Dienstag, 3. Februar 2015

Frieden von unten

Seit Jahren ist der Nahe Osten eine, wenn nicht die Krisenregion der Welt. Doch in diesem Jahr hat sich die Lage noch einmal dramatisch zugespitzt, speziell in Palästina und Israel. Nach dem verheerenden Krieg gegen den Gazastreifen droht sich der Konflikt religiös und sprachpolitisch aufzuladen, unter anderem durch die Vorlage eines neuen Nationalitätsgesetzes. Käme dieses durch die Knesset, wäre die arabische Sprache als offizielle Landessprache in Israel nicht mehr vorgesehen. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass immer wieder selbst israelische Militärs und Geheimdienstkräfte darauf aufmerksam machen, dass die Sicherheit Israels durch die Fortsetzung des jetzigen politischen Kurses stärker gefährdet ist als durch eine neue Politik der Gleichberechtigung und für friedliche Koexistenz.
mehr:
- Frieden von unten – Initiativen gegen Gewalt in Israel und Palästina (Eva Senghaas-Knobloch, Blätter für deutschee und internationale Politik)


Im November 2014 wandten sich daher 106 ehemalige IDF-Generäle, Mossad-Agenten und Polizeikommissare in einem Offenen Brief an den israelischen Premierminister Netanjahu, um ihn zu dem fälligen „diplomatischen Prozess“ aufzufordern, der auf einem regionalen Rahmen für einen Frieden mit den Palästinensern basieren müsse. Einige der Unterzeichner erklärten, dass Israel die Stärke und Mittel zur Erreichung einer Zweistaatenlösung hätte, die kein Sicherheitsrisiko darstelle. Und Generalmajor d. R. Eyal Ben-Reuven warnte im israelischen Fernsehen: „Wir befinden uns auf einer steilen Abfahrt in Richtung auf eine zunehmend polarisierte Gesellschaft und einen moralischen Zerfall wegen der Notwendigkeit, Millionen von Menschen unter Besatzung zu halten mit Behauptungen, die im Zusammenhang mit der Sicherheit genannt werden.“[2]

Auch der israelische Präsident, Reuven Rivlin, sprach während einer Konferenz im Herbst 2014 von einer „Erkrankung“ der israelischen Gesellschaft. Viele Araber seien in Israel Rassismus ausgesetzt.[3] Und schon Mitte Oktober hatten 363 namhafte israelische Persönlichkeiten, unter anderen ehemalige Diplomaten und Minister, in einem Brief das britische Parlament aufgerufen, sich für eine Anerkennung des Staates Palästina auszusprechen, was nicht dort, aber später in Schweden Gehör fand.[4]

Das Besatzungsregime als Kern des Problems

Der Kern des Problems ist die anhaltende Besatzung des palästinensischen Gebiets. Sie verhindert bis heute, dass zwei Völker mit gleicher Würde und auf Augenhöhe über die Art des Zusammenlebens miteinander sprechen können. Die dramatische Konsequenz: Die Palästinenser werden in dieser aussichtslos erscheinenden Situation faktisch dazu genötigt, Widerstand zu leisten als Recht und als Pflicht – so die Position von Gideon Levy, eines wegen seiner unermüdlichen kritischen Reportagen von Landsleuten bedrohten israelischen Journalisten. In der Zeitung „Haaretz“ hat er diesen Gedanken am 26. Oktober 2014 so eindringlich formuliert, dass er an dieser Stelle ausführlich zitiert sei: „Man stelle sich vor, ein Palästinenser zu sein; vielleicht ein Bewohner Ost-Jerusalems. 47 schwierige Jahre liegen hinter einem; eine große deprimierende Dunkelheit liegt vor einem. Die israelische Tyrannei, die dein Schicksal dem Untergang weiht, erklärt arrogant, dass alles auf immer so bleibt. Deine Stadt wird unter Besatzung bleiben – auf immer und ewig. Der Verteidigungsminister, der Zweite in der Regierung, die dich unterwirft, sagt, es wird niemals ein palästinensischer Staat errichtet werden. Man stelle sich vor, man sei Palästinenser und deine Kinder sind in Gefahr. Vor zwei Tagen töteten die Besatzungsmächte noch ein Kind, weil es ‚eine Feuerbombe angezündet’ habe. Die Wörter ‚Tod den Arabern!’ wurden nahe deiner Wohnung an die Wand gesprüht. Wohin man sich auch wendet, schreit dich ein Soldat oder die Grenzpolizei an. Jede Nacht könnte deine Wohnung brutal überfallen werden. Du wirst nie wie ein menschliches Wesen behandelt. Sie werden zerstören, demütigen, einschüchtern, vielleicht dich auch verhaften – möglichst ohne Gerichtsverhandlung. […] Die Palästinenser haben fast alles versucht – was auch immer geschieht – Verhandlungen und Terror mit einer Karotte und mit einem Stock, mit einem Stein und mit Bomben; in Demonstrationen und mit Selbstmordangriffen. Alles vergeblich. Werden sie verzweifeln und aufgeben? Das ist fast nie in der Geschichte geschehen, also werden sie weitermachen. Manchmal verwenden sie legitime Mittel, manchmal hässliche. Es ist ihr Recht zu widerstehen. Sie wollen nicht, dass Israel sie weiter terrorisiert, also leisten sie Widerstand. Sie werfen Steine und Brandbomben. So sieht Widerstand aus. Zuweilen handeln sie mit Mord auf abscheuliche Weise. Aber selbst dies ist nicht so schlimm wie die Gewalt des Besatzers. Es ist ihr Recht, es ist ihre Pflicht zu widerstehen.“[5]
West-Eastern Divan Orchestra Performs Beethoven [2:52]
Veröffentlicht am 05.02.2013
The West-Eastern Divan Orchestra performs Beethoven's Symphony No. 3 at a recent concert in Boston.

Frieden in welchen Grenzen?
Angesichts dieser gewaltträchtigen Situation in Israel und Palästina kommt es umso mehr darauf an, den gesamten historischen Kontext in den Blick zu nehmen. Gleichzeitig ist dabei einer Gefahr zu wehren: Der gebannte Blick auf Gewalt, Tod und Zerstörung blendet die vielfältigen zivilgesellschaftlichen Bewegungen aus, in denen sowohl besorgte israelische als auch palästinensische Frauen und Männer gegen die Gewalt protestieren und ihre jeweiligen Landsleute auf eigene Handlungsmöglichkeiten für eine Überwindung der gewaltträchtigen Situation aufmerksam machen.
Von mehr als 120 Initiativen insgesamt ist heute die Rede. Viele verlangen ein Ende des israelischen Besatzungsregimes und die Anerkennung Palästinas, auch wenn dies nur ein symbolischer Akt sein wird. Von ihnen geht eine realpolitische Bewegung aus, die auf einen rechtsbasierten Frieden zielt.
Verständlicherweise haben, schon aufgrund der asymmetrischen Konfliktstruktur, die Aktivitäten israelischer Bürgerinitiativen andere Schwerpunkte als die palästinensischen Initiativen. Doch allen geht es um neues Denken in der eigenen Gemeinschaft, gewaltfreien Protest, öffentlichen Widerstand und alternative Handlungsmöglichkeiten.[6]

Knowledge is the Beginning [Part 1] [14:00]

Hochgeladen am 29.08.2011
"The Ramallah Concert - Knowledge is the Beginning" is the story of the West-Eastern Divan Orchestra, where young Arabs and Jews perform and live side by side. It is a film about what music can do; the way it can transcend cultural barriers, bring people together, defeat prejudice and overcome religious and political differences. It also demonstrates the problems that crop up occasionally and how music can help people from different points of view find common ground. For Daniel Barenboim, founder of the ensemble, the orchestra is a symbol for what could be achieved in the Middle East.

Release: 2005
Language: English
Subtitles: Spanish

siehe auch:
In a concert hall atop a dust-swept, sun-beaten hill yesterday afternoon, Daniel Barenboim was putting an orchestra through its paces, urging them, as he brandished his way through the opening bars of Beethoven's Fifth: "Wake up! If you are tired, please stay at home! There's no point playing the concert like this. Now: TEE-ya ta-ta TEE-ya ta-ta!"
One could forgive the players for being a little distracted: the concert hall in which they were rehearsing was the Cultural Palace in Ramallah, and the ensemble the West-Eastern Divan Orchestra - the youth orchestra founded in 1998 by Barenboim and his close friend, the Palestinian intellectual Edward Said, consisting of musicians from Israel and Arab countries.

mehr:
- Barenboim's orchestra plays for peace in Ramallah (Guardian, 22.08.2005)

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