Freitag, 19. Oktober 2007

Eva Herman: Hat sie oder hat sie nicht?

Eigentlich wollte ich hier was über Eva Hermans Auftritt bei Johannes B. Kerner schreiben. Aber aus meinem spontanen Gefühl einer öffentlichen Hinrichtung wurde Ratlosigkeit, einmal darüber, was Frau Herman will und wie sie sich ausdrückt. Noch mehr aber darüber, wie schnell in unserem Land Aufgeregtheit hergestellt wird und was das für Konsequenzen hat. Inzwischen weiß ich nicht mehr, was sie meint, und da ich nicht mehr sicher bin, wer hier wen richtig oder falsch zitiert, überlasse ich  die Herstellungsversuche von adäquaten Kommentaren Leuten, die mehr Zeit haben.

Zuerst das auf Eva Hermans Seite als PDF-Datei herunterladbare Originalzitat [Das umstrittene Zitat und das, was ich wirklich sagte, Eva Herman, September 2007], das Anlaß für die Einladung in Kerners Talkshow war:

“Wir müssen den Familien Entlastung und nicht Belastung zumuten und müssen auch ‘ne Gerechtigkeit schaffen zwischen kinderlosen und kinderreichen Familien. Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68er wurde damals praktisch alles das – alles, was wir an Werten hatten – es war ‘ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle – aber es ist damals eben auch das, was gut war – und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehen bleiben ...“

Eva Herman, bei der Vorstellung ihres Buches »Das Prinzip Arche Noah« in Berlin am 6. September 2007

Zum Artikel von Barbara Möller im Hamburger Abendblatt vom 7.9.2007 (Man achte auf den letzten Absatz!)
=================Stellungnahme von Eva Herman auf ihrer Homepage über das Entstehen des Rauschens im Deutschen Blätterwald (man achte auf die Absätze 5 und 6). Zur »Analyse der Fälschung« auf ihrer Seite. (Wichtig!)
is hierher kann ich noch folgen: Frau Herman scheint es tatsächlich nicht gesagt zu haben, auch wenn man es aufgrund des Sprachduktus im ersten Moment annehmen könnte. Aber: In dubio pro reo. (Im Zweifel für den Angeklagten.)

Am 9. September meldet »Medienhure – Das Medienmagazin«„Frau Hermans schriftstellerische Tätigkeit ist aus unserer Sicht nicht länger vereinbar mit ihrer Rolle als Fernsehmoderatorin und Talk-Gastgeberin“, so begründete NDR-Programmdirektor Volker Herres die sofortige Entlassung der früheren Tagesschau-Moderatorin Eva Herman.

… und weiter unten im gleichen Text:

Die Buchautorin und Fernsehmoderatorin Eva Herman bestätigte ihre Äußerungen: „Was ich zum Ausdruck bringen wollte, war, dass Werte, die ja auch vor dem Dritten Reich existiert haben, wie Familie, Kinder und das Mutterdasein, die auch im Dritten Reich gefördert wurden, anschließend durch die 68er abgeschafft wurden.“

Auch Focus meldet am 9. September: »Mit einem Anruf bei Herman versicherte sich der NDR der Echtheit der zitierten Aussagen.«


Auch die Süddeutsche meldet am 9.9.07, der NDR habe mitgeteilt, Eva Herman habe ihre Äußerungen bestätigt.


Ab hier kann ich nicht mehr folgen. 
Hat sie es nun bestätigt oder hat sie nicht? 
Einen Vergleich mit der NS-Familienpolitik habe ich jedenfalls nicht gefunden. (Ich werde deswegen aber nicht noch ein Buch von ihr lesen.)

Eine Stellungnahme des NDR habe ich nicht gefunden, auch keine Stellungnahme von Eva Herman zur Begründung ihrer Entlassung aufgrund ihrer angeblichen Bestätigung.


Update vom 10.05.2020:

Der NDR beendet mit sofortiger Wirkung seine Zusammenarbeit mit Eva Herman. Volker Herres, NDR Programmdirektor Fernsehen: "Frau Hermans schriftstellerische Tätigkeit ist aus unserer Sicht nicht länger vereinbar mit ihrer Rolle als Fernsehmoderatorin und Talk-Gastgeberin. Dies ist nach ihren Äußerungen anlässlich einer Buchpräsentation in der vergangenen Woche deutlich geworden."


Am Wochenende hatten mehrere Zeitungen berichtet, dass Eva Herman bei der Vorstellung ihres neuesten Buches in Berlin den Umgang der Nationalsozialisten mit Werten wie "Kinder, Mütter, Familie, Zusammenhalt" als "das, was gut war" bezeichnet habe. Dem NDR gegenüber bestätigte Eva Herman am Sonntag ihre dazu in der "Bild am Sonntag" zitierte Aussage, wonach "Werte wie Familie, Kinder und das Mutterdasein, die auch im Dritten Reich gefördert wurden , anschließend durch die 68er abgeschafft wurden. Vieles, was in dieser Zeit hochgehalten wurde, wurde danach abgeschafft."
[NDR beendet Zusammenarbeit mit Eva Herman, Norddeutscher Rundfunk, Presseportal, 09.09.2007] 

Am 9.10. wurde gemeldet, Eva Herman habe gegen ihre Entlassung geklagt.

Im Opponent-Blog gibt’s You-Tube-Ausschnitte


Update vom 10.05.2020:
Die Videos kann ich auf dem Blog nicht mehr finden…

siehe auch:
- Eva Herman oder das Recht auf Meinungsfreiheit (http://bavaria-for-ron-paul.blogspot.com, 10.10.2007)
Zur Einschätzung der Welt nach der Talkshow:
Während der 50minütigen Auseinandersetzung mit Eva Herman waren die Standpunkte der beiden Kontrahenten:

Eva Herman Der Rauswurf.10 Jahres Gedenken {7:41 – Start bei 0:52 – 
Herman: »ich muß einfach lernen, daß man über den Verlauf unserer Geschichte nicht sprechen kann ohne in Gefahr zu geraten}

Martin Urrigshardt
Am 11.04.2018 veröffentlicht 
Skandalrauswurf von Kerner. Barth, Schrowange und Berger machen mit. Der absolute Tiefpunkt im GEZ Fernsehehn



Während der 50minütigen Auseinandersetzung mit Eva Herman waren die Standpunkte der beiden Kontrahenten:

Kerner: Nimmst Du jetzt den Vergleich mit der NS-Familienpolitik zurück?
Herman: Ich habe nichts zurückzunehmen, weil ich keinen Vergleich angestellt habe.

Die Frage ist also: Hat Kerner Herman zurecht rausgeworfen, weil sie den Vergleich nicht zurückgenommen hat oder ist sie vorgeführt und öffentlich hingerichtet worden, weil man ihr etwas in den Mund gelegt hat, was sie gar nicht gesagt hat?

Die Seite Matziberlin sympathisiert mit dem Opfer. Ein Link etwa in der Mitte der Seite führt zu »Sendungsbewusstsein« mit dem fachlich kompetenten Übersichtsaufsatz »Eva Herman bei Kerner als Thema der Blogoszene«. Gut recherchiert gibt der Aufsatz einen Überblick über die Kommentare nach der Sendung. Ein Link etwa in der Mitte der Seite führt zu dem Artikel »Die neue Antifa« bei Telepolis. (Zur Begriffsklärung »Antifa« bei Wikipedia)
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Vom Aufsatz bei »Sendungsbewusstsein« führt bei Punkt 4 ein Link zu »f!xmbr«, wo der Artikel »Adolf, Eva und die Autobahnen« den Verlauf der Sendung kommentiert schildert. Eine Zusammenfassung des Vorfalls gibt’s auch beim ZDF (und noch ein Link zu einer ZDF-Darstellung). Weitere Links erspare ich mir, wer interessiert ist, suche Punkt 4 des oben erwähnten Übersichtsaufsatzes.
Hier ist noch ein ganz interessanter Link zu einem offenen Brief von Felix Hau, Journalist und Redakteur, an Johannes B. Kerner bei "Berzengeschnetz"
Da der Link nicht mehr funktioniert: Der Text ist in einem Thread zu finden:
- Interessanter Brief zum Thema "Herman" (Danny M3, Forum Panzer-Archiv, 16.10.2007, 15:49h, Beitrags-Nr.: 131589)
siehe auch:
- JBK Show: Eva Herman kocht und wird aus der Show gefeuert (Basic Thinking, 09.0.2007)


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Was ist also passiert? Frau Herman hat die Nazizeit erwähnt und ist von einer Journalistin des Hamburger Abendblattes anscheinend falsch zitiert worden. Daraufhin entsteht große Aufregung, und der NDR meldet, sie habe ihre falsch zitierten Äußerungen bestätigt. Sie wird gekündigt, erhebt Klage und wird ob des Medienrummels bei Kerner in die Talkshow geladen. Hier wird sie aufgefordert, ihre Äußerungen zurückzunehmen, was sie nicht tut. Während der Sendung läßt sie sich dazu hinreißen, weitere Äußerungen zu tun, die mißverständlich sind und wird rausgeworfen.


Ich frage mich: Weshalb lädt eigentlich keiner Barbara Möller vom Hamburger Abendblatt ein und befragt sie über journalistische Sorgfaltspflicht? Darf in Deutschland jeder irgendwem einen Skandal anhängen und wird daraufhin nicht zur Rechenschaft gezogen? Ist das undifferenzierte Skadalisieren von Dingen, die nur im Entferntesten mit dem Dritten Reich zu tun haben, nicht dasselbe wie die Ignoranz und Nicht-Wissen-Wollen nach dem Krieg und der Braunen Subkultur heute?

Wenn wir unsere Geschichte wirklich aufarbeiten wollen, müssen wir vor allem zuhören. In diesem Zusammenhang erwähne ich den wohltuenden buddhistischen Begriff des »Nicht-urteilenden Gewahrseins«. Wenn wir wirklich verstehen wollen – und das ist der zentrale Punkt des Aufarbeitens – müssen wir dies vorurteilslos tun und uns des wohlfeilen, moralisch entrüsteten Draufhauens bei jeder sich bietenden Gelegenheit enthalten. Das Unangenehme dabei ist nämlich, das wir dabei feststellen müssen, daß uns braune Bewußtseinsinhalte in unserem Innern näher sind, als wir das gerne hätten. (Und das verführt zum Draufhauen.) Doch nur, wenn wir uns dessen bewußt sind, können wir eine Wiederholung der Geschichte verhindern. Mit Schlagworten, Anklagen und demokratisch geläuterter Selbstherrlichkeit wird es nicht funktionieren.

In den Augen vieler ist Frau Herman das Problem: Sie ist wirr im Kopf und äußert krude Wertevorstellungen, die in einem diffusen Zusammenhang mit der Nazizeit stehen. Nach den systemischen Therapeuten läßt sich aber das Problem auch als Lösungsstrategie verstehen: Wenn Frau Herman nicht das Problem wäre, hätten wir ein Problem des Journalismus und der Medien. Deshalb ist es praktischer, wenn Frau Herman, deren Einstellung zum Geschlechterverhältnis ja auch nicht so einfach zu verdauen sind, zum Außenseiter gemacht wird. Dann braucht sich niemand von denen, die sie da reingeritten – und sich selbst profiliert – haben, an die eigene Nase zu fassen und sich Gedanken zu machen.


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An dieser Stelle möchte ich an die Jenninger-Rede vom 10. November 1988 erinnern (Link zur vollständigen Fassung). Diese zum 50. Jahrestag der Novemberprogrome 1938 gehaltene Rede, mit der der damalige Bundestagspräsident Philipp Jenninger ein Verständnis dafür vermitteln wollte, weshalb so viele Deutsche von Hitler begeistert waren, führte einen Tag später aufgrund massiver – auch internationaler – Proteste zu seinem Rücktritt. Horst Königstein hat 1989 dazu ein sehr einfühlsames und beeindruckendes Fernsehspiel gemacht (»Jenninger – Was eine Rede an den Tag brachte«). Ignatz Bubis, langjähriger Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland (siehe auch »Der Müll, die Stadt und der Tod« bei Wikipedia), hielt fast auf den Tag genau ein Jahr später, am 9. November 1989 in der Frankfurter Synagoge eine Gedenkrede, in der er weite Strecken aus der Jenninger-Rede übernahm. (Schon in einer Gedenkrede am 2. Mai 1989 hatte er einige Passagen aus der Jenninger-Rede übernommen.) Bei einer Diskussion im November 1995 anläßlich der Hamburger Kulturgespräche in Moorweide machte Bubis selbst darauf aufmerksam. Die Tatsache, daß zwei Journalisten anwesend waren, führte am nächsten Tag zu einem lauten Rauschen im deutschen Blätterwald (siehe auch bei ZEIT-online). Bei der Universität Koblenz läßt sich ein Artikel des japanischen Linguisten Ysushi Suzuki über die unterschiedliche Aufnahme der Jenninger und der Bubis-Rede aus der »Zeitschrift für angewandte Linguistik« herunterladen.

Dazu ein Standardspruch der Hypno-Therapeuten: »Der Empfänger bestimmt die Botschaft.«

Ein Link zur Walser–Bubis–Kontroverse


An dieser Stelle möchte ich an die Jenninger-Rede vom 10. November 1988 erinnern (Link zur vollständigen Fassung). Diese zum 50. Jahrestag der Novemberprogrome 1938 gehaltene Rede, mit der der damalige Bundestagspräsident Philipp Jenninger ein Verständnis dafür vermitteln wollte, weshalb so viele Deutsche von Hitler begeistert waren, führte einen Tag später aufgrund massiver – auch internationaler – Proteste zu seinem Rücktritt. Horst Königstein hat 1989 dazu ein sehr einfühlsames und beeindruckendes Fernsehspiel gemacht (»Jenninger – Was eine Rede an den Tag brachte«). Ignatz Bubis, langjähriger Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland (siehe auch »Der Müll, die Stadt und der Tod« bei Wikipedia), hielt fast auf den Tag genau ein Jahr später, am 9. November 1989 in der Frankfurter Synagoge eine Gedenkrede, in der er weite Strecken aus der Jenninger-Rede übernahm. (Schon in einer Gedenkrede am 2. Mai 1989 hatte er einige Passagen aus der Jenninger-Rede übernommen.) Bei einer Diskussion im November 1995 anläßlich der Hamburger Kulturgespräche in Moorweide machte Bubis selbst darauf aufmerksam. Die Tatsache, daß zwei Journalisten anwesend waren, führte am nächsten Tag zu einem lauten Rauschen im deutschen Blätterwald (siehe auch bei ZEIT-online). Bei der Universität Koblenz läßt sich ein Artikel des japanischen Linguisten Ysushi Suzuki über die unterschiedliche Aufnahme der Jenninger und der Bubis-Rede aus der »Zeitschrift für angewandte Linguistik« herunterladen.

Dazu ein Standardspruch der Hypno-Therapeuten: »Der Empfänger bestimmt die Botschaft.«

Ein Link zur Walser–Bubis–Kontroverse

siehe auch:
- Unglücklicher Staatsakt - Philipp Jenningers Rede zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome 1938 (Wolfgang Benz, Bundeszentrale für politische Bildung, 04.11.2013)
- Rede am 10. November 1988 im Deutschen Bundestag (Wikipedia. siehe auch Literatur, Weblinks und Einzelnachweise!)

Analyse der öffentlichen Hinrichtung der Eva Herman bei Kerner 2007 {9:07}


Heinrich aus der Familie G o t t o
Am 04.01.2018 veröffentlicht 
Eva Herman bei Kerner mit einer TOP Analyse von FernsehKritik.tv, Abtreibungslobbyistin Berger und wie qualifiziert waren die anderen Gesprächsteilnehmer, sich moralisch so über Eva Herman zu erheben? Den so genannten Komiker Mario Barth können wir hier vernachlässigen, er wurde ohnehin kaum an der Debatte beteiligt. Die frühere TV Moderatorin Margarete Schreinemakers wollte 1996 ihre eigene Sendung schamlos dazu missbrauchen, ihren persönlichen Krieg mit dem Finanzamt in aller Öffentlichkeit mit Bundesfinanzminister Theo Waigel zu verhandeln. Sat1 musste die Live Sendung abbrechen! Noch schlimmer die Schauspielerin Senta Berger. Sie hat 1971 an der Kampagne der Illustrierten Stern teilgenommen, die unter dem Bekenntnis Wir haben abgetrieben ein Recht der Frau auf die Tötung ihres ungeborenen Kindes einforderte. Dass Menschen mit dieser Vergangenheit das Bedürfnis haben, ihre schmutzige Weste auf Kosten anderer in milderem Licht scheinen zu lassen, überrascht nicht. Aber vielen TV Zuschauern sind solche Zusammenhänge nicht klar. Das Schlimmste passierte Senta Berger 1965 in New York. Da fragte der berühmte jüdische Produzent Zanuck: „War Ihr Vater Nazi? Senta antwortete: „Nein, Herr Zanuck. „War er in der Partei? „Ja, Herr Zanuck. „Dann ist Ihr Vater also mitverantwortlich für all die Greueltaten, die in den KZs verübt worden sind! Senta Berger beschreibt: „Er öffnete seinen seidenen Schlafrock. Er war nackt darunter. Er schrie mich an: „Dein Volk hat Millionen von meinen Leuten getötet, vergast, erschossen Look at me! Ich bin bereit zu verzeihen. Mein ganzer Körper fiebert dir entgegen, du kleines Nazimädel! Das sagte er auf Deutsch: „Nazimädel. Ich begann ihm auszuweichen. Und er mir nach, in seinem flatternden offen stehenden Schlafrock. Es gab ein kurzes absurdes Gerangel zwischen uns. Dann stand Senta Berger auf der Straße. Um eine Rolle ärmer, aber eine Erfahrung reicher. Senta Bergers Erlebnisse im jüdischen Hollywood. Einseitiger Historiker - Wolfgang Wippermann Ein einseitiger Experte ist der Geschichtsprofessor Wolfgang Wippermann (Berlin). Der Mann, dessen Sensorium für braunes Gedankengut so sensibel ist, dass es auch Unschuldige wie Eva Herman aufspürt, zeigt sich bei roten Verbrechen eher rustikal. Er warnte vor einer Dämonisierung des Kommunismus und verharmlost damit die Ideologie, die weltweit am meisten Todesopfer gekostet hat. Und auch die Arbeit der Stasi Unterlagenbehörde hat er angegriffen, er nannte sie eine in der Verfassung nicht vorgesehenen Behörde; jedenfalls nicht in meiner Verfassung, man muss sich zwar mittlerweile dauernd eine neue kaufen, weil immer ein Grundrecht nach dem anderen beseitigt wird. Über das Interesse dieses Historikers an einer Aufarbeitung der DDR Geschichte spricht das ebenso Bände wie über sein Verhältnis zum Grundgesetz. Auffällig, dass er dabei (wie abgesprochen) mit den anderen geladenen Gästen Margarete Schreinemakers und vor allem Senta Berger perfekt Doppelpass spielte. Fakten & Fiktionen hat schon recht bald Wippermanns dubiose Vergangenheit thematisiert, jetzt kommt heraus, dass Wippermann und Senta Berger sich wohl mindestens seit letztem Jahr gut kennen. Berger und ihr Mann, Michael Verhoeven, haben am Filmprojekt Der unbekannte Soldat in der ehelichen Sentana Filmproduktion GmbH zusammen gearbeitet. Ein Schelm, wer böses dabei denkt


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Im Januar 2009 gewann Herman in erster Instanz vor dem Landgericht Köln zwei Prozesse gegen den Axel-Springer-Verlag, dessen Medien im September 2007 über ihre Aussagen berichtet hatten. Im ersten Verfahren verurteilte das Gericht die Bild-Zeitung für Franz Josef WagnersTitulierung Hermans als „dumme Kuh“ zu einem Schmerzensgeld in Höhe von 10.000 Euro. Die Überschrift „Ist Eva Herman braun oder nur doof?“ eines anderen Bild-Artikels wurde dagegen als zulässige Meinungsäußerung bewertet.[48] Im zweiten Fall urteilte das Gericht, dass das Hamburger Abendblatt Herman am 7. September 2007 falsch zitiert habe, und verurteilte den Verlag daher zur Unterlassung der strittigen Formulierungen, zum Abdruck einer Richtigstellung, dass es sich bei dem angeblichen Zitat nicht um Hermans Aussage gehandelt habe, und zu 10.000 Euro Schmerzensgeld für Herman.[49]
Nach einer Berufungsverhandlung zum ersten Fall erhöhte das Oberlandesgericht Köln das Schmerzensgeld, auf das der Axel-Springer-Verlag verklagt worden war, auf 25.000 Euro. Laut Urteilsbegründung handelte es sich um eine auch, aber nicht einzig mögliche Interpretation der „mehrdeutigen Äußerung“ Hermans, die aber als Zitat dargestellt worden sei. Das habe den Eindruck erweckt, Herman habe Positives am Nationalsozialismus hervorgehoben. Diese Tatsachenbehauptung habe ihr Persönlichkeitsrecht erheblich beeinträchtigt. Für weitere berufliche und private Auswirkungen dieser Interpretation könne Herman aber nicht allein den Springer-Verlag verantwortlich machen.[50]
Im Juni 2011 gab der für das allgemeine Persönlichkeitsrecht zuständige VI. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) der Revisionsklage des Axel-Springer-Verlags statt und widersprach dem Urteil des Oberlandesgerichts. Das Persönlichkeitsrecht schütze zwar vor „unrichtigen, verfälschten oder entstellten Wiedergaben einer Äußerung“. Diese lägen hier jedoch nicht vor, da Hermans Äußerung „im Gesamtzusammenhang betrachtet gemessen an Wortwahl, Kontext der Gedankenführung und Stoßrichtung“ nur die Deutung zulasse, „die die Beklagte ihr beigemessen hat.“[51][52]
Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) lehnte Hermans Beschwerde gegen dieses BGH-Urteil am 25. November 2012 ab: Die Entscheidung des BGH habe Herman nicht in ihren Grundrechten verletzt. Die vom Hamburger Abendblatt zitierten Äußerungen seien im Gesamtzusammenhang zu betrachten und stellten eine Meinungsäußerung dar. „Die Beschwerdeführerin, der es nicht gelungen war, sich unmissverständlich auszudrücken, muss die streitgegenständliche Passage als zum ‚Meinungskampf‘ gehörig hinnehmen.“[53]
[Eva Herman, Gerichtsurteile, Wikipedia, abgerufen am 12.05.2017]
Am 25. Juli 2010 kommentierte Herman beim Kopp Verlag das Unglück bei der Loveparade 2010, bei dem am Vortag 21 Personen gestorben waren. Sie kritisierte die Loveparade als „Sodom und Gomorra mit katastrophalen Folgen“ und als „riesige Drogen-, Alkohol- und Sexorgie”, die den „kulturellen und geistigen Absturz einer ganzen Gesellschaft” symbolisiere. Dafür machte sie die 68er-Bewegung verantwortlich und vermutete:[54]
„Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen! Grauenhaft allerdings, dass es erst zu einem solchen Unglück kommen musste.“[59]
Diese Aussage interpretierten und kritisierten einige Kommentatoren als Andeutung einer Strafe Gottes, also einer Schuldzuweisung an Opfer und Besucher.[60] 
[Eva Herman, Aktivitäten seit 2009
Wikipedia, zuletzt abgerufen am 12.05.2017]
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mein Kommentar:
Für mich ist das BGH-Urteil ein Armutszeugnis…
Bei dem letzten Satz aus dem Wikipedia-Artikel bin ich erstmal zusammen gezuckt.
Nachtrag vom 10.05.2020:
Inzwischen denke ich, ich kann den Satz von Herman verstehen…
Wie wäre es, wenn wir uns für einige Minuten vorstellen, wir lebten in der buddhistischen Demokratie Deutschland, und wir würden nicht von der »Strafe Gottes« sondern von »Karma« reden…
Sprache…
Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns und die Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat. Sie, die Beulen, lassen uns den Wert jener Entdeckung erkennen.  [Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen §119 (1953, posthum)]

Der Fall Jenninger 10.11.1988 {1:15:40}

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Am 02.08.2018 veröffentlicht 
Mit seiner Gedenkrede zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht löste der damalige Bundestagspräsident Philipp Jenninger im November 1988 einen Skandal aus, da er mit seinem unerwarteten Redestil und dem Ansprechen gesellschaftlicher Tabus öffentliche Reaktionen hervorrief, die unterschiedlicher nicht hätten sein können.
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Sonntag, 14. Oktober 2007

Urwald statt Pestizide


Anoop Chinnuppa gilt als schwarzes Schaf: Geld ist dem indischen Bauern nicht so wichtig. Dafür schützt er die Natur

Da steht er neben einer Quelle, aus der frisches Wasser aus dem Felsen fließt, und freut sich über das Wunder der Natur. Anoop Chinnuppa trägt Shorts und ein weithin leuchtendes orangefarbenes T-Shirt. Er lebt zusammen mit seiner alten Mutter in Madikeri, einer kleinen Stadt im indischen Bundesstaat Karnataka. Anoop Chinnuppa gehört zur Minderheit der Kodova. Der Stamm pflegt animistische Traditionen und verehrt die Ahnen. Das macht die Kodava zu Außenseitern im hinduistisch geprägten Indien. Anoop Chinnuppa gilt aber auch in seiner eigenen Familie als schwarzes Schaf. Der Grund: Sohn Anoop ist Umwelt-Aktivist.

Indiens Umweltprobleme sind bekannt: ein stetig wachsendes Verkehrsaufkommen, wilde Müllkippen, PestizidEinsatz in der Landwirtschaft und Umwelt-Gesetze, die nicht umgesetzt werden. Traditionell leben auch die Kodova vom Landbau. 24 Hektar Land hat Chinnuppa von seinem Großvater geerbt. Aber nur auf zwei Hektar baut er Reis an. Der Rest ist Dschungel, und das soll auch so bleiben, Anoop Chinnuppa hält nämlich nichts vom Landbau moderner Prägung. 'Früher haben alle Kodava organischen Landbau betrieben. Heute benutzen sie Pestizide wie alle anderen auch und das Land geht zugrunde.« Er will den Dschungel lieber erhalten, etwa für die Elefanten, 'Die Farmer haben Angst vor den Tieren und erschießen sie, weil die angeblich das Land zerstören. Früher habe ich ähnlich gedacht und die Elefanten gehasst. Hassen kann man aber nut was man nicht kennt. Und heute kenne ich die Elefanten. Sie haben so viel Trauer in ihren Augen«, sagt Anoop Chinnuppa nachdenklich. Seit dem Jahr 2000 führt der gelernte Bank-Fachmann Touristen durch seinen Dschungel, um sie mit der Natur vertraut zu machen. »Ich habe von meinem Vater viel über die Natur und von Touristen das Wandern gelernt. Inder laufen nämlich nie ohne Grund«, sagt er mit seiner sanfter Stimme. «Inder denken fast nur ans Geld - selbst die spirituellen Führer. Und meine eigene Familie möchte, dass ich mein Land verkaufe.«

Geld verdienen könnte Anoop Chinnuppa auf vielfältige Art. Auf seinem Grund stehen weiße Zedern, die er der Möbelindustrie teuer verkaufen könnte obwohl die Bäume offiziell geschützt sind. Oder er könnte das Land erschließen lassen mit einer breiten Autostraße. Der sympathische Kodova winkt ab. Nicht mit ihm. Zu viel Lärm und zu viel Dreck.

Derzeit scheinen die Träume des Kodava noch zu groß für seine begrenzten Möglichkeiten. Aber aufgeben will er nicht: »Ich suche nach ausländischen Partnern, die hier investieren wollen. Um den Dschungel, die Natur und die Elefanten zu schützen, müssen wir das Land kaufen. Dann können wir die Kinder hierherbringen, damit sie lernen: Wir bekommen von der Natur wieder, was wir selbst geben.« • Annette Lübbers

aus Publik-Forum 18/2007

Mittwoch, 10. Oktober 2007

Die wundersame Wandlung des Tiziano Terzani

In der Osho-Times hat Satyananda alias Jörg Andrees Elten einen Nachruf auf den bekannten italienischen Starreporter geschrieben. Damit der Text nicht verlorengeht (wahrscheinlich ist er nur einen Monat lang auf der Seite), hab’ ich ihn hierher kopiert:

Klartext
Der Namenlose

Die wundersame Wandlung des Tiziano Terzani
von Satyananda

Wo immer er auftauchte, war er der Mittelpunkt. Einsneunundachtzig groß, schlank, athletisch, pechschwarze Lockenmähne, dazu ein frech geschwungener Schnurrbart und stets von Kopf bis Fuß in Weiß gekleidet. Unter seinen Kollegen, den Asien-Korrespondenten der Weltpresse, nahm er sich aus wie ein Papagei im Spatzenschwarm: Tiziano Terzani, Arbeiterkind aus Florenz, der es zum Korrespondenten des „Spiegel“ und zu einem der angesehensten Asienkenner gebracht hatte. Ein robustes Ego, ein wunderbarer Selbstdarsteller.
Im Vietnamkrieg und in Kambodscha war er immer ganz vorne dran und vertraute auf seine Schutzengel. Als die Vietkong zum Sturm auf Saigon ansetzten und die meisten westlichen Ausländer in Panik die Stadt verließen, flog Terzani in letzter Minute aus Bangkok ein, um den Einmarsch der roten Kämpfer hautnah zu erleben. Dabei stand er noch unter dem Schock eines Ereignisses, das ihn zwei Wochen vorher fast das Leben gekostet hätte: In Kambodscha hatten ihn ein paar halbwüchsige Kämpfer der Roten Khmer festgenommen, an die Wand gestellt und ihm eine Stunde lang ihre Revolver auf Augen, Mund und Nase gedrückt – bis endlich ihr Kommandeur auftauchte und den „Spiegel“-Korrespondenten laufen ließ.

Raus aus dem Society-Ghetto
Terzani konnte nicht wissen, was die Vietkong in Saigon mit ihm machen würden. Er wusste nur, dass er bei einem der größten Ereignisse in der Geschichte Asiens einfach dabei sein musste – dem Ende des Kolonialismus. Seine Reportage über die letzten Stunden von Saigon wurde zum Klassiker.
Um bei der Geburt des neuen China dabei zu sein, zog Terzani mit seiner Familie von Hongkong nach Peking um. Er und seine Frau Angela sprachen fließend Chinesisch. Die beiden Kinder lernten die Sprache auf einer chinesischen Schule. Das hatte es noch nie gegeben: dass ein westlicher Ausländer im Reich Mao Tse tungs seine Kinder auf eine chinesische Schule schickte! In Peking blieben westliche Diplomaten, Geschäftsleute und Journalisten ohne soziale Kontakte zu den Einheimischen ganz unter sich – in einer Art Ghetto. Terzani wollte raus aus dieser Ghetto-Routine mit ihren ewigen Cocktail- und Dinnerpartys.
Manchmal startete er mit seiner Frau und den Kindern zu spontanen Ausflügen aufs Land. Sie hievten ihre Fahrräder in den Zug, stiegen irgendwo aus, radelten los und sprachen mit Menschen, die noch nie einen Ausländer gesehen hatten. Für den Geheimdienst waren diese verbotenen Eskapaden des Reporters eine Provokation. Aber es dauerte immerhin fünf Jahre, bis sie die Geduld verloren und ihn verhafteten. Vier Wochen musste er im Gefängnis schmoren, dann wurde er abgeschoben.
Terzani hatte einst davon geträumt, dass Mao den Neuen Menschen in einem neuen China der Gerechtigkeit und Brüderlichkeit schaffen werde. Der Traum war verflogen. Der Reporter wusste nun, dass Bewusstseinsveränderung nicht durch ideologische Parolen von oben kommen kann, sondern eine Herausforderung für jeden einzelnen Menschen ist. Langsam verschob sich der Fokus des Reporters von der Politik zur Spiritualität, von der Logik zur Intuition, vom Kopf zum Herzen.

Abschied vom Journalismus
Eines Tages prophezeite ihm ein Wahrsager in Hongkong den Tod, wenn er im Jahre 1993 mit dem Flugzeug fliegen würde. Ein Reporter, der nicht fliegt? Unmöglich!
Aber Terzano ließ es darauf ankommen und eröffnete seinem Chefredakteur, dass er ein Jahr lang kein Flugzeug benutzen werde. Der Chef reagierte weise: „Tun Sie, was Sie für richtig halten!“ So durchbrach der Asienkorrespondent die sterile Routine von Flugzeug – Taxi – Hotel – Taxi – Flugzeug und stieg um auf Bahn, Mietwagen, Eselskarren, Fahrrad und Schiff. Seine Entschleunigung schärfte seine sinnliche Wahrnehmung und verband ihn mit den zeitlosen Kräften, die unter der Oberfläche des Tagesgeschehens wirken. Es war praktisch der Abschied vom Journalismus, aber das ahnte der Reporter damals noch gar nicht.
Der Abschied kam erst, als ein Arzt in Bologna den inzwischen Sechzigjährigen mit der Botschaft überraschte: „Signor Terzani, Sie haben Krebs!“ Terzani reagiert kühl und radikal – bricht alle Kontakte ab, außer zu seiner Familie, und nimmt den Kampf gegen den Krebs auf. Sein erster Kriegsschauplatz ist eine weltberühmte Krebsklinik in New York, eine Kultstätte der modernen westlichen Medizin. Terzani kommt sich vor wie in einer erstklassigen Reparaturwerkstatt. So nennt er seine Ärzte „meine Instandsetzer“. Sie operieren seinen Krebs – mit Erfolg. Terzani erholt sich, kehrt nach Asien zurück und macht sich auf die Suche nach den Quellen einer Heilkunst, die den ganzen Menschen einbezieht – nicht nur den Körper, sondern auch Geist und Seele.

Auf schwankendem Boden
Eine berühmte ayurvedische Klinik ist sein erstes Ziel. Danach geht es weiter zu mehr oder weniger bekannten Heilern, Wahrsagern, Gurus, Schamanen, Scharlatanen, aber auch zu seriösen Ärzten, die Medikamente aus wundersamen Heilkräutern und Kuhpisse herstellen. Terzani begegnet ihnen mit unvoreingenommener Neugierde und Respekt. Einerseits weiß er, dass ihm der „Realismus der Vernunft nicht mehr genügt“. Andererseits sind ihm Mystizismus und Spiritualität unheimlich, weil sie ihm „zu undefiniert, zu subjektiv und zu parteiisch“ erscheinen. Terzani: „Ich hatte das Gefühl, mich auf schwankendem Boden zu bewegen.“
Aber für eine Umkehr auf den scheinbar sicheren Boden der wissenschaftlich begründeten Realität war es schon zu spät. Als er zur Nachuntersuchung nach New York zurückkehrt, entdecken seine „Instandsetzer“, dass der Krebs Metastasen gebildet hat. Terzani lehnt Chemotherapie ab. Einer der Instandsetzer kommentiert lapidar: „Wenn Sie in einem halben Jahr noch leben, gehen Sie in die Geschichte der Medizin ein.“ Das war’s.

Was bleibt übrig?
Jetzt beginnt die interessanteste Etappe auf der letzten Reise des Reporters. Terzani sucht seinen „inneren Frieden“ und bereitet sich auf den Tod vor. Das Abenteuer beginnt mit der klassischen Frage aller spirituellen Sucher: „Wer bin ich?“ – „Mein Name, mein Beruf, meine Herkunft, all das, was ich einst herangezogen hätte, um mich zu beschreiben, gehörte nicht mehr zu mir“, schreibt er in seinem Buch „Noch eine Runde auf dem Karussell“. Und er fragt sich bang: „Was bleibt von mir ohne meinen Namen, ohne all das, woran ich mein ganzes Leben lang so hartnäckig gearbeitet habe?“
Auf der Suche nach einer Antwort tritt er als ein shisha (einer, der zu lernen würdig ist) in den Aschram eines Swamis ein, der von seinen Anhängern als Guru verehrt wird. Der gibt ihm den Namen Anam (der Namenlose). Drei Monate lang lässt er sich in Heiligen Schriften unterweisen, singt alte vedische Gesänge und Mantras und schweigt. Das Leben im Aschram ist spartanisch. Die Überwindung von Begierden gehört zu den hauptsächlichen Gesprächsthemen unter den Aschramiten. In Pune hätte es Terzani sicher besser gefallen. Aber Osho hatte seinen Körper schon verlassen.

Die Einsamkeit einer Berghütte
Der Abschied vom Aschram fällt Terzani letztlich nicht schwer. Das Gerangel der Jünger um die vorderen Sitze im Satsang und ihre kleinen Eifersüchteleien irritieren ihn. Er verehrt seinen Swami, aber Hingabe kommt für ihn nicht infrage. So zieht er sich lieber in die Einsamkeit einer Berghütte im Himalaja oberhalb von Almora zurück. Da ist die erhabene Kulisse schneebedeckter Achttausender, die wilde Ursprünglichkeit der Natur, der Gesang exotischer Vögel, die pralle Farbenpracht tropischer Pflanzen, der Bergleopard, der die Hütte umkreist, und da ist die kleine Maus, die Terzani, der Einsiedler, jeden Abend füttert, damit sie ihm nicht seine Vorräte wegknabbert. Er ernährt sich von Reis, Bohnen, Gemüse und Obst. Das Wasser holt er von einer Quelle. Schlag fünf Uhr morgens zündet er eine Kerze an und meditiert. Dann wandert er zu einem Felsen und begrüßt dort oben hoch über dem Tal die aufgehende Sonne.
Manchmal begegnet er einem anderen Einsiedler, einem alten Inder, der ein zweites Haus in der Nähe bewohnt. Terzani nennt ihn „Der Alte“. Der wird sein spiritueller Lehrer. Terzani fragt und Der Alte antwortet. Als Terzani nach einem kurzen Ausflug in die Welt mit einer kleinen Solaranlage und einem Laptop in die Einsamkeit zurückkehrt, um sein letztes Buch zu schreiben, schaut ihn Der Alte lächelnd an und fragt: „Für wen schreibst du das Buch? Für dein Ego?“ Terzani überlegt und sagt: „Eine gute Frage.“
Fast drei Jahre später, als das Buch „Noch eine Runde auf dem Karussell“ fertig ist, hat Terzani gefunden, wonach er gesucht hat: den inneren Frieden. Jetzt kann er in sein Haus in der Toskana zurückkehren und den Tod als Freund begrüßen. Am Ende einer langen Serie von Gesprächen mit seinem Sohn Folco, die später unter dem Titel „Mein Ende ist mein Anfang“ erscheint, fragt Folco seinen Vater, ob er nicht die Absicht habe, als Erleuchteter zu wirken. Terzani winkt ab: „Ich bin nichts als ein einfacher Mensch, der seine Bücher geschrieben, hier und da ein wenig genascht und dabei jede Menge Erfahrungen gesammelt hat …“
Tiziano Terzani starb 2004 mit 65 Jahren.
aus der Osho-Times vom Oktober 2007


»Fairer Kaffee im Stadtrat«

Wie können Städte anders einkaufen? Fragen an Dagmar Vogt-Sädler, Leiterin des Umweltamtes von Neuss
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Von Annette Jensen

Publik-Forum: Die 130 000-Einwohner-Stadt Neuss gilt als Modell für fairen Einkauf. Was machen Sie anders als andere deutsche Kommunen?
Dagmar Vogt-Sädler: Seit 1991 wird auf den Rats- und Ausschusssitzungen fairer Kaffee ausgeschenkt. Und sobald es Schokolade, Fußbälle und so weiter mit dem Transfair-Siegel gab, haben wir die auch eingekauft. Bei diesen Produkten gibt es die Garantie, dass sie ohne Ausbeutung hergestellt wurden. Aber bei vielem, was wir brauchen, existiert kein solches Siegel. Das gilt zum Beispiel für Dienstkleidung, Leder- oder Spielwaren. Deshalb hat Neuss Anfang 2006 als erste Stadt im Bundesgebiet beschlossen, nur noch Produkte – sofern verfügbar – zu berücksichtigen, die unter Beachtung der Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation hergestellt wurden.

Publik-Forum: Gewerkschaftsfreiheit gibt es in China nicht, und demnach dürfte Neuss dort auch nichts einkaufen.
Vogt-Sädler: Das sehe ich nicht so. Zwar hat China die entsprechende ILO-Norm nicht unterzeichnet. Aber es gibt ja Unternehmen in China, die in ihren Produktionsstätten Versammlungs- und Verhandlungsfreiheit erlauben. Und eine verstärkte Nachfrage in diese Richtung kann den Weg ebnen, dass die Einhaltung aller ILO-Normen in China gefördert wird.

Publik-Forum: Gab es auch kritische Stimmen, die sagten: Das alles kann eine Stadt wie Neuss doch gar nicht überprüfen?
Vogt-Sädler: Der Beschluss des Rates war einstimmig und wurde ohne eine lange Debatte gefasst. Natürlich kann es nicht unsere Aufgabe sein, selbst nach China zu fahren und die dortigen Betriebe zu inspizieren. Aber viele deutsche und europäische Unternehmen haben ja auch schon einen Verhaltenskodex, der sich in der Regel auf die Kernarbeitsnormen stützt und oft sogar die Forderung nach Mindestlöhnen beinhaltet. In solchem Fall erwarten wir, dass eine unabhängige Organisation die Einhaltung von solchen freiwilligen Selbstverpflichtungen bestätigt.

Publik-Forum: Rechnen Sie mit höheren Einkaufskosten für die Kommune?
Vogt-Sädler: Die Beachtung von Sozialstandards verteuert die Produkte nicht unbedingt. Der Anteil der Arbeitskosten am Verkaufspreis liegt ja bei nur ein bis fünf Prozent. Natürlich verursachen die Kontrollen durch unabhängige Gutachter zusätzliche Kosten. Doch auch das hält sich in überschaubarem Rahmen.

Publik-Forum: Was passiert, wenn die Angaben der Lieferanten falsch waren? Gibt es eine »schwarze Liste«?
Vogt-Sädler: Zurzeit gibt es noch keine solche Liste. Falsche Angaben würden aber grundsätzlich Zweifel an der Zuverlässigkeit des Unternehmens begründen und sind insofern ein Ausschlusskriterium von der Vergabe. •

aus Publik-Forum 18/2007

Dienstag, 9. Oktober 2007

»Obst per Flugzeug hat nichts mehr mit Bio zu tun«

Deutsche kaufen so viel Bioprodukte wie nie. Doch reicht das aus? Fragen an Greenpeace-Expertin Christiane Huxdorff


Christiane Huxdorff
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ist studierte Umweltwissenschaftlerin und arbeitet bei Greenpeace als Chemiereferentin. Sie war an den beiden großen Testreihen »Pestizide aus dem Supermarkt« beteiligt.



? Wenn man die Berichte in den Medien verfolgt, hat man das Gefühl, dass Bio boomt und die Bauern jammern. Oder?

! Bio boomt wirklich. Im Vergleich zum letzten Jahr ist der Umsatz bei den Bioprodukten im Lebensmittelhandel um 20 Prozent gestiegen, allerdings ist die Anbaufläche hierin Deutschland nur um 2,3 Prozent gewachsen. Das liegt daran, dass die Fördermittel, die von der Bundesregierung an umstellungswillige Bauern gezahlt werden, so massiv gekürzt wurden. Ein Biobauer muss sehr viel Eigenkapital investieren, bis er den Umstieg schafft. Denn die ersten zwei bis drei Jahre kann er sein Obst und Gemüse nur als Umstellungsware verkaufen, das heißt, er bekommt nicht den Mehrwert, den er eigentlich reinsteckt. Deshalb überlegen es sich die Landwirte zweimal, ob sie umstellen. Die, die es aus Überzeugung machen, sind schon längst dabei. Jetzt muss man versuchen, die zu ködern, die noch zaudern. Dann würde man diesen Boom nicht nur in die Supermärkte holen, sondern auch in die Landwirtschaft.

? Woher kommen die Produkte, wenn die Nachfrage wächst, der Anbau aber nicht?

! Bio-Produkte kommen aus der ganzen Welt, also Italien, Spanien, aber auch aus Israel und Neuseeland. Diese Produkte werden dann biologisch angebaut, aber nicht unbedingt ökologisch transportiert. Trotzdem ist die Ökobilanz von einem Bio-Apfel, der per Schiff aus Neuseeland hierher gefahren wird, besser als von einem Apfel, der hier gekühlt und unter geschützter Atmosphäre gelagert wird.

? Der heimische Apfel verbraucht mehr Energie als ein Apfel aus Neuseeland?

! Die Obst- und Apfelsaison hier in Deutschland ist jetzt, und bald ist sie vorbei, Dann werden die ganzen Äpfel eingelagert. Das schluckt mehr Energie, als wenn Apfel aus Neuseeland mit dem Schiff hergefahren werden. Natürlich ist es etwas anderes, wenn Obst und Gemüse per Flugzeug herkommen. Das hat nichts mehr mit Öko zu tun. Letztlich ist es immer das Beste, wenn man beim Biobauern nebenan kauft und das isst, was gerade Saison hat.

? In den Regalen der Supermärkte finden sich immer mehr Bioprodukte. Ist das hilfreich für den Bioanbau in Deutschland?

! Es ist ein guter und wichtiger Schritt, dass Bio beim Discounter erhältlich ist und dadurch Bio für die breite Masse zugänglich wird. Vorher konnte man Bioprodukte wirklich nur im Bioladen und im Reformhaus kaufen. Da waren sie extrem teuer. Jetzt fragen auch die Discounter nach. Dadurch kommt es zu einer erhöhten Produktion, die Preise sinken, und es wird für die Verbraucher erschwinglicher. Dadurch kaufen mehr Menschen, und die Nachfrage steigt weiter. Sowohl die Einstellung der Verbraucher als auch die Lebensmittelwirtschaft haben sich in den letzten fünf Jahren gravierend verändert – nur die Politik hinkt da hinterher.

? Haben die Produkte beim Discounter dieselbe Qualität wie im Bioladen?

! Wenn das sechseckige grüne Biosiegel auf den Produkten ist, weiß man, dass es auf jeden Fall Bioqualität ist. Aber es gibt natürlich Unterschiede zu den Produkten, die ich im richtigen Bioladen kaufen kann. Die erfüllen noch zusätzliche Kriterien, die von Anbauverbänden wie etwa Demeter, Naturland oder Bioland überwacht werden. Einige Anbauverbände verlangen zum Beispiel, dass wirklich hundert Prozent des Tierfutters auf dem eigenen Hof angebaut werden.

• Interview: Ute Pawlitschek

Samstag, 6. Oktober 2007

Transparency: Bestechung wird zu wenig verfolgt

Die deutschen Justizbehörden haben nach Einschätzung von Transparency International weiter zu wenig Kapazitäten, um gegen Firmen wegen Bestechung im Ausland vorzugehen. »Es geht ein wenig voran in Deutschland, aber noch immer müssen Unternehmen viel zu wenig fürchten, dass gegen sie wegen Bestechungen im Ausland ermittelt oder Anklage erhoben wird«, sagte ein Vorstandsmitglied der deutschen Sektion der Antikorruptionsorganisation. Nach Transparency-Angaben stieg in Deutschland die Zahl der Ermittlungsverfahren wegen Bestechung im Ausland auf mindestens 83 an, nach 43 im Vorjahr. 63 der Verfahren betreffen den Missbrauch des UN-Programms »Öl für Lebensmittel« für den Irak durch deutsche Firmen. Transparency hat in Deutschland vier Verurteilungen in den vergangenen Jahren erfasst, ein Urteil gegen Siemens ist noch nicht rechtskräftig. In den USA wurden im selben Zeitraum 67 Urteile gesprochen, allein 17 in den letzten zwölf Monaten.

aus Publik-Forum 15/2007

Atomkraft und Kinderkrebs

Der Verdacht, dass in der Umgebung von Atomkraftwerken Kleinkinder vermehrt an Krebs und Missbildungen erkranken, wird durch eine neue US-Studie bestätigt, die im European Journal of Cancer Care veröffentlicht wurde. In einer großen Analyse, in der Daten von 17 internationalen Studien aus Deutschland, Spanien, Frankreich, Japan und Nordamerika der Jahre 1984 bis 1999 ausgewertet worden waren, weisen der Medizinprofessor Peter Baker und seine Mitarbeiter ein erhöhtes Leukämierisiko in der Nähe von AKWs nach. Die Mediziner der Universität South Carolina fanden bei Kindern im Alter bis neun Jahren ein um 14 bis 21 Prozent erhöhtes Risiko, an Leukämie zu erkranken. Bis zum Alter von 25 Jahren war die Erkrankungswahrscheinlichkeit immer noch um 7 bis 10 Prozent höher, die Sterberate um 2 bis 18 Prozent. »Wir sehen uns in unserem langen Engagement, auf eine saubere Krebsforschung in der Umgebung von Atomkraftwerken zu bestehen, bestätigt«, sagt Reinhold Thiel von der Ulmer Ärzteinitiative, einer Regionalgruppe der Internationalen Ärzte zur Verhinderung des Atomkriegs (IPPNW). Zur Erinnerung: In einer 2001 von der Ulmer Ärzteinitiative initiierten und von Alfred Körblein vom Münchner Umweltinstitut durchgeführten Studie zeigten sich signifikant erhöhte Kinderkrebsraten im Nahbereich von AKWs. Auf Druck von AKW-Kritikern wurde 2001 eine große Fallkontrollstudie zum Thema Kinderkrebs beschlossen. Die Ergebnisse sollen bis Herbst 2007 vorliegen.

aus Publik-Forum 15/2007

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Lernen

Bei Barmenia gibt’s was Griffiges übers Lernen.

Dienstag, 2. Oktober 2007

Was passierte so 1967?

14. Januar:
Beim Human Bein spricht Beat-Autor Allen Ginsberg vor Zehntausenden. Das Event in San Franciscos Golden Gate Park gilt als Beginn des Summer of Love.






15. April:
Bürgerrechtler Martin Luter King führt 200.000 Demonstranten durch New York – und protestiert gegen den Vietnamkrieg. Die Friedensbewegung wir immer stärker.






28. April:
Muhammed Ali verweigert den Wehrdienst. Die Folge: Aberkennung des WM-Titels und der Boxlizenz, fünf Jahre Gefängnis und 10.000 Dollar Strafe. Ali kommt auf Kaution frei.






1. Juni:
Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ wird veröffentlicht. Das Kult-Album der „Beatles“ (bis heute 20 Millionen Mal verkauft) wird zum Soundtrack des Summer of Love.






5. Juni:
Beginn von Israels Sechstagekrieg gegen Ägypten, Jordanien und Syrien. Israel, von den USA finanziell unterstützt, erntet für den Krieg weltweite Kritik.






5. Juni:
Über Vietnam wird das 2000. Flugzeug der US Air Force abgeschossen. Allein auf amerikanischer Seite forderte der Krieg bis zu disem Tag rund 15.000 Tote und 100.000 Verletzte.





16. – 18. Juni:
Das Monterey Pop Festival wird Höhepunkt des Summer of Love. 200.000 hören Scott McKenzie, Janis Joplin (Foto), „The Who“ und Jimi Hendrix zu. Eintritt: 1$






24. Juni:
Der Spiegel“ druckt das Foto, auf dem Mitglieder der Berliner Kommune 1 eine Polizeidurchsuchung nachstellen. Das Bild wird zur Ikone des Protestes.






24. August:
Von der Galerie der New Yorker Börse läßt Kapitalismuskritiker Abbie Hoffman echte Dollar-Scheine regnen. Die Börsenhändler greifen gierig nach dem Geld.






17. Oktober:
In New York wird „Hair“ uraufgeführt. Das Musical („Let The Sun Shine in“) porträtiert die Hippie-Bewegung und beschreibt gleichzeitig die Tragik des Vietnamkriegs.






21. Oktober:
100.000 Vietnamkriegs-Gegner marschieren zum US-Verteidigungsministerium, dem Pentagon. Manche versuchen, Blumen in die Gewehre der Polizei zu stecken.






9. November:
Die erste Ausgabe des Musikmagazins „Rolling Stone“ erscheint. Auf dem Titel: John Lennon als Darsteller einer Kriegssatire.

(auch die Bilder) aus dem Magazin VIEW 8/2007

Montag, 24. September 2007

»Biotreibstoff ist Todes-Sprit«

Der brasilianische Befreiungstheologe Frei Betto protestiert gegen die Zerstörung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft
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Von Klaus Hart

Wirtschaft, Regierung und Medien trommeln für sogenannten »Biosprit«. Deutsches Kapital fließt reichlich in Brasiliens Ethanol-Produktion, die auf Zuckerrohr basiert. Doch jetzt hat der bekannte brasilianische Dominikaner und Befreiungstheologe Frei Betto angesichts des Hungers in der Welt die Herstellung von Agrotreibstoffen als unverantwortlich und unmenschlich verurteilt – sein Protest findet sogar in europäischen Parlamenten Gehör.

In einer Analyse mit dem Titel »Necrocombustiveis«, »Treibstoffe des Todes«, klagt Frei Betto an, dass der Boom bei fälschlicherweise als Biosprit bezeichneten Produkten bereits weltweit einen deutlichen Preisanstieg bei Lebensmitteln provoziere, darunter in Europa, in China, Indien und in den USA. Frei Betto, in Brasilien viel gelesener Zeitungskolumnist, Bestsellerautor mit Millionenauflagen, bekräftigt gegenüber Publik-Forum seine Argumente.

In dem Tropenland, das unter Staatschef Lula die Herstellung von Ethanol aus Zuckerrohr massiv fördert, habe die Bevölkerung im ersten Halbjahr 2007 für Nahrungsmittel dreimal so viel ausgeben müssen wie im gleichen Vorjahreszeitraum. Kaum zu glauben, aber wahr: Selbst Frischmilch kostet derzeit deutlich mehr als in den deutschen Supermärkten. Die Preissprünge sind brutal und für die Bezieher des Mindestlohns von umgerechnet 140 Euro, für Empfänger der weit niedrigeren staatlichen »Hungerhilfe« nicht zu verkraften.

Brasiliens Großfarmer indessen, so Frei Betto, stürzen sich geradezu auf das neue »Gold« namens Zuckerrohr und lassen den Anbau traditioneller Agrarprodukte beiseite. Dies wirke sich, wie in den USA, natürlich auf die Lebensmittelpreise aus. Fidel Castro habe mit seiner entsprechenden Kritik völlig recht. Weltweit gebe es derzeit rund 800 Millionen Autos – die gleiche Zahl von Menschen leide unter chronischer Unterernährung. »Also werden wir jetzt Autos füttern und dafür Menschen in den Hunger schicken. Statt Biotreibstoff haben wir Todes-Sprit: Treibstoffe, die Tod bringen.«

Der Befreiungstheologe sagt, es sei aufschlussreich, dass dennoch keine der von den Agrartreibstoffen so begeisterten Regierungen, in Europa, Brasilien und den USA, das jetzige Modell des Individualverkehrs infrage stelle. »So, als ob die Profite der Automobilindustrie tabu, unangreifbar wären.« Diese Regierungen sorgten sich nicht um einen effizienten und ökologisch vertretbaren Massentransport. Brasilien, so fordert er, dürfe sich nicht in eine »immense Zuckerrohrplantage in ausländischer Hand« verwandeln. Frei Betto erinnert dabei an den jüngsten Besuch von US-Präsident Bush in Brasilien und dessen mit Lula vereinbarte Ethanol-Kooperation. »Die USA wollen Zuckerrohrsprit importieren und unser Land als eine Rohstoffreserve fürs Betanken der US-Autos verwenden.« Die EU will nachziehen und hat mit Brasilia eine strategische Partnerschaft vereinbart.

aus Publik-Forum 15/2007

Freitag, 21. September 2007

Hungergeister

Angeregt durch konfusius’ lesenswerten Kommentar zum letzten Post »Geiz ist geil zum nächsten« und die Schwierigkeiten, die ein Freund mit seiner Freundin hat (und die auch mit ihm) einige Zitate aus Mark Epsteins Buch »Gedanken ohne den Denker«

Da es im Folgenden um Elemente aus dem Buddhistischen Lebensrad geht, ist es hilfreich (aber nicht notwendig), sich darüber zu informieren. Auf der Wikipedia-Seite gibt es ganz unten ein Link zur Seite des Dharmapala Thangka Zentrum in Bremen, die eine interaktive Seite zum Lebensrad anbieten.

Vorangestellt ein Zitat Zen-Meister Dogens


Den Buddhismus studieren, ist das Selbst studieren. Das Selbst studieren, ist das Selbst vergessen. Das Selbst vergessen, ist mit anderen eins sein.


Eines der überzeugendsten Momente der buddhistischen Sicht des Leidens ist die im Bild des Lebensrads enthaltene Vorstellung, daß die Ursachen des Leidens zugleich die Mittel zur Erlösung sind; das bedeutet, die Perspektive des Leidenden bestimmt, ob ein gegebener Bereich Medium des Erwachens oder der Gefangenschaft ist. Von den Kräften der Gier, des Ärgers und der Torheit bestimmt, verursacht unsere fehlerhafte Wahrnehmung der Bereiche – nicht die Bereiche selbst – das Leiden. Jeder Bereich enthält eine kleine Buddha–Gestalt (eigentlich handelt es sich um den Bodhisattva des Mitgefühls, dessen Streben darauf gerichtet ist, das Leiden anderer zu beseitigen), die uns auf symbolische Weise lehrt, wie wir die falschen Wahrnehmungen korrigieren können, die jede Dimension verzerren und damit das Leiden perpetuieren. Wir erfahren keinen Bereich in aller Klarheit, lehren die Buddhisten; statt dessen durchleben wir sie alle angsterfüllt; abgeschnitten von der Fülle der Erfahrung, unfähig, sie zu akzeptieren, fürchten wir uns vor dem, was wir zu sehen bekommen. So wie wir den »geschwätzigen Affen« in uns nicht zum Schweigen bringen können, so gleiten wir von einem Bereich in den nächsten, ohne wirklich zu wissen, wo wir uns befinden. Wir sind in unserem Geist befangen, kennen ihn aber nicht wirklich. Von dessen Wellenbewegung angetrieben, treiben wir dahin und mühen uns ab, weil wir nicht gelernt haben, loszulassen und frei zu schweben.
Dies ist die andere Möglichkeit, das Lebensrad zu verstehen, weniger wörtlich als psychologisch. Schließlich ist die Hauptfrage der buddhistischen Praxis die psychologische Frage: »Wer hin ich?« Ihre Beantwortung erfordert die Erkundung aller Daseinsbereiche. Diese verwandeln sich somit in Metaphern für verschiedene psychologische Zustände, wodurch das ganze Rad zur Darstellung des neurotischen Leidens wird.
Dem Buddhismus zufolge ist es unsere Furcht davor, uns unmittelbar selbst zu erfahren, die Leiden schafft. Dies schien mir immer sehr gut zu Freuds Ansichten zu passen. So behauptete Freud, der Patient

muß den Mut erwerben, seine Aufmerksamkeit mit den Erscheinungen der Krankheit zu beschäftigen. Die Krankheit selbst darf ihm nichts Verächtliches mehr sein, vielmehr ein würdiger Gegner werden, ein Stück seines Wesens, das sich auf gute Motive stützt, aus dem es Wertvolles für sein späteres Leben zu holen gilt. Die Versöhnung mit dem Verdrängten, welches sich in den Symptomen äußert, wird so von Anfang an vorbereitet, aber es wird auch eine gewisse Toleranz fürs Kranksein eingeräumt.

Der Glaube, daß Versöhnung zur Erlösung führen kann, ist grundlegend für die buddhistische Vorstellung von den Sechs Bereichen. Wir können nicht zur Erleuchtung gelangen, solange wir unserem neurotischen Geist entfremdet bleiben. Wie Freud so weitblickend bemerkte: »Auf diesem Felde muß der Sieg gewonnen werden, dessen Ausdruck die dauernde Genesung von der Neurose ist, ... denn schließlich kann niemand in absentia oder in effigie erschlagen werden.« In jedem Bereich unserer Erfahrung, lehren die Buddhisten, müssen wir klar sehen lernen. Nur dann läßt sich das Leiden umwandeln, das der Buddha als universell erkannte. Die Erlösung vom Lebensrad, von den Sechs Daseinsbereichen wird traditionell als Nirvana beschrieben und mit dem Pfad symbolisiert, der aus dem Bereich der Menschen hinausführt. Es ist jedoch mittlerweile ein grundlegendes Axiom des buddhistischen Denkens, daß Nirvana Samsara ist – daß es keinen getrennten Bereich des Buddha neben der weltlichen Existenz gibt, daß die Erlösung vom Leiden durch eine veränderte Wahrnehmung gewonnen wird, nicht durch das Überwechseln in ein himmlisches Reich.
Die westliche Psychologie hat viel zur Erhellung der Sechs Bereiche beigetragen. Freud und seine Anhänger deckten die animalische Natur der Leidenschaften auf, die höllische Natur von paranoiden, aggressiven und Angstzuständen sowie die unstillbare Sehnsucht, das orale Verlangen (im Lebensrad sind es die Hungergeister). Spätere Entwicklungen in der Psychotherapie rückten sogar die höheren Bereiche in den Mittelpunkt. Die humanistische Psychotherapie legte den Schwerpunkt auf die »Gipfelerlebnisse« (Maslow) im Bereich der Götter; die Ich–Psychologie, der Behaviorismus und die kognitive Therapie forderten das wettbewerbsfähige und effiziente Ich, das im Buddhismus im Bereich der Neidischen Götter angesiedelt ist; und die Psychologie des Narzißmus behandelte ausdrücklich die für den Bereich der Menschen so wichtigen Fragen der Identität. Jede dieser Richtungen befaßte sich mit der Rückgabe eines fehlenden Stücks menschlicher Erfahrung, eines Moments des neurotischen Geistes, von dem wir uns entfremdet haben.
Das Interesse an der Integration aller Aspekte des Selbst ist grundlegend für die buddhistische Vorstellung von den Sechs Daseinsbereichen. Wir sind nicht nur von diesen Aspekten unseres Charakters entfremdet, behauptet die buddhistische Lehre, sondern auch von unserer eigenen Buddha–Natur, von unserem eigenen erleuchteten Geist. In der Meditation kann man lernen, das ganze Material der Sechs Bereiche zu erschließen und damit alle Punkte, an denen unser Geist haftet.


Der Bereich der Hungrigen Geister


Die Hungergeister sind wahrscheinlich die eindrucksvollsten Gestalten im ganzen Lebensrad. Mit ihren verkrüppelten Gliedmaßen, dick aufgedunsenen Bäuchen und langen, dünnen Hälsen stellen diese phantomartigen Kreaturen auf vielerlei Weise die Verschmelzung von Zorn und Begierde dar. Von unerfüllten Sehnsüchten gepeinigt, verlangen die Hungrigen Geister unablässig nach unmöglichen Befriedigungen, und suchen so, alte, unerfüllte Bedürfnisse zu stillen. Es sind Wesen, die in sich eine schreckliche Leere entdeckt haben, die nicht einsehen, daß es unmöglich ist, im nachhinein etwas zu ändern. Ihr gespenstischer Zustand symbolisiert ihre Bindung an die Vergangenheit.
Außerdem können die Hungergeister, obwohl sie unheimlich hungrig und durstig sind, weder trinken noch essen, ohne daß es ihnen furchtbare Schmerzen bereitet. Ihre langen, dünnen Hälse sind so schmal und wund, daß sie beim Schlucken unerträglich gereizt werden und brennen. Ihre aufgeblasenen Bäuche können keine Nahrung verdauen; alle Versuche, den Hunger zu stillen, verstärken nur noch die Hungergefühle und das Verlangen. Die Hungrigen Geister sind unfähig, sich eine angemessene, wenn auch kurzlebige Befriedigung zu verschaffen. Sie bleiben ständig in der Wahnvorstellung befangen, sie könnten von vergangenem Schmerz vollkommen erlöst werden, und wollen nicht zur Kenntnis nehmen, daß ihr Wunsch unerfüllbar ist. Diese Menschen sind vom Wissen um die Unstillbarkeit ihres Verlangens entfremdet, sie müssen sich ihre Phantasievorstellung erst als eine solche klarmachen. Die Hungergeister müssen mit der gespenstischen Natur ihrer eigenen Sehnsüchte in Berührung kommen.
Dies ist jedoch, selbst mit der Hilfe eines Psychotherapeuten, keine leichte Aufgabe für einen Hungrigen Geist. Problemfälle aus dem Bereich der Hungergeister kommen zunehmend in die Praxis des Psychotherapeuten. Erst kürzlich war Tara, eine Professorin für französische Literaturgeschichte, meine Patientin; ihr Leben war das personifizierte Schicksal der Hungrigen Geister. Sie schilderte eine lange Reihe von Beziehungen mit anderen erfolgreichen Akademikern. Tara fing immer wieder eine leidenschaftliche Liaison zu einem Mann an, während sie noch eine Beziehung zu einem anderen hatte. Dabei hielt sie den Mann, mit dem sie gerade zusammenlebte, immer auf Distanz. Plötzlich entdeckte sie all seine Fehler und Schwächen, sie begann, das sexuelle Interesse an ihm zu verlieren und vor allem ihn daran zu hindern, sie körperlich und emotional zu berühren. Zur gleichen Zeit träumte sie schon von dem anderen, der in ihr Leben treten würde. Sexuell war sie zwar sehr erfahren, doch hatte sie nur selten einen Orgasmus und gestand ein gewisses vages Unbehagen bei Intimitäten. Sie erinnerte sich an eine unglückliche und sehr kritische Mutter, die sie als Kind selten berührt hatte und einmal sogar, als sie wegen Taras Sturheit beleidigt war, deren Teddybär zerrissen hatte. Tara kam in die Therapie, nachdem sie es zuerst mit der Zen-Meditation (Zazen) versucht hatte, vor der sie aus unerfindlichen Gründen große Angst hatte, und zwar so sehr, daß sie aus der Meditations–Halle (Zendo) flüchtete, statt still sitzen zu bleiben.
Tara bemühte sich unentwegt um die Art von Nahrung, die sie früher einmal gebraucht hatte, die jetzt für sie als erwachsene Frau aber unangemessen war. (Selbst wenn sie jemanden gefunden hätte, der sie so »gehalten« hätte, wie ihre Mutter es nie getan hat, wäre es doch unwahrscheinlich, daß sie dies sehr lange befriedigt hätte. Statt dessen hätte sie solche Verhaltensweisen als erdrückend empfunden, da sie für ihre tatsächlichen Bedürfnisse als Erwachsene irrelevant waren.) Sie fürchtete sich vor dem, was sie sich am meisten wünschte, und war unfähig, die kurzzeitigen Befriedigungen zu genießen, die ihr geboten wurden. Die Möglichkeit einer Beziehung zu einem Mann regte Tara nur dazu an, die Phantasie von einer befreienden Beziehung zu einem anderen Mann wieder aufleben zu lassen. Sie begriff nicht, daß sie ein unerreichbares Ideal konstruierte, und widersetzte sich sogar jeder Diskussion über diese Phantasien. Sie war von ihnen getrieben, zugleich aber unfähig, sich ihre Realität, geschweige denn ihre Irrealität einzugestehen. Erst als sie allmählich lernte, ihre Sehnsüchte zu artikulieren, war sie in der Lage, die schmerzlichen Kindheitserlebnisse wiederzubeleben. Von diesem Moment an schwand ihre Angst vor dem Zazen, und ihr wurde ihr zwanghaftes Bedürfnis bewußt, aus dem heraus sie diejenigen schlechtmachte, die mit ihr intim werden wollten.
In der traditionellen Darstellung des Lebensrads erscheint der Bodhisattva des Mitgefühls im Bereich der Hungergeister mit dem Gefäß der himmlischen Speise, einer Schale mit den Symbolen für spirituelle Nahrung. Die Botschaft ist klar: Essen und Trinken vermögen die ungestillten Bedürfnisse dieses Bereichs nicht zu stillen. Nur das nicht urteilende Gewahrsein, das der Buddha vervollkommnet hat, bietet Erlösung.
Diese verzweifelte Sehnsucht nach unerschöpflicher Fülle ist im Abendland weit verbreitet und firmiert in der Psychologie als »geringes Selbstwertgefühl«. Diesen Geisteszustand zu verstehen erwies sich für viele Lehrer des Buddhismus aus dem Osten als besondere Schwierigkeit im Umgang mit ihren westlichen Schülern. Das Ausmaß, in dem die westliche Psyche unter innerer Leere und Minderwertigkeitsgefühlen leidet, erschien den im Osten aufgewachsenen Lehrern überwältigend; auch werden die zwanghaften Kompensationsphantasien, die die Schüler häufig mit eben jenen Lehrern verbinden, nur selten gründlich psychoanalytisch behandelt. Genauso wie man die Leere der Hungrigen Geister erlebt haben muß, um die Stillung alter Bedürfnisse nicht mehr von ungeeigneten Quellen zu erwarten, so muß der von solchen Gefühlen geplagte westliche Schüler die Leere zum Gegenstand seiner Meditation machen. Erst dann läßt sich die Abscheu vor sich selbst in Gelassenheit überführen, eine Aufgabe, bei der Psychotherapie und Meditation einander gut ergänzen.

aus dem 1. Kapitel »Das Lebensrad – ein buddhistisches Modell des neurotischen Geistes«


Dazu zwei Absätze aus der Einleitung zum Kapitel »Die seelische Entwicklung des Kleinkindes aus psychoanalytischer Sicht« von Jochen Stork:

Der Leser wird besser verstehen, welche besondere Bedeutung die frühe Kindheit für die Psychoanalyse hat, wenn wir auf den Grundpfeiler der psychoanalytischen Lehre, auf das Unbewußte und seine spezifische Dynamik verweisen; denn ein Hauptcharakter des Unbewußten ist die Beziehung zum Infantilen – das Unbewußte ist das Infantile (Freud, VII, 401) [Hervorhebung von mir]. Mit der Entdeckung des Unbewußten hat Freud die Vorstellung, die sich die Philosophie und klassische Psychologie vom psychischen Geschehen machten, grundlegend revolutioniert. Die große Bedeutung dieser Entdeckung – die nicht ein Postulat, sondern das Ergebnis von systematischen Beobachtungen darstellt – wird erst verständlich, wenn wir uns in Erinnerung rufen, daß bis zu seiner Zeit »bewußt« und »psychisch« identisch waren (Freud, XIV, 57), man das Bewußtsein für das wesentliche Regulationssystem hielt, welches, in der Kindheit nur unvollständig ausgebildet, im Laufe der Jugendjahre seine Reife erlangt und die Grundlage für alles seelische Erleben darstellt. Neben dieser formalen Organisation existiert ein Gefühlsleben, welches seine eigenen Gesetze hat und von den Prinzipien der Bedürfnisse und Leidenschaften beherrscht ist.
Mit der Freudschen Erkenntnis kam es zu einer Umkehrung der herkömmlichen Denkkategorien und dadurch zu einer tief gehenden Verunsicherung des Menschen. Freud konnte zeigen, daß das Unbewußte die Basis allen seelischen Erlebens ist. Das grundsätzliche Infragestellen der Macht des Verstandes und des Bewußtseins und die Existenz des Unbewußten bedeutet für den Menschen eine schwer erträgliche Verunsicherung, nämlich nicht Herr im eigenen Hause zu sein, seine Gefühle und Phantasien letztlich nicht mit der Kraft des Verstandes beherrschen zu können.

aus Dieter Eicke (Hrsg.), Tiefenpsychologie, Bd. 2, aus Kindlers »Psychologie des 20. Jahrhunderts«