Dienstag, 24. Oktober 2006

Starthilfe mit Kredit

Stephan Knüppel [44] hatte eine Bilderbuchkarriere hinter sich. In zehn Jahren brachte er es zum Top-Manager in einem Bielefelder Großhandelskonzern mit einem Umsatz von 1,5 Milliarden Euoro. Doch das reichte ihm nicht: "Für mich stand fest, daß ich noch einmal etwas ganz anderes machen wollte", erzählt der Vater zweier Adoptivkinder aus Vietnam. Heute ist er zwar immer noch Manager, doch als Vorstand von "Opportunity International Deutschland" rechnet er in ganz anderen Dimensionen. Seine Organisation verleiht Geld. "Die durchschnittliche Kredithöhe liegt bei 137 Euro", erklärt der Diplom-Ökonom.
Die meisten seiner früheren Kollegen reagieren mit verständnislosem Kopfschütteln. Doch Knüppel weiß, was er tut: Mit seinem neuen Job hilft er anderen beim Aufbau einer eigenen Existenz. Die Kleinstkredite an Bedürftige in 27 Ländern reichen als Starthilfe, beispielsweise zur Anschaffung einer Kuh, einer Nähmaschine oder eines Verkaufsstandes. Solche Entwicklungshilfe nach Marktgesetzen rechnet sich für alle Beteiligten, denn mit 97 Prozent ist die Rückzahlungsquote außergewöhnlich hoch. Von so zuverlässigen Geschäftspartnern kann mancher Manager in Deutschland nur träumen.

aus mobil Nr. 10/06

Dienstag, 17. Oktober 2006

Schreckensmänner

Hans Magnus Enzensberger, Schriftsteller, hat den Islam als »Entführungsopfer« von Terroristen beklagt. Der religiöse Terrorismus sei so gefährlich, weil die Islamisten »eine Weltreligion gekapert« hätten. Gleichzeitig leide die arabische Welt unter einem Unterlegenheitsgefühl, sagte er der Wocheneitung Die Zeit. Für den Stillstand suche sie die Verantwortung nicht bei sich selbst. In seinem Essay »Schreckensmänner« denkt Enzensberger über die Entstehung des radikal-islamischen Terrorismus nach.

aus Publik-Forum 11/2006

Hierzu auch zwei Artikel aus Lettre, in Auszügen einzusehen:
Abdelwahab Meddeb, Die Krankheit des Islam
Bernard Lewis, Die Revolte des Islam

Samstag, 14. Oktober 2006

Heute vor 100 Jahren – 14.10.2006: Hannah Arendt wird in Linden geboren

Kriegsverbrecher Eichmann – erschreckend normal 

1961 wurde Adolf Eichmann (1906–1962) in Jerusalem der Prozess gemacht. Die Philosophin Hannah Arendt (1906–1975) verfolgte das Verfahren vor Ort. Sie charakterisierte den NS-Verbrecher in ihrem Buch »Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen« daraufhin als Schreibtischtäter, der dem Idealtypus eines Mörders widerspreche, da bei ihm keine verbrecherischen Instinkte, keine typischen Motive erkennbar gewesen seien. Arendts Einschätzung löste heftige Kontroversen aus, denn sie wandte sich damit auch gegen die Tendenz, den Holocaust als einen »Rückfall in die Barbarei« von der Zivilisationsgeschichte abzuspalten, was sie als eine Art Entlastungsstrategie betrachtete. Laut Arendt war Eichmanns negativste Eigenschaft seine »Gedankenlosigkeit«, sie meinte damit die »Unfähigkeit, zu denken«. Er habe kein Motiv bzw. kein Bewusstsein gehabt und sei doch einer der Haupttäter des Holocausts gewesen. Diese Dialektik war für Arendt das moralische Problem des Prozesses. Sie warf die Frage auf, wie und von wem dieses banale Böse bestraft werden könne, angesichts des Völkermords, der alle bisherigen Maßstäbe für moralische und rechtliche Urteile gesprengt habe. 
 Harenberg – Abenteuer Geschichte 2014

siehe auch:
Milgram-Experiment [Wikipedia]

Hans-Peter Dürr über Hannah Arendt [5:31]

Hochgeladen am 22.01.2011
"Diese Frau hat es fertig gebracht, mich in 14 Tagen total zu verändern." Dürr spricht über seine entscheidende Begegnung mit Hannah Arendt im Jahre 1955.
Viel weiteres Material zu Hans-Peter Dürr und der Quantenphysik auf dem Kanal QuantumscienceTV. Link zur Kanal-Seite:
http://www.youtube.com/quantumsciencetv
Zitat aus "Warum es ums Ganze geht." (S.34, oekom-Verlag, 2009) "Innerhalb von 14 Tagen war aus mir ein anderer geworden, voller Optimismus, unternehmungslustig und tatkräftig in einer erweiterten Form. Ich bin einem Menschen begegnet, einer Jüdin, die vertrieben worden war und Schlimmes erlitten hatte, die aber dennoch fähig war, das Leben und Leiden eines 'Gegners' nachzuempfinden und schildern zu können, ihn in zwei Wochen aus einem Gefängnis zu befreien und ihm zugleich Mut zu machen für einen lebenswerten Neuanfang!"
Das berühmte lange Gespräch von Hannah Arendt mit Günter Gaus findet sich hier: https://www.youtube.com/watch?v=J9SyT...



»Das beste Gespräch, das ich je geführt habe«:
Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus [1:12:18]

Veröffentlicht am 24.07.2013
In voller Länge! "Das beste Gespräch, das ich je geführt habe." (G. Gaus) Das legendäre Interview mit Günter Gaus. Im Zentrum stehen Gegenwartsfragen zu politischem Denken und Handeln. Einleitend wird das Spannungsfeld von Philosophie und politischer Theorie erörtert. Ein weiterer Aspekt sind Geschlechterrollen sowie insbesondere der Prozess gegen Adolf Eichmann. Das Buch von Hannah Arendt (´´Eichmann in Jerusalem´´) war im Herbst 1964 in der Bundesrepublik und 1963 in den USA erschienen, Arendt nimmt hierzu Stellung ("Zur Person", 28.10.1964).
Hier gibt's noch ein sehenswertes Portrait über Hannah Arendt (64 Min.): http://www.youtube.com/watch?v=HDKHev...
Teil der Playlist "Hannah Arendt (Vorträge, Gespräche und ein Portrait)" hier: http://www.youtube.com/playlist?list=...

siehe auch:
- Film »Hannah Arendt« Ist das Böse wirklich banal? (ZEIT Online, 10.01.2013)


"Hannah Arendt" Revisits Fiery Debate over German-American Theorist's Coverage of Eichmann Trial [20:35]

Veröffentlicht am 26.11.2013
http://www.democracynow.org - As head of the Gestapo office for Jewish affairs, Adolf Eichmann organized transport systems which resulted in the deportation of millions of Jews to extermination camps across Nazi-occupied Eastern Europe. Eichmann helped draft the letter ordering the Final Solution -- the Nazi's plan to exterminate the Jewish people in Nazi-occupied Europe. After the war, Eichmann fled to Argentina, where he lived under a false identity until he was kidnapped by the Israeli intelligence agency, the Mossad, on May 11, 1960. He was flown to Israel and brought to trial in Jerusalem in April 1961. After being found guilty he was executed by hanging in 1962. One writer reporting on the trial was the German-Jewish philosopher and political theorist Hannah Arendt, the author of "The Origins of Totalitarianism" and "The Human Condition." Arendt's coverage of the trial for the New Yorker proved extremely controversial. She expressed shock that Eichmann was not a monster, or evil, but "terribly and terrifyingly normal." Even more controversial was her assertion that the Jews participated in their own destruction through the collaboration of the Nazi-appointed Judenrat, or Jewish Councils, with the Third Reich. Arendt's coverage of the Eichmann trial is chronicled in the 2013 film, "Hannah Arendt." We air clips of the film and speak with the film's star, Barbara Sukowa, who was awarded the Lola Award for Best Actress, the German equivalent of the Oscars, for her role. We are also joined by the film's director, Margarethe von Trotta, one of Germany's leading directors, who has won multiple awards over her 40-year career.

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Hannah Arendt's Disruptive Truth Telling [1:40:42]

Veröffentlicht am 07.10.2013
If journalism is the first draft of history, Hannah Arendt's Eichmann in Jerusalem was not a draft but a whirlwind. Please join the Dart Center on Thursday, October 3 from 6-8pm for a conversation with moral philosopher and Einstein Forum Executive Director, Susan Neiman, and Pulitzer Prize-winning journalist and MacArthur Fellow, Tina Rosenberg, to mark the 50th anniversary of Arendt's still-controversial landmark in human rights reportage. Speaker Bios:

Susan Neiman is a moral philosopher with an interest in exploring the persistence of Enlightenment thought and reinterpreting past thinkers for contemporary contexts. She is Director of the Einstein Forum, having previously taught at Yale University and Tel Aviv University. The Wall Street Journal called her 2008 Moral Clarity: A Guide for Grown-Up Idealists "an argument for re-engaging with the moral vocabulary of the country."
Her 2002 work, Evil in Modern Thought: An Alternative History of Philosophy, explains philosophy's quest, touching on Kant, among others, as one perpetually in search of a perfect understanding of evil. Born in Atlanta, Neiman received her doctorate degree from Harvard University.

über Neimans Buch Das Böse Denken [deutsch 2004]
Rezension: Susan Neiman: Das Böse denken: eine andere Geschichte der Philosophie [David Krause, Totalitarismus und Demokratie 3 (2006), veröffentlicht in SSOAR, PDF]
Der Begriff „Theodizee“ steht für das Problem, wie sich Gottes Allmacht und Güte mit dem in der Welt vorhande­nen Leid vereinbaren lässt. Häufig wird dieses Problem da­ durch erklärt, dass auf die Willensfreiheit des Menschen verwiesen wird, die Gott dem Menschen geschenkt habe und ihm auch bei Missbrauch nicht nehme. Warum aber leiden andere? Was ist mit dem Leid, das nicht durch Schuld verursacht wurde (man denke an Naturkatastro­phen)?
Die beispiellosesten Verbrechen werden von den gewöhnlichsten Leuten begangen – Susan Neimans Philosophiegeschichte des Bösen [Rolf Löchel, Literaturkritik, 01.07.2004]
Bei der Lektüre eines Buches, das sich einem derart ernsten Thema wie dem Bösen widmet, kommt es unerwartet, dass man gleich beim ersten Satz schmunzeln muss. Doch Susan Neimans Eingangsfrage "'Das Böse? Ist das nicht ein Thema für Theologen [...] oder allenfalls für Amerikaner?" schenkt einem dieses kleine Vergnügen und ist dabei bezeichnend für die stilistische Leichtigkeit, mit der die Autorin sich ihrer Aufgabe, das Böse zu denken, nähert. Dabei fließt ihr dann und wann sogar Aphoristisches aus der Feder: "Sich mit der Endlichkeit abzufinden ist gar nicht so schwer - vorausgesetzt sie hält sich in Grenzen" oder - natürlich im Abschnitt über Kant: "Gute Absichten ohne Folgen sind leer, gesetzmäßiges Verhalten ohne Absicht ist blind."
Achse des Bösen? [Interview mit Nicola Balkenhof, Deutschlandfunk, 16.08.2004]
Am Ende bleiben die Helden. Für Susan Neiman zum Beispiel diejenigen, die am 11. September 2001 im Flugzeug gen Washington ahnten, dass auch sie Teil einer lebenden Bombe sein würden, wenn sie sich nicht gegen die Terroristen zur Wehr setzten. Überwältigen konnten sie ihre Entführer nicht, aber sie verhinderten Schlimmeres, indem sie die Passagiermaschine auf offenem Feld zum Absturz brachten. Sie wollten nicht "zum Werkzeug des Bösen" werden.
Wie kommt der Teufel so schnell ins Detail? [Christian Geier, Frankfurter Allgemeine, Feuilleton, 24.03.2004]
Wahrscheinlich entscheidet sich schon alles bei der Antwort auf die Frage, ob man besser vom Bösen oder vom Übel spricht. Et libera nos a malo: Es ist lange her, daß die Vaterunserbitte mit "Erlöse uns von dem Übel" übersetzt wurde. Jetzt bittet man um Erlösung von dem Bösen. Dabei ist das moralisch Schlechte, das Böse, nur eine monströse Facette des ontologisch Schlechten, des Übels - dessen, was Paulus meinte, als er schrieb, die Schöpfung liege in Wehen. Das Übel gibt den verborgenen Urgrund ab, während das Böse auch, ja gerade in seinen krassesten Formen stets vor aller Augen liegt. Man kann es ausfindig machen: Das da ist böse. Man kann sagen, wie eine böse Tat zustande kam, psychologisch, kriminologisch. Der unaufgelöste Rest, der dann noch bleibt, ist derselbe, der bleibt, wenn man eine gute Tat aufklären will oder auch nur irgendein Wort, das irgendwo gesprochen wird. Unaufgelöste Reste sind menschlich. Man muß nichts hineingeheimnissen jenseits des Ungeheuren, das gut und böse und jedes Wort für uns bedeuten. Anderenfalls müßte man sich vormachen, man lebte in einer geheuren Welt, in der es nur einige ungeheure Inseln gibt. Inseln des Bösen.

über Neimans Buch Moralische Klarheit [deutsch 2010]
- Moralische Klarheit [Susan Neiman, Die Presse, 01.08.2009]
Die Sprache der Moral wurde von der religiösen Rechten vereinnahmt. Und egal, wie schäbig sie sich verhält: Sie bietet ein Konzept des Guten an, das weder Peinlichkeiten noch hehre Begriffe scheut.
Moralische Klarheit [Philosophisch-ethische Rezensionen, kein Datum]
Wohl um zu zeigen was moralische Klarheit eigentlich gerade nicht auszeichnet und was also das Defizit US-Amerikanischer Politik ist zeichnet die Autorin ein/ihr Bild der US-Rechten und Linken zur Regierungszeit von George W. Bush. Die Rechten bewegen sich nach Meinung von Neiman zwischen der philosophischen Richtung Hobbescher Prägung und der Hegels: Sie träten mit dem Anspruch auf den Tatsachen gerecht zu werden und wenn man nur die Macht dazu hat auch gegebenenfalls seine Ziele zu erreichen ohne es mit der Wahrheit allzu genau zu nehmen auf der einen Seite, auf der anderen Seite poche man immer wieder auf die Werte der Aufklärung ohne dass allerdings klar werde, was die genaue Natur dieser Werte nun sei. So hätten die Konservativen sozusagen 2 Metaphysiken, nämlich die, dass die einzige Realität eine materielle ist und diejenige, dass Ideen Berge versetzen können, beide immer wieder kombiniert um intellektuelle und moralische Überlegenheit zu suggerieren, obwohl beide Metaphysiken eigentlich gar nicht so recht zusammenpassen würden und damit letztlich das Vertrauen in moralische Werte überhaupt untergraben werde. Die Linke hat nach Neiman dagegen gar keine Metaphysik anzubieten und stünde mit leeren Händen da. Darum sei sie unfähig die Herzen der Menschen zu gewinnen.
Moralisches Handeln ist heldenhaft [René Weiland, Deutschlandradio Kultur, 17.10.2010]
In ihrer Art zu argumentieren steht Susan Neiman in der besten Tradition der familiären moralischen Unterredung. Sie entwickelt ihre Argumente im ständigen Dialog mit dem Leser, was ihre Darstellungsweise unmittelbar einsehbar macht.
Kompass für aufgeklärte Idealisten [Simon Vaut, Berliner Republik 5/2010]
In den Vereinigten Staaten begründen Konservative und religiöse Rechte ihre politischen Forderungen gern mit Moral und Werten. „Ideale“, „Gut und Böse“, „Helden“ – solche Begriffe benutzte vor allem die Regierung George W. Bush lange Zeit erfolgreich zu ihrer Selbstinszenierung. Hingegen wirkt eine solche Sprache für viele Europäer verstaubt. Gerade auch Progressive verwenden sie äußerst ungern. Geht es nach Susan Neiman, ist das ein großer Fehler. In ihrem Buch Moralische Klarheit: Leitfaden für erwachsene Idealisten argumentiert sie, die Werte der Aufklärung dürften nicht denen überlassen werden, die sie verfremden, verdrehen und ins Gegenteil verkehren. Aufklärer wie Rousseau, Voltaire oder Kant seien in ihrer Ablehnung des Orthodoxen und Autoritären von einem moralischen Kompass und klaren Werten geleitet gewesen, die auch im 21. Jahrhundert dringend gebraucht würden.


Tina Rosenberg is co-writer of the New York Times Fixes column and author, most recently, of Join the Club: How Peer Pressure Can Transform the World. For ten years she was a member of the New York Times editorial board writing editorials on foreign affairs. She is a contributing writer to the Times Sunday magazine. She has written two other books: Children of Cain: Violence and the Violent in Latin America, and The Haunted Land: Facing Europe's Ghosts After Communism, which won the Pulitzer Prize and the National Book Award.


The Haunted Land: Facing Europe's Ghosts After Communism [Rezension, Academon, kein Datum]
In Haunted Land: Facing Europe's Ghosts after Communism, Tina Rosenberg sets out to analyze the attempts of the citizens of three former Eastern-Bloc countries--Czechoslovakia, Poland, and East Germany--to come to terms with their past in post-Communist Europe, a process she believes is vital to the successful transition from totalitarianism to democracy. The book's highly evocative title is truly reflective of how traumatic this process has been for these Eastern European countries. Written in a free-flowing, journalistic, highly readable style, the book is a mix of interviews, historical information, and personal reflections that bring vividly to life the undercurrents that lurk in the troubled waters of Eastern European politics and society. Rosenberg's main contention in the book is that the measures taken by these nations to deal with the past, while they must be commended for happening at all, are far from adequate to deal with the problem effectively.


Bruce Shapiro is the executive director of the Dart Center for Journalism and Trauma, encouraging innovative reporting on violence, conflict and tragedy worldwide from the Center's headquarters at Columbia University in New York City. An award-winning reporter on human rights, criminal justice and politics, Shapiro is a contributing editor at The Nation and U.S. correspondent for Late Night Live on the Australian Broadcasting Corporation's Radio Nation. As an investigative journalist and commentator Shapiro has covered terrain ranging from inner-city neighborhoods to the chambers of the U.S. Supreme Court for The Nation, BBC, CNN, Fox News and NPR. Beginning in the mid-1990s Shapiro began extensive reporting on crime victims and American society, and documented the intersection of politics and violence on issues ranging from capital punishment to combat trauma. He was national correspondent for Salon.com, and wrote for the New York Times Magazine, the Los Angeles Times, the Guardian and numerous other publications worldwide.



[Buchrezensionen von mir eingefügt] 



Wenn es noch einen bekannten Menschen gibt, mit dessen Persönlichkeit und Leben ich mich beschäftige, so wird das Hannah Arendt sein. Wir können dem lieben Gott dankbar sein für solche Menschen!


Freitag, 13. Oktober 2006

Lachen ist gesund! – Die Zweite

Die Reparatur der Himmelstür

Bei Petrus geht die Himmelstür kaputt. So was passiert selbst im Himmel. Petrus macht eine öffentliche Ausschreibung: Wer repariert am güngstigsten und besten die Himmelstür?
Drei Firmen bewerben sich, eine aus Deutschland, eine aus Polen und eine aus Italien. Das deutsche Angebot beläuft sich auf 30.000 €, das polnische auf 5.000 €, und die italienische Firma veranschlagt 25.000 €. Alle drei Angebote klaffen zu weit auseinander, um einfach das billigste zu nehmen. Petrus bestellt die drei Firmenchefs ein, um sich die Kostenvoranschläge etwas genauer erläutern zu lassen.
Zuerst bittet er den deutschen Firmenchef zu sich und eröffnet ihm: »Sie! Ich habe verschiedene Angebote. Sie sind deutlich der Teuerste. Wie erklären Sie sich das?« Der deutsche Unternehmer antwortet: »Das ist die deutsche Wertarbeit. Die hohe deutsche Qualität und Präzision haben ihren Preis. Außerdem haben wir dazu auch noch unsere hohen Lohnnebenkosten und zahlen höhere Kirchensteuern als die Konkurrenz. Bei der Himmerlstür möchte ich auch nur allerbestes Material nehmen, und Holz in bester Qualität hat eben seinen Preis. Zudem ist der Transport zum Himmel hoch auch nicht gerade trivial. Also über den Dauen gepeilt kann man sagen: 10.000 € für das Material, 10.000 € für den Transport und 10.000 € für die Arbeit.«
Für Petrus hört sich das recht plausibel an und er bittet den polnischen Handwerksmeister zu sich: »Sie! Ich habe verschiedene Angebote. Sie sind schon deutlich der Günstigste. Aber ich zögere da etwas…« Der polnische Unternehmer antwortet: »Also bezüglich der Qualität brauchen Sie sich überhaupt keine Gedanken machen. Oben im Nordosten von Polen haben wir riesige Wälder mit bestem Holz. Ich bekomme das Holz im übrigen – es ist nicht so richtig gestohlen – aber ich bekomme es sehr günstig. Im übrigen fährt es mein Schwager am Wochenende heimlich mit einem Firmenlastwagen hoch. Und den Rest – den Rest schaffen wir für 5.000 €.«
Zum Abschluß bittet Petrus den italienischen Boß zu sich. »Sie, ich habe verschiedene Angebote! Sie sind nicht der Teuerste, aber, ich habe auch ein deutlich besseres Angebot. Wie haben Sie denn kalkuliert?« Der italienische Boß neigt seinen Kopf zu Petrus und flüstert: »10.000 für Dich und 10.000 für mich. Und ich habe einen Polen an der Hand, der macht es für 5.000.«

aus M.E.G.a.Phon Nr. 10/98



Das Huhn und das Popcorn

Bill wurde von seiner Frau gebeten, ein lebendes Huhn für ein ganz besonderes Dinner zu kaufen.
Er kaufte das Huhn und war schon auf dem Heimweg, als ihm einfiel, daß er den Hausschlüssel vergessen hatte und seine Frau noch auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung war.
So schloß er, sich die Zeit zu vertreiben und ins Kino zu gehen. Um eingelassen zu werden, stopfte er sich das Huhn in die Hose und suchte sich einen Platz. Der Fim faszinierte ihn so sehr und er bemerkte nicht, daß das Huhn seinen Kopf durch den Hosenschlitz steckte.
Monica und Linda, zwei Praktikantinnen saßen zufällig neben ihm. Plötzlich stieß Monica ihrer Freundin Linda den Ellbogen in die Seite und flüstere:
»Schau mal, was da aus seiner Hose rausragt.«
Linda, die die Nase von Sex voll hatte, antwortete:
»Ach, wenn du einen gesehen hast, hast du sie alle geschen!«
Daraufhin Monica:
»Ja, aber der hier frißt mein Popcorn.«


Osho Times 7/98




Der Gorillasammler

Ein Gorillasammler wollte unbedingt noch einige Gorillas sammeln. Also ging er nach Afrika. Schon sehr bald fand er sich in der Hütte eines Großen Weißen Jägers wieder.
»Und wieviel kostet ein Fang?« fragte der Sammler.
»Also«, sagte der Jäger, »ich nehme 500 Dollar für mich, 500 Dollar für den kleinen Pygmäen da drüben mit dem Gewehr und 500 Dollar für meinen Hund.«
Der Sammler konnte nicht verstehen, warum der Hund 500 Dollar bekommen sollte. Doch als pragmatisch denkender Mensch dachte er sich, daß 1500 Dollar ein vernünftiger Preis sei und kümmerte sich nicht weiter darum, wie das Geld aufgeteilt würde.
Auf Safari entdeckte der Große Weiße Jäger einen Gorilla in einem Baumwipfel, also kletterte er auf den Baum und zog dem Gorilla eins über die Rübe. Sobald der Gorilla zu Boden fiel, kam der Hund angerannt, schnappte nach dem Hoden des Gorillas und machte ihn so bewegungsunfähig. Zwischenzeitlich kletterte der Jäger vom Baum, holte einen Käfig und schob den Gorilla hinein.
Der Sammler war beeindruckt. Er sagte zu dem Jäger: »Das ist ja fantastisch! So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen! Sie verdienen zweifelsohne die 500 Dollar, und dieser Hund, nun ja, was soll ich sagen - er ist einfach umwerfend. Aber dieser Pygmäe mit der Flinte - er scheint überhaupt nichts zu machen.«
Der Jäger antwortete: »Zerbrich dir nicht den Kopf darüber. Er ist sein Geld wert.«
Und so fing es weiter. Ein Gorilla nach dem anderen wurde gefangen, bis sie schließlich auf einen Groilla stießen, der sie die ganze Zeit beobachtet hatte. Der Jäger kletterte wie immer auf den Baum, und gerade als er dem Gorilla eins überziehen wolte, drehte sich dieser um und schlug zuerst zu.
Noch während des Fallens schrie der Jäger: »Erschieß den Hund, erschieß den Hund!«

aus der Osho Times




Telefonseelsorge

Beratung am Telefon ist ein wichtiger Bestandteil der psychosozialen Versorgung. Die Nachfrage nach dieser Möglichkeit, rasch und jederzeit Unterstützung zu bekommen, ist zu manchen Stunden sehr groß. Deshalb haben sich die Telefonseelsorgedienste nun entschlossen, die moderne Technik zu nutzen, um die Anrufer gleich an die richtigen Spezialisten im Team weiterzuleiten.

Der Ansagetext lautet: Hallo! Sie sprechen mit der Telefonseelsorge

Wenn Sie zwanghaft sind, drücken sie wiederholt die 1. Wir wiederholen: Drücken Sie wiederholt die 1. Wir wiederholen: Drücken Sie wiederholt die 1.

Falls Sie Co-Abhängig sind, bitten Sie jemand, daß er für Sie die 2 drückt.

Falls Sie eine Multiple-Persönlichkeit haben, drücken Sie die 3, die 4, die 5 und die 6.

Falls Sie depressiv sind: Es ist egal welche Nummer Sie drücken, es hört niemand zu und niemand wird antworten.

Falls Sie unter Verfolgungswahn leiden: Wir wissen, wer Sie sind und was sie wollen. Bleiben Sie am Telefon, bis wir die Leitung zurückverfolgt und wir Ihren Aufenthaltsort identifiziert haben.

Falls Sie schizophren sind: Achten Sie sorgfältig auf eine Stimme. Die Stimme wird Ihnen sagen, welche Nr. Sie zu drücken haben.

Wenn Sie unter Vergeßlichkeit leiden, wählen Sie die 8. Wenn Sie unter Vergeßlichkeit leiden, wählen Sie die 8. Wenn Sie unter Vergeßlichkeit leiden, wählen Sie die 8…

Sind Sie manisch oder größenwahnsinnig, dann wählen Sie Nulleinssiebenneun Dreieins Dreieins Dreieins Dreieins. Sprechen Sie dann mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Er wird Sie mit Rom oder weiter verbinden.

ich glaube, auch aus M.E.G.a.Phon, inzwischen etwas erweitert


Lachen ist gesund! (11.09.2006)



Montag, 9. Oktober 2006

Judas Ischariot, der Böse?

[…] Es beginnt mit der »Eiszeit der Gefühle«, dem Mangel an gesellschaftlichen Visionen. Judas und sein junger Rabbi Jesus wollen diese Eiszeit »auftauen«, ihren Mitmenschen zu Gerechtigkeit und Frieden verhelfen. Da sind zwei im Einklang, zwei, die sich verstehen, die sich lieben wie Brüder. Bald aber geht es um die praktische Umsetzung der gemeinsamen Vorstellungen. Und da werden Unterschiede sichtbar. Judas will gesellschaftlich handeln, konkret die Welt retten. Sein brüderlicher Freund Rabbi Jesus setzt auf Umarmung, Liebe, Tröstung. Judas will Jesus schließlich zur Offenbarung seiner Macht zwingen, indem er die verhaßte Staatsmacht als Verbündeten ruft. Jesus wehrt sich nicht. Er wird hingerichtet. Judas ist verzweifelt.
[…]
Was aber hat Judas den Evangelien zufolge überhaupt verraten? […] Die [zur Podiumsdiskussion] eingeladene jüdische Theologin Ruth Lapide betonte, von einem Verrat könne gar nicht die Rede sein. Jesus habe sich schließlich selbst hingegeben. So sei das griechische Wort »paradidonai« zu übersetzen, das an den entscheidenden Stellen vorkomme. Paulus, der früheste Autor des Neuen Testaments, wisse denn auch von einem Verrat nichts zu berichten. Der Direktor der Katholischen Akademie Trier, Jürgen Doetsch, gab zu bedenken, daß das Bild des Judas im Neuen Testament zwischen Historie und Wirkungsgeschichte der Überlieferung sehr unklar bleibe. Man könne eigentlich nicht erkennen, wo wirklich das Trennende zwischen Judas und Jesus gewesen sei. Allerdings, so Doetsch, werde in den Eucharistie und Abendmahlsfeiern heute noch zu oft das Wort gesprochen: »Jesus, in der Nacht, da er verraten wurde.« In der katholischen Kirche gelte aber seit dem Konzil offiziell die Formel »Jesus, in der Nacht, da er sich hingab.«

aus dem Artikel »Männerfreundschaft in der Zerreißprobe« über ein in Trier aufgeführtes Tanztheater, Publik-Forum Nr. 11, 2006

Mittwoch, 4. Oktober 2006

Aggressive Gesellschaften auf der Psychocouch


Terror und Krieg, Unterdrückung und Gewaltausbrüche sind nicht die Ursachen, sondern sind die Symptome für gesellschaftliche Krankheitszustände. So sehen es die kritische politische Psychologie und die mit ihr verbundene Psychohistorie. Typische Vertreter dafür sind Arno Gruen, Horst-Eberhard Richter, Alice Miller und – als Begründer der Psychohistorie – der amerikanische Politikwissenschaftler und Psychoanalytiker Lloyd deMause. Er kritisiert die traditionelle Geschichtswissenschaft und das traditionelle Denken in den Sozialwissenschaften, DeMause will historische Vorgänge durch eine methodisch begründete Analyse der bewußten und unbewußten psychologische Motive der geschichtlich Handelnden begreifen. Das bringt ihm von Seiten der etablierten Wissenschaften, die sein Vorgehen unwissenschaftlich finden, heftige Kritik und Ablehnung der Psychohistorie ein. Doch wer die Herangehensweise, die Erkenntnisse und die Perspektiven verfolgt, die deMause entwickelt, wird seinen psychohistorischen Ansatz zweifellos ergiebig und bereichernd finden.

In seinem neuen Buch über »Das emotionale Leben der Nationen«, das sein Denken glänzend zusammenfaßt, beantwortet deMause die Frage, warum es zu kriegerischen und terroristischen Ereignissen kommt und wie Kriege und Gewaltpotential überwunden werden können. Der Golfkrieg wird von ihm als »emotionale Störung« beschrieben. Sie hat damit zu tun, daß eine bestimmte in der Nation untergründig vorhandene Bereitschaft auf einen ebenso gewaltbereiten Anführer trifft. Die nationale Bereitschaft wird dabei durch den gleichen Anführer oder seine Vorgänger herbeigeführt. Ronald Reagans Kindheit war »ein Albtraum von Vernachlässigung und Mißbrauch, in seinem Fall beherrscht von einer religiös besessenen Mutter und einem gewalttätigen Alkoholiker-Vater«, der ihn mit dem Stiefel zu treten pflegte und ihn und seinen Bruder verdrosch. George H. Bush wurde von seinem Vater regelmäßig mit einem Gürtel oder Rasierabziehriemen auf den Hintern geschlagen. Permanente Angst vor dieser Situation wurde zum ständigen Lebensbegleiter. Dieser Disposition von Persönlichkeiten entspricht auf der anderen Seite eine vorhandene oder herbeigeführte Disposition der nationalen Stimmung. So gehen bestimmte Formen der Kindererziehung und ihre Traditionen mit bestimmten kollektiven Stimmungen und Gefühlen der Depression, der Schuld, der Angst, der Panik vor der Strafe eine Verbindung ein, die in Krieg, Terror und Gewaltanwendung ihr Ventil und ihre Fortsetzung finden. Sie wurzeln ihrerseits in schweren Defekten, Belastungen und Mißbräuchen, also in seelischen Verwundungen (Traumata) der Kindheit.

DeMause beschreibt die «Wiederaufführung früher Traumata in Krieg und sozialer Gewalt« eingehend und überzeugend. Passagenweise erspart deMause den Lesern nicht eingehende Beschreibungen körperlicher und seelischer Gräuel, die in der Vergangenheit bis heute Kindern angetan werden. Das Votum für Hitler wird begreifbar als Wahl eines phallischen Führers in einer depressiven Zeit. Das Töten von Behinderten, Juden, Sinti und Sozialisten versteht deMause als Ausdruck einer manischen Phase, in der »nutzlose Esser« beseitigt werden, damit die Täter von nichts und niemandem aufgehalten und verunsichert werden können. So ziehen Gruppen und Nationen in den Krieg, um sich für erlittene Kindheitstraumata zu rächen und sich von Gefühlen eigener Sündhaftigkeit zu befreien – »in der Hoffnung auf Reinigung und Wiedergeburt durch die Opferung dessen, was den ›schlechten‹ Teil ihres Selbst repräsentiert«. Auch das Christentum spielt hier eine unrühmliche Rolle. Wenn es gelänge, Eltern darin zu unterstützen, ihren Kindern liebevoller und einfühlender zu begegnen, dann ließe sich die Gewalt eindämmen und die Ablehnung von Krieg und Terror vermitteln. Doch das verlangt »Investitionen in das wahre Vermögen der Nationen«. Kostenlose Elternschaftszentren, kostenlose universale Schulen, Respekt vor Kindern: Das und nicht der Antiterrorkrieg würde unsere Welt sicherer machen.


Das Buch ist über den Publik-Forum-Bücherdienst zu beziehen, Best.-Nr. 7368

Eröffnungsrede von Dr. Norbert Copray | Deutscher Fairness Preis 2011 [7:17]

Veröffentlicht am 07.05.2012

Eröffnungsrede zur Verleihung des Deutschen Fairness Preises an Thomas Jorberg und des Fairness-Initiativpreises an Lobbycontrol e.V. am 29. Oktober 2011 in Frankfurt am Main

aktualisiert am 17.06.2016

Dienstag, 3. Oktober 2006

Die Amygdala-Politik

»Ich habe einen TV-Sender aufgebaut mit dem Ziel, das dominante Medium unserer Zeit zu demokratisieren. Wir leben ja in einer Drei-Wege-Kultur: Der Einfluß der Printmedien geht zurück, das Internet ist gerade geboren. Aber die Kultur des Fernsehens ist erdrückend. Die ganze Architektur des Fernsehens ist eine Einbahnstraße. Einige wenige Stationen befinden sich in den Händen einiger weniger. Die Zuschauer haben kaum eine Möglichkeit, in den Prozeß einzugreifen. Und das Resultat ist bei vielen eine Art Trance-Zustand.
[…]
Der Durchschnittsamerikaner schaut 4 Stunden und 39 Minuten Fernsehen am Tag. Das entspricht drei Vierteln seiner Freizeit. Also jener Zeit, die Leute mit ihren Familien oder mit Arbeit in ihren Gemeinden, gewissermaßen mit Demokratie verbringen. Das geht alles verloren. Und dieses Vakuum wurde gefüllt von Interessengruppen, die viel Geld in die Manipulation der Massen investieren.
[…]
Die Techniken,die sie benutzen, sind gewaltig, mächtiger als der normale Mechanismus von Angebot und Nachfrage. Anzeigenkampagnen werden heutzutage schon gestaltet, ehe das Produkt überhaupt existiert. Sie versuchen herauszufinden, was funktioniert und entwerfen danach das Produkt. Genau dieses Phänomen wurde leider auf die politische Arena übertragen. Zu viele Kandidaten aus beiden Parteien orientieren sich daran, was gewünscht ist, und schalten dementsprechend ihreWerbung. Immer wieder.
[…]
Ich nenne das Amygdala-Politik […] Das ist das Furchtzentrum des Gehirns, das die Regierung regelmäßig zu aktivieren versucht […] es ist beschämend.
[…]
Meine Partei war, schon historisch betrachtet, immer progressiven Vorschlägen zugeneigt. Und jede Partei, die das versucht, hängt eben vom Austausch von Meinungen, von einer lebendigen Diskussion in der Demokratie ab. Aber wenn Logik und Vernunft in eine untergeordneteRolle gedrängt werden, läßt das eine Leere zu, die durch fundamentalistische Ideologie gefüllt wird. Das öffentliche Interesse wird dadurch gefährdet. Die Furcht wird benutzt, um die Menschen gefügig zu machen. Wenn die Amerikaner einen angemessenen Teil ihrer Zeit nutzen würden, sich mit den wahren Problemen auseinanderzusetzen, wären sie weniger anfällig für diese Furchtkampagne.
[…]
Wir sind geradezu schockierend anfällig für Angst und Furcht. Auf den Rückzug der Vernunft folgt fast zwangsläufig der Vormarsch der Angst. Wenn Sie sich nur anschauen, wie das Weiße Haus wissenschaftliche Studien über Erderwärmung zensiert hat, ist das genau ein Beispiel dafür, wie Fragen der Fakten zu Fragen der Macht verdreht werden. Furcht ist eine effiziente Strategie.«

aus einem Stern-Interview mit Al Gore (Stern Nr. 39, 2006)
siehe: "Sogar Bush wird sich ändern" (Al Gore im Interview, Stern online, 30.09.2006)

Ich würde noch etwas weiter gehen: Man tischt Leuten Lügen auf. Das funktioniert um so besser, je mehr Angst sie haben. (Die Reflexionsfähigkeit ist umgekehrt proportional zur Angst.) Diese werden erst nach drei bis fünf Jahren im Bewußtsein der öffentlichen Meinung als Lügen erkannt. So lange braucht es, um die öffentliche Angst abnehmen zu lassen. Um die Angst aufrecht zu erhalten, benötigt man immer wieder aktuelle Katastrophen-Szenarien, die hinreichend glaubwürdig sind. (Man erinnere sich: Es gab Zeiten, in welchen in der ganzen USA Fensterspalten aus Angst vor Giftgasangriffen abgeklebt wurden. Man erinnere sich auch an die heute schon fast liebevoll wirkenden Anweisungen aus den 50er Jahren, wie man sich bei einem Atomschlag zu verhalten habe.) In dieser Zeit lassen sich Fakten schaffen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Dann braucht man noch ein oder mehrere Strohmänner, die bestraft werden. Nachdem diese "Who-dunn-it?"-Schale abgestreift ist, kann man sich ansehen, wer von der ganzen Geschichte einen Vorteil hatte. 
siehe dazu:
- Der vierte Golfkrieg (Post, 03.09.2006)
- Ich kann gar nicht so viel essen… (Post, 25.03.2006)


Montag, 2. Oktober 2006

Was alles stört …

Wahnstreiks
stören heute
den Bahnverkehr

Überschrift aus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 29.9.2006

Wird das jetzt geschrieben wie es gesprochen oder gesprochen wie es gelesen wird oder wie?

Dienstag, 26. September 2006

Journalist droht Prozeß

Dem diesjährigen Henri-Nannen-Preisträger, dem armenischen Journalisten Hrant Dink, droht in der Türkei eine Verurteilung wegen „Herabwürdigung des Türkentums“. Gegen den Herausgeber der zweisprachigenWochenzeitschrift „Agos“ soll in Istanbul ein Prozess eröffnet werden. Dink* hatte in einem Interview mit einer ausländischen Nachrichtenagentur im Juli die türkischen Massaker an den Armeniern zwischen 1915 und 1917 als Völkermord bezeichnet. afp

aus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 26.9.2006

Was habe ich in meinem Artikel über die Papstrede (11. Absatz) gesagt? Diesen Abwehrmechanismus nennt man Verleugnung.

* Nicht Donk, den gibt’s bei Crocodile Dundee 1
😂

Sonntag, 24. September 2006

Zwiebeldiebe angezeigt

Herzberg: Für das unerlaubte Sammeln von sechs Zwiebeln von einem Feld bei Herzberg (Kreis Osterode) muß ein älteres Ehepaar jetzt mit einer Strafanzeige rechnen. Das 81 und 77 Jahre alte Paar habe das Gemüse vermutlich in Erinnerung an schlechtere Zeiten von einem Zwiebelfeld gepflückt, teilte die Polizei am Freitag mit. Der Eigentümer habe die beiden auf frischer Tat erwischt. Wie die Polizei mitteilte, erstattete er "aus prinzipiellen Erwägungen" Strafanzeige, trotz der geringen Schadenshöhe von nur einem Euro.

aus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 23.9.2006

"Brauche helfe holt bite die pulizei"

Euskirchen (ap). Mit einem dramatischen Hilferuf hat ein Grundschüler die Polizei im nordrhein-wetfälischen Schleiden alarmiert. Der Junge hatte mit seinen frisch erworbenen Schreibkenntnissen einen Zettel verfasst und auf die Straße geworfen. Darauf hieß es: "Ich brauche helfe holt bite die pulizei driten stok bite shnel." Eine Passantin habe den Hilferuf entdeckt und die Behörden benachrichtigt, berichtete die Polizei am Freitag. Die Beamten dachten zunächst, daß der Verfasser im angrenzenden Haus "gefangen gehalten" wurde. Tatsächlich ermittelten die Beamten dort sowohl den Verfasser als auch den Grund des dramatischen Hilferufes. Der kleine Sohn der Familie hatte den Auftrag seiner Mutter, sein Zimmer aufzuräumen. Nach Polizeiangaben hatte er dazu wenig Lust und hoffte stattdessen auf Unterstützung der Polizei.

aus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 23.9.2006

geht doch: Was wir von Anderen lernen können

Spanien:
Solarwärme für alle


Barcelona hat es vorgemacht, jetzt zieht das ganze Land nach: Ab Oktober muß aufs Dach jedes Neubaus eine Solarthermieanlage montiert werden, die die Warmwasserbereitung zu mindestens 30 Prozent abdeckt. Bei großen Bürogebäuden schreibt die spanische Regierung sogar Fotovoltaikanlagen vor. Damit setzt sich die Halbinsel an die Spitze der Solargesetgebung in Europa. In Deutschland sind
bislang nur fünf Prozent aller Eigenheime mit Sonnenkollektoren bestückt.


Frankreich:
Öko-Label fürs Auto


In Frankreich liegt seit kurzem in jedem Neuwagen eine farbige Verbrauchsklassifizierung aus, die dem Kunden die Einordnung des Fahrzeugs im Vergleich mit anderen Modellen ermöglicht. Diese farbige Effizienz-Plakette, ähnlich der auf Kühlschränken und Waschmaschinen, fordern auch deutsch Umweltverbände schon lange. Laut einer Studie der EU-Kommission könnte dadurch binnen zehn Jahren der Kraftstoffverbrauch der gesamten Neuwagen-Flotte um fünf Prozent sinken.

aus dem Greenpeace-Magazin 05/06

Mittwoch, 20. September 2006

Wollen wir einen kastrierten Papst?

Die Rede, die Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 in Regenburg hielt, hat bei vielen Menschen große Aufregung verursacht, und es lohnt, sich diese Aufregung und auch die Rede, die zu ihr geführt hat, genauer anzusehen.
Erst einmal zu der Aufregung, die diese Rede verursacht hat: In der islamischen Welt wurden ihm Beleidigung und böswillige Unterstellung, in der westlichen Provokation und mangelnde Sensibilität vorgeworfen.

Bevor ich näher auf die Rede eingehe, muß erwähnt werden, welches die Umstände waren, innerhalb derer diese Rede gehalten wurde: Er hielt sie bei einem Treffen mit Wissenschaftlern aus der Universität, auf der er früher selbst einmal lehrte. Es war also eine Rede eines Wissenschaftlers an Wissenschaftler. (Einschätzung des Islamwissenschaftlers Adel Theodor Khoury im Deutschland Radio) Es war gewiß keine Rede, die er bei einem Gottesdienst vor tausenden von Gläubigen gehalten hätte. In seiner Rede stellt er die Frage, ob es vernünftig ist, mit Vernunft nach Gott zu fragen. Er stellt diese Frage, um einen Aspekt des Unterschiedes zwischen Islam und Christentum herauszustellen, nämlich den unterschiedlichen Stellenwert der Vernunft in der Beziehung des Christen und des Mohammedaners zu Gott. Er läßt den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaeologos sagen: „Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider.“ [Quelle: Karl Förstel (Hg.): Manuel II. Palaiologos, Dialoge mit einem Muslim (griechischer Text mit Übersetzung und Kommentar).] Dies nennt er den Griechischen Standpunkt. Und stellt die mohammedanische Sichtweise gegenüber: „Gott [ist] absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit.“ Dafür zitiert er Khoury (Interview mit Adel Theodor Khoury in der Welt), der Arnaldez zitiert, der seinerseits Ibn Hazm zitiert: „… Gott auch nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei und daß nichts ihn dazu verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren. Wenn er es wollte, müsse der Mensch auch Götzendienst treiben.“ (Ich kann mit beiden Standpunkten nicht wirklich was anfangen, weder glaube ich, daß sich Gottes Wirken mit menschlichen Kategorien beurteilen läßt, noch glaube ich, daß er völlig absurd handelt – wenn er handelt. Vielleicht wäre es ganz interessant, darüber zu diskutieren, wie groß sein Handlungsspielraum ist, wenn er uns in absoluter Freiheit haben will. Aber da haben sich schon viele schlaue Leute Gedanken drüber gemacht, das ist hier auch nicht Thema.)

Benedikt könnte es an dieser Stelle bei dem Gegensatz belassen, aber er macht das Tor ganz weit auf: „Hier ist der Redlichkeit halber anzumerken, daß sich im Spätmittelalter Tendenzen der Theologie entwickelt haben, die diese Synthese von Griechischem und Christlichem aufsprengen.“ Der vermeintliche Gegensatz zwischen der christlichen und der islamischen Stellung zur Vernunft im Verhältnis zu Gott existiert also auch innerhalb der christlichen Kirche. Was Benedikt damit ausdrücken will ist: „Wir Christen haben uns darüber schon den Kopf zerbrochen, die Haltung der Christen untereinander ist unterschiedlich, wir laden Euch ein, Euch an dieser Diskussion zu beteiligen.“

Es folgt jetzt der Abschnitt, der den Aufruhr in der mohammedanischen Welt hervorgerufen hat. Benedikt zitiert Kaiser Manuel: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“ Bevor er Manuel zitiert, bereitet er das Zitat vor. Er schreibt: „[Manuel] wendet […] sich in erstaunlich schroffer,“ und verpackt das Zitat noch mal „… uns überraschend schroffer Form ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner.“ Zum Verständnis muß man folgendes nachvollziehen: 1. Nicht Benedikt sagt das, sondern er zitiert Manuel. Und er zitiert ihn recht vorsichtig. 2. Manuel sagte diesen Satz nicht, um seinen Gesprächspartner zu beleidigen, sondern um seinen Gesprächspartner folgendermaßen herauszufordern: „Was gilt denn jetzt bei Euch: Sure 2, 256 wo steht: Kein Zwang in Glaubenssachen oder das Gebot des Djihād, des heiligen Krieges?“ Es ist in gewisser Weise eine Provokation, aber keine maligne. Manuel legte es nicht darauf an, seinen Gesprächspartner zu verletzen oder zu beleidigen. Er forderte ihn im wahrsten und besten Sinne des Wortes „heraus“. Benedikt sagt über den dem Zitat zugrundeliegenden Dialog: „… den der gelehrte byzantinische Kaiser Manuel II. Palaeologos wohl 1391 im Winterlager zu Ankara mit einem gebildeten Perser über Christentum und Islam und beider Wahrheit führte.“ Bei dem weit gespannten Themenkreis kann der Dialog also nicht fünf oder zehn Minuten gedauert haben. Es müssen viele Stunden gewesen sein. (Ein wenig Genaueres findet sich auf der Seite des Kitab-Verlages, wo von 26 Dialogen die Rede ist. Und wer es ganz genau wissen will, bei Orientalische Kultur und europäisches Mittelalter von Gudrun Vuillemin-Diem von Gruyter) Wenn, und davon gehe ich mal aus, der Gesprächspartner nicht irgendwo angekettet war, muß sich Manuel also so verhalten haben, daß sein Gegenüber nicht wütend die Räumlichkeiten verließ. Die Tatsache eines stundenlangen Gesprächs legt zudem nahe, daß Manuel ein Interesse hatte, zu verstehen und nicht niederzumachen. Das heißt, wir können auf die Atmosphäre schließen, innerhalb der das Gespräch geführt wurde. Und sowohl das Interesse an der Sache wie auch der Respekt dem Gesprächspartner gegenüber bewirkte eine doch beachtliche geistige Anstrengung. (Dank und Kompliment an den, der bis hierher mitgelesen hat. Irgendwie scheint es ja die Anstrengung wert gewesen zu sein.) Wir können also von einer gemeinsamen geistigen Anstrengung in einer Atmosphäre gegenseitigen Respekts und Interesses an der Sache ausgehen.

Was Benedikt verschlüsselt den Mohammedanern sagt, ist: „Wir haben ein konkretes Problem miteinander, nämlich das der Gewalt, und dieses Problem hat anscheinend damit zu tun, wie in Eurer Religion mit Gewalt umgegangen wird. Irgendwie können wir doch zusammen überlegen, ob die Religion, die angeblich das Problem schafft oder zumindest aufrechterhält (bzw. dazu benutzt wird), nicht auch eine Lösung für das Problem bietet. Und vielleicht ist es ja hilfreich, wenn wir das Ganze vernünftig angehen. Aus meiner Tradition heraus bin ich gehalten, das Problem vernünftig anzugehen. Und wenn es in meiner Religion Leute gibt, die der Vernunft um Umgang mit der Welt weniger Gewicht beimessen, vielleicht gibt es ja bei Euch Leute, die der Vernunft größeres Gewicht beimessen.“ Ja, es ist eine Provokation (aus dem Lateinischen provocare: herausfordern)! Aber ein benigne, und im Kontext seiner Rede erweitert er die Herausforderung Manuels seinem persischen Gesprächspartner gegenüber auf eine Herausforderung des Christentums dem Islam gegenüber. Das nenne ich intellektuelle Schönheit, aber auch Mut!


Um die Rede von Papst Benedikt XVI. in der Aula der Universität Regensburg am 12. September 2006 habe ich mich zuerst nicht gekümmert. Warum auch? Ich war nie Katholik und bin schon mit 16 aus der Kirche ausgetreten. Auch, so muß ich gestehen, lief mir immer ein leichtes Frösteln über den Rücken, wenn ich in den Nachrichten irgendwelche Äußerungen von Kardinal Ratzinger kolportiert bekam. Ich kann mich kaum noch an Konkretes erinnern, aber ich hielt ihn für einen erzkonservativen Knochen und war froh – so glaubte ich damals – solch einen großen Abstand zwischen mich und die christliche Kirche gelegt zu haben. Von Diskussionen über Sünde, Masturbation, Abtreibung, Priestertum oder die Unfehlbarkeit des Papstes hatte ich angesichts der Hexenverfolgung, der Rolle von Kirche und Papst im Dritten Reich und nach dem Zweiten Weltkrieg und den Verbrechen an primitiven Völkern, denen man gewaltsam den christlichen Glauben hat aufoktroyieren wollen, die Nase voll.


Aber irgendwann habe ich dann verstanden, daß Religion von Menschen gelebt und umgesetzt wird. Genauso wie es ohne Fernseher keinen Doctor House, gibt es ohne Menschen keine Religion. Religion ist etwas, was verstanden, interpretiert, mitgeteilt, diskutiert und gelebt wird – nicht von Bäumen, Tieren oder Wolken. Es braucht Menschen. Ich kann ja auch die ARD nicht dafür verantwortlich machen, wenn mein Fernseher eine Bildstörung hat. (Es sei denn, die Störung liegt beim Sender.) Soweit zu meiner Distanziertheit dem christlichen Glauben gegenüber und wie ich immer weniger in der Lage dazu bin, sie in dem ursprünglich gewünschten Maße aufrechtzuerhalten.


Auf der anderen Seite nerven mich die arabischen Mohammedaner seit geraumer Zeit immer mehr. Gewiß, die Israelis führen sich seit fast sechzig Jahren im Nahen Osten auf wie die Axt im Walde und einen Überblick über die nicht umgesetzten UNO-Resolutionen hatte ich nie. Und jetzt dieser Libanon-Feldzug … Andererseits denke ich mir: so völlig bekloppt können die Israelis eigentlich nicht sein. Die Verbohrtheit von Menschen, die dem Staat Israel das Existenzrecht absprechen, ist für mich nicht nachvollziehbar.


Und während wir hier im von unseren starken Verbündeten so titulierten Alten Westen Hausputz halten (Susan Sontag auf der Frankfurter Buchmesse 2003), Verschwörungsszenarien über den elften September untersuchen, uns auf Internetseiten über George Bush lustig machen, Michael Moore Filmpreise verleihen, öffentlich über Guantanamo und darüber diskutieren, wie die westliche Führungsmacht ihre Verbündeten verarscht hat und noch immer verarscht und zur Zeit darüber reden, wie der Geheimdienstbericht an den amerikanischen Kongreß mal wieder fälschlicherweise einen Dämon an die Wand malt (Wiener Zeitung zur IAEO-Kritik am US-Geheimdienstbericht) höre ich aus der islamischen Welt ewig den gleichen Opfer-Singsang. Immer sind die anderen die Bösen, immer pinkelt man den armen Mohammedanern ans Bein. Gibt es in der islamischen Welt auch Selbstkritik, die über die eigenen vier Wände hinausgeht?


Vor einiger Zeit brachten Mohammed-Karikaturen aus einer dänischen Zeitung die islamische Welt auf die Palme. Dann hörte ich, daß Karikaturen über das Christentum in der islamischen Welt an der Tagesordnung sind. Das brachte mich auf die Idee: Sind die vielleicht genauso in ihre Opfer-Mentalität verliebt wie die Israelis? Haben wir es hier mit kollektivem Narzißmus (Wikipedia: Psychopathologie; Wikipedia: Gruppennarzißmus) zu tun oder werden hier vermeintlich antiislamistische Angriffe aus dem Westen als Macht- und Propagandainstrument benutzt, um Menschen in Bewegung zu versetzen? Vor wenigen Tagen sah ich eine Sendung, die über die Hilflosigkeit der deutschen Institutionen arabischen Satellitensendern gegenüber berichtete, die speziell an Kinder und Jugendliche gerichtete antijüdische Propagandafilme übelster und primitivster Machart ausstrahlen. Niemand kann anscheinend verhindern, daß hier in Deutschland solche Bilder in die Gehirne von Kindern gelangen. (Artikel in Wikipedia, der Welt und auf Gudrun Eussners Homepage) Jetzt stelle sich einer einmal vor, wir im Westen würden ähnlichen Schund herstellen: Was würde dann in den islamischen Köpfen passieren? Was sagen arabische Intellektuelle oder Geistliche zu solchen Videos?


Wo ist die islamische Selbstkritik? Wo ist die islamische Zeitung, die z.B. über den Genozid an den Armeniern berichtet? (Artikel in Lettre 68 und der Zeit) Wo wird in der islamischen Welt über die Repressalien gegenüber Menschen berichtet, die offen über diese Dinge zu reden versuchen? (Artikel in der FAZ, der Zeit, dem Kölner Stadtanzeiger und der Stuttgarter Zeitung)


Unsere westliche Welt hat von der arabischen die moderne Medizin gelernt. Wo sind die Mohammedaner, die genauso, wie wir sagen: Wir sind Teil des Problems! ebenfalls sagen: Wir sind Teil des Problems? Wie ist ein Dialog mit jemandem möglich, der sich selbst als frei von Verantwortung sieht, der nur den Anteil des Anderen am Zustandekommen der Leiden schaffenden Situation zu sehen gewillt ist? Was ist aus dieser bewunderungswürdigen arabischen Hochkultur geworden, daß sogar hochrangige Politiker auf Benedikt draufhauen, ohne den Text seiner Rede vorher sorgfältig studiert zu haben? (6. Absatz im Artikel der Österreichischen Katholischen Presseagentur und Iran Now Network, Abschnitt Türkei über Ali Bardakoglu, Chef des staatlichen Religionsamtes in Ankara. Wenigstens hat er’s ja zugegeben.) Die um die Verletzlichkeit der mohammedanischen Seele wissen und eine vermeintliche Verletzung propagieren, ohne sich dieselbe vorher genau angesehen zu haben. Oder die eine stattgefundene Verletzung propagieren, obwohl sie wissen oder wissen müßten, daß es keine ist. (Spiegel Online über Ayatollah Ali Chamenei)


Mit der Aufregung über Verwendung des Zitats durch Papst Benedikt in seiner Rede haben sich die Mohammedaner selbst ins Bein geschossen (und auch viele politisch Überkorrekte hier). Ich empfehle den Text der Rede genau zu lesen, denn jetzt wird es spannend: Das, worüber ich oben schrieb, macht in dem Text höchstens ein Viertel aus. Nach der Aufforderung zum Dialog der Religionen baut Benedikt einen historisch-philosophischen Spannungsbogen auf, der auf folgende Frage hinführt („Bevor ich zu den Schlußfolgerungen komme, auf die ich mit alledem hinaus will…“): Sind wir selbst überhaupt dazu in der Lage, einen solchen Dialog zu führen? Unter dem Strich ist die intellektuelle „Provokation“ dem Islam gegenüber eingebunden nämlich in eine Kritik der westlichen Kultur. Benedikt fragt: Sind wir in unserer Kultur und aus unserer Kultur heraus überhaupt dazu in der Lage, einen solchen von mir vorgeschlagenen Dialog zu führen?


Wenn man also diese Rede im Ganzen sieht und versteht, ist die Aufgeregtheit – gleich auf welcher Seite – nichts anders als hochnotpeinlich, und jeder sollte sich angesichts der Geschehnisse, die auf die Veröffentlichung dieser Rede folgten, zuallererst einmal an die eigene Nase fassen und sich überlegen, wie er selbst zu dieser kollektiven Aufgeregtheit beigetragen hat. (Damit sind auch die Journalisten gemeint, die permanent in der Versuchung stehen, Qualität und Aufgeregtheit miteinander zu verwechseln.) Vom Papst eine Selbstbeschränkung zu fordern, um unwillige oder ungebildete Menschen nicht aufzuregen, ist nicht nur der falsche Weg sondern auch feige. Wollen wir einen Papst, der Tacheles redet oder lauwarmes Gewäsch von sich gibt, damit sich keiner auf die Füße getreten fühlt? Es ist im ureigenen Interesse des Islam, sich solchen Herausforderungen zu stellen. Und es ist eine mutige und sich in das Weltgeschehen einmischende Herausforderung des Stellvertreters Christi auf Erden. Was wollen wir denn mehr? Wir haben in unserer Kultur, die gewiß genug Leid über die Menschheit gebracht hat und noch bringt, eine Aufklärung durchgemacht. Nun wird es Zeit für eine Aufklärung im Islam.


Benedikt, alter Junge, Hut ab!



Kommentar zur Papstrede in der ZEIT vom 21.9.2006
Vortrag von Kardinal Lehmann am 19.9.2006 (beachte auch »Exkurs« unten)



Dienstag, 12. September 2006

Mama, darf ich weg?

Als die Analytiker begannen, sich von Papa Freud zu emanzipieren, sagten sie: "Im Mittelalter haben sie immer Aristoteles zitiert anstatt wissenschaftliche Beobachtungen zu machen. Wir machen das besser und hören auf, immer den Alten zu zitieren und gucken selbst mal nach, was bei den Kindern los ist." So begann die Säuglingsforschung und damit auch ein Teilgebiet derselben, die Bindungsforschung.
Bei der Bindungsforschung werden Säuglinge einige Zeit lang unter genau festgelegten Untersuchungsbedingungen allein gelassen. Dann schaut man, wie sie sich verhalten, wenn Mama wieder da ist. Aus dem Verhalten der Säuglinge läßt sich dann auf die Art der Beziehung zwischen Mutter und Kind (die Art der Bindung) schließen.
Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist nämlich mal zuerst eine, die durch die völlige Abhängigkeit des Säuglings gekennzeichnet ist. (Das wird jetzt auch nicht mehr so absolut gesehen, ich lasse es der Einfachheit halber mal so stehen.) Das, was der Säugling und später das Kleinkind tut, wir nämlich in hohem Maße davon geprägt, ob Mama und Papa das o.k. finden oder nicht. Denn nur, wenn die das o.k. finden, wird das Kind ja mit Zuneigung belohnt. (Dabei spielt keine Rolle, ob wir das gut finden oder nicht.) Jetzt stellen wir uns eine Mutter vor, die mit ihrem Mann Probleme hat, und zwar dergestalt, daß sie den Eindruck hat, daß sie von ihm nicht so viel Liebe und Zärtlichkeit bekommt, wie sie das gerne hätte. Jetzt könnte sie versuchen, das mit ihrem Mann zu klären, aber die Versuche, an der Situation etwas zu ändern, zeigen nicht den gewünschten Erfolg. Dann ist da ja noch das Kind. Gottseidank! Das kann man knuddeln, so oft man möchte, das reagiert – zumindest am Anfang – dankbar auf jegliche Zuwendung, und bei dem Kind hat frau ja auch nicht in dem Maße das Gefühl, Bettler zu sein und was zu wollen. Dem Kind kann frau (jawohl, hier geht es meist um Frauen) ja jede Menge Zuwendung und Zärtlichkeit geben (und bekommen) und sich dabei noch als wohlmeinende und fürsorgliche Mutter fühlen. Wir haben also eine Frau, die das Kind als sogenanntes Ersatzobjekt mißbraucht. (Aufgepaßt: Hier sind die Grenzen fließend, und wir tun das wohl alle mal!) Aber trotzdem, möglichst einfach weiter: Die Mutter möchte also ein immer verfügbares Liebesobjekt haben, und vom Mann kriegt sie nicht, was sie haben möchte. Was liegt dann also näher, als sich dem Kind zuzuwenden. Das fängt irgendwann aber mal an zu krabbeln, kommt in die Schule, will bei Freunden übernachten, kurz: es wird selbständiger. Da müssen wir ja was gegen unternehmen, sonst kommt uns unser frei verfügbares Kuscheltier abhanden. Also entwickeln wir Ängste, es könnte was passieren, z.B. daß das Kind von der Schaukel oder der Rutsche fällt oder das es von der Mauer runterplumpst oder sonstwas. (Das Ganze geschieht natürlich, wie sollte es auch anders sein, unbewußt.) Was passiert nun mit dem Kind? Es sieht, wenn es von der Schaukel oder der Rutsche oder der Freundin zurückkommt (und auch schon viel früher!), daß Mama ein besorgtes oder traurig-verletztes oder überängstliches Gesicht macht. Aha, hier war was nicht o.k. Wahrscheinlich ist die Welt gefährlicher als ich das mitkriege mit meinem kleinen Gehirn oder ich tu’ der Mama weh, dabei will ich doch ein liebes Kind sein.
Die Art also, wie unsere Eltern mit unserem Selbständiger-Werden umgehen, hat Auswirkungen darauf, wie wir später mit der Welt umgehen: freudig-gespannt und erwartungsvoll oder ängstlich und zögerlich, weil es ja da draußen sehr rauh zugeht und ich nur im Schutz meiner Eltern die Chance habe, in dieser feindlichen Umgebung zu überleben.

So, daß war der Versuch Bindung und Bindungsforschung zu erklären. Mit wissenschaftlich korrekter Sprache geht es in dem Artikel "Kindheit bestimmt das Leben" weiter.