Freitag, 12. März 2010

Geburtenkontrolle – Die „Pille“ gegen den Klimawandel

Der Optimum Population Trust ist eine gemeinnützige Organisation, die über die Bevölkerungsentwicklung auf der Welt und ihre Folgen nachdenkt. Sie hielt kürzlich in London ihren Jahreskongress ab.
Wie Prof. Judith Stephenson vom University College London ausführte, haben die missglückten Programme zur zwangsweisen Familienplanung in vergangenen Jahrzehnten insbesondere in China die Bemühungen lang überschattet. Trotzdem waren sie recht erfolgreich. Die derzeitige Prognose der UN, dass die Weltbevölkerung im Jahre 2050 9,7 Milliarden zählen wird, kann aber nur eintreffen, wenn es auf diesem Gebiet keine Rückschläge gibt. Dazu bedarf es weiterer Anstrengungen. Ansonsten könnte es in 2050 auch elf Milliarden Menschen geben. Stephenson rief zur Stiftung eines globalen Fonds zur Förderung der Familienplanung auf, wie es ihn für verschiedene Krankheiten gibt.
Vielleicht rüttelt die Verantwortlichen der Hinweis auf die Tatsache auf, dass eine Kontrolle des Bevölkerungswachstums einen Schlüssel zur Kontrolle des Klimawandels darstellt. WE

BMJ 338 (2009) 792-793
aus MMW Fortschritte der Medizin

Westafrika – Die Landwirtschaft boomt – und die Malaria

Baumwolle gedeiht in Burkina Faso dem drittärmsten Land der Welt. Dazu ist es notwendig, dass die Bauern Schädlinge mit „Gift“ bekämpfen. Zur Verfügung stehen DDT oder Pyrethroide. Letztere dienen auch zur Imprägnierung von Bettnetzen, die die Schlafenden vor Malaria-übertragenden Mücken schützen sollen. DDT wird in einigen Regionen zusätzlich gegen die Anopheles-Mücken in den Räumen versprüht. Nun werden die Mücken resistent gegen die lnsektizide. Diese Entwicklung bedroht den Erfolg aller Bemühungen, die Malaria unter Kontrolle zu bringen. Ein „Drama“ ist abzusehen, wenn weiterhin in der Landwirtschaft dieselben Insektizide verwendet, wie sie zur Bekämpfung der Malaria-Mücken verwendet werden. Dann wird die Malaria immer mehr Opfer fordern, vor allem Kinder. WE

Baleta, A: Insecticide resistance threatens malaria control in Africa. BMJ 339 (2009) 1581-1582
Bestellnummer der Originalarbeit 091659

aus MMW Fortschritte der Medizin

Sterbehilfe – Leid ist schwer messbar

Qualen sind ein subjektives Phänomen. Eine Arbeitsgruppe aus Amsterdam wollte wissen, inwieweit man es quantifizieren kann und wie sich die Einschätzungen von Patient und Arzt unterscheiden.
Mit Hilfe ausführlicher Interviews von zehn Patienten, die Sterbehilfe erbeten hatten, bei denen dies aber abgelehnt oder bei denen sie trotz Genehmigung nicht ausgeführt worden war, sowie von 16 Ärzten, die mit diesen oder ähnlichen Fällen befasst waren, gewann man tiefere Einblicke. Nicht alle Patienten, die unbedingt sterben wollten, hielten ihr Leid fürwirklich unerträglich. Ihre Arzte konnten ihren Wunsch, zu sterben, dennoch nachvollziehen. Wenn die Patienten von unerträglichem Leiden sprachen, waren Ärzte öfter anderer Meinung. Patienten bezogen diese Einschätzung mehr auf psychosoziale Aspekte, Ärzte rein auf die physische Seite. Wenn z. B. ein Patient noch Bücher lesen konnte, nahmen sie ihm unerträgliche Qualen nicht ab.
Die Autoren legen den Ärzten nahe, alle Perspektiven von Leiden wahrzunehmen und ihre Einschätzung nicht auf die rein körperliche Sichtweise zu verengen. Eine nur physische Auslegung werde der weitgehend subjektiven Natur von Leiden und auch der Intention des niederländischen Sterbehilfe-Gesetzes nicht gerecht. WE

Pasman HRW et al.: concept of unbearable suffering in context of ungranted requests for euthanasia: qualitative interviews with patients and physicians. BMJ 339 (2009) 1235-7237
Bestellnummer der Originalarbeit 091657

aus MMW Fortschritte der Medizin

Ärzte-Wellness – Auch dem Doktor muss es gut gehen

Kanadische Experten weisen darauf hin, dass nach einer Studie aus ihrem Land 64% der Ärzte ihre Arbeitsbelastung als zu groß empfinden und dass 48% eine Zunahme ihrer Belastung in den letzten Jahren bemerkten. Die Arbeitszeit von Ärzten ist überdurchschnittlich hoch. Ihre Tätigkeit ist mit starken emotionalen Belastungen verbunden. Die kognitiven Anforderungen mit einer kaum zu bewältigenden Informationsflut wachsen. Folgen von so viel Stress sind oft Burnout-Syndrom und mangelhafte berufliche Leistungen.
Ärzte gehen selten zum Arzt. Wenn sie depressiv sind, suchen nur 2% professionelle Hilfe. Sie vernachlässigen ihr eigenes Wohlergehen sträflich.
Die Autoren fordern, das Wohl der Ärzte als Qualitätsfaktor des Gesundheitssystems zu sehen. Alle Beteiligten sollten nach Wegen suchen, die Gesundheit der Ärzte zu verbessern. Die Kultur der Betreuung von Ärzten muss sich ändern. Von einer Entlastung der Ärzte würden nicht nur diese profitieren, sondern auch dieAllgemeinheit, auch wenn entsprechende Maßnahmen wohl nicht umsonst zu haben wären. WE

Wallace JE et al.: Physician wellness: a missing quality indicator. Lancet 374 (2009) 1714-1721
Bestellnummer der Originalarbeit 091658

aus MMW Fortschritte der Medizin

Freitag, 5. März 2010

Bilder unseres Landes: Idar-Obersteiner Schule entstand auf freiem Feld



Die 1872 auf fast freiem Feld an der Grenze zwischen Oberstein und Idar errichtete Göttenbach-Schule diente lange als Oberrealschule. Der Bau in der Mitte der mehr als 600 Hausnummern langen Hauptstraße war eines der wenigen gemeinsamen Projekte vor dem Zusammenschluss der beiden Städte im Jahr 1933. Alle höheren Schulen wurden damals in der Schillerschule in Oberstein vereint. In die freiwerdende Göttenbach-Schule zog die Stadtverwaltung ein. Heute sind dort die Schutz- und Kriminalpolizei untergebracht. Die Bediensteten der Stadt siedelten dafür in die ehemalige Schillerschule um. Foto: Hosser
aus der Nahe-Zeitung

Der Begriff »Gymnasium« existierte in der Umgangssprache in Idar-Oberstein bis in die Mitte der 70er Jahre kaum. In Idar-Oberstein besuchte man nicht das Gymnasium, man ging »off die Gäddebach«. Erst mit Errichtung des neuen Gymnasiums auf der Heinzenwies hielt das Wort »Gymnasium« Einzug in den Idar-Obersteiner Sprachgebrauch.

Mittwoch, 27. Januar 2010

Zivilisation – Net mach Mob

Computerpionier Jaron Lanier über die entwürdigenden Folgen von Internetwerbung, Mobbing im Netz und die Geburt einer unmenschlichen Digital-Religion

mehr bei SPIEGEL-Online

Dienstag, 26. Januar 2010

Sport macht geistig fitter – auch bei ersten kognitiven Defiziten

Regelmäßige körperliche Aktivität schützt vor geistigem Verfall. Eine leichte kognitive Beeinträchtigung kann durch intensives Training sogar teilweise rückgängig gemacht werden. Das ist das Ergebnis einer kontrollierten Studie mit 33 Probanden um die 70 Jahre, die an einer leichten kognitiven Beeinträchtigung litten. Die Trainingsgruppe hatte sechs Monate lang viermal pro Woche für 45-60 Minuten ein intensives aerobes Training absolviert. Ihre kognitiven Leistungen verbesserten sich stärker als die der Kontrollgruppe, die nur Übungen gemacht hatte, welche die Herzfrequenz nicht erhöhten. Normalerweise haben Personen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung ein jährliches Risiko von 10-15%, in eine Demenz abzugleiten.
Arch Neurol 2010;67:71-79 und 80-86
aus MMW-Fortschritte der Medizin Nr. 3/2010

Der Duft, auf den Männer fliegen

Den Duft, auf den Männer messbar reagieren, bekommt man in keiner Parfümerie. Die stärkste Wirkung erzielt Frau mit ihrem Eigengeruch, meinen Psychologen an Florida. Sie baten Frauen während verschiedener Stadien ihres Ovulationszyklus ein T-Shirt an drei aufeinanderfolgen Tagen zu tragen. Ungetragene T-Shirts dienten zu Kontrollzwecken. Männliche Probanden wurden aufgefordert, an den Versuchshemden zu schnuppern. Vor und nach der Geruchsprobe wurde ihnen Speichel zur Testosteronbestimmung entnommen. Auf Hemdchen, die Frauen während ihres Eisprungs getragen hatten, reagierten die männlichen Versuchsobjekte mit einem signifikanten Anstieg der Testosteronwerte. Dieser Effekt ist aus Tierversuchen bestens bekannt. Was Sie, geneigter Leser, daraus schließen möchten, überlassen wir Ihnen.
Psychological Science, 2009; DOI: 10.1177/0956797609357733
aus MMW-Fortschritte der Medizin Nr. 3/2010

Couchpotatoes aufgepaßt – TV kann tödlich sein

Wer regelmäßig viel Zeit vor dem Fernseher verbringt, riskiert sein Leben. Einer australischen Studie zufolge erhöht jede tägliche Stunde Fernsehkonsum die Sterblichkeit um 11% und die kardiovaskuläre Sterblichkeit sogar um 18%.Verglichen mit Personen, die weniger als zwei Stunden pro Tag fernsehen, haben diejenigen, die mehr als vier Stunden vor der Glotze hängen, eine um 46% höhere Gesamtmortalität und eine um 80% höhere Mortalität aus kardiovaskulärer Ursache. In der Studie waren 8800 Personen mehr als sechs Jahre beobachtet worden; in dieser Zeit hatten sich 284 Todesfälle ereignet. Die erhöhte Sterblichkeit durch langes Fernsehen betraf auch normalgewichtige Menschen.
Circulation, 11. Januar 2010, doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.109.894824
aus MMW-Fortschritte der Medizin Nr. 3/2010

Wochenend bringt Sonnenschein

Vermutet haben wir das eigentlich schon immer, aber jetzt haben Psychologen der Universität Rochester den wissenschaftlichen Beweis nachgeliefert: Das freie Wochenende macht Menschen glücklich. Während der Arbeitswoche lassen die Glücksgefühle kontinuierlich nach, um am nächsten Wochenende dann wieder einem neuen Hochgefühl zu weichen. Dieses Auf und Ab der Gefühle ist unabhängig von Einkommen, Position und sozialem Status. Wesentlich sei, so meinen die Psychologen, dass man am Wochenende sein eigener Herr sei und selbstbestimmt handeln könne. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten, wie eine Studie der Universität von Toronto belegt: Immer mehr Zeitgenossen bringen sich um das Wochenend- und Freizeitglück, indem sie Arbeit mit nach Hause nehmen.
J Social Clin Psvchology 2010. im Druck
aus MMW-Fortschritte der Medizin Nr. 3/2010

Montag, 25. Januar 2010

Gestern nacht vor 35 Jahren – 24. Januar 1975

»Das Wichtigste bei einem Solokonzert ist die erste Note, die ich spiele, oder die ersten vier Noten. Wenn sie genug Spannung haben, folgt der Rest des Konzerts daraus fast selbstverständlich.«

Die Umstände waren ziemlich widrig. Der bestellte Konzertflügel war nicht da. Der 29jährige Amerikaner hatte die Nacht zuvor schlecht geschlafen, gerade erst hastig gegessen und mußte auf einem mittelmäßigen Ersatzflügel spielen. Nur auf ausdrückliche Bitten der Veranstalterin erklärte er sich bereit, doch zu spielen. Die Tontechniker einigten sich darauf, das ausverkaufte Konzert in der Kölner Opernhalle für interne Zwecke doch mitzuschneiden. Der amerikanische Pianist paßte sich den Qualitäten des zur Verfügung stehenden Flügels an und beschränkte sich auf die mittleren und tiefen Töne. Der erste Teil beginnt mit der Melodie des Pausengongs der Kölner Oper – im Publikum ist Lachen zu hören.

Heraus kam die meistverkaufte Jazz-Soloplatte und meistverkaufte Klavier-Soloplatte. Das Doppelalbum mit 66 Minuten Spielzeit bekam den Preis der Deutschen Phono-Akademie und wurde vom Time Magazine zu einer der „Records of the Year“ gewählt. Die Verkaufszahlen liegen bei etwa 3 1/2 Millionen verkaufter CDs und Schallplatten.

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Köln, January 24, 1975, Pt. I (Live) {26:01}

Keith Jarrett – Thema
Am 24.07.2018 veröffentlicht 
Provided to YouTube by Universal Music Group
Köln, January 24, 1975, Pt. I (Live) · Keith Jarrett
The Köln Concert
℗ 1975 ECM Records GmbH, under exclusive license to Deutsche Grammophon GmbH, Berlin
Released on: 1975-11-30
Associated Performer, Piano: Keith Jarrett
Producer: Manfred Eicher
Studio Personnel, Recording Engineer: Martin Wieland
Composer: Keith Jarrett
Auto-generated by YouTube.


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Keith Jarrett gehört zu den erfolgreichsten und stilprägenden Musikern der vergangenen vier Jahrzehnte und hat vor allem durch seine frühen Solo-Konzerte maßgeblich die Vorstellung vieler Menschen von zeitgenössischer Improvisation beeinflusst. Dabei baute er ein leicht verständliches, transparentes Prinzip des freien Flusses motivisch geprägter Improvisationen aus und kultivierte es. Der große Durchbruch kam 1975 schlagartig mit der Veröffentlichung seines legendären, eigentlich unter unglücklichen Umständen stattfindenden The Köln Concert, das von der damals achtzehnjährigen Konzertveranstalterin Vera Brandes organisiert wurde. Bei Kritikern und beim Publikum war das Köln Concert ein großer Erfolg. Die Platte bekam den Preis der Deutschen Phono-Akademie und wurde vom Time Magazine zu einer der „Records of the Year“ gewählt. Die Verkaufszahlen liegen bei rund 3,5 Millionen verkaufter CDs und Schallplatten. Die Platte mit ihrem markanten weißen Cover war in vielen Haushalten zu sehen und „zierte die Plattenschränke jener Zeit wie die Poster von Che Guevara in Studentenbuden ein Jahrzehnt zuvor.“ [6] Es ist nach wie vor Jarretts bekannteste Plattenaufnahme.
[Keith Jarrett, Wirkung, Wikipedia, abgerufen am 31.01.2019]
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aktualisiert am 31.01.2019
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Pay4Performance – Leserbrief

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind ja einiges gewöhnt:

• Da bekomme ich von der Bezirksstellenleitung ein Anschreiben (unterzeichnet von einem Arzt) mit der Anfrage, ob ich in meiner Praxis „gegen Pandemie“ impfe.

• Da meint der Bezirksstellenleiter (ein Ökonom), daß im ärztlichen Bereitschaftsdienst nur „Erste Hilfe“ geleistet wird. Es gäbe in Deutschland keinen Anspruch auf eine allgemeinärztliche Versorgung am Wochenende. Dann kann den Dienst ja jeder Autofahrer tätigen, denn als solcher hat man eine Erstehilfeausbildung.

• Da wird uns ständig erklärt, daß wir Leistungserbringer für „Kunden“ sind. Kunde ist man nur in einer Situation, in der man freien Willens ist, frei wie der Verkäufer. Als Kranker ist diese Art der Symmetrie nicht gegeben, sie muß auf eine andere Weise hergestellt werden. Wenn ein Versicherungsvertreter seine Agentur wie ein Arzt führt, wird er Pleite gehen. Wenn ein Arzt seine Praxis wie ein Versicherungsvertreter führt, dann gehört ihm die Approbation entzogen.

Und nun diese Kampagne „Pay4Performance“!

Abgesehen von der auch hierzu erkennenden Verwirrung und Infantilisierung der Begriffe: In meiner Praxis behandele ich Patienten und mache keine Performance! Die Zielorientierung liegt eben nicht auf der Gewinnmaximierung. Aber Begriffe wie Berufsethos, humanitärer Anspruch, Mitmenschlichkeit spielen in der umsichgreifenden ökonomisierten Gedankenwelt keine Rolle mehr. Dieser zunehmenden Korrumpierung entspricht auch die Aufmachung des Artikels: fahrig wird Geld gezählt und die KV besiegelt, was richtig ist. Was für eine politbürohafte Anmaßung!

Es ist höchstrichterlich bestätigt, daß eine medizinische Behandlung keinen Werkvertrag begründet, aus dem ein vorherzubestimmender Anspruch einzulösen ist. Medizin ist keine exakte Wissenschaft, sondern eine Erfahrungswissenschaft, die sich der Methoden der exakten Wissenschaften bedient! Niemand weiß, was eine richtige Behandlung ist. Wissen kann man nur, was nach derzeitigem Stand des Wissens und Gewissens die günstigste Behandlung zu sein scheint. Jede an Fremdmotivationen (hier Bezahlung, damals in der DDR u. a. Linientreue) orientierte Einschränkung des Spektrums von Behandlungsmöglichkeiten stört diesen Entwicklungsprozeß und führt korrumptions- oder ideologiehalber in Sackgassen. Wer schützt die Patienten (also potentiell uns alle) davor, daß nach Kassenlage evaluiert wird? Im Jahre 2009 kann niemand mehr ernsthaft behaupten, daß dies eine unbegründete Furcht ist.

Folge denn dem Artikel angekündigten Fehlentwicklung wird sein, daß Patienten, von derem Zustand keine lohnende „Punktzahl“ (man kann es nicht lassen!) abzuleiten ist, fürchten müssen, selektiert zu werden. Bekanntermaßen haben es heute schon oftmals die Kollegen im Notdienst schwer, „unwirtschaftliche“ Patienten in Kliniken unterzubringen.

Manfred Spitzer stellte in einem lesenswerten Editorial in der „Nervenheilkunde“ klar, daß es dieses Konstrukt des „Homo öconomicus“ in unserer Anlage für gesundes Verhalten nicht gibt. Es ist das Zerrbild des Gierhalses, der u. a. die Spielkasinos der Finanzmarkte beherrscht. Diese Gier frißt sich immer mehr in unsere Gesellschaft hinein und animiert wie ein Alkoholiker andere zum Mittrinken, um das eigene Leid und Gewissen nicht zu spüren.

Es besteht die Gefahr, daß wir Ärzte und Psychologen uns in das Bild hineinentwickeln, welches Politik und Medien auf uns projizieren. Der Artikel zeigt, wie weit dies schon vorangeschritten ist.

Leserbrief eines Arztes für Psychiatrie und Psychotherapie an das Niedersächsische Ärzteblatt (1/2010)

Einige Downloads von Manfred-Spitzer-Aufsätzen:
- Beobachtet Werden
- Überbieten - Gehirnforschung, Geld und Rettungspakete
- Geist in Bewegung
- Wir brauchen keine Computer in der Schule
- Einkaufs-Zentrum
- Liebesbriefe und Einkaufszentren bei Google-Books

nebenbei:
- Scarabis/Heinsen - Implicit diagnostics – Das Fenster zum Unbewußten öffnen

So erkennt man erfolgreiche Medizinstudenten

Belgische Forscher haben über 6oo Medizinstudenten über ihr gesamtes siebenjähriges Studium begleitet und untersucht, welche Persönlichkeitsmerkmale mit einem erfolgreichen Studium korrelieren. In den präklinischen Semestern haben besonders gewissenhafte Studenten die Nase vorn, während sich extrovertierte, gesellige Persönlichkeiten eher schwer tun. In den klinischen Semestern ändert sich das Bild: Jetzt gewinnen die extrovertierten Studenten die Oberhand – so sie denn ihr Studium vor lauter Partys bis dahin geschafft haben. Besonders günstig ist es, wenn die Extrovertiertheit mit Charaktereigenschaften wie Durchsetzungsfähigkeit und Altruismus verbunden ist. Gewissenhafte Studenten werden diese Phase des Studiums auch noch erfolgreich bestehen. Wer aber weder extrovertiert noch gewissenhaft ist, darf nicht auf einen guten Abschluss hoffen.
Journal of Applied Psychology 2009;94:7514-35
aus MMW-Fortschritte der Medizin Nr. 51-52

Infektionsherd Intensivstation – Keime sind häufige Todesursache

Jeder zweite Intensivpatient (51%) hat eine Infektion, 71% der Patienten werden mit Antibiotika behandelt. Diese erschreckenden Zahlen hat die weltweite EPIC-II-Studie ans Licht gebracht. An einem Stichtag wurden die Daten von 14.414 Intensivpatienten aus 75 Ländern erfasst. 62% der positiven Isolate enthielten gramnegative Bakterien, 47% grampositive und 19% Pilze. Infektionen waren umso häufiger, je länger der Aufenthalt auf der Intensivstation dauerte, und sie verdoppelten das Risiko, im Krankenhaus zu sterben.
JAMA 2009;302:2323-29
aus MMW-Fortschritte der Medizin Nr. 51-52

Einkaufsverhalten – Jäger und Sammlerinnen

Wenn Frauen shoppen, kann das Stunden dauern. Wenn Männer einkaufen, greifen sie sich das erste halbwegs passende Stück und verlassen das Geschäft fluchtartig. Forscher der Universität Michigan erklären dies mit der Evolution. Als der Mensch noch Jäger und Sammler war, übernahmen die Frauen das Sammeln, während die Männer auf die Jagd gingen. Frauen mussten ihr Sammelgut sorgfältig auswählen und Verdorbenes oder Giftiges aussortieren. Die Männer hingegen stürzten sich überfallartig auf ihre Beute und schleppten sie schleunigst heim. Wenn Ihre Frau also stundenlang Schuhe anprobiert, sollten Sie dies als Liebesbeweis erkennen. Evolutionsbiologisch betrachtet tut sie das nur, um Sie nicht zu vergiften.
J. of Social, Evolutionary & Cultural Psychol. i. pr.
Aus MMW-Fortschritte der Medizin Nr. 51-52

Verhaltensforschung – Wie viel Haut soll Frau zeigen?

Psychologen der Universität Leeds wollten eine der dringlichsten Menschheitsfragen lösen: Wie viel Haut soll Frau zeigen, um den richtigen Mann anzulocken? Für ihre Feldstudien suchten die Forscher Nachtclubs auf, bewerteten den Bekleidungszustand der weiblichen Gäste und maßen, wie oft diese von Männern angesprochen wurden. Die meisten Kontakte konnten Frauen verbuchen, die 40% Haut entblößten. Bei der Berechnung wurden Gesicht, Hände und Füße nicht gewertet. Entblößte Arme schlugen mit 10% zu Buche. Ein nackter Torso wäre als 50% gewertet worden. 50% ist aber des Guten zu viel, warnen die Forscher. Dies locke die falschen Männer mit möglicherweise unguten Absichten an. So ganz nebenbei ermittelten die Forscher auch, wie Mann sein muss, um auf Frauen zu wirken. Am besten schneidet hier der absolute Durchschnittstyp ab: nicht zu dick und nicht zu dünn, nicht zu groß und nicht zu klein usw. Und Haut zeigen muss Mann auch nicht. Sehr beruhigend.
Behaviour 2009;146:1331-1348
aus MMW-Fortschritte der Medizin Nr. 49-50

Sonntag, 24. Januar 2010

Gesundheitsbedenken bei Genmais durch Studie bestätigt

Über gentechnisch veränderte Lebensmittel und die Firma Monsanto habe ich schon ein paarmal berichtet.

Wissenschaftler der französischen Universitäten Caen und Rouen untersuchten vor wenigen Jahren Fütterungsversuche an Ratten, die Monsanto in Auftrag gegeben hatte, und stellten signifikante Veränderungen an den Blutwerten für Leber und Nieren fest. Monsanto versuchte, die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse zu verhindern und mußte per Gerichtsbeschluß nun dazu gezwungen werden.
mehr bei Greenpeace

Hartgesottene können mal hier klicken.

Freitag, 22. Januar 2010

Die FDP, ihr Sparbuch und ihre Wahlversprechen

Wer sich gestern den Panoramabericht über das Liberale Sparbuch ansah – bezeichnenderweise nach Dieter Wedels »Gier«, dem konnte wirklich übel werden: Vor der Wahl als Möglichkeit milliardenschwerer Einsparungen gepriesen (genau: 10,5 Milliarden EUR), versinkt das Sparbuch der FDP nach der Wahl einfach in der Versenkung.



Bezeichnend das Statement der FDP-Staatssekretärin Gudrun Kopp zu den nicht umgesetzten Einsparmaßnahmen: »Ach wissen Sie, vor der Wahl und nach der Wahl…« (Videoposition 1:40)
Man achte auch auf Position 3:30 über die Anzahl der Staatssekretäre im Außenministerium.

Man gewinnt, wenn man sich unterschiedlichen Statements – vor allem von Guido Westerwelle – anhört, tatsächlich den Eindruck, daß da Leute am Machen sind, denen es vor allem um die eigenen Pfründe geht und die vor der Wahl einfach alles von sich geben, um dem potentiellen Wähler zu gefallen – eine Schmierenkömödie!

Wohltuend dagegen die Rede des zum Populisten heruntergeschriebenen Oskar Lafontaine vom 19. Januar in Saarbrücken. (Könnte es sein, daß er sich im März 1999 tatsächlich aus der Schröder-Regierung zurückzog, weil er Schröders neoliberale Wende nicht mitmachen wollte?)

Hier seine Bundestagsrede zur Finanzkrise



Montag, 18. Januar 2010

Filmtip – Shoppen

Shoppen ist ein deutscher Spielfilm des Regisseurs Ralf Westhoff. Der Film zeigt 18 Frauen und Männer und ihre Versuche, bei einem Speed-Dating neue Beziehungs-Partner zu finden.
Beim Speed-Dating stellen sich fremde Menschen einander im Fünf-Minuten-Takt vor. Im Rennen gegen den Sekundenzeiger geht es darum, sich optimal zu verkaufen, während man den anderen taxiert.

Mehr bei Arte

Der Film wird am 2. Februar um 3:00 Uhr wiederholt.

Schmerzmittel – auch gegen Seelenschmerz?

Das Schmerzmittel Paracetamol hilft nicht nur gegen Kopfweh, sondern scheint auch Herzschmerz und verletzte Gefühle lindern zu können. Das legen zwei Studien eines US-Psychologenteams mit insgesamt 87 Freiwilligen nahe. In beiden Untersuchungen verringerte der Wirkstoff die negativen Gefühle, die durch soziale Ausgrenzung oder eine Zurückweisung hervorgerufen werden. Erklären lässt sich das wohl damit, dass sowohl körperlicher als auch sozialer Schmerz von den gleichen Hirnregionen gesteuert werden.

mehr bei Bild der Wissenschaft

Wenn sowohl körperlicher als auch seelischer Schmerz von den gleichen Hirnregionen gesteuert wird, könnte das auch eine Erklärung dafür sein, daß wir dafür das gleiche Wort benutzen.

Dank an Oster