Mittwoch, 17. September 2008

Nähende Heuschrecken

Manchmal denke ich, es bringt mehr, Georg Schramm (jetzt in »Neues aus der Anstalt«) zuzuhören als die Tagesschau zu sehen:
Vor einigen Wochen mußte (?) die IKB-Bank mit einigen hundert Millionen Euro Steuergeldern gestützt werden, da sie durch die amerikanische Bankenkrise ins Trudeln gekommen war.
Vor wenigen Tagen nun wurde sie an Lone Star verkauft. Eingefädelt hat das Geschäft angeblich Friedrich Merz.

– zur ZDF-Seite
– direkt zur ganzen Sendung

Die Folgetermine für die 17. Folge vom 16. September 2008:
  • 3sat
    30. September 2008, 00.45 Uhr
  • ZDFinfokanal
    20. September 2008, 21.30 Uhr
    27. September 2008, 21.30 Uhr
  • ZDFtheaterkanal
    1. Oktober 2008, 19.40 Uhr
– über die dubiose Rolle der Deutschen Bank beim IKB-Absturz (ARD Monitor 577 vom 24.4.08)
– Sammlung kritischer Artikel über den IKB-Verkauf als PDF-Datei zum Download

ältere Posts zur Finanzkrise:

Finanzkrise, die nächste (27.02.08)
Finanzkrise, erst der Anfang (23.02.08)

Übersichtspost vom Januar zum Raubtierkapitalismus, mit verschiedenen weiterführenden Links


Links zu Artikeln über Friedrich Merz:

– bei Mein Parteibuch
– bei der Süddeutschen (Schily rechtfertigt sich unter Hinweis auf Merz)
– bei Netzpolitik (Merz und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung)
– bei der Welt (Merz’ Nebentätigkeiten bringen über 50.000 EUR im Jahr, naja!)
– bei Deutsche Wordpress (wieder über Nebentätigkeiten)
– bei Telepolis (der wohl fundierteste Artikel über seine Nebentätigkeiten)
– Geplänkel bei Abgeordnetenwatch

Und nicht vergessen: Bertelsmann ist auch noch da! Zum Strategiepapier (aus dem Jahr 2006), zum direkten Download als pdf-Datei. Bertelsmann in der Diskussion (bei diegesellschafter.de)


Montag, 15. September 2008

Rekordwirkungsgrad für Solarzellen

Mit einem Wirkungsgrad von 37,6 Prozent wandelten Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für solare Energiesysteme ISE in Freiburg Sonnenlicht in elektrischen Strom um. Die Forscher schafften damit einen Europarekord. Das Ergebnis wurde auf der Basis sogenannter Mehrfachsolarzellen aus III-V-Halbleitern erzielt. Das sind Solarzellen, die bislang hauptsächlich im Weltraum eingesetzt wurden. Neue technische Entwicklungen erlauben nun auch den kosteneffizienten Einsatz derartiger Solarzellen auf der Erde. Hierfür wird das Sonnenlicht bis zu 2000-fach auf eine nur wenige Quadratmillimeter große Mehrfachsolarzelle gebündelt. Die Konzentrator-Technologie verspricht schon in naher Zukunft die Kosten der Stromerzeugung aus Sonnenlicht deutlich zu senken, insbesondere in Ländern mit viel direkter Sonneneinstrahlung.

Publik-Forum Nr. 14•2008

Man unterscheidet zwischen Sonnenkollektoren (verwendet in thermischen Solaranlagen), die meist (Heiz-)Wasser aufheizen und Solarmodulen (verwendet in Photovoltaikanlagen), die die Lichtenergie in Strom umwandeln. Für den Privatgebrauch sind meist thermische Solaranlagen attraktiver, da deren Wirkungsgrad bei 60-75% liegt. Noch 2006 wurde in einem Telepolis-Artikel der damals gültige Weltrekord bei Solarmodulen mit 24,7% angegeben.
Wie da Handelsblatt Ende August berichtete, bringt die Firma Concentrix solar nun Solarzellen mit einem Wirkungsgrad von über 36% auf den Markt. Dieser Wirkungsgrad wird durch die Verwendung von Linsen erreicht, die das einfallende Licht auf bestimmte Punkte bündeln.
Seit einiger Zeit existieren auch Hybridkollektoren, die beide Techniken verbinden und sowohl Licht in Wärme wie auch in Strom umwandeln. Inzwischen gibt es auch Solar-Dachschindeln. Man darf also weiter gespannt sein…

Samstag, 13. September 2008

Benedikt und die Götzen

Benedikt hat in Frankreich vor den Götzen der heutigen Zeit gewarnt. Er rief nachdrücklich dazu auf, »die Götzen der heutigen Zeit zu durchschauen, ›die den Menschen von seinem wahren Ziel abhalten, von der Freude des ewigen Lebens mit Gott‹. Idole und ihre Anbetung hielten den Gläubigen von der Wirklichkeit fern, sagte Benedikt. Er sprach von der Versuchung, die Vergangenheit zu schönen und dabei ihre Mängel zu vergessen, oder auch von der fernen Zukunft zu schwärmen in der Annahme, ›dass der Mensch, allein durch seine Bemühungen, das Königreich der ewigen Freude auf Erden bauen kann‹.« (heute-Nachrichten vom 13.9.08)

Es ist schon so eine Sache mit dem Benedikt. Man hat ihm ja vorgeworfen, mehr ein Papst für den Kopf denn für das Herz zu sein. (Aus dem Jahr 2005 gibt’s zu diesem Konfliktfeld – wieder mal ein Feld, damit die Fernwirkung vermieden werden kann – einen sehr nachdenkens- oder herzenswerten Artikel des Berliner Tagesspiegels: Habermas papam.) Aber wenn er der erste Papst ist, den ich überhaupt des Sich-an-ihm-Reibens für wert erachte, finde ich, ist der Kopf – in diesem Fall sein Kopf – nicht der Schlechteste. Wenn ich jetzt mal über den Ausdruck »Freude des ewigen Lebens mit Gott« nicht nachdenke und einfach so tue, als ob das das wär’, was ich auch gut finde (ich werde das jetzt hier nicht weiter ausbreiten, da hat der olle Benedikt ja ein paar tausend Jahre Religionsphilosophie hinter sich, da kann und will ich nicht gegenhalten), dann kann ich dem, was er sagt nur aus vollem Herzen (und Kopf), zustimmen. Tote Meister, meinte mal Osho, sind praktisch, die können sich nicht wehren. Und daß Idole eher was sind, wo wir unsere Sehnsüchte drauf projizieren, dürfte nach ein wenig Anstrengung (im Kopf, da läßt uns leider das Herz im Stich) klar sein. Eins dieser Idole – und da wir ja grad die 68er und ihre gesellschaftliche Relevanz zelebrieren, kommt mir grad ein 68er Idol sehr recht – wird grad in der ZEIT entzaubert (wie die Worte wieder so passen!): Che! Und dabei ist es mir wichtig: nichts gegen das Herz. Und daß (also in den 60ern) damals auch Herz gefehlt hat, zeigt ein Artikel von Peter Roos bei ZEIT Online. Und jetzt die ketzerische Frage (wir haben ja mit Benedikt angefangen): Gibt’s lebensrettende Musik? Das Kaufverhalten fördernde Musik gibt’s, das hören wir in jedem Supermarkt. Und Paul McCartney, der das angeblich überhaupt nicht mag, ist inzwischen auch mit dabei (also bei der verkaufsfördernden Musik). Aber lebensrettend? Damals war anscheinend eine für viele Menschen existentielle Zeit, und das ist der Unterschied zu heute: heute gibt’s keine lebensrettende Musik mehr. Aber egal ob jetzt damals oder heute: die Leute brauchen Idole, um ihr Herz dran zu hängen. Anscheinend sind sie dann erst bei sich, wenn sie nicht mehr bei sich sind, bzw. kommen sie zu sich, wenn sie ihr Herz irgendwo drangehängt haben. Vielleicht kann ja dann der Kopf helfen, wieder zurück zu kommen. Wenn man bei sich ist…
Manche bleiben dann. Wahrscheinlich, weil’s da besser ist und weil sie das Hiersein dann besser aushalten können, wenn sie weg sind. Auch Christoph Schlingensief denkt über Gott nach und ob er ihn vielleicht schon längst verlassen hat (also Christoph Gott), und vielleicht war ja Gott einsam, daß er Christoph dafür mit Krebs bestraft hat (also ein alttestamentarisch eifersüchtig-strafender Gott). Dabei braucht man gar nichts tun (Wu Wei! waaaaaaau! aua!! [siehe das fünfte Stück auf der ersten Seite – damals hatten die Platten noch zwei Seiten – Todd-Rundgren-Platte von 1978] Oh!). Vielleicht kommt das mit dem Nicht-Tun irgendwann raus: das ist kein altchinesisches Prinzip, das hat Helmut Kohl erfunden und es wird – abgesehen von einzelnen Schröderschen Agenda-Störungen – seit den 80er Jahren in der deutschen Politik konsequent umgesetzt.

Also Leute, hängt Eure Herzen an Götzen und Idole, Ihr braucht das und macht es sowieso. Aber dann benutzt Euren Verstand und kommt wieder zurück.

»Er sprach von der Versuchung, die Vergangenheit zu schönen und dabei ihre Mängel zu vergessen, oder auch von der fernen Zukunft zu schwärmen in der Annahme, ›dass der Mensch, allein durch seine Bemühungen, das Königreich der ewigen Freude auf Erden bauen kann‹.«

Sie die Vergangenheit hätten wir hinter uns, dann zu unseren Bemühungen um die Zukunft: Von Saint-Exupéry gibt es den Herz-erquickenden Spruch:

Wenn Du ein Schiff bauen willst,
dann rufe nicht die Menschen zusammen,
um Holz zu sammeln,
Aufgaben zu verteilen
und die Arbeit einzuteilen,
sondern lehre sie die Sehnsucht
nach dem großen, weiten Meer.

Daß der arme Antoine sein Leben lang nicht von seiner Mama weggekommen ist, spielt in diesem Zusammenhang schon eine Rolle. Wer ist wohl die eifersüchtige Rose (im Kleinen Prinzen) auf seinem Heimatplaneten, die ihn mit ihrer Eitelkeit quält? (»Man darf den Blumen nicht zuhören, man muss sie anschauen und einatmen.«) Wenn Antoine meint: »Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar«, begibt er sich auf die Ebene unserer alltäglichen Sprachverwirrung. Und seinen Ratschlag für den Schiffbau finde ich erschreckend defizitär. Nach Wikipedia-Angaben hat Maos großer Sprung 20 bis 40 Millionen Menschenleben gefordert. Da lobe ich mir doch eine ordentliche Arbeitsanweisung!

Also Leute, seid begeistert, tut Euer Bestes, aber prüft Euer Herz und prüft Euren Kopf (da sind nur alte Gedanken drin) und prüft Eure Sicht der Dinge.
Und um nochmal ein bißchen Durcheinander reinzubringen (über Wittgenstein habe ich vor kurzem was geschrieben):

Jeder Weg ist nur ein Weg
und es ist kein Verstoß gegen sich selbst oder andere,
ihn aufzugeben, wenn dein Herz es dir befiehlt ...
Sieh dir jeden Weg scharf und genau an.
Versuche ihn so oft wie nötig.
Dann frage dich, nur dich allein: ... Ist es ein Weg mit Herz?
Wenn ja, dann ist es ein guter Weg;
wenn nicht, ist er nutzlos.

Carlos Castaneda (1925-1998)
(Juan Matus in »Die Lehren des Don Juan«)

Und noch ein Letztes: Der liebe Gott hat uns aus dem Paradies rausgeschmissen. (Und das hat sehr wohl einen Sinn gehabt.) Glaubt Ihr wirklich, er läßt uns ein Königreich der ewigen Freude bauen? Also Benedikt, weiter so!

Freitag, 12. September 2008

Fernsehtips – nicht verpassen

Die Grafik "http://www.langenau.de/de/10_kultur/10.02_pfleghof/images/i_hagen_rether_gross.jpg" kann nicht angezeigt werden, weil sie Fehler enthält.

Dienstag, 16. September, 22:15 h im ZDF: Neues aus der Anstalt, diesmal auch dabei: Hagen Rether




http://www.moviereporter.net/posters/0000/0497/4010232017383.jpg

Donnerstag, 18. September, 22:00 h auf VOX: Ausnahmezustand



Donnerstag, 11. September 2008

Mannsbilder und Weibsbilder

Die ZEIT gibt Literaturempfehlungen für Jungs und Mädchen.

Zu den Empfehlungen für Mädchen (»Tolle Frauen«) gehören unter anderem:
– Lolita, eine Zwölfjährige, die nach dem Tod ihrer Mutter ihren Stiefvater verführt und sich von ihm für Sex bezahlen läßt,
– Ja’ara, die einem unnahbaren Egomanen verfällt und ihren Mann verläßt, um sich vom Liebhaber demütigen zu lassen,
– die schöne, reiche, dominante und vermeintlich liebesunfähige Wanda, die ihren Liebhaber nach allen Regeln der Kunst quält,
– die durch eine Hetzkampagne eines Reporters fertiggemachte Katharina, die den Reporter schließlich erschießt,
– die Alkoholikerin Martha, die ihren Mann für einen unfähigen Verlierer hält und versucht, sich an dessen neuem, verheirateten Kollegen gütlich zu tun,
– Pippi, bärenstark und Papa immer weg,
– Madame Bovary, die von ihrem Mann gelangweilt ist, ihn verläßt und sich durch Kaufräusche und Luxus zu betäuben sucht und, nachdem ihr kein Mann hilft, sich vergiftet,
– Rosy, die, wenn sie nicht grad auf einer Sexmesse als Auspeitscherin arbeitet, sich unter anderem zwischen Paaren selbstverwirklicht und dort ungefragt aber kräftig im Liebesspiel – nicht immer unter dem Beifall ihrer Geschlechtsgenossinnen – mitmischt.
[Quelle: Carsten Klook, Literarische Vorbilder: Nicht nur für Mädchen!, ZON, 08.09.2008]


Zu den Empfehlungen für Jungen (»Super-Typen«) gehören:
– Holden, an den emotional keiner rankommt und der alles verwirft, was erwachsen ist,
– die lebens- und genußsüchtigen Sal und Dean, die Autos klauen, Drogen nehmen und dem bürgerlichen Leben zu entfliehen suchen, [Wie hieß das bei Walt Disney’s Herbie auf dem Parkplatz vor dem Schnellimbiß: "Hier kommt keiner raus, Baby!"]
– Bowling, ein Versicherungsagent, der vor seiner nörgelnden Frau und seinen Kindern flüchtet und der seiner durchschnittlichen Existenz durch die Rückkehr zu seiner Kindheit zu entkommen sucht,
– Werther, ein klassisch verfahrener Tagträumer, der ohne Lebensplan herumhüpft, sich einzig und allein seiner Flamme, der verlobten Lotte mit den schwarzen Augen hingeben will und sich zum Schluß umbringt,
– Felix, ein Dieb, Zuhälter und Hochstapler, Prototyp des superluxuriösen Aufschneiders mit Großmannssucht,
– Mersault, ein emotional unbeteiligt erscheinender, zum Toder verurteilter Mörder,
– Tom und Huck, zwei Lausbuben, die ohne Eltern großwerden und dann einen Schatz finden,
– Oskar, der keinesfalls erwachsen werden will und das eine Zeit lang auch schafft,
– ein Kauz, der als einer der ganz wenigen eine Katastrophe überlebt hat, beim Waldspaziergang beinahe erschossen wird, die Angreiferin aber überrumpelt, eine Zeit lang mit ihr zusammen lebt und dann von ihr verlassen wird,
– Yossarian, der vergeblich versucht, verrückt zu spielen, um seinem Schicksal zu entkommen.
[Quelle: Carsten Klook, Literarische Vorbilder : Jungs, lest mal hier!, ZON, 08.09.2008]


Ein Hoch auf die Vorbilder, weiter braucht man wohl nichts zu zu sagen… "Jodl!"

Sitzen zwei Japaner auf der Zugspitze. Dem einen fällt das Radio in die Tiefe, und so ruft er seinem erfahrenen Kumpel zu: "Hol die Ladio, hol die Ladio…" Der antwortet: "Hol du die Ladio!"

… und noch nicht mal auf Konfuzius ist mehr Verlass… {jedenfalls bei der ZEIT}

Die Olympiade - Ein Fest der Lügen

Von Jamyang Norbu

Jetzt, wo sich die olympischen Spiele dem Ende nähern, gibt es wohl nur wenige Menschen auf der ganzen Welt, die von all den Lügen, Täuschungen, Betrügereien, Manipulationen, all den Kontrollmaßnahmen und den Grausamkeiten, die sich die chinesische Regierung während der olympischen Spiele zuschulden hat kommen lassen, gar nichts gehört oder gelesen hätten oder sie sogar selbst bezeugen könnten. Tatsächlich hat es derart viele dieser Vorkommnisse gegeben, daß es sich lohnt, sie einmal aufzulisten, denn ich bin sicher, daß viele Leute das eine oder andere oder gar mehrere übersehen oder vergessen haben, falls sie ihnen anfänglich aufgefallen sein sollten.
Zunächst einmal wären da die spektakulären, computergenerierten riesigen „Spuren des Feuerwerks“, die bei der durchs Fernsehen übertragenen Eröffnungszeremonie „angefügt“ wurden.
Wußten Sie, daß die eintausend oder mehr Trommler, die während der Zeremonie en masse auftraten, alle Soldaten der Volksbefreiungsarmee oder Angehörige der bewaffneten Volkspolizei waren? Solche, die gerade turnusmäßig ausgetauscht waren und vielleicht noch kurz zuvor Menschen in Tibet oder Ost-Turkestan gefoltert oder erschossen haben?
Dann gab es da die allzu flotte 9jährige Lin Miaoke, die die „Ode an das Mutterland“ vorzutragen schien, obwohl sie in Wirklichkeit nur die Lippen zu einer Aufnahme des Gesanges eines anderen Mädchens bewegte, das als weniger attraktiv eingestuft worden war, nämlich der 7jährigen Yang Peiy. Falls der echte Panchen Lama (der sich unter Hausarrest in Beijing befindet) dies im Fernsehen verfolgt haben sollte, könnte er eine Art Déjà-Vu-Erlebnis gehabt haben.
Ai Weiwei, der ursprünglich den Plan für das Vogelnest-Stadion entworfen hat und einer der seltenen chinesischen Künstler oder Intellektuellen von Format ist, die noch eine eigene Meinung bewahrt haben, kommentierte: „Die Zeremonie täuschte ihre 600 Millionen Zuschauer und demütigte sie“. Noch 2007 hatte er Zhang Yimou und Steven Spiegel für ihre Choreographie der Eröffnungszeremonie kritisiert und ihnen vorgeworfen, sie würden ihrer Verantwortung als Künstler nicht gerecht werden.
Ein weiterer Programmpunkt in der Eröffnungszeremonie war eine Prozession von Kindern, die eine große chinesische Flagge ins Stadion trugen, wobei jedes der kostümierten Kinder für eine der ethnischen Minderheiten der Volksrepublik China (VRC) stand. Die Kinder waren aber alle Chinesen. Die Kinder der Minderheiten wurden vermutlich für zu barbarisch oder als potentielle Störfaktoren bei dieser großen Aufgabe betrachtet. Eines von ihnen hätte ja „Freiheit für Tibet“ rufen können.
Der Grund könnte ja auch der gewesen sein, daß es einfach keine Angehörigen von „Minderheiten“ mehr in Beijing gab. Wir wissen, daß beinahe jeder Uighure und jeder Tibeter aus der Stadt verbannt wurde, nicht nur Studenten und Besucher, sondern sogar die arme Amala, die Flitterkram an der U-Bahn-Station verkaufte. Tsering Shakyas Nichte, Dechen Pemba, wurde ebenfalls ausgewiesen, obgleich sie britischer Nationalität ist und sowohl ein Visum als auch einen Wohnberechtigungsschein besaß. Wir wissen außerdem, daß Wanderarbeiter, Beschwerdeführer von außerhalb der Stadt und viele andere Bürger die Hauptstadt unter Zwang verlassen mußten. Aber machen wir davon mal kein so großes Aufhebens, denn schließlich wurde das Visum für Joey Cheek, einem Eisschnelläufer, Goldmedaillengewinner und Menschenrechtsaktivisten, widerrufen, bloß weil er sich gegen den Völkermord in Darfur ausgesprochen hatte. Wenn nicht einmal Goldmedaillen-Gewinner zu den Olympischen Spielen reisen dürfen, wer darf es dann?
Wo wir schon von Aktivisten sprechen, sollten wir natürlich erwähnen, daß der chinesische Menschenrechtsaktivist Zeng Jinyan am Vorabend der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele einfach aus Beijing verschwand. Einige weitere chinesische Menschenrechtsaktivisten scheint das gleiche Schicksal ereilt zu haben, darunter auch den Anwalt Ji Sizun. Eine Freundin behauptete, sogar dasTelefonkabel in ihrem Appartement sei abgeklemmt worden. Sie sind verschwunden, einfach so. Wie die desaparecidos [die Verschwundenen] in Südamerika in den 70er Jahren.
Laut „Reporter ohne Grenzen“ wurden während der Olympischen Spiele 22 Journalisten angegriffen oder festgenommen. Mindestens 50 Menschenrechtsaktivisten wurden verhaftet und schikaniert oder gezwungen, Peking zu verlassen.
Alle Krankenhäuser in Beijing wurden angewiesen, ihre psychiatrischen Stationen abzuriegeln. Den Patienten wurde verboten, die Gebäude während der Spiele zu verlassen. Die Behörden haben dies vermutlich aus kosmetischen Gründen getan. Dem Reporter von New York Times fiel auf, daß es gar keine alten Leute auf den Straßen Beijings gab. Dies könnte auf Sicherheitsgründe zurückzuführen sein, da mehrere Hundert (vielleicht sogar Tausende) von Dissidenten, Mitgliedern unabhängiger Arbeiterorganisationen, Anhängern der Falun-Gong-Bewegung und andere Personen in spezielle staatliche psychiatrische Institutionen eingewiesen wurden, die „Ankang“ genannt werden. In diesen Anstalten müssen sie nach Meldungen von Human Rights Watch Medikamente einnehmen, werden mit Elektroschocks traktiert, und es werden unter Umständen psychochirurgische Eingriffe, möglicherweise sogar die präfrontale Lobotomie, an ihnen vorgenommen – alles, um sie von ihrem „antisozialen Verhalten“ zu „kurieren“.

Der zweite Teil folgt morgen, der gesamte Artikel steht übersetzt auf unserer Website unter: http://www.igfm-muenchen.de/tibet/ctc/2008/JN_Luegenfest.html
Der Originalessay, sowie andere Essays dieses Autors steht auf seiner Website: http://www.jamyangnorbu.com/
Übersetzung: Melanie Pelka, Adelheid Dönges, Revision: Angelika Mensching

Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), Arbeitsgruppe München
www.igfm-muenchen.de/tibet/tibetstart.html

Dienstag, 9. September 2008

„Global Sexual Wellbeing Survey“

… heißt die vom Kondomhersteller Durex in Auftrag gegebene Studie zur allgemeinen sexuellen Zufriedenheit auf dem Globus. Mehr als 26 000 Menschen in 26 Ländern nahmen an dieser bisher größten Umfrage zu diesem Thema teil. Hier einige Ergebnisse: Nur 44 Prozent der weltweit Befragten gaben an, mit ihrem Sexleben zufrieden zu sein. Frauen sind grundsätzlich etwas zufriedener als Männer (46 zu 43 Prozent) Am zufriedensten sind die Liebenden in Nigeria (67 Prozent), Mexiko (63 Prozent) und Indien (61 Prozent). Die Deutschen befinden sich mit 38 Prozent im hinteren Mittelfeld – aber immer noch deutlich vor den Franzosen (!) mit noch bescheideneren 25 Prozent an sexuell Zufriedenen. Unterboten werden diese nur noch von den Japanern mit 15 Prozent. Am meisten Zeit Ihr die weltschönste Sache zu zweit gönnt man sich in Afrika: 24 Minuten nehmen sich die Nigerianer für sexuelle Intimitäten. Auch die Griechen (22,3 Minuten) und Mexikaner (22,1) lassen sich Zeit. Die Deutschen gestatten sich immerhin knapp 18 Minuten und liegen damit ungefähr gleichauf mit den USA und Australien. Der Inder mag es hingegen schnell und wendet sich bereits nach 13,2 Minuten anderen Dingen zu.
aus der Osho-Times vom Juli 2008

Im Dorf Kicaköy im Süden der Türkei läuft im Moment gar nichts

Vielleicht machen’s unsere Kinder ja mal besser, vorausgesetzt, es gibt keinen Wassermangel.

„Simple living“

… so der ironische Titel der Kampagne. mit der die 26ährige dänische Designerin Nadja Plesner auf den Völkermord in Darfur aufmerksam machen will. Die Idee kam ihr im letzten Sommer, als sich die Medien über die Verhaftung des Partygirls Paris Hilton überschlugen. „Mir stieß auf, wie viel darüber berichtet wurde und wie wenig über das Sterben in Darfur.“

So beschloss sie eine Kampagne durchzuführen, die „mit den Stilmitteln, die offensichtlich in der Modewelt wirken – kleine, hässliche Hunde und große Designertasche – den Blick auf die Katastrophe in Darfur zu lenken.“ Sie entwarf ein T-Shirt mit einem kleinen, nackten Afrikanerjungen mit einem Chihuahua im einen Arm und einer enormen Modetasche über dem anderen. Dass das Design der Tasche auffällig den Modellen Louis Vuittons gleicht, löste bei den Modezaren keine Freude aus. Sie forderten Plesner auf, ihre Entwürfe zurückzuziehen, und drohten mit täglichen Bußgeldern von 15 000 Euro. Die Designerin ließ sich nicht einschüchtern und machte mit einem leicht abgewandelten Taschenmodell weiter. Mit Erfolg. Nach dem Clinch mit Louis Vuitton verkauften sich die T-Shirts und Poster so gut, dass Plessner der humanitären Organisation „Divest for Darfur“ schon 20 000 Euro Überschuss überweisen konnte. www.nadiaplesner.com
aus der Osho-Times vom Juli 2008

Montag, 8. September 2008

Westliches Stolpern in der Georgien-Krise

Der Bericht über westliche Naivität in der Georgienkrise im gestrigen Weltspiegel zeigte in erschreckendem Maße das peinlich uninformierte Vorgehen unserer politischen Elite. Putins Drohungen, Abchasien und Südossetien anzuerkennen stammen vom Februar des Jahres, wenn nicht noch früher. Steinmeiers (Zitat: „Was den Westen betrifft, so war Steinmeier der einzige, der sich überhaupt darum gekümmert hat.") Vorschlag in Abchasien, dort 200.000 Georgier wiederanzusiedeln zeigt von Unwissenheit. Deutschland wird mit diesem Informationsstand von keiner der Konfliktparteien ernst genommen.
Die auf die Ukraine und Georgien niederprasselnden NATO-Beitritts-Zusagen sind einfach nur dumm. Man stelle sich vor, wie die USA reagieren würden, wenn Mexiko oder Honduras mit Rußland ein Militärbündnis einzugehen versuchen würden. Dann wäre was los!
Das Machtgehabe des Westens gegenüber Rußland ist schon imperialistisch zu nennen und zeugt von erstaunlicher Rücksichtslosigkeit. Die Meldungen über den Krieg in Südossetien sind da einfach nur Parteimache und dürfen nicht ernstgenommen werden.

Wenigstens haben wir kleine Korrekturelemente im öffentlich-rechtlichen Sendebereich, so waren die Statements Maischbergers »ARD-Ältestenrats« richtig wohltuend.

Aber vielleicht ist das alles in ein paar Tagen nicht mehr wichtig

Samstag, 6. September 2008

Ein Blick zurück

„Die armen Kranken zwang man, sich von einem von oben her bestimmten Arzt behandeln zu lassen. Die Ärzte zwang man durch eine maßlose Konkurrenz, eine Stellung anzunehmen, welche ihnen den ihrer Anstrengungen würdigen Lohn vorenthielt … Diese Verhältnisse mussten notwendig die Armen und die Ärzte erbittern; beide mussten allmählich mehr und mehr von der Überzeugung durchdrungen werden, dass sie Opfer falscher gesellschaftlicher Grundsätze waren …

Nicht genug, dass die Armen und die Ärzte in die politisch-soziale Opposition gedrängt wurden, es gestaltete sich auch ihr gegenseitiges Verhältnis oft genug sehr ungünstig. Die armen Kranken stellten an den Arzt, den man ihnen aufgezwungen … hatte, Forderungen … verlangten sie doch von ihm jede Aufopferung bei Tag und Nacht, jede Hingebung des Körpers und des Geistes.

Der Arzt, seinerseits, mit Geschäften und wohl auch mit … Sorgen belastet, ohne hinreichende Mittel zur wirklichen Pflege der Kranken, fast ohne Aussieht auf persönliche Anerkennung seiner Mühen, abgespannt und missmutig, kam nur zu leicht dazu, seine Pfleglinge zu vernachlässigen, ihren übertriebenen Forderungen kaltes Phlegma entgegenzusetzen und in einer dankbareren und einträglicheren Praxis Ersatz für seine Entbehrungen zu suchen. Was war einfacher und natürlicher?

Und welches war das Resultat für den Staat? Die Zahl der Siechen vermehrte sich, wie die Zahl der Armen überhaupt stieg … Mochte immerhin in den Händen Einzelner größerer Reichtum aufgehäuft werden, der National-Wohlstand im Ganzen erhielt immer schwankendere Grundlagen.“

Rudolf Virchow vor 160 Jahren in der „Medizinischen Wochenschrift“,
zitiert nach »Projekt Psychotherapie“ 03/2008

Freitag, 5. September 2008

Weniger ist mehr


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Von Klaus Hofmeister


Wir leben in Yang-lastigen Zeiten, sagt die Frankfurter Feng-Shui-Beraterin Bettina Kudicke. Und sie meint damit, dass unser Leben aus dem Lot geraten ist, die Harmonie dahin ist. Das Gleichgewicht von Yin und Yang ist ein wichtiges Prinzip der chinesischen Lebenskunst. Die meisten modernen Menschen verstoßen sträflich dagegen, auch wenn die Sehnsucht nach Einheit, nach Einfachheit im Lebensganzen, nach einer Ordnung von innen heraus auch im Westen spürbar ist. Yanglastige Zeiten, damit meint die Innenarchitektin die optische und akustische Reizüberflutung, der wir ausgesetzt sind, den Konsumrausch, die Schnelligkeit, Hektik und den Stress, die Arbeitsverdichtung, den Zwang, alles Mögliche gleichzeitig tun zu müssen. Kurz: Sie meint damit den durchschnittlichen Alltag der meisten Zeitgenossen. Der Gegenpol Yin, der uns hierzulande weithin abgeht, steht für Ruhe, Entspannung, Einfachheit, für das »Weniger ist mehr«, oder, wie der chinesische Weise Lao Tse sagt: »In Einfachheit … liegt Reichtum.« Bettina Kudickes Weg, der Einfachheit eine Chance zu geben, ist die bewusste Raumgestaltung nach den Regeln des Feng Shui.

Manfred dagegen sucht diese Einfachheit dienstagabends auf dem Meditationskissen. Nur Sitzen und Atmen im Stile des buddhistischen Zen. Dreimal 25 Minuten, dazwischen fünf Minuten meditatives Gehen. In völliger Stille und so langsam, dass man kaum vorwärts kommt. Aber darauf kommt es hier ausnahmsweise auch gar nicht an. »Ich bin beruflich jeden Tag angespannt. Für mein Innenleben ist der stressige Job wie eine Zentrifuge. In der Stille sammle ich mich wieder ein. Die Meditation hilft mir, meine Mitte zu stärken.« Auch Elisabeth will zu sich kommen und muss dabei nicht unbedingt ankommen. Obwohl sie auf dem Jakobsweg durch Spanien pilgert. Aber sie geht ihn häppchenweise, jedes Jahr zwei Wochen. Sie ist Anwältin, »nicht religiös im normalen Sinn«. »Aber der Camino, der hat schon was«, strahlt Elisabeth. »Du tust nichts anderes als gehen. So, dass du die Strecke gut schaffst. Einen Schritt nach dem anderen. Die Sonne ist heiß, und der Schweiß fließt, aber: Du musst nur gehen, mehr nicht. Das ist herrlich entspannend.« Elisabeth geht mit einer Freundin, aber sie trennen sich auch über weite Strecken: »Es ist wichtig, sein eigenes Tempo zu gehen.« Im Alltag ist Elisabeth oft fremdbestimmt durch Termine und Pflichten. Auf demJakobsweg findet sie zu sich, zu ihrem Tempo, dort ist sie ganz bei sich und entdeckt Erfüllung in etwas ganz Einfachem: einen Schritt nach dem anderen zu setzen, mehr nicht.

Der erstaunliche Pilgerboom – nicht erst seit Hape Kerkelings Bestseller »Ich bin dann mal weg« – zeigt exemplarisch die Sehnsucht nach ursprünglichen, nicht entfremdeten und nicht schon kommerzialisierten Lebenserfahrungen. Das unmittelbare, einfache Erleben ist gefragt Auch andere Trends stürzen die Beobachtung: Es gibt eine neue Lust am Wandern. Internetseiten zum einfachen Leben, vom Handarbeiten bis zum Barfußlaufen, zeugen ebenfalls davon. Auch die Wiederentdeckung des Fastens gehört dazu. Der Geschmack eines Apfels nach einer Fastenwoche soll selbst durch ein (noch dazu sündhaft teures) Gourmetgericht nicht zu toppen sein.

»Weniger ist mehr«, das ist auch Christiane Thiels Credo. Sie bietet in Berlin ihre Dienste an für »heilsames Aufräumen«. Für Menschen, die nicht loslassen können, die Krimskrams sammeln und angesichts von Zeitungsstapeln, Erinnerungsdöschen, Schubladen voller Strumpfhosen mit Laufmaschen, die sie eines Tages unter langen Hosen tragen möchten, längst dem Chaos die Herrschaft überlassen haben. Dann hilft Christiane Thiel beim Sortieren. Denn: »Dinge sortieren, das heißt immer, sein Leben sortieren.« Das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden, das, was man liebt, von dem, woran man sich nur gewöhnt hat. Das Hängen an alten Dingen ist meist auch ein innerlicher Zustand, unnütz gefüllte Wohnungen, das Hortenwollen sind in jeder Hinsicht ein Ausweis für »Immobilität«. »Manchmal kann ich den Kunden überzeugen«, erzählt Christiane Thiel augenzwinkernd, »dass er seine Erinnerung behält, auch wenn er jetzt sofort das Streichholz wegwirft, mit dem er eine Kerze entzündet hat, bevor er vor Jahren in einem Hotelzimmer in Venedig ein Kind zeugte …« Sie schafft systematisch Platz, mehr Luft kommt ins Haus. Und wenn die ersten Quadratmeter freier Fußboden wieder zu sehen sind, kann die Energie langsam wieder fließen.

Werner Tiki Küstenmachers Schreibtisch ist aufgeräumt und das Büro wie geleckt. Der gelernte Pastor, Karikaturist und Bestsellerautor ist der Papst der »Weniger-ist-mehr«-Ideologie in Deutschland. Sein Ratgeber »Simplifv your life« ist über zwei Millionen Mal verkauft worden, übersetzt in zwanzig Sprachen. »Die Menschen sind buchstäblich mit schwerem Gepäck unterwegs«, sagt Küstenmacher, »deshalb sind Entrümpeln, Entschlacken, Sich-leichter-Machen ein Megatrend.« Vom Messie bis zum spirituellen Sinnsucher sind Küstenmachers Tipps gefragt. Der »Überdruss am Überfluss« ist meist der Ausgangspunkt, wenn Kunden zu seinem Ratgeber greifen oder den monatlichen Beratungsdienst abonnieren. Küstenmacher ist der Zusammenhang von außen und innen wichtig. Er will helfen, zu sich selbst und damit zum Wesentlichen zu finden. Dabei geht er in einem achtstufigen Modell vom Äußeren zum Inneren vor: Von den vielen »Sachen« über die »Gesundheit« die »Mitmenschen« bis zum »Ich« und zur »Spiritualität«.

15 000 Gegenstände soll ein durchschnittlicher deutscher Haushalt enthalten. Und bei den »Kunden« von Pastor Küstenmacher sind es meist noch mehr. Aber als hätten wir nicht schon genug, kaufen wir weiter. Jedes Jahr mehr. Seit dem Jahr 2000, so meldet das Statistische Bundesamt, ist der private Konsum um zehn Prozent gestiegen. Kaufen soll glücklich machen. Und mehr Kaufen noch glücklicher. Das zumindest suggeriert die Werbung. Der gesunde Menschenverstand und die Glücksforschung haben die Werbung aber schon widerlegt. Ab einem bestimmten Wohlstandsniveau ist das Wohlbefinden durch Wohlstandssteigerung nicht mehr zu beeinflussen. Die für die Hamburger Zeit schreibende Kulturjournalistin Iris Radisch nennt es das Wohlstandsparadox: »Mit steigendem Lebensstandard steigt das Anspruchsniveau an und sinkt die Dauer der durch die Ware gewährten Lusterfüllung. Auf der aussichtslosen Suche nach anhaltendem Warenglück kaufen wir in immer kürzeren Intervallen.« Radisch nennt das eine »wachstumsfördernde Glücksvernichtungslogik« und meint, dass es das Glück nicht ohne eine Umkehr gibt.

Glück und die Wachstumslogik der Industriegesellschaft gehen also offenbar nicht nahtlos zusammen. Obwohl auch die »Weniger-ist-mehr«-Bewegung sich selbst neue Märkte schafft: Nicht nur die verschiedenen Lebensvereinfachungsratgeber zeigen das. Auch Bücher zur »Entschleunigung« des Lebens, zum »Lob der Langsamkeit« und zum »Downsrufting« finden zahlreichen Absatz. Das Credo des Dowtshifting lautet: Wer weniger arbeitet, lebt besser. Henriette Löwisch ist ein Beispiel dafür. Sie war Chefredakteurin der Nachrichtenagentur AFP in Deutschland. Das hohe Arbeitstempo, die Sparzwänge bei gleichzeitig immer weiter wachsender Arbeitsverdichtung führten sie in die Krise.

Sie hat viel verdient, aber vor lauter Arbeit schien sie das eigene Leben zu verpassen. Schon ökonomisch gesehen war alles aus dem Gleichgewicht geraten: die persönlichen Investitionen in ihren Beruf waren hoch, der persönliche Gewinn (außer dem finanziellen) blieb unbefriedigend. Eines Tages standen wichtige Fragen unabweisbar im Raum: »Wo ist der Stern an Deinem Himmel? Was ist Deine Berufung? Was kannst Du gut, und was davon macht Dir Freude?« Sie stieg aus, tauschte Konsummöglichkeiten gegen Seelenfrieden und bildet nach einer Phase der Orientierung heute mit Leib und Seele Journalisten aus.

Menschen, die bewusst leben, sich nach den Werten ihres Lebens und dem Wert des Lebens fragen, nennen die Soziologin »Post-Materialisten«. Es sollen in Deutschland 15 Millionen sein, die zu dieser Gruppe zu zählen sind. Sie entziehen sich soweit möglich dem Druck der selbstausbeuterischen Wohlstandsoptimierung, schalten einen Gang zurück, konsumieren bewusst, schaffen vielleicht den Fernseher ab und achten auf Lebensqualität. Meistens sind es Besserbetuchte, die es sich auch leisten können, so zu leben. Eine auch politisch nennenswerte Bewegung für ein »Weniger ist mehr« – wie seinerzeit die Aussteiger oder die Alternativen – ist derzeit allerdings nicht zu beobachten.

Eher sind zahlreiche Symptome für ein Unwohlsein an der herrschenden Überfluss- und Konsumgesellschaft auszumachen. Etwa die Zeitschrift »Landlust«. Sie ist derzeit Deutschlands Magazin mit der rasantesten Auflagensteigerung: 2006 mit 100 000, 2007 schon mit mehr als 250 000 Käufern. Das Blatt bietet im Hochglanzformat »die schönen Seiten des Landlebens«. Einfaches Naturerleben (»Mit Stock und Stöckchen – Kinder basteln mit Ästen aus dem Wald«), schlichte Küche (»Weißkohl – Der Dinosaurier unter den Gemüsen«), ländliches Wohnen (»Gemütliche Kaminöfen«) bedienen die Sehnsucht nach dem einfachen, dem ursprünglicheren Leben.

Diese Suche nach dem einfacheren Leben, nach dem »Weniger ist mehr« berührt die zentralen Lebensfragen: Warum lebe ich so, wie ich lebe? Gefällt mir das wirklich? Oder wie Iris Radisch formuliert: »Kommt es im Leben auf viel Liebe, viel Urlaub oder auf eine möglichst große Briefmarkensammlung an?« Die Zeit-Autorin plädiert für einen »Verzicht aus Hedonismus«. Glück entsteht nur, wenn die Balance stimmt, wenn Be- und Entlastung im Gleichgewicht sind, wenn Yin und Yang harmonisch ineinandergreifen. Das Einfache schätzen und mit allen Sinnen lebendig verkosten können, sich nicht im Vielerlei verlieren und nicht mit Unwesentlichem zumüllen, diese Lebenskunst muss heute offenbar wieder erlernt werden. Der Minimalismus der Lebenskunst, wie ihn die Alten in italienischen Bergdörfern noch virtuos beherrschen, will wieder geübt sein, oder so, wie ihn der Schriftsteller Milan Kundera beschrieb: Gelassen auf einer Bank in der Sonne sitzen und »dem lieben Gott ins Fenster schauen«. •

aus Publik-Forum Nr. 14•2008

Donnerstag, 4. September 2008

Vorsicht vor Chrome!

zu SPIEGEL online

Was auf uns zukommt

Während die Chinesen noch ihren Glücksrausch nach den gelungen Olympischen Spielen ausschlafen, man sich in Tibet jetzt voll auf die anstehenden Säuberungen konzentrieren kann, der Dalai Lama im Krankenhaus liegt, die EU über Sanktionen gegen die bösen Russen streitet und Deutschland erstmals seine Armen zählt und überlegt, wieviel man zum Leben braucht, gewinnen die amerikanischen Präsidentschaftskandidaten mehr an Kontur.

Barack Obamas Krönungsshow in Denver kostete 60 Millionen Dollar. Er fordert schon seit Monaten mehr deutsche Soldaten in Afghanistan. Jetzt bezieht er Prügel von deutschen Politikern, die es nicht einsehen, daß wir uns am Hindukusch die Hände dreckig machen und in Amerika dafür die Steuern gesenkt werden können. Sogar dem CSU-Vorsitzenden Erwin Huber ist was dazu eingefallen: „Mehr deutsche Soldaten nach Afghanistan für Steuersenkungen in Amerika ist eine abwegige Idee." Inzwischen haben auch sogar schon einige Obamas Buch gelesen: In „Audacy of Hope" aus dem Jahr 2006 schreibt er: „Obwohl mir alle Belege zeigen, dass die Todesstrafe nur wenig tut, um Verbrechen zu verhindern, glaube ich, dass es einige Verbrechen gibt – mehrfachen Mord, die Vergewaltigung und Tötung von Kindern –, die so schändlich sind, so völlig inakzeptabel, dass die Gesellschaft das Recht hat, ihre Empörung mit der Todesstrafe voll zum Ausdruck zu bringen.“ Der Oberste Gerichtshof befand im Juni 2008 solche Strafen als nicht rechtens. Obama lehnt das Urteil jedoch ab und John McCain ist empört.

Kommen wir damit also zu den Republikanern: Die Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten Sarah Palin ist die erste weibliche Gouverneurin von Alaska und gesellschaftspolitisch konservativ. Sie ist Mitglied bei Feminists for Life of America, die sich als strikte Abtreibungsgegner positionieren, auch bei Vergewaltigungsopfern und Inzestschwangerschaften. Sie lehnt sexuelle Aufklärung im Schulunterricht ab und spricht sich stattdessen für Programme zur Förderung der sexuellen Enthaltsamkeit bei Jugendlichen aus. Sie ist ferner Mitglied der National Rifle Association, Befürworterin der Todesstrafe und lehnt gleichgeschlechtliche Ehen ab. Zugleich hat sie auch einen Ruf als Reformerin und konsequente Korruptionsbekämpferin. Sie sprach sich dagegen aus, Intelligent Design neben der Evolutionstheorie in den Lehrplan aufzunehmen.
Außenpolitisch gilt sie als unerfahren, bezeichnete aber im Juni 2008 während eines Gottesdienstes öffentlich den Irakkrieg als Gottes Wille. (aus Wikipedia)
Auch beim österreichischen Standard gibt es eine Zusammenfassung ihrer politischen Positionen.
Aus dem englischen Wikipedia: FFL describes its broader vision as opposition to all forms of violence, considered as "inconsistent with the core feminist principles of justice, nonviolence and nondiscrimination" including the death penalty, assisted suicide, euthanasia, infanticide, and child abuse. FFL does not take an official stance on contraception but they do seek a traditional feminist goal of equality in the workplace."
Mit Widersprüchen scheint die Frau keine Probleme zu haben.
Daß ihre 17-jährige Tochter schwanger ist, ist ja inzwischen – wie auch einige andere Dinge aus ihrem Leben – genüßlich breitgetreten worden.
(Was lernen wir daraus: Schwanger werden kann man auch ohne Aufklärung im Unterricht.)

Hinter soviel Gestöber tritt John McCain in den Hintergrund. Ein Freund von ihm, der mit ihm in nordvietnamesischer Kriegsgefangenschaft war, George "Bud" Day, 83 und höchstdekorierter noch lebender Amerikaner erzählt Beeindruckendes.

Noch ein kurzer Blick auf Arnie, der wohl zu den übernächsten Wahlen antreten wird: Transfette verboten.

Und zuletzt müßt Ihr Euch unbedingt noch eine Frau genau ansehen: Wow!

Hält sich bei Auftritten ihres Mannes stets im Hintergrund: Cindy McCain

Mittwoch, 3. September 2008

Männer immer Täter, Frauen immer Opfer?

[…]
Die These nach der »Männer Täter und Frauen Opfer« seien:
* liegen Hellfeldzahlen zugrunde.* Die theoretische Grundlage zur ausschließlich männlichen Verursachung von Gewalt, liefert die patriarchalische Grundordnung westlicher Gesellschaften (kurz: Patriarchatsthese genannt).
Wie sich eine solche scheinbare Bestimmtheit auf die Realität eines Menschen auswirken kann, will ich an zwei Beispielen deutlich machen. Im ersten Beispiel handelt es sich um einen Mann mit Kindern, der sich im Okt. 2004 an mich wandte. Er berichtete, dass die Kindesmutter nicht nur ihn, sondern auch die Kinder im Jahr 2003 fast täglich geschlagen, ihnen die Arme gedreht habe und die Kinder vernachlässige. Vor ca. einem Jahr hätte er wegen dieser Handlungen die Kinder ins Krankenhaus gebracht, dann habe die Kindesmutter ein paar Tage später plötzlich das Sorgerecht für die Kinder beantragt. Sie gebe dabei an, dass nicht sie, sondern der Ehemann die Kinder geschlagen hätte und zudem wolle der Ehemann die Kinder auch entführen. Die Kinder seien nun im Kinderheim untergebracht. Er könne seine 3 Kinder nur alle 14 Tage für 2 Std. im betreuten Umgang besuchen. Dieser würde willkürlich auch noch erschwert. Letztes Mal habe er sie erst nach einem Monat sehen dürfen. In einem Gutachten würde eher dem Ehemann als der Kindesmutter zugestanden, für die Kinder sorgen zu können. Darin würde auch darauf Bezug genommen, dass die Kindesmutter den Ehemann geschlagen hätte und er versucht habe, sich zu wehren. In seinen weiteren Ausführungen, sieht es ganz so aus, dass die Gewaltvorwürfe, die nun von der Frau gegen ihren Ehemann erhoben werden, durch ihn nicht mehr entkräftet werden können, und die sozialen und justitiablen Hilfssysteme ihm keinen Glauben schenken werden.
Im zweiten Beispiel geht es um eine Art Hilferuf eines Mannes, der sich ebenfalls im Herbst 2004 an mich wandte. Seine Frau trete als Nebenklägerin auf, um ihn wegen Körperverletzung durch das Gericht verurteilen zu lassen. Vorausgegangen wäre ein Streit mit Rangeleien und Handgreiflichkeiten seitens seiner Frau. Er wehrte sich, hierdurch habe sie blaue Flecken an den Handgelenken und Oberarmen davongetragen. Der Polizei erzählte sie, er hätte sie geschlagen. Sie jammere und weine bei den Aussagen immer hilflos. Seiner Frau werde geglaubt, ihm nicht!
Auch im zweiten Beispiel wird die Gewaltausübung der Partnerin nunmehr zu einem Gewaltvorwurf gegen den Mann stilisiert. Die These nach der »Männer Täter und Frauen Opfer« seien, macht es Männern offenbar schwer, als Opfer von Gewalt wahrgenommen bzw. anerkannt zu werden. […]
Eine weitere Einschränkung der Aussagekraft von Hellfeldzahlen ergibt sich durch eine Analyse, die Mansel (2003) in seinem Artikel: Die »Selektivität strafrechtlicher Sozialkontrolle«, vorgelegt hat. Auf der Basis von unterschiedlichen Datenquellen analysierte er u.a. Hellfelddaten. Dabei handelte es sich um die vorliegenden Individualdaten der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) und der Strafverfolgungsstatistik (jeweils Daten von 1999) von 13 Bundesländern, sowie Daten aus Opferbefragungen. So analysierte er anhand dieser Daten, »inwiefern sich für weibliche Tatverdächtige die Wahrscheinlichkeit, später auch durch ein Gericht sanktioniert zu werden, von der bei männlichen Tatverdächtigen unterscheidet«. Er konnte zeigen, dass Opfer, wenn Sie vermuten oder wissen, dass der Täter ein Mann war, seltener auf die Erstattung einer Anzeige verzichten als gegenüber weiblichen Tätern. Männern bereitet es Probleme, sich als Opfer von Frauen zu begreifen.
Vor diesem Hintergrund interpretieren sie die gegen sie gerichteten Aktionen der Frauen seltener als Straftaten. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mann bei Behandlungsbedürftigkeit des Opfers angezeigt wird, ist gegenüber einer Frau, um das fünffache erhöht, d.h. männliche Täter werden fünf mal häufiger von den betroffenen Opfern angezeigt, als Täterinnen. Frauen haben innerhalb des bundesdeutschen Strafrechtssystems deutlich geringere Chancen inhaftiert zu werden.
Aus der Analyse dieser Datenquellen zieht Mansel folgendes Fazit: »Die Unterschiede in den Anteilen von männlichen und weiblichen Tätern in den offiziellen Statistiken auf der einen und in der Opferbefragung auf der anderen Seite, zeigen an, das beide Statistiken kaum eine verlässliche Grundlage bilden, um über den Verbreitungsgrad von Straftaten und deren Verteilung auf männliche und weibliche Täter Aussagen zu machen«.
[…]
Die Studie von Habermehl (1989) war Bestandteil einer Dissertation an der Universität Bielefeld. Sie befragte 553 Männer und Frauen aus der Bundesrepublik Deutschland und gelangte zu folgenden Ergebnissen:
»Von allen Männern und Frauen zwischen 15 und 59 Jahren, die schon einmal einen Partner hatten bzw. die einen Partner haben, waren 63,2 % schon einmal Gewalt ausgesetzt: 68,1 % der Männer und 58 % der Frauen haben schon einmal Gewalt in der Partnerschaft erlebt. 43,3 % der Männer und 34,7 % der Frauen sind schon einmal von einem Partner misshandelt worden, d.h. sie waren einer Form von Gewalt ausgesetzt, die ein Verletzungsrisiko einschließt. [...]
Bei der partnerschaftlichen Gewalt besteht nicht nur, wie die Literaturanalysen ergeben haben, ein ausgewogenes Täter-Opfer-Verhältnis zwischen Männern und Frauen, sondern sogar ein leichter Frauenüberschuss auf der Täterseite: Mehr Frauen als Männer setzen Gewalt gegen ihren Partner ein - mehr Männer als Frauen haben schon Gewalt durch ihre Partnerin erlebt. [...]
Nicht nur partnerschaftlicher, sondern auch der elterlichen Gewalt sind mehr Jungen als Mädchen ausgesetzt. Auch hier stimmen die Ergebnisse der vorliegenden empirischen Untersuchung mit denen der Literatur - Analysen überein«.
[…]
Physische Gewalt, die unter Partnern in der Scheidungs- und Trennungsphase auftritt, hat Amendt in seiner sog. Väterstudie mit erhoben (die hier berichteten Zahlen sind ein Zwischenergebnis:
www.vaeterstudie.de/newsletter/newsletter_1.htm):
»Von bislang 700 anonym befragten Männern der zweiten Befragungswelle gaben 203 an, dass es kurz vor oder während ihrer Trennung zu Handgreiflichkeiten gekommen sei. Dazu zählten beispielsweise Schläge ins Gesicht, der Wurf einer Tasse, schmerzhafte Fußtritte wie auch Angriffe mit einem Messer und der Sturz von einer Treppe, den Exfrau und Schwiegermutter vereint herbeiführten. [...] In 18% Prozent der erhobenen Fälle gehen die Handgreiflichkeiten von Männern, in 60 Prozent von ihren Partnerinnen aus. In 22 Prozent der erhobenen Fälle gehen die Handgreiflichkeiten von beiden Partnern aus«.
Die Repräsentativität dieser Daten ist – so (auch) Amendt einschränkend gegeben, da die Befragten über ein sehr hohes Einkommens- und Bildungsniveau verfügten, das nicht dem Durchschnitt der Bevölkerung entspreche.
[aus dem Aufsatz »Ist häusliche Gewalt männlich?« von Helmut Wilde bei manndat.de]
zu dem Aufsatz »Männer und Opferinnen« von Reinhard Stölzel bei Männerbüro Trier
»Die Familie ist auch für Männer mit Abstand das Wichtigste im Leben - auch und gerade für die berufstätigen Väter.« (zur Tagesschau)

DOSen und PDFs

Es heißt ja immer: »Die wissen gar nicht, was Ihnen fehlt.« Nun, liebe Windows-Fans, hier ist was, das ist am Mac ganz selbstverständlich, braucht man noch nicht mal ein Zusatzprogramm:

bei STERN.de

noch Lust auf ’ne dumme Frage? auch bei STERN.de
Immer diese Benachteiligung von Frauen! Da gibt’s aber GöttinseiDank in Amerika schon Emanzipationsversuche: in den frühen Splittern

Dienstag, 2. September 2008

Neuer Mann, was nun?

Wie viele Traummann-Träume einer Frau hält ein Mann aus? Und wie ist er so, der Liebhaber, Partner und Vater der Zukunft? Fragen an den Männerforscher Peter Döge
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Von Britta Baas

Publik-Forum: Herr Döge, immer weniger Frauen bekommen Kinder, immer mehr sind unzufrieden mit der Balance zwischen Beruf und Familie. Sind die Männer schuld?

Peter Döge: Nein! Was für eine Frage! In der deutschen Geschlechterdebatte wird ja immer sofort mit Schuldzuschreibungen gearbeitet. Der Geschlechterforschung fehlt einfach der systemische Blick. Dieser Blick würde uns helfen zu erkennen: In einer Paarbeziehung antwortet das Verhalten des einen auf das Verhalten des anderen. Meine These: Dass das eine Paar Kinder bekommt, das andere nicht, hat mit den Wertmustern der Partner zu tun.

Publik-Forum: Heißt das: Kinder kriegen wollen Frauen nur mit einem Traummann? Und Männer nur mit einer Traumfrau?

Döge: So ungefähr. Das Problem der Männer ist dabei, dass viele Frauen Double-Binds schaffen. Ein hoher Prozentsatz sagt zum Beispiel, ein Mann in Elternzeit sei ihnen sympathisch. Aber in denselben Umfragen sagen dieselben Frauen, sie fänden einen solchen Mann nicht männlich. Ja, was wollen diese Frauen? Im Ergebnis heißt das doch: Männer können es nicht richtig machen. Ähnlich schwierig ist es für sie, Traumväter zu sein. Das Bild des Traumvaters scheint weitaus stärker sozial konstruiert zu sein als das der Mutter. Den Begriff »Traummutter« gibt es nicht – das sagt schon viel. Es sagt natürlich nicht, dass es keine traumhaften Mütter gibt! Es sagt aber, dass eine eindeutige Verbindung zwischen Frau und Kind existiert, Mutterschaft also biologisch klar erkennbar ist. Die Verbindung zwischen Mann und Kind dagegen muss seit Jahrtausenden sozial hergestellt werden. Dass jemand sich als Vater fühlt, bedeutet für ihn, sich mit Kopf und Herz zu entscheiden, diese Rolle anzunehmen.

Publik-Forum: Herr Doge, wir leben im 21. Jahrhundert. Da können Männer wissen, ob sie der Vater eines Kindes sind oder nicht.

Döge: Das sagen Sie! Aber es wird immer Männer geben, die sich zweifelsfrei als Vater von Kindern wähnen, deren biologischer Vater sie gar nicht sind.

Publik-Forum: Okay, streiten wir nicht darüber, wann Väter »richtige« Väter sind. Sagen Sie mir lieber: Wie viele Traummann-Träume einer Frau hält ein Mann aus?

Döge: Die Leidensfähigkeit der Männer ist unterschiedlich stark ausgeprägt. Aber wenn viele – einander teils widersprechende Erwartungen auf sie einströmen, reagieren Männer häufig mit Verweigerung, Das ist menschlich. Denn wie soll ein Mann zum Beispiel einerseits viel Zeit für seine Kinder haben, andererseits der Haupternährer der Familie sein? Dreißig Prozent der Männer in Deutschland sind bis zum 46. Lebensjahr kinderlos. Das ist mit Sicherheit auch eine Reaktion auf komplexe Erwartungshaltungen von Frauen.

Publik-Forum: Ja, warum wollen Männer denn immer die Familienernährer sein? Können sie das nicht mal den Frauen überlassen?

Döge: Auch da zeigen die Umfragen leider ein anderes Bild, als Sie es sich als Feministin wünschen: Frauen sagen zum Beispiel häufiger als ihr Partner selbst: »Mein Mann konnte seine Berufstätigkeit nicht der Kinder wegen unterbrechen, weil er sonst Karriere-Nachteile gehabt hätte.« Und Frauen geben auch zu erkennen, daß sie sich oft selbst gar nicht in die Rolle der Haupternähererin einer Familie hineinträumen.

Publik-Forum: Mit anderen Worten: Nicht die Männer, sondern die Frauen sind daran schuld, dass sich keine neue Balance zwischen den Geschlechtern einstellt? Und sie sind auch selbst schuld, wenn sie nicht herauskommen aus den eigenen vier Wänden?

Döge: Da sind wir also wieder bei der eingangs kritisierten Schuld. Nein, diese Schlussfolgerung geben die Studien nicht her. Denn es gibt bislang zu wenige Untersuchungen über Paar-Dynamiken. Also darüber, in welcher Weise genau das Verhalten eines Partners das Verhalten des anderen beeinflusst. Dass es das tut, dafür gibt es viele Indizien. Aber ebenso muss der harte Alltag im Blick bleiben. Der führt oft dazu, dass Frauen und Männer gar keine große Wahl haben, wie sie sich nun als Paar die Sorge um die Kinder, die Hausarbeit und das Erwerbsleben aufteilen. Oft müssen beide Partner Geld verdienen, damit es zum Leben reicht. Und ansonsten ändert sich nur etwas in Sachen Beteiligung der Männer an der Haus- und Familienarbeit, wenn die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Männer haben zum Beispiel signalisiert: Wenn die Elternzeit besser finanziert wird als bisher, gehen wir auch in Elternzeit. Und das tun sie jetzt. Von den Vätern, die Elternzeit nehmen, wählen 60 Prozent zwei Monate und 25 Prozent mittlerweile zwölf Monate.

Publik-Forum: Wie sieht denn die Traumfrau des neuen Mannes aus? Also die Partnerin, mit der ein Mann eine echte Balance in der Beziehung leben will?

Döge: Die jüngste Männer-Studie – »Männer im Aufbruch« –, die unter anderem von der Männerarbeit der EKD und der katholischen Kirche unterstützt wurde, hat gezeigt, dass die sogenannten neuen Männer an Frauen eine Mischung aus Intellektualität und Feenhaftigkeit faszinierend finden. [Die Studie ist aus dem Jahr 1998. Eine Zusammfassung kann bei der Universität Wien heruntergeladen werden.] Oh sich das mittlerweile verändert hat, werden wir im November wissen, wenn die Nachfolgestudie veröffentlicht wird.

Publik-Forum: Frauen sollen intellektuelle Feen sein, Männer gute Väter, Familienernährer und Statussymbole der Frauen. Das hört sich ziemlich archaisch an. Können wir vierzig Jahre Feminismus und zwanzig Jahre Genderforschung vergessen?

Döge: Nein, Feminismus und Genderforschung haben uns weitergebracht. Allerdings kritisiere ich einen Feminismus, der jegliche biologischen Gegebenheiten leugnet und alles, was Frauen und Männer ausmacht, als ausschließlich kulturell geprägt definiert. Frauen und Männer sind biologische und kulturelle Wesen! Ob es jemals eine absolute Sicherheit darüber geben wird, in welchem Mischungsverhältnis das gilt, wage ich zu bezweifeln. Aber an den Wunschvorstellungen und den – diesen Vorstellungen teilweise widersprechenden Verhaltensweisen von Frauen und Männern lässt sich ablesen, dass die Bildet die sich die Geschlechter voneinander machen, nicht nur Kopfgeburten sind, sondern mit Emotionen zu tun haben.

Publik-Forum: Und wie muss dann eine politische Konzeption aussehen, die den Menschen das Leben leichter macht?

Döge: Die politischen Rahmenbedingungen müssen Offenheit gewährleisten, was die Möglichkeiten der Lebensgestaltung betrifft. Mein Credo lautet: So viel Freiheit wie irgend möglich für individuelle Konzepte. Was ich sehe, ist aber, dass die Geschlechter- und Familienpolitik neue Normative aufbaut. Nämlich zum Beispiel die Norm, dass Frauen nach einer Geburt möglichst schnell wieder erwerbstätig sein sollen. Da frage ich kapitalismuskritisch: Ist es wirklich sinnvoll, die Familienpolitik darauf auszurichten, die Arbeitskraft von Menschen so schnell wie möglich wieder auf dem Markt ausbeuten zu können?

Publik-Forum: Das klingt ungemein innovativ. Aber mittelbar bedienen Sie damit die Protagonisten alter Muster. Denn irgendwer muss das Geld ranschaffen für die Familie. Das macht dann also weiter der Mann, weil die Frau daheim die Kinder nährt und hütet?

Döge: Nein, darauf muss es nicht hinauslaufen. Wenn ich sage: Ich will neue Freiheiten für Männer und Frauen, dann ist damit auch gemeint, Männern mehr Freiheit für die Familie zu geben. Es muss ja nicht die Frau sein, die allein in der Haus- und Familienarbeit tätig ist, während der Mann Karriere macht. Ach ja, Karriere! Das ist ja auch noch so ein Thema …

Publik-Forum: Wieso?

Döge: Weil ein Klischee besagt, Frauen säßen daheim, während Männer Karriere machten. Aber die meisten Männer machen keine Karriere. Sie verdienen Geld, und manchmal macht ihnen das nicht mal Spaß. Karrieren werden nicht primär entlang der Geschlechtergrenze gemacht, sondern von großbürgerlichen Eliten, die ihre Netzwerke so eng stricken, dass von außen nur selten jemand hineinkommt. Das belegen unter anderem die Studien des Soziologen Michael Hartmann. Mit anderen Worten: Wir sollten Acht geben, dass wir uns nicht an der falschen Front verkämpfen und Frauen und Männer als Gegenspieler deuten. Die Milieuzugehörigkeit spielt für Werdegänge von Menschen eine größere Rolle als ihr Geschlecht.

Publik-Forum: Welche Väter werden wir in Zukunft haben? Welche Mütter?

Döge: Welche Chancen Frauen und Männer in Zukunft haben werden, hängt stark von sozialen und von ökonomisch-technischen Entwicklungen ab. Hätten Sie diese Frage vor hundert Jahren gestellt, hätte ich Ihnen nicht sagen können, dass die Menschen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Lage sein würden, Sexualität und Fortpflanzung sicher zu trennen. Das ist ja eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass sich unsere Gesellschaft so entwickelt hat, wie wir sie jetzt vorfinden. Ich kann also nur Vermutungen anstellen, Es ist wahrscheinlich, dass die Entwicklung der westlichen Industriestaaten es immer besser ermöglicht, dass Frauen und Männer offen miteinander aushandeln, wie sie leben wollen. Kinderlernen heute jedenfalls schon, dass es normal ist, dass Frauen und Männer erwerbstätig sind. Und sie lernen, dass Frauen und Männer Hausarbeit machen und sich um Kinder kümmern. Diese Entwicklung wird sich nicht mehr zurückschrauben lassen. •

Peter Döge
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geboren 1961, ist promovierter Politikwissenschaftler und Mitbegründer des Instituts für Innovations- und Zukunftsforschung in Berlin. Dort hat er unter anderem die Zeitverwendung von Männern analysiert (Männer – Paschas und Nestflüchter? Budrich 2006).


aus Publik-Forum 12•2008





Im Buch von Friedrich Hacker über Aggression habe ich den Satz gefunden: »Gewalt ist das Problem, als dessen Lösung sie sich ausgibt.«


Wenn man sich die Fragen in diesem Interview genau ansieht, wird man zu einem ähnlichen Schluß kommen: Die Männer müssen was anders machen, dann haben die Frauen mehr Raum, und alles wird gut. Zur Traumfrau des Mannes: Er will also eine echte Balance in der Beziehung leben … weitere Gedanken überlasse ich dem LeserIn…

Ein paar Links zu den Arbeiten des erwähnten Soziologen Michael Hartmann:
- beim Manager-Magazin
- bei der FAZ
- beim Stern
- bei ZEIT Online

Montag, 1. September 2008

Münznamen

Groschen

Wegen der gestiegenen Bedürfnisse des Handels reichte der überall gebräuchliche Silberpfennig (Denar) im 13. Jahrhundert als Münznominal einfach nicht mehr aus – größere Silbermünzen mussten her. Das war die Geburtsstunde des Groschens, der als erste Vielfachmünze des Pfennigs geprägt und in Europa verbreitet wurde. Die ersten Groschen wurden um 1200 in den oberitalienischen Handelsstädten unter dem Namen „Grosso“ geprägt, danach in Frankreich als „Gros tournois“. Der Münzname leitet sich von der lateinischen Bezeichnung „denarius grossus“ (dicker Pfennig/Denar) ab. Der in der böhmischen Kanzleisprache übliche Ausdruck „grosch(i)“ führte schließlich zum deutschen „Groschen“. Weitverbreitet waren vor allem die Prager (seit 1300) und Meißner (seit 1338) Groschen, die unter König Wenzel II. (1278-1305) und Markgraf Friedrich II. von Meißen (1323-1349) geprägt wurden. Als Währung blieb der Groschen bis ins 21. Jahrhundert erhalten: In Österreich galt bis zur Einführung des Euro im Jahr 2002: 100 Groschen = 1 Schilling. Auch hierzulande war der Groschen bis dahin ein Begriff: Mit ihm wurde umgangssprachlich das 10-Pfennig-Stück bezeichnet.


Gulden

Als die Kreuzzüge (1096-1291) und der Handelsverkehr mit dem Orient einst haufenweise Gold nach Italien schwemmten, wurden aus dem Edelmetall auch Münzen geprägt. Im Jahr 1252 führte die Handelsstadt Florenz den sogenannten Floren (Gulden) ein. Er wurde ab dem 14. Jahrhundert zum Vorbild der Gulden nördlich der Alpen und entwickelte sich zur bedeutendsten Goldmünze des Mittelalters. Der Münzname bildete sich aus dem lateinischen Ausdruck „aureus denarius“ (althochdt. „guldin phenninc“ = goldener Pfennig, goldene Münze). Ende des 15. Jahrhunderts entstand als Äquivalent für den goldenen Gulden der silberne Gulden oder Taler. Daher nannte man fortan den bisherigen Gulden einfach Goldgulden. Eine besondere Bedeutung erlangte vor allem der Rheinische Gulden aus Gold, der im 14./15. Jahrhundert gar die Leitmünze in Westeuropa war. Erst mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 verschwand hierzulande die Münzbezeichnung Gulden sowohl für Gold- als auch für Silbermünzen. In den Niederlanden hingegen blieb der Gulden bis zur Einführung des Euro 2002 Währungseinheit (1 Gulden = 100 Cent). Auch die Währung Polens, der Zloty („der Goldene“), geht auf den Gulden zurück.


Heller

Die Heimat des Hellers (auch: Häller, Haller) liegt in der baden-württembergischen Stadt Schwäbisch-Hall. Hier wurden die dünnen Pfennigmünzen aus Silber erstmals unter Friedrich I. Barbarossa (1155-1190) geprägt. Der Münzname leitet sich von der damaligen Reichsstadt „Hall“ ab; „hal“ bedeutete im Mittelhochdeutschen Salzquelle oder Salzwerk, und in der Tat war die Haupterwerbsquelle von Hall früher die Saline, eine Anlage zur Gewinnung von Salz. Der Heller verbreitete sich vor allem im südwestdeutschen Raum. Ab dem Ende des 16. Jahrhunderts wurde er zudem als eine der ersten deutschen Kupfermünzen geprägt. Diese wurden zuletzt 1866 in Hessen herausgegeben. In Österreich war der Heller von 1892 bis 1918 Nominal der Währung, in Deutsch-Ostafrika von 1904 bis 1916. Bis heute ist er übersetzt in den kleinen Münzeinheiten der Währungen Ungarns (Filler), Tschechiens (Haleru) und der Slowakei (Halierov) enthalten.

aus prägefrisch.de
mehr bei www.muenzen-lexikon.de

Gestern abend kam »Auf der Jagd nach dem Schatz der Nibelungen«, eine Kraut-Version von Indiana Jones. Karl der Große, nach dreihundert Jahren der erste, der wieder den Titel »römischer Kaiser« trug (gut zu merken: Kaiserkrönung an Heiligabend 800) soll (so der Film) den Schatz gefunden haben, ist ja auch egal. Was mir neu war, daß Karl der Große mit neun Haupt- und Nebenfrauen sowie vielen Geliebten über 30 Kinder hatte.
Was auch bemerkenswert ist: Die damaligen Herrscher hatten keinen festen Regierungssitz und zogen umher. Karl ließ etwa 30 Pfalzen (also zeitweilige Regierungssitze) bauen.

Und Münzen, was ist mit Münzen?

Karl der Große (747-814) reformierte das ehedem gänzlich uneinheitliche Geldwesen (obwohl damals hauptsächlich noch Tauschhandel getrieben wurde). Die Goldbindung des Geldes wurde aufgegeben, der Silberdenar als reichsweit geltende verbindliche Währung eingeführt (und blieb es auch für zwei Jahrhunderte). Ein Solidus bzw. Schilling waren 12 Denar; ein Pfund (libra), dessen Gewicht gegenüber dem antiken Maß erhöht wurde, entsprach 20 Solidi.

Wem das zu trocken ist: Sarah Palin wird Großmutter, Enkelin Bristol ist minderjährig, unverheiratet und schwanger! (Gott geht’s uns gut!)