Freitag, 21. Dezember 2012

Adventsrätsel (das Einundzwanzigste von vierundzwanzig)

Man schlüpft in ein Loch,
kommt aus dreien heraus;
und ist man heraus,
so ist man erst drin.
Auflösung zu Nr. 20


Auflösung zu Nr. 20 aus 2013:
78 mal (12+1+2+3+4+5+6+7+8+9+10+11)

Kritikpunkt 1 zur Lösung des Adventsrätsels 20 aus 2013:
Es heißt: »…hat zwölf geschlagen.«
Dann dürfen diese zwölf Schläge nicht mitgezählt werden, weil sie schon vergangen sind.
Die Frage »wie häufig bis um elfe?« impliziert die Zeitangabe »ab jetzt«
und nicht die Zeitangabe »ab vor einer Minute«!

Kritikpunkt 2:
Es heißt: »wie häufig bis um elfe…?«
Unter Berücksichtigung von Kritikpunkt 1 hat die Uhr um eine Minute vor 11
55mal geschlagen (1+2+3+4+5+6+7+8+9+10)
Das Zusammenzählen geht so übrigens einfacher:
10+(1+9)+(2+8)+(3+7)+(4+6)+5
(siehe: »der kleine Gauß«)
Wenn wir davon ausgehen, daß um Punkt 11 die Uhr mit dem ersten der elf Schläge beginnt,
finden zehn dieser Schläge nach 11 Uhr statt.
Meine Lösung lautet daher: 55+1=56

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Heute vor 201 Jahren – 20. Dezember 1812: Der erste Band von Grimms Märchen erscheint.

Es waren einmal zwei Brüder 

 »In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien.« Mit diesen Worten beginnt »Der Froschkönig«, das erste der 86 Märchen, die heute vor 200 Jahren, am 20. Dezember 1812, unter dem Titel »Kinder- und Hausmärchen« von den Brüdern Grimm dem Leser vorgelegt wurden. Die später durch einen zweiten Teil erweiterte Sammlung wurde zu einem großen Erfolg. Märchen wie »Schneewittchen«, »Hänsel und Gretel« oder »Rotkäppchen« gehören seit Generationen zu den Geschichten, die wohl jedes Kind kennt. 


Titelillustration der Kinder- und Hausmürchen, Ausgabe um 1905

Weitere Märchen des 1. Bandes
 Frau Holle 
 König Drosselbart
 Rumpelstilzchen 
 Hans im Glück 
 Die sieben Raben  

 Die beiden Sprachwissenschaftler Jacob und Wilhelm Grimm betonten im Vorwort, bei den Märchen handele es sich um »echt hessische Märchen«, die im Wesentlichen mündlich überliefert seien und ihren Ursprung in nordischen und deutschen Mythen hätten. Wie die Forschung mittlerweile weiß, war dem nicht so: Einige Märchen kommen aus anderen Ländern, manche stammen wohl aus der Feder der Grimms selbst. 
 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012 

Siehe auch den Artikel »Göttinger Sieben« bei Wikipedia

Adventsrätsel (das Zwanzigste von vierundzwanzig)

Bald ist es lang, bald ist es kurz,
doch sei nicht bang, es ist immer einen Fuß lang.
Auflösung zu Nr. 19

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Von der Kunst des Liebens

Die Erscheinung der Künstlerfamilie, 1935-47


Du hast mir die Hände gefüllt 

Ich bin Dein Sohn 
der mühsam auf Erden geht 
Du hast mir die Hände gefüllt 
mit Farben, mit Pinseln 
ich weiß nicht, wie ich Dich malen soll. 

Muss ich die Erde malen, den Himmel, mein Herz? 
Die Städte in Flammen, die Menschen, die fliehen? 
Meine Augen voll Tränen? 
Wohin muss ich fliehen, zu wem gehen? 
Der, der das Leben gibt 
Der, der den Tod schickt 
vielleicht wird er zulassen 
dass sein Licht durch mein Bild dringt. 

Marc Chagall


Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie wir sind. Zur sichtbaren Seite der Welt gehört wesentlich auch die verborgene Wirklichkeit der Beziehungen – zwischen mir und dem, was mir an Begabungen und Talenten mitgegeben ist ins Leben, zwischen Männern und Frauen, Vätern, Söhnen, Müttern, Töchtern, Eltern und ihren Kindern, Enkeln und ihren Großeltern, Menschen und allem, was lebt, Gott und seiner Welt. Ganz, ein anderes Wort für heil, wird mein Bild vom Leben und dieser Welt erst dann, wenn es auch diese unsichtbare, aber höchst wirksame Seite meines Lebens widerspiegelt. Leuchtend und farbenfroh wird es dann, wenn es durchscheinend und transparent wird für das Licht des Lebens, das aus dem Geheimnis Gottes strömt. Dem verleiht Chagall mit seiner Erscheinung der Künstlerfamilie aus dem Jahr 1947 bleibenden und gültigen Ausdruck. Chagall schöpfte seine Kunst aus dem Kraftfeld von lebendigen, intensiven und liebevollen Beziehungen. Für mich liegt die Anregung darin, den Advent auch als die Zeit zu begreifen, in der ich meine Beziehungen in diesem umfassenden Sinne pflege und intensiviere. Es ist die Zeit, die Kunst der Liebe neu zu lernen, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit zu entwickeln und voller Liebe auf den Reichtum zu blicken, der mir mit dem Leben geschenkt ist. Dann dringt sein Licht auch durch mein Bild.




Adventsrätsel (das Neunzehnte von vierundzwanzig)

Ich bin am wärmsten, wenn es am kältesten ist,
am kältesten, wenn es am wärmsten ist,
am dunkelsten, wenn es am hellsten ist.
Auflösung zu Nr. 18

Auflösung zu Nr. 18 von 2013:
35137 auf dem Taschenrechner kopfüber gelesen

Dienstag, 18. Dezember 2012

Von der Macht einer kleinen Melodie




Der Geiger (1911)
Vor langer Zeit zerbrach einmal die große Musik des Lebens in ein unruhiges Durcheinander einzelner und vereinzelter Töne. 
„Ich”, drang es plötzlich durch die aufgelösten Reihen. Ein sattes A war aufgestanden, und obwohl es gewohnt war, den Ton anzugeben, beklagte es sich: „Ich möchte endlich unabhängig sein. Wenn mein Leben von einer dieser Notenlinien, den anderen Tönen und dem Gutdünken der Musiker abhängt, möchte ich lieber gar nicht erst existieren. Ich jedenfalls möchte nicht in der Masse der Töne untergehen.” 
Das blaue Konzert (1945)
Viele Noten wurden von der Sehnsucht des Kammertons angesteckt. Und so geschah es, dass bald alle Töne eifrigst damit beschäftigt waren, sich selbst zu verwirklichen. Die bisherigen Ordnungen des Zusammenlebens waren aufgelöst, die Notenlinien wurden verworfen, keiner hörte mehr auf den anderen, und die vollständige Unabhängigkeit war bald erreicht. Aber es erklang auch keine Musik mehr. Man vernahm nur noch ein schaurig-schräges Durcheinander einzelner Klänge, die sich gegenseitig zu übertönen versuchten und sich offenbar einbildeten, alleine eine Melodie zu sein. Das aber vergrößerte nur noch die Vereinzelung, und eine gefährliche Krankheit breitete sich aus: die Einsamkeit. 
Einsamkeit (1933)
In ihrer Not wandten sich einige Töne an eine freundliche Musikerin, die alles mit großer Besorgnis beobachtet hatte. Sie schmerzte, was sie hörte, nicht nur in den Ohren, sondern auch im Herzen. 
„Ihr habt den Sinn füreinander verloren”, erklärte sie den Tönen. „Wenn ihr nur für euch selber lebt, dann ist dies das Ende eures Lebens, und wenn ihr nicht mehr aufeinander hört, ist dies das Ende der Musik. Jeder Ton ist in seiner Eigenart wichtig. Aber würde ein Musiker jeden Ton nur einzeln spielen, so gäbe es keine Melodie, sondern nur eine lose Aneinanderreihung einzelner Klänge. Das Geheimnis einer Melodie liegt im rechten Zusammenspiel. Das ist eine arme Melodie, die nur aus einzelnen Noten und ihrem je eigenen Klang besteht. Das ist ein armes Leben, das nur das eigene Ich zum Inhalt hat. 
Jakobs Traum (1960-66)
Wenn eine Melodie erklingen soll, ist nicht allein das Eigenleben vereinzelter Töne wesentlich, sondern zugleich die Hingabe und Hinführung der einzelnen auf die näch-sten Noten. Denn kein Ton entfaltet seinen vollen Klang allein aus eigener Kraft. Nur wenn einer den anderen unterstützt und durch andere unterstützt wird, erklingt Musik. Ihr werdet wesentlich durch andere Töne selbst zum Ton. Deshalb ist es so wichtig, dass ihr aufmerksam füreinander seid und nicht verlernt, aufeinander zu hören.” 
Dem Rat der Frau vertrauend, versuchten die wenigen Töne, eine neue Form des Zusammenlebens zu begründen. Immer einige, die besonders schön miteinander klangen, wohnten zusammen mitten unter den anderen. Sie versuchten aber, nicht lauthals den Ton anzugehen, sondern spitzten die Ohren füreinander und begannen, ganz sacht ihr neues Lied zu singen. Langsam, aber stetig wuchs ihre kleine Melodie, die immer vielstimmiger und klangvoller wurde, bis schließlich eine große Symphonie erscholl. Seit diesen Tagen wohnt der Musik eine tiefe, verwandelnde Kraft inne. Und wenn man ganz still wird und genau hinhört, kann man diese Kraft noch heute spüren.

Adventsrätsel (das Achtzehnte von vierundzwanzig)

Bald ist es aus Eisen, bald aus Stein,
bald stattlich groß, bald winzig klein.
Auflösung zu Nr. 17

Auflösung zu Nr. 17 aus 2013:
Eine Dame im Staats-dienst
wirft mit einem Lichtbildprojektor
bewegte Bilder an die Wand

Montag, 17. Dezember 2012

Der Politjunkie und die Stille


Ulrich Kasparick gehörte zur Bundesregierung. Er war süchtig nach Politik. Dann begann er zu meditieren – und ein neues Leben in der Uckermark 
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Von Eva Baumann-Lerch

Ulrich Kasparick kommt auf weißen Schafwollschuhen die Treppe hinunter. Ein schmaler, jungenhafter Mann mit offenem Blick und festem Händedruck. Er trägt Jeans und einen grauen Pullover, der sein Lieblingsstück sein muss, weil er schon Tausende von Umdrehungen in der Waschmaschine hinter sich hat und an Ärmeln und Schultern mit Leder verstärkt ist. »Grüner Tee?«, fragt Kasparick. 
   Während er in der Küche verschwindet lässt er ein wenig Ratlosigkeit zurück. Merkwürdig, sich diesen Mann als den Spitzenpolitiker vorzustellen, der er bis vor drei Jahren gewesen ist. Wie er im Ministerium auf dem Chefsessel sitzt in Anzug, Krawatte und mit glänzend geputzten Schuhen. Wie er zu seiner Dienstlimousine eilt den Aktenkoffer hineinwirft und den Chauffeur zum Kanzleramt dirigiert. »Morgens um sieben stand der Fahrer vor der Tür«, erzählt der 55-Jährige von seiner Zeit als Parlamentarischer Staatssekretär. »Da war der schon im Ministerium gewesen und hatte sich meine Termine für den ganzen Tag ausdrucken lassen. Dann fragte ich: Wo müssen wir heute hin?« 
   Ulrich Kasparick ist zwanzig Jahre lang in der SPD Berufspolitiker gewesen. Während der rot-grünen Bundesregierung arbeitete er als Parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Forschung und Bildung. In der Großen Koalition unter Angela Merkel war er ebenfalls Staatssekretär, diesmal im Bundesministerium für Verkehr: Bau und Stadtentwicklung. »Pro Tag hatte ich dann meist ein Dutzend Termine zu absolvieren«, erinnert er sich. »Und wenn ich spät am Abend nach Hause kam, konnte ich mich manchmal nicht mehr erinnern, wo ich am Morgen gewesen war.« Er setzt sich in den Rattansessel. trinkt einen Schluck von dem grünen Tee und sagt: »Ich war völlig getrieben und fremdbestimmt.« 
Ein Mann, zwei Leben: Ulrich Kasparick als
Parlamentarischer Staatssekretär (kleines Bild)
und heute
   Kasparick gehörte zu den jungen evangelischen Theologen aus Ostdeutschland, die mit Kerzen, Protesten und Montagsgebeten den Fall der Mauer bewirkten und dann wie zwangsläufig in die Politik gespült wurden. Als ehemaliger Jugendpfarrer von Jena baute er nach der Wende die Friedrich-Ebert-Stiftung in den neuen Ländern auf. 1998 gewann er als Direktkandidat der SPD den Wahlkreis Magdeburg, wurde forschungspolitischer Sprecher seiner Fraktion und stieg schließlich zum Staatssekretär auf. Er kämpfte für die Ansiedlung von Forschungsinstituten in Ostdeutschland, »kannte jedes Labor persönlich«, arbeitete am Programm für Elektromobile und der Exzellenzinitiative mit und engagierte sich auf internationalem Parkett für eine klimaverträglichere Entwicklung der Megastädte. Wegen des Bundeswehreinsatzes auf dem Balkan legte er sich mit Kanzler Gerhard Schröder an – und hielt in aufgeheizter Stimmung im Osten den Kopf für die umstrittenen Sozialreformen seiner Regierung hin. Doch trotz Einflusses und Ansehens, sagt er, »hatte ich oft das Gefühl, das Leben zerrinne mir zwischen den Fingern wie Sand«. 
   Jetzt wenn Kasparick redet fällt es plötzlich leichter, den Politiker in ihm zu erkennen. Eine kleine Frage genügt um eine Fülle von Sätzen aus ihm herauszuspülen, seine Denk- und Sprechmaschine in Gang zu setzen, die unermüdlich Gedanken und Analysen auswirft. Er springt aus dem Sessel, läuft über die geschliffenen Holzdielen, steht am Fenster und redet stier in die blaue Herbstluft hinein. Dann hält er unvermittelt inne, als habe er sich selbst in einer alten Rolle ertappt setzt sich wieder hin und fragt: »Was will ich Ihnen eigentlich sagen mit meinen vielen Worten?« 
   Er will sagen, warum er ausgestiegen ist. 
   Er will erzählen, wie die Politik ihn süchtig gemacht hat. Wie die Mechanismen der Macht die Funktionäre verändern und ihnen die Ruhe rauben, die sie für ihre Entscheidungen doch dringend nötig hätten. »Die Welt der Berliner Politik ist eine sehr vorläufige Welt voller sinnfreier Rituale«, meint Kasparick. In den politischen Strukturen dort gehe es weniger um eine sinnvolle und nachhaltige Gestaltung der Gesellschaft als um Machterhalt und mediale Wirkung. »Das fängt schon damit an, dass jeder Vorschlag der Opposition unbesehen abgeschmettert wird – ob er nun gut ist oder nicht.« Unter dem wachsenden Druck der schnellen Medien müssten Politiker ständig Positionen verfechten, die nicht ernsthaft durchdacht seien. Zeit zum Abwägen, Überschlafen, Nachdenken und Ausdiskutieren gebe es nicht. Selbst die Ministerien innerhalb einer Bundesregierung konkurrierten tagein, tagaus um die Wahrnehmung in den Medien. »Solange Tempo, übereilte Entscheidungen und Misstrauen angesichts neuer Kommunikationsmöglichkeiten wachsen, wächst auch die Skepsis, ob die Politik wirklich noch angemessen auf die Herausforderungen reagieren kann, vor denen sie steht.« So steht es in dem Buch, das er noch während des Abschieds aus der Politik geschrieben hat: »Notbremse. Ein Politjunkie entdeckt die Stille«. 
   
Irgendwann hat er gespürt dass er nicht mehr zuhören konnte, dass er anderen ins Wort fiel. Seine Freundschaften verkümmerten. Seine Ehe zerbrach kurz vor der Silberhochzeit. Kasparick bekam Nierenkrebs, dann einen Schlaganfall. Im Krankenhaus kam er zur Ruhe und begann, über dieses Leben nachzudenken. »Die Krankheiten haben mir geholfen, meine Spur wiederzufinden«, sagt er heute. Der Staatssekretär nahm ein Sabbatjahr, machte eine Ausbildung zum Körpertherapeuten, übte sich in Zen-Meditation und machte sie zu seiner täglichen Praxis. Bei der Bundestagswahl 2009 ließ er sich nicht mehr aufstellen. Seit einem Jahr arbeitet Ulrich Kasparick als Landpfarrer in der Uckermark. 
   »Wenn man in die Stille geht kann man seine Sinne wieder schärfen und empfindsam werden«, hat er geschrieben: »Der Weg dahin ist nicht einfach. Man muss dem Kranken zunächst die Droge entziehen: keine Geräusche menschlicher Aktivität mehr, kein Handy; kein Laptop, kein Radio, kein TV - nur noch Stille. Denn dann erst können die Sinne wieder allmählich schärfer werden für das, was wirklich ist.« 

»Man muss dem Kranken die Droge entziehen: keine Geräusche menschlicher Aktivität mehr, kein Handy, kein Laptop, kein Radio, kein TV - nur noch Stille«


   In der kargen, dünn besiedelten Uckermark erlebt er das jetzt täglich. »Herr Pastor«, haben die Leute gesagt als er hier ankam, »hier kannste, dem lieben Gott unter'n Rock gucken!« Und dann sah er es selbst: »Das Licht ist unglaublich, der Sternenhimmel eine Wucht!« Wenn er das erzählt liegt ein Staunen auf seinem Gesicht. Auch das Hören, sagt er, hat sich hier verändert: »Buchen rauschen anders als Linden, Linden anders als Birken. Und im Sommer hörst du sie alle: die Baumfrösche, den Hirsch, die Nachtigall.« Er lebt allein im Pfarrhaus von Hetzdorf. seine zweite Frau, Familientherapeutin, ist in Berlin geblieben. Bei ihr verbringt er den freien Montag. 
   Seit er regelmäßig meditiert, hat sich auch seine Spiritualität verändert. »Als Sohn eines evangelischen Pfarrers in der DDR war meine Religion vorher sehr argumentativ«, berichtet er. »Wir haben viel diskutiert.« Ausgerechnet in Afghanistan eröffnete sich ein neuer Zugang, als er mit dem Menschenrechtler Rupert Neudeck eine Schule besuchte, die auch der muslimische Mystiker Rumi besucht hat: »Rumi hat mich fasziniert. Durch ihn bekam ich eine Ahnung, was wir in unserer eigenen Religion unter der Asche haben.« 
   Kasparick suchte nach den Mystikern des Christentums, er fand Teresa von Avila, Meister Eckhardt und Johannes vom Kreuz. »Anbetung«, sagt Kasparick jetzt ganz leise. Das Abendland habe diese Basis längst verloren. »Der Westen steht dem Phänomen des Religiösen völlig ratlos gegenüber. Seine Spiritualität ist geprägt vom Wechselkurs des Dollars und der Rohstoffmärkte.« 
   Und die Droge Politik? Ist er jetzt clean? »Nein«, sagt er vernehmlich, »ein Junkie bleibt immer ein Junkie.« Sein Ausstieg sei auch keine Flucht vor der Wirklichkeit. »Im Gegenteil! Das Ankommen in der Gegenwart das in der Meditation geübt wird, heißt ja auch Ankommen in der politischen Gegenwart!« Im Zuge der Affäre um den früheren Berliner Senator Thilo Sarrazin ist er aus der SPD ausgetreten, fühlt sich ihnen aber weiter verbunden, den Genossen, die er »meine Spezialdemokraten« nennt. In den letzten Jahren arbeitet er verstärkt bei Opportunity international mit einer Organisation, die Mikrokredite zur Existenzgründung für Arme vergibt. 
   Gerade im Sinne einer besseren Politik, meint Kasparick, wäre es sinnvoll, wenn die Politiker regelmäßig dem Getriebe entkommen und die Stille suchen würden. »Wären zum Beispiel die Verhandlungsergebnisse zum Kyoto-Folgeprotokoll in Kopenhagen besser, wenn die Vermittler regelmäßig Zazen trainierten?«, fragt er. Und antwortet: »Ja. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass politische Entscheidungen besser durchdacht dauerhafter und vielleicht auch richtiger und mutiger wären.« Politiker, die vor einer wichtigen Entscheidung ins Kloster gingen oder wie Dag Hammarskjöld durch Lappland wanderten, könnten besser zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden. »Sie würden der medialen Resonanz nicht in dem Maße nachlaufen, wie es heute der Fall ist.« Aber, sagt er resignierend, »so ist der politische Alltag nicht.« In solch einer Stimmung geht er jetzt oft nach draußen, greift sich einen Spaten und wühlt in der uckermärkischen Erde. 
    
   aus Publik-Forum Nr. 23 ● 2012

Adventsrätsel (das Siebzehnte von vierundzwanzig)

Als Pflanze wird’s die Schwester eng umgeben,
als Werkzeug kann es große Lasten heben.
Auflösung zu Nr. 16

Vor 100 Jahren – 1880-1914: Die Belle Époque in Paris

Die ganze Welt scheint zu flanieren 

 Von etwa 1880 bis 1914 bot Paris ein ganz besonderes Panorama urbaner Kultur, voller Lebensfreude und Beschwingtheit. Alles schien leicht und schön zu sein: Auf den Boulevards flanierten die Menschen im neuesten Putz der Modeschöpfer, man traf sich in Cafés, Theatern und auf privaten Soireen. Künstlerplakate warben für die Cabarets am Montmartre und auf den Champs-Elysees, der eben fertiggestellte Eiffelturm und die Weltausstellungen von 1889 und 1900 verhießen eine glanzvolle Zukunft, in der die Errungenschaften der Technik allen Menschen ein angenehmes Leben ermöglichen würden. Das Paris jener Jahre war die Hauptstadt der Eleganz, deren Urbanität, von Malern und Grafikern ins Bild gesetzt, weltweit zum Maßstab wurde. 


»Une soirée« in Paris, Gemälde von Jean Béraud
 Der Begriff der »Belle Epoque« für diese Jahrzehnte bürgerlicher Lebenskunst ist eine nachträgliche Schöpfung. Das folgende Jahrhundert mit seinen verheerenden Kriegen, die den Menschen auf grausame Weise eine ganz andere Seite des technischen Fortschritts vor Augen führten, ließ die Unbekümmertheit und den Glanz der »schönen Epoche« umso leuchtender strahlen. 

 Was am 17. Dezember noch geschah: 
 1963: Die BRD und die DDR schließen das erste Passierscheinabkommen, das Westberlinern den Besuch von Verwandten im Ostteil der Stadt ermöglicht. 
 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012 

Sonntag, 16. Dezember 2012

Schmutzige Schokolade



Ben Lapps



auf youtube gibt’s noch mehr Videos

Die Kristallhöhle von Naica

Die Kristalle in der Höhle von Naica/Mexiko sind bis zu 14 Meter lang und bestehen aus Selenit, einer Gips-Variante.



Links zu weiteren Videos

Die Apokalypse kommt im Advent

… zumindest auf dem Science-Blog von Florian Freistetter

Adventsrätsel (das Sechzehnte von vierundzwanzig)

Es ist ein Fluss im deutschen Land;
auch hat’s der Kutscher in der Hand.
Auflösung zu Nr. 15

Vor 68 Jahren – 16. Dezember 1944: Ardennenoffensive der Wehrmacht beginnt

Operation Herbstnebel 

 Als der alliierte Vormarsch auf Deutschland sich im Frühwinter 1944 vor allem aufgrund von Nachschubproblemen verlangsamte, gab Hitler den Befehl zu einer letzten Gegenoffensive in den Ardennen, eben dort, wo der triumphale Blitzkrieg im Westen 1940 seinen Ausgang genommen hatte. Der Angriff zielte auf Antwerpen, den potenziell wichtigsten Nachschubhafen der Alliierten. 


Zwei deutsche Soldaten während der Ardennenoffensive, 1944
 Die Ardennenoffensive der Wehrmacht begann am 16. Dezember 1944 mit einem schnellen Erfolg: Die wenigen und von dem Ereignis überraschten amerikanischen Divisionen an diesem Frontabschnitt wurden regelrecht überrannt. Schon nach wenigen Tagen zeigte sich aber, dass die deutschen Kräfte für eine Wiederholung des Blitzkriegs keineswegs ausreichten. Die Alliierten führten zusätzliche Kräfte heran, ihre Angriffe aus der Luft nahmen der Operation den Schwung. Um die Weihnachtstage 1944 war die Operation Herbstnebel, die letzte deutsche Offensive, gescheitert. Beide Seiten hatten etwa 75 000 Mann verloren, die entweder gestorben oder in Gefangenschaft geraten waren. Die Wehrmacht hatte zudem ihre letzten intakten Panzergroßverbände eingebüßt. 

 Was am 16. Dezember noch geschah: 
 1971: Nach der Zahlung von 7 Mio. DM Lösegeld wird der Unternehmer Theo Albrecht freigelassen. 
 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012 

Samstag, 15. Dezember 2012

Zum israelisch-palästinensischen Konflikt

Es ist ein Dauerbrenner seit fast hundert Jahren.
Es ist ein Beispiel dafür, wie aus Opfern Täter werden.
Es ist ein Beispiel dafür, wie Opfer-Mentalität erfolgreich ist dadurch,
- daß andere eine Beißhemmung verpasst bekommen,
- daß das vermeintliche Opfer keine Regeln einhalten braucht.
Wer Opfer ist, darf alles.
Immer wieder muß auffallen, wie hysterisch offizielle Juden (Friedman, Broder, Bubis und Konsorten) und vermeintlich politisch Korrekte wie Zäpfchen hochgehen, wie die moralische Keule geschwungen und die Integrität des Kritikers infrage gestellt wird, wenn das Opfer-Handeln hinterfragt wird.

Was in den letzten Wochen, als die Israelis wieder mit ihren Säbeln rasselten, in den journalistisch kunstvoll vergossenen Krokodilstränen untergegangen ist, ist
- der Wasserdiebstahl der Israelis und
- die israelische Siedlungspolitik
Kein Volk kann sich dies auf die Dauer gefallen lassen, völlig unmöglich!
Auch wenn ich den Beschuß israelischen Gebietes durch Raketen nicht gutheißt, habe ich großes Verständnis dafür, daß die palästinensische Bevölkerung die dauernde Gängelung durch die Israelis nicht gefallen lassen kann. Sogenannte »terroristische« Gewaltakte durch Palästinenser sind die zwangsläufige Folge institutionalisierter israelischer Gewalt und Entwertung. Israel als ehemaliges Opfer des Holocaust begeht täglich Menschenrechtsverletzungen unter dem Deckmantel des notwendigen Schutzes seines Staates, mißachtet dabei aber die Rechte des palästinensischen Volkes. Dies wird sich zwangsläufig rächen, egal, wieviel Zeit noch ins Land gehen muß und wie viele Menschen sich von offiziellen Juden noch in ihrer moralischen Integrität infrage stellen lassen müssen.







die übrigen Folgen hier



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Geschichtsfrage: Wer war’s?

Die uneheliche Tochter eines Steuereinziehers und einer Näherin war in einem Kloster aufgewachsen und verdiente ihren Lebensunterhalt in Paris zunächst als Hutmacherin und Prostituierte. Als Geliebte eines Grafen gelangte sie an den Königshof, wo sie bald zur Mätresse des Monarchen avancierte und als Wohnsitz ein Schloss bei Versailles erhielt. Wegen ihres verschwenderischen Lebensstils war sie im Volk verhasst. Sie endete als »Verschwörerin« auf der Guillotine . 

 ■ Madame Dubarry 
 ■ Madame Pompadour 
 ■ Madame Richelieu

Die Kraft des Künstlers

Der Geiger, 1912/13

Zahllos sind die Geiger, die in Chagalls Bildern musizieren. Dieses Bild stammt aus den Jahren 1912-13, dem ersten Parisaufenthalt des Künstlers. Erinnern die Geiger in Chagalls Werk an alle die jüdischen Geiger, die auf keiner Hochzeit und bei keinem Begräbnis fehlen? Klingen die Melodien der Kindheit nach oder sind die Geiger Sinnbild für das Leben und die Arbeit des Künstlers schlechthin? Von Chagall erhalten wir keine klare Antwort, er lässt die Dinge bewusst im Ungefähren und Mehrdeutigen. Der Geiger schwebt überdimensional groß, in einen langen Mantel gekleidet, auf der Mittelachse im Zentrum des Bildes. Geometrische Formen, überwiegend Dreiecke, gliedern in schwarz-braunen und grau-weißen Flächen den kühlen Hintergrund. Diese ungemütlich kalte, schwarz-weiße kleine Welt ist wohlgeordnet und hat eine fast mathematisch abstrakte Struktur. Der erdigen Farbwelt von beinahe bedrückender Atmosphäre gehört auch der Mantel an, der den Körper des Geigers umfängt. Aber dann scheinen unvermutet Farben auf in der winterlichen Welt. Die Geige leuchtet in warmen goldenen und gelben Tönen. Das Instrument berührt das Gesicht des Geigers, dessen grüne und blaue Töne vorn Instrument entzündet zu sein scheinen. Gesicht und Bart des Geigers nehmen im Grün die Farbe der Hoffnung an und mit dem Blau den Ton, der Himmel und Erde miteinander verbindet. Der Hut schimmert in zartem Rot und Rosa, und über dem Kopf des Künstlers bricht sanftes Blau das alles beherrschende Dunkel der Nacht auf. Selbst der schmutzige Schnee am Fuß des Bildes empfängt einen sanften Widerschein der goldglimmenden Geige. Nimmt man den Geiger aus dem Bild, so verliert diese Welt auf der Stelle wieder ihre Farben und erstarrt. Es bleibt nur der Stumpfsinn wohlgeordneter, aber lebloser Strukturen – Tod und Stille. Einzig der Geiger belebt das Bild – durch seinen Körper strömt die bewegende Welle der Musik, sein Fuß klopft sanft den Rhythmus auf dem Dach eines Hauses. Sein Spiel macht ihn leichter als die Erdenschwere. Er verliert indes nicht den Kontakt zu ihr. Vor allem bleibt er vom Leben gezeichnet. Die Nase scheint gebrochen zu sein. Aber auch dieses Gebrochene und Verwundete seines Lebens wird mit seiner Musik in ein neues Licht getaucht. Die Töne seines Instruments schließlich bringen buchstäblich einen neuen Ton und mit ihm neue Farbtöne in die Welt. Unter seiner Musik wächst ein Zauberbäumchen heran, in dem die Vögel des Himmels nisten. Die Gesichter dreier Menschen, die seinem Spiel lauschen, werden von seiner Musik erleuchtet. Die übrige Welt wird zum Hintergrund für das große Wunder, das hier geschieht, und das buchstäblich abfärbt auf die gespenstisch abstrakte, leere und leblose Umgebung, die sich so unerwartet als neuer Lebensraum erschließt. Für mich ist der Geiger ein Sinnbild für den Künstler schlechthin, in einem weiter gefassten Sinn wohl auch für den Lebenskünstler. Denn wo immer der Mensch zum Schöpfer wird, gleich ob als Maler, Musiker, Dichter oder als einer, der mit Liebe, Kreativität und Phantasie seine Lebenszeit gestaltet, kommt er in Berührung und Ver-bindung mit einer geheimnisvollen Kraft, die auch das dunkelste Fleckchen der Welt verwandelt. Es ist die Kraft Gottes, des ganz großen Lebenskünstlers, den uns die Bibel als denjenigen vorstellt, der aus Liebe und in unerschöpflichem Einfallsreichtum das Leben der Welt schuf – das größte Kunstwerk, das sich denken lässt. Als Liebhaber des Lebens vollbrachte er überdies das Kunststück, dieses Leben in leidenschaftlichem Engagement durch die dunklen Mächte des Todes hindurch zu bewahren und zu behüten. Wer mit ihm in Verbindung steht, kann gar nicht anders als selbst zum Lebenskünstler zu werden.





Adventsrätsel (das Fünfzehnte von vierundzwanzig)

Sie ein Wasser, er ein Wasser.
Sie wild, er meist mild.
Sie am Strand, er im Land.
Wem sind diese zwei bekannt?
Lösung zu Nr. 14
Lösung zu Nr. 14 aus 2013:
Stimmt, der Hahn bewegt sich bei jedem Schrei