Montag, 11. Mai 2015

Faschismus im Frankreich der Zwischenkriegszeit

1934 drohte Frankreich ein Putsch von rechts. Gleich mehrere faschistische Gruppen bekämpften die Demokratie. Durchsetzen aber konnten sie sich nicht.

"Nieder mit den Dieben!", skandieren die 300.000 Demonstranten, die am 6. Februar 1934 auf das Palais Bourbon, den Sitz der französischen Nationalversammlung im Zentrum von Paris, zumarschieren. Dort stellt an diesem Tag die linksliberale Regierung von Édouard Daladier die Vertrauensfrage. Die aufgebrachte Menge will Daladier aus dem Amt jagen. Gleich mehrere Korruptionsaffären haben das Land in den Monaten zuvor erschüttert. Nun bricht sich der aufgestaute Unmut über Bestechung und andere Skandale Bahn. 
Unruhen vor dem Parlament der 3. Republik, 6.02.1934 [Quelle: ZEIT]
Viele aber, die an diesem 6. Februar vor dem Parlament aufmarschieren, wollen mehr als nur eine korrupte Regierung absetzen: Sie wollen gleich die ganze Republik beseitigen. Unten ihnen befinden sich viele ehemalige Frontkämpfer und Mitglieder rechtsextremistischer Ligen. Polizisten und Soldaten stehen bereit, um die Dritte Republik notfalls mit Waffengewalt zu verteidigen. Sicherheitskräfte postieren sich an den Boulevards der Hauptstadt, auf den Seine-Brücken und vor dem Palais Bourbon; die Straßen werden abgesperrt. Am Nachmittag schließlich kommt es vor der Oper zu ersten Scharmützeln zwischen Demonstranten und der Polizei. Als die Marschkolonne der Regierungsgegner dann die Place de la Concorde erreicht, beginnt eine Straßenschlacht. Die Lage eskaliert weiter, als die Dunkelheit einbricht. Gegen Mitternacht treffen die Anhänger der militanten rechten Verbände auf die Ordnungskräfte. Steine fliegen, Schüsse fallen. An vorderster Front: die rechtsextremistische Liga Croix-de-feu, die "Feuerkreuzler", unter der Führung von Colonel François de La Rocque (1885–1946). Doch obwohl die Demonstranten die Stärke hätten, um in das Parlament einzudringen, kann sich La Rocque nicht zum Staatsstreich durchringen. Den unterschiedlichen rechtsradikalen Gruppen gelingt es nicht, sich zusammenzutun. Auch die Rivalität zwischen ihren Führern verhindert ein konzertiertes Vorgehen..
mehr:
- Französischer Faschismus – Die Republik widersteht (Ulrich Pfeil, ZEIT, 17.10.2013)
Zitat:
Was die radikalen Nationalisten in Frankreich einte, war ihre Abscheu gegen die "korrumpierten politischen Parteien", die ihrer Meinung nach nicht ausreichend für die nationalen Belange Frankreichs kämpften. Im Gegensatz dazu traten sie betont unpolitisch auf und gaben vor, die Interessen der "guten Franzosen" zu vertreten und das "bedrohte Vaterland" zu retten. Sie diffamierten Juden und "Ausländer", die sie aus der nationalen Gemeinschaft ausschließen wollten. Sie sehnten sich nach einem starken Mann an der Spitze des Staates und wollten die Klassengegensätze überwinden.
[…]
La Rocques Partei griff dabei Themen wie Arbeit, Familie und Vaterland auf, die zuvor von den Konservativen besetzt waren. Und wie die Konservativen forderte auch er eine Stärkung der Exekutive, predigte den Nationalismus der Schützengräben und vertrat traditionelle Werte. Er akzeptierte die Spielregeln des Parteiensystems und gab sich legalistisch, was ihm einige partielle Wahlerfolge einbrachte. Nachdem Marschall Philippe Pétain 1940 die Macht übernommen hatte, schloss sich La Roque dessen Kollaborationsregierung an. Doch nicht alle Parteimitglieder folgten ihm. Nicht wenige lehnten es ab, mit der neuen Regierung in Vichy zu kooperieren. Aus patriotischen Gründen schlossen sie sich dem Widerstand an.

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Parteien, die überwiegend als „faschistisch“ eingestuft werden, aber kein eigenes Regime aufbauen konnten 
FrankreichAction française
Parti Populaire Français
Rassemblement national populaire
Gründung
1898
1936
1941
[Überblick über faschistische Bewegungen in Europa, Faschismus, Wikipedia, abgerufen am 11.05.2015]

siehe auch:
- Faschismustheorie (Wikipedia)

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Die Wurzeln des französischen Faschismus liegen in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Einer seiner Vordenker war Charles Maurras (1868–1952), einer der einflussreichsten französischen Publizisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Maurras glaubte, dass in der französischen Gesellschaft Dekadenz und Korruption herrschten. Schuld daran seien die Französische Revolution und die Demokratie, welche die Einheit der Nation zerstört hätten. Maurras schloss sich der extremistischen Action française (AF) an. Die AF hatte sich 1898 infolge der Affäre um den jüdischen Offizier Alfred Dreyfus gegründet (Dreyfus war, auf Grundlage unhaltbarer Anschuldigungen, Landesverrat vorgeworfen worden. In einem skandalösen Verfahren wurde er dennoch verurteilt, was heftige Proteste auslöste – in antisemitischen Kreisen aber auf große Zustimmung stieß.) Bald gehörte Maurras zu den führenden AF-Mitgliedern.
Von Beginn an trat die Action française monarchistisch, nationalistisch, antisemitisch und antiparlamentarisch auf. Und sie schreckte auch vor Gewalt nicht zurück. Als Papst Pius XI. dies 1926 verurteilte, verlor sie ihre Unterstützer im Klerus und im konservativ-katholischen Milieu. Die jüngere Generation wandte sich unterdessen dem vor Dynamik strotzenden italienischen Faschismus zu. Die AF erschien ihr dagegen viel zu traditionell und elitär. Alle maßgeblichen Führer der sich in den dreißiger Jahren herausbildenden faschistischen Gruppen aber waren in der Action française gewesen: Sie hatte den Grundstein gelegt für den französischen Faschismus. Aus dem nationalistischen Milieu der AF kam auch Georges Valois (1878–1945), der seinen politischen Werdegang auf der linken Seite des politischen Spektrums begonnen hatte. 1906 jedoch wechselte er zur AF, 1921 bekannte er sich zum Faschismus, brach vier Jahre später mit Charles Maurras und gründete einen eigenen Kampfbund, den Faisceau, der sich am italienischen Vorbild, an Mussolini, orientierte. Valois wollte den Nationalismus mit dem Syndikalismus, der aus dem Gewerkschaftssozialismus hervorgegangen war, versöhnen. Als Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs sehnte er sich nach der angeblichen Gleichheit in den Schützengräben zurück und strebte eine autoritäre Staatsordnung mit einem starken Mann an der Spitze an. Doch bereits 1928 zerbrach der Faisceau: Valois und seine Weggefährten hatten sich über ihre Ziele zerstritten. (Zitat aus dem Artikel von Ulrich Pfeil, s.o.)
über den Antisemitismus in Frankreich siehe:
- Antisemitismus (bis 1945), Frankreich (Wikipedia) 

Volker Pispers - Der faschistische Franzose {10:06}

Hochgeladen am 01.01.2012

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Antisemitismus war eng mit dem Aufkommen des Nationalismus verbunden, blieb jedoch nicht auf diesen beschränkt. Der israelische Historiker Edmund Silberner weist 1962 auf „eine lange antisemitische Tradition im modernen Sozialismus“ hin, die über die Feindbilder der Frühsozialisten bis zu rassenantisemitischen Vorstellungen französischer Sozialisten um die Jahrhundertwende nachweisbar sei.[42] Schon im Deismus, dann auch bei manchen JunghegelianernReligionskritikern und Frühsozialisten findet man Aussagen gegen das überkommene Christentum und das Judentum zugleich, die auf die Auflösung beider zielten. Ludwig Feuerbach ordnete den jüdischen Glauben moralisch noch unter dem Polytheismus stehend ein und setzte ihn mit Egoismus gleich: „Ihr Prinzip, ihr Gott ist das praktischste Prinzip der Welt – der Egoismus, und zwar der Egoismus in der Form der Religion.“[43]
Einige Frühsozialisten setzten Juden und Kapitalisten gleich.[44] Pierre Leroux etwa bezeichnete die Juden als „Verkörperung des Mammons“. Der Journalist und Publizist Eduard Müller-Tellering (1811–nach 1851), der auch für Karl Marx’ Neue Rheinische Zeitung schrieb, behauptete, „das Judentum“ sei „noch zehnmal niederträchtiger als das westeuropäische Bourgeoistum“ und „nicht die Könige, nicht die Soldaten, nicht die Beamten“ seien die „wahren Quäler, denn sie sind bloß Werkzeuge unserer Quäler, der Juden.“[45] 1844 setzte auch Marx selbst in seinem Aufsatz Zur Judenfrage Kapitalismus mit Geldherrschaft und diese mit dem Judentum in eins. Der „Schacher“ erschien ihm als „der weltliche Kultus des Juden“ und als das „Wesen des Judentums“.[46]
Der Anarchist Pierre-Joseph Proudhon schrieb: „Der Jude besitzt ein gegen die Produktion eingestelltes Temperament; er ist weder Ackerbauer noch Gewerbetreibender, nicht einmal wirklicher Kaufmann. Er ist stets betrügerischer und parasitärer Vermittler […]. Seine Politik in der Wirtschaft ist völlig negativ; er ist das böse Prinzip, nämlich Satan und Ahriman, der in der Rasse Sems Gestalt angenommen hat.“ Juden sah Proudhon als „Feinde der Menschheit. Man muss sie nach Asien zurückschicken.“ [47] Der Anarchist Michail Alexandrowitsch Bakunin schrieb in Persönliche Beziehungen zu Marx 1871:
„Nun diese ganze jüdische Welt, die eine ausbeuterische Sekte, ein Blutegelvolk, einen einzigen fressenden Parasiten bildet, eng und intim nicht nur über die Staatsgrenzen hin, sondern auch für alle Verschiedenheiten der politischen Meinungen hinweg, – diese jüdische Welt steht heute zum großen Teil einerseits Marx, andererseits Rothschild zur Verfügung.“– Michail BakuninPersönliche Beziehungen zu Marx[48]
[Antisemitismus (bis 1945), Frühsozialismus und Anarchismus, Wikipedia, abgerufen am 17.03.2018] 

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siehe auch:
- ANTISEMITISMUS: Warum begann der Holocaust nicht in Frankreich? (Sven Felix Kellerhoff, Welt, 02.03.2017)
- Judenverfolgung: Europäischer Antisemitismus 1880 - 1945 (Michael Kuhlmann, Deutschlandfunk, 27.02.2017)
- Zur Entstehung des Antisemitismus im Europa des 19. Jahrhunderts, seinen Ursachen und Erscheinungsformen (Ulrich Wyrwa, Nineteenth-Century Anti-Semitism in International Perspective – Symposium at the German Historical Institute Paris, 29.11.2016) – darin zitiert:
„Es hilft nur emphatische Aufklärung.“
[Theodor W. Adorno, Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute (1962), in: Ders., Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft, Frankfurt/M. 1971, S. 114.]
- Ost- und südosteuropäische Juden im 19. und 20. Jahrhundert (Predrag Bukowec, Europische Geschichte online, 13.07.2011)
- Antisemitismus und Antisemitismusforschung (Wolfgang Benz, Docupedia-Zeitgeschichte , 11.02.2010)
- Antifa schützt vor Antisemitismus nicht (Anna Lukowá, AKuBiZ e.V., 2007?)
- Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert (Wolfgang Benz, Bundeszentrale für politische Bildung, 27.11.2006)
- "Hilflose Aufklärung"?: Der Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts (Wolfgang Geiger, Kommune, Forum für Politik-Ökonomie-Kultur 6/2004)
Antisemitismus (Europäische Geschichte, Markus Jud auf seiner Seite, ©2003)
- Judenemanzipation und Antisemitismus im 19. Jahrhundert (Tobias Jaecker auf seiner Seite, März 2002)
- Frankreich: Die andere Geschichte der 30er Jahre (Frank Renken, Sozialismus von unten, Online-Ausgabe Winter 2001)
- Zur Beurteilung der Volksfront in Frankreich (1934-1938) (Rudolf von Albertini, Heftearchiv des Instituts für Zeitgeschichte, 1959, PDF)

siehe auch:
Heinrich Brüning, Reichskanzler in Krisenzeiten (Wikipedia, abgerufen am 14.05.2017)

Die psychoanalytische Literatur führt Faschismus-Anfälligkeit auf in der Kindheit erlebte Gewalt zurück:
- Autoritärer Charakter (Wikipedia)

Dagmar Herzog: Cold War Freud.Psychoanalysis in an Age of Catastrophes (Buchrezension, Yves Hänggi, Anna Leyrer, theoriekritik.ch, 09.02.2018)
- Zur Analyse von Faschisierungsprozessen (Klaus Weber, theoriekritik.ch, 02.08.2016)
- „Nie wieder Faschismus!?“ – Zur Psychologie des Autoritarismus (Christopher Cors, Jost Stellmacher, The Inquisitive Mind 1-2014)
- Zerstörung der Demokratie 1930-1933 (Reinhard Sturm, Informationen zur Politischen Bildung, 23.12.2011)
- „Die Sonne stand still...“ – Band 3 – Paranoide Phantasmen des Faschismus (Esther Schulz-Goldstein auf ihrer Seite ©2013, PDF)
- Zum psychoanalytischen Verständnis von Faschismus und Antisemitismus (Roland Kaufhold, Hagalil, 09.12.2008)

- Die Furcht vor der Freiheit (Wikipedia)
- Der autoritäre Charakter im gesellschaftlichen Kontext (Andreas Exner, social-innovation.org, 18.04.2017, PDF)
- Der Hass auf das Lebendige. Anmerkungen zur Sozialpsychologie des Faschismus – einst und jetzt (Götz Eisenberg, theoriekritik.ch, 26.12.2016)
- Aus der Geschichte lernen – Zum Konzept des »Autoritären Charakters« ( Hajo Jakobs, Ringvorlesung FH Kiel, 31.10.2012)
- Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit (Christof Goddemeier, Ärzteblatt April 2005)
- STATT „FURCHT VOR DER FREIHEIT“ DAS „HANDWERK DER FREIHEIT“. VON DER CHANCE ZIVILGESELLSCHAFTLICHER LERNPROZESSE (Heiner Keupp, Institut für Praxisforschung und Projektberatung München, 20.01.2003)
- Die neue Furcht vor neuen Freiheiten (K. Peter Fritzsche, human-rights-education.org, veröffentlicht in Funk, R. u.a. (eds): Erich Fromm heute, München 2000, PDF)
- Über den Ursprung von Fanatismus, Faschismus und Terrorismus (Verfasser unbekannt, Artikel erschienen in der Zeitschrift: TW Neurologie Psychiatrie 7/8-1991, S. 377-388, gefunden bei www.wilhelm-griesinger-institut.de)
zuletzt aktualisiert am 17.03.2018

Sonntag, 10. Mai 2015

Die gefährlichsten Schulwege der Welt

Sie fahren in Kanus über den größten See der Welt, riskieren ihr Leben in maroden Seilbahnen oder kämpfen sich bei minus 50 Grad durch die Eiswüste. Die Reihe begleitet Schüler durch spektakuläre Landschaften auf ihrem abenteuerlichen Weg zur Schule. Dieser Teil führt nach Nepal, wo der kleine Ajit jeden Tag einen fast 60 Meter breiten reißenden Strom überqueren muss.
mehr:
- Die gefährlichsten Schulwege der Welt (Arte)

Die gefährlichsten Schulwege der Welt - Trailer - ARTE [0:30]

Veröffentlicht am 22.04.2015
http://www.arte.tv/guide/de/053947-00...
In dieser Folge: Die Danakil-Wüste im Nordosten Äthiopiens ist die heißeste Region der Welt. Seit Jahrhunderten ist dieser Ort die Heimat des Afar-Volks. Ihr Leben in der Danakil-Wüste ist rau und ungemütlich. Die Afar sind Halbnomaden.Obwohl in Äthiopien offiziell Schulpflicht herrscht, schicken viele ihre Kinder gar nicht oder erst sehr spät zur Schule ...

Die Danakil-Wüste im Nordosten Äthiopiens ist die heißeste Region der Welt – die Bodentemperaturen beträgt hier an manchen Tagen mehr als 60 Grad Celsius. Seit Jahrhunderten ist dieser Ort die Heimat des Afar-Volks. Ihr Leben in der Danakil-Wüste ist rau und ungemütlich. Die Afar sind Halbnomaden und hausen in einfachen Zelthütten. Ihre wenigen Dörfer liegen kilometerweit auseinander, noch viel weiter entfernt ist meist die nächste Schule. Kamele, Ziegen und Schafe sind der wertvollste Besitz der Afar. Das Versorgen der Tiere steht für sie an erster Stelle. Obwohl in Äthiopien offiziell Schulpflicht herrscht, schicken viele ihre Kinder gar nicht oder erst sehr spät zur Schule, denn jede helfende Hand wird gebraucht. Trotzdem wollen mittlerweile immer mehr Afar, dass ihr Nachwuchs Lesen und Schreiben lernt, denn Bildung ist für sie die einzige Hoffnung auf ein besseres Leben. Dafür nehmen sie viel in Kauf: Die Schüler laufen jeden Tag quer durch die Wüste, bis zu 15 Kilometer weit. Schon der Hinweg ist ein täglicher Kampf gegen Hitze und Durst. Zu Fuß wandern sie durch scheinbar endlose Weiten, in denen es immer heißer wird. Etwas zu trinken gibt es auf dem stundenlangen Marsch nur in den seltensten Fällen. Doch nicht nur Sonne und Durst machen den Schulweg so gefährlich – in den plötzlich aufkommenden Sandstürmen verirren sich immer wieder Schüler. Nach dem Unterricht wird es noch einmal besonders hart: Wenn die Kinder ihren Rückweg antreten, misst das Thermometer bis zu 50 Grad.

(Deutschland, 2015, 43mn) MDR
04.05.2015  16:20

Filmempfehlung: Deckname Caracalla, die nachträgliche Beurteilung der Geschichte

17. Juni 1940: Der 18-jährige Daniel Cordier (Jules Sadoughi), Anhänger der nationalistisch-royalistischen und antisemitischen Action française, ist erbost, als Marschall Pétain vor den Deutschen die Waffen streckt. Daniel will weiter gegen die "Boche" (herablassender Ausdruck für die Deutschen) kämpfen. Mit seinen Freunden schließt sich der ungestüme junge Mann dem "Freien Frankreich" von General Charles de Gaulle an. Nach einer zweijährigen Militär- und Spionageausbildung in London landet Alain, so lautet nun Daniels Deckname, als Sekretär des Résistance-Leiters Jean Moulin (Éric Caravaca), genannt Rex, in Lyon...
mehr:
- Deckname Caracalla (TV Spielfilm) 
bei Arte TV:
Alain (Jules Sadoughi) ist ein junger Bewunderer des umstrittenen Monarchisten Charles Maurras. Nachdem Marschall Pétain, der Held des Ersten Weltkriegs, aus Alains Sicht 1940 gegen Deutschland versagt hat, sieht er nur einen Weg vor sich: mit der Waffe in der Hand gegen die Nazis zu kämpfen. - Zweiteilige Verfilmung der Autobiografie von Daniel Cordier. Prix Renaudot 2009


siehe dazu:
- „Deckname Caracalla“ auf Arte – Wie ein Antisemit sein Weltbild überwand (Jürgen Altwegg, Feuilleton Frankfurter Allgemeine, 10.05.2015)

- Action française [Wikipedia]

- Camelots du roi [Wikipedia]
- Stepan Bandera [Wikipedia]

meine Bemerkung:

Wenn man im Entweder-oder steckenbleibt, kommt man nicht weiter; Antisemitismus war vor Hitlers Machtergreifung kein Monopol Deutschlands, ebensowenig wie politischer Extremismus; das Handeln der Menschen damals ist durch die heutige Brille der »Political Correctness« nicht zu verstehen.
siehe dazu auch:
- Jüdische Identität und Antisemitismus [Daniel Cohn-Bendit, Wikipedia]

Daniel Cohn Bendit bei Precht [44:01]


Veröffentlicht am 06.05.2014
Daniel Cohn-Bendit bei Precht - Gibt es einen gerechten Krieg? Angesichts des Einsatzes von Giftgas in Syrien diskutiert Richard David Precht mit dem Europaabgeordneten der GRÜNEN Daniel Cohn-Bendit über Militärinterventionen.

Wiederholung: Montag, 25.05.2015, 14 Uhr
Link zum Film in der Arte-Mediathek


Das Ansehen des eingebetteten Films wie auch die Ansehen des Films in der Arte-Mediathek ist 7 Tage lang (bis zum 16.05.2015) möglich

Alias Caracalla 1/2 Arte documentaire 2015 vf [1:32:43]

Veröffentlicht am 08.05.2015
Trailer-Into-Text: Veröffentlicht am 23.04.2015
http://www.arte.tv/guide/de/047923-00...
Alain (Jules Sadoughi) ist ein junger Bewunderer des umstrittenen Monarchisten Charles Maurras. Nachdem Marschall Pétain, der Held des Ersten Weltkriegs, aus Alains Sicht 1940 gegen Deutschland versagt hat, sieht er nur einen Weg vor sich: mit der Waffe in der Hand gegen die Nazis zu kämpfen. - Zweiteilige Verfilmung der Autobiografie von Daniel Cordier. Prix Renaudot 2009
Der 18-jährige Alain ist vom Waffenstillstand Philippe Pétains im Juni 1940 schockiert. Für den bürgerlichen Royalisten und Antisemiten ist es ein Verrat. Wenn er weiterkämpfen möchte, muss er das Land verlassen. Mit einigen Kameraden verlässt er Bayonne und geht, zusammen mit Flüchtlingen aus ganz Europa, an Bord eines Schiffes mit Kurs auf Nordafrika. Er kommt allerdings nicht in Algier, sondern in England an. Dort wird er von einem unbekannten General namens de Gaulle angeworben. Dieser hat bis zu diesem Zeitpunkt nur einige Hundert bewaffnete junge Männer um sich versammelt. Es ist die Geburt des „Freien Frankreichs“. Alain verbringt zwei Jahre in London, die ihn verändern werden. Er erhält eine militärische Ausbildung, kommt zum Geheimdienst, wo er kämpfen und Spionagetechniken lernt und verbringt Weihnachten mit de Gaulle. Nach diesen beiden Jahren landen Alain und sein Freund François Briant in der Nähe von Lyon, der nicht-besetzten Zone. Nun beginnt ihre Zeit in der „wahren“ Résistance. Durch Zufall und Chaos, die in der Résistance vorherrschen, wird Alain zu einem wichtigen Zeitzeugen. In Lyon trifft er auf Rex, der niemand anderes ist als Jean Moulin, das Oberhaupt des französischen Widerstands, und Alain wird dessen Privatsekretär. Von nun an trägt er den Codenamen Caracalla.
(Frankreich, 2013, 92mn) ARTE F
08.05.2015  20:15

Alias Caracalla 2 2 Arte documentaire 2015 vf [1:27:47]

Veröffentlicht am 08.05.2015

Zweiteilige Verfilmung der Autobiografie von Daniel Cordier. Prix Renaudot 2009. In dieser Folge: An der Seite von Rex (Eric Caravaca) verschlüsselt Alain (Jules Sadoughi) Botschaften an de Gaulle (Patrice Juiff), arrangiert geheime Treffen, verteilt Geld und wird Teil der Geschichte sowie Zeuge der Entstehung des Nationalrats der Résistance ...
Wikipedia (Jean Moulin):
Dem Beamten Moulin gelang es, die Untergrundkämpfer zu einen – was ihn zum Staatsfeind Nummer eins der deutschen Besatzer machte.[1]

Daniel Cordier (frz. Wikipedia – Google-Übersetzer)
- Daniel Cordier, une vie à travers l'art (Les Abattoirs – Google-Übersetzer
- Daniel Cordier, un galeriste à Paris au tournant des années 1950-1960 (Les Abattoirs – Google-Übersetzer)
- Charles de Gaulle, Jean Moulin und der Nationale Widerstandsrat (Stiftung Charles de Gaulle-Stiftung)
- Jean «Max» Moulin - Der Chef der Résistance (Lorenz.isz.org)


Nachdem sie ihn anfangs als autoritär abgelehnt hatten, konnte er sie zur Vorbereitung der Landung der Alliierten von der Notwendigkeit der Vereinigung in der Armée secrète (= geheime Armee) überzeugen.
Am 22. Oktober 1942 erhielt Moulin ein Schreiben de Gaulles, in dem er zum Präsidenten des Koordinierungskomitees ernannt wurde. De Gaulle ernannte Moulin damit quasi zum Schiedsrichter bei allen Schwierigkeiten zwischen den Gruppen. Die Landung der Alliierten am 8. November 1942 in Marokko und Algerien (Operation Torch) beschleunigte die Vereinheitlichung der Résistance. 
In einem zweiten Schritt fusionierten 
zu den Mouvements unis de la Résistance (MUR; dt. Vereinigten Bewegungen der Résistance).
In einem dritten Schritt gelang ihm die Vereinigung mit den wichtigsten Widerstandsbewegungen im nördlichen besetzten Teil Frankreichs:

Daniel Cordier, ancien secrétaire de Jean Moulin On n'est pas couché 11 mai 2013 #ONPC [22:48]

Veröffentlicht am 30.06.2014
On n'est pas couché
Daniel Cordier, ancien résistant et ancien secrétaire de Jean Moulin
Georges-Marc Benamou, journaliste, écrivain, producteur de cinéma
Fiction "Alias caracalla"
11 mai 2013
Toutes les informations sur les invités et leur actualité
http://www.france2.fr/emissions/on-n-...
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(13) Secrets de Guerre - La resistance Francaise [52:02]
Veröffentlicht am 13.12.2014

School for Danger (Now it Can Be Told) - Full Movie, French Resistance [1:08:52]  

Veröffentlicht am 10.04.2013
Docudrama on agents trained by Britain to join the resistance fighting against the Germans in World War 2. This film stars two real British agents, Captain Harry Rée DSO, OBE, Croix De Guerre, Médaille de la Résistance, and Jacqueline Nearne, MBE - the real life agents "Felix" and "Cat", and depicts some of their exploits in France. Released in England as "Now it Can Be Told". Watch classic movies on http://www.manicmovies.com

Gladiators of World War II - The Free French Forces [E12/13] [48:05]
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Jean Moulin ( Résistance Occupation ) Histoire [52:30]

Veröffentlicht am 21.02.2013
Un film de William Karel
Daniel Cordier avait été le secrétaire de Jean Moulin pendant la Résistance, puis avait disparu après la libération, tirant un trait sur cette période. Il s'était inventé une nouvelle vie, marchand de tableau. Mais en 1977, la télévision consacre une émission de TV "Les Dossiers de l'écran" à Jean Moulin. Daniel Cordier accepte, à contre cœur, de sortir de son sommeil historique pour tenter de défendre Jean Moulin, qu'Henri Fresnay, qui dirigeait le plus important mouvement de la résistance intérieure, accuse d'avoir été un agent soviétique et trahi la résistance. La vie de Daniel Cordier va basculer ce soir-là.
Jugeant sa prestation sur le plateau lamentable, il abandonne tout et décide de consacrer le reste de sa vie à "réhabiliter" Jean Moulin. Dans ce film, il examine documents et archives, éclaire cette période de façon inédite et brosse du même coup un formidable portrait de la France.
"Ne fais jamais rien contre ta conscience, même si l'Etat, l'Europe ou l'autorité supérieure à l'état te le demande."
»Tue niemals etwas gegen Dein Gewissen, selbst, wenn der Staat, Europa oder eine dem Staat übergeordnete Macht dies von Dir fordert.«
"La folie est de toujours se comporter de la même manière et de s'attendre à un résultat différent."
»Der Wahnsinn besteht darin, sich auf die gleiche Art und Weise zu verhalten und ein anderes Ergebnis zu erwarten.«

Le dossier Klaus Barbie - Archive INA [21:21]

Veröffentlicht am 09.07.2012
12 mars 1983
Dossier spécial consacré à Klaus BARBIE. A l'aide d'archives, de photos et de témoignages résumé de sa vie, de ses responsabilités de nazi à son installation à La Paz en passant par sa collaboration au CIC, jusqu'à son retour en France.La conclusion est laissée à une jeune lycéenne du lycée Jean Moulin à Lyon, consciente du poids de l'histoire et de la nécéssité de faire en sorrte que de tels évènements ne s'oublient. Images d'archive INA
Institut National de l'Audiovisuel
http://www.ina.fr
Institut National de l'Audiovisuel
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http://www.youtube.com/subscription_c...

Interview Barbie [3:53]

Veröffentlicht am 16.07.2012
30 janvier 1983
Prison de San Pedro à La Paz ou est incarcéré Klaus BARBIE. Interview Klaus BARBIE dans sa cellule sur la mort de son fils, la mort des maquisards français et celle de Jean MOULIN. Images d'archive INA
Institut National de l'Audiovisuel
http://www.ina.fr Abonnez-vous http://www.youtube.com/subscription_c... Abonnez-vous http://www.youtube.com/subscription_c...

Révélations de Klaus Barbie sur Raymond AUBRAC [3:16]

Veröffentlicht am 09.07.2012
15 decembre 1989
Klaus BARBIE et Maître Vergès relancent une nouvelle fois l'accusation contre Raymond AUBRAC. Selon eux ce dernier est responsable de la trahison dont a été victime Jean MOULIN à Caluire. Rétrospective des différentes étapes de cette affaire. Images d'archive INA
Institut National de l'Audiovisuel
http://www.ina.fr
Institut National de l'Audiovisuel
http://www.ina.fr Abonnez-vous
http://www.youtube.com/subscription_c...

siehe auch:
- Die «Résistance» auf dem Prüfstand – Heilige Geschichte mit Lücken (Lochmann Verlag)
Unter dem Titel „Lücken in der heiligen Geschichte vom Widerstand“ berichtet Martina Meister in der Badischen Zeitung vom 28. Juli 1997 über neue offizielle Erkenntnisse und Mutmassungen in bezug auf dieses heikle Thema. Nachfolgend der genaue Wortlauf mit einigen (Anmerkungen) unsererseits.

«Frankreich hat bekanntermassen ein gespaltenes Verhältnis zu seiner jüngsten Geschichte. Fast 40 Jahre hat es gedauert, bis offiziell die Mitschuld an der Deportation französischer Juden anerkannt wurde. Nun gibt die sogenannte „Aubrac-Affäre“ zu denken: Binnen weniger Wochen sind die Widerstandshelden Lucie und Raymond Aubrac vom Heldensockel der Geschichte gezerrt und auf die historische Anklagebank zitiert worden.

Aus dem Heldenpaar ist ein „Fall“ geworden, über den in den Zeitungsspalten verhandelt wird: Ist Raymond Aubrac, eine der Hauptfiguren der französischen Résistance, den seine Frau zweimal aus den Händen der Gestapo befreit hat, kein Widerstandsheld, sondern ein Verräter gewesen? Das ist die Frage, die sich Historiker, Journalisten und ehemalige Résistance-Kämpfer stellen. Lucie und Raymond Aubrac selbst, beide mittlerweile weit über achtzig, haben die Debatte mit Bedauern und Kopfschütteln verfolgt und schliesslich eine Gesprächsrunde mit Historikern angeregt. Die Tageszeitung Libération hat den Vorschlag im Mai (1997) in die Tat umgesetzt und das aufsehenerregende Protokoll der Diskus- sionsrunde jetzt veröffentlicht.


- Affaire Aubrac-Chauvy: Histoire ou (et) diffamation? (l’Humanité, 12.02.1998) 
- Heute in den Feuilletons: "Das patriotische Tabu" (SPIEGEL, 25.08.2005)
In der "Zeit" klärt Amos Oz die Europäer auf: Mit den Mitteln der Gruppentherapie ist im Nahen Osten kein Frieden zu erreichen. Die "FR" findet den neuen Houellebecq antisemitisch, antiislamistisch, frauenfeindlich, kinderfeindlich, ja menschenfeindlich. Die "SZ" hat den untergetauchten Schriftsteller Peter Hoeg aufgespürt.

- Schauplatz Gedächtnis (Martina Meister, ZEIT, 31.03.2009)
aktualisiert am 14.10.2015

Samstag, 9. Mai 2015

Ein General begeht Suizid

Als der zwölfte und letzte Prozeß in Nürnberg gegen 13 Generale und einen Admiral eröffnet werden sollte, blieb ein Platz leer. Die Angeklagten waren erregt und blaß. Der Gerichtsmarschall erläuterte dem Gericht, einer der Angeklagten liege im Krankenhaus. Um 9.20 Uhr eröffnete der Präsident das Gericht. Um 11 Uhr wurde bekannt, Generaloberst Johannes Blaskowitz habe um 7.30 Uhr einen Selbstmordversuch unternommen und sei um 10.20 Uhr verstorben. 

An diesem Morgen waren die Häftlinge nach dem Kaffee wie immer im Gänsemarsch zu ihren Zellen zurückgeleitet worden, als der 64jährige Blaskowitz plötzlich aus der Reihe sprang, mit Hilfe einer Leiter, die ein Maler aufgestellt hatte, das 2,50 m hohe Schutzgitter überstieg und sich in den zentralen Lichthof des Nürnberger Gerichtsgefängnisses stürzte.
mehr:
- In den Lichtschacht – Um Schlimmeres zu verhindern (SPIEGEL, 14.02.1948)
Siehe auch:
- Johannes Blaskowitz (Wikipedia):
Am 27. September 1939 nahm Blaskowitz die Kapitulation Warschaus entgegen. Nach dem Ende der Kampfhandlungen wurde er von Hitler zum Generaloberst befördert und als einer der ersten deutschen Soldaten mit dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet.[5] Kurze Zeit später wurde er Oberbefehlshaber des deutschen Besatzungsheeres in Polen. Blaskowitz protestierte im Herbst 1939 und Winter 1939/40 mehrfach gegen die radikale Umsetzung der von Hitler angeordneten „völkischen Flurbereinigung“, also gegen die zwangsweise Vertreibung sehr vieler Polen aus dem annektierten Wartheland und dem Reichsgau Danzig-Westpreußen. Er war verärgert über Anmaßungen selbstständiger Polizeikräfte, sorgte sich um die Disziplin der Truppe und nannte auch moralische Argumente.[6]
„Eine ganz besonders und stetig wachsende Beunruhigung des Landes bringt die Umsiedlung mit sich. Es liegt auf der Hand, daß die darbende und um ihre Existenz und ihr Leben ringende Bevölkerung nur mit größter Sorge die völlig mittellos, über Nacht aus ihren Häusern gerissen[en], sozusagen nackt und hungernd bei ihr unterkriechenden Massen der Umgesiedelten betrachten muß. Dass diese Gefühle durch die zahlreichen verhungerten, toten Kinder jedes Transportes und die Waggons voller erfrorener Menschen zu maßlosem Haß gesteigert werden, ist nur zu erklärlich. Die Ansicht, man könne das polnische Volk mit Terror einschüchtern und am Boden halten, wird sich bestimmt als falsch erweisen.“
– Johannes Blaskowitz: Memorandum November 1939[7]

Blaskowitz protestierte mehrfach gegen die Misshandlung und Ermordung von jüdischen und nichtjüdischen Polen durch SS-Einsatzgruppen und Polizeieinheiten.[8] Er verhängte auch Todesurteile gegen SS-Angehörige wegen Verbrechen gegenüber der Zivilbevölkerung, welche aber von Hitler aufgehoben wurden.[9] In einem Bericht vom 27. November 1939 schrieb er, dass die „Verbindung zu den Organen der Sicherheits- und Ordnungspolizei ... ziemlich gestört“ sei und dass die „Truppe es ablehnt, mit den Greuelhandlungen der Sicherheitspolizei identifiziert zu werden und von sich aus jedes Zusammengehen mit diesen fast ausschließlich als Exekutionskommandos arbeitenden Einsatzgruppen“ verweigere. Infolge der Gewalttaten schwanke „die Einstellung der Truppe zu SS und Polizei ... zwischen Abscheu und Haß“.[10]
„Der schlimmste Schaden jedoch, der dem deutschen Volkskörper aus den augenblicklichen Zuständen erwachsen wird, ist die maßlose Verrohung und sittliche Verkommenheit, die sich in kürzester Zeit unter wertvollem deutschen Menschenmaterial wie eine Seuche ausbreiten wird. Wenn hohe Amtspersonen der SS und Polizei Gewalttaten verlangen und sie in der Öffentlichkeit belobigen, dann regiert in kürzester Zeit nur noch der Gewalttätige. Überraschend schnell finden sich Gleichgesinnte und charakterlich Angekränkelte zusammen, um, wie es in Polen der Fall ist, ihre tierischen und pathologischen Instinkte auszutoben. Es besteht kaum noch Möglichkeit, sie im Zaum zu halten, denn sie müssen sich mit Recht von Amtswegen autorisiert und zu jeder Grausamkeit berechtigt fühlen.“
– Johannes Blaskowitz: Denkschrift zur militärpolitischen Lage vom 6. Februar 1940[11]
Zumindest seine ersten beiden Berichte zogen weite Kreise, obwohl sie von der Führung ignoriert wurden: der Abwehroffizier Helmuth Groscurthinformierte am 18. Dezember 1939 die Stäbe der drei Heeresgruppen an der Westfront anhand der Blaskowitz-Berichte von den Vorkommnissen in Polen. Besonders der zweite Bericht wurde vielfach kopiert und verteilt; er löste massive Empörung aus – besonders deshalb, weil die berichteten Sachverhalte ungesühnt bleiben sollten.[10]

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Im März 1940 protestierte er neben Generaloberst Johannes Blaskowitz, dem Oberbefehlshaber des deutschen Besatzungsheers in Polen, gegen die Gewalttaten der SS und der Polizeitruppen im besetzten Polen und verlangte kategorisch deren Ablösung:[1]... die sich häufenden Gewalttaten der polizeilichen Kräfte zeigen einen ganz unbegreiflichen Mangel menschlichen und sittlichen Empfindens, so daß man geradezu von Vertierung sprechen kann“. Ulex wurde kurze Zeit später seines Postens enthoben.
[…]
Ulex stand auch aufgrund seiner christlichen Weltanschauung (er war Sympathisant der Bekennenden Kirche und wurde deswegen von Heinrich Himmler als „unbelehrbarer Vertreter der Bekenntnisfront“ eingestuft[1]) dem nationalsozialistischen Regime kritisch gegenüber. [Wilhelm Ulex, Wikpedia]

Ein schweigsamer und viele gehorsame Generale, ein bornierter Diktator, ein beklopper Reichsjägermeister und die Kriegswende in Stalingrad

Walther von Seydlitz, der Realist von Stalingrad, wird achtzig Jahre alt


Ein Mann des Widerstandes gegen Hitler kam zu spät aus russischer Kriegsgefangenschaft, um die Anerkennung zu finden, die ihm gebührt. Er lebt zurückgezogen in einem Reihenhaus in Bremen, isoliert von seinen alten Kameraden, die ihm nicht verzeihen wollen, was er in Stalingrad und später getan hat. Dabei hat er lediglich Gesetze mißachtet, die unter Hitler bedingungslos zu befolgen längst fragwürdig geworden war: Walther von Seydlitz-Kurzbach, aus alter Soldatenfamilie stammend und von preußischer Tradition geprägt, General der Artillerie und Kommandeur eines Armeekorps in Stalingrad, begeht in diesen Tagen seinen 80. Geburtstag.

Seydlitz scheut die Öffentlichkeit, meidet Publizität, die viele nach dem Krieg zu ihrer eigenen Rechtfertigung gesucht haben. Leider, denn sein Wort hätte auch heute noch Gewicht. Der General wurde den Soldaten der Ostfront zum erstenmal bekannt, als er im Frühjahr 1942 bei Demjansk sechs eingeschlossene Divisionen freikämpfte, und zwar nach energischem Widerstand gegen einen anderslautenden Befehl Hitlers. Ende Oktober desselben Jahres stand er mit seinem I. Korps im Verband der 6. Armee in Stalingrad. Seydlitz drängte die Armee, die verlustreichen Stadtkämpfe an der Wolgafront einzustellen, damit sich die abgekämpften, dezimierten Truppen erholen und auf die erwarteten schweren Winterangriffe der Russen vorbereiten könnten. Doch die Armeeführung lehnte ab.

mehr:
- Der schweigsame General (Ernst Wilhelm Graf Lynar, ZEIT Online, 09.08.1968)
Zitat:
Trotzdem drängte Seydlitz jetzt Paulus immer wieder, die Initiative zu ergreifen und den sinnlosen Kämpfen ein Ende zu setzen. „Es war mir einfach unmöglich“, sagte er rückblickend „in dem elenden Verhungern, Erfrieren und Dahinsterben, in dem Zusammenknallen deutscher Soldaten durch offen aufgefahrene russische Panzer den letzten Sinn des Soldatentums und der Soldatenehre zu erblicken.“ Seydlitz war empört, daß Paulus selbst in letzter Stunde nicht das Unumgängliche selbst zu entscheiden wagte.
Stalingrad hat, wie wir heute wissen, nicht nur die äußere Wende im Zweiten Weltkrieg gebracht. Es hat auch den Krieg als Hitlers eigenen Krieg entlarvt. Wer immer Hitlers Ziele und seine Strategie beurteilen konnte, mußte sich jetzt die Frage stellen, ob weiter gekämpft und gestorben werden sollte. An dieser Frage schieden sich damals schon und scheiden sich noch heute die Geister – auch in der Bundeswehr.
Die Männer des 20. Juli 1944 haben die Frage für sich entschieden, ihr Widerstand sollte den Krieg so rasch wie möglich beenden. Nichts anderes wollte Seydlitz, als er sich in der Gefangenschaft dem bereits vorher gegründeten Nationalkomitee Freies Deutschland (als Vizepräsident) und dem Bund Deutscher Offiziere (als Präsident) zur Verfügung stellte. Daß er dort mit Kommunisten, Vertretern eines anderen totalitären Regimes zusammenarbeiten mußte, hat ihn in schwere Gewissenskonflikte gestürzt. Er entschloß sich dazu erst, nachdem ihm Ende August 1943 der NKWD-General Melnikow im Namen der sowjetischen Regierung zugesichert hatte, daß nach einem kampflosen Rückzug der deutschen Truppen die Reichsgrenzen von 1937 garantiert würden.
Ihm ging es darum und um den Sturz Hitlers. In diesem Sinne richtete er seine eindringlich formulierten Briefe an die obersten Kommandeure der deutschen Ostfront. Von den Intrigen und ideologischen Machtkämpfen innerhalb des Komitees und des Bundes Deutscher Offiziere hielt er sich fern; allen kommunistischen Annäherungsversuchen wies er die kalte Schulter. Er gab sich auch keinen Illusionen hin über den Wert der sowjetischen Grenzgarantie – sie schriftlich zu bestätigen hatte Melnikow verweigert –, und er verkannte auch nicht, daß sein Einfluß auf die Soldaten der Ostfront, die er über Lautsprecher und in Flugblättern ansprach, unbedeutend bleiben würde. Dennoch ergriff er diese letzte, wie auch immer begrenzte Chance, um zu retten, was noch für Deutschland zu retten war. Er nahm dabei in Kauf, daß Hitler ihn in Abwesenheit zum Tode verurteilen ließ und seine Familie ins KZ brachte.
siehe auch:
- Walther von Seydlitz-Kurzbach – General im Schatten Stalingrads (Bodo Scheurig, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin. PDF)
Zitat:
Ähnlich abschreckende Erfahrungen im Sponeck-Prozeß, in dem Seydlitz trotz Sträubens als Beisitzer fungieren mußte. Sponeck hatte auf der Krim eigenmächtig Rückzüge befohlen, weil er glaubte, nur durch Absetzbewegungen sein bedrängtes Korps retten zu können. Das Korps wurde gerettet, verlor aber Teile der Ausrüstung. Göring, Vorsitzender des Kriegsgerichts, informierte Seydlitz, daß Hitler die Todesstrafe verlange, um ein warnendes Exempel zu statuieren. Hinterher sei beabsichtigt, Sponeck zu fünfzehn Jahren Festungshaft zu begnadigen. Seydlitz empörte das von vornherein feststehende Urteil, ebenso Görings "abfertigende" Verhandlungsführung, die keine Zeugenaussagen gestattete. Das Kriegsgericht verurteilte, wie geplant, Sponeck zum Tode. Hitler begnadigte ihn darauf zu sechs Jahren Festungshaft; 1944 ließ Himmler den General kurzerhand erschießen. Sponeck bekannte sich im Schlußwort zu seinem Handeln. Seydlitz entnahm dem Prozeß, daß auch der höhere Truppenkommandeur zu einem willenlosen Befehlsempfänger herabgewürdigt werden sollte. Selbständige Regungen galten als Schmach - ein Gehorsamsprinzip, das bewährte Grundsätze zerstörte. […]
Der abnorme Frontbalkon um Demjansk blieb. Zwölf Divisionen hatten ihn und den freigekämpften "Verbindungsschlauch" in erbittertem, verlustreichen Ringen weiterhin zu halten. Eine "Panzerarmee Model" trat nie zum Angriff an. Erst Stalingrad veranlaßte Hitler, dieses makabre Kapitel Kriegsgeschichte abzuschließen. Seydlitz leugnete nicht, daß der Demjansker Frontbalkon feindliche Kräfte fesselte. Aber Hitlers Führung verhöhnte erprobte Grundsätze; sie klebte an jedem Quadratkilometer russischen Bodens und war "unfähig zu beweglicher, mit örtlichen Rückzügen verbundener strategischer Konzeption". Die maßgebenden Berater, schien es, vermochten sich nicht gegen den Diktator durchzusetzen. Statt Hitler von unsinnigen "Intuitionen" notfalls gewaltsam abzubringen, zeigten Halder wie Jodl Schwäche und Unterwürfigkeit. Militärischer Dilettantismus triumphierte. Seydlitz begann zu ahnen, daß solch eine Spitzengliederung alle Erfolge der Wehrmacht verspielen mußte. Seine Ablehnung Hitlers wuchs. Von jetzt an quälten ihn Sorgen um die Fronttruppe. Der Krieg, so glaubte er, war auch ohne den "neuen, fürchterlichen Gegner Amerika" auf dem Schlachtfeld verloren. […]
Zangenschluß der Roten Armee bei Kalatsch (Quelle: Wikipedia)
 Drei Tage später vereinigten sich die sowjetischen Keile bei Kalatsch: die 6. Armee war umgangen und von rückwärtigen Verbindungen abgeschnitten. Paulus, dessen Chef des Stabes Schmidt und die übrigen Generale wußten: die Lage der 6. Armee nötigte zum sofortigen Ausbruch nach Südwesten. Alternativen entfielen. Richthofen, Fiebig und Pickert, die Luftwaffenkommandeure vor Stalingrad, erklärten unmißverständlich, daß eine Luftversorgung für 250.000 Mann ausgeschlossen sei.
So eindeutig die Situation: Hitler befahl der Armee, Stalingrad zu halten und Entsatz abzuwarten. Seydlitz begriff, daß sich Demjansk wiederholen sollte. Eindringlich beschwor er Paulus, unverzüglich zu handeln und nach oben zu melden, daß die Ereignisse eine Kesselbildung unmöglich gemacht und den Ausbruch erzwungen hätten. Solche Sprache - schien ihm - deckte die einzig denkbare Lösung, nannte vollendete Tatsache, was einzuleiten war, und vermied offenen Ungehorsam. Kräfteabgaben des L1.Korps, mit denen die inzwischen umklammerte Armee ihre Fronten stabilisierte, förderten den richtigen, unumgänglichen Entschluß. Um ihn und die notwendigen Rückzugsbewegungen zu beschleunigen, verkürzte Seydlitz Abschnitte seines Korps - eine "Eigenmächtigkeit", die Krisen auslöste und Kriegsgericht einzutragen drohte.
Der Vorfall blieb bedeutungslose Episode. Die Würfel fielen woanders. Paulus konnte sich nicht zu selbständigen Taten entschließen. Er bat um Handlungsfreiheit und verlor sie. Hitler, dem Göring ohne Detailstudien zusicherte, daß die Luftwaffe auch 250000 Mann versorgen werde, beharrte auf seiner Weisung. Einsprüche des Generalstabschefs wurden abgetan oder zurückgewiesen. Die Spitze der 6. Armee gehorchte und verleugnete die klaren, unwiderlegten Schlüsse, die sich ihr zuvor aufgedrängt hatten. Glaube ersetzte Analysen. Wie alle Generale mußte Seydlitz den "Führerbefehl" hinnehmen. Die Haltung der Vorgesetzten ließ keinen Ausweg. Obschon eigens zum verantwortlichen Befehlshaber der Stalingrader Nordfront ernannt, vermochte er mit einem Korps nicht gegen die Armee zu handeln.
Um so demütigender die Weisung des Diktators. Weniger denn je täuschte sich Seydlitz über die Widersprüche, in die sie gerade ihn verstrickte. Seit der Kampf im Ruinengewirr Stalingrads tobte, war er gezwungen, bewährte Führungsmaximen zu verletzen: für den guten Kommandeur eine Kette qualvoller Konflikte. Nun hatte er erst recht die bessere Einsicht zu widerrufen und umzustoßen, doch der Wahnwitz einer Einkesselun9 von 22 Divisionen schien Seydlitz zu ungeheuerlich, die Selbstbeschwichtigung der obersten Ränge würdelos und unerträglich. In einer Denkschrift vom 25. November 1942, die sein Stabschef Obersti. G. Clausius entwarf, verlangte er noch einmal den Ausbruch der 6. Armee.
Die Denkschrift umging jene angeblich unbekannte "große Lage", die Paulus zum Vorwand des Gehorsams nahm; Seydlitz rechnete mit dem Übersehbaren: einfachen Faktoren. Würde das LI.Korps, so die Resultate, "auf ganzer Front angegriffen", hätte es sich angesichts der Munitionslage in zwei, drei Tagen "verschossen". "Woher die für die Versorgung der Armee benötigte große Zahl Ju (52) genommen werden soll, ist nicht ersichtlich. Wenn sie überhaupt vorhanden ist, müssen die Maschinen aus ganz Europa und Nordafrika erst zusammengeflogen werden ... Selbst wenn täglich 500 Maschinen statt der in Aussicht stehenden 130 landen werden, können nicht mehr als 1000 Tonnen Güter herangebracht werden, die für den Bedarf einer Armee von rund 200000 Mann, im Großkampf und ohne Vorräte, nicht ausreichen." Allenfalls Bruchteile des notwendigsten Munitions-, Treibstoff- und Verpflegungsbedarfs dürften den Kessel erreichen.
Dem Gegner winke "ein Sieg in einer Vernichtungsschlacht klassischen Ausmaßes". Er kenne die deutschen Versorgungsschwierigkeiten. "Mit unverminderter Heftigkeit" werde er weiterhin angreifen. Scheiterten mehrere seiner Angriffe, "wird doch der Enderfolg dann eintreten, wenn die Armee sich verschossen hat und wehrlos ist". Dem Feind derartige Überlegungen absprechen, hieße "das unrichtigste Handeln erwarten. Dies hat in der Kriegsgeschichte stets zu Niederlagen geführt". Der Vernichtung könne die 6. Armee nur entgehen, sofern Entsatz in kürzester Frist wirksam würde. Für ihn läge aber nicht ein einziges Anzeichen vor. "Der Aufmarsch einer zu schnellem Durchstoß über den Don und gleichzeitiger Abdeckung ihrer Nordflanke ausreichenden Armee ... dauert Wochen. Hinzu kommt der Zeitbedarf für die Operationen selbst, der bei den Unbilden der Witterung und den kurzen Tagen der jetzigen Jahreszeit bedeutend größer ist als im Sommer."
Seydlitz weigerte sich zu glauben, daß die Truppe "bewußt aufgeopfert" werden solle. Die zwingende Folgerung lautete daher: sofortiger Ausbruch, um wenigstens die Masse der 6. Armee dem Untergang zu entziehen. "Jedes Zögern mindert seine Aussichten, mit jedem Zögern nimmt die Zahl von Kämpfern und Munition ab. Mit jedem Zögern wird der Feind an der Durchbruchsfront stärker ... Hebt das OKH den Befehl zum Ausharren in der Igelstellung nicht unverzüglich auf, so ergibt sich vor dem eigenen Gewissen gegenüber der Armee und dem deutschen Volke die gebieterische Pflicht, sich die durch den bisherigen Befehl verhinderte Handlungsfreiheit selbst zu nehmen und von der heute noch vorhandenen Möglichkeit, die Katastrophe durch eigenen Angriff zu vermeiden, Gebrauch zu machen. Die völlige Vernichtung von zweihunderttausend Kämpfern und ihrer gesamten Materialausstattung steht auf dem Spiel. Es gibt keine andere WahL"
Paulus' Stabschef Schmidt befand in einer Randbemerkung, daß sich General von Seydlitz nicht den Kopf der Armee zu zerbrechen habe und die Armee nicht den des Führers. Generalfeldmarschall von Manstein, Oberbefehlshaber der für den Entsatz neugebildeten Heeresgruppe Don, reagierte klüger. Die Daten und Zahlen der Denkschrift beunruhigten ihn; sie dämpften seinen ursprünglichen Optimismus. In Meldungen an Hitler griff er die eindrucksvollsten Argumente auf, doch das Dokument legte er zu den Akten der Heeresgruppe. Was Seydlitz - nun auch im offenen Ungehorsam - abwenden wollte, begann sich einzustellen. Nahezu wortwörtlich bestätigte die Entwicklung alle Prognosen. […]
Seydlitz erlebte die vorausgesagte Katastrophe mit Bitterkeit. Was sie widerspiegelte, hieß für ihn: Dilettantismus und Wahn des Diktators, aber auch Feigheit und Versagen der militärischen Spitzen, die sich gegen jede Erkenntnis sklavisch unterordneten. 22 Divisionen - im Grunde zwei Armeen - wurden geopfert, dahingerafft. Ihr Kampf hatte nur noch die ärgsten Konsequenzen verfehlter Strategie abzumildern: jammervollste unter allen "Sinn"gebungen. Nirgendwo vermochte solch ein Zweck die Vernichtung von zweihunderttausend Menschen aufzuwiegen, geschweige denn zu rechtfertigen. Die Ohnmacht, die Seydlitz fühlte, steigerte seine innere Erregung. Einem Offizier, der ausfliegen sollte, erklärte er: niemand dürfe sich darüber wundern, wohin "wir bei dieser Führung geraten sind". Unfaßliche Entscheidungen, die traditionelle Lehren, ja, allgemeine Sittengesetze verhöhnten, trügen die Schuld am Zusammenbruch der 6. Armee. Die Verantwortlichen seien gerichtet. "Stalingrad ist eine Beresina im Quadrat2). Deutschland wird einmal ein Stalingrad im Quadrat sein."
Paulus bat Hitler in einem Funkspruch erneut um Handlungsfreiheit. Eindringlich verdeutlichte er die Lage im Kessel. Manstein befürwortete nun den Abbruch des grauenvollen, ungleichen Ringens, in dem sich die Eingeschlossenen weit länger als erwartet verteidigt hatten. Hitler jedoch untersagte Kapitulationsverhandlungen und befahl: Widerstand bis zur letzten Patrone! Das Würgen, jetzt in schneidender Kälte, dauerte an. Leiden und Sterben überstiegen alle Maße. Was der Armeeführung blieb, waren Entschlüsse der Verzweiflung. Erschöpfte und Versprengte wurden mit einigen Gramm Brot für Einsätze geködert, Kranke und schließlich auch Verwundete in improvisierte Stellungen gesteckt. Statt schwerer Waffen sollten Parolen bei der Abwehr eines Gegners helfen, der ungehindert aufmarschierte, umgruppierte und angriff. Die 6. Armee spürte, daß jede Hoffnung betrogen und ihre Treue verraten war; sie sank ins Chaos und verfluchte Hitler.
Seydlitz glaubte nicht, daß die Trümmer-Divisionen dieser Armee noch erhebliche Feindkräfte banden: der "Sieg in einerVernichtungsschlacht klassischen Ausmaßes" war den Sowjets gewiß. So bestürmte er Paulus, dem "sinnlosen Hinopfern" Einhalt zu gebieten und wenigstens organisiert zu kapitulieren. Paulus, längst Resignation, erwiderte: "Ich tue nichts." Darauf meldete ihm Seydlitz, daß er selbständig handeln werde. Seiner Truppe gab er Order, die Munition zu verschießen und den Kampf einzustellen - mit der Folge, daß er - abgesetzt wurde. Gegenweisungen verlangten, auf jene zu feuern, die sich ergeben wollten: Zeugnis des "heroischen Fanatismus", den Presse- und Rundfunkkommentare pathetisch feierten. allein der Feind machte nun ein Ende. Russische Infanterie- und Panzereinheiten spalteten die 6. Armee. Ihre Reste gerieten in einen Nord- und Südkessel. Unter totaler Auflösung erlosch am 31. Januar und 2. Februar 1943 der letzte Widerstand. Paulus, zum Generalfeldmarschall befördert, kapitulierte lediglich mit dem Armeestab und einigen Sicherungskräften. Vor seinem Kellergewölbe sollte es - Worte Schmidts - nicht zu Gefechten kommen. Der Tod, tausendfache Konsequenz barbarischer Durchhaltebefehle, galt nur für die namenlosen Soldaten. Trotzdem fielen noch, freilich nahezu verhungert oder erfroren, 92000 Mann in sowjetische Gefangenschaft. Die Schlacht um Stalingrad, blutigste und entsetzlichste des Zweiten Weltkrieges, war ausgekämpft.
Erste Verhöre offenbarten, daß der Sieger den eigenen Triumph kaum fassen konnte. Tschuikow, Kommandeur der unbezwungenen 62. sibirischen Armee, fragte: "Warum sind Sie im November nicht ausgebrochen? Wir hatten große Sorge." Seydlitz, niedergeschlagen, gab keine Antwort. Wenige Tage später wurde er wie die übrigen Generale nach Woikowo transportiert, ein Barackenlager hinter Moskau. Dieses Lager schien vollends zur Stummheit und Einflußlosigkeit auf das weitere Kriegsgeschehen zu verurteilen, doch Stummheit und Einflußlosigkeit lagen nicht im Sinne der Russen. Sie übergingen Regeln der Gefangenschaft und planten, die Spitzen der 6. Armee zu mobilisieren. Die Frontpropaganda brauchte Erfolge. […]
Das Massensterben der erschöpften Stalingrader Kriegsgefangenen, zusätzliche Katastrophe nach der grauenvollen Schlacht, drohte ebenso alle Chancen zu begraben. Nur 6000 Mann entgingen dem Tod. Diesen Rest jedoch wollten die Sowjets nicht verlieren. Stalin befahl, Musterlager zu errichten, und verfügte eine sogenannte Aufbauverpflegung. Geschmeidigere Politruks riefen ausgewählte Offiziere zu "Meetings" und sprachen allein noch von nationalen Pflichten. Ihnen half erschüttertes Siegesbewußtsein und die wachsende Überzeugung, daß, wer patriotisch dachte, nun versuchen müsse, das Reich zu retten. Die unorthodoxe Agitation trug Früchte. Mitte Juli 1943 kam es in Krasnogorsk bei Moskau zur Gründung des Nationalkomitees "Freies Deutschland". Ein Manifest - schwarz-weiß-rot umrandet3) - beschwor Volk wie Wehrmacht, Hitler zu stürzen und den Krieg zu beenden.
Manifest des NKFD · 1943 [3:23]

Hochgeladen am 13.12.2008
Национальный комитет «Свободная Германия» (нем. Nationalkomitee Freies Deutschland, или NKFD) — политический и организационный центр немецких антифашистов во время Второй мировой войны, созданный 12 июля 1943 года на территории СССР по инициативе КП Германии, в который вошли ведущие германские коммунисты, а также ряд немецких солдат и офицеров из числа захваченных в плен под Сталинградом.
The National Committee for a Free Germany (German: Nationalkomitee Freies Deutschland, or NKFD) was a German anti-Nazi organization that operated in the Soviet Union during World War II
Kurzer Auszug aus dem Manifest des Nationalkomitees Freies Deutschland (1943)
Text:
"Achtung, deutsche Soldaten!
Wir bringen einen Kurzauszug aus dem Manifest des Nationalkomitees Freies Deutschland.
Die Tatsachen beweisen: Der Krieg geht verloren. Wenn das deutsche Volk sich weiter willenlos und widerstandslos ins Verderben führen läßt, wird Hitler nur durch die Waffen der Koalition gestürzt. Das wäre das Ende unserer nationalen Freiheit und unseres Staates, das wäre die Zerstückelung unseres Vaterlandes. Wenn das deutsche Volk sich jedoch rechtzeitig ermannt, erobert es sich das Recht, über sein künftiges Geschick selbst zu bestimmen und in der Welt gehört zu werden. Das ist der einzige Weg zur Rettung des Bestandes, der Freiheit und der Ehre der deutschen Nation. Das Ziel heißt: Freies Deutschland!
Deutsche Soldaten und Offiziere an allen Fronten, Ihr habt die Waffen. Bleibt unter den Waffen! Bahnt Euch mutig - unter verantwortungsbewußten Führern, die eins sind mit Euch im Kampf gegen Hitler - den Weg zur Heimat, zum Frieden! Der Kampf für ein freies Deutschland erfordert Mut, Tatkraft und Entschlossenheit. Vor allem Mut! Die Zeit rennt, rasches Handeln tut not. Wer aus Furcht, Kleinmut oder blindem Gehorsam weiter mit Hitler geht, handelt feige und hilft, Deutschland in die nationale Katastrophe treiben. Wer aber das Gebot der Nation hört (...) und Leben und Ehr für sein Volk einsetzt, handelt mutig und hilft, das Vaterland von seiner tiefsten Schmach erretten.
Für Volk und Vaterland, gegen Hitler und seinen Krieg! Für sofortigen Frieden, für die Rettung des deutschen Volkes! Für ein freies, unabhängiges Deutschland!
Nationalkomitee Freies Deutschland"

siehe auch:
Bund deutsche Offiziere – Gitlär kaputt (SPIEGEL, 17.10.1966)
- Seydlitz: Verräter oder Widerstandskämpfer? (SPIEGEL, 29.08.1977)


Das notwendige Umdeuten des verlorenen Vietnamkriegs

USA Endlich rehabilitieren Politiker und Medien den 1975 endgültig verlorenen Vietnam-Krieg. Offensichtlich verlangt das die Staatsräson

Vietnam darf keine Warnung sein vor Kriegseinsätzen. Die Leute von der Antikriegsbewegung der frühen 70er Jahre, die bei all ihrer Zerstrittenheit recht hatte, sollen nicht als ermutigendes Beispiel gelten. Eine Oppositionsbewegung darf nicht gewinnen. Schon gar nicht an Deutungsmacht über eine Militäraktion, die vor vier Jahrzehnten wenig Ruhm einbrachte. Das Pentagon nannte die Operation seinerzeit – warum auch immer – Frequent Wind („Häufiger Wind“). Es gab den Auftrag, Ende April 1975 per Hubschrauber die letzten verzweifelten südvietnamesischen Helfer und Mitarbeiter aus der Hauptstadt Saigon herauszubringen.

Diese dramatischen Tage scheinen lange her zu sein. Die Hälfte der heutigen US-Bürger war nicht geboren, als in Vietnam Napalm abgeworfen, Wälder mit dem Pflanzengift Agent Orange entlaubt wurden oder Kambodscha durch die US-Invasion im April 1970 in einen Krieg taumelte, der Pol Pot und den Roten Khmer zum Aufstieg verhalf. Die US-Vietnamveteranen sind inzwischen ältere Herren. Auch die meisten Friedensbewegten von damals dürfen zum Seniorentarif die Subway benutzen.

Gefühl des Stolzes

40 Jahre nach dem Vietnam-Krieg gibt man in den USA zu: Die Sache war ein Desaster. Ex-Außenminister Kissinger – damals ein Hundertprozentiger – spricht von einem „schmerzlichen Prozess“. Amerika habe „seinen ersten Krieg verloren und die Richtschnur für sein Konzept der Weltordnung“. Eine Niederlage zuzugeben ist das eine, sie zu bewerten das andere. Und es wird heftig gerungen um die Deutungshoheit, die wichtig ist für eine Nation, die seit Vietnam pausenlos irgendwo Krieg führt.

Maßgebend bei der Vietnam-Analyse sind heute staatstragende Thesen des Kalibers: Man habe trotz des schlechten Ausgangs für das Gute gekämpft. Inzwischen wird die Vergangenheit so zurechtgebügelt, dass die nach Angaben des Veteranenministeriums 2,7 Millionen US-Soldaten, die zwischen 1964 und 1975 oft unfreiwillig als Wehrpflichtige nach Indochina mussten, in die Kategorie „Helden“ aufgenommen worden sind.

In einer Proklamation von Präsident Barack Obama am 28. Mai 2012, zum 50. Jahrestag des Vietnam Krieges, klang das so: Die „dankbare Nation“ ehre die Soldaten, „die tapfer gekämpft haben. Sie kämpften sich durch Dschungel und Reisfelder, Hitze und Monsun, heroisch, um die Ideale zu verteidigen, die uns Amerikanern wichtig sind“. Bei so viel Pathos bleibt nicht viel Platz zum Reflektieren über mehr als zwei Millionen tote Vietnamesen. Auch wenig Platz für die Anti-Kriegsbewegung und die vielen Wehrpflichtigen, die damals Befehle verweigert oder sich von der Truppe abgesetzt haben. 1971 hieß es im Armed Forces Journal, die Army in Vietnam befinde sich „in einem Zustand, der sich dem Kollaps nähert“. Nach dieser Erfahrung hat Präsident Richard Nixon die Wehrpflicht 1973 abgeschafft.

mehr:
- Ideale verteidigen, Geschichte umdeuten (Konrad Ege, der Freitag, 06.05.2015)

Apokalypse Vietnam: Der Krieg in Indochina 1968 bis 1975 [1:28:53]

Veröffentlicht am 13.06.2013
Mit russischen Waffen ausgerüstet, stürmen nordvietnamesische Soldaten den US-Stützpunkt Khe Sanh an der Grenze zu Laos. Obwohl der Angriff nur als Ablenkungsmanöver geplant war, entbrennt eine blutige Schlacht. 1973 wird ein Friedensabkommen in Paris unterzeichnet. Das Morden zwischen Süden und Norden geht weiter... Bislang unveröffentlichte Bilder aus Filmarchiven in Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt, dem früheren Saigon, liefern neue Einblicke in die Geschichte Vietnams.

Im April 1975 wurden die letzten Amerikaner vom Dach der US-Botschaft in Saigon evakuiert: Einer der längsten Kriege des 20. Jahrhunderts war zu Ende. 25 Jahre später werteten die deutschen Dokufilmer Eike und Dehnhardt die Archive in Hanoi, Ho-Chi-Minh-Stadt und den USA aus und stellten bis dato unbekanntes Material zusammen.Gemischt mit Interviews von Zeitgenossen und Politikern, die für die historischen Weichenstellungen verantwortlich waren, entsteht ein recht ausgewogenes Bild über die Geschichte des Krieges.