Donnerstag, 14. Januar 2016

»Unwort des Jahres« – Die Lufthoheit über meinem Gehirn

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Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? ist ein Essay des Philosophen Immanuel Kant aus dem Jahr 1784. In diesem in der Dezember-Nummer der Berlinischen Monatsschrift veröffentlichten Beitrag ging Immanuel Kant auf die Frage des Pfarrers Johann Friedrich Zöllner „Was ist Aufklärung?“ ein, die ein Jahr zuvor in derselben Zeitung erschien. Kant lieferte in diesem Aufsatz seine bis heute klassische Definition der Aufklärung. (Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, Wikipedia) 
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. (Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Einleitung, Wikipedia) 
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Der Begriff Unwort ist ein Schlagwort aus dem Bereich der Sprachkritik und bezeichnet ein „unschönes“, aber auch ein „unerwünschtes“ Wort.[1] (Unwort, Wikipedia)

Die sprachkritische Aktion Unwort des Jahres wurde in Deutschland 1991 von Horst Dieter Schlosser ins Leben gerufen. Bis 1994 wurde das „Unwort des Jahres“ im Rahmen der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) gewählt. Nach einem Konflikt mit dem Vorstand der GfdS machte sich die Jury als „Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres“ selbstständig.[1][2] (Unwort des Jahres (Deutschland), Wikipedia)
Die Aktion „möchte auf öffentliche Formen des Sprachgebrauchs aufmerksam machen und dadurch das Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität in der Bevölkerung fördern. Sie lenkt daher den sprachkritischen Blick auf Wörter und Formulierungen in allen Feldern der öffentlichen Kommunikation, die gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen.“ Die Benennung der Unwörter des Jahres soll „in erster Linie als Anregung zu mehr sprachkritischer Reflexion“ dienen.[3] […]
 „Unwortverdächtig“ sind Wörter oder Formulierungen, die beispielsweise[3]
  • gegen das Prinzip der Menschenwürde verstoßen (z. B. Geschwätz des Augenblicks für Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche),
  • gegen Prinzipien der Demokratie verstoßen (z. B. alternativlos als Haltung/Position in der politischen Diskussion, um eine solche zu vermeiden und sich der Argumentationspflicht zu entziehen),
  • einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren (z. B. durch unangemessene Vereinfachung oder Pauschalverurteilung, wie etwa Wohlstandsmüll als Umschreibung für arbeitsunwillige ebenso wie arbeitsunfähige Menschen),
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- Manipulation des Jahres (Michael Paulwitz, junge Welt, 12.01.2016)
Wenn alle Jahre wieder ein „Unwort des Jahres“ ausgerufen wird, geht es, wie beim „Wort des Jahres“, nicht um Sprache, sondern um Herrschaft. Wer sich das ins Gedächtnis ruft, wundert sich auch nicht mehr über die mehr oder minder obskuren Entscheidungen, die eine wenig durchsichtige Jury da regelmäßig ausklüngelt: Es geht darum, anderen die Wortwahl vorzuschreiben, mit anderen Worten: um Politik, denn Sprachmanipulation ist ein gewaltiges Herrschaftsinstrument.

„Gutmensch“ soll nun also das Unwort des Jahres 2015 sein. Obwohl man es im abgelaufenen Chaos-Jahr eigentlich kaum noch zu hören bekommen hat. Aber die Jury hört das Gras wachsen: Als „Gutmenschen“ würden „diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen“. Mit dem „Gutmenschen“-Vorwurf würden „Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert“.
mein Kommentar:
In der systemischen Psychotherapie gibt es den Begriff des »Reframing«. Durch diesen therapeutischen »Kunstgriff« wird eine Handlung oder eine sprachliche Äußerung vor einen anderen Hintergrund gestellt und erhält so eine neue Bedeutung.


In den Jahren 
- 1994 ( »Peanuts« – abschätziger Bankerjargonismus; Hilmar Kopper), 
- 1995 (»Diätenanpassung«Beschönigung der Diätenerhöhung im Bundestag) und 
- 1998 (»Kollateralschaden«Verharmlosung der Tötung Unschuldiger als Nebensächlichkeit; NATO-offizieller Terminus im Kosovokrieg
und besonders
- 2008 (»notleidende Banken«Der Begriff stelle das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise auf den Kopf. Während die Volkswirtschaften in ärgste Bedrängnis geraten seien und die Steuerzahler Milliardenkredite mittragen müssten, würden die Banken, durch deren Finanzpolitik die Krise verursacht worden sei, zu Opfern stilisiert.[24])
- 2009 (»betriebsratverseucht«Die Wahrnehmung von Arbeitnehmerinteressen störe zwar viele Unternehmen; Betriebsräte als Seuche zu bezeichnen, sei indes „ein sprachlicher Tiefpunkt im Umgang mit Lohnabhängigen“.[21] (bekannt wurde der Begriff durch seine Verwendung in der ARD. Nach Angaben eines Mitarbeiters der Baumarktkette Bauhaus wird er von Abteilungsleitern der Baumarktkette gebraucht, wenn Mitarbeiter aus einer der drei Filialen mit einem Betriebsrat in eine ohne wechseln wollen)[22][23])
- 2010 (»alternativlos« Das Wort suggeriere sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe. Behauptungen dieser Art seien 2010 zu oft aufgestellt worden, sie drohten, die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung zu verstärken.[20])
wurde mit der Wahl des Unwortes des Jahres vor allem eine Form von Herrschafts- oder Machtausübung kritisiert: Die Verwendung des Unwortes wurde mit der Wahl zum »Unwort des Jahres« somit als der Legitimierung dienendes Instrument einer Machtausübung gebrandmarkt.
Wenn man sich aber den zeitlichen Verlauf der gewählten Worte ansieht, nimmt man eine Veränderung wahr. Ich behaupte, daß sich über die Jahre die Perspektive änderte. Von der Kritik hin zum Instrument der Machtausübung.
Besonders deutlich wird dies bei der Wahl 2014: »Lügenpresse«
Die Tatsache, dass die sprachgeschichtliche Aufladung des Ausdrucks (Erster Weltkrieg, Nationalsozialismus) einem Großteil derjenigen, die ihn seit dem letzten Jahr als „besorgte Bürger“ skandieren und auf Transparenten tragen, nicht bewusst sein dürfte, macht ihn zu einem besonders perfiden Mittel derjenigen, die ihn gezielt einsetzen.[14]

siehe auch:
- Unwort des Jahres 2015: Qualitätsjournalismus? (Gunnar Kaiser, Neopresse, 13.02.2015)
- "Gutmensch" - eine billige Wahl (Ulrich Kühn, NDR, 12.01.2016)
Als 'Gutmenschen' wurden 2015 insbesondere auch diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen", sagte die Sprecherin der "Unwort"-Jury, die Sprachwissenschaftlerin Nina Janich, bei der Präsentation am Dienstag in Darmstadt. Mit dem Vorwurf "Gutmensch", "Gutbürger" oder "Gutmenschentum" würden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert.

Der Begriff "Gutmensch" floriere dabei nicht mehr nur im rechtspopulistischen Lager als Kampfbegriff, sondern werde auch von Journalisten in Leitmedien als Pauschalkritik an einem "Konformismus des Guten" benutzt, so die Jury. Die Verwendung dieses Ausdrucks verhindere somit einen demokratischen Austausch von Sachargumenten. […]
Die institutionell unabhängige und ehrenamtlich arbeitende Jury besteht aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten und wird in diesem Jahr vom Kabarettisten Georg Schramm ergänzt. Sie entscheidet unabhängig und richtet sich nicht danach, welcher Begriff am häufigsten vorgeschlagen wurde.  
 (Mehr als 650 Vorschläge – "Gutmensch" ist das "Unwort des Jahres", SWR Fernsehen, )

Mein Kommentar:
Nirgendwo habe ich bei meinen Recherchen im Internet von der Titulierung ehrenamtlicher Helfer als »Gutmenschen« etwas mitbekommen. Was ich aber in den vergangenen Jahren mitbekommen habe, war, wie man hierzulande mit Leuten wie Thilo Sarrazin umzugehen pflegt:
- Sarrazin und die Rhetorik – Endlich sagt's mal einer (Andrian Keye, Süddeutsche Zeitung, 03.09.2010, Hervorhebung von mir)
Die Grundlage derartiger Suggestionen ist entweder eine enzyklopädisch-eklektische Ideensammlung oder die eigene Erfahrung. Aus den eigenen Erfahrungen an den Frontlinien der Integrationsproblematik hat beispielsweise die verstorbene Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig ihr Buch "Das Ende der Geduld - Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter" gemacht, das in dieser Woche auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste steht, auf der Sarrazin den zweiten Platz belegt. Auch Heisig wurde eine rechts-autoritäre Position vorgeworfen, da sie einen harten Umgang mit straffälligen Jugendlichen vor allem in den Einwanderergemeinden der Republik forderte. Weil sie ihre Schlussfolgerungen jedoch mit einer so geballten Empirie untermauerte, gilt ihr Urteil als unanfechtbar. Und wie Sarrazin sprach sie eine diffuse Angst in Deutschland an, die hier eine Antwort findet.
- Sloterdijk wirft Sarrazin-Kritikern Opportunismus vor (Die Welt, 20.10.2009)
- Ein Käfig voller Feiglinge (Peter Sloterdijk, Cicero, 21.01.2009)
Weil er so unvorsichtig war, auf die unleugbar vorhandende Integrationsscheu gewisser türkischer und arabischer Milieus in Berlin hinzuweisen, ging die ganze Szene der deutschen Berufsempörer auf die Barrikaden, um ihm zu signalisieren: Solche Deutlichkeiten sind unerwünscht. Man möchte meinen, die deutsche Meinungs-Besitzer-Szene habe sich in einen Käfig voller Feiglinge verwandelt, die gegen jede Abweichung von den Käfigstandards keifen und hetzen. Sobald einmal ein scharfes Wort aus einem anderen Narrenkäfig laut wird, bricht auf der Stelle eine abgekartete Gruppendynamik los.
dazu auch:- Sarrazin und Sloterdijk (Reinhard Jellen, Interview mit Michael Wendl, Telepolis, 08.09.2010)
Wenn man 4 Millionen Arbeitslose hat, aber nur eine Million offene Stellen, können drei Millionen machen, was sie wollen. Sie bekommen keine Beschäftigung. Sarrazin beschreibt das ganz treffend, dass sich z.B. niedrigqualifizierte Leute mit schlechten Sprachkenntnissen in diesem System einrichten müssen. So gesehen ist das Buch eine unbeabsichtigte massive Kritik an Hartz IV, denn es zeigt klar auf, zu was dieses Blutbad auf dem Arbeitsmarkt geführt hat. Ich würde heute einen Text zu Sarrazin mit der Überschrift aufmachen: "SPD schließt Hartz IV-Kritiker aus!" Das ist das Tragische, dass Sarrazin nicht merkt, dass sein Text eine massive Kritik der Folgen der rot-grünen Arbeitsmarktpolitik 2003 bis 2006 darstellt.
- Propaganda der Ungleichheit: Sarrazin, Sloterdijk und die neue "bürgerliche Koalition" (Albrecht von Lucke, Blätter für deutsche und internationale Politik, Dezember 2009)
Umso mehr wird in Zeiten knapper Kassen die Ideologie leisten müssen, was die Wirtschaft allein nicht zu leisten vermag: die Legitimierung einer Politik der sozialen Grausamkeiten. Die kulturelle Sphäre, der Kampf um die kulturelle Deutungsmacht in der Republik, dürfte damit zum Hauptschlachtfeld werden. Da trifft es sich gut, dass sich Schwarz-Gelb im Kreise der Meinungsführer und Deutungsexperten längst auf beflissene Intellektuelle verlassen kann, die bereitwillig einspringen, um für den fehlenden geistigen Überbau zu sorgen. Es ist gewiss kein Zufall, dass just zu dem Zeitpunkt, wo wir in eine neue Phase der Republik eintreten und die neue Regierung hochgradig sinnstiftungsbedürftig ist, sich zahlreiche „Geistesschaffende“ anheischig machen, sich zu Stichwortgebern der neuen „bürgerlichen Koalition“ aufzuschwingen. Damit stoßen sie dezidiert in jenes ideelle Vakuum, das nach dem Ende von Rot-Grün als dem vorerst letzten koalitionspolitischen Projekt in diesem Lande entstanden ist.

An die Spitze dieser „Bewegung“ setzten sich, in bemerkenswertem Gleichklang, vor allem zwei: Thilo Sarrazin und Peter Sloterdijk. Während Thilo Sarrazin mit seinem neoliberalen „Eliten-Rassismus“ (Gerd Wiegel), gespickt mit explizit NPD-kompatiblen Sätzen,1 die vulgären Ressentiments all derer anspricht, die schon lange mit ihrer Meinung zu den „ständig neuen kleinen Kopftuchmädchen“ (O-Ton Sarrazin) nicht mehr hinter dem Berg halten wollen, gibt Sloterdijk den Sarrazin des Bildungsbürgers.

In der November-Ausgabe des Politik-Magazins „Cicero“ veröffentlichte er ein „Bürgerliches Manifest“, in dem er sich ausdrücklich auf Sarrazin bezieht und dessen Kritikern Opportunismus vorwirft.2 „Unter dem Deckmantel der Redefreiheit und der unbehinderten Meinungsäußerung“ habe man sich „in einem System der Unterwürfigkeit, besser gesagt: der organisierten sprachlichen und gedanklichen Feigheit eingerichtet, das praktisch das ganze soziale Feld von oben bis unten paralysiert.“ Auf das Aussprechen der Wahrheit, dass nämlich Sarrazin lediglich „Integrationsschwierigkeiten von türkischen und arabischen Teilen der Bevölkerung angemerkt“ habe, stünde „die Höchststrafe: Existenzvernichtung“. Er könne sich des Eindrucks nicht erwehren, schreibt Sloterdijk, dass fast alle, die öffentlich das Wort ergreifen, „geradewegs aus dem Desinfektionsbad“ kämen. Man möchte meinen, „die deutsche Meinungs-Besitzer-Szene“ habe „sich in einen Käfig voller Feiglinge verwandelt, die gegen jede Abweichung von den Käfigstandards keifen und hetzen“.


Mittwoch, 13. Januar 2016

Heute vor 114 Jahren – 13. Januar 1902: Beginn der Bibel-Babel-Kontroverse

Scharfe Kontroverse: Bibel oder Babel? 

Am heutigen Tag des Jahres 1902 holte der Berliner Assyriologe Friedrich Delitzsch (1850-1922) zu einem wissenschaftlichen Paukenschlag aus, als er in Gegenwart des deutschen Kaisers im ersten seiner drei »Bibel und Babel«-Vorträge die These aufstellte, die jüdische Religion und damit das alte Testament gehe auf babylonische Wurzeln zurück. 
Der Turmbau zu Babel
in einer mittelalterlichen Buchillustration

Die sofort einsetzende und bis zum Ersten Weltkrieg anhaltende »Bibel-Babel-Kontroverse« trieb mitunter seltsame Blüten. Delitzsch selbst verschärfte sie, als er in weiteren Vorträgen (1903 und 1905) die jüdische Überlieferung als der babylonischen in geistiger, religiöser und sittlicher Hinsicht unterlegen abqualifizierte. Später verlangte er sogar, man solle das Alte Testament aus dem christlichen Kanon entfernen. Die in der Tat erstaunlichen Parallelen – aber eben Parallelen! – zwischen der altisraelischen und der altbabylonischen Überlieferung veranlassten 1907 den Altorientalisten Hugo Winckler (1863-1913), sich zum »Panbabylonismus« zu versteigen, demzufolge die gesamte Überlieferung des Alten Testaments letztlich auf das Gilgamesch-Epos und sein Umfeld zurückgehe. 

Was am 13. Januar noch geschah: 
532: In Konstantinopel beginnt der das Byzantinische Reich erschütternde Nika-Aufstand gegen Kaiser Justinian.
Harenberg-Abenteuer Geschichte 2016

Ziggy Stardust hat sich aus dem Staub gemacht…

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Bertrand Piccard: "Mein Weg, das Unbekannte zu umarmen"

Seine Ängste überwand Bertrand Piccard, indem er mit dem Drachenfliegen begann. Ein Interview von Herlinde Koelbl
mehr:
- Das war meine Rettung "Mein Weg, das Unbekannte zu umarmen" (ZEIT Magazin, 12.01.2016, Zitat:)
»Es wurde mein Weg, das Unbekannte zu umarmen und mir mehr zuzutrauen. Meine Rettung. Aus dem kleinen Jungen, der Angst hatte, auf Bäume zu klettern, wurde ein Europameister im Drachenkunstflug.«

siehe auch:
- Bertrand Piccard : "Mein Glücksrezept" (Post, 28.11.2015)

Gutmensch ist Unwort des Jahres

Die Darmstädter Jury sieht in dem Wort Gutmensch die pauschale Abwertung von Helfern als naiv und weltfremd. Ihre Kritik richtet sie nicht nur gegen Rechtspopulisten.

Eine Jury aus sechs Sprachexperten hat sich unter den eingesandten 669 Vorschlägen für Gutmensch als Unwort des Jahres entschieden. Mit dem Vorwurf Gutmensch, Gutbürger oder Gutmenschentum würden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert, begründete die an der Universität Darmstadt angesiedelte Jury ihre Entscheidung.


mehr:
- Gutmensch ist Unwort des Jahres (12.01.2016)

US-Boote zu Besuch im Iran: Nur mal ein bißchen abdriften und gucken…

Zwei Boote der USA sind von Sicherheitskräften des Iran aufgegriffen worden. Der US-Regierung zufolge waren sie in iranisches Gewässer abgedriftet.
Der Iran hält im Persischen Golf die Matrosen zweier US-Boote fest. Die Boote hätten technische Probleme gehabt und seien in iranische Gewässer abgedriftet, sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, Peter Cook. Die US-Regierung habe aber von der iranischen Regierung versichert bekommen, dass die Mannschaften schnell wieder frei kämen, sagte Cook. Die Besatzungen seien in Sicherheit sind und es gehe ihnen gut, teilte die US-Regierung weiter mit. Iranische Medien berichteten jedoch, die Soldaten würden verdächtigt, spioniert zu haben.

Die Boote waren demnach zwischen Kuwait und Bahrain unterwegs gewesen, als der Kontakt zu ihnen abbrach. Bei den Booten handelt es sich um kleine, wendige Schiffstypen, mit denen sich häufig Spezialeinheiten bewegen.

mehr:
- Iran setzt US-Boote fest (ZEIT Online, 13.01.2016)

mein Kommentar:
Ich male mir unsere Medien-Hype aus, wenn das russische Boote in einem europäischen Territorium gewesen wären! Kindergarten…

Montag, 11. Januar 2016

Vor 94 Jahren – 11. Januar 1922: Erste erfolgreiche Diabetesbehandlung mit Insulin

Hoffnung für Hunderttausende Diabetiker 

Bereits 1869 hatte Paul Langerhans (1847-1888) die körpereigene Bildung des Insulins zur Blutzuckerregulierung in den Langerhans-Inseln der Bauchspeicheldrüse entdeckt. Bald darauf begannen die Forschungen zur Isolierung und Gewinnung des Insulins, um damit Zuckerkranke zu heilen. Ab 1921 experimentierten auch der kanadische Mediziner Frederick Banting (1891-1941) und sein Assistent Charles Best (1899-1978) mit der künstlichen Zugabe von Pankreasextrakt bei Hunden, denen sie die Bauchspeicheldrüse entfernt hatten. 
Charles Best und Frederick Banting mit dem ersten Hund,
der durch Insulin am Leben blieb,  Universität von Ontario, 1921

Nach erfolgreichem Verlauf verabreichten sie am 11. Januar 1922 dem unheilbar zuckerkranken fünfjährigen Theodore Ryder (1916-1993) als erstem Menschen ihr Extrakt, das nach den Langerhans-lnseln Insulin genannt wurde. Ryders Zustand verbesserte sich deutlich, mit über 70 Jahren Insulin-Dauerbehandlung ist er vermutlich der am längsten behandelte Insulin-Patient der Welt. Für seine Entdeckung erhielt Banting 1923 den Medizin-Nobelpreis. Die Forschungen der beiden Pioniere führten zur Lebensverlängerung und Lebensverbesserung für Hunderttausende.

Stationen der Insulinforschung
▪︎ ab 1889 Experimente zur Insulingewinnung
▪︎ 1916 erste Isolierung von Pankreasgewebe zur Therapie
▪︎ 1922 erste erfolgreiche Insulin-Behandlung beim Menschen
▪︎ 1963 erstmals chemische Synthese von Insulin


Harenberg – Abenteuer Geschichte 2016

Sonntag, 10. Januar 2016

Aufklärung, ein Bollwerk gegen die Matrix?

Stefan Zweig ist noch heute fast peinlich aktuell…
- Einleitung: Angst und der heutige Mensch (Klett-Cotta)

Stefan Zweig beim Projekt Gutenberg:
- Leben und Werk

- Die Schule im vorigen Jahrhundert (Die Welt von gestern, 1942)
Auch unsere Lehrer hatten an der Trostlosigkeit jenes Betriebes keine Schuld. Sie waren weder gut noch böse, keine Tyrannen und andererseits keine hilfreichen Kameraden, sondern arme Teufel, die sklavisch an das Schema, an den behördlich vorgeschriebenen Lehrplan gebunden, ihr ›Pensum‹ zu erledigen hatten wie wir das unsere und – das fühlten wir deutlich – ebenso glücklich waren wie wir selbst, wenn mittags die Schulglocke scholl, die ihnen und uns die Freiheit gab. Sie liebten uns nicht, sie haßten uns nicht, und warum auch, denn sie wußten von uns nichts; noch nach ein paar Jahren kannten sie die wenigsten von uns mit Namen, nichts anderes hatte im Sinn der damaligen Lehrmethode sie zu bekümmern als festzustellen, wie viele Fehler ›der Schüler‹ in der letzten Aufgabe gemacht hatte. Sie saßen oben auf dem Katheder und wir unten, sie fragten, und wir mußten antworten, sonst gab es zwischen uns keinen Zusammenhang. Denn zwischen Lehrer und Schüler, zwischen Katheder und Schulbank, dem sichtbaren Oben und sichtbaren Unten stand die unsichtbare Barriere der ›Autorität‹, die jeden Kontakt verhinderte. Daß ein Lehrer den Schüler als ein Individuum zu betrachten hatte, das besonderes Eingehen auf seine besonderen Eigenschaften forderte, oder daß gar, wie es heute selbstverständlich ist, er ›reports‹, also beobachtende Beschreibungen über ihn zu verfassen hatte, würde damals seine Befugnisse wie seine Befähigung weit überschritten, anderseits ein privates Gespräch wieder seine Autorität gemindert haben, weil dies uns als ›Schüler‹ zu sehr auf eine Ebene mit ihm, dem ›Vorgesetzten‹ gestellt hätte. Nichts ist mir charakteristischer für die totale Zusammenhanglosigkeit, die geistig und seelisch zwischen uns und unseren Lehrern bestand, als daß ich alle ihre Namen und Gesichter vergessen habe. Mit photographischer Schärfe bewahrt mein Gedächtnis noch das Bild des Katheders und des Klassenbuchs, in das wir immer zu schielen suchten, weil es unsere Noten enthielt; ich sehe das kleine rote Notizbuch, in dem sie die Klassifizierungen zunächst vermerkten, und den kurzen schwarzen Bleistift, der die Ziffern eintrug, ich sehe meine eigenen Hefte, übersät mit den Korrekturen des Lehrers in roter Tinte, aber ich sehe kein einziges Gesicht von all ihnen mehr vor mir – vielleicht weil wir immer mit geduckten oder gleichgültigen Augen vor ihnen gestanden.

Dieses Mißvergnügen an der Schule war nicht etwa eine persönliche Einstellung; ich kann mich an keinen meiner Kameraden erinnern, der nicht mit Widerwillen gespürt hätte, daß unsere besten Interessen und Absichten in dieser Tretmühle gehemmt, gelangweilt und unterdrückt wurden. Aber viel später erst wurde mir bewußt, daß diese lieblose und seelenlose Methode unserer Jugenderziehung nicht etwa der Nachlässigkeit der staatlichen Instanzen zur Last fiel, sondern daß sich darin eine bestimmte, allerdings sogfältig geheimgehaltene Absicht aussprach. Die Welt vor uns oder über uns, die alle ihre Gedanken einzig auf den Fetisch der Sicherheit einstellte, liebte die Jugend nicht oder vielmehr: sie hatte ein ständiges Mißtrauen gegen sie.

- Eros Matutinus (Die Welt von gestern, 1942) 
Aber das ganze neunzehnte Jahrhundert war redlich in dem Wahn befangen, man könne mit rationalistischer Vernunft alle Konflikte lösen, und je mehr man das Natürliche verstecke, desto mehr temperiere man seine anarchischen Kräfte; wenn man also junge Leute durch nichts über ihr Vorhandensein aufkläre, würden sie ihre eigene Sexualität vergessen. In diesem Wahn, durch Ignorieren zu temperieren, vereinten sich alle Instanzen zu einem gemeinsamen Boykott durch hermetisches Schweigen. Schule und kirchliche Seelsorge, Salon und Justiz, Zeitung und Buch, Mode und Sitte vermieden prinzipiell jedwede Erwähnung des Problems, und schmählicherweise schloß sich sogar die Wissenschaft, deren eigentliche Aufgabe es doch sein sollte, an alle Probleme gleich unbefangen heranzutreten, diesem ›naturalia sunt turpia‹ an. Auch sie kapitulierte unter dem Vorwand, es sei unter der Würde der Wissenschaft, solche skabrösen Themen zu behandeln. Wo immer man in den Büchern jener Zeit nachblättert, in den philosophischen, juristischen und sogar in den medizinischen, wird man übereinstimmend finden, daß jeder Erörterung ängstlich aus dem Wege gegangen wird. Wenn Strafrechtsgelehrte bei Kongressen die Humanisierungsmethoden in den Gefängnissen und die moralischen Schädigungen des Zuchthauslebens diskutierten, huschten sie an dem eigentlich zentralen Problem scheu vorbei. Ebensowenig wagten Nervenärzte, obwohl sie sich in vielen Fällen über die Ätiologie mancher hysterischen Erkrankung vollkommen im klaren waren, den Sachverhalt zuzugeben, und man lese bei Freud nach, wie selbst sein verehrter Lehrer Charcot ihm privatim gestand, daß er die wahre Causa wohl kenne, nie aber öffentlich verlautbart habe.  

- Einleitung (Die Heilung durch den Geist, 1931, Hervorhebungen von mir)
Weil Gesundheit dem Menschen naturhaft zugehört, erklärt sie sich nicht und will nicht erklärt sein. Seinem Leiden aber sucht jeder Gequälte jedesmal einen Sinn. Denn daß die Krankheit sinnlos über sie falle, daß unverschuldet, ohne Ziel und Zweck plötzlich der Leib im Fieber brenne und bis in die Eingeweide hinab glühende Schmerzmesser wühlen – diesen ungeheuren Gedanken einer völligen Sinnlosigkeit des Leidens, der allein schon die moralische Weltordnung vernichtete, hat die Menschheit niemals zu Ende zu denken gewagt. Krankheit erscheint ihr allemal von jemandem gesendet, und der Unfaßbare, der sie schickt, muß ihrer Meinung nach einen Grund haben, sie gerade in diesen einen irdischen Leib zu jagen. Irgend jemand muß dem Menschen böse sein, ihm zürnen, ihn hassen. Irgend jemand will ihn strafen für irgendeine Schuld, für einen Frevel, für ein übertretenes Gebot. Und das kann nur derselbe sein, der alles kann, derselbe, der die Blitze vom Himmel wirft, der Frost und Hitze über die Felder gießt und die Sterne entzündet oder verhüllt, ER, der alle Macht hat, der Allmächtige: Gott. Vom ersten Ursprung an ist darum das Geschehnis der Krankheit unlösbar dem Gefühl des Religiösen verbunden.

- Der Vorausgänger und seine Zeit (Die Heilung durch den Geist, Franz Anton Mesmer, 1931, Hervorhebungen von mir)
Mesmers Tragik: er kam zu früh und kam zu spät. Die Epoche, in die er eintritt, ist eben, weil sie sich auf ihre Vernunft so hahnenstolz viel zugute tut, eine der Intuition völlig abholde, jene (abermals nach Schopenhauers Wort) »superkluge« Epoche der Aufklärung. Auf den Dunkelsinn des Mittelalters, den ehrfürchtig und verworren ahnenden, war gerade der Flachsinn der Enzyklopädisten gefolgt, der Alleswisser, wie man dies Wort wohl am sinnfälligsten übersetzt, jene grobmaterialistische Diktatur der Holbach, La Mettrie, Condillac, der das Weltall als interessanter, aber noch verbesserungsfähiger Mechanismus und der Mensch bloß als kurioser Denkautomat galt. Mächtig aufgeplustert, weil sie keine Hexen mehr verbrannten, die gute alte Bibel als einfältiges Kindermärchen dargetan und dem lieben Gott mit der Franklinschen Leitung den Blitz aus der Hand genommen hatten, erklärten diese Aufklärer (und ihre schwachbeinigen deutschen Nachtänzer) alles für absurden Wahn, was man nicht mit der Pinzette packen, nach der Regeldetri beweisen konnte, derart mit dem Aberglauben auch jedes Samenkorn Mystik aus ihrem glashellen, glasklaren (und ebenso zerbrechlichen) Weltall des Dictionnaire philosophique hinausfegend. Was nicht als Funktion mathematisch nachweisbar war, dekretierte ihr flinker Hochmut als Phantom, was man mit den Sinnen nicht fassen konnte, nicht etwa bloß als unfaßbar, sondern glattweg für nicht vorhanden.
[…] Denn nichts innerhalb der Geschichte, der tatsachenhistorischen wie jener des Geistes, läßt sich an dramatischer Kraft der seelischen Leistung vergleichen, wenn ein einzelner, schwacher, isolierter Mensch sich allein gegen eine riesige, die ganze Welt umspannende Organisation auflehnt. Ob Spartakus, der geprügelte Sklave, gegen die Legionen und Kohorten des Römerreichs oder Pugatschew, der arme Kosak, gegen das gigantische Rußland oder Luther, der breitstirnige Augustinermönch, gegen die allmächtige fides catholica – immer wenn ein Mensch nichts als seine eigene innere Glaubenskraft gegen alle verbündeten Mächte der Welt einzusetzen hat und sich in einen Kampf wirft, der unsinnig scheint in seiner völligen Aussichtslosigkeit, gerade dann teilt sich seine Seelenspannung schöpferisch den Menschen mit und schafft aus dem Nichts unermeßliche Kräfte. Jeder unserer großen Fanatiker für die »Heilung durch den Geist« hat Hunderttausende um sich geschart, jeder mit seinen Taten und Heilungen das Bewußtsein der Zeit erregt und erschüttert, von jedem sind mächtige Strömungen in die Wissenschaft übergegangen. Phantastisch, sich die Situation auszudenken: in einem Zeitalter, da die Medizin dank einer märchenhaften Ausgestaltung ihrer Technik tatsächliche Wunder vollbringt, da sie die winzigsten Atome und Moleküle lebendiger Substanz zu zerteilen, beobachten, photographieren, messen, beeinflussen und zu verändern gelernt hat, da ihr alle andern exakten Naturwissenschaften hilfreich Gefolgschaft leisten und nichts Organisches mehr Geheimnis scheint – gerade in diesem Augenblick zeigt eine Reihe unabhängiger Forscher die Überflüssigkeit dieser ganzen Apparatur in vielen Fällen. Sie tun öffentlich und unwiderlegbar dar, daß auch heute mit nackten Händen nur auf seelischem Wege Heilungen genau so wie einst erzielt werden können, sogar in solchen Fällen, wo vor ihnen die großartige Präzisionsmaschinerie der Universitätsmedizin vergebens gearbeitet hatte. Von außen gesehen, ist ihr System unbegreiflich, beinahe lächerlich in seiner Unscheinbarkeit; Arzt und Patient sitzen friedlich beisammen und scheinen bloß zu plaudern. Keine Röntgenplatten, keine Meßinstrumente, keine elektrischen Ströme, keine Quarzlampen, nicht einmal ein Thermometer, nichts ist vorhanden von dem ganzen technischen Arsenal, das den berechtigten Stolz unseres Zeitalters bildet, und doch wirkt ihre uralte Methode oft mächtiger als die fortgeschrittene Therapie. Daß Eisenbahnzüge fahren, hat an der seelischen Konstitution der Menschheit nichts geändert – bringen sie nicht alljährlich zur Grotte von Lourdes Hunderttausende von Pilgern, die dort einzig durch das Wunder genesen wollen? Und daß Hochfrequenzströme erfunden sind, ändert ebensowenig die Seeleneinstellung zum Geheimnis, denn sie zaubern, in den magischen Stab einer seelenfängerischen Persönlichkeit versteckt, 1930 in Gallspach eine ganze Stadt mit Hotels, Sanatorien und Vergnügungsstätten aus dem Nichts um einen einzigen Menschen herum. Keine Tatsache hat so sichtlich wie der tausendfältige Erfolg der Suggestionskuren und sogenannten Wunderheilungen bewiesen, welche ungeheuren Glaubensenergieen noch im zwanzigsten Jahrhundert bereitliegen und wie viel an praktischer Heilungsmöglichkeit von der bakteriologisch und zellular orientierten Medizin durch lange Jahre bewußt vernachlässigt worden ist, weil sie hartnäckig jede Möglichkeit des Irrationalen leugnete und die seelische Selbsthilfe eigenwillig aus ihren exakten Berechnungen ausschloß.  
siehe auch:
- Zum 75. Todestag von Sigmund Freud am 23. September 2014: Stefan Zweigs Worte an seinem Sarge (Gesprochen am 26. September 1939 im Krematorium London, Magic Mirror Blog/Zauberspiegel Blog, Heinz Schott, 04.09.2014)

- Vor 155 Jahren: Sigmund Freud wird geboren (Post, 08.05.2011)

An das «Goldene Zeitalter» einer gerechten Verteilung von Gütern, einer Aufhebung von Zwang und Triebunterdrückung mag Freud nicht glauben wenngleich er versichert, daß es ihm fernliegt, «das große Kulturexperiment zu beurteilen, das gegenwärtig in dem weiten Land zwischen Europa und Asien angestellt wird». Nein, dazu fehle ihm die Sachkenntnis und die Fähigkeit, über dessen Ausführbarkeit zu entscheiden, «die Zweckmäßigkeit der angewandten Methoden zu überprüfen oder die Weite der unvermeidlichen Kluft zwischen Absicht und Durchführung zu messen». Der «unpolitische» Freud war der Ansicht, daß der Zwang zur Kulturarbeit die «Beherrschung der Masse durch eine Minderheit» erforderte, «denn die Massen sind träge und uneinsichtig, sie lieben den Triebverzicht nicht».

Aber die religiösen Vorstellungen, die aus ihren primitiven Anfängen, der Sehnsucht nach dem schützenden Vater, sich zu Lehrsätzen und Dogmen entwickelt hatten, beruhten nicht auf Erfahrung, nicht auf Denkleistungen. Sie waren Illusionen, «Erfüllungen der ältesten, dringendsten Wünsche der Menschheit», und «das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche». Sie beschwichtigten die Angst vor den Gefahren des Lebens, sie erfüllten das Verlangen nach einer Gerechtigkeit, die auf Erden nicht zu finden sei. Sie versprachen die Einlösung von Wünschen über den Tod hinaus.

Freud sah sie nicht als Irrtümer oder Täuschungen an, all diese Vorstellungen waren aus menschlichen Begehrlichkeiten entstanden. Manche waren den Wahnideen nahe, doch nicht wie diese unbedingt im Widerspruch mit der Realität, allein, mit dem Verstand weder zu beweisen noch zu widerlegen. Man konnte an sie glauben oder nicht, nur sollte man sich nicht darüber hinwegtäuschen, daß man die Wege des korrekten Denkens verließ: «Die Unwissenheit ist die Unwissenheit.» Gerade in Fragen der Religion machten sich die Menschen «aller möglichen Unaufrichtigkeiten und intellektuellen Unarten schuldig».

Hatte die Religion die Menschen sittlicher gemacht? Nein, immer ließen sich Vorschriften veräußerlichen, Absichten vereiteln – wenn Gott allein stark und gut war, konnte der Mensch schwach und sündig sein. Gewiß hatte es zuzeiten geholfen, daß man das Verbot zu morden als Gottes Gebot mit besonderer Feierlichkeit umkleidete. Aber inzwischen hatte man den Heiligenschein von einigen wenigen großen Verboten auf Gesetze und Verordnungen ausgedehnt, denen er schlecht zu Gesicht stand. Wäre es nicht menschlicher, ganz auf ihn zu verzichten, die soziale Notwendigkeit der Kulturvorschriften erkennbar zu machen? Doch wenn, so der advocatus Dei, die religiösen Vorstellungen nicht nur Wunscherfüllungen wären, sondern auch historische Reminiszenzen enthielten? Nein, das waren nur Kinderneurosen, verdrängte Triebansprüche, ähnlich denen in der Vorgeschichte der Menschheit. So war die ganze Religion eine Art allgemeine Zwangsneurose, der gläubigen Menschheit die Wahrheit zu entstellen. So wie man dem Kind vom Storch erzählt.

Was konnte man von Menschen erwarten, die unter Denkverboten standen, narkotisiert waren durch die Religion, schon von früher Kindheit an, da ihre sexuelle Natur betäubt und geleugnet werden mußte? Daher plädiert der Determinist Freud für die «Erziehung zur Realität», zu Nüchternheit und Verantwortlichkeit: […]

[…] Denn «eine Entschädigung für uns, die wir schwer am Leben leiden, verspricht er nicht».

Eindringlich beschwört Freud den alten aufklärerischen Glauben an die Wissenschaft und damit an die Möglichkeit, durch sie etwas über die Realität der Welt zu erfahren, «wodurch wir unsere Macht steigern und wonach wir unser Leben einrichten können». Mochte er noch so oft betont haben, wie kraftlos der Intellekt im Vergleich zum Triebleben sei: «Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör verschafft hat.» Am Ende, «nach unzählig oft wiederholten Abweisungen», würde man sie verstehen, das wollte er gern glauben. Vielleicht war auch die Wissenschaft eine Illusion, doch hatte sie nicht durch ihre großen und bedeutsamen Erfolge den Beweis erbracht, daß sie keine ist? Er war nicht blind gegen ihre Bedingungen und Bedingtheiten. Gerade die Subjektivität allen Denkens, die Beschränkung der Wissenschaft, die Endlichkeit ihrer Resultate gibt ihm Hoffnung auf ihre pragmatische Kraft, ihren Sieg über alle Ideologien: «Nein, unsere Wissenschaft ist keine Illusion. Eine Illusion aber wäre es zu glauben, daß wir anderswoher bekommen könnten, was sie uns nicht geben kann.»
Er war der alte Skeptiker geblieben, der sich in einer immer mehr sich verdunkelnden Welt den Optimismus der Verzweiflung leistete. Oskar Pfister konnte ihm ruhig nachloben, sein wissenschaftlicher Religionsersatz sei «im Wesentlichen der Aufklärungsgedanke des 18. Jahrhunderts in stolzer moderner Auffrischung». Sein «écrasez l'infame» mochte nicht viel bedeuten, gewiß, aber seine leise Stimme erhob sich auch gegen all jene, Ideologen und Politker, die sich nur zu gerne der Religion oder dessen, was sie daraus machten – als Instrumentarium, als Propagandamittel und Hetzwerkzeug bedienten und die ihre gläubigen Anhänger fanden, zahlreicher denn je, triebhafter, mörderischer. Keiner von all denen würde diese Stimme hören. Vermutlich hatte Pfister sogar recht, daß die Menschen, denen die Psychoanalyse «diese ausgeplünderte Welt» als höchste Erkenntnis vorführte, daß diese «armen Leute sich lieber in die Klause ihrer Krankheit flüchteten, als in diese schauerliche Eiswüste zögen».  (aus Annette Meyhöfer, Eine Wissenschaft des Träumens: Sigmund Freud und seine Zeit, 2006 zit. in Vor 155 Jahren: Sigmund Freud wird geboren, Post, 08.05.2011)

- Sendung und Lebenssinn (Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam, 1934)
An dem Barbarischen der Welt aber, das Gottes Plan tölpisch boshaft mit fortwährender Feindseligkeit immer neu zu verwirren strebt, sah er beharrlich vorbei; nur die obere, die formgebende und schöpferische Sphäre zog ihn brüderlich an, und er hielt es für die Aufgabe jedes Geistigen, diesen Raum zu erweitern und zu verbreitern, damit er einmal wie das Himmelslicht einheitlich und rein die ganze Menschheit umfasse. Denn dies war der innerste Glaube (und der schöne, der tragische Irrtum) dieses frühen Humanismus: Erasmus und die Seinen hielten einen Fortschritt der Menschheit durch Aufklärung für möglich und erhofften eine Erziehungsfähigkeit des einzelnen wie der Gesamtheit durch eine allgemeinere Verbreitung von Bildung, Schrift, Studium und Buch. Diese frühen Idealisten hatten ein rührendes und fast religiöses Vertrauen in die Veredlungsfähigkeit der menschlichen Natur durch beharrliche Pflege des Lernens und Lesens. Als büchergläubiger Gelehrter zweifelte Erasmus niemals an der vollkommenen Lehrbarkeit und Erlernbarkeit des Sittlichen. Und das Problem einer völligen Harmonisierung des Lebens dünkte ihn schon gewährleistet durch diese von ihm als ganz nah erträumte Humanisierung der Menschheit.
„Ich habe mir“, schrieb Zweig am 9. September 1933 an Hermann Hesse, „Erasmus von Rotterdam als Nothelfer gewählt, den Mann der Mitte und der Vernunft, der ebenso zwischen die Mühlsteine des Protestantismus und Katholizismus geriet, wie wir zwischen die großen Gegenbewegungen von heute. Es war mir ein kleiner Trost zu sehen, ... daß man nicht allein ist, wenn man sich anständigerweise mit schweren Entscheidungen und Entschließungen quält, statt es sich bequem zu machen und mit einem Ruck auf den Rücken einer Partei zu springen.“  (Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam, Biografie, 1934, Künste im Exil)
[…] wer zu lesen versteht, wird die Geschichte unserer Tage in der Analogie entdecken. (Stefan Zweig, Brief an Romain Rolland, 1933, zit. in obigem Artikel, Künste im Exil)
siehe auch:
- Eine kleine Literaturgeschichte (Lorenz Derungs, Deutschunddeutlich, Arbeitsblätter für den Deutschunterricht, PDF)
- Auf dem Weg nach Europa – Stefan Zweigs Ideen und Vorstellungen von einem geeinten Europa – 4.4.3 Der Fortschritt (Maria Fronz, Magisterarbeit, Philosophische Fakultät, Friedrich-Schiller-Universität, Jena, 2013)
Ein weiterer Aspekt der Entgiftung Europas ist der Fortschritt. Geschichte wird von Zweig vor diesem Hintergrund als Kontinuität verstanden, welche zwangsläufig eine progressive Kraft hervorbringt und neue Möglichkeiten oder Lösungen eröffne. Daher seien auch jene Menschen, die Erfindungen und Aufklärung ermöglichen, wie Forscher und Wissenschaftler, vielmehr zu verehren, als Feldherren und Krieger.[235] Wie er ebenfalls in seiner Autobiographie beschreibt, war die ganze Epoche zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einem positiven Geschichtsverlauf ausgegangen, denn „dieser Glaube an den ununterbrochenen, unaufhaltsamen ́Fortschritt` hatte für jenes Zeitalter wahrhaftig die Kraft einer Religion; man glaubte an diesen ́Fortschritt` schon mehr als an die Bibel, und sein Evangelium schien unumstößlich bewiesen durch die täglichen neuen Wunder der Wissenschaft und Technik.“[236] Entdeckungen im Sinne einer progressiven Entwicklung von Geschichte würden zu den vorhergehenden Überlegungen Zweigs passen. Jedoch ist der Begriff nicht weiter bestimmt und wird allzu oft mit den technischen Neuerungen im Bereich Transportmittel- und Kommunikation gleichgesetzt.[237]
Seine Wertschätzung der kulturellen Leistungen Einzelner zeigt sich in der Trilogie Drei Meister von 1920 und deren Fortführung in Baumeister der Welt 1936 und wurde durch biographische Porträts von Hölderlin, Tolstoi, Nietzsche und Kleist ergänzt. Zweig orientierte sich dabei an den erprobten traditionellen Erzählverfahren des historischen Romans. Die fortlaufende, chronologische Narration, bei der die Ereignisse durch die Augen des Helden gesehen werden; weist deutliche Tendenzen zum Roman auf. Trotz vielfältiger Übereinstimmungen zwischen dem historischen Roman und den Biographien Zweigs lässt sich dennoch eine starke Konzentration auf die, im Grenzbereich von Kunst und Wissenschaft angesiedelte, historische Biographie konstatieren. Im 20. Jahrhundert entstand eine Debatte um die Einordnung der historischen Biographie. Stefan Zweig behauptete, dass er seine Eigenständigkeit seiner Texte dadurch gewährleisten könne, dass er die Entwicklung einer eigenen Methode vorantrieb. Er erprobte eigene Erarbeitung- und Darbietungsformen der historischen Biographie und verfolgte ein neues Interesse an der Menschlichkeit des Individuums, das über psychologische Erkenntniswege erreicht werden sollte, welche in der Geschichtswissenschaft üblicherweise ausgeklammert wurden. Er war daran interessiert, durch die psychologische Deutung ausgewählter historischer Ereignisse bisher unbekannte innere Zusammenhänge herzustellen. In seiner Vorstellung müssten es die geschickte Auswahl, psychologische Einfühlung und erzählerische Gestaltung dem Autor ermöglichen, ein zutreffendes Bild vom Charakter des Biographierten zu formen.[255] In seinem Aufsatz Die Geschichte als Dichterin formulierte Zweig sogar die Forderung, dass „wer Geschichte verstehen will“[256], Psychologe sein muss. (5.1 Die historische Biographie im 20.Jahrhundert, Maria Fronz, Magisterarbeit, Philosophische Fakultät, Friedrich-Schiller-Universität, Jena, 2013)
Immer waren der Welt Menschen notwendig die sich weigern, zu glauben, die Geschichte sei nichts als eine stumpfe, monotone Selbstwiederholung [...], sondern die unbelehrbar darauf vertrauen, daß sie moralisch Fortschritt bedeute. (Zweig, Erasmus von Roterdam, S. 100, zit. in Maria Fronz, Magisterarbeit, Philosophische Fakultät, Friedrich-Schiller-Universität, Jena, 2013)
Zum einen greift Zweig das „Prinzip Hoffnung“[291] auf. Es gelingt ihm stets die Situation derart zu erklären und Fakten so zu interpretieren, dass der Eindruck entsteht, trotz aller widrigen Umstände würden auf schlimme und schreckliche Ereignisse wieder positive Begebenheiten folgen. Selbst in Zeiten von Fanatismus, Gewalt und Hass, bestünde die Hoffnung auf eine Ablösung durch Frieden, Vernunft und Humanität. Eben dies kann auf Europa und Zweigs Situation übertragen werden. Selbst wenn er und seine Zeitgenossen nicht den Augenblick erlebten, in dem die Idee der europäischen Einigung und des Friedens umgesetzt wurden, so können sie dennoch Vertrauen haben, dass eines Tages die Idee umgesetzt werden wird. (Maria Fronz, Magisterarbeit, Philosophische Fakultät, Friedrich-Schiller-Universität, Jena, 2013, S. 74)
Trotz des Scheiterns seiner Hoffnungen, aller Kritik und Unklarheiten muss Zweig zu Gute gehalten werden, dass er durch das Verfassen des Erasmus als antifaschistischer Humanist in der Zeit der Hitlerdiktatur seine politische und weltanschauliche Meinung ausdrückte und vertrat. Sein Bekenntnis zum Übernationalen ist in der Erasmus-Biographie deutlich erkennbar. Auch Klaus Mann sprach in seinem Nachruf auf Stefan Zweig im Jahr 1942 wertschätzend von seinem Werk, in dem „die Zukunft Europas, unserer Zivilisation, der Zukunft des Menschen an sich“347 ein bestimmendes Thema war. (Maria Fronz, Magisterarbeit, Philosophische Fakultät, Friedrich-Schiller-Universität, Jena, 2013, S. 90)
mein Kommentar:
Es scheint mir, als ob Zweig den gleichen Fehler begangen hat, den er den Aufklärern vorwarf: Er suchte nach einer Art Erlösung im Außen.
Gleich, wie fundamental dieser Fehler auch war, mir sind solche großartigen Scheiterer zehnmal lieber als Narzissten, die sich hinter den Ideen dieser Scheiterer verstecken und sie für ihre Spielchen mißbrauchen:
- This knocks me from the socks (Post, 12.09.2014)
- Wo sind Peter Scholl-Latour und Ulrich Wickert, verdammt nochmal? (25.11.2014)
„Die Ideale, für die Zweig kämpfte: Frieden, individuelle Freiheit, moralische Einigkeit Europas und der Welt, stehen noch immer als Aufgabe vor uns“ und geben seinem Werk eine enorme Zugkraft, die sich bis ins 21. Jahrhundert hinein erstreckt. Die Ausgestaltung der Werte der Europäischen Union349 zeigt, dass die wichtigsten Werte, die in Zweigs Augen als Besonderheit des Kontinents und Kulturkreises Europa standen, später tatsächlich von den Politikern bei der Gründung der Union übernommen wurden. […] verdeutlicht es seine Vorreiterrolle für ein geeintes, friedliches und freies Europa und zeigt, wie viel Literatur auch heute noch den Menschen geben und auch zu aktuellen Debatten und Fragestellungen beitragen kann. […] Anders als zu Zeiten Zweigs liegt heute die Gefahr für Europa darin, dass die Selbstverständlichkeit und die Unwissenheit häufig zu Desinteresse oder Unverständnis der Sache gegenüber führt.  (Maria Fronz, Magisterarbeit, Philosophische Fakultät, Friedrich-Schiller-Universität, Jena, 2013, S. 92)
mein Kommentar:  
Ein Hoch auf solche hoffnungsschwangeren, blauäugigen Magisterarbeiten, die im Auftrag der Polit-Schickeria Literaten wie Stefan Zweig für sich – und die Polit-Klasse in der  Europa-Dauerwerbesendung – zu vereinnahmen versuchen!

siehe zu den hehren europäischen Idealen:
- EPA – TTIP für Arme und die Werte des »alten Europa« (Post, 23.09.2015)
Das EPA-Abkommen zwischen mehreren Ost-Afrika-Ländern und der EU wurde sogar vom Afrika-Beauftragten der Bundeskanzlerin, Günter Nooke kritisiert. Die kenianische Regierung bezeichnete es als pure „Erpressung“. In Kenia kann die heimische Landwirtschaft mit den niedrigpreisigen Importen aus der EU nicht mithalten, wodurch Bauern pleite gehen. Auch steht in dem Freihandelsabkommen zum Beispiel ein Verbot neuer Steuern auf Exportgüter in die EU. Die wären aber nötig, um ein Ausbluten der eigenen Wirtschaft zu verhindern.
zum Schluß:
Anders als im Kino kann man vor dem Bildschirm nur sehr schwer staunen. Dafür aber tritt das Diskursive in den Vordergrund, das Enträtseln und Debattieren. Demokratisierung hätten wir möglicherweise vor Jahren noch gesagt (als wir an unsere Demokratie noch glaubten), und von Aufklärung geträumt.

Wohin also können die gefangenen Bilder fliehen? In „die Gesellschaft“, in „die sozialen Bewegungen“? Und dann in die Natur, ins Unendliche? Schön wäre es gewesen. Indes sind zuerst die mehr oder weniger angrenzenden Areale zu durchkreuzen. Die Kunst. Und das, was wir „Life Sciences“ nennen. Diese Areale haben sich in den letzten Jahren wahrhaft unheimlich ausgedehnt. Nicht, dass sie schon Befreiung bedeuteten, nur insofern, als man Freiheit ohne sie nicht einmal denken kann.
 (Kunst, die wirkt: Das Transmedia-Projekt "Art Girls" sprengt die Fesseln von Genre und Medium, Arte creative)

siehe auch:
- Risse in der Matrix (Nils Marquart, der Freitag, 21.10.2016)
aktualisiert am 24.10.2016
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