Sonntag, 12. März 2006

Ärzte als staatliche Erfüllungsgehilfen? I

BRD: Hartes Urteil für Psychiater

Ein Berliner Arzt wurde verurteilt, weil er Flüchtlingen ohne angemessene Untersuchung Kriegstraumata attestiert haben soll. Die Verteidigung sieht den Prozeß politisch motiviert.
aus dem Deutschen Ärzteblatt Heft 8, Februar 2006

http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=heft&id=50338


Ärzte als staatliche Erfüllungsgehilfen? II

USA: Ärzte stoppen Exekution

Mit ihrer Weigerung zur Beihilfe haben zwei Anästhesisten die Hinrichtungspraxis in den USA infrage gestellt.
aus dem Deutschen Ärzteblatt Heft 10, März 2006

http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=heft&id=50489


Mittwoch, 11. Januar 2006

Wenig Sex in vielen Partnerschaften in Deutschland

GÖTTINGEN, 28. November 2005 (pug) - Wer mit seinem Partner schon vier Wochen lang keinen Sex mehr hatte, ist in Deutschland in "guter Gesellschaft": 17 Prozent der deutschen Paare geht es ebenso. Das ist das Ergebnis einer Studie, die am Georg-Elias-Müller-Institut für Psychologie der Georg-August-Universität durchgeführt wurde.

Die Göttinger Psychologen Dr. Peter Breuer und Dr. Ragnar Beer werteten dazu die Aussagen von 13.483 Männern und Frauen aus. Auskunft gaben dabei ebenso frisch Verliebte wie Ehepaare, die bereits die Goldene Hochzeit gefeiert haben. Die Untersuchung ist Teil des Online-Projekts Theratalk, das mit einem speziellen Angebot im Internet Hilfestellung bei Beziehungsproblemen bietet.

Dr. Breuer: "Wir haben als Bezugsgröße den Zeitraum vier Wochen gewählt, weil viele Paare deutlich weniger als ein Mal in der Woche sexuell miteinander verkehren, wie auch die neue Studie belegt." Mehr als die Hälfte der Befragten (57 Prozent) hat maximal einmal pro Woche sexuellen Kontakt mit dem Partner. "Der immer wieder gern angegebene Mittelwert liegt zwar bei 5,6 Mal innerhalb von vier Wochen. Allerdings haben 63 Prozent der Paare seltener Sex, als es dieser Wert nahelegt", erläutert Dr. Beer. Lediglich 28 Prozent der Partner leben mindestens zwei Mal in der Woche ihre Sexualität miteinander aus."

aus dem Newsletter des bvvp Niedersachsen vom 8.1.2006

http://www.theratalk.de/partnerschaftstest_mehr_lust.html

Breite NGO-Allianz gegen malaysisches Holzlabel

64 Nichtregierungsorganisationen (NGOs) aus 21 Ländern fordern die Europäische Union. die Europäischen Regierungen sowie die Europäische Holzindustrie auf, dem Malaysischen Holzlabel MTCC jede Anerkennung zu verweigern. Die unterzeichnenden NGOs weisen das Label als Garantie für nachhaltige oder legale Waldbewirtschaftung zurück, da MTCC indigene Landrechte mißachtet.

Besonders kritisiert wird die Zertifizierung einer großen Holzkonzession in einem der letzten intakten Urwaldgebiete im malaysischen Bundesstaat Sarawak auf der insel Borneo. Im Oktober 2004 wurde eine strittige Konzession des malaysische Holzkonzern Samling in einem Gebiet zertifiziert, welches das indigene Volk der Penan bereits 1995 mit einer Landrechtsklage für sich beansprucht hat. Mit der Zertifizierung der sogenannten Sela'an-Linau-Konzession am Oberlauf des Barani-Flusses widerspricht MTCC dem weithin anerkannten Grundsatz, wonach rechtlich umstrittene Konzessionen nicht zertifiziert werden dürfen. Trotz anhaltenden Protests der betroffenen Penan weigert sich das Zertifizierungsgremium, das mißbräuchliche Label zurückzuziehen. In den letzten Jahren wurde MTCC immer wieder von Menschenrechtsorganisationen wegen der Mißachtung indigener Landrechte kritisiert.

Das Holzlabel dient der malaysischen Holzindustrie primär als Marketinginstrument, um zum lukrativen europäischen Holzmarkt Zugang zu erhalten.

aus Pro-Regenwald News-Letter 23/24 Dezember 2005

Artensterben beschleunigt sich

Washington (dpa) - Das Artensterben beschleunigt sich dramatisch. Heute sind einer Studie zufolge dreimal so viele Arten bedroht, wie in den vergangenen 500 Jahren bereits ausgestorben sind. Der Mensch habe die Aussterberate um das 100- bis 1000-fache über das natürliche Maß hinaus getrieben.

Das berichten US-Forscher in den »Proceedings« der amerikanischen Akademie der Wissenschaften. Die Biologen untersuchten solche Arten, für die es weltweite Daten gibt. Dazu zählen Säugetiere, Vögel, Amphibien, einige Reptilien und als einzige Pflanzengattung Nadelhölzer. Die meisten der demnach 794 bedrohten Arten leben jeweils nur noch an einem Ort.

Seit dem Jahr 1500 sei die Ausrottung von 245 Arten aus diesen Gruppen verzeichnet, berichten die Forscher uni Taylor Ricketts von der Umweltstiftung WWF. »Die festgelegten Arten machen nur ein Bruchteil aller aus, die durch menschliches Handeln vom Aussterben bedroht sind.« Die Forscher identifizierten 595 Zentren bevorstehenden Aussterbens, die jeweils als einzige verbliebene Heimat für bedrohte Arten dienen.

Die Mehrzahl dieser letzten Refugien sei nicht genug geschützt. Nur ein Drittel sei derzeit abgesichert. An den übrigen Plätzen sollten dringend Schutzmaßnahmen ergriffen werden, um den Verlust der Spezies zu verhindern, heißt es in dem Artikel. »Die große Mehrheit dieser Plätze liegt in Entwicklungsländern«, schreiben Ricketts und Kollegen. »In vielen Fällen ist ihre Rettung nicht ohne substantielle Hilfe aus den Industrieländern möglich.«

aus Pro-Regenwald News-Letter 23/24 Dezember 2005

Freitag, 16. Dezember 2005

Greenpeace für die Ohren

HÖRBUCH - Rufus Beck liest:

Wie war das eigentlich damals, als einige Atomgegner die verrückte Idee hatten, mit einem alten Fischkutter mitten ins US-Bombentestgebiet nach Alaska zu fahren? Wie schaffte es David McTaggart, trotz heftigster Abdrängmanöver französischer Kriegsschiffe mit seiner Segelyacht „Vega“ wochenlang vor Moruroa auszuharren? Machen Sie es sich auf dem Sofa gemütlich und hören Sie zu: Rufus Beck liest „Abenteuer Greenpeace“. Das Buch von Burghard Bartes schildert spannend und detailreich, wie aus einem kleinen Haufen Umweltschützer eine internationale Organisation wurde. Die prägnante Stimme des Schauspielers und mehrfach ausgezeichneten Vorlesers Beck garantiert reines Hörvergnügen.
Zum 25. Geburtstag von Greenpeace Deutschland gibt’s den historischen Stoff kostenlos im Internet - zum Anhören oder Herunterladen auf der Seite:

http://www.greenpeace.de/ueber_uns/25_jahre_greenpeace_deutschland/

Mittwoch, 9. November 2005

Entsetzlich: Der gute Ruf von BILD wird kaputtgemacht!!!

Im Oktober 2005 ließ die "Bild"-Zeitung diesen zweiteiligen Werbespot der taz per einstweiliger Verfügung sperren. Zwei Jahre später gab das Hamburger Oberverwaltungsgericht der Bild-Zeitung damit recht.Wieder zwei Jahre später, am 1. Oktober 2009, setzte die taz vorm Bundesgerichtshof durch, ihn doch zeigen zu können.
Die Filmemacher 
Gedreht wurde der Werbespot von Jens Junker und Philip Haucke. Die beiden hatten mit dem Spot den "First Steps Commercial Award 2006" gewonnen. In der Begründung hieß es, es gelinge ihnen "auf überzeugende Art und Weise, den Kampf 'David gegen Goliath' zu visualisieren und den journalistischen Anspruch der taz klar von einem 'beschränkten Horizont' abzugrenzen."

Freitag, 14. Oktober 2005

Gemeinschaftsbank wächst kräftig

Um über 30 Millionen Euro stieg die Bilanzsumme der GLS-Gemeinschaftsbank in Bochum seit Jahresbeginn. Sie beläuft sich nun auf 528 Millionen Euro. Der Zuwachs von 6,2 Prozent liegt deutlich über den Vergleichswerten der Vorjahre. Die Zahl der Kunden stieg seit Jahresbeginn um knapp 2000 auf 44.000, die Zahl der Genossenschaftsmitglieder um rund 800 auf fast 14.000. Dadurch wuchsen die Geschäftsguthaben von 12,7 auf 13,9 Millionen Euro. Aus diesen Gründen konnte die Bank in der gleichen Zeit rund 15,2 Millionen Euro mehr Kredite vergeben. Auch in einem anderen Bereich läuft es bei der GLS-Gemeinschaftsbank anders als bei anderen Banken: In den ersten acht Monaten stellte die Bank sechs zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein. Sie beschäftigt inzwischen 166 Arbeitskräfte - und zog gerade in ein neues Domizil. Es handelt sich um ein altes Verwaltungsgebäude von Thyssen-Krupp, das die Bank modernisieren ließ - als Symbol für den Wandel der Zeit.
Aus Publik-Forum 19/2005

Donnerstag, 13. Oktober 2005

Vorfahrt für Sonne, Wind und Biomasse

Schweden und Spanien setzen voll auf erneuerbare Energien. Die schwedische Regierung will ihr Land innerhalb von 15 Jahren unabhängig von Öl, Gas und Kohle machen. Bis 2020 soll Schweden komplett aus der Stromerzeugung durch fossile Rohstoffe aussteigen. Dazu will die Regierung in den kommenden Jahren Erneuerbare-Energie-Kraftwerke bauen, die zehn Prozent mehr Strom erzeugen als sämtliche mit Öl, Kohle und Gas betriebenen Kraftwerke des Landes. Umfangreiche Investitionen in den Wärmebereich sollen folgen. In Spanien hat die Regierung beschlossen, den Anteil von Strom aus erneuerbaren Energiequellen am gesamten Energieverbrauch innerhalb der nächsten fünf Jahre zu verdoppeln. Bis 2010 soll dieser Anteil an der Stromerzeugung von derzeit 19,8 Prozent auf 30,3 Prozent steigen. In den kommenden 15 Jahren wollen die Spanier 23,6 Milliarden Euro in die erneuerbaren Energiequellen investieren. Den größten Teil davon soll die Industrie finanzieren.
Aus Publik-Forum 19/2005

Mittwoch, 12. Oktober 2005

Golfkriegssyndrom offiziell anerkannt

Die britische Regierung hat erstmals offiziell den Begriff »Golfkriegssyndrom« zur Beschreibung von Krankheiten bei Soldaten anerkannt. Ärzte hatten den Begriff in der Vergangenheit ausgiebig gebraucht. Die Regierung streite den Begriff nicht mehr ab. Dies teilte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums im Rahmen eines Prozesses mit. Dort wird über die Klage eines ehemaligen Soldaten verhandelt, der an Asthma, Angstzuständen und Gedächtnisverlusten leidet. Ein unabhängiger Bericht hatte der britischen Regierung Ende des vergangenen Jahres nahegelegt, den Zusammenhang zwischen dem Golfkrieg und den Krankheiten anzuerkennen. Etwa 6000 der 54 000 britischen Soldaten, die im Golfkrieg von 1991 im Einsatz waren, um irakische Truppen aus Kuwait zu vertreiben, leiden an Krankheiten, darunter Krebs, chronische Müdigkeit und Hautausschlag. Wird der Zusammenhang zwischen der Krankheit und dem Golfkrieg anerkannt, dann können Soldaten auf eine höhere Entschädigung klagen.
Aus Publik-Forum 19/2005

Dienstag, 11. Oktober 2005

Kinder bleiben Armutsrisiko Nr. 1

Einen weiteren und deutlichen Anstieg der relativen Armut in Niedersachsen weist der aktuelle Bericht über Armut und Reichtum aus, den das Landesamt für Statistik kürzlich veröffentlicht hat. Demnach ist zwar das Pro-Kopf-Einkommen im vergangenen Jahr um 1,8 Prozent (20 Euro) auf 1.145 Euro angestiegen; die Armutsquote erreichte dennoch mit 14,5 Prozent ein Plus von 0,8 Prozent. Damit gelten jetzt 1,14 Millionen Menschen in Niedersachsen als arm. Ebenfalls gestiegen ist andererseits die Reichtumsquote, die jetzt bei 5,6 Prozent liegt. Insgesamt befindet sich das Land auf Bundesniveau. Niedersachsens „soziale Mitte“, die weder arm noch reich ist, liegt damit nunmehr um 1,1 Prozent unter dem Vorjahreswert bei jetzt 79,9 Prozent der Bevölkerung.

Die Erhebung des Landesamtes, die auf den Zahlen des Mikrozensus beruht, bestätigen auch, daß die Armut mit der Zahl der im Haushalt lebenden Personen steigt. Während ein verheiratetes Paar nur zu 7,4 Prozent zu den Armen gehört, erreichen Haushalte mit fünf und mehr Personen eine Quote von einem Drittel (33,2 Prozent). Auch wenn der Mikrozensus nur Angaben über die Zahl der in einem Haushalt lebenden Personen und nicht über die Zahl der dort lebenden Kinder macht, halten die Statistiker Kinder weiterhin für das Armutsrisiko Nr. 1. In einer Korrespondenz-Erhebung in Baden Württemberg wird im übrigen festgestellt, daß allein erziehende Väter finanziell deutlich besser gestellt sind als allein erziehende Mütter, die in der Statistik am schlechtesten dastehen. Interessanterweise geht es aber auch den nicht ehelichen Lehensgemeinschaften mit Kindern besser als den Ehepaaren mit Kindern. Die höchste Wohlstandsposition nehmen allerdings alle Lebensformen ein, in denen es keine Kinder gibt, sowie die alleinstehend lebenden Männer.
Aus: Niedersächsisches Ärzteblatt 9/2005

Mittwoch, 21. September 2005

Industrieförderung Ost: In den Sand gesetzt

In den vergangenen 15 Jahren flossen 31 Milliarden Euro an Fördermitteln in den Aufbau Ost. Wahrend die Regionen Dresden und oberes Elbtal/Osterzgebirge das Geld erfolgreich für ihren wirtschaftlichen Aufschwung genutzt haben, versandeten in Brandenburg Milliarden Euro Fördermittel in gescheiterten Großprojekten. Am meisten Geld bekommen haben Magdeburg mit 2,6 und Halle/Saale mit 2,3 Milliarden Euro. Auch diese Regionen haben es nicht geschafft, den Geldregen in Wachstumsstärke und zukunftsträchtige Industrien zu lenken. In Thüringen und Sachsen dagegen ist inzwischen die ostdeutsche Industrie zur Lokomotive für Wirtschaftswachstum und Beschäftigung geworden und hat stellenweise westdeutsches Niveau erreicht.
aus Forum 2/2005

Immer weniger Krankenkassen

Die Zahl der gesetzlichen Krankenkassen nimmt durch Fusionen immer weiter ab. Ende 2004 existierten noch 267 Kassen, zwanzig weniger als zwölf Monate zuvor, so das Bundesgesundheitsministerium. Vor allem bei den Betriebskrankenkassen gab es Zusammenschlüsse. Der Konzentrationsprozess hält schon seit Jahren an.
1991, also kurz nach der Wiedervereinigung, gab es in Deutschland fast viermal so viele Krankenkassen wie heute. Das Gesundheitsministerium setzt darauf, daß die Zusammenschlüsse Doppelstrukturen abbauen und zu leistungsfähigeren Kassen und niedrigeren Verwaltungskosten führen.


















Aus Forum 2/2005

Montag, 19. September 2005

Deutsches Gesundheitswesen im Vergleich

Deutschland habe ein umfassendes, preiswertes und damit sehr effizientes Gesundheitswesen, sagt der Kieler Gesundheitsforscher, Prof. Dr. med. Fritz Beske. Die Ergebnisse seiner 479 Seiten starken Studie überraschen.

http://www.deutsches-aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=48166

Freitag, 16. September 2005

Zur Brust genommen

Gleichberechtigung made in USA

Daß die US-amerikanische Justiz zur Prüderie neigt, ist bekannt - so mußte auch schon einmal eine künstlerisch etwas freizügig gestaltete Justitia-Statue ihre Blöße bedecken. Um so weniger verwundert es, wenn das Zeigen realer Brüste im Land der Freien ein juristisches Nachspiel haben kann.

Außer natürlich man ist ein Mann. So hatte der 23-jährige Jerome Mason kaum an strafrechtliche Konsequenzen gedacht, als er sich mit nacktem Oberkörper präsentierte. Kurz darauf wurde er von der Polizei in Cincinnati wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses festgenommen. Der Grund: Trotz seiner eher maskulinen Statur und Größe soll er Brüste besitzen, die offenbar geeignet sind, durch ihren Anblick Anstand, Sitte und Ordnung zu verletzen.


http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID4510052_TYP6_THE4551806_NAV_REF1_BAB,00.html

Was würde Obelix wohl dazu sagen?

Wahlkampf in letzter Minute…

til mette, stern 36/2005
»Wenn Gerhard Schröder morgen auf dem Wasser wandeln würde, würde man ihm vorwerfen, daß er nicht schwimmen kann.«
Sigmar Gabriel

Donnerstag, 15. September 2005

Die Konstruktion der Welt

»Für einen Zauberer, sagte er, sei die Welt des alltäglichen Lebens nicht wirklich oder so, wie wir dies annehmen. Für einen Zauberer sei die Wirklichkeit oder die Welt, die wir alle kennen, nur eine Beschreibung.
Um diese Prämisse zu begründen, gab Don Juan sich alle Mühe, mich davon zu überzeugen, daß das, was in meinen Augen die wirklich vorhandene Welt war, nur eine Beschreibung der Welt sei; eine Beschreibung, die mir seit dem Augenblick meiner Geburt eingehämmert worden sei.
Jeder, der mit einem Kind in Kontakt komme, erklärte er, sei ein Lehrer, der unaufhörlich die Welt erkläre, bis zu dem Augenblick, wo das Kind die Welt so wahrnehmen könne, wie sie ihm erklärt wird. Nach Don Juan haben wir keine Erinnerung an diesen folgenschweren Augenblick, einfach weil wir keinen Bezugsrahmen hatten, in dem wir ihn mit etwas anderem hätten vergleichen können. Doch von diesem Augenblick an ist das Kind ein Mitglied. Es kennt die Beschreibung der Welt; und es erreicht, glaube ich, die volle Mitgliedschaft, wenn es in der Lage ist, alle seine Wahrnehmungen so zu deuten, daß sie mit dieser Beschreibung übereinstimmen und sie dadurch bestätigen.
Für Don Juan besteht die Wirklichkeit unseres alltäglichen Lebens daher aus einem endlosen Fluß von Wahrnehmungsinterpretationen, welche wir, die Individuen, denen eine bestimmte Mitgliedschaft gemeinsam ist, gemeinsam anzustellen gelernt haben.
Die Vorstellung, daß die Wahrnehmungsinterpretationen, welche die Welt konstituieren, im Fluß begriffen sind, stimmt mit der Tatsache überein, daß sie ununterbrochen stattfinden und selten, wenn überhaupt, in Frage gestellt werden. Tatsächlich wird die Realität der Welt, wie wir sie kennen, als so feststehend angesehen, daß die Grundprämisse der Zauberei, nämlich daß unsere Realität nur eine von vielen möglichen Beschreibungen ist, kaum eine Chance hat, als ernsthafte These akzeptiert zu werden.«
aus Castaneda, Reise nach Ixtlan

Mittwoch, 14. September 2005

Interview: Der amerikanische Traum ist ausgeträumt


05. August 2004 · Europa hat Amerika in vielerlei Hinsicht längst übertroffen - nur hat es das noch gar nicht gemerkt. Ein Gespräch mit Jeremy Rifkin über sein neues Buch „Der Europäische Traum”.


In Ihrem neuen Buch sagen Sie Europa eine vielversprechende Zukunft voraus, während Sie Amerika im Niedergang sehen. Was paßt Ihnen am amerikanischen Traum nicht mehr? Warum soll nun ein europäischer Traum an der Reihe sein?

Bis in die späten sechziger Jahre kamen sich Mythos und Realität des amerikanische Traums ziemlich nah. Kein Land war sozial durchlässiger als Amerika. Das hat sich radikal verändert. In bezug auf Einkommensgleichheit rangieren wir jetzt an vierundzwanzigster Stelle unter den Industriestaaten. Vor dreißig Jahren hätte noch jeder Amerikaner gesagt, er glaube an den amerikanischen Traum. Heute sagt ein Drittel von ihnen, sie hätten den Glauben daran verloren. Das ist erschreckend, denn der Traum war unser sozialer Kitt, der das Land zusammenhielt, und dieser Traum ist dabei zu verblassen. Zudem stellen viele seinen Kern, den materiellen, individuellen Erfolg, in Frage.

Aber warum schauen dann europäische Unternehmer so neidisch aufs amerikanische Modell?

Sie machen da einen Fehler. Die Europäische Union ist das erste transnationale Bündnis in der Geschichte, mit einem größeren Bruttoinlandsprodukt als Amerika. Um das wahre Ausmaß des Wandels zu begreifen, müssen wir die deutsche Wirtschaft mit der kalifornischen vergleichen, die britische mit der des Bundesstaats New York, die französische mit der texanischen. In jedem angeführten Fall sind die europäischen Staaten den amerikanischen überlegen. Wenn Sie die Sache so betrachten, erkennen Sie das ungeheure Potential dessen, was in Europa geschieht.

Europa sieht aber weniger eine blühende als eine unbezahlbare Zukunft und versucht sich in seiner Not eben auch an Amerika oder zumindest an dessen funktionierenden Teilen zu orientieren.

Falsch, falsch, alles falsch. Amerikaner prahlen gern, Europäer verzweifeln gern. Wenn Sie sich aber an die Wirklichkeit halten, müssen Sie feststellen, daß Europa Amerika in so bedeutsamen Bereichen wie Lebensqualität, Erziehung und Gesundheitsfürsorge schon übertroffen hat. Die Europäer müssen sich fragen: Nach welchen Werten wollen wir unser Leben führen? Wenn es nur, ungeachtet aller Risiken für die Lebensqualität, um höheres Gehalt und uneingeschränktes Wirtschaftswachstum gehen soll, kann Amerika Vorbild sein, aber nur streckenweise. Aber wir in Amerika glauben aufgrund unserer protestantischen Geschichte, daß jeder für sein Leben selbst verantwortlich ist. Wir halten uns für das auserwählte Volk. Wer unsere religiöse Inbrunst nicht versteht, kann uns nicht verstehen. Daraus beziehen wir unseren Optimismus: Was soll schon passieren, wenn wir Gott an unserer Seite haben? Ich frage mich, ob säkulare Europäer genug Hoffnung und Optimismus aufbringen, um ihren eigenen Traum, der allmählich Gestalt annimmt, zu verwirklichen.

Nun müssen Sie den Europäern erst einmal erzählen, was sie zu träumen haben.

In Europa kommen heute all die richtigen Elemente für einen radikal neuen Traum zusammen, einen Traum, der für die gesamte Welt viel attraktiver ist als der unzeitgemäße amerikanische Traum. Die Unterschiede zwischen europäischen und amerikanischen Werten sind fundamental. So definieren Europäer Freiheit und Sicherheit völlig anders als Amerikaner, die Freiheit mit Autonomie, mit individueller Unabhängigkeit und Mobilität assoziieren und dies mit Geld zu erreichen versuchen. Für Europäer ist Freiheit nicht Autonomie, sondern Einbettung, menschlicher Beziehungsreichtum. Das ist mit der europäischen Bevölkerungsdichte, aber auch mit paternalistischen und kommunalistischen Traditionen zu erklären, Traditionen, die wir in Amerika nicht haben. Unser Traum stützt sich auf uneingeschränktes Wirtschaftswachstum, materiellen Reichtum und individuellen Fortschritt, der europäische Traum aber auf Lebensqualität, nachhaltige Entwicklung und eine nährende Gemeinschaft.

Wissen die Europäer das schon?

Nein, sie kennen zwar alle den amerikanischen Traum, haben aber keine Ahnung, wie ihr eigener aussieht. Ich habe jedoch auf meinen Reisen durch Europa eine junge Generation kennengelernt, die einen keimenden Traum hat. Er zielt ab auf Inklusivität oder dem Versprechen, niemanden zurückzulassen; auf Lebensqualität, denn Leben ist mehr als die Gehaltsabrechnung; auf kulturelle Vielfalt, nachhaltige Entwicklung, Menschenrechte und Zusammenarbeit der Völker, um global den Frieden zu sichern.

Einmal angenommen, das sei nicht nur die Projektion eines Europa wohlgesinnten Amerikaners: Wie wäre dieser Traum zu bezahlen? Für die europäische Lebensqualität fehlen doch heute schon die finanziellen Mittel.

Europa muß sich um zwei Entwicklungen Sorgen machen. Um 2020 könnten massive demographische Probleme einsetzen, weil Europäer nicht genügend Kinder zeugen. Die Geburtenrate muß darum steigen, was nicht unmöglich ist, wie Frankreich bereits ansatzweise demonstriert, und die Tore Europas müssen für einen enormen Einwandererstrom geöffnet werden. Deutschland muß als Wirtschaftslokomotive dabei die Leitung übernehmen. Es hat bewiesen, daß es die ökonomische Macht, die es hat, auch zu teilen bereit ist, und darf jetzt nicht nur Lippenbekenntnisse ablegen, sondern muß für die Einwanderung Mechanismen entwickeln. Damit keine Festung Europa entsteht, damit Kulturen nicht getrennt nebeneinander herleben und derart ein Land ins Desaster stürzen, müssen Einwanderer sozial, kulturell und politisch miteinbezogen werden. Das amerikanische Modell kann da nicht allein maßgeblich sein. Europa muß erkennen, daß es Amerika überrundet hat, weil es in der Lage war, die Marktwirtschaft, diese ungeheure Kraft unternehmerischer Kreativität und Innovation, mit Verantwortung für das soziale Wohlergehen der Gemeinschaft zu durchsetzen.

Und Amerika soll der Welt gar nichts mehr zu bieten haben?

Ich will keinesfalls den Eindruck hervorrufen, Europa sei unser neues Utopia. Europa hat Riesenprobleme, es gibt Diskriminierung, Machtgerangel unter den einzelnen Ländern, Verärgerung über die Bürokratie in Brüssel, aber der europäische Traum hat Zukunft. In einer globalisierten Welt kann kein Traum mehr Gültigkeit haben, der nur auf individuelle Lebensverbesserung abzielt. Wenn die ganze Welt an den amerikanischen Traum glaubte, würde sie sich selbst zerstören.

Das Gespräch führte und übersetzte Jordan Mejias. Jeremy Rifkins neues Buch "Der Europäische Traum" erscheint am 12. August im Frankfurter Campus Verlag.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.08.2004, Nr. 180 / Seite 33

Rechtschreibreform oder Fünf Schritte zur Abschaffung der Rechtschreibung

http://www.raytec.de/rechtschreibreform/humor.htm