Sonntag, 21. Januar 2007

Eine kurze Geschichte vom Urknall, Teil 2

Obwohl alle vom Urknall reden, werden wir in vielen Büchern gewarnt, man solle sich darunter keine Explosion im üblichen Sinn vorstellen. Es war vielmehr eine riesige, sehr plötzliche Ausdehnung von ungeheuren Ausmaßen. Aber wodurch wurde sie ausgelöst?

Eine Vorstellung besagt, die Singularität sei vielleicht der Überrest eines früheren, zusammengebrochenen Universums danach wären wir nur Teil eines ewigen Kreislaufs, in dem sich Universen ausdehnen und zusammenziehen wie der Blasebalg an einem Sauerstoffgerät. Andere führen den Urknall auf ein so genanntes »falsches Vakuum«, ein »Skalarfeld« oder eine »Vakuumenergie« zurück – in jedem Fall auf eine Qualität oder ein Etwas, das in das bestehende Nichts ein gewisses Maß an Instabilität hineinbrachte. Dass aus dem Nichts ein Etwas hervorgeht, erscheint unmöglich, aber die Tatsache, dass vorher nichts da war und jetzt ein Universum existiert, ist der Beweis, dass es möglich ist. Vielleicht ist unser Universum nur ein Teil vieler größerer Universen, von denen manche in anderen Dimensionen existieren, und vielleicht laufen ständig und überall Urknalle ab. Möglicherweise hatten Raum und Zeit auch vor dem Urknall eine völlig andere Form, die wir uns in ihrer Fremdartigkeit nicht vorstellen können, und der Urknall stellt eine Art Übergangsphase dar, in der das Universum sich von einer unbegreiflichen Form in eine andere verwandelte, die wir beinahe verstehen können. »Das sind schon fast religiöse Fragen«, erklärte der Kosmologe Dr. Andrei Linde aus Stanford im Jahr 2001 der New York Times.

In der Urknalltheorie geht es eigentlich nicht um den Urknall selbst, sondern um das, was danach geschah. Nicht lange danach, wohlgemerkt. Nachdem die Wissenschaftler eine Menge Mathematik betrieben und genau zugesehen haben, was in Teilchenbeschleunigern vor sich geht, können sie heute nach eigenen Angaben bis 10 hoch -43 [gesprochen: 10 hoch minus 43] Sekunden nach dem Augenblick der Schöpfung zurückblicken – damals war das Universum noch so klein, dass man es nur mit dem Mikroskop hätte sehen können. Wir brauchen nicht jedes Mal in Ohnmacht zu fallen, wenn uns ungewöhnliche Zahlen begegnen, aber von Zeit zu Zeit sollten wir vielleicht doch innehalten und uns daran erinnern, wie erstaunlich und unbegreiflich sie sind. 10 hoch -43 ist gleichbedeutend mit 0,000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.1 oder einer zehn millionstel billionstel billionstel billionstel [oder auch: eine zehn septrillionstel] Sekunde.

Was wir heute über die ersten Augenblicke des Universums wissen oder zu wissen glauben, geht zum größten Teil auf die »Inflationstheorie» zurück, einen Gedanken, der erstmals 1979 von einem jungen Teilchenphysiker namens Alan Guth geäußert wurde. Guth – er arbeitete damals in Stanford und ist heute am Massachusetts Institute of Technology tätig – war damals 32 und hatte nach eigenem Eingeständnis zuvor noch nicht viel zuwege gebracht. Vermutlich wäre er nie auf seine großartige Idee gekommen, wenn er nicht einen Vortrag über den Urknall gehört hätte, den ausgerechnet Robert Dicke hielt. Der Vortrag weckte bei Guth das Interesse für Kosmologie und insbesondere für die Entstehung des Universums.

Am Ende kam dabei die Inflationstheorie heraus. Sie besagt, das Universum habe einen kurzen Augenblick nach Anbeginn der Schöpfung eine drastische Ausweitung erlebt. Es wurde »aufgeblasen« – eigentlich lief es vor sich selbst davon, und seine Größe verdoppelte sich alle 10 hoch -34 Sekunden. Die ganze Episode dürfte nicht länger als 10 hoch -30 Sekunden gedauert haben – eine millionstel millionstel millionstel millionstel millionstel [oder auch: eine quintrillionstel] Sekunde –, aber in dieser Zeit wurde das Universum von einem Gebilde, das man in der Hand halten konnte, zu etwas mindestens 10.000.000.000.000.000.000.000.000 [10 Quatrillionen] Mal Größerem. Die Inflationstheorie erklärt die Wellen und Wirbel, die unser Universum möglich machen. Ohne sie gäbe es keine Materieklumpen und damit auch keine Sterne, sondern nur treibende Gase und immerwährende Dunkelheit.

Wenn Guths Theorie stimmt, entstand nach ungefähr einem Zehnmillionstel einer billionstel billionstel billionstel Sekunde die Schwerkraft. Nach einem weiteren lächerlich kurzen Zeitraum kamen der Elektromagnetismus sowie die starken und schwachen Kernkräfte hinzu das Material der Physik. Einen Augenblick später folgten Schwärme von Elementarteilchen das Material der Materie. Aus dem Nichts gab es plötzlich Schwärme von Photonen, Protonen, Elektronen, Neutronen und vieles andere – von jedem nach der Standard-Urknalltheone etwa 10 hoch 79 bis 10 hoch 89 Stück.

Das sind natürlich unvorstellbare Mengen. Wir brauchen uns nur zu merken, dass nach einem einzigen entscheidenden Augenblick plötzlich ein riesiges Universum da war – es hat nach der Theorie einen Durchmesser von mindestens 100 Milliarden Lichtjahren, könnte aber auch noch viel größer oder sogar unendlich groß sein. Dieses Universum bot alle Voraussetzungen für die Entstehung der Sterne, Galaxien und anderer komplizierter Systeme.

aus Bill Bryson, Eine kurze Geschichte von fast allem

Donnerstag, 18. Januar 2007

Krebskrank in den USA

25 Prozent der Befragten, die in den vergangenen fünf Jahren eine Krebserkrankung in ihrer Familie hatten, sagten, daß sie aufgrund der Krankheit alle oder fast alle ihre Ersparnisse eingebüßt hätten. Unter denen, die nicht krankenversichert waren, verbrauchten fast die Hälfte (46 Prozent) ihre Ersparnisse, aber selbst unter den Versicherten war die Quote mit 22 Prozent hoch. 13 Prozent der Befragten mussten sich Geld von Verwandten leihen (30 Prozent der Nicht-Versicherten), 13 Prozent waren aufgrund ausstehender Rechnungen von einem Pfändungsunternehmen kontaktiert worden (34 Prozent der Nicht-Versicherten).

aus der Ärzte Zeitung, 12.01.2007

Der unbeachtete Skandal

Generika-Hersteller in Deutschland haben in den vergangenen Wochen ihre Preise offenbar auf breiter Front angehoben. Wie mehrere mit der Materie vertraute Personen Dow Jones Newswires am Donnerstag sagten, haben viele Unternehmen der Branche im Dezember die Preise erhöht, um durch anschließende Preissenkungen zum 1. Januar der Verpflichtung entgehen zu können, den so genannten Herstellerrabatt in gleicher Höhe zahlen zu müssen.
Meldung in finanzen.net vom 21.12.2006

Eine kurze Geschichte vom Urknall, Teil 1

Wir können uns noch so viel Mühe geben – niemals werden wir begreifen, wie winzig, wie räumlich bescheiden ein Proton ist. Dazu ist es einfach viel zu klein.

Ein Proton ist ein letzter Baustein eines Atoms, und auch das ist natürlich kein greifbares Gebilde. Protonen sind so klein, dass ein kleiner Fleck Druckerschwärze, beispielsweise der Punkt auf diesem i, ungefähr 500 000 000 000 [das sind 500 Milliarden] von ihnen Platz bietet, das sind mehr als die Sekunden in einer halben Million Jahre. Protonen sind also, gelinde gesagt, überaus mikroskopisch.

Nun stellen wir uns vor (was wir natürlich nicht können), eines dieser Protonen würde auf ein Milliardstel seiner normalen Größe schrumpfen und einen so kleinen Raum einnehmen, dass ein Proton daneben riesengroß wirkt. Und in diesen winzig kleinen Raum packen wir nun ungefähr 30 Gramm Materie. Ausgezeichnet. Jetzt können wir ein Universum gründen.

Natürlich gehe ich davon aus, dass wir ein inflationäres Universum bauen wollen. Wer stattdessen das altmodische Standard Urknalluniversuni bevorzugt, braucht zusätzliches Material. Dann müssen wir sogar alles zusammensammeln, was es gibt – jedes kleine Fitzelchen und Teilchen der Materie von hier bis zu den Rändern der Schöpfung –, und alles in einen so unendlich kompakten Punkt zusammenpressen, dass er überhaupt keine Dimensionen hat. So etwas bezeichnet man als Singularität.

So oder so müssen wir uns auf einen richtig großen Knall vorbereiten. Dabei würden wir uns natürlich gern an einen sicheren Ort zurückziehen und das Schauspiel von dort aus beobachten. Leider können wir aber nirgendwo Zuflucht suchen, denn außerhalb der Singularität gibt es kein Wo. Wenn die Ausdehnung des Universums beginnt, füllt sich damit keine größere Leere. Es existiert nur ein einziger Raum: der Raum, der während des Vorganges erschaffen wird.

Sich die Singularität als eine Art schwangeren Punkt vorzustellen, der in einer dunklen, grenzenlosen Leere hängt, ist zwar eine natürliche, aber auch falsche Vorstellung. Es gibt weder Raum noch Dunkelheit. Um die Singularität herum ist nichts. Dort existiert kein Raum, den sie einnehmen könnte, kein Ort, an dem sie sich befindet. Wir können noch nicht einmal fragen, wie lange sie schon dort ist – ob sie wie eine gute Idee gerade erst ins Dasein getreten ist oder ob sie schon immer da war und in aller Ruhe auf den richtigen Augenblick gewartet hat. Die Zeit existiert nicht. Es gibt keine Vergangenheit, aus der sie hervortreten könnte.

Und so, aus dem Nichts, nimmt unser Universum seinen Anfang.

In einem einzigen blendenden Stoß, in einem Augenblick der Prachtentfaltung, der für jede Beschreibung mit Worten viel zu schnell und umfangreich ist, nimmt die Singularität himmlische Dimensionen an und wird zu einem unvorstellbar großen Raum. In der ersten, lebhaften Sekunde (und viele Kosmologen widmen ihre gesamte Berufslaufbahn dem Versuch, diese Sekunde in noch dünnere Scheiben zu zerlegen) entstehen die Schwerkraft und die anderen beherrschenden Kräfte der Physik. Nach noch nicht einmal einer Minute hat das Universum einen Durchmesser von weit mehr als einer Million Milliarden Kilometern, und es wächst schnell. Wärme ist jetzt reichlich vorhanden, zehn Milliarden Grad, genug, damit die Kernreaktionen beginnen und leichte Elemente entstehen lassen – im wesentlichen Wasserstoff und Helium mit einem Schuss (ungefähr einem unter hundert Millionen Atomen) Lithium. Nach drei Minuten sind 98 Prozent aller Materie entstanden, die existiert oder jemals existieren wird. Wir haben ein Universum. Es ist ein Ort der erstaunlichsten und lohnendsten Möglichkeiten, und wunderschön ist es auch. Und alles ist ungefähr in der Zeit geschehen, die man zur Zubereitung eines Sandwichs braucht.

Wann sich dieser Augenblick ereignet hat, ist noch ein wenig umstritten. Die Kosmologen haben lange darüber diskutiert, ob der Augenblick der Schöpfung sich vor zehn Milliarden Jahren abspielte, oder vor doppelt so langer Zeit, oder irgendwo dazwischen. Heute bewegt man sich offenbar auf eine Einigung bei ungefähr 13,7 Milliarden Jahren zu, aber die Messung solcher Dinge ist, wie wir noch sehen werden, von berüchtigter Schwierigkeit. Eigentlich kann man nur eines mit Sicherheit sagen: An irgendeinem unbestimmten Punkt in der sehr weit entfernten Vergangenheit kam aus unbekannten Gründen der Augenblick, der in der Wissenschaft als t = 0 bezeichnet wird. Von da an waren wir unterwegs.

Natürlich wissen wir vieles noch nicht, und von dem, was wir zu wissen glauben, wussten wir vieles vor kurzem ebenfalls noch nicht, oder wir glaubten noch nicht, es zu wissen. Selbst die Vorstellung vom Urknall ist noch relativ neu. Die Idee als solche geisterte schon seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts herum, als der belgische Priester und Gelehrte Georges Lemâitre sie erstmals vorsichtig äußerte, aber in der Kosmologie spielt sie erst seit Mitte der sechziger Jahre eine größere Rolle. Damals machten zwei junge Radioastronomen eine außergewöhnliche, unerwartete Entdeckung.

Die beiden – sie hießen Arno Penzias und Robert Wilson – wollten 1965 mit einer großen Funkantenne arbeiten, die den Bell Laboratories gehörte und in Holmdel, New Jersey, stand. Dabei störte sie aber ein ständiges Hintergrundgeräusch – ein ununterbrochenes Zischen, das jede experimentelle Arbeit unmöglich machte. Es war ein erbarmungsloser, unbestimmter Lärm, der Tag und Nacht, zu allen Jahreszeiten, von allen Stellen des Himmels kam. Ein Jahr lang versuchten die jungen Astronomen alles, was ihnen in den Sinn kam, um die Ursachen des Geräusches ausfindig zumachen und zu beseitigen. Sie überprüften sämtliche elektrischen Geräte. Sie bauten Instrumente um, prüften Stromkreise, spielten mit Kabeln herum, staubten Stecker ab. Sie kletterten in die Antennenschüssel und brachten Klebeband auf allen Schweißnähten und Nieten an. Sie kletterten noch einmal in die Schüssel, dieses Mal mit Besen und Bürsten, und schrubbten alles ab, was sie in einem späteren Fachaufsatz als »weißes dielektrisches Material« bezeichneten – normalerweise nennt man es Vogelscheiße. Aber was sie auch versuchten, es nützte nichts.

Was sie nicht wussten: Nur 50 Kilometer entfernt, an der Princeton University, suchte ein Wissenschaftlerteam unter Leitung von Robert Dicke genau nach dem, was die beiden mit so viel Mühe loszuwerden versuchten. Die Forscher in Princeton waren von einem Gedanken ausgegangen, den der in Russland geborene Astrophysiker George Gamow schon in den vierziger Jahren geäußert hatte: Danach musste man nur weit genug in den Weltraum blicken, dann würde man eine kosmische Hintergrundstrahlung finden, die vom Urknall übrig geblieben war. Nachdem diese Strahlung die Weiten des Universums durchquert hatte, sollte sie nach Gamows Berechnungen in Form von Mikrowellen auf die Erde treffen. In einem späteren Fachaufsatz hatte er sogar ein Instrument genannt, das sich für ihren Nachweis eignete: die Bell-Antenne in Holmdel. Leider hatten weder Penzias und Wilson noch irgend jemand aus der Arbeitsgruppe in Princeton diesen späteren Artikel gelesen.

Natürlich hatten Penzias und Wilson genau das Geräusch gehört, das Gamow postuliert hatte. Sie hatten den Rand des Universums gefunden, oder zumindest den Rand seines sichtbaren Teils, der 150 Milliarden Billionen Kilometer entfernt ist. Sie »sahen« die ersten Photonen, das älteste Licht des Universums, das allerdings über Zeit und Entfernung hinweg zu Mikrowellen geworden war, genau wie Gamow es vorausgesagt hatte. Wenn wir diese Entdeckung im richtigen Licht betrachten wollen, hilft uns ein Vergleich, den Alan Guth in seinem Buch Die Geburt des Kosmos aus dein Nichts anstellte: Wenn man sich den Blick in die Tiefen des Universums als Blick vom 100. Stock des Empire State Building vorstellt (wobei der 100. Stock die Gegenwart und die Straße den Augenblick des Urknalls darstellt), befanden sich die am weitesten entfernten Galaxien zur Zeit von Wilsons und Penzias’ Entdeckung ungefähr im 60. Stock, und die am weitesten entfernten Objekte überhaupt – die Quasare – lagen ungefähr in Höhe des 20. Geschosses. Mit ihrer Entdeckung erweiterten die beiden unsere Kenntnisse über das sichtbare Universum bis auf einen Zentimeter über dem Bürgersteig.

Wilson und Penzias wussten immer noch nicht, woher die Geräusche kamen; sie riefen Dicke in Princeton an, beschrieben ihm ihr Problem und hofften, er würde eine Lösung vorschlagen. Dicke war sofort klar, was die beiden jungen Männer gefunden hatten. Als er den Hörer aufgelegt hatte, sagte er zu seinen Kollegen: »So Jungs, man hat uns überrundet.»

Kurz darauf erschienen im Astrophysical Journal zwei Artikel: In dem einen beschrieben Penzias und Wilson ihre Erfahrungen mit dem Zischen, in dem anderen erklärte Dickes Arbeitsgruppe, worum es sich dabei handelte. Obwohl Penzias und Wilson nicht nach der kosmischen Hintergrundstrahlung gesucht hatten, obwohl sie sie nicht erkannten, nachdem sie sie gefunden hatten, und obwohl sie auch ihre Eigenschaften in keinem Fachaufsatz beschrieben oder interpretiert hatten, erhielten sie 1978 den Nobelpreis für Physik. Den Wissenschaftlern in Princeton blieben nur freundliche Worte. Dazu schrieb Dennis Overbye in Das Echo des Urknalls, Penzias und Wilson hätten die wahre Bedeutung ihrer Entdeckung erst verstanden, als sie darüber etwas in der New York Times gelesen hätten.

Nebenbei bemerkt: Die Auswirkungen der kosmischen Hintergrundstrahlung hat jeder von uns schon einmal erlebt. Man braucht nur den Fernseher auf einen nicht belegten Kanal einzustellen: Das »Schneegestöber«, das man dort sieht, wird zu ungefähr einem Prozent von diesem uralten Überbleibsel des Urknalls hervorgerufen. Wer sich das nächste Mal beschwert, dass es im Fernsehen nichts zu sehen gibt, sollte daran denken, dass man immer bei der Geburt des Universums zusehen kann.

aus Bill Bryson, Eine kurze Geschichte von fast allem

Freitag, 12. Januar 2007

So kann man’s auch sehen…

Bevor ich zum Thema komme, muß ich noch die Grundprämisse der Zauberei erklären, wie Don Juan sie mir darlegte. Für einen Zauberer, sagte er, sei die Welt des alltäglichen Lebens nicht wirklich oder so, wie wir dies annehmen. Für einen Zauberer sei die Wirklichkeit oder die Welt, die wir alle kennen, nur eine Beschreibung.
Um diese Prämisse zu begründen, gab Don Juan sich alle Mühe, mich davon zu überzeugen, daß das, was in meinen Augen die wirklich vorhandene Welt war, nur eine Beschreibung der Welt sei; eine Beschreibung, die mir seit dem Augenblick meiner Geburt eingehämmert worden sei.
Jeder, der mit einem Kind in Kontakt komme, erklärte er, sei ein Lehrer, der unaufhörlich die Welt erkläre, bis zu dem Augenblick, wo das Kind die Welt so wahrnehmen könne, wie sie ihm erklärt wird. Nach Don Juan haben wir keine Erinnerung an diesen folgenschweren Augenblick, einfach weil wir keinen Bezugsrahmen hatten, in dem wir ihn mit etwas anderem hätten vergleichen können. Doch von diesem Augenblick an ist das Kind ein Mitglied. Es kennt die Beschreibung der Welt; und es erreicht, glaube ich, die volle Mitgliedschaft, wenn es in der Lage ist, alle seine Wahrnehmungen so zu deuten, daß sie mit dieser Beschreibung übereinstimmen und sie dadurch bestätigen.
Für Don Juan besteht die Wirklichkeit unseres alltäglichen Lebens daher aus einem endlosen Fluß von Wahrnehmungsinterpretationen, welche wir, die Individuen, denen eine bestimmte Mitgliedschaft gemeinsam ist, gemeinsam anzustellen gelernt haben.
Die Vorstellung, daß die Wahrnehmungsinterpretationen, welche die Welt konstituieren, im Fluß begriffen sind, stimmt mit der Tatsache überein, daß sie ununterbrochen stattfinden und selten, wenn überhaupt, in Frage gestellt werden. Tatsächlich wird die Realität der Welt, wie wir sie kennen, als so feststehend angesehen, daß die Grundprämisse der Zauberei, nämlich daß unsere Realität nur eine von vielen möglichen Beschreibungen ist, kaum eine Chance hat, als ernsthafte These akzeptiert zu werden.
Im Fall meiner Lehrzeit kümmerte sich Don Juan glücklicherweise überhaupt nicht darum, ob ich seine Behauptung als seriös akzeptieren konnte, und trotz meines Widerstands, meines Unglaubens und meiner Unfähigkeit, zu verstehen was er sagte, erläuterte er seine Feststellungen immer wieder. Als Lehrer war Don Juan also bestrebt, mir von unserem ersten Gespräch an die Welt zu beschreiben. Meine Schwierigkeiten, seine Begriffe und Methoden zu erfassen, rührten von der Tatsache her, daß die Einheiten seiner Beschreibung meinen eigenen fremd und mit ihnen unvereinbar waren.
Er war davon überzeugt, daß er mich »Sehen« lehrte, im Gegensatz zum bloßen »Schauen«, und daß der erste Schritt zum Sehen darin bestünde, »die Welt anzuhalten«.
Jahrelang hatte ich die Vorstellung, »die Welt anzuhalten«, als kryptische Metapher aufgefaßt, die in Wirklichkeit nichts besagte. Erst im Verlauf einer formlosen Unterhaltung gegen Ende meiner Lehrzeit geschah es, daß ich ihre Tragweite und ihre Bedeutung als eines der wichtigsten Elemente von Don Juans Wissen voll erfaßte.…
Don Juan sagte, daß man, um zu »sehen«, zuerst die Welt anhalten müsse. »Die Welt anhalten« war tatsächlich eine zutreffende Bezeichnung für bestimmte Bewußtseinszustände, in denen die Realität des alltäglichen Lebens verändert ist, weil der Strom der Interpretationen, der für gewöhnlich ununterbrochen fließt, durch eine Reihe ihm fremder Umstände unterbrochen ist. In meinem Fall bestanden diese meinem normalen Interpretationsfluß fremden Umstände in der zur Zauberei gehörigen Beschreibung der Welt. Für das »Anhalten der Welt« stellte Don Juan die Bedingung, daß man überzeugt sein mußte; mit anderen Worten, man mußte die neue Beschreibung in einem totalen Sinn erlernen, um sie gegen die alte auszuspielen und dadurch die uns allen gemeinsame dogmatische Sicherheit zu zerbrechen, daß die Gültigkeit unserer Wahrnehmung oder unserer Wirklichkeit der Welt nicht bezweifelt werden könne.
aus Castaneda, Die Reise nach Ixtlan
Links zu:
Carlos Castaneda
Tensegrity

Seite, auf der Castanedas Person und Werk kritisch hinterfragt wird: www.sustainedaction.org


Die buddhistischen Meditationsmeister wissen, wie flexibel und beeinflußbar der Geist ist. Wenn wir ihn trainieren, ist alles möglich. Tatsächlich sind wir ja bereits perfekt von und für Samsara trainiert: Wir haben Übung darin, eifersüchtig zu werden, festzuhalten, ängstlich, traurig, verzweifelt und gierig zu sein, wir sind geübt, mit Arger auf alles zu reagieren, was uns provoziert. Wir sind tatsächlich schon so geübt, daß diese negativen Emotionen ganz spontan entstehen, ohne daß wir auch nur versuchen müßten, sie hervorzurufen. Alles ist daher eine Frage der Übung und der Macht der Gewohnheit.

Widmen wir den Geist der Verwirrung, wird er – und das wissen wir alle nur zu gut, wenn wir ehrlich sind – ein dunkler Meister der Verblendung, genial im Erzeugen von Suchten, geschickt und von perverser Geschmeidigkeit in seinen sklavischen Abhängigkeiten.

Widmen wir ihn aber der Meditation und dem Ziel, sich selbst von Täuschung zu befreien, werden wir erleben, daß sich unser Geist im Laufe der Zeit – mit Geduld, Disziplin und der rechten Übung – allmählich selbst zu entwirren beginnt und zu seiner ihm innewohnenden Glückseligkeit und Klarheit findet.

[…]

Einer der Hauptgründe, warum wir so viel Angst haben, uns dem Tod zu stellen, liegt darin, daß wir die Wahrheit der Vergänglichkeit ignorieren.

Für uns ist Wandel gleichbedeutend mit Verlust und Leid. Und wenn sich Veränderung einstellt, versuchen wir, uns so gut wie möglich zu betäuben. Stur und ohne nachzufragen halten wir an der Annahme fest, daß Dauerhaftigkeit Sicherheit verleiht, Vergänglichkeit hingegen nicht. Tatsächlich aber gleicht die Vergänglichkeit bestimmten Leuten, denen wir im Leben manchmal begegnen: Anfangs finden wir sie schwierig und irritierend, aber bei näherer Bekanntschaft sind sie viel freundlicher und angenehmer, als wir uns je hätten vorstellen können.




Mittwoch, 3. Januar 2007

Die Entstehung unserer Erde

Es gibt ein tolles Buch: Bill Bryson, Eine kurze Geschichte von fast allem. In unnachahmlich einfachem und witzigem Stil erklärt er "fast alles", was so im aktuellen physikalischen Allgemeinwissen angesagt ist. Die Zeitschrift "Bild der Wissenschaft kürte es zu einem der Wissenschaftsbücher des Jahres 2004.
In lockerer Folge will ich zukünftig immer mal wieder Ausschnitte daraus bringen. Hier der erste:

Vor ungefähr 4,6 Milliarden Jahren sammelte sich im Weltraum ein großer Gas- und Staubwirbel mit einem Durchmesser von rund 25 Milliarden Kilometern. Praktisch seine ganze Materie – 99,9 Prozent der Masse des Sonnensystems – bildete die Sonne. Zwei mikroskopisch kleine Körnchen des restlichen Materials näherten sich einander so stark an, dass sie durch elektrostatische Kräfte zusammenhielten. In diesem Augenblick wurde der Grundstein für unseren Planeten gelegt. Überall im Sonnensystem geschah das Gleiche: Staubkörner stießen zusammen und bildeten immer größere Klumpen. Schließlich wurden die Brocken so groß, daß man sie als Planetenvorläufer bezeichnen kann. Diese kollidierten immer und immer wieder, zerbrachen und fanden sich in endlosen Zufallskombinationen ständig neu zusammen, aber bei jeder Begegnung gab es einen Sieger, und einige dieser Sieger wurden so groß, daß sie in ihrer jeweiligen Umlaufbahn zum beherrschenden Element wurden.

Das alles ging bemerkenswert schnell. Von einer winzigen Ansammlung aus Staubkörnern bis zu einem Kleinplaneten von mehreren hundert Kilometern Durchmesser vergingen wahrscheinlich nur wenige zigtausend Jahre. Nach nur 200 Millionen Jahren oder sogar noch weniger war die Erde im Wesentlichen fertig; allerdings war sie noch geschmolzen und dem ständigen Bombardement der Trümmer ausgesetzt, die nach wie vor durch den Weltraum trieben.

Zu jener Zeit, ungefähr vor 4,5 Milliarden Jahren, stieß ein Himmelskörper von der Größe des Mars mit der Erde zusammen und schlug so viel Materie los, daß daraus ein kugelförmiger Begleiter werden konnte: der Mond. Nach heutiger Kenntnis sammelte das Material sich innerhalb weniger Wochen zu einem einzigen Klumpen, und nach einem Jahr hatte sich die Gesteinskugel gebildet, die uns bis heute begleitet. Das Mondgestein stammt zum größten Teil nicht aus dem Erdkern, sondern aus der Kruste unseres Planeten und enthält deshalb nur wenig Eisen, obwohl es auf der Erde viel davon gibt .

Diese Theorie wird übrigens fast immer als ganz modern bezeichnet, in Wirklichkeit formulierte sie Reginald Daly von der Harvard University aber schon in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts . Neu ist daran nur, daß man ihr heute mehr Aufmerksamkeit schenkt.

Schon als die Erde erst ein Drittel ihrer endgültigen Größe hatte, dürfte sich eine erste Atmosphäre gebildet haben. Sie bestand vorwiegend aus Kohlendioxid, Stickstoff, Methan und Schwefel – nicht gerade Substanzen, die man mit Lebewesen in Verbindung bringen würde, und doch ging aus diesem giftigen Gebräu das Leben hervor. Kohlendioxid ist ein hochwirksames Treibhausgas. Das war damals etwas Gutes, denn die Sonne leuchtete noch erheblich schwächer als heute. Hätte die Erde nicht vom Treibhauseffekt profitiert, wäre sie wahrscheinlich ständig gefroren gewesen, und das Leben hätte vielleicht niemals Fuß fassen können. Aber irgendwie setzte es sich durch.

Während der nächsten 500 Millionen Jahre wurde die Erde weiterhin erbarmungslos von Kometen, Meteoriten und anderem galaktischen Schutt bombardiert, und mit ihm kamen das Wasser, das die Ozeane füllte, sowie die unentbehrlichen Bestandteile für die Entstehung des Lebens. Es war eine Umwelt von einzigartiger Unwirtlichkeit, und dennoch kam das Leben in Gang. Ein kleiner Beutel voller Chemikalien zuckte und wurde lebendig. Wir waren unterwegs.

Vier Milliarden Jahre später fragten sich die Menschen, wie das alles abgelaufen sein könnte.

aus Bill Bryson, Eine kurze Geschichte von fast allem

hier ein Link zu einer Rezension

Der Tod und das Reisbällchen

Tokio (dpa). In Japan sind auch in diesem Jahr wieder Menschen an den traditionellen „O-Mochi“-Reisklößen zum Neujahrsfest erstickt. Bis Dienstag hätten vier ältere Männer den Verzehr der klebrigen Bällchen aus gestampftem Reis nicht überlebt, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo. Allein in der Haupstadt Tokio mußten 14 weitere Menschen im Alter zwischen 65 und 91 Jahren ins Krankenhaus gebracht werden, weil ihnen die Neujahrs-Spezialität im Hals steckengeblieben war. Sieben von ihnen seien bewußtlos und in einem kritischem Zustand, hieß es. Immer wieder bleiben vor allem alten Menschen die extrem klebrigen Bällchen im Hals stecken. Obgleich jeder in Japan die „Gefahr“ kennt, will niemand auf die „O-Mochi“ verzichten.

aus der HAZ vom 3. Januar 2007

Dienstag, 2. Januar 2007

Man spricht Deutsch

In der französischen Sprache gibt es mehr dem Deutschen entnommene Wörter, als man denkt. Bei vielen erkennt man die Wurzel und die Bedeutung sofort, aber das ist nicht immer der Fall. Kennen Sie zum Beispiel die Bedeutung des Wortes vasistas und seinen Ursprung?

le bretzel – die Bretzel
la crampe – der Krampf
l’edelweiss (m) – das Edelweiß
l’ersatz (m) – der Ersatz
la halte – der Halt, i.S.v. Rast, Pause
le hamster – der Hamster
le handball – das Handball(spiel)
la quenelle – der Knödel, der Kloß
la quetsche – die Zwetsch(g)e
le képi – die Schirmmütze
le kirsch – das Kirschwasser
le kitsch – der Kitsch
le krach – der Börsenkrach
le leitmotiv – das Leitmotiv

Ein vastistas leitet sich ab von "Was ist das" und ist das französiche Wort für "Guckfenster, Oberlichtfenster"!

aus dem Langenscheidt Sprachkalender Französisch



Samstag, 30. Dezember 2006

Ärzteblatt-Nachlesen 1

Medizingeschichte(n): Psychiatrie - Psychische Kur
(Deutsches Ärzteblatt 100, Ausgabe 50 vom 12.12.2003, Seite A-3321)

Medizingeschichte(n): Mesmerismus Sympathie
Deutsches Ärzteblatt 100, Ausgabe 47 vom 21.11.2003, Seite A-3094

über den Tod Sigmund Freuds:
Medizingeschichte(n): Ethik in der Medizin – Sterbehilfe
Deutsches Ärzteblatt 100, Ausgabe 47 vom 21.11.2003, Seite A-3108

Deutsches Ärzteblatt 103, Ausgabe 51-52 vom 25.12.2006,
Seite A-3444

Deutsches Ärzteblatt 103, Ausgabe 51-52 vom 25.12.2006,
Seite A-3444


Ärzteblatt-Nachlesen 2

Von schräg unten: Doctors hopping
(Deutsches Ärzteblatt 103, Ausgabe 47 vom 24.11.2006)

Arztgeschichte: Der himmlische Arztbrief
(Deutsches Ärzteblatt 103, Ausgabe 48 vom 01.12.2006, Seite 100)

Freitag, 29. Dezember 2006

Schwarzwaldklinik für Sarkasten

Mein geliebter Dr. House hat es inzwischen sogar ins Deutsche Ärzteblatt geschafft:

Fernsehkritik: Dr. House – Misanthrop mit Kultstatus
(Deutsches Ärzteblatt 103, Ausgabe 50 vom 15.12.2006, Seite A-3405)

Sonntag, 24. Dezember 2006

Friede im Krieg

VON ACHIM BALKHOFF

Weihnachten und Schlachtenlärm, das paßt nicht zusammen. Im Ersten Weltkrieg haben heute vor 90 Jahren einfache Soldaten auf beiden Seiten der Front, Briten und Deutsche, die Weihnachtsbotschaft begriffen. Und Fußball gespielt, statt aufeinander zu schießen. Ein wahres Weihnachtsmärchen.

Bitterkalt ist es auf den Feldern von „La Moutarderie“. Es braust ein heftiger Sturm. Eine Menge Menschen sind dort draußen, zu sehen sind sie nicht. Sie müssen sich in selbst ausgehobenen Gräben verkriechen und stehen und waten dort knöcheltief im Schlamm. Wagen sie es doch einmal aufzuschauen, starren sie auf Munitionskisten, Stacheldraht und Tierkadaver. Auch tote Menschen liegen dort weit verstreut. Niemand traut sich, sie zu bergen.

Das Anwesen „La Moutarderie“ liegt in Nordfrankreich, in der Gemarkung Frelinghien, nahe der belgischen Grenze. Die nächst größere Stadt ist Armentiers. Das fruchtbare Land gehört eigentlich der Familie Leblon, die hier aber nicht wohnen darf. Nicht einmal die Kohl- und Rübenernte haben sie in diesem Jahr einfahren können. Die Leblons wurden vertrieben. Auf dem Bauernhof haben sich seit Wochen junge Männer aus England und Schottland verschanzt, auf den Feldern davor haben sich junge Deutsche eingegraben. Es ist Krieg – und es ist Heiligabend. Der erste Heilige Abend des Ersten Weltkriegs. Heute vor 90 Jahren.

Johannes Niemann ist Oberleutnant beim 179. Königlich-Sächsischen Infanterieregiment, Ernest Williams ist ein einfacher Soldat bei der 12. Division der Britischen Armee. Niemann ist Mitte zwanzig, ein wenig älter als Evans. Sie sind Feinde. Auf mehreren Kilometern stehen sich die Krieg führenden Streitkräfte in diesem Abschnitt der Westfront gegenüber. Hunderte von Menschen haben allein hier schon ihr Leben gelassen. Dem Deutschen wurde eingebläut, der „Tommy“ sei ein Barbar, umgekehrt sehen diese im „Fritzen“ nur ein „wildes Tier“, eines mit „Mord im Blick“. Daran erinnern sich Niemann und Williams später, aber auch noch an viel mehr.

Es ist der 24. Dezember, und irgendetwas ist angenehmer als in all diesen furchtbaren Wochen zuvor. Will der Krieg etwa eine Pause machen? Unaufhörlich knatterten vorher die Gewehre, schlugen Granaten ein, mußte man mit Sturmangriffen rechnen und um sein Leben fürchten. Plötzlich aber liegt eine gespenstische Ruhe über „La Moutarderie“. Nur aus der Ferne klingt noch ein leiser Gefechtsdonner herüber. Mit klammen Fingern kramt Johannes Niemann ein Geschenkpaket heraus.

Die Feldpost hat es im ersten Kriegsjahr noch bis in die vordersten Reihen geschafft. Ein Büchlein, eine Kerze, ein Brief von daheim. Das Übliche in solchen Zeiten. „Wolltest du nicht nur ein paar Wochen weg?“ „Warum müssen wir Weihnachten getrennt sein?“ „Pass bitte auf Dich auf.“ Den anderen frierenden Männern in den verschlammten Gräben widerfährt Ähnliches. Wehmut kommt auf, aber auch ein Hauch festlicher Stimmung. Die ersten Tränen rollen über die unrasierten Wangen. Langsam wird es dunkel, es ist 16 Uhr.

Ein bißchen Frieden zwischen den Schlachten: Im Ersten Weltkrieg versuchten sich die Soldaten in Weihnachtsstimmung zu versetzen – im Schützengraben wie im Unterstand.

Der kaiserliche Nachschub hatte es sogar geschafft, kleine, geschmückte Tannenbäume an die hart umkämpfte Front zu bringen. Wie zum Trotz stellen Niemann und die anderen Soldaten die Bäumchen, Symbole für ein Friedensfest, auf die Balustraden ihrer Schützengräben und zünden die Kerzen an.

Flackerndes Kerzenlicht erhellt das Niemandsland. So etwas wie friedliche Stimmung macht sich breit über „La Moutarderie“. Aber wie so oft, wenn Krieg ist, sind Mißverständnisse im Spiel, und der Feind, keine 200 Meter entfernt, vermutet Böses.

Die beleuchteten Christbäume habe man zunächst für eine listige Geheimwaffe der Deutschen gehalten, erzählt Ernest Williams später einmal. Ein ohrenbetäubendes Gewehrfeuer sei deshalb die erste Antwort gewesen, die Realität des Krieges schien die halbwegs festliche Atmosphäre brutal zu zerstören. Gehen beide Seiten jetzt wieder aufeinander los?

Doch Niemann und andere Offiziere lassen nicht zurückschießen. Aus den deutschen Stellungen erklingt ein anderes Geräusch, Gesang. Anfangs ist es nur einer, der „Stille Nacht, heilige Nacht“ vor sich hin singt. Ganz leise und zart erklingt die Weise von Christi Geburt – und sie wird lauter. So laut, bis ein weihnachtlicher Chorgesang erschallt. Kurz darauf „entspringt das Ros“, und der Feind reagiert. „Good, old Fritz“ ruft es aus den gegenüberliegenden Stellungen und „More, more“. Gern doch, und die sächsischen Soldaten singen ihr „Oh, du Fröhliche“ herüber.

Bald beginnt auch die Gegenseite, die plötzlich keine mehr zu sein scheint, zu singen: „The Boys of Bonnie Scotland, where the Heather and the Bluebells grow.“ Dafür gibt's Beifall. Dann „While Shephers Watched their Flocked by Night“, und die Dämme sind gebrochen. Kehlen statt Kanonen. Der Krieg verwandelt sich in dieser Nacht in einen friedlichen Sängerwettstreit. Und diese Nacht verläuft wie so viele andere, gesellige Nächte. Erst lauthals und lustig, dafür stimmt man gern „Tipperary“ und „Home, Sweet Home“ an, am Ende melancholisch „Auld Lang Syne.“

Am ersten Weihnachtstag ist Ernest Williams frühmorgens als Späherposten eingeteilt. Er traut seinen Augen nicht. Feldgrau gekleidete deutsche Soldaten klettern aus ihren Gräben, waffenlos, gehen auf die feindliche Seite zu. „Merry Christmas Englishmen. We not shoot, you not shoot.“ Die sächsischen Infanteristen sind gebildete Leute, als Kriegsfreiwillige haben viele die Sprache des Feindes – wenn auch nicht perfekt – auf den Gymnasien gelernt, von denen sie direkt und ohne Umwege in den Krieg abgezogen wurden.

Die britischen Soldaten verstehen die Geste sehr wohl und verlassen ihre Schützengräben. Man begegnet sich, grüßt höflich, schüttelt sich die Hände. An sich ein normaler Vorgang, im Krieg aber geradezu undenkbar.

„We are Saxons, you are Angelsaxons, why should we shoot each other?“, fragt der deutsche Offizier seinen britischen Gegner, der sich dieser simplen, aber doch überzeugenden Logik anschließt. Mit einem Schluck Brandy bekräftigen sie ihre neue Erkenntnis. Es werden Geschenke ausgetauscht, Dresdener Christstollen gegen Plumpudding. Die Koalition der Unwilligen steht, auf dem blutgetränkten Acker der Familie Leblon ruhen nun die Waffen, die jungen Männer wollen an diesem Tag nicht töten – aber gewinnen wollen sie schon.

Plötzlich fällt ein Fußball aufs Feld, ein echter Lederball. Einer von der anderen Seite hat ihn mitgebracht, das Wort Feind fällt nicht mehr. Ein Sachse brüstet sich damit, daß er mit Leipzig vor einem Jahr 1:0 gegen die Celtics aus Glasgow gewonnen habe, was zu jener Zeit wahrlich einem Fußballwunder glich. Galt doch das Königreich als Mutterland der „Footers“. Also Revanche?

Man zögert nicht allzu lange und pfeift das Länderspiel „Deutschland gegen England“ an. Einen neutralen Schiedsrichter gibt es nicht. Wer sollte es auch sein? Bauer Leblon war ja vom Hof gejagt worden. Auch Torstangen sind nicht zu finden, dafür müssen jeweils zwei Mützen herhalten, korrekt in sieben Meter Abstand. Das Spielfeld kann sich sehen lassen, 50 mal 100 Meter, von den Soldaten platt und glatt getreten, von Munitionskisten und toten Tieren freigeräumt. Die herumliegenden Menschenleichen hatte man vorher noch gebührend bestattet.

Das Spiel selbst verläuft, wie Fußball eben verläuft. Es spielen elf gegen elf, und ihre jeweiligen Anhänger fiebern mit und feuern an. Von kleinen spielerischen Mängeln ist später zu hören, die selbstverständlich auf den hart gefrorenen Acker zurückzuführen sind. Gute Ausreden finden konnte man damals schon. Ja, und selbst die hohe Schule der Taktik wurde praktiziert. Die wenigen schottischen Spieler trugen unter ihrem Rock – trotz der Kälte – keine Unterhosen, was die deutsche Mannschaft anfangs doch sehr irritiert haben soll. Erst hinterher wurden sie über diesen würdigen Brauch aufgeklärt.

Überhaupt hinterher. Man macht dort weiter, wo nachts zuvor aufgehört wurde. Die Schotten spielen auf ihren Dudelsäcken, die Deutschen auf ihren Mundharmonikas. Es wird noch ein gemeinsames Foto gemacht, wie das bei denkwürdigen Sportereignissen so üblich ist, und es wird auch noch kräftig und gemeinsam einer gehoben. Schnaps ist schließlich keine Mangelware an der Front. Über Politik wird im Niemandsland nicht gesprochen, eher schon über die Menschen daheim. Fotos der Angehörigen werden aus den Taschen gezogen und Fragen nach dem Sinn des Krieges gestellt. Niemann tauscht noch eine Flasche Rum gegen eine Büchse mit Rindfleisch. Später spricht er vom Wahnsinn, mit dem Gegner keine Kugeln, sondern Konserven getauscht zu haben. Beim Auseinandergehen schwören sich beide Seiten noch zwei Dinge. Keinem Befehlshaber vom Fußballspiel und der Feier zu erzählen und nicht mehr aufeinander zu schießen. Welch schöne Bescherung.

Die Männer in den Schützengräben halten sich an diesen Schwur, kein einziger Schuß entweiht die weihnachtliche Stille über diesen Frontabschnitt. Auch in den Tagen danach liegt Frieden über den Feldern von „La Moutarderie“. Doch ein Geheimnis bleibt das christliche Miteinander nicht.

Der nicht befohlene Waffenstillstand, der in Kriegszeiten so unglaubliche „Friede von unten“ ergreift auch andere Abschnitte der Front – und so etwas fällt auf. Die Opferzahlen gehen spürbar zurück, und das haben Heeresleitungen überhaupt nicht gern. Die Engländer lösen sofort ihre Truppen ab und weisen die nachrückenden Divisionen an, auf jeden Feind zu schießen. Auch das deutsche Oberkommando handelt, tauscht aus und untersagt ab 29. Dezember jedwede Verbrüderungsaktion. Wer sich dem Befehl widersetzt, wird erschossen. Niemann und Evans verlassen „La Moutarderie“.

Danach wird geschwiegen. Die reichsdeutsche Presse bringt keine Zeile über die ungewöhnlichen Ereignisse an der Front, die Redaktionen beider Seiten waren ein halbes Jahr nach Ausbruch der Feindseligkeiten viel zu sehr mit Kriegspropaganda beschäftigt. Diese geradezu ungeheuerlichen Nachrichten hätten den Nationalstolz doch zu sehr getroffen.

Ohne sich untereinander abzusprechen, schweigen auch die Regimentskommandeure das friedliche Spiel tot. Noch heute gibt es in den Militärarchiven nur wenige Hinweise auf die Geschehnisse am Weihnachtstag 1914. Einen nutzt der frühere Beatles-Sänger Paul McCartney, um 70 Jahre später seinen Hit „Pipes of Peace“ zu schreiben, einen anderen die Filmindustrie, um daraus den Stoff für einen großen Weihnachtsfilm für 2005 zu drehen. In der Hauptrolle die von Hildesheim nach Hollywood gewechselte Diane Krüger.



Johannes Niemann stirbt 1979 in Hamburg. Er war der letzte Zeitzeuge auf deutscher Seite. „Es war die große Sehnsucht, die uns vereinte“, sagte er rückblickend. „Die Sehnsucht nach den Familien, die man lange nicht gesehen hatte, die Sehnsucht nach dem kleinen Glück in einer schweren Zeit.“

Ernest Williams glaubt fortan an die Kraft des Fußballs. Bis zu seinem Tod vor 20 Jahren leitet er den Landesverband Cheshire im englischen Fußballverband, sein Hauptaugenmerk gilt dabei der Jugendarbeit. „Mit der Vermittlung internationaler Jugendspiele möchte ich dazu beitragen, daß niemals wieder Menschen auf Menschen schießen müssen.“

Bleibt nur noch eines zu sagen. Dieses wohl ungewöhnlichste Fußballspiel aller Zeiten endet 3:2 für Deutschland. Wie unwichtig doch ein Ergebnis sein kann.


Ein Erinnerungs-, kein Wiederholungsspiel: In Neuville Saint-Vaast, nicht weit von dem Ort, wo verfeindete Deutsche und Briten mitten im Krieg Fußball spielten, trafen sich vergangenen Sonntag [Dezember 2004] ein französisches (in Blau) und ein internationales Team von Deutschen, Briten und Belgiern zu einem Wohltätigkeitsspiel.


aus der HAZ vom 24. Dezember 2004


siehe dazu auch:
- Der Weihnachtsfrieden von 1914 (Alles Schall und Rauch, 25.01.2014)

Freitag, 22. Dezember 2006

Das Licht der Hoffnung

Vier Kerzen brannten am Adventskranz Es war still. So still, daß man hörte, wie die Kerzen zu reden begannen. Die erste Kerze seufzte und sagte: „Ich heiße Frieden. Mein Licht leuchtet, aber die Menschen halten keinen Frieden, die wollen mich nicht.“ Ihr Licht wurde immer kleiner und verlosch schließlich ganz.
Die zweite Kerze flackerte und sagte: „Ich heiße Glauben, aber ich bin überflüssig. Die Menschen wollen von Gott nichts wissen. Es hat keinen Sinn mehr, daß ich brenne.“ Ein Luftzug wehte durch den Raum und die Kerze war aus.
Leise und traurig meldete sich die dritte Kerze zu Wort: „Ich heiße Liebe. Ich habe keine Kraft mehr zu brennen. Die Menschen stellen mich an die Seite. Sie sehen nur sich selbst und nicht die anderen, die sie lieb haben sollen.“ Und mit einem letzten Aufflackern war auch dieses Licht gelöscht.
Da kam ein Kind in den Raum. Es schaute die Kerzen an und sagte: „Aber, aber, ihr sollt doch brennen und nicht aus sein!“ Und fast fing es an zu weinen. Da meldete sich auch die vierte Kerze zu Wort. Sie sagte: „Hab’ keine Angst! So lange ich brenne, können wir die anderen Kerzen wieder anzünden.“
Mit einem Streichholz nahm das Kind Licht von dieser Kerze und zündete die anderen Lichter wieder an.

(von P. Tisch-Rodler)





Donnerstag, 21. Dezember 2006

Die Geschichte vom Lametta

gibt’s schon x-mal im Net, ich verlinke es deshalb nur.

Mittwoch, 20. Dezember 2006

Vorweihnachtliches

Im Juni 1922 wurde der Außenminister der ersten Deutschen Republik, Walther Rathenau, hervorragender Sohn eines hervorragenden Vaters, von Fememördern erschossen. Den jungen Fanatikern, ersten Gefolgsleuten Hitlers, war er ein verächtliches Sinnbild friedlichen Aufbaus nach der Niederlage, das Hindernis auf ihrem Wege zur Macht und zudem verhaßter Inbegriff des deutschen Judentums.

Zwei Mörder richteten sich selbst, als sie sich umzingelt sahen; der dritte, der 21jährige Werner T., entsprang. Am Tage nach dem Mord erhielt die Mutter des Mörders einen Brief von Mathilde Rathenau, der Mutter des Ermordeten. Hier sein Wortlaut:

„Im namenlosen Schmerz reiche ich Ihnen, Sie ärmste aller Frauen, die Hand. Sagen Sie Ihrem Sohn, daß ich im Namen und im Geiste des Ermordeten ihm verzeihe, wie Gott ihm verzeihen möge, wenn er vor der irdischen Gerechtigkeit ein volles öffentliches Bekenntnis ablegt und vor der göttlichen bereut. Hätte er meinen Sohn gekannt, den edelsten aller Menschen, so hätte er die Mordwaffe eher auf sich selbst gerichtet als auf ihn. Mögen diese Worte Ihrer Seele Frieden geben.“

Zwanzig Jahre nach jenem Brief begab sich folgendes: Werner T., der gefaßt, verurteilt und 1927 begnadigt worden war, tauchte im Zweiten Weltkrieg als französischer Fremdenlegionär und später als Matrose wieder auf. Der Nationalsozialismus hatte inzwischen Deutschland und die halbe Welt erobert. Aber eine Eroberung war ihm entglitten: die Seele des jungen Rathenau-Mörders. Die Erschütterung, die der Brief Mathilde Rathenaus bewirkte, ging durch und durch. Werner T. hat nicht nur gebüßt, sondern bereut und gutgemacht. Um seine Tat zu sühnen, setzte er sich jahrelang während der deutschen Okkupation Frankreichs mit allen Mitteln für das verfolgte Freiwild Hitlers, vor allem für die Juden, ein. Nach zuverlässigen Berichten hat er auf diese Weise mehr als siebenhundert Menschen vor Tod und Marter bewahrt, oft auf seltsamen Umwegen. Der Brief einer Mutter, die tiefste Menschlichkeit über tiefstes Mutterleid stellte, rettete nicht nur siebenhundert Menschenleben; er rettete eine Menschenseele, die in die Irre ging.

Quelle unbekannt


Sonntag, 26. November 2006

Neues von der elektronischen Gesundheitskarte

Die als befreites Dokument vom Chaos Computer Club (CCC) online gestellte Kosten-Nutzen-Analyse der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) wirft die Frage auf, ob die Analyse der notwendigen IT für die Gesundheitskarte nicht unterdimensioniert ist. Wie der CCC selbst zur Veröffentlichung der 290 Seiten starken Analyse der Beratungsgesellschaft Booz Allen Hamilton erklärt, genügen die angenommenen Eckdaten in keiner Weise den Anforderungen an ein bundesweit ganztägig im Einsatz befindliches System. "Im Ernstfall droht ein Totalausfall des Systems zu kritischen Zeiten, wie zum Beispiel im Fall einer Grippeepidemie", so das Fazit des CCC zur Veröffentlichung.
Höchst interessant ist die Analyse der Kostenberechnungen von Felix von Leitner, einem Mitglied des CCC, die er auf seinem Blog vorstellt. Es wird offenbar, daß viele auftretenden Kosten der Einführung der Gesundheitskarte entweder heruntergerechnet oder ganz einfach nicht berücksichtigt werden.

mehr bei Heise Online

Ob Satellitensystem zur Erhebung der Autobahngebühren, Nanotechnologie, genmanipulierte Pflanzen oder Atomtechnik: unsere Politiker sind anscheinend unfähig, sich den Begehrlichkeiten der Industrie zu widersetzen und lassen sich auf die Verwendung von Technologien ein, die nicht unabhängig geprüft oder einer adäquaten Risko- und Kosten-Nutzen-Abschätzung unterworfen wurden. Ich kann mich noch daran erinnern, wie uns Anfang der 70er Jahre unser Chemielehrer begeistert erzählte, durch die Brütertechnologie könnten Atomkraftwerke ihren Brennstoff selbst herstellen. Ich finde es unglaublich, wie effektiv gezielte Desinformation immer wieder erfolgreich eingesetzt werden kann, um eine Realität herzustellen, die in dem Moment, in welchem das Illusionäre der vermittelten Informationen offenbar wird, Fakten geschaffen hat, die nicht mehr rückgängig zu machen sind.

Sonntag, 19. November 2006

Freitag, 17. November 2006

Wer ist hier der Chef?

… Der Engländer … schrieb folgendes alte Distichon auf und gab es mir zu lesen:

›Discite grammatici cur mascula nomina cunnus
Et cur femineum mentula nomen habet.‹

(Sagt mir, Grammatiker, warum ›cunnus‹ [weibliche Scham] männlichen Geschlechts, während ›mentula‹ [männliches Glied] weiblich ist)*

Ich las es laut vor und sagte, diesmal sei es wirklich Latein. »Das wissen wir«, erwiderte meine Mutter, »aber du mußt es uns erklären.« Darauf meinte ich, anstatt es zu erklären, wolle ich lieber die Frage beantworten; und nachdem ich eine Weile überlegt hatte, schrieb ich diesen Pentameter auf:

›Disce quod a domino nomina servus habet.‹
(Wisse, daß immer der Sklave von seinem Herrn den Namen hat).

* Anfangsverse eines Epigramms des niederländischen neulateinischen Dichters Johannes Secundus (1511–1536)

aus dem ersten Band, 2. Kap. der »Geschichte meines Lebens« von Giacomo Casanova, Chevalier de Seingalt



Das (also die ganzen Links) war jetzt ein Beispiel für »Analyse«, aber man(n) kann es natürlich auch übertreiben.


Was mich als Therapeut am meisten beeindruckt hat und auf dessen Intensität ich durch meine Ausbildung nicht vorbereitet war, ist die abgrundtiefe Angst der beiden Geschlechter voreinander, die ebenso groß ist wie die zwischen ihnen bestehende Anziehungskraft. (Bei Erde und Sonne – oder emanzipatorisch ausgedrückt: bei einem Doppelsternsystem – muß ja die Fliehkraft ebensogroß sein wie die Anziehungskraft, sonst wäre das System instabil.) Ich bin sicher, daß mit Problemen in einer Partnerschaft letztlich nicht konstruktiv umgegangen werden kann, wenn sich die Partner nicht vor sich selbst und einander ihre Angst gestehen.
(Dazu fällt mir ein Satz von Peter Scholl-Latour ein, den der mal – im Zusammenhang mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt – in einer Talkshow gesagt hat: »Wir Europäer meinen natürlich, es müsse für jedes Problem auch eine Lösung geben.«)

Man(n) – aber der macht’s nur offensichtlicher und plumper – kann natürlich auch so damit umgehen:


Aber wie wir inzwischen gelernt haben, ist das nichts anderes als die Abwehr von Angst. Zu klären wäre dann, wovor, und die Antwort liegt in der Kindheit.

Das wäre ein Beispiel für Verleugnung:

(… oder ist es nur einfach die Wahrheit?)

So kann frau (ich weiß, das ist gemein, viele Männer können das genauso gut) es natürlich auch machen:


Und für viele Männer ist es am einfachsten, wenn sie es so machen:


… und kaum zu glauben: für die Frauen auch!


Und hier wird jedem klar, daß die ein Problem haben:


Aber wie die systemisch arbeitenden Therapeuten ja wissen: Probleme sind Lösungsstrategien. Die Frage wäre jetzt: 1. Was haben die beiden für ein Problem? und 2. Für was wäre dann dieses »Problem« die bessere der beiden schlechten Möglichkeiten? (Auf umgangssprachlich: Welche Art von Nähe ist für die beiden so unangenehm, daß ihnen der Streit* als die bessere Strategie erscheint?)

* Streit: Eine sehr kontrollierte Form von Nähe mit eingebautem Recht zum Rückzug.

Eigentlich haben wir also keine Chance. Deshalb ist es gut, wenn man nicht zuviel drüber nachdenkt:

Donnerstag, 16. November 2006

So vergänglich! oder Was bleibt…

Mitte Oktober des Jahres stellte der tibetische Mönch Lama Jampa Rinpoche im Möbelgeschäft Sam-Nok in der Vahrenwalder Straße ein Sandmandala her. Zehn Tag lang saß er da täglich fünf bis acht Stunden im Kellergeschoß und schüttete mit konzentrierten, doch zugleich leicht wirkenden Bewegungen den knallbunten Sand auf eine mehr als einen Meter im Durchmesser große Vorlage, für deren Erstellung er drei Tage benötigt hatte.

Das Mandala stellt alle sechs Bereiche dar, denen die Lebewesen unterworfen sind:
- den Bereich der Menschen, der Tiere und der Höllenbewohner sowie
- den Bereich der Pretas (der Hungrigen Geister), den der Asuras (der Neidischen Götter oder Titanen) und die Welt der Götter.

Das Ritual des Anfertigens eines Sandmandalas wird nur von ordinierten Mönchen ausgeführt. Das Mandala gilt – je nach Ausführung – als Sitz einer bestimmten buddhistischen Gottheit. Diese personifiziert eine bestimmte Bewußtseinsqualität und wird im Zentrum des Mandalas dargestellt. Um sie herum erkennt man die jeweiligen Schutzgottheiten. Alle zusammen »bewohnen« einen meist quadratischen Palast mit vier Eingängen.

Bevor ich Mark Epstein einen Vergleich zwischen dem westlich-psychoanalytischen und dem buddhistischen Umgang mit dem neurotischen Geist anstellen lasse (Scherf: »Dabei ist das vermeintlich neurotische etwas zutiefst menschliches.«), hier eine köstliche Begebenheit, die er in seinem Buch schildert:


Ein Fehlstart


Als ich anfing, mich für Buddhismus und Psychologie zu interessieren, wurde mir in einer Situation besonders lebhaft demonstriert, wie schwierig es sein würde, eine Integration von beiden zustandezubringen. Einige Freunde von mir hatten im Haus eines Psychologieprofessors ein Zusammentreffen zweier prominenter Buddhisten, die gerade an der Harvard Universität zu Besuch waren, arrangiert. Die beiden Lehrer hatten einander zuvor noch nie getroffen und stammten aus zwei sehr verschiedenen buddhistischen Traditionen. Vor dem Zusammentreffen von Buddhismus und abendländischer Psychologie war die Begegnung dieser verschiedenen Schulen des Buddhismus geplant. Wir sollten Zeugen dieses ersten Dialogs sein.
Die Lehrer, der siebzig Jahre alte Kalu Rinpoche aus Tibet, der jahrelang in völliger Abgeschiedenheit gelebt hatte, und der koreanische Zen–Meister Seung Sahn, der erste, der in den Vereinigten Staaten gelehrt hat, sollten im Interesse der westlichen Studenten ihr jeweiliges Verständnis der Lehren des Buddha vorstellen. Es sollte ein Dharma–Gefecht (Wortwechsel zwischen Menschen, die durch jahrelanges Studium und Meditation ihren Geist trainiert haben. A. d. Ü.) auf hohem Niveau sein, und wir sahen diesem Ereignis mit all der Erwartung entgegen, die solch einem historischen Ereignis gebührt. Die beiden Mönche betraten den Raum in wehenden Gewändern – das des Tibeters war kastanienbraun und gelb, das des Koreaners streng grau und schwarz – und mit einem Gefolge jüngerer, kahlgeschorener Mönche und Übersetzer. Sie setzten sich wie üblich mit gekreuzten Beinen auf die Kissen, und der Gastgeber erklärte, der jüngere Zen-Meister solle beginnen. Der tibetische Lama saß ganz ruhig da, ließ durch die Finger der einen Hand eine Art hölzernen Rosenkranz (Mala) laufen und murmelte »Om mani padme hum«. Der Zen–Meister – er hatte für seine Methode, den Studenten Fragen an den Kopf zu werfen, bis sie ihr Unwissen eingestehen mußten und er dann brüllen konnte: »Bewahrt euch diesen Weiß–nicht–Geist!«, bereits eine gewisse Berühmtheit erlangt – griff tief in seine Gewänder und zog eine Orange heraus. »Was ist das?« fragte er den Lama. »Was ist das?« Das war eine typische erste Frage, und wir spürten, daß er bereit war, sich auf jedwede Antwort zu stürzen.
Der Tibeter blieb ruhig sitzen, ließ seine Mala durch die Finger laufen und machte keinerlei Anstalten zu antworten.
»Was ist das?« beharrte der Zen–Meister auf seiner Frage und hielt dem Tibeter die Orange vor die Nase.
Kalu Rinpoche beugte sich sehr langsam zu dem tibetischen Mönch neben ihm, der als Übersetzer fungierte, und sie flüsterten ein paar Minuten lang miteinander. Schließlich wandte sich der Übersetzer mit den Worten: »Rinpoche sagt: ›Was ist los mit ihm? Gibt es dort, wo er herkommt, keine Orangen?‹« an das Auditorium.
Der Dialog war damit zu Ende.


dann ein Ausschnitt aus dem Kapitel »Das Lebensrad«:

Der wichtigste Punkt ist folgender: Solange Lebewesen von Begierde, Haß und Verblendung – den drei Kräften, die im Kreisinneren als Schwein, Schlange und Hahn dargestellt sind und sich wechselseitig zu verschlingen trachten – getrieben sind, bleiben sie sich ihrer eigenen Buddha–Natur unbewußt; sie wissen nicht um die vergängliche, nicht–wesenhafte und unbefriedigende Natur der Welt und bleiben im Lebensrad gefangen.
Eines der überzeugendsten Momente der buddhistischen Sicht des Leidens ist die im Bild des Lebensrads enthaltene Vorstellung, daß die Ursachen des Leidens zugleich die Mittel zur Erlösung sind; das bedeutet, die Perspektive des Leidenden bestimmt, ob ein gegebener Bereich Medium des Erwachens oder der Gefangenschaft ist. Von den Kräften der Gier, des Ärgers und der Torheit bestimmt, verursacht unsere fehlerhafte Wahrnehmung der Bereiche – nicht die Bereiche selbst – das Leiden. Jeder Bereich enthält eine kleine Buddha–Gestalt (eigentlich handelt es sich um den Bodhisattva des Mitgefühls, dessen Streben darauf gerichtet ist, das Leiden anderer zu beseitigen), die uns auf symbolische Weise lehrt, wie wir die falschen Wahrnehmungen korrigieren können, die jede Dimension verzerren und damit das Leiden perpetuieren. Wir erfahren keinen Bereich in aller Klarheit, lehren die Buddhisten; statt dessen durchleben wir sie alle angsterfüllt; abgeschnitten von der Fülle der Erfahrung, unfähig, sie zu akzeptieren, fürchten wir uns vor dem, was wir zu sehen bekommen. So wie wir den »geschwätzigen Affen« in uns nicht zum Schweigen bringen können, so gleiten wir von einem Bereich in den nächsten, ohne wirklich zu wissen, wo wir uns befinden. Wir sind in unserem Geist befangen, kennen ihn aber nicht wirklich. Von dessen Wellenbewegung angetrieben, treiben wir dahin und mühen uns ab, weil wir nicht gelernt haben, loszulassen und frei zu schweben.
Dies ist die andere Möglichkeit, das Lebensrad zu verstehen, weniger wörtlich als psychologisch. Schließlich ist die Hauptfrage der buddhistischen Praxis die psychologische Frage: »Wer hin ich?« Ihre Beantwortung erfordert die Erkundung aller Daseinsbereiche. Diese verwandeln sich somit in Metaphern für verschiedene psychologische Zustände, wodurch das ganze Rad zur Darstellung des neurotischen Leidens wird.
Dem Buddhismus zufolge ist es unsere Furcht davor, uns unmittelbar selbst zu erfahren, die Leiden schafft. Dies schien mir immer sehr gut zu Freuds Ansichten zu passen. So behauptete Freud, der Patient

muß den Mut erwerben, seine Aufmerksamkeit mit den Erscheinungen der Krankheit zu beschäftigen. Die Krankheit selbst darf ihm nichts Verächtliches mehr sein, vielmehr ein würdiger Gegner werden, ein Stück seines Wesens, das sich auf gute Motive stützt, aus dem es Wertvolles für sein späteres Leben zu holen gilt. Die Versöhnung mit dem Verdrängten, welches sich in den Symptomen äußert, wird so von Anfang an vorbereitet, aber es wird auch eine gewisse Toleranz fürs Kranksein eingeräumt.

Der Glaube, daß Versöhnung zur Erlösung führen kann, ist grundlegend für die buddhistische Vorstellung von den Sechs Bereichen. Wir können nicht zur Erleuchtung gelangen, solange wir unserem neurotischen Geist entfremdet bleiben. Wie Freud so weitblickend bemerkte: »Auf diesem Felde muß der Sieg gewonnen werden, dessen Ausdruck die dauernde Genesung von der Neurose ist, ... denn schließlich kann niemand in absentia oder in effigie erschlagen werden.« In jedem Bereich unserer Erfahrung, lehren die Buddhisten, müssen wir klar sehen lernen. Nur dann läßt sich das Leiden umwandeln, das der Buddha als universell erkannte. Die Erlösung vom Lebensrad, von den Sechs Daseinsbereichen wird traditionell als Nirvana beschrieben und mit dem Pfad symbolisiert, der aus dem Bereich der Menschen hinausführt. Es ist jedoch mittlerweile ein grundlegendes Axiom des buddhistischen Denkens, daß Nirvana Samsara ist – daß es keinen getrennten Bereich des Buddha neben der weltlichen Existenz gibt, daß die Erlösung vom Leiden durch eine veränderte Wahrnehmung gewonnen wird, nicht durch das Überwechseln in ein himmlisches Reich.
Die westliche Psychologie hat viel zur Erhellung der Sechs Bereiche beigetragen. Freud und seine Anhänger deckten die animalische Natur der Leidenschaften auf, die höllische Natur von paranoiden, aggressiven und Angstzuständen sowie die unstillbare Sehnsucht, das orale Verlangen (im Lebensrad sind es die Hungergeister). Spätere Entwicklungen in der Psychotherapie rückten sogar die höheren Bereiche in den Mittelpunkt. Die humanistische Psychotherapie legte den Schwerpunkt auf die »Gipfelerlebnisse« (Maslow) im Bereich der Götter; die Ich–Psychologie, der Behaviorismus und die kognitive Therapie forderten das wettbewerbsfähige und effiziente Ich, das im Buddhismus im Bereich der Neidischen Götter angesiedelt ist; und die Psychologie des Narzißmus behandelte ausdrücklich die für den Bereich der Menschen so wichtigen Fragen der Identität. Jede dieser Richtungen befaßte sich mit der Rückgabe eines fehlenden Stücks menschlicher Erfahrung, eines Moments des neurotischen Geistes, von dem wir uns entfremdet haben.
Das Interesse an der Integration aller Aspekte des Selbst ist grundlegend für die buddhistische Vorstellung von den Sechs Daseinsbereichen. Wir sind nicht nur von diesen Aspekten unseres Charakters entfremdet, behauptet die buddhistische Lehre, sondern auch von unserer eigenen Buddha–Natur, von unserem eigenen erleuchteten Geist. In der Meditation kann man lernen, das ganze Material der Sechs Bereiche zu erschließen und damit alle Punkte, an denen unser Geist haftet.
Bleiben Persönlichkeitsaspekte unverdaut – werden sie abgeschnitten, verleugnet, projiziert, zurückgewiesen, gibt man ihnen distanzlos nach oder werden sie auf andere Weise nicht assimiliert –, dann werden sie zu den Kristallisationspunkten für Begierden, Haß und Verblendung. Es sind schwarze Löcher, die Angst absorbieren und die Abwehrhaltung des isolierten Selbst schaffen, das nicht in der Lage ist, befriedigende Kontakte zu anderen bzw. zur Welt zu knüpfen. Wie Wilhelm Reich in seinem bahnbrechenden Werk über die Charakterbildung zeigte, ist die Persönlichkeit auf diesen Momenten der Selbstentfremdung aufgebaut; das Paradox besteht darin, daß das, was wir für so real halten, unser Selbst, in Reaktion auf das konstruiert wird, was wir nicht anerkennen wollen. Rund um das, was wir verleugnen, spannen wir uns an und erfahren uns selbst durch unsere Spannungen. Ein Patient, der kürzlich bei mir in Therapie war, erkannte beispielsweise, daß er eine Identität aufgebaut hatte, die sich um die Pole Scham, Minderwertigkeit und Zorn drehte. Diese Gefühle wurzelten in der Erfahrung, daß seine Mutter für ihn, als er ein kleines Kind war, emotional nicht verfügbar war. Er hatte ihre Abwesenheit gespürt und Angst bekommen. Doch dieses Gefühl war für seine Psyche zu bedrohlich gewesen, so daß er es statt dessen in ein Bild seiner eigenen Unzulänglichkeit umgewandelt und sich so selbst zum Problem erklärte hatte. Erst als er schon lange erwachsen war und seine Mutter, von einem Schlaganfall gelähmt, nicht auf ihn reagieren konnte, gestand er sich diese Angst endlich ein. Das Gebilde des Selbst ist aus solchen schwarzen Löchern in unserer emotionalen Erfahrung zusammengeheftet. Wenn man sich diese Aspekte, die man verdrängt hatte, bewußt macht, sie akzeptiert, toleriert oder integriert, kann das Selbst eine Einheit bilden; es verschwindet die Notwendigkeit, eine selbstbewußte Fassade aufrechtzuerhalten, und die Kraft des Mitgefühls wird freigesetzt. Erst als mein Patient schließlich imstande war, sich seine eigene Angst vor der emotionalen Nicht–Verfügbarkeit seiner Mutter einzugestehen, konnte er Mitgefühl mit ihren emotionalen Dilemma entwickeln. Seine Scham hatte das vorher verhindert. Mit anderen Worten hat der berühmte Zen–Meister Dogen es so formuliert:
Den Buddhismus studieren, ist das Selbst studieren.
Das Selbst studieren, ist das Selbst vergessen.
Das Selbst vergessen, ist mit anderen eins sein.


Durch die Lehren vom Lebensrad werden wir daran erinnert, daß es nicht genügt, die Hemmungen nur in einem oder zwei der sechs Bereiche aufzudecken; wir müssen es in allen tun. Wer von seinen Leidenschaften abgeschnitten ist, nicht aber von seiner gottähnlichen Natur, ist genauso unausgeglichen und unerträglich wie jemand, der am umgekehrten Szenario leidet. Viele Forschungsrichtungen der westlichen Psychotherapie haben die Leiden in einem besonderen Bereich sehr aufmerksam analysiert, aber keine hat das ganze Lebensrad erforscht. Freud erforschte zum Beispiel den Bereich der Tiere und der Begierde; die Kinderanalytikerin Melanie Klein den Bereich der Höllenwesen voller Ängste und Aggressionen; der britische Psychoanalytiker D. W. Winnicott und der Vater der Psychologie des Selbst, Heinz Kohut, den menschlichen Bereich des Narzißmus, und die humanistischen Psychologen Carl Rogers und Abraham Maslow den Götterbereich der »Gipfelerlebnisse«. Alle diese Ansätze waren hilfreich – ja sogar wesentlich – für die Behandlung je besonderer Punkte, an denen der Neurotiker haftet. Sie sind jedoch in sich beschränkt, weil jeder sich nur auf eine Dimension konzentriert. Bis zu einem gewissen Grad mag jeder Ansatz notwendig sein, doch betrachtet die buddhistische Tradition das ganze Mandala als Reflexion des neurotischen Geistes und fordert daher einen umfassend anwendbaren Ansatz.
Innerhalb des Lebensrads heben die Buddhisten die besondere Chance hervor, die der menschliche Bereich bietet. Nur hier führt der Weg zur Befreiung. Aus diesem Bereich geht die wesentliche Meditationstechnik, die des reinen Gewahrseins, hervor; diese Strategie unterstützt die meisten Therapien, die für die anderen Bereiche entwickelt wurden. Der menschliche Bereich beeinflußt alle anderen: Er ist das Kernstück oder die Nabe des Rades, die Domäne des von seinem eigenen Spiegelbild eingenommenen Narziß auf der Suche nach sich selbst.

aus Mark Epstein, Gedanken ohne den Denker




Am 25. Oktober wurde der Sand zusammengestrichen und dem Wasser – sprich: dem Mittellandkanal – übergeben. Vielleicht würde es uns ein Stück besser gehen, wenn wir alle regelmäßig Sandmandalas anfertigen und sie wieder zusammenstreichen würden.

(Die Bilder sind von der Photographin Uta Focke aus Bredenbeck)
Lama Jampa Rinpoche ist Lama in der dritten Reinkarnation und ausgebildet in tibetischer Medizin, Astrologie und Schamanismus. (Das ist übrigens ganz interessant: Genauso wie das Christentum heidnische Aspekte integriert hat, integrierte der Buddhismus die schamanistischen Aspekte aus dem Bön, der vor dem Buddhismus in Tibet heimisch war und von diesem verdrängt wurde. Dabei gingen die Buddhisten auch nicht so gewaltlos vor, wie sie das heute gerne propagieren. Jede Religion hatte auch mal Kinderschuhe. Die Jungen unter uns werden in fünzig Jahren mal die Äußerungen der Chinesen über die Tibeter mit den Äußerungen der Amis über die Indianer vergleichen können. Heute gilt der Bön als eine Richtung des Buddhismus, ähnlich wie der Katholizismus eine christliche Richtung ist.)


Hier gehts zur Homepage von Lharampa Geshe (entsprechend unserem Dr. phil.) Gendun Yonten, der Lama Jampa hier in Hannover betreut und für ihn übersetzt: www.openyourlife.de

Diese beiden Links geben mehr Informationen zu Sandmandalas:
bei sino-liedtke.de und bei shedrupling.at


zu Kalu Rinpoche:
- Buddhistische Autoritäten und ihre »Geistesgifte« (Post, 03.08.2013)

Freitag, 10. November 2006

Realitätsinterpretation…

Im Jahre 1728 berichtete die Berliner „Vossische Zeitung“ (Nr. 105) aus Ungarn (Szegedin): „Eines Schusters Sohn spielte mit anderen Knaben auf der Gasse und ließ verlauten, daß er Wetter [Unwetter] machen könne, welches ein anderer Knabe zu Ohren faßte; und da noch selbigen Tages ein hartes Wetter kam, welches alle dortigen Weingärten zu Boden schlug, erzählte es der eine Knabe seinem Vater, daß des Schusters Sohn gesagt, er könne Wetter machen. Dieser zeigte es sofort bei der Obrigkeit an, woraufhin nicht nur der Knabe, sondern noch viele, die er angab, verhaftet wurden. Man verhörte sie wegen ihrer Hexerei auf der Folter [‚entsetzlich scharf'’], wodurch sie bewogen wurden, horrende Sachen zu bekennen, daher das Urteil erging, daß 13 von ihnen, 6 Hexenmeister und 7 Hexen, verbrannt werden sollten … jetzt sitzen noch 28 im Gefängnis.“ Dazu der „Hamburgische Correspondent“ (1728, Nr. 139): „Es wurden drei Scheiterhaufen eine Stunde vor der Stadt an der Theiß aufgerichtet, allwo in der Mitte eines jeden ein großer Pfahl eingegraben stand; an jeden Pfahl wurden auf einem jeden Haufen 4 Malefikanten mit Stricken angebunden … Darauf wurden alle drei Haufen zugleich angezündet und in volle Flammen gesetzt; und obwohl die Malefikanten eine starke Viertelstunde in den umgebenden Flammen gelebt, so hat man dennoch nicht das geringste Geschrei von ihnen gehört … Es sind noch 8 in Haft … Gestern sind weitere 20 gefangen worden.“
aus Orthband, Geschichte der großen Philosphen, S. 311