Mittwoch, 2. Juli 2008

Kolportierte Fehler

Irren ist (auch) ärztlich

MYTHOS UND WAHRHEIT – Was Mediziner alles für möglich halten

Viel Eisen ist im Spinat – das ist wohl das Paradebeispiel für einen Irrtum, der durch stete Wiederholung zur vermeintlichen Wahrheit wurde. Der Physiologe Gustav von Bunge hatte korrekt den Eisengehalt von 100 Gramm Spinat mit 35 Milligramm bestimmt. Allerdings hatte er getrockneten Spinat untersucht, der zehnmal so viel Eisen enthält wie die gleiche Menge des frischen Krautes.

Mediziner sitzen aber noch anderen Irrtümern auf. Dies behaupten jedenfalls Rachel Vreeman von der Indiana University School of Medicine und Prof. Aaron E. Carroll, Kinderarzt am Regenstrief Institute aus Indianapolis. Sie haben vermeintliche Fakten unter die Lupe genommen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher im „British Medical Journal“. „Uns hat es richtig angefeuert, dass auch Ärzte diese Mythen glauben und sie an ihre Patienten weitergeben“, schreibt Aaron Carroll. „Wann immer wir mit Medizinern darüber gesprochen haben, waren sie überrascht, dass diese Dinge gar nicht wahr sind“, bestätigt Rachel Vreeman. Eine Auswahl der Legenden:

• Lesen bei schummrigem Licht ist schädlich
Falsch! „Es stimmt nicht, dass Lesen bei schummrigem Licht schädlich für die Augen ist“, schreiben Vreeman und Carroll. Pakt sei nur, dass schummriges Licht die Augen mehr anstrenge als helles. Das Fokussieren sei anstrengender, und da wir im Dämmerlicht seltener blinzeln, werde der Augapfel trockener. Das, so die Forscher, führe wiederum zu einem verstärkten Müdigkeitsempfinden, heißt aber noch lange nicht, dass das Lesen bei schummrigem Licht auch schädlich ist“, so die Forscher.

• Man sollte täglich mindestens 2,5l Wasser trinken
Falsch! Acht Gläser Wasser – oder mindestens zwei Liter Flüssigkeit am Tag – das empfehlen Ärzte – ihren Patienten immer wieder. „Wir haben diesen Glauben überprüft und fanden keine medizinische Begründung dafür, dass der Körper so viel Wasser benötigt“, sagt Rachel Vreeman. „Vermutlich beruht diese Empfehlung auf einer Aussage, die 1945 in Umlauf gebracht wurde. Darin heißt es, dass man für jede Kalorie, die man zu sich nimmt, einen Milliliter Flüssigkeit trinken soll.“ Doch diese Angaben stimmten nicht, das habe eine große Studie im „American Journal of Physiology“ gezeigt. Je nach körperlicher Leistung müsse mal mehr, mal weniger getrunken werden. Normalerweise sei aber in Säften, Milch, Kaffee, Tee sowie Obst und Gemüse genügend Flüssigkeit enthalten.

• Wir nutzen nur zehn Prozent unserer Hirnmasse
Falsch! Dieses Gerücht halte sich erstaunlich gut trotz moderner Hirnaktivitätsmessungen, so Vreeman und Carroll. Mithilfe moderner Bildgebungsverfahren kann man diesem Mythos leicht auf die Schliche kommen. Funktionelle Hirnscans beweisen, dass es keine „schlafenden“ Gehirnareale gibt. Auch einzelne Nervenzellen kommen bei gesunden Menschen nicht dauerhaft zur Ruhe. Rachel Vreeman und Aaron Carroll glauben, dass dieser Mythos vermutlich auf Geschäftemacher zurückgeht, die Menschen davon überzeugen wollten, dass sie ihr Potenzial noch nicht voll ausschöpfen – und gleichzeitig teure Methoden anpriesen, ungenutzte Kapazitäten zu aktivieren.

• Nach dem Tod wachsen Fingernägel und Haare weiter
Falsch! „Dass es manchmal so aussieht, als würden Haare und Fingernägel von Toten weiter wachsen, liegt an einem einfachen physikalischen Phänomen“, so die Forscher. „Die Dehydratation des Körpers nach dem Tod hat womöglich zur Folge, dass sich die Haut um Haare oder Fingernägel zurückzieht.“ Der Kontrast zwischen geschrumpfter Haut und Nageln oder Haaren kann den Eindruck erwecken, diese seien länger geworden. Alexa Fuchswinkel

aus Ärztliche Praxis vom 24. Juni 2008

Zu Punkt drei könnte man einwenden, daß der Kalorienverbrauch nur schwerlich eine Aussage über die Qualität der damit verbundenen Beschäftigung zuläßt. Wenn ich meine Energie ein halbes Jahr lang im Bordell lasse statt mein Hochschulstudium abzuschließen, ist die Aussage, ich nützte mein Potential nicht, doch wahrscheinlich zulässig (ich will das hier nicht weiter vertiefen). Aber die Tatsache, daß alle Neuronen am Feuern sind, bedeutet noch lange nicht, daß sie damit ihr Potential ausschöpfen. Wenn sich manche meiner Patienten von morgens bis abends klarmachen – manchmal auch noch in der Nacht –, wie wenig sie doch in ihrem Leben erreicht haben, wie wenig attraktiv oder wert sie sind oder auch wie wenig von ihrem Potential sie mal wieder in den letzten Tagen gelebt haben, dann kann man sehr wohl sagen, daß sie ihr Potential nicht ausschöpfen, egal, ob sie dies mit brachliegenden Hirnarealen oder mit überall feuernden fertiggebracht haben. Also: mit den bildgebenden Verfahren ist das so eine Sache…

Dienstag, 1. Juli 2008

Heute vor 25 Jahren

…starb Buckminster Fuller. Bekannt wurde er erstmals einer breiteren Öffentlichkeit als Erbauer der geodätischen Kuppel, des amerikanischen Pavillons auf der Expo ’67 in Montreal. Die Amerikaner, damals wegen des Vietnamkriegs unter weltweiter Kritik, wollten, um Proteste zu vermeiden, sich nicht als protzige Großmacht präsentieren und vergaben deshalb den Auftrag an Fuller.
1927, im Alter von 32 Jahren, beschloss Fuller, sein weiteres Leben als Experiment zu verstehen: Er wollte feststellen, was eine einzelne Person dazu beitragen kann, die Welt zum Nutzen der Menschheit zu verändern. Er begann sein Leben peinlich genau in einem Tagebuch zu dokumentieren, das er das nächste halbe Jahrhundert lang führte.









Vergleichsweise unbekannt, hat er unsere Kultur, vor allem die Alternativ- und Umweltkultur stark geprägt: von ihm stammen die Begriffe (schlagen Sie Ihren Arzt oder Apotheker, wenn’s falsch ist) »militärisch-industrieller Komplex«, »Raumschiff Erde«, »Tensegrity« und »Synergie«. Die Beatles setzten ihm in »Fool on the Hill« ein Denkmal. Nach ihm ist auch eine bestimmte Kohlenstoff-Modifikation benannt, die Fullerene.






Montag, 30. Juni 2008

Fernsehtip: Eine Hommage an die guten alten Zeiten

Eigentlich wollte ich den Post betiteln »Als es noch klar war, wo die Guten und die Bösen sind«, aber grad darum geht’s in dem Film: Es ist halt nicht klar, und es war noch nie klar. Eine witzige und selbstkritische 68er Retrospektive à la Hollywood: Flashback, im Vierten, Dienstag, 1.7.08, 20 Uhr 15













Samstag, 28. Juni 2008

Auf dem Weg in die Schmalspur-Gesellschaft

Bildung aus dem Hause Bertelsmann

Die Stiftung aus Gütersloh initiiert Projekte, die Schulen helfen, selbstständiger und leistungsfähiger zu werden– angeblich

_______________
Von Annette Jensen


Keine andere Stiftung in Deutschland hat so viel Geld wie die Bertelsmann-Stiftung. Doch nicht nur ihr Etat von über 65 Millionen Euro im Jahr macht sie zu einer einflussreichen Institution, sondern ebenso ihr geschicktes Vorgehen im Vergleich zu anderen Lobbyorganisationen des Landes.

Ziel der Bertelsmann Stiftung ist ein Staat, der ähnlich geführt wird wie ein Unternehmen. Öffentliche Aufgaben sollen möglichst outgesourct und von Privaten erledigt werden. Um das zu erreichen, geht die Stiftung langfristig vor und spielt häufig über die Bande. Sie hält Kontakt zu Politikern aller Couleur, zu Wissenschaftlern und Medienmenschen. Flexibel spannt sie unterschiedliche Interessengruppen für sich ein. Häufig nutzt sie dabei deren Vokabular und Problemerfahrungen. Dadurch erscheinen ihre Vorschläge mindestens diskussionswürdig, oft sogar attraktiv. Den Lösungen, die die Bertelsmann-Stiftung anschließend aus dem Hut zaubert, stehen die Kooperationspartner allerdings mit gemischten Gefühlen gegenüber. Schließlich sind sie mit unschönen Nebenwirkungen verbunden – derweil sie die Milliarden des Bertelsmann-Konzerns weiter mehren.

Beispiel Schulen: Den Einfluss der Kultusbürokratie zurückdrängen, die Autonomie in den Klassenzimmern stärken der Schlachtruf der Bertelsmann-Stiftung klingt zumindest in den Ohren älterer Reformpädagogen zunächst wie Musik: Genau diese Ideen hatten sie in den 1970erJahren schließlich selbst verfolgt. Im Alltag erleben sie jedoch das Gegenteil: Die Klassen werden größer, die Ausstattung mieser. Während die Aufgaben der Lehrer wachsen, schwinden ihre Gelegenheiten, sich fortzubilden. Das Image ihres Berufsstandes sinkt kontinuierlich. In dieser Situation locken »regionale Bildungsbüros« und Projekte für eine »eigenverantwortliche Schule«, die die Bertelsmann-Stiftung zusammen mit staatlichen Behörden in mehreren Bundesländern auf den Weg gebracht hat.

Jede Schule, die sich an dem Projekt beteiligt, wird aufgefordert, eine Bestandsaufnahme ihrer Leistungen zu machen und entsprechende Daten zu erheben. Wie sie dabei vorgeht, kann sie grundsätzlich selbst entscheiden – sie darf aber auch, wenn sie das möchte, auf ein günstiges Bertelsmann-Paket mit vorgefertigten Fragebögen für Lehrer, Schüler und Eltern zurückgreifen. »Das Steuerungsinstrument Seis besteht aus einem international tragfähigen Qualitätsverständnis von guter Schule«, versichert die Stiftung den Nutzern, Die Software für die Auswertung liefert sie gleich mit. Die meisten Schulen greifen zu; Personalressourcen, um eigene Kriterien und Fragen zu entwickeln, haben die Schulleiter nicht, ihr Kollegium ist in der Regel bereits ohne zusätzliche Arbeit überlastet.

Bertelsmann-Stiftung: Ihre Projekte wie »Seis« tragen dazu bei, Schulen privatwirtschaftlich auszurichten



Auf diese Weise erfährt die Stiftung des Medienkonzerns Bertelsmann nebenher, welche Medien in einer Schule eingesetzt werden – und welche nicht. Vor allem aber gelingt es ihr, die von ihr definierten Leistungskriterien auf breiter Ebene in den Schulen zu verankern. So werden zum Beispiel nur Daten zu Mathematik und Deutsch erhoben; ein gutes Niveau in Musik, Geschichte, Sport und Kunst scheint für eine Qualitätsprüfung irrelevant. Auch kritisches und selbstständiges Denken der Schüler bringt keine Pluspunkte. Unterschiedliche soziale Voraussetzungen der Schüler sind bei der Erhebung ebenfalls nicht gefragt.

Bisher verfügt ausschließlich Bertelsmann über die kompletten Datensätze des Seis-Projekts; öffentliche Vergleiche zwischen den Schulen gibt es bislang nicht. »Doch unsere Schulbürgermeisterin hat schon gesagt, dass sie gern ein Ranking haben würde – um die Wahlfreiheit der Eltern zu unterstützen«, sagt Andreas Langbein, Geschichtslehrer an einer Freiburger Realschule. Auch die Verteilung der öffentlichen Gelder aufgrund von Seis-Ergebnissen hält er für wahrscheinlich, zumindest für möglich. Die Konsequenzen wären klar: Wer in diesem Land keine engagierten Eltern hat, wird weiter abgehängt.

Darüber hinaus gelingt es der Bertelsmann-Stiftung, erhebliche Steuergelder für solche Projekte zu binden. In Freiburg zahlt die Stadt 75 000 Euro, das Land gibt 320 000 Euro dazu, während die Stiftung lediglich 48 000 Euro beiträgt. Die Federführung hat sie dennoch inne. •

aus Publik-Forum 11•2008

siehe auch meine Posts vom Februar und Mai 2008

In den 70er Jahren hat man mal bei uns Flüsse begradigt…

Freitag, 27. Juni 2008

Auf der Suche nach der nicht existierenden Nadel im Heuhaufen

1820 stellte man Bahnunregelmäßigkeiten beim Planeten Uranus fest: mal wurde er schneller, mal langsamer. Der französische Mathematiker Urbain Le Verrier bot eine Hypothese an: Die Bahnunregelmäßigkeiten des Planeten Uranus sollten durch die Existenz eines weiteren Planeten zu erklären sein. 1846 fand man den »Neptun« Genannten dann auch tatsächlich fast genau da, wo er sich den Berechnungen zufolge aufhalten sollte.
Der Planet Merkur bewegt sich zu schnell, fand man dann heraus, und Le Verrier bot auch hier die Hypothese eines weiteren Planeten an. Dies löste eine wahre Goldgräberstimmung unter den Astronomen aus, die über Jahrzehnte nach dem Planeten Vulkan suchten. Daraufhin bekamen die Vulkanier, die sich kurz vor ihrer Entdeckung wähnten, lange und spitze Ohren. Erst Albert Einstein konnte die Differenz zwischen Soll und Ist mit seiner Relativitätstheorie erklären und verbannte damit Mister Spock in die Filmstudios.

mehr beim Deutschlandfunk

"Verrechnet", eine Sendereihe im Deutschlandfunk

In einer neunteiligen Beitragsreihe widmet sich das Wissenschaftsmagazin "Forschung aktuell" jeweils Dienstags ab 16 Uhr 35 Rechenfehlern und den damit verbundenen kleineren oder sehr folgenreichen Konsequenzen.
Denn auch Experten können sich im Zeitalter von Supercomputern schlicht verrechnen. Manchmal bleiben solche Rechenfehler über Jahre unentdeckt und können schwere Konsequenzen haben. Mit der Reihe "Verrechnet" geht "Forschung aktuell" den kuriosesten und folgenreichsten Rechenfehlern der letzten Jahrzehnte nach.
Zusammengekommen sind überraschende und ungewöhliche Irrtümer, die zeigen, welche Rolle die Mathematik heutzutage in allen Bereichen des Lebens spielt.

zur Übersicht beim Deutschlandfunk

Donnerstag, 29. Mai 2008

Das Neuste aus der Anstalt

Einbetten ist leider nicht möglich, deshalb hier der Link zu youtube: »Striptease for Germany«

Volker Pispers:


Schon etwas älter: Georg Schramm über Horst Köhler


Georg Schramm über Räuberbanden im Gesundheitswesen:


Auch schon etwas älter:

Abspeck-Empfehlung für Macianer

Monolingual

Freitag, 23. Mai 2008

Die Himmelsscheibe von Nebra


Zur Interpretation der Himmelsscheibe bei Wolfgang Kampfmeier

Bei Zeit-online finden sich zwei interessante Artikel:

Vom Logos zum Mythos und
Der Himmel ist eine Scheibe

Vielleicht kann man das mit dem Logos und dem Mythos ja auch auf die uns zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten übertragen:

Seminar beim Avatar

Und noch ein wenig Staatsbürgerkunde, diesmal von rechts

Die RCDS (Ring christlich-demokratischer Studenten) hat mich schon zu Studentenzeiten mit außerordentlich hoher Kompetenz, sozialer Einstellung und Feinfühligkeit verblüfft. An ihm scheinen die Jahre wirklich spurlos vergangen zu sein.
Der neuste Vorschlag ihres Vorsitzenden Ludewig ist, das Wahlrecht von Arbeitslosen und Hartz IV-Empfängern einzuschränken. Vielleicht sollte man dann mit Studenten gleich weitermachen. Und mit Hausfrauen. Und mit Psychotherapiepatienten… Oder man gibt es nur Leuten, die vom Einkommen her in die private Krankenversicherung dürfen…

Beim G.U.R.U.-Newsletter habe ich den passenden Cartoon dazu gefunden:

Ein wenig Staatsbürgerkunde…

Bei der Tagsschau gibt es eine gute Animation zum Reformvertrag der EU, genannt »Vertrag von Lissabon«

Donnerstag, 22. Mai 2008

Schmidt bei Maischberger

Einer, der mir im Alter (mit seinem und mit meinem) immer sympathischer geworden ist: Zwar nur bei Spiegel-Online, aber besser als nichts.





Neues von der Globalisierungs- und der Heimatfront

Bei Kollegin Neumann war wieder die Post:

Über Brotspekulanten
über die Fatalen Folgen der Agrarpreise
über anklagende deutsche Zahlen
über die Bundesrechnungshof-Kritik an den Ein-Euro-Jobs
über das Messen der nachhaltigen Entwicklung von Firmen
über Neuseeland, das seine Bahn zurückkauft
über den sturen EU-Umweltkommissar Stavros Dimas, der keine gen-manipulierten Lebensmittel mag
über den deutschen Gen-Filz
über Kinderkrebs und die endlich veröffentlichte AKW-Studie
über Nobelpreisträger Stiglitz und die Kosten des Irak-Kriegs
über das Böse, das sich überall sonst, nur nicht in uns selbst befindet
über China und Zivilcourage (über Zivilcourage hat John F. Kennedy mal ein Buch geschrieben und dafür den Pulitzer-Preis erhalten)

Ich warte nicht mehr auf bessere Zustände.

Zum Artikel »Sprechstunde in Bullerbü« bei Zeit online

Es ist schwer zu verstehen, weshalb Ulla Schmidt nichts dagegen ausrichten kann.

Dazu paßt auch folgender Artikel:

Ärzte-Import gegen Praxissterben in Sachsen

ANWERBUNG Zahl der ausländischen Ärzte steigt

Die Zahl ausländischer Ärzte war in Ostdeutschland noch nie so hoch wie heute. Laut Sächsischer Ärztekammer waren es zu Jahresbeginn 1.061 Ärzte aus 83 Nationen. Das ist ein Fünftel mehr als zwei Jahre zuvor. 813 Kollegen arbeiten in Krankenhäusern. Ambulant sind 55 (2005: 37) tätig. Das ist relativ wenig. Aber der Zuwachs schlägt nut mehr als 35 Prozent kräftig zu Buche.

Spitzenreiter unter den Herkunftsländern ist Polen mit 159 Ärzten, vor der Slowakei (121) und Russland (95). Im Gegensatz zu 62 Österreichern, von denen viele wegen der Weiterbildung kamen, handelt es sich meist um gestandene Fachärzte. Die polnischen Kollegen sind mit 13 in ambulanten Einrichtungen Tätigen auch hier Spitzenreiter. Das hat mit meist guter Sprachkenntnis zu tun. Der gemeinsame Kulturkreis, traditionelle Beziehungen von Kommunen und Institutionen fallen ins Gewicht. Auch die Nähe zur Heimat und den Familien spielt eine Rolle.

In der Kleinstadt Torgelow bündeln sich diese Faktoren. Vier polnische Kollegen haben Praxen übernommen, wo alteingesessene Ärzte in Ruhestand gingen. Die Stadt suchte gezielt bei den Nachbarn. Ärzte kommen gern, weil sie in Mecklenburg-Vorpommern, selbst bei nur 80 Prozent West-Honorar, immer noch zehnmal so viel wie in Polen verdienen. Die Patienten schätzen die Qualität ihrer neuen Ärzte.

Davon kann Thüringen nur träumen. Zwar werden auch hier 472 ausländische Kollegen gezählt. Das sind 275 Prozent mehr gegenüber 2001. Im ambulanten Bereich, wo 100 Hausarztpraxen verwaist sind, Wege zum Facharzt in ländlichen Gebieten immer länger werden, spürt man davon allerdings nichts. Hoffnungen werden auf Österreicher gesetzt. Aber, dass die sich nach Facharztausbildung mehr ans Grüne Herz Deutschlands gebunden fühlen als die Hiesigen, darf man wohl füglich unter Märchen ablegen. Jürgen Grubitzsch

aus Ärztliche Praxis Nr. 21, 20. Mai 2008

Neue Heuschreckensorten

Phasmatodea ackermannii bei Zeit online
Mantodea funeris auch bei Zeit online
Caelifera phantastica, ebenfalls bei Zeit online
Ensifera fata morgana futura gracia, na wo wohl: bei Zeit online

um Euch den Weg zu Wikipedia zu ersparen:
Langfühlerschrecken – Ensifera
Kurzfühlerschrecken – Caelifera
Gespenstschrecken – Phasmatodea
Fangschrecken – Mantodea

Mittwoch, 21. Mai 2008

Kyozan Joshu Sasaki Roshi

grope for it

Bertelsmann, Nachtrag

zu meinem Post vom Februar habe ich noch ein übersichtliches Schema gefunden:

gefunden in Kein Mensch kann so viel kotzen (heartbreakerfoundation.org, 03.01.2008)

Rohölpreis auf Rekordniveau

Beobachter befürchten, dass die Preise weiter ansteigen werden, da der Preis für ein Barrel Rohöl (159 Liter) der Sorte Light Sweet Crude mit 133,38 Dollar auf ein neues Rekordhoch stieg. Für ein Barrel der Nordseesorte Brent wurden in London 131 Dollar verlangt. Die Märkte reagierten damit auf eine Anküdigung der Organisation Erdöl exportierender Staaten (Opec), sie werde ihre Fördermenge nicht vor dem nächsten Treffen im September erhöhen. Erschwerend kommt auch der schwache Dollar hinzu.

Der Ölpreis hatte erst Anfang Januar die Marke von 100 Dollar übersprungen. Seitdem klettert er unaufhörlich weiter nach oben. Auf Jahressicht haben sich die Preise in etwa verdoppelt. Die Marke von 120 Dollar hatte das Öl erst am 5. Mai durchbrochen. Die Bank Goldman Sachs schätzt, dass ein Barrel in sechs Monaten, spätestens aber in zwei Jahren 200 Dollar kosten wird.

Quelle: »Diesel erstmals so teuer wie Benzin« bei Tagesschau.de

Föderalismusmüde?

[…] Wie viele Bundesländer will sich Deutschland in einem zusammenwachsenden Europa überhaupt noch leisten – und welche Rolle sollen diese Länder in Zukunft spielen?

Fragt man […] die Bürger nach ihrer Meinung, wie das jetzt das Infas-Institut im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung getan hat, sind die Antworten überraschend eindeutig: Die meisten Deutschen wünschen sich, dass ihre Stadt oder Gemeinde, der Bund und die Europäische Union in Zukunft eine stärkere Rolle spielen – und zwar in dieser Reihenfolge.Abgeschlagen auf Platz vier und damit letzter: die Bundesländer. 25 Prozent der Befragten hatten die Lander sogar für gänzlich überflüssig, in acht von 16 Ländern spricht sich eine Mehrheit der Bevölkerung für einen Zusammenschluss mit einem Nachbarland aus. Selbst im traditionsbewussten Freistaat Bayern kommt im immer noch ein Fusionsbefürworter auf zwei -gegner.

Die Skepsis vieler Deutscher gegenüber den Ländern passt zum Wunsch einer übergroßen Mehrheit nach bundesweit einheitlichen Lebensverhältnissen. Gut 90 Prozent der Befragten plädieren für vergleichbare Standards in Kindergärten, Schulen und Universitäten, nur unwesentlich weniger Bürger wünschen sich, dass es bei bundesweit einheitlichen Steuersätzen bleibt. […] Die große Mehrheit der Bundesbürger, rund 88 Prozent, zieht […] die Solidarität zwischen den Ländern dem Wettbewerbsgedanken vor. Das gilt auch für Bayern und Baden-Württemberg, wo die Zustimmungsraten immer noch 83 beziehungsweise 85 Prozent betragen.

Sorgen machen sollten sich die Landesregierungen vor allem darüber, dass sich viele Bürger zwar mit Deutschland, nicht aber mit ihrem Bundesland identifizieren. In Nordrhein-Westfalen und in Niedersachsen konnte jeder vierte Befragte seinem Land aus einer Liste von zehn Antwortmöglichkeit kein einiges positives Merkmal zuordnen.

Überwiegend einig sind sich die Deutschen, dass in einem zusammenwachsenden Europa allein die Bundesregierung die Interessen Deutschlands in der EU vertreten sollte […]

Claus Hulverscheidt, „Ungeliebter Föderalismus“, in: Süddeutsche Zeitung vom 11. Februar 2008, zitiert nach „Informationen zu politischen Bildung“, Nr. 298

Dienstag, 20. Mai 2008

Verwahrlosung als gesellschaftliches Symptom

Auf den ersten Blick mag überraschen, dass es doch immer wieder Fälle von extremer Verwahrlosung gibt in einer Gesellschaft mit so großem materiellen Reichtum und dem Anspruch, Sozialstaat zu sein. Beim Nachdenken über die Ursachen wird deutlich, dass von Verwahrlosung vor allem diejenigen betroffen sind, die besonders auf die Fürsorge anderer angewiesen sind: Kinder, psychisch Kranke, Arme und Alte. Wie kann das sein bei der Vielzahl von Einrichtungen und Institutionen, die sich um die Problemfälle in der Gesellschaft kümmern sollen? Es greift zu kurz, wenn Politiker und Bevölkerung die Ursachen entweder in organisatorischen Mängeln, die nach jeder Katastrophenmeldung beklagt werden und deren umgehende Behebung dann versprochen wird, oder in individuellem Versagen sehen.

Verwahrlosung ist Symptom für grundsätzliche Defizite in unserer Gesellschaft und die jüngsten Extremfälle sind nur die Spitze eines Eisbergs. Verwahrlosung ist immer Folge eines Mangels an Fürsorge, und diese wiederum ist an persönliche Beziehung gebunden. Der Charakter vieler zwischenmenschlichen Bindungen ist in unserer nach ökonomischen Maximen funktionierenden Gesellschaft einem schleichenden Wandel unterworfen.
Wir alle erfahren mehr und mehr: Beziehungen stehen dann nicht hoch im Kurs, wenn sie nicht direkt und kurzfristig absehbar zu ökonomisch messbaren Erfolgen führen – nicht zufällig spielen die von Verwahrlosung am ehesten Betroffenen im materiellen Wertschöpfungsprozess keine oder nur eine geringe Rolle. Es ist die zunehmende Ökonomisierung fast aller Lebensbereiche, der sowohl der Einzelne in seinen Beziehungen als auch gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen ausgesetzt sind: Erfolg wird definiert als möglichst direkt und kurzfristig – erzielbarer materieller Gewinn.

Solch kurzfristige Erfolge lassen sich in den Bereichen, die für die Prävention von Verwahrlosung relevant sind, nicht erreichen; solange dieses kurzfristige Denken aber vorherrscht, werden notwendige Schritte nicht getan.

So machen sich die Investitionen – auch ein der Ökonomie entliehener Begriff – in eine qualifizierte Betreuung von Eltern mit besonderen Erziehungsschwierigkeiten erst nach Jahren oder Jahrzehnten bezahlt im wahrsten Sinne des Wortes, indem sie ein Vielfaches an Folgekosten für Krankheit, Verhaltensauffälligkeit und Kriminalität ersparen allerdings tragen de von Anfang an zu einem menschlicheren Leben bei.

Dasselbe gilt für den Bereich der Kindergartenerziehung, der Vorbereitung und Unterstützung von Eltern für ihre Erziehungsaufgabe; es gilt auch für die Schulen und die Qualifikation der Pädagogen: Auch hier wird die Bedeutung der persönlichen Beziehung und Zuwendung unterschätzt; Lehrer sind leider zu wenig motiviert und ausgebildet, um sich selbstverständlich um die seelische Entwicklung der ihnen anvertrauten Schüler zu kümmern.

Gespart wird im Gesundheitswesen vor allem an den Kosten für persönliche Zuwendung: In den Krankenhäusern werden die Personalkosten gesenkt, die Zeit für die Patienten wird extrem rationiert, die zuwendungsintensive (sog. sprechende) Medizin wird am schlechtesten bezahlt. Mit Apparaten und Medikamenten, allzu häufig als Alternative zum Gespräch verschrieben und eingenommen, kann mehr und schnell Geld verdient werden – die später zu bezahlenden Zuwendungsversäumniskosten werden in keiner Bilanz aufgeführt.

In die psychotherapeutischen Praxen kommen mehr und mehr Menschen, die unter Zuwendungsmangel und deren Folgen leiden, die Entwicklungsdefizite aufweisen aufgrund fehlender emotionaler Nähe und Geborgenheit – und de dennoch oft lange im Leben äußerlich funktioniert haben. Als letztes sei der Bereich der Altenpflege erwähnt: Hier wird besonders deutlich, dass die Menschlichkeit auf der Strecke bleiben muss, wenn die Ökonomie absoluten Vorrang hat.

In allen Bereichen kann man von einer schleichenden Verwahrlosung sprechen: Während die Extremfälle Empörung hervorrufen, werden die Vorstufen hingenommen, oft mit Hinweis auf oder im Glauben an vermeintliche Sachzwänge, hinter denen sich letztlich Werteentscheidungen verbergen. Während man von privaten Investoren nicht unbedingt erwarten darf, dass sie sich von sich aus der Humanität verpflichtet fühlen, sind Politiker dem Wohl der Allgemeinheit verpflichtet; dazu gehört, sich auch für solche Investitionen einzusetzen, deren präventive
Wirkung sich in der Regel erst nach mehreren Legislaturperioden entfaltet. Da lassen es die meisten doch an Einsicht und Mut fehlen.

Auch im privaten Leben der Menschen sind diese Tendenzen zu beobachten: Eltern haben immer weniger Zeit für ihre Kinder, Zweierbeziehungen werden nach den Vorgaben und Angeboten der Event- und Spaßgesellschaft gestaltet. Dabei wünschen sich viele einen verantwortungsvollen und fürsorglichen Umgang miteinander.

Sich der Tendenz der Ökonomisierung entgegenzusetzen fällt deshalb schwer, weil das Verführungspotenzial groß ist. Wir alle sind in Gefahr, die Prinzipien, nach denen die Wirtschaft „funktioniert“, zu verinnerlichen: Wir lernen, psychoökonomisch zu denken und zu fühlen, um an den angebotenen „Werten“ teilzuhaben: Spaß, Größe, Schönheit, Jugendlichkeit, Reichtum und vor allem Konsum. Wer da nicht mithalten kann oder will, muss mit Entwertung und Ausgrenzung rechnen – auch das können Vorstufen von Verwahrlosung sein.

Diese angebotenen Werte sind zum großen Teil antisozial; das bedeutet, dass sie kaum Beziehungen und Solidarität, sondern Konkurrenz fördern. Gemeinsamkeit erschöpft sich allzu häufig in Konsum, wobei die Inhalte beliebig und austauschbar werden (Extrembeispiel: k.o.-Trinken). So gehen Jugendliche immer mehr solchen Freizeitbeschäftigungen, die vereinzelt und tendenziell passiv erfahren werden, leben in einer virtuellen Fernseh- und Internetwelt konkrete Beziehungserfahrungen, soziales Engagement und hilfreiche Konfrontation mit der Realität bleiben auf der Strecke.

Fernseher und PC bieten den Kindern zwar Beschäftigung, die jedoch häufig zu gedanklicher Verwahrlosung führt. Besonders Eltern und Erziehern fällt es schwer, diesen Verführungen der Freizeitindustrie etwas entgegenzusetzen und die Kinder und Jugendlichen aktiv zu lenken, denn das ist mit großem persönlichem Engagement und Zeitaufwand verbunden: Man muss sich auf Beziehungen einlassen, alternative Ziele und Werte müssen aktiv vertreten werden. Was muss geschehen? Die besonders Betroffenen können sich allein nicht wehren, sie bedürfen der Solidarität derjenigen, die die Unterordnung ihrer beruflichen Tätigkeit, z.B. als Ärzte, Lehrer, Pfleger, Sozialarbeiter, Erzieher – die Eltern mit eingeschlossen – unter die Vorherrschaft der Ökonomie und des Profits als Anzeichen einer inhumanen Beziehungskultur erkennen und nicht deren Sachwalter werden wollen.

Wenn insgesamt das Bewusstsein über den Zusammenhang zwischen der Ökonomisierung vieler Lebensbereiche und der Tendenz zu Bind ungslosigkeit und schleichender Verwahrlosung wächst und dieses Wissen mit ihrer Erfahrung über den Verlust an Menschlichkeit in Beziehung gebracht wird, werden verantwortungsvolle Bürger zur Verbesserung der Verhältnisse beitragen und eine Kultur der Sorge und Fürsorge schaffen. Sie werden das umso engagierter tun, je klarer wird, dass früher oder später alle unter den Folgen von Verwahrlosung leiden werden.

Quelle: Meinhard Korte, Rundbrief des vhvp (bvvp-Landesverband Hessen), 18.12.07, übenommen aus dem Rundbrief des bvvp Niedersachsen

Montag, 5. Mai 2008

Wir sind alle chinesische Tibeter …

Im Mai 1968 gab es ein Plakat, welches den roten Danny zeigte (heute ist er ja grün):

(Das ist nicht das ursprüngliche Plakat, der ursprüngliche Text lautete: »NOUS SOMMES TOUS DES JUIFS ALLEMANDS«, Daniel Cohn-Bendit ist nämlich Jude und Deutscher.)
Auch Alice (»Living next Door…«) hat davon berichtet.
Eine Arte-Sendung hat mich auf den Slogan aufmerksam gemacht. Elsa Clairon erzählt darin, wie sie als 14-Jährige die Mai-Tumulte in Paris erlebt hat. (Nicht schlecht, dieses arte, bei Barbara Salesch lernen wir nicht, was DIN A-4 ist.) Um es kurz zu machen: nirgendwo im Internet hat mir jemand erklärt, was mit dem Plakat gemeint ist. (Auch im Artikel von Karl Grobe wird es nicht klar.) Man muß sich halt selbst seine Gedanken machen (meinte übrigens schon Kant). So bin ich auf die Überschrift gekommen.

Inzwischen sieht man des öfteren »Free Tibet«-Aufkleber an Autos. Bin ich froh, daß ich mir kein Plakat gekauft und ans Praxis-Fenster geklebt habe! Es wirkt inzwischen so abgeschmackt. Von der Gesellschaft für Menschenrechte erhalte ich täglich Meldungen über neue Greueltaten (wahrscheinlich wird das nach der Neuen Deutschen Rechtschreibung mit »a« geschrieben, weil es angeblich von grau kommt). In den Nachrichten sehe ich entweder Chinesen, die auf die Straße gehen, weil sie – erfolgreich von der eigenen Propaganda vollgepumpt – sich von den westlichen Medien einer Hetzkampagne ausgesetzt fühlen, Chinesen, die unter Hausarrest stehen, drangsaliert werden oder ins Gefängnis gehen, weil sie Meinungsfreiheit fordern (Daniel Cohn-Bendit wurde übrigens 1968 aus Frankreich ausgewiesen, und ich erinnere an die Äußerung Sigmund Freuds anläßlich der Verbrennung seiner Bücher durch die Nazis: »Was wir für Fortschritte machen! Im Mittelalter hätten sie mich verbrannt, heute begnügen sie sich damit, meine Bücher zu verbrennen.«) oder welche, die keine Meinung haben oder sie nicht kundtun. Ist es nicht unglaublich billig, in unserem fetten und sicheren Wohlfahrtsstaat, der schon am Hindukusch verteidigt wird, »Free Tibet« rauszuschreien oder entsprechende Aufkleber bürgerlich anständig ans Auto- oder Wohnungsfenster zu kleben? Ach, was sind wir doch alle gut, und wir hätten damals Hitler nie im Leben gewählt!

Vor einigen Wochen erzählte ein Schauspieler einer Talk-Masterin vor der Sendung, er habe erst vor zwei Jahren erfahren, daß sein Vater bei der Stasi war. Ganz begierig sprach sie ihn daraufhin während der Sendung darauf an: Was er denn jetzt seinem Vater gegenüber empfinde. Aus der Satellitenschüssel stank es nach journalistischer Gier: komm schon, Du hast Dich doch bestimmt geschämt, und jetzt verachtest Du Deinen Alten. Wo ist das Richtige, wo das Falsche, wo die Heuchelei, wo das Billige, wo der Gruppendruck, wo bin ich in dem Ganzen? (Das Landgericht Köln hat im Februar übrigens dpa verboten, bestimmte Äußerungen über Eva Hermann zu machen. Auch das ZDF ist nach einer einer entsprechenden Abmahnung eingeknickt. Quelle: Seite von Eva Hermann) Was soll ich als Sportler jetzt sagen, wenn mich der nächste Wegelagerer fragt, wie ich meine politische Meinung während der Olympischen Spiele zum Ausdruck bringen will? Wollen jetzt alle der Eröffnungfeier fernbleiben? Oder gehen jetzt alle brav hin, weil die Sportfunktionäre damit drohen, Abweichler, die den Olympischen Frieden stören, aus der Mannschaft zu schmeißen?

1968, das war was!

Der Stadtwanderer schreibt:

»doch dann kam der schock: gemeinsam mit john carlos, dem dritten im olypmischen 200 m final, erhob tommie smith die schwarz bandagierte faust zur us-amerikanischen nationalhymne. noch heute läuft es mir kalt den rücken hinunter, wenn ich mich an den 17. oktober 1968 zurück erinnere.
dann ging alles schnell: noch während der siegeszeremonie wurden die beiden us-sprinter aus der amerikanischen mannschaft ausgeschlossen! mein held, von bekloppten ami-sportfunktionären in die wüste geschickt! wie konnte man nur!, musste ich wissen.
aber ich bekam keine antwort. sicher hat mein amerika-bild damals schweren schaden genommen; sicher bin ich seither schlecht zu sprechen, wenn ich nur schon das wort "funktionär" höre.
aber ich weiss, dass ich in sekundenschnelle begriff, was soziale ungerechtigkeit ist, und wie nationalstolz und sozialer zorn zusammen hängen. denn diese siegerehrung hat mich politisiert. mit sympathien für benachteiligte gruppen. und der ausschluss hat mich schockiert, mit antipathie für sturheit, überlegenheit und rassismus. dass tommie smith am letzten tag der spiele - heute vor 38 jahren - auch noch auf lebzeiten für olympische spiele gesperrt wurde, gab mit den rest.«


Die Stuttgarter Zeitung hat John Carlos vor kurzem interviewt.

Immer, wenn wir in den 80ern über die RAF diskutierten, mußte man bei jeder staatskritischen Äußerung den Satz vorausschicken: »Natürlich stehe ich auf dem Boden des Grundgesetzes.« Wo ist hier die Demokratie, und wo fängt der Terrorismus an? Also kehre doch jeder vor seiner eigenen Tür! Wie sagte Osho sinngemäß so schön: »Der chinesische Staat mag eine neue Tradition sein, er ist aber immer noch eine Tradition. Die einzig wahre Rebellion ist die gegen dich selbst.« Also: Wir sind alle Chinesen und alle Tibeter…

Das Einzigartige in den 68ern war die Verknüpfung gesellschaftlicher mit innerer Realität. Das, was in mir ist, hat mit dem, was außerhalb von mir ist, etwas zu tun. Und das war eine Erkenntnis nicht weniger Intellektueller sondern breiter Bevölkerungsschichten. Diese Verknüpfung stellt das Plakat her. Es benutzt die Außenwelt als Spiegel des Inneren.

Wenn John Carlos und Tommie Smith bei der Siegerehrung die behandschuhte Faus heben und damit für die Black-Panther-Bewegung demonstrieren (von lat. demonstrare, hinweisen, verdeutlichen), lösen sie, wie Stadtwanderers Bericht eindrucksvoll schildert, etwas aus. Als Fritz Teufel auf den Hinweis, er solle aufstehen, wenn der Vorsitzende Richter den Saal betrete, antwortete: »Na, wenn’s der Wahrheitsfindung dient«, war das damals ein Brüller. Gottfried Oy führt in einem lesenswerten Artikel der Zeit aus: »Von nun an nutzte er alle Verhandlungen zur Karikierung der Machtrituale.« Was tun wir, wenn wir Plakate an die Fenster hängen »Free Tibet!«? Wer wird aufgerüttelt, bei wem fällt der Groschen? Welches gesellschaftliche Bewußtsein wird hier verändert?

Es ist nicht so, daß mir die Tibeter egal sind. Der Dalai Lama ist uns so sympathisch, daß uns die Tibeter automatisch sympathisch ist. Deswegen ist uns ja der Dalai Lama so sympathisch, damit uns seine Tibeter sympathisch sind. Natürlich tritt er keinem auf die Füße, so wie Osho. Er strengt sich an, lieb und nett und freundlich rüberzukommen. Über das Zölibat oder die Gleichberechtigung der Frauen machen wir uns nur in Bezug auf die katholische Kirche Gedanken, der tibetische Buddhismus bleibt da außen vor.

Was wollen wir also für die Tibeter? Einen eigenen Staat, kulturelle Autonomie, Religionsfreiheit? Meine Bodenschätze gehören mir? Wie kann man die Chinesen erreichen? Was wollen wir in ihren Köpfen erreichen? Was hätte man während der Olympischen Spiele in Los Angeles tun können, um auf die weiter bestehende Unterdrückung der Indianer aufmerksam zu machen? Kopfschmuck tragen? Was hätte das bewirkt? (siehe auch »Fernseh- und Filmtips« vom 21.4., Stichwort »Halbblut«)

Wenn man sich ansieht, daß jeder Schreiberling, wenn er über Eva Hermann was zu Papier bringt erwähnt, daß sie wegen ihrer umstrittenen Äußerungen zur Nazizeit in der Kritik steht, ist das genau das, was uns, wenn wir im Fernsehen die Demonstrationen von Chinesen gegen die westliche Berichterstattung sehen, ungläubig schauen läßt: Wie kann das sein? Einer schreibt vom anderen ab und alle glauben es. Wir glauben, daß Eva Hermann die NS-Familienpolitik gut fand, und die Chinesen glauben, daß die Tibeter Dalai-Lama-gesteuerte Terroristen sind. Die andere Massendummheit hat halt Schlitzaugen. Aber ist schlitzäugige Volksverdummung schlechter? Wir sollten uns an unsere eigene Nase fassen: Wir hätten bei unserer Medienvielfalt viel bessere Möglichkeiten, uns zu informieren. Wie hat denn die amerikanische Berichterstattung von Anti-Irakkrieg-Demonstrationen funktioniert? Es ist peinlich, so furchtbar peinlich!

Also: Bevor wir den Chinesen vorschreiben, wie sie mit den Tibetern umzugehen haben, sollten wir uns überlegen, wie viele Demonstrationen stattgefunden haben und wie viele Leute auf die Straße gegangen sind, ja, ob es überhaupt eine Zeitungsmeldung wert war, daß die USA Raketen in Polen und Tschechien stationieren wollen und damit die gleiche Ausgangslage schaffen, die 1963 zur Kuba-Krise führte. Also: Wie erreichen wir China und was wollen wir erreichen? Bestimmt nicht in Bild-Zeitungs-Manier. Und bestimmt nicht durch Finger-Zeigen. Im Film »Reine Nervensache«, in welchem der von Robert De Niro gespielte Mafia-Boß einen Psychoanalytiker zwingt, ihn wegen Angstanfällen zu behandeln, erklärt der Analytiker den Ödipus-Komplex, nachdem der kleine Junge seine Mutter sexuell begehrt. »Scheiß-Griechen«, reagiert der Mafiosi und fährt fort: »Haben Sie mal meine Mutter gesehen?« und später: »Seitdem ich das mit Freud gehört habe, habe ich Angst, meine Mutter auch nur anzurufen.« Die Systemiker sagen: »Der Empfänger bestimmt die Botschaft.« Mit Fingerzeigen werden wir die Chinesen nur in die Defensive drängen. Wenn wir für Tibet etwas tun wollen, brauchen wir offene Ohren, zumindest so offen, daß wenigstens ein gewisser Prozentsatz durchdringt. Einfach nur draufhauen bringt nichts. Gutmenschentum ist hier fehl am Platz. Ich fordere also zu einem Denkprozeß auf. Wenn wir alle Chinesen sind, dann sollten wir uns überlegen, wie wir selbst mit Kritik umgehen bzw. umzugehen in der Lage sind, wie wir selbst mit unserem Tun andere dazu bringen, uns eben nicht zuzuhören sondern sich einfach nur angegriffen zu fühlen. Das dient nun wirklich nicht der Wahrheitsfindung! Also: Wir sind alle Chinesen, ob mit oder ohne Schlitzaugen…