Donnerstag, 13. März 2008

Achtsam für das Leben

Spirituelle Praktiken boomen, doch längst nicht alle machen die Menschen gesünder. Über magische Irrwege und vier Kriterien einer Spiritualität, die wirklich heilsam ist
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Von Norbert Copray


Spiritualität ist das Zauberwort unserer Zeit. Die Angebote quellen über. Von Taizé-Gottesdiensten, Meditation über meditativen Tanz bis hin zu Handauflegen, magischen Ritualen und Feuerlauf wird so gut wie alles angeboten. Die Nachfrage wächst, denn in einer Zeit zunehmender Unsicherheit und Unübersichtlichkeit ist die Sehnsucht nach emotionaler Selbstvergewisserung groß. In der Tat kann Spiritualität die Achtsamkeit für die verschiedenen Dimensionen des Lebens verstärken und diese sogar überschreiten, also transzendieren. Viele Menschen spüren neue Gefühle und eine neuen Ebene des Denkens und Erlebens. Spiritualität kann so bei der Bewältigung des Lebens helfen. Sie vermittelt inneren Frieden und eine tiefe Verbundenheit mit anderen Menschen und mit der Natur.

Allerdings gibt es keine Spiritualität an sich, sondern unterschiedliche Wege und Formen. Doch die Breite der Angebote und Fachbegriffe darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Begriff Spiritualität missbraucht wird und dass es Fehlformen von Spiritualität gibt, die schwerwiegende Folgen haben können.

Besonders groß ist der Missbrauch des Spirituellen derzeit im Marketing. Der Kauf einer Ware wird überhöht zum Erlebnis. Es werden Mythen erfunden und Werbekulte geschaffen. Dabei geht es nicht darum, dass die Seife reinigt, sondern dass sie der Haut schmeichelt und das Lebensgefühl hebt. Die Werbewelt kennt die Sehnsucht nach emotionaler Zufuhr vieler Menschen als Ersatz für ein entleertes und ausgebranntes Innenleben – und die Werbewelt nutzt diese Sehnsucht. Spiritualität dient der Überhöhung: Die Ware wird zum Fetisch.


Spiritualität als Mogelpackung

In einem solchen Fall kann man von Pseudospiritualität sprechen: Es steht Spiritualität drauf, sie ist aber nicht drin. Spiritualität als Mogelpackung. Dazu zählen auch Wahrsagerei, Pendeltechniken, viele Bewusstseinsseminare und mancherlei Managerkurse. Dazu gehören Extremsportarten, die den Kick bringen sollen: oder Theorien, die aus der Unterscheidung von rechter und linker Gehirnhälfte eine Erlösungsideologie für fast alle Probleme des Lebens machen.

Zu dieser Form von Pseudospiritualität gehören auch die Suche nach dem Gral, sogenannte Mvthopraktiken (die Beeinflussung von Naturgottheiten durch magische Rituale), ideologisch überhöhte Formen der Homöopathie, Reiki (Handauflegen), indianische Schwitzhütten, Feuerlauf Edelsteinmagie, europäisches Tantra, Channeling (Empfang und Weitergabe von übernatürlichen Botschaften), Spiritismus, Aura Soma (kosmetische Produkte sollen eine ganzheitliche Seelentherapie bewirken) oder manche Formen der Lichttherapie.

Gemeinsam ist diesen pseudospirituellen Praktiken, dass überall das Zauberwort »Magie« auftaucht, Viele, die solche Formen von Spiritualität praktizieren, werden sagen: Was ist das Problem, wenn es mir hilft? Doch das greift zu kurz, Denn: Das Bedürfnis nach außergewöhnlichen Erfahrungen wird hier auf bestimmte Objekte und Prozesse geleitet, denen ein quasi heiliger Status zugesprochen wird. Bewusstseinserweiternde Erlebnisse, das natürliche Bedürfnis nach Entgrenzung und die Übersteigung des Alltäglichen werden miteinander verbunden, um das Besondere zu erfahren. Dies heißt nichts anderes als: zu erfahren, selbst etwas Besonderes zu sein. Wer sich in diesen Praktiken verliert, kann – wie Erfahrungen zeigen – krank werden und den Kontakt zur Umwelt verlieren.


Gefährlicher Narzissmus

Dazu kommen neurotische Formen von Spiritualität. Sie treten dann auf, wenn »spirituelle« Menschen in, hinter und über allem ihr eigenes großes Selbst erblicken oder erblicken müssen. Hier wird eine zunächst gesunde Selbstliebe (Narzissmus) pathologisch aufgebläht. Diese Spiritualität kreist nur um das eigene Selbst. Sie ist denn auch das Gegenteil von christlicher Spiritualität, die gerade dazu auffordert, sich nicht auf das eigene Leben zu fixieren – weil man es dann verliert.

Doch in manchen spirituellen Szenen wird der Narzissmus geradezu kultiviert. Ständig ist vom Selbst die Rede, das es zu entdecken gelte und mit dem man in eine harmonische Beziehung treten müsse. Dies kann narzisstisch bedürftige Menschen in eine pathologische Spiritualität verwickeln. Was die Menschen zeigen, ist ihre Selbstbeschädigung, ist die Verletzung ihres Selbst, ihr Mangel an Selbst(-Bewusstsein). Die Bewältigung dieser belastenden Situation besteht jedoch nicht darin, einen Selbst-Kult zu entwickeln und ihn Spiritualität zu nennen. Hier wäre eher psychotherapeutische Arbeit im Sinne des Dreischritts »Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten« vonnöten, um spirituelle Kompetenz überhaupt erst zu erwerben.

Des Weiteren gibt es die psychotische Spiritualität. Eindrückliches Beispiel ist der Satanismus, die Verehrung des Teufels beziehungsweise des Bösen. Da setzt ein religiöser und politischer Fanatismus ein, der auch in den Religionen und Kirchen auftaucht. Aus der Unfähigkeit, die natürlichen Grenzen des Lebens und Beschränkungen des Denkens anzuerkennen, wird eine Tugend gemacht. Menschen, die solche oder ähnliche Spiritualitätsformen praktizieren, verlieren häufig die Bodenhaftung, finden sich in ihrer Umwelt immer schlechter zurecht, werden an sich und an anderen irre – und erheben dann die Verrücktheit zum Lebensprinzip. Oft werden solche Formen von Spiritualität von Einzelnen oder kleinen Kadergruppen inszeniert, die sie für Macht, Sex und Profit ausnutzen.

Wer sich von bösen Mächten, von Dämonen und Teufeln, von zu beschwörenden Kräften, denen geopfert werden muss, umstellt sieht und auf diese mit Spiritualität »reagieren« zu müssen glaubt, lebt eine spirituelle Neurose oder wird durch solch einen Glauben neurotisiert. Da wird Spiritualität zum Ausdruck von Zwang – und damit zum Gegenteil dessen, wozu sie Jesus und auch Buddha – bestimmt haben: nämlich zur Befreiung von Zwängen, zum Loslassen jeglicher Wahnvorstellungen und Konflikte, zur Auslöschung der Dämonen.

So ist es irreführend, Spiritualität von vornherein mit Gesundheit oder einer gesund machenden Lebensform gleichzusetzen. Viele Angebote treten mit spirituellem Anspruch auf, sogar mit therapeutisch-spirituellem Anspruch. Sie finden viele Anhänger – und können doch krank und abhängig machen, bedienen nur die Begierde nach der schnellen Verfügbarkeit von Gesundheit und Vollkommenheit, anstatt das Bewusstsein dafür zu bahnen oder wachzuhalten, dass zum Leben stets Einschränkungen und Begrenzungen zählen.


Norbert Copray
________________________ist Theologe, Psychotherapeut und geschäftsführender Direktor der Fairness-Stiftung in Frankfurt Er verantwortet das Buchlektorat von Publik Forum und ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher.


Spiritualität, die wirklich hilft


Spätestens jetzt stellt sich die Frage: Gibt es Kriterien für eine menschlich verantwortbare Spiritualität? Zunächst: Spiritualität in stets ein Suchprozess. Sie ist Auseinandersetzung mit Erfahrung, mit Irrtum, Glaube, Gewissheit und Gefährdung. Sie ist ständiges Wagen und Wägen, befindet sich stets auf der Grenze von wilder und zivilisierter Religion. Daher gehören zur Spiritualität Fehl- und Mangelformen, Umbrüche und vielerlei Versuche. Wer nicht sucht, wird auch das Gute nicht finden und behalten können. Wer jedoch die angeblich reine, unverdächtige, dogmengerechte Spiritualität will, macht der Spiritualität letztlich den Garaus, Schaut man auf die Geschichte des Christentums, so erscheinen vier Kriterien für eine »gesunde« Spiritualität hilfreich und verlässlich:

1. Heilsamkeit: Der Mensch als Mängelwesen und als verletztes Kind kommt zur Ruhe, findet zu sich selbst, zentriert sich, setzt sich in Beziehung zu sich selbst, lässt sich von anderen Menschen ansprechen, berühren und seine Verletzungen beruhigen, entwickelt Durchstehvermögen in Krisen, verliert die Angst um sich selbst. Die Gefahren dabei sind: Selbstgenügsamkeit, Isolation, kultureller Autismus, Verklärung von Krankheit, Spiritualität als Heilungsersatz, Verwechslung von Therapie und Spiritualität; dauerhafte Kuschelnischen, Hass auf jene, die den eigenen Weg nicht teilen.

2. Entfaltung: Es geht darum, die Anlagen und Potenziale im Menschen, in der Schöpfung und in der Geistigkeit des Lebens zu entdecken, die Fülle des Lebens wahrzunehmen und ihr zum Ausdruck zu verhelfen. Das heißt: sich von der Fülle des Lebens berühren zu lassen: ein kommunikatives Leben zu führen, um sich darin auch selbst zu entfalten: kreativ zu leben, Ideenreichtum zu entwickeln und Zeiten der Muße zuzulassen. Risiken gibt es dabei allerdings auch: übersteigerte Formen der Kreativität bis hin zum »Schöpfungswahn«, das Aufgehen in einer Gruppe, Sektenmentalität, Gehorsamsbereitschaft ohne Bereitschaft zum Widerspruch.

3. Bewahrung: Der spirituelle Mensch sieht die Zufälligkeit des Lebens, ohne deswegen die Chancen der Lebenserhaltung zu vertun. Er sucht Geborgenheit, findet sie und gibt sie weiter; er schafft in der Gesellschaft Biotope und Oasen gegen die Todeswüsten, er setzt sich konstruktiv mit der Erfahrung auseinander, dass die Welt zufällig und begrenzt ist; er stillt sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit; er gibt anderen Heimat. Doch auch hier lauern Fehlformen: Stillstand und Versenkung als Versteck, weil man Angst vor dem Tod hat und vor jeglicher Bedrohung; es werden apokalyptische Bilder geschürt, um das eigene Seelenheil gegen das körperliche Heil und das Heil der Schöpfung auszuspielen; es entsteht ein Heimat-Wahn.

4. Befreiung: Dieses Kriterium entspricht der Sehnsucht des Menschen und der Schöpfung nach Freiheit. Selbstbestimmung und Eigenwert werden anerkannt und im Alltagsleben ermöglicht. Aktion und Kontemplation werden nicht als Gegensätze in der Spiritualität verstanden, sondern als zwei notwendige Dimensionen, damit Spiritualität ganzheitlich wird. Im schlechtesten Fall führt diese Haltung zur Abkehr von einer ganzheitlichen Sicht und zu einer Verabsolutierung bestimmter Befreiungswege, die dann religiös überhöht werden; zur Vortäuschung geistiger Freiheit und Andersheit bei gleichzeitigem totalitären Autoritarismus; oder zur Entfremdung von der Welt, zu Illusion und Anarchie.

Leicht werden wie ein Schmetterling: Heilsame Spiritualität kann befreien

Die Heilsamkeit einer spirituellen Lebensweise ist ein ganz entscheidender Maßstab für eine menschlich verantwortbare Spiritualität. Spiritualität, die nicht zur Gesundheit des Menschen beiträgt, verdient diesen Namen nicht. Zur Gesundheit gehören nicht nur das körperliche und das seelische Wohlbefinden, sondern auch die soziale und politische Gesundwerdung. Insofern sind der Befreiungs- und der Entfaltungsaspekt einer verantwortbaren Spiritualität eng mit dem Heilsamkeitsaspekt verbunden. Wo das Leben als begrenzt erfahren wird und Tränen ohne Ende fließen oder fließen könnten, ist die spirituelle Lebensform die therapeutisch wirksame Bewältigung dieser Erfahrung. Spiritualität geht dabei über die Psychotherapie hinaus und bewirkt eine tiefere Einsicht in die Existenzbedingungen des Menschen und in das Sein des Kosmos.

Das muss nicht zwangsläufig zu einer Versöhnung mit der Welt führen. Weder Jesus noch Buddha erklärten sich aufgrund ihrer spirituellen Lebensform einfachhin mit dem Zustand der Welt und der menschlichen Existenz einverstanden. Im Gegenteil! Beide fanden die Einsicht und die Kraft, Perspektiven für eine Erlösung beziehungsweise eine Erlöschung des Leidens in und an der Welt zu entwickeln. Doch sie wurden dadurch weder zu Politikern noch zu Medizinmännern. Vielmehr wurde ihre spirituelle Erfahrung zur Schlüsselerfahrung für viele andere Menschen, die in ihr eine Perspektive für den Umgang mit der metaphysischen Dimension des Leidens und der Angst sahen und sie deshalb zum Ausgangspunkt einer neuen Religion für alle erklärten •


Vier Formen der Spiritualität

In der Geschichte des Christentums haben sich vier Grundformen gelebter Spiritualität ausgebildet. Zusammen ergeben sie eine Vollgestalt christlicher Spiritualität:

• Da ist die mystische Dimension – klassisch Via negativa, der negative Weg, genannt. Hier wagt es der Mensch, sich dem Dunkel des Lebens auszusetzen, leer zu werden, um erfüllt zu werden. Mystiker, Beter und Schamanen stehen für diesen Weg.

• Da ist die ästhetische Dimension – traditionell Via positiva, der positive Weg, genannt. Hier geht es darum, hinter die Oberfläche der Dinge zu schauen, wahrzunehmen, was die Welt im Innersten zusammenhält und verbindet. Von dieser Dimension der Spiritualität lassen sich vor allem seherisch begabte und empfindungsstarke Menschen faszinieren.

• Da ist die praktische Dimension – die Via creativa, der kreative Weg. Er entgeht vielen Menschen, weil sie zum Beispiel Künstler, Dichterinnen oder Gärtnerinnen nicht als spirituelle Gestalten verstehen können, die durch ihren Ideenreichtum und ihre kreative Arbeit spirituell
leben.

• Und schließlich ist da die ethische Dimension – die Via transformativa, der transformierte Weg. Er wird von Propheten, Kämpfenden und Protestierenden gegangen, indem sie sich den Bedürftigen zuwenden und sich dort engagieren, wo sie sich angefragt und gefordert fühlen. • Norbert Copray

aus Publik-Forum 1•2008


Eine der Geschichten, die hier von Nansen (Nanch’üan P’u-yüan, 748 – 834) berichtet wird, erklärt treffend die Haltung eines Meisters dem Leben gegenüber und gibt uns selbst heute noch ein gutes Beispiel, das uns Zen-Leben lehrt. Ich liebe diese Geschichte sehr und empfehle den Lesern, gerade diese beim ZenStudium im Gedächtnis zu behalten.

Als Nansen auf dem Feld arbeitete und Gras mit seinen Manchen schnitt, fragte ihn ein vorbeikommender Mönch: »Wo geht der Weg zum Nansen-Kloster?« Der Wandernde wußte natürlich nicht, daß der Mann, den er fragte, der Meister Nansen selbst war. Dieser hielt seine Sichel lässig hoch und sagte: »Ich zahlte 30 Geldmünzen dafür!«, als ob er die Frage des Mönches nicht gehört hätte. Es muß nicht betont werden, daß der Meister vom Nansen-Kloster genau wußte, was der Wanderer hören wollte, aber er wollte ihm vor allem klarmachen, daß die Beschäftigung mit Zen keine Anhäufung von abstrakten Kenntnissen ist oder Erfahrung auf den Abwegen philosophischer Gespräche bedeutet. Zen ist praktisches Leben in diesem Augenblick. Deshalb führt der Pfad zum Nansen-Kloster nicht über philosophisches Verständnis, sondern über die Wirklichkeit der Sichel in der Hand.

Wir können voraussetzen, daß der wandernde Mönch keineswegs ein Zen-Anfänger war, sondern schon über bestimmte Erfahrungen verfügte. Deshalb wollte er hören, was Nansen weiter sagen würde, und fuhr fort: »Ich habe nicht nach dem Preis deines Werkzeuges gefragt, ich wollte den Weg zu Nansen erfahren.« Erneut überging der Meister offensichtlich die Frage, zumindest im wörtlichen Sinn, und sagte: »Sie schneidet sehr gut.«

Daisetz T. Suzuki in der Einführung zu Zenkei Shibayama, Zen in Gleichnis und Bild, O.W. Barth Verlag 2000, S. 11f.


Mittwoch, 12. März 2008

Interessante Links

Bei meinen Recherchen stoße ich immer wieder auf interessante Seiten, die ich Euch nicht vorenthalten möchte. Wie auch über den Links links erwähnt: für deren Inhalt bin ich nicht verantwortlich.

Hackemesser
Umweltbrief
Perlentaucher
Politblog.net
NachDenkSeiten
Infokrieg.tv
United Mutations
Pfui.ch
(wird fortgesetzt)

hier gibt’s auch ein Linkverzeichnis:
nwo-fighter.info/toplist (sogar mit Bewertung; Danke für den Tip!)

Zehn Gebote für den klugen Umgang mit der EDV

Im Jura-Archiv der Universität Saarbrücken gibt’s manche interessante Sachen. Z.B. die hier:

Maximilian Herberger, Zehn Gebote für den klugen Umgang (vielleicht nicht nur) des Juristen mit der EDV, zwar schon aus dem Jahr 1993, aber immer noch aktuell:

"Jedes Zeichen war eine Zahl. Für eins machst du ein Zeichen, für zwei ein anderes, für drei wieder ein anderes, und so weiter." "Wozu?" "So konnten die Leute ohne Computer rechnen. Natürlich mußten sie wissen, was die verschiedenen Zeichen bedeuteten. Mr. Daugherty sagt, daß früher alle Kinder diese Zeichen lernen mußten. Sie wurden auf Papier gemalt, das nannte man 'schreiben'. Und das Entschlüsseln nannte man 'lesen'. Er sagt, früher hätten die Leute ganze Bücher in solchen Zeichen geschrieben, und es gäbe noch welche im Museum, und wenn ich wollte, könnte ich sie mir ansehen. Ich habe schon alle Zahlen bis neun gelernt."

(Isaac Asimov, Der Märchenerzähler, in: Schlaue Kisten machen Geschichten, hrsg. v. Ruth J. Kilchenmann, o.O. 1977, S. 217 -226, 223.)



Vorbemerkung

Die Juristen erheben mit der Bezeichnung "Jurisprudenz" den Anspruch, über eine praxisorientierte Klugheitslehre für den Umgang mit dem Recht zu verfügen. Soll der EDV-Einsatz der Juristen mit diesem Anspruch Schritt halten, sind Anstrengungen unumgänglich, auch für diesen Teil der juristischen Tätigkeit Klugheitsstandards zu entwickeln, die dem entsprechen, was die Juristen für den Umgang mit dem Recht postulieren. Der Akzent liegt dabei ebenso auf "Klugheitslehre" wie auf "praxisorientiert". Für das ausschließlich theoriegeleitete Bemühen auf dem Gebiet der Rechtsinformatik mag manches (wenn auch nicht alles) anders aussehen als hier empfohlen.


1. "If it ain't broken, don't fix it"
2. Übe Dich in der Software-Askese,
oder: Nicht jede neue Version verdient Aufmerksamkeit
3. Wappne Dich gegen den zufälligen Wandel (so gut es geht),
oder: Richte den Blick, auf das, was bleibt
4. Beachte den Primat des zu Erledigenden,
oder: Das Mittel ist nur Mittel zum Zweck
5. Wähle das richtige (im Sinne von: zweckadäquate) Mittel
6. "Small is beautiful",
oder: Vom eigenen Charme des Unaufwendigen
7. Tue nicht alles selbst
8. Versuche zu verstehen, was das Programm tut
9. Bewahre die Fähigkeit,
das tun zu können, was das Programm tut
10. Bleibe Herr der Dinge


1. "If it ain't broken, don't fix it"

Der unter amerikanischen Programmierern beliebte Satz, daß man etwas Nicht-Defektes nicht reparieren soll, gehört an den Anfang jeder EDV-Klugheitslehre. Immer wieder wird man erleben, daß angesichts einer nicht mit erkennbaren größeren Fehlern behafteten EDV-Lösung ein Spezialist (manchmal ein selbsternannter) auf den Plan treten wird, der mit großer Überzeugungskraft behauptet, man könne all dies wesentlich eleganter bewerkstelligen. So sehr das Streben nach höherer Eleganz ein Antriebsmoment für den Theorienfortschritt sein mag, so sehr sollte man sich in der Praxis im Regelfall diesem Ansinnen entgegenstellen. Denn häufig endet die Verschönerung eines angeblich allzu hausbackenen (aber immerhin nicht ersichtlich fehlerhaften) Programms bei einem wirklich fehlerhaften Programm (mindestens für einen nennenswerten Zeitraum). Rechnet man dann die Vorteile des Erreichten gegen den Aufwand bis dorthin, wird man sich schmerzlich daran erinnern, daß "If it ain't broken, don't fix it" wirklich eine Klugheitsmaxime ist.

2. Übe Dich in der Software-Askese,
oder: Nicht jede neue Version verdient Aufmerksamkeit

Die Entwicklungszyklen im Software-Bereich werden immer kürzer.
Eine neue Version jagt förmlich die andere. Wer über eine nennenswerte Anzahl von Programmen verfügt, kommt mit dem "Updaten" (so sagt man) nicht nach. Die Klugheit fragt danach, ob man sich dieser scheinbaren Zwangsläufigkeit aussetzen muß, und antwortet verneinend. Der (zugegebenermaßen einfache) Grund liegt darin, daß das Neue nicht per se als das Bessere oder Geeignetere angesehen werden kann, weswegen man ein Prüf-und Auswahlprinzip benötigt. Dieses könnte lauten: Wenn die Version des Programms, das Du einsetzt, alles von ihm Erwartete und für die Arbeit Nötige in ausreichend benutzerfreundlicher Weise leistet, besteht kein Anlaß, sich durch eine neue Version beunruhigen zu lassen. Umgekehrt: Nur wenn das verwendete Programm Mängel hat oder bezogen auf notwendige Arbeitsziele Defizite aufweist, besteht Anlaß, eine neue Programmversion daraufhin zu prüfen, ob sie diesbezüglich besser abschneidet.

(Um möglichen Mißverständnissen vorzubeugen: Es versteht sich von selbst, daß unnötige Umständlichkeiten im Bereich der Handhabung zu den Restriktionen gehören, deren Überwindung angezeigt ist, so daß hier der Software-Fortschritt zu prüfen bleibt. Aber auch da gilt: Das Neue ist nicht per se software-ergonomisch gelungener als das Alte.)

Software-Askese1 steht im übrigen mit der alten Tugend der Sparsamkeit in einem engen inneren Zusammenhang, was beweist, daß alte Moralphilosophie auch kategorial Neuem (wie der Software) gewachsen sein kann: Man kann sparsam mit den Ressourcen umgehen, weil nicht jede Aufforderung zu erhöhtem Verbrauch (um nicht zu sagen: zur Verschwendung) auf zweckbedingter Notwendigkeit beruht.

3. Wappne Dich gegen den zufälligen Wandel (so gut es geht),
oder: Richte den Blick, auf das, was bleibt

Spektakuläre Firmenübernahmen und überraschende Produktionseinstellungen machen immer wieder darauf aufmerksam, von welchen Zufälligkeiten der EDV-Anwender abhängt und unter welcher Bedrohung das für ein bestimmtes kommerzielles Programm eingesetzte Zeitbudget steht. Hat ein Programm den Konsolidierungsgrad erreicht, von dem eben die Rede war, so mag man sich damit beruhigen, daß weitere Entwicklungen ohnehin für die eigene Arbeit nichts entscheidend Besseres hätten erbringen können. Hat man sich aber aus wohlerwogenen Gründen, was auch oft vorkommt, für ein noch nicht ganz ausgereiftes Produkt entschieden, und dies im Vertrauen auf die Weiterentwicklung, so wird man von der Produkteinstellung oder dem Übergang des Produkts an eine Firma, die es kaum noch pflegt, schmerzlich betroffen.

Die Diagnose ist klar, die Therapie nicht einfach: Gibt es klugheitsorientiert überhaupt eine Möglichkeit, sich gegen derartige Wechselfälle des Lebens und der Wirtschaft zu wappnen? Es gibt sie, wenn auch nicht im Sinne eines Patentrezepts, sondern nur als heuristische Regel, die die Wahrscheinlichkeit, unangenehm überrascht zu werden, in nennenswerter Weise verringert.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, daß man sein Gespür für dauerhafte Strukturen schärft. Einer Firma zu vertrauen, mag sie noch so groß und noch so alt sein, ist risikoreicher, als sich auf übergreifende Kooperationszusammenhänge zu verlassen. Derartige Kooperationen mit einem allemal haltbareren verzweigteren Wurzelwerk trifft man beispielsweise im Bereich der "Public Domain"-Software an. Der Hinweis auf Donald Knuth's TEX mag genügen um zu veranschaulichen, was gemeint ist (vgl. für eine Kurzcharakteristik meinen Beitrag "Software für juristische PC-Räume" in: Eberle, Informationstechnik in der Juristenausbildung, München 1989, S. 83 -113, 92f.). Die weltweite "TEX-community" ist - wie die bisherige, gar nicht so kurze Geschichte zeigt - gegen Wechsel im Hard- und Software-Bereich recht resistent und produziert rund um TEX immer wieder angemessene und innovative Lösungen - meist übrigens dem Geist der "Public Domain" entsprechend altruistisch. Man ist vor diesem Hintergrund versucht, die Hilfsregel zu erwägen, daß das Uneigennützige mehr Aussicht auf Bestand hat als das Eigennützige.

4. Beachte den Primat des zu Erledigenden,
oder: Das Mittel ist nur Mittel zum Zweck

Wer kennt nicht die folgende Situation: Anläßlich der Erledigung einer Aufgabe mit Mitteln der EDV verhält sich das Gerät oder das Programm an einer Stelle nicht so, wie es sollte. Man kann diesen unerwarteten Zustand leicht umgehen und das Ziel auf diesem naheliegenden Umweg nur mäßig umständlicher erreichen. Trotz dieses naheliegenden "workaround" (ein in EDV-Kreisen bis hin zu AGB's nicht ohne Grund zunehmend beliebter werdender Ausdruck) liefert man sich ein gnadenloses Duell mit dem Rechner, bis er das Gewollte genau so wie gewollt tut. Ein wenig trägt dieser erbitterte Kampf Züge von "Er oder ich", als müsse man als Herr und Meister dem Instrument sogar in den Einzelheiten der Ausführung den eigenen Willen aufzwingen. Hin und wieder mag das zu Lernzwecken nützlich sein. Auf's Ganze gesehen ist es unvernünftig, weil das eigentlich zu Erledigende, dem schließlich der Primat zukommt, dabei aus dem Blick gerät.

5. Wähle das richtige (im Sinne von: zweckadäquate) Mittel

Die Faszination der EDV-Technologie verführt oft dazu, sich bei der Erreichung eines Ziels interessante technische Möglichkeiten zunutze zu machen, die den Scharfsinn herausfordern, aber im Vergleich mit anderen Mitteln ganz unzweckmäßig sind.

Ein (durchaus nicht fiktives) Beispiel mag diese Behauptung veranschaulichen: Ein Schriftsatz für einen Korrespondenzanwalt ist mittels Textverarbeitung erstellt worden. Mit Hilfe eines anspruchsvollen Fax-Programms wird dieser Schriftsatz nun direkt aus der Textverarbeitung an den Kollegen gefaxt. Dieser setzt OCR-Software ein, um das zugefaxte Bild (Fax übermittelt Bilddateien) wieder in den Text zurückzuverwandeln, der es einmal war, um dann mit der Textverarbeitung eine Überarbeitung vorzunehmen. Angesichts der Tatsache, daß man Texte von Rechner zu Rechner (übrigens sogar über das normale Telefonnetz) direkt als Text übertragen kann, ist das eine ganz unangemessene Verfahrensweise. Wer aber die Personen aus dem Beispiel einmal begeistert über den von ihnen betriebenen Aufwand hat sprechen hören, wird das Postulat der Auswahl des zweckadäquaten Mittels bei aller Selbstverständlichkeit der Einschärfung für Wert halten.

6. "Small is beautiful",
oder: Vom eigenen Charme des Unaufwendigen

Wenn eben für die Wahl des zweckadäquaten Mittels votiert wurde, so ist darin implizit auch die These enthalten, daß nicht mehr Aufwand getrieben werden darf, als es der Zweck erfordert. Trotzdem verdient dieses Corollarium im Sinne der Verdeutlichung eine zusätzliche Betrachtung.

Wieder soll ein Beispiel in die Problemlage einstimmen. Setzen wir den Fall, daß ein Jurist einen Text erstellen will, der außer einfachen Auszeichnungen wie Fett oder Kursiv keine weiteren Gestaltungsmerkmale enthält. Es ist heutzutage nicht mehr selten, daß er zu diesem Zweck einen Rechner mit 8 MB Hauptspeicher und graphischer Benutzeroberfläche anwirft und dann ein hochkarätiges Textverarbeitungsprogramm aufruft, das überdimensional viel mehr erlaubt, als vorliegend gefordert ist.

Ist es schädlich, so zu verfahren? Man sollte sich das hin und wieder bewußt fragen, da es nicht nur um die ästhetische Qualität der unaufwendigen einfachen Lösung geht, sondern zusätzlich um die Frage der Ressourcen-Verschwendung. Und wie so oft, erweist sich das Sparsame auch unter anderen Aspekten als das Nützliche: Nicht selten ist die "kleinere" Lösung auch unter sekundären Aspekten wie Geschwindigkeit, Stabilität, Bedienungsleichtigkeit etc. die bessere.

7. Tue nicht alles selbst

Arbeitsteilung ist nicht ohne Grund entstanden und hat als Spezialisierung meist ihren Nutzen. Immer leistungsfähigere Programme entfalten eine gegenläufige Tendenz und verführen dazu, alles selbst machen zu wollen. In einer Karikatur, die ich kürzlich sah, meint ein Manager in diesem Sinne: "Mein neues Programm erlaubt es mir, Texte so zu schreiben, wie dies früher meine Sekretärin getan hat, sie so zu gestalten, wie dies früher unsere Hausdruckerei getan hat, zu buchen, wie dies früher mein Buchhalter tat ... (usw.)". Jeder mag in dieses Schema selbst die Beschreibung dessen einsetzen, was er früher nicht selbst getan hat, nun aber mit Mitteln der EDV meint selbst tun zu müssen (und zu können). Sicher ist es gut, dazuzulernen und sich neue Tätigkeitsfelder zu erschließen. Nur muß man sich dabei darüber im Klaren sein, daß das Programm, das anscheinend (und manchmal sogar nur scheinbar) all dieses Neue erlaubt, nicht auch noch durch eine Art Osmose die für ein Anwendungsumfeld nötige Kunstfertigkeit und das dort geforderte handwerkliche Können mit vermittelt. Die Wahrheit dieser These ist etwa beim Desktop-Publishing allerorten zu beobachten: Die vielfältigen Möglichkeiten, das Aussehen eines Textes zu gestalten, werden oft exzessiv genutzt, ohne daß dieser Gestaltungsdrang durch das Wissen moderiert würde, das sich ein guter Setzer in langer Ausbildung und Übung erworben hat. Deshalb wäre es oft besser, ohne entsprechende Ausbildung die Textgestaltung den dafür Kundigen zu überlassen.

Wie viele Klugheitsregeln, so ist auch die eben behandelte in Gestalt des Sprichworts "Schuster, bleib bei Deinem Leisten" dem Volksmund wohl vertraut (was nicht gegen sie spricht).

8. Versuche zu verstehen, was das Programm tut

Je "mächtiger" (so sagt man heute gerne in EDV-Kreisen) Software wird, desto mehr ist die Fähigkeit des Anwenders gefährdet, zu verstehen, was das Programm im Einzelfall wie tut. Das Phänomen hat seine Vorläufer in einfacheren Zusammenhängen: Spätestens seit es Taschenrechner gibt, dürfte die Fähigkeit, bestimmte Berechnungen im Kopf oder auf Papier durchführen zu können, zu einer gefährdeten Kulturtechnik geworden sein. Und wem kann man beispielsweise heute noch zutrauen, daß er in der Lage wäre, eine Quadratwurzel ohne andere Hilfsmittel als Papier und Bleistift auszurechnen?

Doch das sind, wie gesagt, nur die Vorläufer des Problems, das heutzutage auf uns zukommt. Es gibt Juristen, die berechnen als notwendige Vorfrage für die juristische Behandlung des möglicherweise sittenwidrigen Kredits mit EDV-Instrumenten Zinssätze von Ratenkrediten, ohne zu wissen, was sich dabei im einzelnen abspielt. So ist man dem Instrument hilflos ausgeliefert - und das erweist die Redeweise von der "mächtigen" Software in einer hintergründigen zweiten Lesart in dem Sinne als zutreffend, daß wir uns den Zwangsläufigkeiten der Instrumentarien ausliefern, uns von ihrer "Macht" überwältigen lassen. Was aber, wenn die Programme Fehler machen und wir mangels Verständnisses gar nicht mehr ahnen, daß dem so sein könnte? Nebenbei bemerkt: Gerade bei dem Beispiel der Programme zur Berechnung von Ratenkrediten ist die Frage nicht nur rhetorischer Art.

9. Bewahre die Fähigkeit,
das tun zu können, was das Programm tut

Von der Kompetenz, im Prinzip angeben zu können, was ein Programm wie bewerkstelligt, ist die (weitergehende) Fähigkeit zu unterscheiden, auch selbst das tun zu können, was das Programm tut. Insofern ist dieses Postulat eine Verschärfung des vorhergehenden. Eine Geschichte (es ist eine Science-Fiction-Erzählung, deren Fundstelle ich nicht mehr verifizieren kann) mag veranschaulichen, worum es geht: In ferner Zukunft ist auf einem entlegenen Planeten ein riesiges Raumschiff mit Tausenden von Besatzungsmitgliedern zur Notlandung gezwungen gewesen, weil die EDV-Anlage für die Kursberechnung ausgefallen war. Es bricht große Verzweiflung aus, man sieht sich rettungslos verloren. Doch dann entwickelt jemand den Plan, durch geschickte Verteilung von Rechenaufgaben die Berechnung des Rückflugkurses so zu organisieren, daß alle an Bord wie Rechenwerke eines Großrechners kooperieren. So gelingt das bewußtseinsmäßig schon nicht mehr als reale Möglichkeit Präsente: Die Erledigung einer Aufgabe durch Menschen, die nur noch "dem Rechner" zugetraut wurde.

Die Möglichkeit des Erfolges "in fabula" beruht zum einen darauf, daß das vorhergehende Postulat realisiert war. Das Know-How für Kursberechnungen war an Bord des Raumschiffs vorhanden. Hinzukommen muß aber bei komplexeren Aufgaben eine Menge von handwerklichem und arbeitsorganisatorischem Wissen. Das prinzipielle "Gewußt wie" ist notwendige, nicht jedoch auch hinreichende Bedingung für das "Gewußt was". Eine milde Sicht der Dinge könnte geneigt sein, der darin liegenden Ausweitung des Pflichtenkatalogs auszuweichen und es bei der Forderung nach begleitendem prinzipiellen Verstehen bewenden zu lassen. Doch liefe auch das auf eine Abdankung als Herr des Geschehens hinaus, hieße es doch, daß die Wegnahme der EDV-Hilfsmittel die Unmöglichkeit eigenständiger Problemlösung nach sich zieht. An dieser Stelle ist ein Punkt erreicht, wo man sich fragen muß, ob wir nicht in größeren Organisationszusammenhängen sozial schon den Zustand erreicht haben, dem das eben besprochene Postulat entgegenwirken soll: Gibt es nicht bereits Bereiche, wo die Dinge so organisiert sind, daß bei Ausfall der EDV die geschuldete Arbeit gar nicht mehr erbracht werden könnte (und nicht nur langsamer oder mühevoller)? So wichtig es ist, dieser Frage nachzugehen, so wenig darf man sich durch diese globale Fragestellung davon ablenken lassen, daß man es am eigenen PC-Arbeitsplatz, im Bereich der eigenen "Organisationshoheit" nicht dahin kommen lassen sollte, weniger kompetent zu sein als der Rechner. Oder, wie Dreyfus und Dreyfus es ausdrücken:

"The chips are down, the choice is being made right now. And at all levels of society computer-type rationality is winning out. Experts are an endangered species. If we fail to put logic machines in their proper place, as aids to human beings with expert intuition, then we shall end up servants supplying data to our competent machines. Should calculative rationality triumph, no one will notice that something is missing, but now, while we still know what expert judgement is, let us use that expert judgement to preserve it" (Hubert L. Dreyfus/Stuart E. Dreyfus, Mind over machine: The power of Human Intuition and Expertise in the Era of the Computer, New York: The Free Press 1986, S. 206; vgl. dazu Marion Drücker, Informatik und Recht 1987, S. 165 - 168, 205 - 209).

10. Bleibe Herr der Dinge

Sucht man nach einer Meta-Regel, die das bisher Erörterte zusammenfaßt, so bietet sich das Souveränitätspostulat "Bleibe Herr der Dinge" an. Es bliebe ohne Entfaltung im Einzelnen zu pauschal, hat aber als Merkposten für im Detail Begründetes durchaus seine Bedeutung. Auch dazu eine (diesmal selbsterlebte) Geschichte.

In einem EDV-Geschäft in der Nähe von Münster, das es mittlerweile konkursbedingt schon lange nicht mehr gibt, erscheint ganz in Ledermontur ein Motorradfahrer und erkundigt sich nach einem Gerätetreiber, den es - wie man ihm sagt ñ nicht gibt. Darauf erwidert er gedankenschwer: "Ich könnte den Treiber ja schlimmstenfalls selber schreiben, wenn ich nur wüßte wie."

Ja, wenn wir eines Tages nicht mehr wissen wie - was wäre dann (vgl. das vorangestellte Zitat)?


*Diese Überlegungen wurden bei der Eröffnung des Deutschen EDV-Gerichtstages 1993 in Saarbrücken vorgetragen und sind hier nur geringfügig erweitert worden. Die Vortragsform ist beibehalten.

1 Erfreulicherweise hat gerade dieser Punkt bereits Resonanz in der Praxis gefunden; vgl. Dieter Schmidt, Grußwort zur Marburger Fachtagung "Die zweite Geburt der Rechtsinformatik", jur-pc 1993, S. 2344 - 2346, 2345.


Regierung reagiert auf Atommüll-Skandal

Jahrelang haben Atomkraftgegner alle Hebel in Bewegung gesetzt, um auf die vom Atommüllager (ich schreibe das jetzt nicht mit drei »L« hintereinander) Asse bei Wolfenbüttel ausgehenden akuten Gefahren hinzuweisen. Das Lager, in dem 125.787 Fässer mit schwach- und mittelaktiven Abfällen lagern, droht wegen des eindringenden Wassers regelrecht „abzusaufen“. Eine kurzzeitige Kontamination der Biosphäre liegt im Bereich des Möglichen. Jetzt endlich hat auch die Bundesregierung förmlich auf den Gefahrenherd reagiert. Die Bundesministerien für Forschung sowie Umwelt und das niedersächsische Umweltministerium verständigten sich im November 2007 auf „Maßnahmen zur Minimierung von Risiken“ in dem ehemaligen Salzbergwerk. Ziel müsse es sein, die Bevölkerung zu schützen, hieß es am 21. November in einer gemeinsamen Erklärung der Ministerien. Die von Asse 2 ausgehenden möglichen Gefährdungen müssten „neu bewertet“ werden, heißt es.

Die Bundesregierung macht unverblümt deutlich, dass die bisherigen offiziellen Aussagen, man habe alles im Griff, nicht aufrecht zu halten sind. So heißt es: Wegen der noch offenen, großen Hohlräume werde es voraussichtlich weiter Bewegungen im Deckgebirge geben. Deshalb könne nicht ausgeschlossen werden, dass der Wasserzulauf von jetzt etwa 12.000 Litern pro Tag künftig erheblich zunehme. Vor diesem Hintergrund wurde die Betreibergesellschaft GSF aufgefordert, bis Mai 2008 eine Störfallanalyse zu erstellen. Dabei soll auch der Fall eines rasch steigenden Wasserpegels betrachtet werden. Ferner sieht die Vereinbarung vor, bis Mitte 2008 eine abschließende Bewertung von Optionen vorzunehmen. Dabei werde auch eine Rückholung des eingelagerten Atommülls in die Prüfung einbezogen. Die Bevölkerung solle an den Überlegungen beteiligt werden. Bislang wurde beim Thema Atommüll vorwiegend die Langzeitsicherheit diskutiert. Dass Atommüllager bereits kurzfristig undicht werden können, muss erst langsam ins Bewusstsein der Bevölkerung vordringen. Das Beispiel Asse zeigt, dass schon die Kurzzeit-Sicherheit in keiner Weise zu gewährleisten ist. Die Menschheit steht mit der Abschirmung der extrem gefährlichen Radioaktivität vor einer der größten Herausforderungen, die nach heutigem Kenntnisstand nicht zu lösen ist.
Original bei ngo-online.de, IPPNW
(mal vorbeisehen, ergiebig!)

aus IPPNW-Forum, Dezember 2007

Dienstag, 11. März 2008

Gen-Mais darf auf die Äcker, tierische Produkte werden gekennzeichnet

GENTECHNIK – Agrarminister Seehofer erlaubt manipulierten Mais, sorgt aber für mehr Wahlfreiheit für Verbraucher


Die Experten des Bundesamtes für Naturschutz hatten schwerwiegende Bedenken. Den Überwachungsplan des Agrarriesen Monsanto für den Gen-Mais „Mon810“ mit eingebautem Insektengift hielten sie schlicht für lückenhaft und damit ungenügend. Dieser war aber Voraussetzung dafür, dass die genmanipulierte Sorte wieder angebaut werden darf. Doch Agraminister und CSU-Vize Horst Seehofer setzte sich über die Einwände der Fachbehörde hinweg und gab Anfang Dezember grünes Licht für den Anbau. Dabei hatte er noch im April den Mais wegen möglicher Umweltrisiken vom Markt nehmen lassen. So auch Frankreich. Dort ist der Anbau von Genmais wegen der Gefahr der Auskreuzung bis auf weiteres verboten. „Seehofer profiliert sich beim Pushen von Genpflanzen“, kommentiert Ulrike Brendel, Gentechnik-Expertin von Greenpeace. Tatsächlich hatte Seehofer sich zuvor auch schon in Brüssel für den Anbau der Genkartoffel „Amfiora“ eingesetzt, deren Erbgut so verändert wurde, daß sie besonders viel Stärke liefert. Neben Deutschland erlaubt in ganz Europa nur noch Tschechien die Freisetzung dieser Kartoffel. Den Verbrauchern ermöglicht Seehofer allerdings seit neuestem mehr Wahlfreiheit. Das Label „Ohne Gentechnik“ wird künftig tierische Lebensmittel wie Milch, Eier oder Fleisch adeln, bei deren Herstellung keine gentechnisch veränderten Pflanzen an Tiere verfüttert wurden. Bisher konnte der Verbraucher dies nicht erkennen. Greenpeace hatte eine solche Kennzeichnung für gentechnikfreie Produkte lange gefordert. „Das ist ein großer Gewinn für die Verbraucher“, sagt Stephanie Töwe, Gentechnik-Expertin von Greenpeace.

Details über den Monsanto Gen-Mais Mon810 liefert das vierseitige Informationsblatt „Anbau von Gen-Mais in Deutschland“, zu finden unter: www.greenpeace.de/themen/gentechnik/nachrichten/artikel/gen_mais_ist_eine_gefahr_ist_keine_gefahr_ist_eine_gefahr/

aus den Greepeace-Nachrichten 1•08, Februar – April

Qigong der Wudang-Mönche

Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben auch…

Yürgen Oster, ein »Qigong-Meister der ersten Stunde«, wie es im Werbetext heißt (wow, das sollte mal jemand über mich sagen; Begriffsklärung bei Wikipedia; ich nehme an, Oster würde sich als Handwerksmeister bezeichnen), hat endlich wieder ein Buch geschrieben. Sein erstes (Oster, Tai Ji Quan, erschienen 1997 im Haug-Verlag) verkaufte sich schlecht. Er ist nämlich nicht so gut darin, viele Worte zu machen, und das paßt nicht in die heutige Zeit. Manche Sätze muß man ein paarmal lesen, um zu verstehen, was drin steckt, und um Osters Texten gerecht zu werden, muß man an sie herangehen, als ob man ein Gedicht in Händen hielte. Langsamkeit und Innehalten ist angesagt, wenn man sich ans Lesen macht, und damit hat es der Instant- und Light-Zeitgeist nicht so einfach.

Ich wünsche dem Buch und seinem Autor allen Erfolg, obwohl, aber gerade auch weil er nicht so viel aufhebens macht in unserer lauten Zeit.

(Wie Oster allerdings bei seinem Kurzhaarschnitt den Dutt auf den Kopf gekriegt hat, ist mir schleierhaft.)

Flyer herunterladen

(Auf dem Werbeflyer ist übrigens noch das alte Buchcover zu sehen, auf dem einer TaiJi macht, naja, sowas passiert auch dem Springer-Verlag. Und weil mir meine dumme Bemerkung, die sich auf das alte, verkehrte Cover bezieht, so gut gefällt, lasse ich sie stehen. Muß hoffentlich erst im nächsten Leben dafür bezahlen …)

Nebenstehend das neue Titelbild







In der Einleitung seines Buches von 1997 zitiert er Lao Zi (LaoTse):

Meine Worte stammen aus uralter Zeit.
Meine Handlungen sind diszipliniert.
Weil die Menschen nicht verstehen,
haben sie auch keine Kenntnis von mir.

Bundesdeutsches Affentheater oder Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben auch, die Zweite

Eigentlich (wunderschönes Wort) hatte ich was posten wollen über die doofen Journalisten. Wie sie über jede Unstimmigkeit in den Parteien herfallen und einen Skandal herstellen wollen. Anlaß war dieses ganze Gezetere um Ypsilanti, Metzger und Beck von wegen Wortbruch und Führungsschwäche und allem möglichen Kram, der im bundesdeutschen Blätterwald der SPD jetzt angedichtet wird.

Eigentlich hatte ich dann einen Post schreiben wollen über die armen Politiker, die in dem Kindergarten der geistig Minderbemittelten gar nicht die Wahrheit sagen können, weil sie dann das Notwendige nicht tun können, weil sie dann nicht gewählt werden. (Man stelle sich nur mal vor, Angie hätte vor der letzten Wahl gesagt: Mit mir als Bundeskanzlerin werden wir in zwei Jahren im Süden von Afghanistan mit Kampftruppen stehen, und wir werden etwa einen Toten im Monat haben, vielleicht auch mehr.)

Eigentlich (bis gestern morgen, als ich zufällig die Titelseite der BILD-Zeitung sah) hatte ich dann einen Post schreiben wollen über die mutige Frau Metzger, die sagt, was sie denkt. Doch ins gleiche Horn blasen wie die BILD-Zeitung wollte ich dann doch nicht.

Eigentlich wollte ich dann einen Post schreiben über die Doofen: die Wähler, die gewaschen aber nicht naß gemacht werden wollen, die Politiker, die trotz allem nicht die Wahrheit sagen und so den Zirkus aufrechterhalten, die Journalisten, die wie aufgeregte Hühner alles zum Drama aufblasen und die Katastrophe herbeischreiben und die bescheuerte CDU, die sich ruhig im Sessel zurücklegen kann, weil es bei denen nichts zu berichten gibt, weil bei denen nicht diskutiert wird. (Und Helmut Kohl mit seinen blühenden Ländern ist ja schon längst passé.) Da werden allenfalls mal Telefone abgehört, aber das kennen wir ja schon von den Amis. Das alles lockt keinen Hund mehr hinter dem Ofen vor.

Eigentlich wollte ich dann einen Post schreiben, in dem ich meine Freude darüber zum Ausdruck bringe, daß wir in einer wunderschönen Demokratie leben, in der solche Diskussionen geführt werden können und daran erinnern, daß die FDP über Jahrzehnte (man denke an den Bruch der sozialliberalen Koalition) das Zünglein an der Waage spielte und wenig später die Grünen genauso als Unberührbare behandelt wurden wie jetzt die Linke und daß es bei den Grünen früher mal genauso schräge Typen (z.B. Jutta von Ditfurth, ach ja, das »von« will sie ja nicht) gegeben hat, wie jetzt bei den Linken. Und ich hatte vor, darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn man sich ein wenig näher mit den schrägen Leuten beschäftigt, das Schräge gar nicht mehr so schräg ist, ’s paßt halt nicht in eine BILD-Titelschlagzeile, und das geht natürlich gar nicht.

Und dann wollte ich noch was von Zhuangzi schreiben und dem Träumer und dem Schmetterling und daß man nachher nicht mehr weiß, wer wen träumt und was Wirklichkeit ist und darüber sinnieren, ob Kurt Beck für einen Schmetterling nicht doch ziemlich schwer ist und daß jetzt nicht klar ist, ob er auf die Nase gefallen ist, weil er so schwer ist oder ob die Journalisten nur glauben daß er auf die Nase gefallen ist und Beck vielleicht in Wirklichkeit magersüchtig ist.

Und dann habe ich im Spiegelfechter was von März-Ideen, Affentheater und Dilettantismus in Reinkultur gelesen (Posts vom 7. und 8. März) und gedacht: »Bis auf die bescheuerten Journalisten und die geistig ausgetrocknete CDU im Ohrensessel, die von auf die Nase fallenden Schmetterlingen träumt, steht da ja schon alles und noch ein bißchen Dreck mehr. Wozu also dann das alles? (inklusive meines Posts).«
Und dann habe ich mir gedacht: »Das mit dem Post laß’ mal, in ein paar Tagen kommt noch raus, daß der Beck mit der Ypsilanti im Bett war und die Metzger einfach nur eifersüchtig. Da blickst Du sowieso nicht durch, was da alles hinter den Kulissen passiert.«


»Und sehen Sie, Herr Doktor, eigentlich wollte ich gar keinen Post schreiben, und … plötzlich war einer da. Ich weiß auch nicht wie das gekommen ist.«
Doc: »Falls Sie’s schon wieder vergessen haben sollten: Ich verdiene mein Geld mit dem Unbewußten!«

Schön, wenn’s wenigstens etwas gibt, wo wir uns dran halten können! Also: Auf das Unbewußte!

Montag, 10. März 2008

Estnische Kulturtage Hannover 2008, vom 16. bis 19. Mai

Einladung
zu den Estnischen Kulturtagen Hannover

Estland – ein neu entdecktes Touristenziel? Gewiss, dieses nördlichste Land der baltischen Staaten von der Größe Niedersachsens ist eine Reise wert: mit seinen Seen, seinen Buchen- und Eichenwäldern, den Kiefern- und Birkenwäldern und den hunderten von Inseln, den herrlichen Badestränden vor allem der best erhaltenen und hervorragend restaurierten Hansestadt an der Ostsee: der Hauptstadt Tallinn (früher: Reval).

Dieses Volk von knapp 1,5 Mio. Menschen, davon ein Drittel russisch sprechend, kann auf eine ganz erstaunliche Kulturgeschichte zurückblicken: trotz und mit 700 Jahren Besatzungszeit und Fremdherrschaft der Dänen, Deutschritter, Deutschbalten, Schweden, Russen und zuletzt Sowjets (zwischen dem 13. und 20. Jahrhundert) kam seit 1850 eine bemerkenswerte Kultur zum Blühen. Die Kultur begann mit den regelmäßigen sommerlichen Sängerfesten, bei denen auf der Sängerwiese in Tallinn 40.000 Sänger und mehr als 200.000 Zuhörer versammelt sind. Zeitgenössische Musik, Literatur, bildende Kunst und Theater haben sich unglaublich rasch entwickelt, wurzelnd in den eigenen Ursprüngen mit höchst originären Gestaltungen. In Deutschland am bekanntesten sind der estnische Komponist Arvo Pärt und der Schriftsteller Jaan Kross.








––––––––Sängerwiese in Tallin

Mit diesen Kulturtagen im Mai 2008 wollen wir estnische Kultur in Hannover bekannt machen. Im Mittelpunkt steht dabei das Konzert des inzwischen weltbekannten Estnischen Philharmonischen Kammerchors (Dirigent Professor Paul Hillier). Wir glauben: Die estnische Kultur mit ihrer ursprünglichen Sprache kann unserer Gegenwart in Europa und darüber hinaus der ganzen Menschheit wesentliche Anstöße vermitteln. Wer sensible Ohren hat zu hören, der kann Neues wahrnehmen.

Die Kornblume ist das nationale Symbol der Esten.


Programmübersicht

Freitag, 16.05.2008, 19:00 - 20:30 Uhr
Volkshochschule Hannover, Theodor-Lessing-Saal
Theodor-Lessing Platz 1
Eintritt frei

Begrüßung: Repräsentant der Landeshauptstadt Hannover und Wissenschafts-Ministerium Niedersachsen
Frau Reet Weidebaum, Kulturattaché der estnischen Botschaft Berlin
Einleitung: Professor Peter Petersen
Mati Laur, (Dr. phil, Professor für estnische Geschichte, Universität Tartu)
Estland: Land und Leute - seine Gegenwart vor dem Hintergrund seiner Geschichte

Samstag, 17.05.2008 19:30 Uhr
Pauluskirche, Hannover, Meterstr. 35

Konzert des Estnischen Philharmonischen Kammerchores (Dirigent Professor Paul Hillier)
à capella

Arvo Pärt, Magnificat (1989)
Urmas Sisask, Gloria Patri
Arvo Pärt, Da pacem Domine (2004)
Veljo Tormis, Johannislieder (1967)
u.a.











Eintrittspreis: 20 €
Ermäßigt für Schüler, Studenten, Schwerbehinderte, Zivil- und Wehrdienstleistende, Harz IV Empfänger: 15 €
Vorverkauf: La Porte und Buchhandlung an der Marktkirche, Hannover
Abendkasse: ab 18:45 an der Pauluskirche, 20 €

Sonntag, 18.05.2008
Leibnizhaus, Holzmarkt 5, Hannover
Eintritt frei


10:30 -12:00 Uhr
Gerhard Lock (Musikwissenschaftler, Komponist, Universität Tallinn)
Neue Wege der zeitgenössischen estnischen Musik (mit Musikbeispielen)

12:30 - 13:30 Uhr
NN: Lesung einer Erzählung von Jaan Kross

Montag, 19.05.2008
Leibnizhaus, Holzmarkt 5, Hannover
Eintritt frei


17:00 - 18:30 Uhr
Mati Sirkel (estnischer Schriftsteller, Tallinn)
Estnische Literatur im Laufe der Zeiten

19:00 - 20:30 Uhr
Peter Petersen (Universitätsprofessor em. Dr. med., Hannover)
Kalevipoeg heute – Bedeutung des estnischen Nationalepos für unsere heutige Zivilisation

Das estnische Nationalepos Kalevipoeg ist durch den estnischen Arzt Friedrich Reinhold Kreutzwald aus Folklore-Elementen des estnischen Volkes geschaffen und 1861 erstmals in estnischer Sprache (mit ca. 18.000 Versen) publiziert worden. Mit seiner kraftvollen Bildersprache, durchflochten von herrlichen Landschaftsschilderungen, kann es Hinweise und Antworten geben auf die großen gegenwärtigen Herausforderungen:

Wie gehen wir mit Destruktivität um (theologisch: dem Bösen)?
Wie erhalten wir einen tieferen Zugang zur Lösung des ökologischen Problems? Welche Wege sind grundsätzlich gangbar für diese modernen Fragen?
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Patronat/Schirmherrschaft
Stefan Weil, Oberbürgermeister der Stadt Hannover
Lutz Stratmann, Minister für Wissenschaft und Kultur des Landes Niedersachsen
Jaan Kross †, gegenwärtig bekanntester estnischer Schriftsteller
Dr. Clyde Kull, Botschafter der Republik Estland in Berlin

Förderer
Landeshauptstadt Hannover (Volkshochschule sowie Kulturbüro der Landeshauptstadt) Ev.-luth. Paulusgemeinde Hannover/Südstadt (vertreten durch Kreiskantor Torsten Meyer) MHH-Forum Medizin und Kunst/Künstlerische Therapien (Univ. Prof. Dr. Christoph Gutenbrunner)
Ministerium für Wissenschaft und Kultur des Landes Niedersachsen
Hochschule für Musik und Theater, Hannover, vertreten durch Professorin Eva Märtson Gefördert durch die Stiftung Niedersachsen

Sponsoren
Sennheiser electronic Wedemark/Hannover
Kulturbüro Stadt Hannover
Gesellschaft der Freunde MHH
Weitere Sponsoren angefragt

Veranstalter
Medizinische Hochschule Hannover (vertreten durch Prof. em. Peter Petersen)
Kooperation mit dem finnougrischen Seminar der Universität Göttingen (vertreten durch Prof. Dr. Eberhard Winkler)
Richard-Wagner-Verband Hannover (vertreten durch Frau Professorin Eva Märtson, Hannover)

Organisatoren

Heidrun und Dr. Raymund Lederhofer, Bad Münder
Professorin Eva Märtson, Hochschule für Musik und Theater, Hannover
Universitätsprofessor em. Dr. med. Peter Petersen, Medizinische Hochschule Hannover und
Forschungsinstitut für Künstlerische Therapien Hannover

Estnische Landschaft, Originalskizze Waltjen, 1917

Organisatorisches:
Anfragen zu richten an

Petersen, Peter

Universitätsprofessor em. Dr. med.
Kauzenwinkel 22
30627 Hannover
Telefon: 0511/5490633 Telefax: 0511/5490635
Prof.Peter.Petersen@t-online.de

oder

Lederhofer, Dr. Raymund

Tiefentalweg 3
31848 Bad Münder
Telefon: 05042/5063-71
Raymund.Lederhofer@gmx.de

Sonntag, 9. März 2008

Freu dich auf die nächste Krise

»Katastrophen können eine Ehe retten. Man muss sich trauen, alles zusammenbrechen zulassen.« Ein Gespräch mit den Bestseller-Autoren Eva-Maria und Wolfram Zurhorst
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Von Christoph Quarch

Publik-Forum: Frau Zurhorst, Sie haben ein Buch geschrieben, das zu einem großen Erfolg wurde: »Liebe dich selbst, und es ist egal, wen du heiratest«. Warum ist es egal, wen ich heirate, wenn ich mich nur selbst liebe?
Eva-Maria Zurhorst: Am Ende ist es natürlich nicht egal, wen ich heirate. Der Titel ist eine Provokation. Ich möchte mit diesem Titel dazu einzuladen, den Fokus zu ändern. Bei den meisten Partnerschaften richten wir unsere Aufmerksamkeit ganz auf den Partner. Wir erwarten, dass er mir ein schönes Leben macht und gute Gefühle bereitet, dass er zärtlich zu mir ist und die Leidenschaft in mir entfacht. Man stelle sich vor: Das alles soll dieser arme Mensch leisten! Und gesetzt den Fall, er leistete es tatsächlich, wäre ich selbst mit großer Wahrscheinlichkeit gar nicht in der Lage, all das entgegenzunehmen; weil es in mir -wie bei so vielen anderen Menschen auch – tief in der Seele das Gefühl gibt, wertlos zu sein, aus dem heraus die Sehnsucht danach wächst, vom Partner alles geboten zu bekommen.

Publik-Forum: Und deswegen empfehlen Sie, sich zunächst einmal selbst zu lieben?
Eva-Maria Zurhorst: Genau. Denn schauen Sie, bei vielen Frauen ist es so: Da kommt ihr Mann und sagt ihnen, dass er sie über alles liebt und sie schön findet – und dann schauen sie in den Spiegel und finden sich gar nicht so schön.Was passiert? Sie glauben ihrem Mann nicht, können seine Liebe nicht annehmen. Und deswegen sage ich: Was mich wirklich für die Liebe öffnet, das ist, den Blick von außen nach innen zu kehren und sich zu fragen: Wer bin ich eigentlich? Rabe ich es verdient, geliebt zu werden? Bin ich liebenswert?

Eva-Maria Zurhorst
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war ursprünglich Journalistin und Buchautorin. Später wechselte sie als Coach und Kommunikationsberaterin in die Wirtschaft. Heute arbeitet sie als Beziehungs- und Karrierecoach. 2004 erschien ihr Bestseller »Liebe dich selbst, und es ist egal, wen du heiratest«. 2007 folgte zusammen mit ihrem Mann das Buch »Liebe dich selbst, und freu dich auf die nächste Krise«.

Wolfram Zurhorst
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ist von Hause aus Kaufmann. Als Manager machte er Karriere in führenden Unternehmen der Textilbranche, bis er vor einigen Jahren entschied, sich als Beziehungscoach ganz dem Projekt »Liebe dich selbst« zu widmen.


Publik-Forum: Und dann?
Eva-Maria Zurhorst: Wenn ich mir diese Fragen vorlege und ihnen nachgehe, dann kann das Wunder geschehen, dass ich mit meinem Partner- auch wenn er kein Prinz ist-zu einer ganz neuen Beziehung finden kann. Denn entscheidend für das Gelingen einer Beziehung ist, sich selbst anzunehmen.

Publik-Forum: Herr Zurhorst, können Sie das bestätigen?
Wolfram Zurhorst: Absolut. Ich selbst bin jahrelang mit einer klaren Vorstellung davon durch die Gegend gelaufen, wie meine ideale Partnerin auszusehen hat. Ich war mir anfangs dessen nicht bewusst, aber heute kann ich sagen, dass diese Bilder völlig oberflächlich waren: Sie sollte hübsch anzuschauen sein, leicht in ihremWesen, fröhlich im Gemüt. Je mehr ich dann im Laufe unserer Beziehung genötigt wurde, mich in meiner Oberflächlichkeit zu durchschauen, desto mehr habe ich mich nach der tieferen Ebene gesehnt, die mir meine Frau anfangs zwar gezeigt hatte, die mich damals aber irgendwie genervt und überfordert hatte.

Publik-Forum: Auch hier der Perspektivwechsel von außen nach innen?
Wolfram Zurhorst: Ich war – wie so viele Männer – ganz auf den beruflichen Erfolg fixiert. Mir ging es um Anerkennung von außen. Und dabei habe ich mich komplett vergessen.

Publik-Forum: Da ist eine persönliche Erfahrung im Hintergrund.
Wolfram Zurhorst: Wir haben sehr früh geheiratet und sind früh Eltern geworden. Was habe ich getan? Ich bin nicht etwa neugierig in die Ehe hineingegangen, sondern habe mich aus dem Staub gemacht und in die Arbeit gestürzt. Tja, und das ging so lange, bis meine Frau und ich an dem Punkt waren, an dem wir definitiv keine Möglichkeit mehr hatten, miteinander zu reden. Wir sahen uns schlicht nicht mehr. Und dann kam es zum Crash. Es war an einem runden Geburtstag von mir, Ich wollte es besonders nett haben, und alle geladenen Freunde sollten sich wohlfühlen. Na ja, da ist meiner Frau der Kragen geplatzt.

Publik-Forum: Was war los?
Eva-Maria Zurhorst: Ich konnte nicht mehr. Ich konnte diese Rolle nicht mehr spielen: die Gastgeberin, die Ehefrau, die Mutter – all diese Hüllen. Ich hatte das Gefühl, eine einzige Aufeinanderschichtung von Hüllen zu sein. Und dann musste ich auch noch nett sein: Küsschen hier, Küsschen da …
Wolfram Zurhorst: Bis dann eine Freundin zu ihr in die Küche ging und fragte, was denn los sei. Und dann platzte es aus ihr heraus. In diesem Augenblick begann ein Prozess, bei dem wir uns beide gnadenlos die Wahrheit aufgetischt haben.
Eva-Maria Zurhorst: Für mich war klar: Jetzt geht nur noch Scheidung.
Wolfram Zurhorst: Und ich hatte zum ersten Mal den Mut zu sagen: Ich will schon lange nicht mehr.
Eva-Maria Zurhorst: Heute wissen wir aus vielen Gesprächen mit Paaren, dass das, was uns widerfahren ist, nicht ungewöhnlich ist: dass viele erst eine Leere zwischen ',ich spüren und sich dann davonstehlen: in Affären, Job, Kinder, egal was; und dass sie die Partnerschaft durch bloßes Funktionieren aufrechterhalten. Und genau das ist fatal. Was ich an diesem Abend gelernt habe, ist: Man muss sich trauen, alles zusammenbrechen zu lassen.

Publik-Forum: Warum?
Eva-Maria Zurhorst: Weil durch den Zusammenbruch des Falschen das Echte und Wahre eine Chance hat, zum Vorschein zu kommen. Wir haben das erst später verstanden, aber an diesem Abend war zum ersten Mal seit Jahren so etwas wie Nähe spürbar. Sie war zwar nicht schön, aber sie war wahr.
Wolfram Zurhorst: Da war klar: Jetzt beginnt eine Phase, wo jeder nur noch mit sich beschäftigt ist und klarkriegt, wer er ist und was er will. Und wissen Sie, was das mit mir gemacht hat? Ich habe gemerkt: Da ist überhaupt nichts. Ich weiß überhaupt nicht, wer ich bin!

Publik-Forum: Wie haben Sie es angestellt, in einer so schmerzvollen Situation so etwas wie Selbstliebe zu entwickeln?
Eva-Maria Zurhorst: Selbstliebe ist nicht ein euphorisierter Zustand, in dem ich selig vor mich hintaumle. Selbstliebe ist Selbsterkenntnis: in diesem Falle die Erfahrung, selbst den totalen Zusammenbruch zu überstehen: und in dem Zusammenbruch das Bewusstsein für eine echte und tiefe Verbundenheit unter all den falschen Rollen und Bildern zu entwickeln.
Wolfram Zurhorst: Für mich war es völlig neu, innezuhalten und in mich hineinzuhorchen, das anzunehmen, was sich in mir zeigen wollte, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Das war nicht schön, aber es stimmte.
Eva-Maria Zurhorst: Und das ist Selbstliebe!

Publik-Forum: Nun haben Sie beide diesen Prozess durchgemacht und sitzen als Ehepaar vor mir …
Eva-Maria Zurhorst: Sorry, wenn ich Sie unterbreche, aber hier muss ich Einspruch einlegen: Es geht hier nicht um einen Prozess, den Sie irgendwann durchgemacht haben. Es ist ein lebenslanger Prozess. Ich stelle mir das Leben vor wie eine Rose, die ihre Blätter entfaltet. Jedes Blatt zeigt eine neue, bisher unbekannte Seite von mir. Je mehr dieser Seiten sich zeigen dürfen, desto schöner wird es. Und desto aufregender: Denn je mehr ich mich auf das Abenteuer der Selbstentfaltung einlasse, desto reicher und spannender wird das Beziehungsleben. Das erfordert auch den Mut, nicht irgendwo ankommen zu wollen – nach dem Motto: »So, Schatz, jetzt haben wir's geschafft« –, sondern immer weiterzugehen. Das Leben stellt uns permanent neue Aufgaben. Gerade das heißt lebendig sein.
Wolfram Zurhorst: Wir haben die Erfahrung gemacht, in einer scheinbar ausweglosen Situation doch einen Weg zu finden, wie es weitergehen konnte: einen Weg, der mitten durch die Krise hindurchgeführt hat einen Weg, den wir erst jeder für sich selbst, dann aber auch miteinander gegangen sind.

Publik-Forum: Darf ich kurz einhaken? Sie haben zueinandergefunden, indem jeder von Ihnen zunächst für sich und in sich gegangen ist?
Wolfram Zurhorst: Das ist so. Entscheidend dafür war der Punkt, an dem wir beide uns eingestanden haben: Wir können nicht mehr! An diesem Punkt, als alles ausgesprochen war und ich nur noch Schwarz sah, entdeckte ich ein kleines, glimmendes Gefühl tiefer Verbundenheit. Diese Verbundenheit war mir vorher überhaupt nicht bewusst. Aber das Gefühl war echt. Ihm verdanken wir, dass wir heute zusammen sind. Denn wir sind der Spur dieses Gefühls nachgegangen – haben uns gleichsam auf die Lauer gelegt, ganz vorsichtig und zart.
Eva-Maria Zurhorst: Das ist schön, was du da sagst. Da war dieses kleine Gefühl, das jeder von uns beiden gespürt hat, auch wenn wir es anfangs nicht benennen konnten. Aber es war da, und nun konnten wir damit arbeiten.


»Wir haben die Erfahrung gemacht,
in einer scheinbar ausweglosen Situation
doch einen Weg zu finden,
wie es weitergehen konnte.«


Publik-Forum: Das klingt so, als sei die Krise eine Art Dusche, die alle Schlacken unserer Bilder und Ideale abträgt, bis am Ende der wahre Kern der Liebe freigelegt ist.
Eva-Maria Zurhorst: Dazu fällt mir die Geschichte einer spirituellen Autorin namens Marianne Williamson ein. Die Frau hatte jede Menge Probleme: Alkoholexzesse, Männergeschichten, Drogen. Bis irgendwann ihre Freunde ihr sagten: »Miane, du musst dein Leben ändern. Du musst Gott in dein Leben lassen. Dann wird sich Ruhe über dich senken.« Sie hat sich aber nicht darum geschert, bis sie irgendwann mit einem Nervenzusammenbruch im Krankenhaus gelandet ist. Sie war so am Ende, dass sie sich sagte: »Okay, dann werde ich wohl beten müssen und Gott zu mir einladen!« Sie tat es, und offenbar kam Gott wirklich zu ihr. Aber nicht so, wie ihre Freunde es ihr in Aussicht gestellt hatten. Der Gott, der zu ihr kam, hatte eine große Abrissbirne dabei und hat auch noch die letzten Trümmer, die von ihrem alten Leben übrig geblieben waren, in Schutt gelegt.

Publik-Forum: Was bleibt uns da zu tun?
Eva-Maria Zurhorst: Wichtig ist es, ein Gespür dafür zu entwickeln, wann und wo Kurskorrekturen nötig sind: in meiner Beziehung, mit meinem Körper, mit meiner Seele. Ich weiß es, aber ich traue mich nicht, das Wissen umzusetzen. Weil ich Angst vor den Konsequenzen habe: vor Einsamkeit, Mangel an Sicherheit, Ungewissheit. Und dann kommt die Krise und hilft mir. Denn sie zwingt mich, mich in Bewegung zu setzen. Wie der liebe Gott mit der Abrissbirne.

Publik-Forum: Aber müssen wir es denn immer gleich zur Krise kommen lassen? Gibt es nicht auch andere Wege zu einem gelingenden Leben?
Eva-Maria Zurhorst: Ein Zehn-Punkte-Programm gibt es nicht. Worauf es ankommt, ist, immer wieder im Augenblick anzukommen. Auch wenn es wehtut. Denn je sensibler ich für mich werde, desto schmerzhafter fühlt es sich an, wenn ich mich verliere. Die Gefahr ist immens, denn wir bewegen uns dauernd in medial vermittelten Vorstellungen, die nicht von uns kommen. Deswegen: Bei sich bleiben, zu sich kommen. Wahrnehmen, was ich tue: bewusst das Essen genießen, in die Natur gehen. Das hört sich vielleicht kitschig an, aber es entspricht meiner Erfahrung. Denn wer ist schon noch bei der Sache? Wer genießt sein Essen? Alles passiert gleichzeitig und automatisch: Fernsehen, Telefonieren, Kaffeetrinken, Rauchen. Und jetzt kommt das Entscheidende: Wenn ich mich an diesen Punkten nicht ändere, habe ich auch keine Chance, meine Partnerschaft zu ändern. Wenn ich wirklich zu mir kommen will, kann das brutale Einschnitte in mein ganzes Leben fordern.
Wolfram Zurhorst: Es klingt vielleicht komisch, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ich mich über Krisen freuen kann. Denn sie zeigen mir genau, worum es im nächsten Schritt geht. Ich bin nicht immer achtsam im Augenblick. Ich werde immer auch aufbrausend oder traurig sein. Die Kunst besteht für mich dann darin, das anzunehmen, dem nicht davonzulaufen, sondern ihm nachzugehen.
Eva-Maria Zurhorst: Und sich davor zu hüten, zu glauben, man sei irgendwo angekommen – wisse Bescheid und mehr als die anderen. Hier lauert eine Falle für viele Frauen, die all die Bücher lesen und Seminare besuchen: »Ich weiß, wie's geht, aber mein Mann – der kriegt das gar nicht gebacken!« So läuft das nicht. Am Ende stehen nur drei Dinge: Achtsamkeit, Demut und die Fähigkeit, sich immer wieder vergeben zu können.

Publik-Forum: Wie meinen Sie das?
Eva-Maria Zurhorst: Ich vermassele es doch auch dauernd. Ich bin doch auch unaufmerksam, ich streite doch auch mit meinem Mann. Der Trick ist gerade nicht, ideal sein zu wollen, sondern sich anzunehmen und zu vergeben, demütig und sensibel zu sein.

Publik-Forum: Demut und Sensibilität sind Eigenschaften, die bei Männern nicht so ausgeprägt zu sein scheinen. Wie bringen Sie es Männern nahe, sich dafür zu öffnen?
Wolfram Zurhorst: Zunächst: Ich musste auch erst eins auf die Glocke bekommen, bevor ich gelernt habe, auf meine Gefühle zu achten. Immer hatte ich das Bild von mir vor Augen, als Ehemann und Familienvater nicht traurig oder verletzbar zu sein. Ich weiß noch genau, wie unsere Tochter mir eines Tages sagte: »Papa, ich hab dich noch nie heulen sehen.« Und in diesem Augenblick brach es aus mir heraus. Sie glauben nicht, wie wohltuend und heilsam diese Tränen für mich waren. Heute sage ich: Sensibel zu sein bedeutet, wahrhaftig zu sein. Durch meine wiederentdeckte Sensibilität bekomme ich viel mehr mit, entdecke ich viel mehr Feinheiten.

Publik-Forum: Werden Sie da nicht auch mal als Weichei denunziert?
Wolfram Zurhorst: Aber hallo, natürlich. Als ich durch die ganze Geschichte mit Eva auf meine Gefühle gebracht wurde und diese auch nicht mehr versteckt habe, hat das in meinen Umfeld große Irritation ausgelöst.
Eva-Maria Zurhorst: Mein Mann hatte Karriere gemacht. Das ging bei ihm ganz glatt. Aber für mich und meine Tochter stand er immer weniger zur Verfügung. Nach außen war das alles glänzend und herrlich. Aber wir spürten, dass es ihm nicht guttat. Und dann kam der Rausschmiss, der ihn in den Grundfesten seines Mannseins erschütterte. Ein Mann, der vor Erfolg strahlte, wurde über Nacht zu einer Wurst.
Wolfram Zurhorst: Nach der Riesenkrise mit Eva wurde ich so von heute auf morgen vor die Frage gestellt: Was will ich eigentlich beruflich erreichen? Was soll ich tun?
Eva-Maria Zurhorst: Damals brach äußerlich alles weg. Mein Mann war der große Verdiener. Uns brach die Sicherheit weg, ihm die Karriere. Und plötzlich hatten wir einen Mann zu Hause! Damit begann ein großartiger Prozess, denn nun stand ein Mann, der bis dahin alle Energie für seine Firma aufgewandt hatte, plötzlich seiner Familie zur Verfügung. Das bedeutete nicht nur eine Revolution für unsere Familie das ist für mich eine Revolution für die ganze Gesellschaft. Denn mir ist klar geworden, dass die Männer bei uns gezwungen sind, all ihre Kraft, die die Welt so dringend braucht, irgendwelchen Produkten und Firmen zur Verfügung zu stellen: und dass unsere Familien von dieser männlichen Kraft oft ganz entleert sind. Das Schlimme ist, dass dann oft Frauen in diese Rolle gehen und zu verzickten Bessermännern werden. Die Kinder haben meist keinerlei Ahnung von der Berufswelt, in der sich ihre Väter bewegen. Auf dieses gigantische Problem bin ich erst dadurch aufmerksam geworden, dass bei uns mit einem Schlag wieder ein Mann zu Hause war.

Publik-Forum: Das hat Ihnen gutgetan?
Eva-Maria Zurhorst: Und wie. Ich habe mich verändert, unsere Tochter ist aufgeblüht, und auch er hatte nun das Umfeld, aus dem heraus er neue Aufgaben angehen konnte.

Publik-Forum: Durch die große Krise ist also nicht nur Ihrer beider Partnerschaft echter geworden, sondern Sie beide haben auch Ihre Geschlechteridentität neu entdeckt?
Eva-Maria Zurhorst: Absolut. Wissen Sie, wir Frauen legen heute ein Verhalten an den Tag, das mich an die Nachkriegsfrauen erinnert. Wir gehen voll in die Rolle von Männern und reden uns ein, alles allein hinzubekommen: »Karriere, Kinder – kein Thema, das schaffe ich!« Das ist der Horror. Ich selbst habe auch so gelebt. Und die Männer sind in ihrer Männlichkeit vollkommen verirrt.

Publik-Forum: Und wie erleben Sie sich heute in Ihrer Weiblichkeit?
Eva-Maria Zurhorst: Heute habe ich gelernt, meine Grenzen – gerade auch meine Grenzen als Frau – anzuerkennen und wahrzunehmen. Ich bin wahrlich kein Heimchen am Herd, aber als mein Mann wieder zu Hause war, habe ich erstmals gefühlt, wie überfordert, wie überlastet und einsam ich früher war.
Wolfram Zurhorst: Mein Mannsein war zu dieser Zeit eine absolut leere Hülle. Heute kann ich sagen, dass ich eine ganz andere Form von Mannsein entdeckt habe. Ich habe diese Hülle heruntergerissen und gemerkt, dass darunter meine wirkliche Kraft verborgen war. Ich hatte immer viel Energie in den Job gesteckt. Heute arbeite ich phasenweise sogar mehr, aber ich arbeite mit einer ganz anderen inneren Kraft. Ich bin viel präsenter – und erfolgreicher. Wobei das nicht ein Erfolg ist, der sich in Zahlen ausdrücken lässt, sondern der wahre Erfolg, der darin besteht, dass eine neue Qualität ins Leben kommt.

Publik-Forum: Das heißt konkret?
Wolfram Zurhorst: In meiner neu entdeckten Männlichkeit darf ich Schwächen zeigen und verletzlich sein. Und trotzdem bekomme ich die Dinge geregelt. Ich würde sogar sagen: besser und erfolgreicher als in meinem alten Muster.
Eva-Maria Zurhorst: Mir geht es genauso. Ich traue mich jetzt, Dinge zu sagen, bei denen ich früher gedacht hätte, dass mich alle für ein Heimchen oder eine Mutti halten.

Publik-Forum: Man hat Ihr Buch auch als ein Plädoyer für die Ehe bezeichnet. Zu Recht?
Eva-Maria Zurhorst: In gewisser Hinsicht ja. Aber nicht in dem Sinne, dass Sie in einer Beziehung um jeden Preis durchhalten und alles mitmachen müssen. Was ich sagen will, ist, dass Sie auf dem Weg echter Liebe zuweilen ein deutliches Nein sagen müssen – dass Sie Grenzen setzen müssen. Und dass Sie, wenn Sie das tun, entdecken werden, dass Sie etwas wert sind. Und dass Sie vielleicht ganz anders sind als das, was Ihre Eltern, Ihr Partner, Ihre Kollegen immer von Ihnen erwartet haben. Sie werden ein Gefühl für sich entwickeln. Und dieses gar nicht euphorische, sondern eher stille Gefühl ist es, das ich meine, wenn ich von Selbstliebe rede.

Publik-Forum: Vieles von dem, was Sie sagen, erinnert an das, was auch spirituelle Lehrer sagen. Und die Titel ihrer Bücher lassen das biblische Wort anklingen, wonach wir unseren Nächsten lieben sollen wie uns selbst. Hat diese religiöse Dimension für Sie eine Bedeutung?
Eva-Maria Zurhorst: Wo Sie das so sagen, da kommt mir die Vorstellung, dass es dem lieben Gott gefallen hat, mich in eine Frau zu verkleiden, die gerne Schuhe kauft, die einen Mann aus der Modebranche geheiratet hat und auch sonst völlig unverdächtig ist, im Auftrag des Herrn unterwegs zu sein. Will sagen: Ich fühle mich wie eine Undercoveragentin Gottes. Ich glaube, er hat mir die Chance gegeben, auf eine Weise von ihm zu reden, mit der ich die vielen Menschen nicht verschrecke, die Berührungsängste gegenüber Gott haben. Aber ich sage Ihnen auch: Ich fühle mich in der normalen Welt oft ganz verloren weil ich mich in dieser Agentenrolle einsam fühle und manchmal wütend bin, dass ich sie spielen muss. Doch tief in mir weiß ich, dass es am Ende nur um Gott geht.

Publik-Forum: Nur um Gott?
Eva-Maria Zurhorst: Ja, dieser ganze Weg, von dem wir reden: Ich kann ihn gut beschreiben, aber ich kann ihn nicht machen. Ich kann darauf vertrauen, dass ich durch Krisen hindurchkomme, aber ich schaffe es nicht aus eigener Kraft. Früher war ich eine glühende Gegnerin der Kirche. Ich hatte dort als Kind jede Menge Schlechtes erlebt. Aber als ich mitten in der Krise steckte, da habe ich angefangen zu beten. Und von da an habe ich meinen Weg wieder gefunden.
Wolfram Zurhorst: Auch ich fand Kirche, so wie ich sie als Kind kennenlernte, total unattraktiv – als leeres Ritual, das nichts mit mir zu tun hatte. Aber dann kam ich an diesen Punkt, an dem ich auf mich zurückgeworfen wurde und dadurch diese tiefe Verbindung zu meiner Frau entdeckte. Diese Entdeckung hatte für mich etwas mit dem Göttlichen zu tun. Wo alles, was ich mir aufgebaut hatte, zum Einsturz kam, blieb nur diese tiefe göttliche Verbundenheit. Nun erlebte ich zum ersten Mal, dass ich nie alleine bin, sondern dass da immer eine stille Kraft wirkt, die bei mir ist. Und es ist dieses Etwas, das es mir heute erlaubt, viele Dinge loszulassen. Heute kann ich mich fallen lassen.
Eva-Maria Zurhorst: Wir beten täglich. Wir suchen täglich nach diesem Raum der Verbindung mit Gott.

Publik-Forum: Was heißt das konkret?
Eva-Maria Zurhorst: Ich bin im Gespräch mit Gott, bitte dauernd um Führung – darum, dass er mir zeigt, was ich als Agentin für ihn tun kann; und darum, dass er mich zurückholt, wenn ich mich verirre. Während ich hier im Interview sitze, schmunzle ich innerlich und denke: »Okay, jetzt hast du mir alle Antworten gegeben.« Ich habe mir in diesem Interview selbst gesagt, was ich in den letzten Tagen vergessen hatte. Ich sage das scheinbar Ihnen oder anderen Leuten, aber in Wahrheit schmunzle ich und weiß, dass durch mich Gott zu mir selbst spricht. Ist das nicht schön?

Die Bücher von Eva-Maria und Wolfram Zurhorst sind über den Publik-Forum Shop zu beziehen: »Liebe dich selbst, und es ist egal, wen du heiratest«, Bestell-Nr. 7724; »Liebe dich selbst, und freu dich auf die nächste Krise«, Bestell-Nr. 7723

aus Publik-Forum Nr. 1 • 2008

Ich zucke immer zusammen, wenn sich die Dinge so gut anhören. Hier noch zwei Links:
zu myself.de und
zu Maischberger


Samstag, 8. März 2008

Hungrige Kinder

Hartz IV deckt nicht einmal die Grundbedürfnisse

Die Konjunktur boomt. Doch: Ein Viertel aller Kinder unter fünfzehn Jahren lebt in Armut: 2,8 Millionen. In Großstädten ist etwa ein Drittel der Kinder in West- und über die Hälfte der Kinder in Ostdeutschland von Armut betroffen.

Bedarf von Schulkindern gekürzt
»Die Bundesregierung stellt die Förderung von Kindern und deren Familien in den Mittelpunkt ihres Handelns. Alle Kinder und Jugendlichen sollen von Anfang an gleiche Chancen haben, ihre vielfältigen Fähigkeiten und Talente zu entwickeln«, schreibt das Bundesfamilienministerium. Die Realität sieht anders aus. Mit Einführung von Hartz IV wurde der Regelsatz für die Sieben- bis Vierzehnjährigen von 65 Prozent auf 60 Prozent des Eckregelsatzes – 347 Euro gesenkt. Ferner ist das Niveau der früheren einmaligen Beihilfen nur in gekürzter Form in den neuen Regelsatz übernommen worden. Der Regelsatz der Vierzehn- bis Achtzehnjährigen, der bis dahin immer neunzig Prozent des Eckregelsatzes betragen hatte, ist mit Hartz IV auf das Niveau von erwachsenen Haushaltsangehörigen – achtzig Prozent des Eckregelsatzes – gesenkt worden. Der Wachstumsbedarf von Kindern wird nicht mehr anerkannt.

Mangelernährung
Ist für Vorschulkinder aus Armutsfamilien noch eine gesunde Ernährung möglich, trifft das auf Schulkinder nicht mehr zu. Für Kinder zwischen sieben und vierzehn sind inklusive Genussmitteln nur 2,57 Euro pro Tag im Regelsatz enthalten, obwohl sie für ihren durchschnittlichen Energiebedarf von 2042 Kilokalorien 4,76 Euro bräuchten. Bet den Vierzehn- bis Achtzehnjährigen ist die Lage ähnlich. Im Regelsatz von Schulkindern aus armen Elternhäusern ist zudem kein Geld für ein Mittagessen in Schulen und Horten vorgesehen. Fünf von sechzehn Bundesländern (Rheinland-Pfalz, Saarland, NRW, seit 1. Januar 2008 Berlin und Hessen) zahlen die Differenz zwischen einem Eigenanteil von einem Euro und den tatsächlichen Essenskosten in Ganztagsschulen. Hungrige Kinder im Unterricht scheinen die restlichen Bundesländer nicht zu stören.

Kosten für Lehr- und Lernmittel
Vor Hartz IV bekamen Sieben- bis Vierzehnjährige inklusive einmaliger Beihilfen 232 Euro, heute gesteht man ihnen lediglich 208 Euro zu. Die Landesregierung von Rheinland-Pfalz tritt inzwischen für eine Schulmaterialienpauschale von zwanzig Prozent des Regelsatzes pro Schulhalbjahr ein. Kosten für Schulbücher, die in immer stärkerem Maße anfallen, werden dabei allerdings ebenso wenig berücksichtigt wie Kosten, die diese Pauschale übersteigen.

Was tun?
Alle mit dem Schulbesuch anfallenden notwendigen Kosten müssen wieder über einmalige Beihilfen beantragt werden können. Solange es keine bundesweite Regelung gibt, sollten Kommunen und Landkreise zumindest Schulfonds einführen. Von den rund 450 Städten und Landkreisen und über 12.000 Gemeinden haben erst auf öffentlichen Druck hin rund dreißig Maßnahmen in diese Richtung beschlossen. Ferner muss wieder anerkannt werden, dass der Regelsatz von Schulkindern unter vierzehn zwanzig Prozent höher ist als der von Säuglingen und dass der von Heranwachsenden höher ist als der von Erwachsenen. Das wäre das Mindeste, solange die notwendige deutliche Erhöhung des Eckregelsatzes verweigert wird. • Rainer Roth

Der Autor ist Professor für Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Seine Broschüre »Ein Hartz für Kinder« ist für einen Euro plus Versandkosten über info@klartext-info.de erhältlich.

aus Publik-Forum Nr. 1 • 2008