, der eine Stoffpuppe hochhält, mit der Schlagzeile »Rebellen verhöhnen die Opfer« (Tagesanzeiger, 30.07.2014) oder »Welt ächtet Putin« (oe24, 19.07.2014, BILD am gleichen Tag). Wie weit ist es mit unserer Medienkultur gekommen, dass sich bisher niemand dafür entschuldigt hat? Wie weit ist es mit unserer Medienkultur gekommen, dass die Kommentarfunktion eines Artikels einfach abgeschaltet wird? (SPIEGEL, FAZ) Wie weit ist es mit unserer politischen Kultur gekommen, wenn unsere Politiker Schuld auf dem Boden nicht nachgewiesener Meldungen zusprechen? Und wie weit ist es mit unserer politischen und medialen Kultur gekommen, wenn diese falschen Schuldzuweisungen nicht thematisiert werden? 

Serenading the cattle with my trombone (Lorde - Royals) [4:14]

Veröffentlicht am 03.08.2014 


Ich bin auf die Fähigkeit unserer Kultur, Sachverhalte kritisch zu überprüfen, vernünftig über einen Sachverhalt zu reden und eigenes Verhalten kritisch zu hinterfragen stolz! Dies sind Errungenschaften der Aufklärung. Wir laufen zurzeit Gefahr, diese für unsere kulturelle Identität äußerst wichtigen Qualitäten mit Füßen zu treten! Wofür bezahlen wir einen solch hohen Preis? 

http://www.manfred-gebhard.de/beuys2.jpg
Joseph Beuys, Ich kenne kein Weekend, roter Stempel auf Reclamheft mit Maggiwürze, 1971


siehe auch:
- Vor 155 Jahren: Sigmund Freud wird geboren (08.05.2011)
- Heute vor 67 Jahren: Uraufführung von Sartres »Huis Clos (Bei geschlossenen Türen)« (26.05.2011)
- Wir geben ihnen Macht 1 (14.03.2013)
- Realität ist, was wir glauben wollen (29.08.2013) 


aktualisiert am 19.08.2014

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Sonntag, 17. August 2014

Atomkraft und der menschliche Faktor

- Löcher im Schweizer AKW (Telepolis, 17.08.2014)
Sicherheit ist auch eine Frage der Nachlässigkeit. Am Reaktor Leibstadt haben Arbeiter für das Aufhängen von Handfeuerlöschern mal eben das Primärcontainment des AKW angebohrt 

Das Schweizer AKW Leibstadt liegt direkt an der Grenze zu Baden-Württemberg. Wie erst jetzt aufgefallen ist, waren 2008 für den Schutz im Brandfall Feuerlöscher installiert worden. Anscheinend erschien den Arbeitern dafür die Stahlhülle des Primärcontainments am robustesten, um die Dübel zu halten, so dass sie sechs [korrigiert:] 6 mm breite und 3,8 Zentimeter tiefe Löcher in den Sicherheitsbehälter trieben. Nach Bekanntwerden dieser improvisierten Arbeiten am Schutzbehälter kommentierte Jörg Gantzer vom Landratsamt Waldshut: "Es ist ein unglaublicher Vorgang, dass jemand auf die Idee kommt, die Stahlhülle des Primärcontainments anzubohren ... Kaum auszudenken wenn es in dieser Zeit einen Störfall mit einem Druckanstieg im Reaktor gegeben hätte." 

Anmerkung von mir: Wir reden hier nicht von Afrika, dem Nahen Osten oder Osteuropa, wir reden von der Schweiz!!

siehe dazu auch:
Atomkraftwerk – Russische Energie wird wichtiger: Belgien schaltet drei Atomkraftwerke ab (DeutscheWirtschaftsNachrichten, 24.08.2014) 
Belgien muss drei seiner Atom-Reaktoren abschalten. In einem Fall gehen die Behörden von Sabotage aus, in zwei weiteren Kraftwerken wurden Haarrisse entdeckt. Durch die Abschaltungen könnte ein Viertel der belgischen Stromversorgung dauerhaft wegfallen. Damit wird die EU noch abhängiger von Energie-Lieferungen aus Russland. 
Die belgischen Behörden haben wegen Sicherheitsbedenken drei der landesweit sieben Atomreaktoren längerfristig abgeschaltet. In Doel bei Antwerpen ist die Dampfturbine eines Reaktors heißgelaufen und ausgefallen, weil Öl ausgelaufen ist. Als Ursache wird Sabotage durch einen Mitarbeiter vermutet, der ein Ventil offen gelassen haben soll, die Staatsanwaltschaft ermittelt. In zwei weiteren Reaktoren wurden Haarrisse in Behältern gefunden. Die Reaktoren könnten für immer abgeschaltet bleiben, denn sollten sich die Risse ausdehnen könnte Wasser austreten. 
Zwei weitere Blöcke sind in Doel bereits abgeschaltet, weil im November 2012 bei einer Routineinspektion mit Ultraschall tausende von Rissen in den Reaktordruckbehältern entdeckt worden waren. Zunächst waren die Anlagen nach einer Prüfung im Juni 2013 wieder hochgefahren worden, dann wurden sie im März 2014 wieder abgeschaltet, weil die belgischen Behörden nicht sicher waren, dass die Behälter mechanisch wirklich noch belastbar sind.  

siehe dazu auch:
- Zwei belgische Atommeiler vor der definitiven Abschaltung? (Telepolis, 20.08.2014)
Notfallpläne werden geschmiedet, die gefährlichen Risse können in Reaktorbehältern auch in der Schweiz, den Niederlanden, Schweden, Spanien, den USA und Argentinien auftreten 
Der flämische Rundfunk VRT berichtet, dass die beiden Atommeiler Doel 3 und Tihange 2 vermutlich wohl nicht mehr ans Netz gehen können. Schon 2012 waren sie abgeschaltet worden, weil 8.000 Risse bei einer Ultraschallprüfung am Reaktorbehälter in Doel 3 entdeckt wurden, weshalb der baugleiche Meiler in Tihange zur Sicherheit ebenfalls vom Netz genommen worden war (Risse an Reaktorbehältern). Allerdings wurde später berichtet, dass die Probleme mit dem verwendeten Stahl schon seit 1979 bekannt waren.

- Atomkraft in Belgien (Überhauptgarnix, 23.08.2014)
Der belgische Atomreaktor BR-3 im Studienzentrum für Kernenergie war der erste kommerzielle Reaktor des Landes. Er wurde am 30. Juni 1987 endgültig stillgelegt. 


Derzeit [August 2014] sind in Belgien noch die beiden Atomkraftwerke Doel und Tihange mit insgesamt 7 Reaktorblöcken in Betrieb. Sie verfügen über eine installierte Bruttogesamtleistung von 6.104 MW und decken einen Anteil von etwa 54% der gesamten Stromerzeugung Belgiens. Betreiber der beiden Atomkraftwerke ist der belgische Konzern Electrabel der wiederum zum französischen Energiekonzern GDF Suez gehört.


siehe dazu auch:
- Atom: Der ganz normale Pfusch (Telepolis, 06.09.2014)
Wieder einmal wurde in Deutschland beim Umgang mit hochradioaktivem Material geschlampt. In Japan startet derweil die Regierung ein neues Manöver, um einen Teil der dortigen AKW wieder ans Netz zu bringen
Nach einem Bericht des Norddeutschen Rundfunks hat die Bundesanstalt für Materialforschung 44 sogenannte Castor-Behältern für hochradioaktiven Müll zurückgerufen. Sie sollen noch einmal zum Hersteller, der Gesellschaft für Nukleare Sicherheit, weil Teile der Behälter nicht ausreichend geprüft worden seien. In vier Fällen käme der Rückruf aber zu spät, da sie bereits mit abgebrannten Brennelementen befüllt seien.

 aktualisiert am 06.09.2014
 

Samstag, 16. August 2014

Peter Scholl-Latour ist tot

DER SPIEGEL (13.11.2006) nannte ihn 2006 anlässlich der Vorstellung seines 27. Buches den »letzten Welterklärer«.

Peter Scholl-Latour wurde als »Halbjude« im Saarland geboren, wuchs in Lothringen auf, besuchte ein Jesuitenkolleg, war in Gestapo-Haft, als französischer Offizier im Indochinakrieg, studierte Philologie und Literaturwissenschaft in Mainz und an der Pariser Sorbonne, promovierte über Rudolf G. Binding, studierte in Beirut Arabistik und Islamkunde, fungierte als Regierungssprecher des Saarlandes, war ARD-Korrespondent für Afrika, gründete das ARD-Studio in Paris, Chefkorrespondent beim ZDF, machte als Sonderkorrespondent des ZDF eine Woche Gefangenschaft bei den Vietcong mit, schmuggelte als journalistischer Begleiter des aus Paris zurückkehrenden Ayatollah Chomeini die neue iranische Verfassung in seinem Gepäck, war WRD-Fernsehdirektor, Chefredakteur und Herausgeber des Stern und Vorstandsmitglied bei Grunder + Jahr.

Er befürwortete als erklärter Gaullist eine gemeinsame europäische Verteidiung und kritisierte die EU-Osterweiterung, kritisierte schon im Vorfeld unter Hinweis auf den französischen Algerienkrieg die Kriege im Irak und in Afghanisten und sagte deren Scheitern voraus. Al-Quaida war für ihn ein CIA-Produkt, und er nahm auch kein Blatt vor den Mund, als er George W. Bush den dümmsten Präsidenten der US-amerikanischen Geschichte nannte.

Der Sicherheitsrat lügt [0:46]

Hochgeladen am 06.04.2011 
"Natürlich lügt der Sicherheitsrat. Wie naiv sind sie denn?"

Bei der ARD finden sich eine kurze Einschätzung seiner journalistische Tätigkeit und ein hörenswertes Gespräch mit Ulrich Wickert über seine Persönlichkeit. (Gespräch mit Wickert auch beim Deutschlandradio)

Nachrufe
- bei der ZEIT: Nachruf Peter Scholl-Latour – Die letzte Reise des Weltenerklärers (16.08.2014)
- beim SPIEGEL: Nachruf auf Peter Scholl-Latour: Der ewige Abenteurer (16.08.2014)
- beim Stern: Peter Scholl-Latour – "Letzter journalistischer Welterklärer" ist tot (16.08.2014)
beim Deutschlandradio:
zwei Selbstinterpretationen
- http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2014/08/16/drk_20140816_2305_a8853f1f.mp3
- http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2014/08/16/dlf_20140816_1809_8b16c962.mp3
Einschätzungen durch
- Fritz Pleitgen
- Marcel Pott
- Denk ich an Deutschland (Peter Scholl-Latour)
- Scholl-Latour: "Wir leben in einer Zeit der Massenverblödung" (Telepolis, 09.03.2014)

Zitat vom altermannblog:
Widerlich die Nachrufe der Michelpresse, die Krokodilstränen vergießen, für einen Mann, der ihnen zunehmend lästig wurde. (Dort gibt es auch einen Link zu einem entsprechenden Artikel von Joachim Fritz Vannahme, bei Bertelsmann Director des Programms Europas Zukunft…) Aus einem Leserkommentar:
»In Zukunft wird Kluges nicht mal mehr genuschelt.«


zu Peter Scholl-Latour siehe auch folgende Posts:
Leseempfehlungen für den 21. Juni 2014 (21.06.2014) 
Der Ukraine-Konflikt 5 – Die Nagelprobe des Journalismus (21.04.2014)
Peter Scholl-Latour wird heute 90 Jahre alt (09.03.2014)
Der Ukraine-Konflikt 1 – Westliche Aufgeregtheit und staatliches Gedächtnis (04.03.2014)


einige Zitate:
»Wenn Sie sich einmal anschauen, wie einseitig die hiesigen Medien, von TAZ bis Welt, über die Ereignisse in der Ukraine berichten, dann kann man wirklich von einer Desinformation im großen Stil berichten, flankiert von den technischen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters, dann kann man nur feststellen, die Globalisierung hat in der Medienwelt zu einer betrüblichen Provinzialisierung geführt. Ähnliches fand und findet ja bezüglich Syrien und anderen Krisenherden statt.« ("Wir leben in einer Zeit der Massenverblödung", Ramon Schack, Telepolis, 09.03.2014)

»Die Medien machen eine systematische Hetze gegen das Russland Putins.« ("Deutsche an die Front? Berlin denkt um", Internationaler Frühschoppen, 02.02.2014)

“So lupenrein ist unsere Demokratie auch nicht mehr….wenn man allein die Herrschaft der Medien betrachtet, da gibts eben doch sehr starke Beeinflussungen…die Einseitigkeit, die Irreführung der öffentlichen Meinung, hat man ja am Beispiel Syrien gesehen, das ist ein konzentrierter Beschuss….” (Video: maybrit illner "Ägypten zwischen Glaube und Gewalt - Erwartet der Westen zu viel?", »Steht Ägypten vor dem Bürgerkrieg?«, 22.08.2013, ab 53:30)

"Ich fürchte nicht die Stärke des Islam, sondern die Schwäche des Abendlandes. Das Christentum hat teilweise schon abgedankt. Es hat keine verpflichtende Sittenlehre, keine Dogmen mehr. Das ist in den Augen der Muslime auch das Verächtliche am Abendland." - (zitiert bei Eduard Stäuble: Die Schweiz und die geistige Situation der Gegenwart. Schweizerzeit Schriftenreihe Nr. 34, 2000, Seite 39, Fußnote 12, GoogleBooks)

- Die Freiheitskämpfer [in Libyen] benehmen sich genauso schlimm wie die Truppen Gaddhafis. […] Er ist gefoltert und gepfählt worden. Das sind die Methoden der Freiheitskämpfer. Man soll nicht so furchtbar einseitig schwarz-weiß denken und daran denken, daß der libanesische Bürgerkrieg 15 Jahre lang gedauert hat.
- Die Jungs, die da mit Facebook rumspielen, das sind Dilettanten.
- Um eine Revolution zu machen muß man Schläger haben und Ganoven haben und nicht irgendwelche jungen Leute, Idealisten.
- Dieses humanitäre Geschwafel bin ich leid.
(Video: Peter Scholl Latour rastet aus Syrien , Salafisten, Islam Der Talkshow Eklat)


Heute vor 90 Jahren – 16. August 1924: In London wird der Dawesplan unterzeichnet

Atempause für die deutsche Wirtschaft 

Der Konflikt um die Höhe der Reparationen, die Deutschland nach dem Ende des Ersten Weltkriegs an die Alliierten zahlen sollte, eskalierte 1923 mit der französischen Besetzung des Ruhrgebiets. Ein internationaler Sachverständigenausschuss unter der Leitung des Amerikaners Charles Dawes (1865-1951) erarbeitete einen neuen FinanzierungspIan, der die Zahlungen ausschließlich von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Deutschen Reichs abhängig machte. Die jährliche Belastung Deutschlands sollte 1 Mrd. Reichsmark (RM) betragen und nach fünf Jahren auf 2,5 Mrd. RM anwachsen. Als Starthilfe sollte Deutschland eine internationale Anleihe erhalten. Zur Sicherung der Zahlungen mussten die Reichsbahn und die Reichsbank unter internationale Kontrolle gestellt werden. 

Der Dawesplan wurde später vom Youngplan abgelöst,
wie es die Karikatur von 1929 zeigt.
  Der am 16. August 1924 in London unterzeichnete Dawesplan erreichte zumindest zeitweilig sein Ziel, die deutsche und europäische Wirtschaft zu stabilisieren. Als sich die Verpflichtungen für das Deutsche Reich als nicht mehr tragbar erwiesen, trat 1929 der Youngplan an seine Stelle. 

Youngplan 
▪︎ kam dem deutschen Wunsch nach Senkung der Schuldenlast entgegen  
▪︎ beendete die Einschränkung der deutschen Souveränität 
▪︎ wurde schon 1932 wieder aufgehoben 
Harenberg – Abenteuer Geschichte 2014 

Freitag, 15. August 2014

Ukraine 15 – Die – zumindest teilweise – Vernichtung eines gepanzerten russischen Phantom-Konvois

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Heute vor 100 Jahren – 15. August 1914: Das erste Schiff durchfährt den Panamakanal

Die Idee war mehrere Hundert Jahre alt - ehe die schiffbare Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik durch den Panama-Kanal eröffnet werden konnte, brauchte es aber eine Revolution, eine spektakuläre Pleite und 30.000 Tote.

Am 15. August 1914, also vor 100 Jahren, durchfuhr der 200 Passagiere befördernde Dampfer "Ancona" als erstes Wasserfahrzeug den von den Amerikanern nach 10-jähriger Bauzeit errichteten knapp 82 km langen Panamakanal. Erstmals gelangte damit ein Schiff vom Atlantik in den Pazifik ohne die Umfahrung des südamerikanischen Kontinents und des dortigen berühmt-berüchtigten Kap Hoorn.
mehr, auch zum Bau und seiner politischen Geschichte:
- 100 Jahre Panama-Kanal + Video (Wirtschaftsblatt, 15.08.2014)

- Der Panamakanal – Geschichte einer technischen Meisterleistung (3sat, 29.06.2014, mit Link zum Video)
- Bilder – Seit dem 15.8.1914 ist der Panamakanal befahrbar (Bilderstrecke bei der Tagesschau)
- Der Panamakanal wird 100 – Ein gigantisches Projekt (Tagesschau, 15.08.2014, mit Video)
- 100 Jahre Panamakanal – Der große Schnitt durch den Kontinent (Stern, 14.08.2014, mit Bildergalerie)
- Wasserstraßen – Seit hundert Jahren teilt der Panamakanal die Erde (Spektrum, 21.08.2014)
- Der Panamakanal feiert Geburtstag – Hundert Jahre Auf und Ab (Stuttgarter Zeitung, 13.08.2014, mit Video)
- Panamakanal – eine Wasserstraße wird 100 Jahre alt (Wissen.de)
- 100 Jahre Panama-Kanal – Der Geldfluss (Der Tagesspiegel, 15.08.2014)
- Panamakanal – Diese Wasserstraße kostete 28.000 Menschenleben (Die Welt, 15.08.2014)
Vor hundert Jahren ging die Verbindung vom Atlantik zum Pazifik in Betrieb. Der insgesamt 82 Kilometer lange Kanal war ein alter Menschheitstraum und trug zum Aufstieg der USA zur Supermacht bei.
- Hundert Jahre Panama-Kanal (Le Monde Diplomatique, 08.08.2014)
Die wichtigste Wasserstraße Amerikas war von Anfang an nicht einfach nur ein Handelsweg, sondern immer auch ein geostrategisches Projekt der USA. Ein neuer Kanal quer durch Nicaragua, gebaut von Chinesen, soll ihm nun Konkurrenz machen.  
- 100 Jahre Panamakanal ... ein Beispiel amerikanischer, imperialistischer Politik ... (Schnittpunkt 2012, 17.08.2014)
Die Wasserstraße am Isthmus, zwischen Atlantik und Pazifik, ist rund 80 Kilometer lang und gilt noch immer als eine der größten Ingenieursleistungen der Geschichte.
Als die "SS Ancon" am 15. August 1914 als erstes Schiff den Panamakanal durchfuhr, wurde ein Jahrhunderte alter Menschheitstraum Wirklichkeit. Bereits im 16. Jahrhundert ließ der spanische Kaiser Karl V. Baupläne für eine Wasserstraße zwischen Atlantik und Pazifik entwerfen. Auch der deutsche Forschungsreisende Alexander von Humboldt träumte von einem Kanal über den Isthmus.
Doch es sollte bis Anfang des 20. Jahrhunderts dauern sowie Tausende Menschenleben und Millionen Dollar kosten, bis die interozeanische Wasserstraße Realität wurde. Zunächst versuchten sich die Franzosen an dem Bau des Kanals. 1880 begannen die Arbeiten unter der Leitung des Suez-Kanal-Erbauers Ferdinand de Lesseps. Allerdings unterschätzten die Franzosen die schwierigen geologischen Verhältnisse und die Gefahr durch Tropenkrankheiten. Nach neun Jahren waren Malaria und Gelbfieber schätzungsweise 20.000 Arbeiter zum Opfer gefallen und die aufwendigen Arbeiten hatten die Kanalgesellschaft in den Konkurs getrieben.

- Der Kampf um den Panamakanal (Le Monde Diplomatique, 23.04.1998)
Am Silvestertag übergeben die USA die legendäre Wasserstraße an Panama. Der Bau, 1880 bis 1914, war ein Finanzkrimi, eine diplomatische Gaunerkomödie - und ein technisches Meisterwerk. 
- Der Panamakanal - seine Geschichte (Seefunknetz, 1999)
- Ende gut, alles gut? Der lange Abschied der USA vom Panamakanal (Quetzal, 1999)
- Die schleichende Revision der Verträge – Geschichte und Gegenwart des Panamakanals (ila, November 2003)
 
aktualisiert am 07.09.2014

Da ist niemand, dem man die Schuld geben kann

Hartz IV Von der Universität ins Jobcenter. Wie man von heute auf morgen Hartz IV-Empfänger wird. Ein persönlicher Erfahrungsbericht 

Fünf Jahre Bulimie-Lernen, nächtliche Lernmarathons und das Schreiben von Hausarbeiten im Wochentakt waren vorbei. Endlich hatte ich ihn in der Tasche: den Universitätsabschluss. Und nun: Bewerben natürlich! Karriere machen, Geld verdienen, Familie gründen. Ich war bereit die Welt zu erobern, aber merkte schnell, dass die Welt von mir nicht erobert werden wollte.

mehr bei:
- Da ist niemand, dem man die Schuld geben kann (Der Freitag, Nutzerbeitrag, 15.08.2014)