Donnerstag, 10. Juli 2008

Felder, der zweite von vieren

Wechselwirkung in der Physik

Seit mehr als 2000 Jahren fragen die Philosophen sich, woraus die Dinge in unserer Welt bestehen und wie sie miteinander verbunden sind. Das aristotelische Schema mit seinen vier Elementen, deren Wechselwirkung auf ihre jeweiligen Qualitäten zurückging, nahm auf allerdings sehr schematische Weise bereits unser Verständnis des Aufbaus der Materie vorweg, auch wenn deren Grundhausteine, wie wir sie heute kennen, natürlich nichts mit Feuer, Wasser, Luft und Erde gemein haben.

Wenn es um die Kräfte geht, die zwischen den TEILCHEN wirken, ziehen die Physiker es vor, von Wechselwirkungen zu sprechen, denn diese Kräfte beeinflussen zwar die Bewegung der Teilchen, können aber auch zu einer grundlegenden Veränderung der Teilchen führen, etwa wenn sich eines in ein anderes umwandelt.

In der klassischen Physik übertragen sich Kräfte zwischen zwei Teilchen im Raum über ein Feld: Eines der beiden Teilchen erzeugt ein Feld, das sich im Raum ausbreitet und dann auf das andere Teilchen einwirkt. Sowohl die QUANTENPHYSIK als auch die RELATIVITÄTSTHEORIE zwangen die Physiker, diese Auffassung zu revidieren. Wenn es zu einer Wechselwirkung kommen soll, muss danach »irgendetwas« ausgetauscht werden. Dieses als Quant bezeichnete Etwas ist ein für das Feld charakteristisches Teilchen. Zu einer Wechselwirkung kommt es demnach zwischen zwei Teilchen nur über den Austausch eines dritten Teilchens. Dieses dritte Teilchen, das die Wechselwirkung überträgt oder vermittelt, wird als Eichboson der Wechselwirkung bezeichnet (siehe BOSON UND FERMION). Da man es nicht unmittelbar aufspüren kann, sagt man, es sei VIRTUELL (doch das heißt nicht, dass es kein wirkliches Teilchen wäre). Die Reichweite der Wechselwirkung ist umso geringer, je größer die Masse des Eichbosons ist, das sie überträgt.

Um alle bekannten Phänomene erklären zu können, benötigen die Physiker insgesamt vier Wechselwirkungen [alles Fette in diesem Artikel ist eine Hervorhebung von mir], die als fundamental gelten: die Gravitation natürlich; die elektromagnetische Wechselwirkung, die für den Zusammenhalt der Materie im Bereich unserer menschlichen Größenordnungen sorgt; die schwache Wechselwirkung, die bestimmte radioaktive Prozesse steuert; und die starke Wechselwirkung, die für den Zusammenhalt der Atomkerne sorgt.


Die Gravitation

Die GRAVITATION beherrscht unsere alltägliche Welt, vom Fall eines Körpers bis hin zur Bewegung der Planeten. Dennoch ist sie unvergleichlich schwächer als die übrigen drei fundamentalen Wechselwirkungen, so dass man sie auf der Ebene der Teilchen vernachlässigen kann.

Die gravitative Wechselwirkung ist anziehenden Charakters und von unendlicher Reichweite. Soll sie auf der Ebene der Teilchen mit einer den übrigen Wechselwirkungen vergleichbaren Stärke wirksam werden, bedarf es ganz außergewöhnlicher Bedingungen, wie sie in den ersten Augenblicken des Urknalls herrschten, als eine extrem hohe Energiedichte bestand. Warum hat dann die Gravitation auf makroskopischer Ebene so große Bedeutung? Der Grund liegt darin, dass sie eine ausschließlich anziehende Kraft ist und ihre Wirkungen sich daher akkumulieren; das heißt, sie wächst proportional zur Zahl der beteiligten Teilchen.

Das Teilchen, das die Gravitation übertragen soll, ist das Graviton. Seine Masse ist gleich null, und man hat es noch nicht experimentell nachweisen können. Da die vorausgesagten Effekte der Gravitonen so klein sind, heißt dies jedoch keineswegs, dass sie nicht existierten.


Die elektromagnetische Wechselwirkung

Die elektromagnetische Wechselwirkung (siehe ELEKTROMAGNETISMUS) sorgt für den Zusammenhalt der Atome und beherrscht sowohl die chemischen Reaktionen als auch die Optik. Wie die gravitative Wechselwirkung hat auch sie eine unendliche Reichweite, doch da sie je nach Vorzeichen als anziehende oder als abstoßende Kraft auftritt, heben sich ihre kumulativen Effekte über größere Entfernungen wegen des insgesamt elektrisch neutralen Charakters der Materie gegenseitig auf. Die Theorie, die all diese Aspekte sehr präzise zu erklären vermag, ist die so genannte Quantenelektrodynamik. Sie führt die elektromagnetische Wechselwirkung auf den Austausch virtueller PHOTONEN zurück (als virtuell werden sie bezeichnet, weil sie als Teilchen nicht nachweisbar sind). Alle elektrisch geladenen oder (wie das Neutron) mit einem magnetischen Moment ausgestatteten Teilchen (die daher wie ein winziger Magnet wirken) unterliegen der elektromagnetischen Wechselwirkung.

In früheren Zeiten galten Elektrizität und Magnetismus als zwei getrennte Phänomene. Seit dem 19. Jahrhundert wissen wir, dass der Magnetismus durch die Bewegung elektrischer Ladungen entsteht. So erklären sich zum Beispiel die Störungen, denen ein Kompass in der Nähe eines Gewitters unterliegt. James Clerk Maxwell verdanken wir die Gleichungen, in denen sich sämtliche elektromagnetischen Phänomene zusammenfassen lassen.


Die starke Wechselwirkung

Der ATOMKERN besitzt eine erstaunliche Stabilität. Die Energie, die erforderlich ist, um ein NUKLEON, das heißt ein Proton oder ein Neutron (die beiden Kernbausteine) aus einem Atomkern herauszulösen, ist etwa eine Million Mal größer als die Energie, die das Elektron an den Atomkern bindet. So stellt sich denn die Frage, welche Kraft einen derartigen Zusammenhalt gewährleisten kann. Welche Kraft überwindet die elektrische Abstoßung zwischen den Protonen innerhalb eines Atomkerns, die auf der Tatsache beruht, dass diese Teilchen dieselbe (positive) elektrische Ladung haben? Keine klassische Kraft – weder die elektromagnetische Kraft noch die Gravitation – vermag den Zusammenhalt des Atomkerns zu erklären. Daher muss es eine dritte Kraft geben, die man als starke Kernkraft oder als starke Wechselwirkung bezeichnet. Im Unterschied zu den beiden klassischen Kräften, die im Bereich der Größenordnung eines Atomkerns nur schwach ausgeprägt sind, aber von unendlicher Reichweite sind, ist die starke Wechselwirkung sehr intensiv und besitzt eine sehr geringe Reichweite. Sie ist so stark, dass sie ihre Wirkung innerhalb der unvorstellbar kurzen Zeit von 10-23 s [10 hoch minus 23] entfaltet (das ist die Zeitspanne, die manche extrem instabile Teilchen, die so genannten Resonanzteilchen, benötigen, um zu zerfallen und sich in andere, leichtere Teilchen umzuwandeln (siehe RESONANZ). Die Reichweite der starken Wechselwirkung beträgt etwa ein Fermi, das ist der millionste Teil eines Milliardstel Meters (10-15 m, 10 hoch minus 15 Meter).

Nicht alle Teilchen unterliegen der starken Wechselwirkung. Die Teilchen, die empfindlich für sie sind, bezeichnet man als HADRONEN, die übrigen als LEPTONEN. Wir kennen mehr als 350 Hadronen, die nahezu alle instabil sind.

Die Wechselwirkung zwischen Hadronen, zum Beispiel zwischen den Nukleonen, beruhen auf fundamentaleren Wechselwirkungen zwischen QUARKS (den Teilchen, aus denen Die Hadronen bestehen). Wie die elektromagnetische Wechselwirkung auf der elektrischen Ladung basiert, so geht die starke Wechselwirkung auf die so als FARBE bezeichnete Ladung zurück. Man darf sich allerdings nicht vorstellen, die Quarks waren wirklich bunt. Der Ausdruck »Farbe« (vielfach wird hier der englische Ausdruck colour benutzt) ist lediglich die bildhafte Umschreibung eines Etiketts, einer besonderen Art von Ladung, die diese Teilchen tragen. Die starke Wechselwirkung wird durch die so genannten Gluonen übertragen, Teilchen, deren Name auf das englische glue: »Leim«, zurückgeht, weil die Quarks gleichsam aneinander kleben, wenn man sie voneinander zu trennen versucht. Die Quarks lassen sich nicht als freie Teilchen isolieren, sie sind auf das Innere der Hadronen beschränkt. Im Blick auf die Farbladung wird die Theorie der starken Wechselwirkung als Quantenchromodynamik bezeichnet.


Die schwache Wechselwirkung

Die schwache Wechselwirkung, die gleichfalls nur eine sehr kurze Reichweite hat, wird vielfach als verschwindend gering dargestellt. Sie ist insbesondere für den so genannten Betazerfall verantwortlich. Dabei zerfällt innerhalb eines Atomkerns ein Neutron in ein Proton, ein Elektron und ein Antineutrino. Das Elektron und das Antineutrino verlassen den Atomkern. Da das Proton im Kern verbleibt, entsteht bei dieser Umwandlung ein anderes chemisches Element. Die schwache Wechselwirkung mag zwar nur eine verschwindend geringe Stärke haben, doch sie beherrscht immerhin die thermonuklearen Reaktionen, aus denen unsere Sonne (wie alle übrigen Sterne) die Energie bezieht, von der wir hier auf der Erde leben.

Die Reichweite der schwachen Wechselwirkung beträgt nur ein Tausendstel Fermi (10-18 m, 10 hoch minus 18 Meter), sodass man schon fast von einer Berührung sprechen kann. Die charakteristische Zeit, in der diese Kraft ihre Wirkung entfaltet, ist sehr viel länger als bei der starken Wechselwirkung und reicht von 10-10 [zehn hoch minus zehn] Sekunden bis zu einigen Minuten. Deshalb wird ihre Wirkung oft von der sehr viel schnelleren starken Wechselwirkung verdeckt.

Die schwache Wechselwirkung ist eine Exzentrikerin unter den fundamentalen Wechselwirkungen. Sie lehnt es ab, bestimmten elementaren SYMMETRIEN zu gehorchen, an die sich ihre Schwestern peinlich genau halten; das gilt etwa für die Symmetrie, die als PARITÄT bezeichnet wird.

Die schwache Wechselwirkung wird durch W+-, W-- und Z0-Bosonen [W plus, W minus und Z null-Bosonen] übertragen, deren Existenz 1983 experimentell bewiesen wurde. Sie haben eine vergleichsweise große Masse und sind etwa 100-mal schwerer als die Protonen. Vorausgesagt worden war die Existenz dieser drei überaus kurzlebigen Teilchen schon mehrere Jahre zuvor durch eine kühne Theorie zur Vereinheitlichung der elektromagnetischen und der schwachen Wechselwirkung (so wie die Vereinigung der Elektrizität mit dem Magnetismus die elektromagnetische Welle erforderlich gemacht hatte). Nach den Prinzipien dieser Theorie der elektroschwachen Wechselwirkungen kommt es zu einer scheinbar kaum mit der Natur zu vereinbarenden theoretischen Hochzeit zwischen den schweren Bosonen, die die schwache Wechselwirkung übertragen, und den masselosen Photonen, die für die elektromagnetische Wechselwirkung verantwortlich sind. Doch diese Theorie hat sich im Experiment vollkommen bestätigen lassen, zumindest soweit es die Energie betrifft, die wir in den heutigen Teilchenbeschleunigern erzeugen können.


Die Vereinheitlichung der Wechselwirkungen

Die Kräfte der vier Wechselwirkungen unterscheiden sich durch die Energien, die dabei im Spiel sind, und hier ergibt sich eine Möglichkeit, sie miteinander zu vergleichen. Jedenfalls hofft man, auf der Grundlage von Gesetzen, die bestimmen, auf welche Weise diese Kräfte strukturiert sind und ihre Wirkung entfalten, eine Theorie schaffen zu können, in der die verschiedenen Kräfte nur noch als Formen oder Ausprägungen einer einzigen Kraft erscheinen.

In konzeptioneller Hinsicht sind auf diesem Gebiet in den letzten Jahrzehnten beträchtliche Fortschritte erzielt worden. Dazu gehört vor allem der Beweis, dass elektromagnetische und schwache Wechselwirkungen keine unabhängigen Kräfte darstellen. Im so genannten STANDARDMODELL DER TEILCHENPHYSIK gelang es sogar, drei der vier Wechselwirkungen zusammenzufassen (die dritte ist die starke Wechselwirkung). Dieses Modell liefert eine Klassifikation sämtlicher »Bausteine« der Materie. Als fundamentale Bausteine gelten danach einerseits die Leptonen, z.B. Elektronen und Neutrinos, das sind Teilchen, die sich frei bewegen können und wie die Elektronen nicht der starken Kernkraft unterliegen), und andererseits die Quarks (die der starken Wechselwirkung unterliegen und aus denen die Hadronen, z. B. Protonen und Neutronen, zusammengesetzt sind). Die Quarks sind stets mit anderen Quarks oder Antiquarks verbunden (Quarks lassen sich isoliert nicht nachweisen, ihr Vorhandensein zeigt sich jedoch in Gestalt von Teilchenstrahlen).

Das Standardmodell stützt sieh auf das formale Prinzip der sogenannten Eichinvarianz, das eine elegante und fruchtbare Interpretation der Wechselwirkungen ermöglicht, weil es die Existenz der einzelnen Wechselwirkungen jeweils auf eine spezielle Symmetrie zurückführt. Sogar die Form der Wechselwirkung ist vollständig durch die Symmetrie bestimmt, aus der sie sich herleitet. Auf der Basis dieses Prinzips hoffen die Theoretiker, alle vier Wechselwirkungen einschließlich der Gravitation zu einer Einheit zusammenfassen zu können.

Fast alle Versuche, über das Standardmodell hinaus zu einer wirklich einheitlichen Theorie zu gelangen, die auch die Gravitation auf kohärente Weise einzubinden vermöchte, stützen sich auf eine Symmetrie neuen Typs, die Bosonen und Fermionen (also die Teilchen, die die Wechselwirkungen übertragen) miteinander verknüpft und als »Supersymmetrie« bezeichnet wird. Diese Theorie sagt die Existenz neuer Teilchen voraus, die gleichsam die »supersymmetrisehen« Partner der bekannten Teilchen wären. Keines dieser Teilchen ist bislang entdeckt worden, und der nächsten Generation der Teilchenbeschleuniger fällt vor allem die Aufgabe zu, diese Theorie zu bestätigen oder zu widerlegen.

Die von der elektroschwachen Theorie angesprochene Symmetrie vereint, wie der Name schon andeutet, die Symmetrie der schwachen Wechselwirkung mit der des Elektromagnetismus. Wenn sie darin Recht hat, folgt daraus die Existenz von vier die jeweiligen Wechselwirkungen übertragenden Bosonen, deren Masse gleich null sein müsste. Aber das widerspricht der Erfahrung, denn die drei für die schwache Wechselwirkung verantwortlichen Bosonen besitzen eine recht große Masse, und nur die Masse der Photoneu, die die elektromagnetische Wechselwirkung übertragen, ist gleich null. Wie lässt sich dieser Sachverhalt erklären? Zu diesem Zweck verweist man auf einen »spontanen Bruch« der elektroschwachen Symmetrie, eine Art Sündenfall gleich zu Beginn des Universums. Aufgrund dieses Bruchs blieb nur eine Restsymmetrie erhalten, die elektromagnetische. Zugeschrieben wird dieser Bruch einem speziellen Mechanismus, dem so genannten Higgs-Mechanismus, der eine Erklärung dafür bietet, dass die Teilchen eine Masse besitzen. Zu diesem Zweck wird ein neues, elektrisch neutrales und für die schwache Wechselwirkung empfindliches Feld eingeführt, das Higgs-Feld, das mit den (für die schwache Wechselwirkung verantwortlichen) W+-, W-- und Z0-Bosonen in Wechselwirkung tritt und ihnen eine Masse verleiht, sich jedoch nicht mit dem Photon verbindet, das deshalb masselos bleibt. Wenn dieser Mechanismus einsetzt, kommt es zum Bruch der Symmetrie, und die beiden Wechselwirkungen, die elektromagnetische und die schwache, unterscheiden sich voneinander.

Führt man den Higgs-Mechanismus, der den für die schwache Wechselwirkung verantwortlichen Bosonen eine Masse zuweist, in die Gleichungen ein, funktioniert das Modell bestens (und zwar so gut, dass man die Masse dieser Bosonen schon lange vor ihrer Entdeckung vorhersagen konnte); außerdem entsprechen die Resultate den Ergebnissen der Experimente. Allerdings setzt dieser Mechanismus die Existenz eines neutralen Teilchens voraus, des Higgs-Bosons, dessen Verhalten durch die Theorie, zwar vorgegeben ist, dessen Existenz aber, noch nicht bewiesen werden konnte.

aus Thesaurus der exakten Wissenschaften, Zweitausendeins

Felder, der erste von vieren

Feld

Das physikalische Konzept des Feldes hat nur wenig gemeinsam mit dem ländlich friedlichen Stück Boden, den die Umgangssprache damit assoziiert. In der Physik wurde der Feldbegriff eingeführt, um den Einfluss einer (gravitativen, elektrischen, magnetischen oder sonstigen) Kraft in einem Bereich des Raumes zu beschreiben.

Nehmen wir als Beispiel die GRAVITATION. Seit Newton wissen wir, dass ein Körper A der Masse M (etwa ein Planet) jeden Körper B der Masse m (etwa einen Satelliten) mit einer Kraft P anzieht, deren Stärke sich umgekehrt proportional zum Quadrat der Entfernung d zwischen beiden Körpern verhält. Mathematisch lässt sich dieser Zusammenhang in der Formel F = GmM/d2 [hoch 2] ausdrücken, wobei G die allgemeine Gravitationskonstante ist (siehe NATURKONSTANTEN). Diese klassische Ausdrucksweise, die sich an Kräften orientiert, verknüpft symmetrisch das anziehende mit dem angezogenen Objekt. Man kann jedoch auch die Perspektive wechseln und gleichsam als Mittelglied eine Größe g einführen, die als Gravitationsfeld bezeichnet wird. Dieses Feld ist in jedem Punkt des Raumes definiert, sein Wert ist gegeben durch die Formel g = GM/d2 [wieder d hoch 2] (so dass F = mg). Die Massenanziehung zwischen A und B lässt sich nun auch in der Weise interpretieren, dass man sagt, das Objekt A erzeuge im umgehenden Raum ein Gravitationsfeld g, das allein von der Masse des Objekts A und dem jeweils betrachteten Punkt im Raum abhängt; dieses Feld wirkt nun auf jedes Objekt B der Masse in mit einer Kraft F = mg ein. Man sagt also nicht länger, B sei einer anziehenden Kraft seitens A ausgesetzt, sondern dem von A erzeugten Gravitationsfeld. Der Unterschied ist wichtig, denn er bedeutet einen Wechsel der Perspektive. Das durch eine bestimmte Position gekennzeichnete Objekt A wird in gewisser Weise durch das von ihm erzeugte Feld g ersetzt, dem keine bestimmte Position zukommt.

Dieser Wechsel der Perspektive erlangt seine volle Bedeutung erst in Situationen, in denen das betrachtete Objekt B dem Einfluss mehrerer Körper ausgesetzt ist. Während die Zahl der auf B einwirkenden Kräfte mit der Zahl der anziehenden Körper zunimmt, bleibt es bei einem einzigen Gravitationsfeld, denn dieses Feld ist die Summe der von den einzelnen Objekten erzeugten Felder. Situationen, bei denen mehrere Objekte im Spiel sind, lassen sich so auf stärker synthetische Weise erfassen. Und wenn die Überlagerung mehrerer Felder allzu komplex wird, so dass sich das Gesamtfeld nur noch schwer berechnen lässt, kann man immer noch zu Näherungswerten greifen und ein mittleres Feld konzipieren. Dieses Konzept hat den Physikern auf so disparaten Gebieten wie dem MAGNETISMUS (bei dem es nicht mehr um die gravitative, sondern um die elektromagnetische Wechselwirkung geht) oder der Kernphysik große Dienste erwiesen (siehe WECHSELWIRKUNG IN DER PHYSIK).

Der Feldbegriff hat auch unser Verständnis der Wechselwirkung zwischen physikalischen Systemen revolutioniert. Die Newtonsche Physik sah in den Wechselwirkungen das Ergebnis punktueller, augenblicklicher Fernwirkungen zwischen genau lokalisierten Körpern. [Hervorhebung von mir] In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte der englische Physiker Michael Faraday jedoch für die magnetischen und elektrischen Kräfte den Vorschlag, sie eher mit der Idee einer Nahwirkung über ein in diesem Falle elektromagnetisches Feld zu assoziieren (siehe ELEKTROMAGNETISMUS).

Diese Auffassung, die das Feld zur Grundlage der Wechselwirkungen macht, wurde schrittweise verallgemeinert, und man ging von einem Modell der Fernwirkungen zwischen Körpern oder Teilchen zu einer echten »Feldtheorie« über, in der das Konzept des Feldes eine grundlegende Rolle spielt.

Gelegentlich lassen sich die Wirkungen eines Feldes unmittelbar beobachten. So kann man das von einem Magneten in einer bestimmten Ebene erzeugte Feld sichtbar machen, indem man Eisenfeilspäne auf eine Platte streut. Die Eisenfeilspäne richten sieh dann von selbst an den so genannten Feldlinien aus, so dass die geometrische Gestalt des Feldes erkennbar wird. Auch das LICHT ist aus der Sicht der Physik nur ein spezielles elektromagnetisches Feld. Und nach der modernen Theorie der Gravitation. der allgemeinen Relativitätstheorie, verformt das von einem Stern erzeugte Gravitationsfeld die RAUTM-ZEIT in seiner Umgehung in der Weise, dass die Bahnen von Objekten dort eine Ablenkung erfahren (siehe GRAVITATION).

Zu jeder Wechselwirkung gehört ein charakteristisches Feld: zur gravitativen Wechselwirkung das Gravitationsfeld, zur magnetischen Wechselwirkung das Magnetfeld, zur elektrischen Wechselwirkung das elektrische Feld und so weiter. Der Feldbegriff geht sogar noch über den der Wechselwirkung hinaus. Man verwendet ihn überall dort, wo eine Größe sich für jeden Punkt des Raumes oder zumindest eines Raumbereichs definieren lässt [Hervorhebungen von mir]. So spricht man auch von einem Druckfeld oder einem Temperaturfeld, wenn man die räumliche Verteilung des DRUCKS oder der TEMPERATUR kennzeichnen möchte.

Man kann sich leicht vorstellen, wie viele physikalische Größen sich als Feld darstellen lassen. Insgesamt lassen sie sich jedoch drei Gruppen zuordnen. Die einfachsten Felder sind durch einen einzigen Parameter gekennzeichnet, das heißt durch eine einzige Zahl, die die Stärke des Feldes in jedem Punkt angibt. In diesem Fall spricht man von skalaren Feldern [Hervorhebung von mir]. Hierher gehören etwa die Temperaturfelder (denn die Temperatur ist eine Variable, die nur eine Dimension besitzt). Vektorfelder dagegen sind nicht allein durch eine bestimmte Stärke oder Größe bestimmt, sondern auch durch die jeweilige Richtung der Wirkung. Das gilt zum Beispiel für das elektrische Feld, das darin befindliche elektrisch geladene Teilchen in eine bestimmte Richtung bewegt. Schließlich gibt es Felder mit noch komplexerer Struktur, die man als Tensorfelder bezeichnet [Hervorhebungen von mir]. Sie können sehr viele Dimensionen besitzen. Ein Beispiel für ein Tensorfeld ist das Gravitationsfeld der allgemeinen Relativitätstheorie.

aus Thesaurus der exakten Wissenschaften, Zweitausendeins

Obama macht mir Angst

Lange Zeit habe ich Barack Obama die Daumen gedrückt. Alles ist besser als das Washingtoner Establishment, dachte ich mir lange Zeit. Aber je häufiger ich Obama in irgendwelchen Spots sehe, desto geringer erscheint mir die Entfernung zwischen Heiland und Antichrist. Irgendwie blutleer wirkt er, nicht einschätzbar…
Und jetzt will Obama eine Rede am Brandenburger Tor halten, und Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit findet das eine gute Idee. Vor Jahren habe ich mich darüber geärgert, daß die USA einen amerikanischen Botschafter nach Deutschland entsenden, der kein Deutsch spricht. Nun ja, dachte ich, der Bush ist halt hemdsärmlig, und die politisch Wissenden haben ja lang und breit erklärt, unter Bush würde sich nicht groß was ändern, er hätte ja gute Berater. Inzwischen wissen wir leider mehr.

Eine Rede eines im US-Präsidentschaftswahlkampf stehenden Politikers vor dem Brandenburger Tor halte ich für höchst unseriös, das Ansinnen als solches für einen bösen Fauxpas – um es milde auszudrücken – und das Bürgermeister Wowereit das noch unterstützt ist eine Disqualifikation für einen Politiker solcher Erfahrung.
Wir werden uns also darauf einrichten müssen: Auch unter Obama ist »America first«, und wie bei Bush sind Schüsse aus der Hüfte zu erwarten, bei denen wir unsere Deckung nicht vernachlässigen dürfen.

Montag, 7. Juli 2008

So macht Homöopathie die Atemwege frei

Achten Ärzte auf Symptome, Auslöser und Modalitäten, lässt sich das geeignete Mittel bei grippalem Infekt mit Husten rasch finden.

MÜNCHEN (ug). Bei akuten Atemwegskrankheiten ist das richtige Homäopathikum oft schnell gefunden. Hinweise darauf geben lokale Symptome, Auslöser und Modalitäten, also Bedingungen, unter denen die Beschwerden besser oder schlechter werden.

Sechs Homöopathika, die sich bei grippalem Infekt mit Husten bewährt haben, stellte Dr. Andreas Wacker aus Mannheim auf der Fortbildungsveranstaltung „Homöopathie für die tägliche Praxis“ vor, die die „Ärzte Zeitung“ in München veranstaltet hatte. Für jedes dieser Mittel gibt es sehr deutliche Zeichen.

• Belladonna (Tollkirsche): Typisch sind der plötzliche Beginn der Beschwerden und die flammende Röte des Gesichts. Der Kopf ist heiß, Hände und Füße aber sind kalt. Oft gibt es pulsierende Kopfschmerzen. Das Fieber kann hoch sein. Fieberfantasien sind ein ganz deutlicher Hinweis auf Belladonna. Charakteristisch ist auch: Die Patienten haben wenig Durst. Der Husten ist krampfartig, oft gibt es ein Kitzeln in Kehlkopf oder Trachea. Wichtig sind die Modalitäten: Kälte und Zugluft verschlechtern die Beschwerden. Auch Haareschneiden etwa, denn dann wird es kalt am Kopf. Die Patienten ertragen keine Erschütterung und kein Licht. Ruhe dagegen bringt Besserung.

• Bryonia (Zaunrübe): Die Patienten haben stechende Schmerzen. Die geringste Bewegung tut weh. Selbst tiefes Einatmen ist schmerzhaft. Der Husten ist trocken und ebenfalls sehr schmerzhaft. Druck auf die schmerzenden Stellen hilft. So halten sich die Patienten typischerweise beim Husten die Brust. Der Mund ist trocken, die Patienten sind sehr durstig.

• Pulsatilla (Küchenschelle): Typisch ist die weinerliche Stimmung. Trost, aber auch frische oder kühle Luft helfen. Die Absonderungen aus den Atemwegen sind dick, schleimig und gelblich-grün. Der Auswurf wird vor allem morgens ahgehustet. Abends ist der Husten trocken.

•Arsenicum album (weißes Arsen): Brennen wie Feuer spricht für dieses Mittel. Alle Absonderungen sind sehr scharf und brennend. Der Husten ist trocken. Die Patienten müssen sich beim Hustenanfall aufsetzen. Die Kranken sind ängstlich und unruhig, blass, oft mit zyanotischen Lippen, und frieren stark bis zum Schüttelfrost. Auch hier geben die Modalitäten entscheidende Hinweise auf das Mittel: Die Beschwerden werden nachts zwischen 0 und 3 Uhr schlimmer, vor allem um 1 Uhr herum. Das würden die Patienten in der Praxis auch so berichten, sagte Wacker.

• Dulcamara (Bittersüß): Im Vordergrund steht hier der Auslöser der Beschwerden, nämlich nasse Kälte. Die Patienten erzählen, sie seien durch Verkühlung krank geworden.

•Aconitum (Eisenhut): Wie bei Belladonna haben die Beschwerden plötzlich begonnen. Aber die Patienten sind blass und durstig. Der Husten ist pseudokrupp-artig.

Wacker empfiehlt die Potenz D12. Dosiert wird je nach Intensität der Beschwerden. Ist die Erkrankung sehr akut, kann am ersten Tag stündlich eine Dosis (drei bis fünf Globuli) des passenden Mittels gegeben werden, sonst zwei- bis viermal täglich bis zur Besserung der Beschwerden. Die tritt meist schnell ein. Wenn nicht, hat man nicht das passende Mittel gewählt. Bei der Potenz D12 sei das aber kein Problem, so Wacker. Denn Nebenwirkungen gebe es nicht.


um es noch einfacher zu machen:
man nehme, wenn die Modalitäten nicht ganz klar sind, eine Kombination von Belladonna und Aconitum und verwende Niedrigpotenz-Globuli (D4, D6, D8 oder D12; frei erhältlich in jeder Apotheke, weil: ist ja nix drin). Davon lutsche man alle Stunde zwei von jeder Sorte unter der Zunge. Wenn’s nach 24 Stunden deutlich besser ist, reduziere man die Frequenz auf alle zwei bis drei Stunden, am Folgetag auf alle sechs Stunden. Wenn es am nächsten Tag nur ein wenig besser ist, halte man die hohe Frequenz aufrecht. Wenn es am nächsten Tag nicht besser ist, hat es nichts geholfen und man kann den Apotheker beißen und aufhören.

Donnerstag, 3. Juli 2008

Heute vor 94 Jahren: Die Simla-Konvention

1911 wurde die Mandschu-Ch'ing-Dynastie von den Nationalchinesen unter der Führung von Dr. Sun Yatsen (1866-1925) gestürzt. 1912 wurde die Republik ausgerufen, und Yuan Shik-K'ai (1859-1916) wurde Chinas erster Präsident. Noch im gleichen Jahr (1911) vertrieben die Tibeter die chinesischen Soldaten aus Tibet, und die zwei Ambane, die Repräsentanten des Mandschu-Kaisers, wurden aus Tibet über Indien nach China ausgewiesen. Damit fiel die Oberherrschaft der Mandschus über Tibet endgültig dahin. Es ist hier zu bemerken, dass die Chinesen die Mandschus, die China während 200 Jahre beherrscht haben, als fremde Eindringlinge betrachtet und in diesem Sinne vertrieben haben. Ungeachtet dieser historischen Tatsachen erhob der Präsident der nationalchinesischen Republik, Yuan Shik-K'ai, am 12. April 1912 in bekannter Manier den Anspruch, dass Tibet als chinesische Provinz nach wie vor ein integraler Bestandteil Chinas sei. Der chinesische Standpunkt drückte sich bereits in der ersten Verfassung der Republik Chinas von 1912 aus. Gemäss Artikel 3 dieser Verfassung wurde Tibet zwar nicht als Provinz, aber dennoch zur chinesischen Republik gezählt.Kurz nach seiner Rückkehr aus dem indischen Exil nach Lhasa verkündete der 13. Dalai Lama im Jahre 1913 die Unabhängigkeit Tibets.

1914 fand die Dreier-Konferenz von Simla zwischen den gleichberechtigten Bevollmächtigten Grossbritanniens, Sir Henry McMahon, Tibets, Lönchen Shatra, und Chinas, Ivan Chen, statt. Die "Simla Konferenz" war der erste ernsthafte Versuch im Sinne des heutigen Völkerrechts, die sino-tibetischen Differenzen zu bereinigen und die Grenze Tibets festzulegen. Sie erzielte jedoch keine konkrete Lösung in dieser Frage. In der "Simla Konvention" wurde China die Suzeränität (Oberhoheit) über ganz Tibet zugesprochen, aber China hatte sich zu verpflichten, Tibet nicht als chinesische Provinz zu annektieren. Da die "Simla Konvention" von China wegen der zweitgenannten Klausel nicht ratifiziert wurde, unterzeichneten Grossbritannien und Tibet einen separaten Vertrag. In diesem wurde unter anderem festgehalten, dass Chinas Rechte über Tibet erst bei einer Ratifizierung der Simla-Konvention durch die chinesische Regierung in Kraft treten würden.

China betrachtet heute wie damals das britisch-tibetische Abkommen als ungültig.

aus Tibetfocus

Anstatt mich in endlosen Überlegungen bezüglich der Rechtmäßigkeit der Simla-Konvention zu ergehen zitiere ich lieber den guten alten Mao:

“Mongolen, Mohammedaner, Tibetaner usw. müssen den Chinesen in unserem gemeinsamen Kampf gleichgestellt werden. Niemand darf sie zwingen, die chinesische Sprache oder Schrift gegen ihren Willen zu erlernen. Jeglicher Pan-Hanismus muß aufhören.“ (beim 6. Parteikongress im Oktober 1938)

Der SPIEGEL über die Haltung der Chinesen im Jahr 1950: »
sie beteuerten, sich keineswegs in die inneren Angelegenheiten Tibets einmischen zu wollen. Man wolle den Tibetern ihre Religion und den Klöstern sogar ihren Grund und Boden lassen.«

aus »Wie China Tibet besetzte« aus dem SPIEGEL-Archiv



Wie wir wurden, was wir sind

Wir können unseren Weg zur Menschlichkeit nicht denken. Wir können die Veränderungen nur leben. Eine 68erin befragt ihre Biografie: Was ist geblieben?
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Von Annelie Keil

»Die Menschen können nicht sagen, wie sich eine Sache zugetragen, sondern nur, wie sie meinen, dass sie sich zugetragen hätte«, heißt es bei Georg Christoph Lichtenberg. Und so versuche ich zwischen den Datenbanken der Ereignisse und im Strom der unendlichen Meinungen über diejenigen, die »Die 68er« genannt werden, meine biografische Sandbank zu finden, von der aus ich beschreiben werde, was für mich die »verschiedenen Sachen« waren, die sich zu jener Zeit außerhalb meiner und in mir zugetragen haben und mich mitten im Strom der Bewegung einer Generation bis heute – als fast Siebzigjährige – mutig, neugierig, stolz, dankbar, nachdenklich und immer wieder auch wütend und verzweifelt gemacht haben.

Aber ich beginne mit einem Beispiel der Scham, an das ich mich aus aktuellem Anlass gut erinnere. Irgendwann in den 1970er-Jahren bin ich auf eine Rede des Dalai Lama und in diesem Zusammenhang auf die Folgen des kulturrevolutionären Terrors Chinas und den kulturellen Völkermord in Tibet gestoßen, der unverbrüchlich mit dem Namen Mao Tse-tung verbunden war.

Eine tiefe Scham hat mich bei der Erkenntnis ergriffen, dass wir für Frieden und Freiheit demonstrierenden Studenten zur Zeit der vollzogenen Vertreibung des Dalai Lama die chinesische Kulturrevolution für eine Errungenschaft hielten, den Namen Mao Tse-tung skandierten, seine Gedichte und Texte lasen und die Frage nach Tibet weder stellten noch uns informierten. Beschämt hat mich dabei besonders die Arroganz, mit der wir unsere Eltern angesichts ihrer Blindheit und ihres Schweigens gegenüber dem nationalsozialistischen Terror verurteilten, während wir selbst diese Art von Blindheit an anderer Stelle fortsetzten.

Wann und wie ich zu registrieren begann, dass ich zu einer, vielmehr zu zwei spezifischen Generationen gehöre, die sich durch gemeinsame, prägende Ereignisse in Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenwerden charakterisieren lassen, ist nicht einfach zu beantworten. Bei aller Gemeinsamkeit werden natürlich Krieg, Flucht, Hunger. Verfolgung, Stigmatisierung oder Bewegungen wie die 68er-Zeit nicht nur kollektiv, sondern individuell erlebt, subjektiv unterschiedlich im Lebensverlauf verarbeitet und mit sich verändernden Bedeutungen versehen. So haben die »behüteten und aufsässigen Kinder« aus bürgerlichen Akademikerfamilien, vor allem die Söhne, die Studentenbewegung mit ihrer politischen Aufbruchstimmung mit Sicherheit anders erlebt als ich, die Tochter einer von staatlicher Unterstützung lebenden Mutter, die sich von meinem Studium den sozialen Aufstieg erhoffte.

Als ich 1955 meinen Latein- und Religionslehrer unverhofft mit den gerade in einem Lehrgang für politische Bildung auswendig gelernten Sätzen konfrontierte: »Religion ist Opium für das Volk« und »Das Recht ist das Recht der herrschenden Klasse« und ich mich kurz darauf zum »Auslüften meines Gehirns«, wie er sagte, zur Zwangspause auf dem Schulhof wiederfand, hatte ich schlagartig begriffen, wie wirksam Provokationen bei der Störung der öffentlichen Ordnung, hier der Unterrichtsordnung, sein können. Ich fing gleichzeitig an zu ahnen, wie fragil diese Ordnungen sein können, wenn man sie ernsthaft befragt. Als die Polizei bei einer späteren Demonstration gegen ein Atomkraftwerk meinen Kartoffelsalat und die hart gekochten Eier als »gefährliche Wurfgeschosse« konfiszierte, war dieser Verdacht längst erhärtet. Erst später in den 60er- und 70er-Jahren wurde mir im Kontext anderer Erfahrungen und systematischer Analyse Schritt für Schritt klarer, dass es nicht um die provokatorische Erschütterung von Staat und Gesellschaft in ihren veralteten autoritären Strukturen ging, wenn wir auf der Straße riefen: »Bürger, lasst das Glotzen sein, reiht euch in die Reihen ein!« Wir mussten lernen, dass Ungehorsam, Widerspruch, Bürgerbeteiligung und Zivilcourage im Sinne der unerschrockenen, aber auch differenzierenden Meinung wie überlegte Handlung geistige und soziale Tugenden sind, die sozusagen die Basis für die Streitbarkeit in einer Demokratie und die Bestreitbarkeit von allem sind, was als sicher und unabänderbar im Mantel der Normalität oder als »Parteidisziplin« daherkommt und kritiklos auf Anerkennung pocht. Ich lernte seit meiner Schulzeit verstehen, dass selbstständiges Denken, Vertrauen in die eigenen Gefühle, Mut zur Frage und zum Fehler sowie aktive Einmischung Formen von Zivilcourage waren und den besten Schutz gegen jede Art von Vereinnahmung und ideologischer Überrumpelung darstellten.

Meine Antikriegshaltung wurde auf dem Hintergrund der Kriegskinderfahrung geboren, die Forderungen nach sozialer und Bildungsgerechtigkeit waren im Angesicht meiner Herkunft eine Art Überlebensnotwendigkeit, die Aufforderung zur Auseinandersetzung mit der Lage der Ausgegrenzten am Rande der Gesellschaft war für das Kind einer alleinerziehenden Sozialhilfeempfängerin mit Flüchtlingshintergrund schon mit Erfahrungen im Nachkriegsdeutschland angereichert- und so war die Verbindung zu den geistigen Strömungen und Perspektiven einer Generation, die insgesamt als 68er-Generation stark auf Veränderung setzte, geschaffen.



Annelie Keil ist Schriftstellerin, Sozial- und Gesundheits- wissenschaftlerin, seit 2004 emeritierte Professorin und ehemalige Dekanin an der Universität Bremen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Gesundheitswissen- schaft und psychosomatische Krankenforschung, Biografie- und Lebensweltforschung sowie die Arbeit mit Menschen in Lebenskrisen. Sie ist in zahlreichen psychosozialen Projekten engagiert, wofür ihr 2004 das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde.

Trotz vieler unterschiedlicher Einschätzungen und Differenzen zu Teilen dieser Generationsbewegung gab es so etwas wie prägende gemeinsame Lebenserfahrungen, Grundintentionen und Gestaltungsprinzipien, also eine Art Gruppensozialisation. Dazu gehörte die Vorstellung »Gemeinsam arbeiten, gemeinsam in Wohngemeinschaften leben«, nicht in die Zweisamkeit flüchten, und selbstverständlich schlug sich das auch in den eigenen biografischen Konstruktionen nieder. Die Erfahrungen von fast zwanzig Jahren Wohngemeinschaften möchte ich nicht missen, und sie erleichtern mir im Augenblick die Überlegungen, welche Art von Gemeinschaftsleben ich mir für meinen letzten Lebensabschnitt vorstellen will.

Zu dieser Gruppensozialisation gehörte auch die kritische, manchmal selbstgerechte Auseinandersetzung mit der Generation, die für Nationalsozialismus und Krieg verantwortlich schien, mit unseren Eltern und Lehrern. Weiter gehörte dazu: die Diskussion anderer Familienkonzepte, die Überlegungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Relativierung des Eigentums, Teilen und Spenden für die gemeinsame Sache, Konsumreduktion, nicht so viel Klamottenzwang, mehr soziale Gerechtigkeit. Als Kriegskind und Jugendliche der Nachkriegszeit mit den ersten politischen Erfahrungen in den 1950er-Jahren konnte ich mich auf diese Themen gut einlassen.

Worin bestanden nun aber die typischen zeitgeschichtlichen Herausforderungen meiner Generation, und weiche Antworten haben in meinem Leben eine Rolle gespielt und den inneren Dialog bei der Gestaltung des eigenen Lebensweges nachhaltig beeinflusst? Welche Fragen blieben offen, welche wurden verdrängt, und wie überlagerten und veränderten sich die allgemeineren generationsspezifischen Antworten im Angesicht der unterschiedlichen sozialen Lagen, der Geschlechterdifferenzen, des Bildungsstandes oder des Alters? Wie haben die Kriegskinder die 68er-Bewegung empfunden und wie die nächste Generation, die nur den Wiederaufbau erlebt hatte und dann zum Kern der 68er-Bewegung wurde? Wie stoßen die späteren Gruppierungen »Golf-Generation«, »Generation X« oder die »Generation Praktikum« über ihre Eltern und Großeltern auf die 68er? Was ist geblieben, was vergessen, was wird belächelt oder wütend angeklagt und von wem? Das alles wäre von großem Interesse, aber sprengt den vorliegenden Rahmen.

Als Jahrgang 1939 gehöre ich eindeutig zur »Kriegskindergeneration«, jener Generation, die einerseits als weiße Jahrgänge von keiner deutschen Armee mehr eingezogen wurden, für die sich aber der Krieg in ihren Ängsten, Verletzungen und Verhaltensweisen auf verborgene Weise manchmal bis ins hohe Alter fortsetzte, und die erst in den letzten Jahren auf ein öffentliches und therapeutisches Interesse stoßen. »Ohnemichel« war die abwertende Bezeichnung für die Wiederaufrüstungskritiker und späteren Wehrdienstverweigerer dieses Teils der Nachkriegsgeneration, die unter der Parole »Ohne mich« und getragen von den Gewerkschaften, Intellektuellen, christlichen, Frauen- und anderen Gruppen wie der noch nicht verbotenen KPD die ersten großen Aktionen gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und den Kampf gegen Militarismus und Atombewaffnung eine durchaus wirkungsvolle soziale Bewegung einleiteten, die für viele – auch für mich – konsequent in die Friedensbewegung der 1960er- und 70er Jahre führte. Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten Ostermarsch 1957, an dem ich als Schülerin gegen den Willen meiner Mutter teilnahm, wild entschlossen, zu meiner persönlichen Verantwortung zu stehen und zu bekunden, dass es in dieser Republik Entwicklungen gab, die ohne mich und mein Einverständnis stattfinden. Ich galt noch als »Halbstarke«, als ich das erste Mal einem Polizeiknüppel begegnete, der klarstellte, was Versammlungsfreiheit vor allem nicht ist. Mein Thema im Deutschabitur 1959 lautete: »Schwimme gegen den Strom, segle gegen den Wind, ohne der Vermassung anheimzufallen!« Auch dies war eine gute Vorbereitung auf die Zeit meines Studiums der Politischen Wissenschaften und meinen Versuch, eine eigenständige, begründete und kritische politische Haltung zu entwickeln, die sich den Verhältnissen stellt und nicht davonläuft, wenn es schwierig wird. In einer Gruppe indifferenter oder eingleisiger Menschen, die sich nur ihrer Familie, ihrem Beruf oder ihrer Wissenschaft stellen, zur Mitläuferin zu werden, war schon sehr früh eine Horrorvorstellung für mich.

Es gab aber neben dem Interesse an politischer Beteiligung und dem »Nie wieder Krieg« eine andere Seite des gemeinsamen Erlebnisses Krieg in dieser Kriegskindergeneration. Wir haben uns persönlich und biografisch kaum oder gar nicht mit dem Thema Kriegskindheit und ihren Folgen für uns auseinandergesetzt. Krieg aus der Perspektive des Kindes, als Grundlage spezifischer biografischer Bewältigungsmuster, jenseits der Opferhaltung, die Eltern und Gesellschaft wie Abwehrwaffen vor sich hertrugen, gab es nicht, wie ich mit politischen Freunden und Freundinnen in einem Buch über uns Kriegskinder herauszuarbeiten versuchte. Die Ablehnung des Krieges und die Ablehnung von Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung waren für uns Kriegskinder glaubwürdiger zu vertreten als für manchen, der diese Erfahrungen nicht hatte. Aber es gab mehr zu sagen! Umstellt von dem »Tabu Krieg«, dem »Tabu Nationalsozialismus« und dem »Tabu Angst«, lebten wir mit unserer spezifischen Erfahrung in den Tabuzonen einer früheren Generation, die unsere Eltern und Erzieher waren – und hatten gelernt über uns selbst, unsere Ängste, unsere Wut, unsere Verzweiflung und Zukunftssorgen zu schweigen oder allenfalls heroisch oder bagatellisierend darüber zu sprechen.

Durch meine Kindheit im Krieg, die Erfahrung von Flucht, Gefangenschaft und Vertriebenenexistenz im Nachkriegsdeutschland, den Kampf um eine gute Schulbildung und Leistungsbereitschaft der Tochter einer alleinerziehenden Mutter mit Sozialhilfe, durch einen starken Willen zur Eroberung von Lebenschancen und einen tiefen Glauben an soziale Gerechtigkeit und Veränderbarkeit der Welt, die es allerdings zu erkämpfen galt, war ich biografisch auf ein Studium der Politik- und Sozialwissenschaften in den 1960er-Jahren und die geistigen, sozialen und politischen Bewegungen, die dem Jahr 1968 vorausgingen und folgten, bestens vorbereitet. Meine zweite Generationszugehörigkeit zu den 68ern, für deren jüngere Vertreter aus den Geburtsjahrgängen der 1950er-Jahre ich schon zum alten Eisen gehörte, folgte nicht nur gefühlsmäßig konsequent aus der ersten Generationszugehörigkeit. Wenn man der ganzen Bewegung die Farbe Rot als Farbe der Lust und Hoffnung auf Veränderung zuordnen will, dann konnte ich den »roten Faden« meiner Biografie weiterverfolgen, vertiefen und mit neuen Inhalten füllen. Im Klassenbuch meiner Lehrer hatte ich den Spitznamen «Rote Zora«, der nicht als Diskriminierung, sondern als Anerkennung meiner sozialen Kämpferseele gemeint war, wie mein alter Klassenlehrer später bezeugte.

Generation als biografische Erfahrung, Politisierung als Prozess der Humanisierung der öffentlichen wie der persönlichen Verhältnisse, anfangen und aufhören lernen, Fehler machen und sie auch einräumen, statt auf Sicherheit zu setzen, die nichts wagt, Geschichtlichkeit erkennen und im Schlagabtausch das noch Tauschbare erkennen, neugierig bleiben, an eigene Erfolge glauben und nicht auf Utopia hoffen, Spuren sichern – das sind Zeichen am Rand des Weges, den ich ging, gehen wollte und gehe, den ich aber inmitten von Enttäuschungen, Überforderungen und politischer Resignation immer wieder auch zu verlieren drohte.

Wann und wie habe ich angefangen, in den 1960er-Jahren bewusster nach Koordinaten zu suchen, die mich die gesellschaftliche Welt besser verstehen ließen und mir Orientierung und Hoffnung versprachen? Und wann habe ich die kurzfristige Sicherheit, dass dies eigentlich ganz einfach sei und man nur die Haupt- und Nebenwidersprüche zu unterscheiden lernen muss, Gott sei Dank wieder verloren, ohne den dahinterliegenden Grundgedanken ganz zu verdammen? Wann habe ich angefangen, stolz auf mein Wissen zu sein, ohne die anderen zu verurteilen oder mich kränken und verunsichern zu lassen, dass ich auch als Professorin in Amt und Würden in der Wissenschaft einen anderen Weg gehen wollte? Wie lernte ich an Stadtvierteln, ihren Häusern und Bürgersteigen erkennen, dass da nicht jeder wohnen konnte, und wann wurden Obdachlose, Kranke, Arme und Menschen auf der Flucht vor dem Terror dieser Welt meine Lehrerinnen und Meister? Wann habe ich angefangen und immer wieder auch aufgehört, daran zu glauben, dass eine Welt ohne Krieg möglich ist und dass man Frieden auch im Umkreis von zehn Metern um sich herum ohne die unterschiedlichen Waffen schaffen kann?

Wenn es die 68er überhaupt gegeben hätte, dann wüsste ich nicht, über wen und was ich schreiben sollte und wollte. Ich wäre nicht gemeint und viele meiner Freunde und Freundinnen wie politischen Weggefährten aus dieser Zeit auch nicht. Was ich an Filmen, Dokumentationen und Gedrucktem in der letzten Zeit in den Rückblicken nach vierzig Jahren dazu gesehen und gelesen habe, hat mir den einen oder anderen Gedanken nahegebracht, mich aber in der Gesamtbetrachtung mehr oder weniger ratlos gemacht. Vieles klingt so undenkbar gewiss, so unerträglich moralisch. Die Jubelberichte und Abgesänge kommen wie aus einer Feder und haben nur wenig mit dem zu tun, was als biografische und gemeinsame Erfahrung einer Generation nicht nur in den Beteiligten noch lebendig ist. Verfall der Werte, Kindermangel, Pisa-Katastrophe, Terrorismus von allen Seiten, Leistungsverfall – die 68er sind an allem schuld, wenn man nur das richtige Reizwort findet. Vieles klingt wie die »Quadratur des Kekses«, so der Titel eines Buches (Gorris, Schrubben) mit den unglaublichen wie bizarren Meldungen, die Spiegelreporter aus seriösen Tageszeitungen aufgespießt haben: »Mann lebte vier Jahre im Wald«, »Frau rettet Schiffbrüchige mit Muttermilch«, »Pfau liebt Zapfsäule« und »Baby muss Hund heiraten«. Gute Fragen. Wer lebt in welchem Wald? Wie sehen die Pläne zur Rettung Schiffbrüchiger bei Hartz IV aus? Die Benzinpreise bringen den schönsten Pfau auf Trab, und vielleicht wäre manches Baby nicht erst in der Pubertät als Jugendliche auf der Straße lieber mit einem Hund als mit den Eltern oder den Pädagogen »verheiratet«, die immer nur das Beste wollen, aber die Betroffenen selbst nie danach fragen.

Was den 68ern im Rundumschlag alles zugeschrieben wird, was sie gewollt und nicht gewollt, an was sie schuld sind und was sie verraten haben, wie sie im Marsch durch die Institutionen auf und unter den Karrierestühlen Platz genommen haben oder Berufsverbote und andere Platzverweise bekamen, darüber will ich hier nicht richten und weder Lob- noch Klagelieder anstimmen. Ich nehme den biografischen Blickwinkel einer Frau ein, die mit ihrer Vorgeschichte und mit dem, was aus ihr geworden ist, die 1960er- und 70er-Jahre und die Zugehörigkeit zur 68er-Generation als ihre wichtigste Lebensphase von nachhaltiger Bedeutung mit Aufbruchstimmung, großem Erkenntnisgewinn, Zukunftsperspektive und Gestaltungsmöglichkeiten empfindet. Die Zweifel und Irrtümer, die Wut über das, was nicht gelungen ist, die blinden Flecken sind in dieser Bilanz eingeschlossen, denn sie haben dafür gesorgt, dass es auch nach den Aufbruchsjahren noch viel zu denken, zu fühlen, zu korrigieren und zu handeln gab. Eine Erkenntnis aus dieser Zeit ist nie aus meinem Bewusstsein gewichen: Institutionen und eben auch Bewegungen schaffen Gewissheiten, und genau die müssen infrage gestellt werden. «Nimmt man Gewissheiten ernst, so töten sie das Herz und fesseln die Fantasie«, mit dieser Klarstellung ist Iwan Illich zu einem meiner wichtigsten Lehrer geworden. Die Frage nach der Bedeutung von Religion und Spiritualität hake ich nicht mehr unter »Opium« ab, und manche andere provokatorische Gewissheit konnte biografisch überprüft werden.



Generationserfahrung als biografischer Prozess: Das bedeutete immer wieder neu, Zusammenhänge zwischen der Bewegung in all ihren Formen und sich selbst zu stiften und zu überprüfen. Das Gefühl, auch international in einem Generationszusammenhang zu stehen und zu neuen Ufern aufbrechen zu können, war mit Ereignissen wie »Pariser Mai«, »Prager Frühling«, »Black Power Bewegung«, »Free Speech Movement« verbunden und forderte dazu heraus, inhaltlich Stellung zu beziehen und nach Aktionsmöglichkeiten zu suchen, die im Kontext der internationalen Solidarität die notwendigen Konsequenzen für die eigenen Bewegungen im Auge hatte. Die Ermordung von Kennedy (1963), Che Guevara (1967), Martin Luther King (1968), Salvador Allende (1973) und Siegfried Buback (1977) haben mich in unterschiedlicher Weise bewegt und die alte Angst gegenüber Gewalt aufflammen lassen sowie die Idee vom gewaltfreien Widerstand als politische Überzeugung begründen helfen. Es war mir menschlich und politisch unbegreiflich, dass die RAF entstand, dass so kluge Frauen wie Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin sich darauf einlassen konnten, und überhaupt machte mir die zunehmende Fraktionierung der »Bewegung« in all die Gruppen mit Gewissheitsansprüchen und die Tolerierung unterschiedlicher Formen von Gewalt und Machtgehabe sehr zu schaffen.

In Amt und Würden: »Die Forderungen nach sozialer und Bildungsgerechtigkeit waren im Angesicht meiner Herkunft eine Art Überlebensnotwendigkeit.«



Die Verabschiedung der Notstandsgesetze, die Verhaftung der schwarzen Bürgerrechtlerin Angela Davis in den USA, die Reden von Rudi Dutschke und die Attentate auf ihn und Benno Ohnesorg, das Massaker von My Lai in Südvietnam (1968) und der Vietnamkrieg insgesamt, die großen Vietnamdemonstrationen in Westberlin (1966) und anderswo, später die große Demonstration gegen das geplante AKW Brokdorf (1976), der Radikalenerlass und die Berufsverbote, die mit den unglaublichsten Begründungen ausgesprochen wurden, waren für mich nicht irgendwelche Ereignisse, sondern Auslöser nächtelanger Diskussionen und nervenaufreibender Auseinandersetzungen, kontroverser Einschätzungen und letztlich Anlass zur persönlichen wie beruflichen Beteiligung an anderen gesellschaftlich relevanten Bewegungen, die die »geistigen Strömungen« aufnahmen, wie die Frauenbewegung, Schwulen- und Lesbenbewegung, Antipsychiatrie- und Gesundheitsbewegung. Lehrlings-, Schüler- und Jugendzentrumsbewegung, Hausbesetzerbewegung oder die Bewegung gegen Sozialabbau.

Vierzig Jahre danach wird vieles lebendig, wenn ich frage, ob und wie mich diese bewegt-bewegende Zeit geprägt, vorangebracht, ermutigt, emanzipiert, aber natürlich auch vieles hat übersehen lassen. Im »langen Marsch durch die Institutionen«, von dem Rudi Dutschke gesprochen hatte, wurde mit der biografischen und politischen Lebenserfahrung vieles klarer, was ein solcher Weg im Generationszusammenhang für den Einzelnen bedeuten kann. Die gesellschaftliche und psychosoziale Praxis braucht bis heute weniger das »revolutionäre Subjekt«, oder dessen »bürgerlichen Kritiker«, dafür aber das engagierte, mitdenkende und handelnde Subjekt, das sich auch dann einzumischen wagt, wenn nicht alles klar oder ganz sicher scheint, wohin die Reise geht und wer die Bündnispartner sein werden, ein Subjekt, das vor allem nachhaltig an Lösungen arbeitet. Und deutlicher wurde auch, dass Arroganz, Besserwisserei und ideologische Gewissheiten – egal welcher Einfärbung – nicht die Säulen einer Gesellschaft und Lebenskultur sein können, dass diese auch nicht den »Muff unter den Talaren« wegblasen und wirklich für dauerhaften frischen Wind sorgen. Für mich war diese Zeit eine umfassende Herausforderung und Ermutigung, an einer Vision mitzuarbeiten, die Iwan Illich und andere zur Zeit des Marsches auf das Pentagon 1967 in einem »Aufruf zur Feier« zusammengefasst haben: »Zur Feier unserer gemeinsamen Kräfte, damit alle Menschen die Nahrung, Kleidung und Behausung erhalten, deren sie bedürfen, um sich des Lebens zu erfreuen; zur gemeinsamen Entdeckung dessen, was wir tun müssen, damit die unbegrenzte Macht der Menschheit dazu benutzt wird, jedem von uns Menschlichkeit, Würde und Freude zu verschaffen; zu verantwortlicher Bewusstheit unserer persönlichen Fähigkeit, unseren wahren Gefühlen Ausdruck zu verleihen und uns dabei zusammenzuschließen. Wir können diese Veränderungen nur leben; wir können unseren Weg zur Menschlichkeit nicht denken. Jeder Einzelne von uns und jede Gruppe … muss zum Modell eines Zeitalters werden, das wir zu schaffen begehren« (Illich, 1996, S. 152). Eine große, vielleicht nicht einlösbare Aufgabe, aber eine konkrete Utopie, in der die Hoffnung kein Hundeleben erträgt und ins Gelingen verliebt ist, wie der Philosoph Ernst Bloch uns beigebracht hat. Ich bin zutiefst dankbar für die Erkenntnisse und Träume, die ich meinen Erfahrungen in der Kriegskinder- und 68er-Generation verdanke, Sie machen auch das Älterwerden leichter! •

Von der Autorin zuletzt erschienen: Dem Leben begegnen. Vom biologischen Überraschungsei zur eigenen Biografie, Ariston/ Hugendubel, Kreuzlingen, München 2oo6.

aus Publik-Forum 12@2008

Am 23. September denke ich ein paar Links zu posten zum Tomaten-Startschuß der real existierenden deutschen Frauenbewegung. Einen kurzen Kunstgenuß aus dem fröhlich-dramatischen Geschlechterchaos in den Köpfen kann ich mir nicht verkneifen:

Am 13. September [1969, auf der 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes] ist die Studentin Helke Sander mit ihrer Rede an der Reihe. Sander hatte in Berlin den Aktionsrat zur Befreiung der Frau gegründet, nachdem sie als Studentin gemeinsam mit anderen Frauen Wege gesucht hatte, Familie und Studium miteinander zu verbinden. Die Idee zu den ersten Kinderläden entstammten diesem Aktionsrat. „Wir müssen hier nämlich einmal feststellen,“, sagt sie „dass an der Gesamtgesellschaft etwas mehr Frauen als Männer beteiligt sind.“ Es sei höchste Zeit, die sich daraus ergebenden Ansprüche anzumelden. Sie fordert den SDS auf, darüber zu diskutieren welche praktischen Auswirkungen die Revolution, über die ständig geredet werde, denn nun haben solle: Auf die Erziehung der Kinder, auf das private Miteinander von Mann und Frau und auf die Gleichberechtigung. Wenn die Genossen dazu nicht bereit seien, sei der SDS nicht mehr als ein aufgeblasener Hefeteig.

Der SDS ist nicht bereit. Nach Sanders Rede wird erst einmal eine Mittagspause eingelegt und danach möchte keiner so recht über die Emanzipation diskutieren. Die mit Helke Sander angereiste Studentin Sigrid Rüger ist außer sich, aber vorbereitet. Rüger bewirft Hans-Jürgen Krahl [einen Adorno-Schüler], der gerade zu einer seiner berüchtigten theorielastigen Reden anheben will, mit drei Tomaten. „Genosse Krahl! Du bist objektiv ein Konterrevolutionär und ein Agent des Klassenfeinds dazu“ bekommt der verdutzte intellektuelle Kopf des SDS zu hören.

Fritz Teufel, Mitbegründer der Kommune 1 und leidenschaftlicher Provokateur, ist jetzt in seinem Element. Er geht mit einer Plastik-MP über der Schulter zum Mikrofon und fordert, alle Frauen aus dem SDS auszuschließen, „da sie ja doch nur die partriarchalen Strukturen verschleiern. Sie kommen sowieso kaum zu Wort und wenn, quatschen sie noch entfremdeter und blöder daher als die Männer.“.
aus »Ein Stadtrundgang nach 40 Jahren« auf hr-Online

Die 68er – Aufbegehren gegen starre Strukturen

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Von Irene Dänzer-Vanotti

Die 6oer-Jahre des 20. Jahrhunderts sind in der Bundesrepublik und Europa insgesamt von Bestrebungen zur Befreiung der Menschen aus erzwungenen Konstellationen und Beziehungen gekennzeichnet. Allerdings steht jedem Versuch politischer Veränderung der rigide Antikommunismus der Konservativen, ja wahrscheinlich der Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung entgegen.

1960 beginnt die Ostermarschbewegung mit Demonstrationen gegen Wiederbewaffnung und Krieg. Diese Bewegung wird die Wurzel der Friedensbewegung und der ökologischen Bewegung der späten 70er- und 80er-Jahre. An Ostern 1962 etwa nehmen 50 000 Menschen an den Demonstrationen teil.

1961 kommt zum ersten Mal die Pille auf den Markt. Sie ermöglicht freie Sexualität und damit ein bisher in der Geschichte ungekanntes Selbstbewusstsein der Frau. Zur Emanzipation der Frauen tragen natürlich auch andere Faktoren bei – bessere Ausbildung, Möglichkeiten wirtschaftlicher Unabhängigkeit –,aber die Pille ist ein entscheidender Faktor. Die Hippie-Bewegung Ende der 6oer-Jahre wäre ohne das einigermaßen sichere Verhütungsmittel nicht möglich gewesen.

1962 nimmt die Polizei in München zwei Straßenmusikanten fest, weil ihr Gesang »ruhestörend« sei. Es kommt daraufhin in Schwabing mehrere Tage lang zu Straßenkrawallen.

1962, der Vietnamkrieg ist während der gesamten 60er-Jahre Hintergrund der verschiedenen Bewegungen, die für den Frieden eintreten (Make love not war) und sich kritisch mit der Rolle der USA auseinandersetzen. Vor allem an den amerikanischen Universitäten – Berkeley in Kalifornien ist das Zentrum – sind Friedens- und Protestbewegung verknüpft. Aber natürlich auch in Deutschland. Die USA, die in der Nachkriegszeit als die Kaugummi und Carepakete spendenden Retter betrachtet wurden, werden jetzt in der Rolle der Unterdrücker und Kriegstreiber wahrgenommen.

An den deutschen Universitäten beginnen sich Studenten in den frühen 60er-Jahren gegen die Allmacht der Professoren aufzulehnen und demokratische Strukturen zu fordern. Bei allen Protesten spielte der körperliche Einsatz (Sit-in, Blockaden, Märsche etc.) eine große Rolle.

In dieser Zeit tragen Studenten erstmals keine Krawatten an der Uni und duzen einander.

Spezifisch für die deutsche 8ewegung ist die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Zwei Ereignisse fachen die Debatten an:

1965 endet in Frankfurt der Auschwitz-Prozess mit sechs lebenslangen, elf Zeitstrafen und drei Freisprüchen. Der Prozess führt den Deutschen – vielleicht zum ersten Mal – im Detail vor Augen, welche Verbrechen Deutsche in der Uniiforrn der Nationalsozialisten begingen.

1967 erscheint das Buch »Die Unfähigkeit zu trauern« von Margarete und Alexander Mitscherlich. Schon der Titel wird legendär. Er trägt dazu bei, dass die junge Generation ihre Väter und Mütter nach ihrer Geschichte in Krieg und Diktatur fragt. – Ein Teil der Wucht und der Wut, die die 68er-Bewegung in Deutschland hatte, sind nur in dem Zusammenhang zu verstehen.

Demonstranten im Strahl der Wasserwerfer: Ostermarsch in Berlin, 1968
Wucht und Wut verschafften sich auch in der Kultur Raum: Als einen weiteren Zündfunken für die Bewegung sehen viele das Konzert der Rolling Stones am 15. September 1965 auf der Berliner Waldbühne. Kaum war »Satisfaction« erklungen, tobte die Menge und schlug alles kurz und klein. Es folgten mehrstündige Straßenschlachten.

Vier Tage später wird Ludwig Erhard zum Bundeskanzler gewählt: Die Mehrheit der Deutschen ist also freundlich-demokratisch, aber auch bieder und brav.

Es kommt zur Großen Koalition.

Die Koalition beschließt die Notstandsgesetze. Eine Verfassungsänderung, die sagt: Im Fall eines Angriffs oder einer anderen außergewöhnlichen Situation kann das Grundgesetz außer Kraft gesetzt werden. Dagegen protestieren (vor allem) Studenten in ganz Deutschland. In vielen Städten werden die Proteste mit der Ablehnung lokaler Entscheidungen (etwa Erhöhung der Straßenbahntarife) verknüpft. Die Stimmung des Kritisierens hat Raum gegriffen. Von jetzt an wird nicht mehr einfach akzeptiert, was die Autoritäten im Staat – ob das Minister, Kanzler, Professoren, Lehrer oder Ärzte sind – entscheiden.

Im Dezember 1966 ruft Rudi Dutschke zur Gründung der APO, der Außerparlamentarischen Opposition, auf.

Suche nach neuen Lebensformen: Rainer Langhans und Uschi Obermaier

1967 ist Deutschland das zentrale Jahr des Aufstands. Es beginnt damit, dass am 1. Januar Rainer Langhans, Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann und andere die »Kommune 1« gründen. Damit finden die Suche nach neuen Lebensformen und die neue Macht der freien Sexualität einen Ort und einen Namen.


Politisch ist das entscheidende Datum für die ganze Bewegung der 2. Juni 1967. Der Schah von Persien und seine Frau Farah Diba besuchen Berlin. Berliner demonstrieren gegen den Schah. Am Rande der Demo erschießt ein Polizist aus der Nähe den Studenten Benno Ohnesorg. Der Polizist wird später freigesprochen und bleibt bis in die 1980er-Jahre im Amt. Ein Kommando der Roten Armee Fraktion – RAF– nennt sich nach diesem Tag.

Ikonen des politischen Widerstands: Rudi Dutschke und Fritz Teufel

Jetzt wird Rudi Dutschke endgültig der Anführer der Revolte.


»Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren«: dieser Spruch entsteht 1967. Zwei Hamburger Jura-Studenten schreiben ihn auf ein Spruchband, das sie bei einer feierlichen Rektoratsübergabe entrollen. Sie treffen damit den Nerv der Zeit.

1968, am 11. April – Gründonnerstag – verübt der Arbeiter Josef Bachmann auf offener Straße ein Attentat auf Rudi Dutschke. Es folgen gewaltsame Proteste während des Osterfestes in verschiedenen deutschen Städten.

Sigrid Rüger vom SDS wirft ihrem Kollegen Hans-Jürgen Krahl eine Tomate ins Gesicht. Die Frauen des SDS proben den Aufstand gegen die »sozialistischen Eminenzen mit den bürgerlichen Schwänzen«.

Der SDS wurde 1970 aufgelöst, nachdem der frühere Vorsitzende Hans-Jürgen Krahl bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Eine neue Form der Auflehnung gegen herrschende Machtverhältnisse sind die Besetzungen von Häusern. In den meisten Universitätsstädten wird leer stehender Wohnraum besetzt. Berühmt wird die Besetzer-Szene von Frankfurt. Joschka Fischer gehörte dazu.

Love-and-Peace-Ära: Das legendäre Rock-Festival von Woodstock

1969 feiert die Popmusik ein Fest, das zur Legende werden soll: Woodstock. Auch hier mischen sich freie Liebe, Sexualität, Rausch und Auflehnung gegen die USA (Jimi Hendrix spielt eine entfremdete Version der US-Nationalhymne, die im Klang das Verbrechen von Vietnam laut werden lässt). •



Machen Sie mit!

Die 68er: Skandal? Rebellion? Aufbruch? Auswüchse? Emanzipation? Fortschritt? Wir glauben, dass es viele Leserinnen und Leser von Publik-Forum gibt, die sich vom Geist dieser Zeit und den 68ern haben bewegen, inspirieren und vielleicht verändern lassen. Sei es als Aktivisten, als Beobachte; als Kritiker – als Weltveränderer, die einst von dem »Strand unter dem Pflaster« träumten. Ihre Erinnerungen, Ihre Gefühle und Gedanken möchten wir gerne sammeln. Darum laden wir Sie ein: Schreiben Sie uns Ihre 68er-Geschichte: Wie wir wurden, was wir sind. Die Texte (bitte nicht länger als maximal vier Seiten) werden wir im Internet veröffentlichen. Dort können Sie die Texte selbst eintragen oder sie uns per E-Mail an 68er@publik-forum.de schicken. Wir freuen uns auf Ihre 68er-Geschichten:
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aus Publik-Forum Nr. 12•2008

Mittwoch, 2. Juli 2008

Kolportierte Fehler

Irren ist (auch) ärztlich

MYTHOS UND WAHRHEIT – Was Mediziner alles für möglich halten

Viel Eisen ist im Spinat – das ist wohl das Paradebeispiel für einen Irrtum, der durch stete Wiederholung zur vermeintlichen Wahrheit wurde. Der Physiologe Gustav von Bunge hatte korrekt den Eisengehalt von 100 Gramm Spinat mit 35 Milligramm bestimmt. Allerdings hatte er getrockneten Spinat untersucht, der zehnmal so viel Eisen enthält wie die gleiche Menge des frischen Krautes.

Mediziner sitzen aber noch anderen Irrtümern auf. Dies behaupten jedenfalls Rachel Vreeman von der Indiana University School of Medicine und Prof. Aaron E. Carroll, Kinderarzt am Regenstrief Institute aus Indianapolis. Sie haben vermeintliche Fakten unter die Lupe genommen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher im „British Medical Journal“. „Uns hat es richtig angefeuert, dass auch Ärzte diese Mythen glauben und sie an ihre Patienten weitergeben“, schreibt Aaron Carroll. „Wann immer wir mit Medizinern darüber gesprochen haben, waren sie überrascht, dass diese Dinge gar nicht wahr sind“, bestätigt Rachel Vreeman. Eine Auswahl der Legenden:

• Lesen bei schummrigem Licht ist schädlich
Falsch! „Es stimmt nicht, dass Lesen bei schummrigem Licht schädlich für die Augen ist“, schreiben Vreeman und Carroll. Pakt sei nur, dass schummriges Licht die Augen mehr anstrenge als helles. Das Fokussieren sei anstrengender, und da wir im Dämmerlicht seltener blinzeln, werde der Augapfel trockener. Das, so die Forscher, führe wiederum zu einem verstärkten Müdigkeitsempfinden, heißt aber noch lange nicht, dass das Lesen bei schummrigem Licht auch schädlich ist“, so die Forscher.

• Man sollte täglich mindestens 2,5l Wasser trinken
Falsch! Acht Gläser Wasser – oder mindestens zwei Liter Flüssigkeit am Tag – das empfehlen Ärzte – ihren Patienten immer wieder. „Wir haben diesen Glauben überprüft und fanden keine medizinische Begründung dafür, dass der Körper so viel Wasser benötigt“, sagt Rachel Vreeman. „Vermutlich beruht diese Empfehlung auf einer Aussage, die 1945 in Umlauf gebracht wurde. Darin heißt es, dass man für jede Kalorie, die man zu sich nimmt, einen Milliliter Flüssigkeit trinken soll.“ Doch diese Angaben stimmten nicht, das habe eine große Studie im „American Journal of Physiology“ gezeigt. Je nach körperlicher Leistung müsse mal mehr, mal weniger getrunken werden. Normalerweise sei aber in Säften, Milch, Kaffee, Tee sowie Obst und Gemüse genügend Flüssigkeit enthalten.

• Wir nutzen nur zehn Prozent unserer Hirnmasse
Falsch! Dieses Gerücht halte sich erstaunlich gut trotz moderner Hirnaktivitätsmessungen, so Vreeman und Carroll. Mithilfe moderner Bildgebungsverfahren kann man diesem Mythos leicht auf die Schliche kommen. Funktionelle Hirnscans beweisen, dass es keine „schlafenden“ Gehirnareale gibt. Auch einzelne Nervenzellen kommen bei gesunden Menschen nicht dauerhaft zur Ruhe. Rachel Vreeman und Aaron Carroll glauben, dass dieser Mythos vermutlich auf Geschäftemacher zurückgeht, die Menschen davon überzeugen wollten, dass sie ihr Potenzial noch nicht voll ausschöpfen – und gleichzeitig teure Methoden anpriesen, ungenutzte Kapazitäten zu aktivieren.

• Nach dem Tod wachsen Fingernägel und Haare weiter
Falsch! „Dass es manchmal so aussieht, als würden Haare und Fingernägel von Toten weiter wachsen, liegt an einem einfachen physikalischen Phänomen“, so die Forscher. „Die Dehydratation des Körpers nach dem Tod hat womöglich zur Folge, dass sich die Haut um Haare oder Fingernägel zurückzieht.“ Der Kontrast zwischen geschrumpfter Haut und Nageln oder Haaren kann den Eindruck erwecken, diese seien länger geworden. Alexa Fuchswinkel

aus Ärztliche Praxis vom 24. Juni 2008

Zu Punkt drei könnte man einwenden, daß der Kalorienverbrauch nur schwerlich eine Aussage über die Qualität der damit verbundenen Beschäftigung zuläßt. Wenn ich meine Energie ein halbes Jahr lang im Bordell lasse statt mein Hochschulstudium abzuschließen, ist die Aussage, ich nützte mein Potential nicht, doch wahrscheinlich zulässig (ich will das hier nicht weiter vertiefen). Aber die Tatsache, daß alle Neuronen am Feuern sind, bedeutet noch lange nicht, daß sie damit ihr Potential ausschöpfen. Wenn sich manche meiner Patienten von morgens bis abends klarmachen – manchmal auch noch in der Nacht –, wie wenig sie doch in ihrem Leben erreicht haben, wie wenig attraktiv oder wert sie sind oder auch wie wenig von ihrem Potential sie mal wieder in den letzten Tagen gelebt haben, dann kann man sehr wohl sagen, daß sie ihr Potential nicht ausschöpfen, egal, ob sie dies mit brachliegenden Hirnarealen oder mit überall feuernden fertiggebracht haben. Also: mit den bildgebenden Verfahren ist das so eine Sache…

Dienstag, 1. Juli 2008

Heute vor 25 Jahren

…starb Buckminster Fuller. Bekannt wurde er erstmals einer breiteren Öffentlichkeit als Erbauer der geodätischen Kuppel, des amerikanischen Pavillons auf der Expo ’67 in Montreal. Die Amerikaner, damals wegen des Vietnamkriegs unter weltweiter Kritik, wollten, um Proteste zu vermeiden, sich nicht als protzige Großmacht präsentieren und vergaben deshalb den Auftrag an Fuller.
1927, im Alter von 32 Jahren, beschloss Fuller, sein weiteres Leben als Experiment zu verstehen: Er wollte feststellen, was eine einzelne Person dazu beitragen kann, die Welt zum Nutzen der Menschheit zu verändern. Er begann sein Leben peinlich genau in einem Tagebuch zu dokumentieren, das er das nächste halbe Jahrhundert lang führte.









Vergleichsweise unbekannt, hat er unsere Kultur, vor allem die Alternativ- und Umweltkultur stark geprägt: von ihm stammen die Begriffe (schlagen Sie Ihren Arzt oder Apotheker, wenn’s falsch ist) »militärisch-industrieller Komplex«, »Raumschiff Erde«, »Tensegrity« und »Synergie«. Die Beatles setzten ihm in »Fool on the Hill« ein Denkmal. Nach ihm ist auch eine bestimmte Kohlenstoff-Modifikation benannt, die Fullerene.






Montag, 30. Juni 2008

Fernsehtip: Eine Hommage an die guten alten Zeiten

Eigentlich wollte ich den Post betiteln »Als es noch klar war, wo die Guten und die Bösen sind«, aber grad darum geht’s in dem Film: Es ist halt nicht klar, und es war noch nie klar. Eine witzige und selbstkritische 68er Retrospektive à la Hollywood: Flashback, im Vierten, Dienstag, 1.7.08, 20 Uhr 15













Samstag, 28. Juni 2008

Auf dem Weg in die Schmalspur-Gesellschaft

Bildung aus dem Hause Bertelsmann

Die Stiftung aus Gütersloh initiiert Projekte, die Schulen helfen, selbstständiger und leistungsfähiger zu werden– angeblich

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Von Annette Jensen


Keine andere Stiftung in Deutschland hat so viel Geld wie die Bertelsmann-Stiftung. Doch nicht nur ihr Etat von über 65 Millionen Euro im Jahr macht sie zu einer einflussreichen Institution, sondern ebenso ihr geschicktes Vorgehen im Vergleich zu anderen Lobbyorganisationen des Landes.

Ziel der Bertelsmann Stiftung ist ein Staat, der ähnlich geführt wird wie ein Unternehmen. Öffentliche Aufgaben sollen möglichst outgesourct und von Privaten erledigt werden. Um das zu erreichen, geht die Stiftung langfristig vor und spielt häufig über die Bande. Sie hält Kontakt zu Politikern aller Couleur, zu Wissenschaftlern und Medienmenschen. Flexibel spannt sie unterschiedliche Interessengruppen für sich ein. Häufig nutzt sie dabei deren Vokabular und Problemerfahrungen. Dadurch erscheinen ihre Vorschläge mindestens diskussionswürdig, oft sogar attraktiv. Den Lösungen, die die Bertelsmann-Stiftung anschließend aus dem Hut zaubert, stehen die Kooperationspartner allerdings mit gemischten Gefühlen gegenüber. Schließlich sind sie mit unschönen Nebenwirkungen verbunden – derweil sie die Milliarden des Bertelsmann-Konzerns weiter mehren.

Beispiel Schulen: Den Einfluss der Kultusbürokratie zurückdrängen, die Autonomie in den Klassenzimmern stärken der Schlachtruf der Bertelsmann-Stiftung klingt zumindest in den Ohren älterer Reformpädagogen zunächst wie Musik: Genau diese Ideen hatten sie in den 1970erJahren schließlich selbst verfolgt. Im Alltag erleben sie jedoch das Gegenteil: Die Klassen werden größer, die Ausstattung mieser. Während die Aufgaben der Lehrer wachsen, schwinden ihre Gelegenheiten, sich fortzubilden. Das Image ihres Berufsstandes sinkt kontinuierlich. In dieser Situation locken »regionale Bildungsbüros« und Projekte für eine »eigenverantwortliche Schule«, die die Bertelsmann-Stiftung zusammen mit staatlichen Behörden in mehreren Bundesländern auf den Weg gebracht hat.

Jede Schule, die sich an dem Projekt beteiligt, wird aufgefordert, eine Bestandsaufnahme ihrer Leistungen zu machen und entsprechende Daten zu erheben. Wie sie dabei vorgeht, kann sie grundsätzlich selbst entscheiden – sie darf aber auch, wenn sie das möchte, auf ein günstiges Bertelsmann-Paket mit vorgefertigten Fragebögen für Lehrer, Schüler und Eltern zurückgreifen. »Das Steuerungsinstrument Seis besteht aus einem international tragfähigen Qualitätsverständnis von guter Schule«, versichert die Stiftung den Nutzern, Die Software für die Auswertung liefert sie gleich mit. Die meisten Schulen greifen zu; Personalressourcen, um eigene Kriterien und Fragen zu entwickeln, haben die Schulleiter nicht, ihr Kollegium ist in der Regel bereits ohne zusätzliche Arbeit überlastet.

Bertelsmann-Stiftung: Ihre Projekte wie »Seis« tragen dazu bei, Schulen privatwirtschaftlich auszurichten



Auf diese Weise erfährt die Stiftung des Medienkonzerns Bertelsmann nebenher, welche Medien in einer Schule eingesetzt werden – und welche nicht. Vor allem aber gelingt es ihr, die von ihr definierten Leistungskriterien auf breiter Ebene in den Schulen zu verankern. So werden zum Beispiel nur Daten zu Mathematik und Deutsch erhoben; ein gutes Niveau in Musik, Geschichte, Sport und Kunst scheint für eine Qualitätsprüfung irrelevant. Auch kritisches und selbstständiges Denken der Schüler bringt keine Pluspunkte. Unterschiedliche soziale Voraussetzungen der Schüler sind bei der Erhebung ebenfalls nicht gefragt.

Bisher verfügt ausschließlich Bertelsmann über die kompletten Datensätze des Seis-Projekts; öffentliche Vergleiche zwischen den Schulen gibt es bislang nicht. »Doch unsere Schulbürgermeisterin hat schon gesagt, dass sie gern ein Ranking haben würde – um die Wahlfreiheit der Eltern zu unterstützen«, sagt Andreas Langbein, Geschichtslehrer an einer Freiburger Realschule. Auch die Verteilung der öffentlichen Gelder aufgrund von Seis-Ergebnissen hält er für wahrscheinlich, zumindest für möglich. Die Konsequenzen wären klar: Wer in diesem Land keine engagierten Eltern hat, wird weiter abgehängt.

Darüber hinaus gelingt es der Bertelsmann-Stiftung, erhebliche Steuergelder für solche Projekte zu binden. In Freiburg zahlt die Stadt 75 000 Euro, das Land gibt 320 000 Euro dazu, während die Stiftung lediglich 48 000 Euro beiträgt. Die Federführung hat sie dennoch inne. •

aus Publik-Forum 11•2008

siehe auch meine Posts vom Februar und Mai 2008

In den 70er Jahren hat man mal bei uns Flüsse begradigt…