Freitag, 11. Juli 2008

Felder, der dritte von vieren

man lese zuerst
Morphische Felder bei Wikipedia

Vorsicht!! Der nachfolgende Artikel beschreibt eine wissenschaftliche Hypothese, die in weiten Teilen (Formbildung) widerlegt wurde. Diejenigen Aussagen, die bisher nicht widerlegt wurden (im weitesten Sinne Informationsvermittlung, u. a. Telepathie) harren seit über 25 Jahren ihres Nachweises. Siehe dazu auch eine aktuelle Meldung von Mitte Mai 2008 bei Grenzwissenschaft-aktuell.


Rupert Sheldrake


Die kürzeste Beschreibung, die sich mir zu Rupert Sheldrake aufdrängt: er ist ganz außerordentlich englisch. Zwar entspricht der jungenhafte, schlaksige Biologe überhaupt nicht unserem Klischee vom steifen Briten – aber sein makelloser Public-School-Akzent, das understatement seiner Formulierungen und seine Fähigkeit, auch ziemlich boshafte Aussagen noch mit untadeliger Höflichkeit zum Ausdruck zu bringen, lassen doch nie das Land seiner Herkunft vergessen.


Rupert Sheldrake studierte Philosophie in Harvard und Naturwissenschaften in Cambridge, wo er 1973 in Biochemie und Zellbiologie promovierte. 1974 ging er zum „International Crops Research Institute“ nach Indien, wo er noch heute einen Teil des Jahres arbeitet.

Sheldrakes Auffassungen, die sich radikaler vom dominierenden Wissenschafts-Paradigma abwenden als manch lautstarke Kritik, haben ein starkes Echo gefunden und werden in Deutschland bereits ausgeibig zitiert. Dabei ist interessant, von wem, anders als zum Beispiel bei Bohm und Capra, wo meist Parallelen zur Mystik gezogen werden, scheint Sheldrake öfter von magisch orientierten Menschen als Bundesgenosse angerufen zu werden. Das ist kein Wunder; denn die Vorstellung von nicht-materiellen Konfigurationen, die über Zeit und Raum hinweg wirken, ist die Grundannahme jedes magischen Systems.

Sheldrake ist sich dieser Ähnlichkeit durchaus bewußt, aber ihm steht der Sinn nach handfester, altmodischer Empirie. Er möchte mit Hilfe von sauber durchgeführten Experimenten Daten sammeln, die es erlauben, seine Hypothesen zu bestätigen oder zu widerlegen. Dafür ist sogar ein für jedermann offener Wettbewerb ausgeschrieben worden, bei dem vielversprechende Vorschläge eingingen. Die Versuche sind im Gange.



DIE THEORIE DER MORPHOGENETISCHEN FELDER
Vortrag von Rupert Sheldrake
[auf dem Kongreß »Andere Wirklichkeiten«, 1983 in Alpbach, Österreich, Hinweis von mir]
übersetzt von Rainer Kakuska

Das mechanistische Paradigma, über das wir schon einiges gehört haben, ist in der Wissenschaft lange Zeit bestimmend gewesen. Und ein Aspekt dieses Paradigmas ist die Vorstellung, daß das Universum bestimmten Gesetzen folgt und daß diese Gesetze unwandelbar und zeitlos sind. Wenn wir von diesem Paradigma zu einem organischen Paradigma übergehen, so können wir das Universum ähnlich wie einen Organismus, der sich weiterentwickelt, betrachten. Und anstatt die Naturgesetze für festgelegt, für alle Zeiten wahr, unwandelbar zu halten, könnten wir sie mehr als Gewohnheiten auffassen. Dies sind einige Implikationen der Anschauungen, die ich gleich darlegen werde, der „Hypothese der formbildenden Verursachung“ (hypothesis of formative causation).

Um zu erklären, wie diese Sichtweise möglich ist, und worin sie genau besteht, ist es am besten, bei den Problemen zu beginnen, bei denen die Theorie ansetzt. Diese Probleme sind von zentraler Bedeutung für die Biologie. Obwohl die Theorie viele Implikationen in anderen Gebieten, unter anderem der Parapsychologie, hat, nimmt sie ihren Ausgangspunkt nicht von den dort untersuchten Fragen, sondern von zentralen Problemen der Biologie.

Eines der grundlegenden Probleme der Biologie, unseres Verständnisses von Tieren und Pflanzen, besteht darin, zu verstehen, wie Tiere und Pflanzen eigentlich ihre Form annehmen, ihre Gestalt. Wenn wir eine Blume betrachten, ein Blatt, eine Katze, ein Kaninchen, so sehen wir eine definitive Gestalt oder Form, und innerhalb dieser Formen von Tieren und Pflanzen sind wieder viele Formen, die Form der Organe, der Gewebe, der Zellen dieses Gewebes, und innerhalb dieser Zellen Organellen und Moleküle von komplizierter Gestalt. Wie kommen diese Formen zustande?

Ein Organismus entwickelt sich aus einem befruchteten Ei, das sehr wenig Struktur aufweist; während er sich weiterentwickelt, bildet sich mehr und mehr Struktur heraus. Diesen Prozeß der Entstehung von Form nennen die Biologen „Morphogenese“ vom Griechischen „morphe“, Form, und „genesis“ Entstehung. Obwohl die Morphogenese ein absolut grundlegendes Phänomen ist – jeder von uns sieht jeden Tag Pflanzen und Bäume und andere Menschen, wir erkennen all diese Formen, wir nehmen es als gegeben hin, daß aus Samen Bäume oder Blumen entstehen – obwohl dies also so ist, müssen wir uns in Erinnerung rufen, daß dieser für uns so selbstverständliche Vorgang wissenschaftlich überhaupt nicht verstanden wird.

In der Biologie wird unter dem herrschenden Paradigma, der mechanistischen Theorie des Lebens, der Versuch gemacht, den Prozeß der Entstehung von Form auf der Ebene der Moleküle und durch Betrachtung von bekannten chemischen und physikalischen Interaktionen zu erklären. Tatsächlich haben wir auch sehr viel über die Moleküle des Lebens herausgefunden, etwa über die genetische Substanz DNS (Desoxyribonucleinsäure) und die vielen Arten von Proteinen, aus denen lebende Organismen bestehen. Aber diese Entdeckungen der Biologie haben nicht zu einem Verständnis der Entstehung von Form geführt. Sie haben uns eine sehr detaillierte Kenntnis dessen vermittelt, was geschieht, wenn Form entsteht, aber sie haben den Vorgang selbst nicht geklärt. Wir können uns dieses Problem klarmachen, indem wir an unsere Körper denken.

Die DNS in all unseren Körperzellen ist die gleiche. Wir haben identische Kopien allen genetischen Materials in allen Zellen. Trotzdem ist die Form unserer Arme und Beine verschieden voneinander. Unsere Arme wie unsere Beine enthalten die gleichen Proteine, die gleichen Muskelproteine, Nervenproteine, Blutproteine, usw. Aber mit der gleichen chemischen Zusammensetzung entstehen doch verschiedene Formen. Natürlich enthalten verschiedene Organe wie das Auge oder das Ohr oder die Leber oder die Nieren auch verschiedene Chemikalien, das Problem ist nur, daß die chemischen Substanzen alleine die Form noch nicht erklären. Es ist wie in der Architektur: Wenn wir Häuser oder Gebäude untersuchen, werden wir die Form des Gebäudes nicht dadurch verstehen, daß wir die Ziegel, den Mörtel oder das Holz analysieren, die in dem Gebäude verarbeitet wurden. Die gleichen Ziegel, der gleiche Mörtel, das gleiche Holz können Gebäude von verschiedener Form ergeben. Also wird die Form des Gebäudes nicht durch die chemische Zusammensetzung der Substanzen erklärt, aus denen es besteht.

Angesichts dieses Problems ist von Biologen, speziell von Embryologen und Entwicklungs-Biologen ein Konzept entwickelt worden, um die Morphogenese zu verstehen, nämlich das der „morphogenetischen Felder“. Dieses Konzept ist das erste Mal 1922 formuliert worden, und es ist der Gedanke, daß ein Organismus bei seinem Wachstum von formgebenden Feldern beeinflußt wird. Die Vorstellung dieser Felder ist zunächst in Analogie mit bekannten Feldern der Physik, wie zum Beispiel dem magnetischen Feld, entstanden. Um einen Magneten herum existiert ein Feld, das man weder sehen noch berühren noch riechen oder schmecken oder hören kann. Aber wir können seine Existenz dadurch offenkundig machen, daß wir Eisenspäne um den Magnet herum streuen: Dann sehen wir ein Muster, das uns etwas über das Feld um den Magneten verrät. Der Gedanke war nun, daß ebenso wie Magneten von Feldern umgeben sind – auch Organismen unsichtbare Felder haben, die ihre Entwicklung steuern und ihre Form bestimmen, wie eine unsichtbare Gußform. Danach tritt also das befruchtete Ei des Organismus mit den morphogenetischen Feldern seiner Spezies in Verbindung, dieses Feld beeinflußt die Entwicklung des Embryos, dann formen untergeordnete Felder die Arme und Beine, und innerhalb dieser Felder formen andere Felder wiederum die Finger, die Fußnägel, die Knochen, usw. Bei der Entwicklung des Organismus ist also eine ganze Hierarchie von formgebenden Feldern am Werk.

Dieses Konzept half, einige der entscheidenden Probleme der Embryologie zu verstehen, wie ich anhand der folgenden Abbildung illustrieren kann:


Wir sehen hier links das normale Ei einer Libelle, in dem sich der Embryo entwickelt hat. Rechts ist das Ei mit einem dünnen Faden abgebunden worden, wodurch ein Teil von ihm abgestorben ist, es ist also nur noch die eine Hälfte des Eis übrig, die hintere. Aus ihm entsteht aber nun nicht nur die hintere Hälfte des Embryos, wie das beim normalen Ei der Fall gewesen wäre, sondern stattdessen ein zwar kleinerer, aber vollständigerer Embryo. Also bekommen wir aus einem Teil des Eis den ganzen Organismus. Irgendwie war der Organismus imstande, mit der Beschädigung fertig zu werden und trotzdem ein Ganzes auszubilden. In der nächsten Abbildung sehen wir ein anderes Beispiel für diese Art von Prozeß:

Hier handelt es sich um Regeneration. Jeder kennt die Regeneration bei Pflanzen. Wir können einen kleinen Teil einer Pflanze abschneiden, ihn in Erde geben, und wenn wir Glück haben, wird er zu einer Pflanze werden. Aus einem Baum kann man Tausende von Bäumen machen, von denen jeder aus einem kleinen Teil des Baumes entsteht. Der Teil kann also ein neues Ganzes hervorbringen. Dies ist einer der Gründe für die Annahme in der Biologie, daß das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, weil wir Teile entfernen können und das Ganze bleibt erhalten, und weil aus Teilen selbst ein Ganzes werden kann. Das ist eine sehr mysteriöse Eigenschaft, die die Biologen lange Zeit in Staunen versetzt hat, und es ist eines der Probleme, mit denen sich jede biologische Theorie auseinandersetzen muß.

Die Abbildung zeigt nun ein Beispiel für Regeneration bei einem Tier, einem Wassermolch. Wir sehen, was geschieht, wenn man in seinem Auge die Linse entfernt: Es bildet sich eine neue Linse vom Rand der Iris her. Mit anderen Worten, die Linse wird regeneriert und das Auge erreicht wieder den Zustand der Ganzheit, nach Entfernung eines Teils. Im normalen Embryo entsteht die Linse auf ganz andere Weise, nicht vom Rand der Iris her, sondern dadurch, daß sich die äußere Haut des Embryos einfaltet. Auch ist die hier gezeigte Beschädigung von einer Art, wie sie in der Natur nie vorkommt, schließlich gehen dort nicht experimentelle Zoologen mit dem Skalpell um, die Linsen herausschneiden. Hier haben wir also ein eindrucksvolles Beispiel von Regeneration, und es gibt Tausende von anderen: Man kann zum Beispiel Plattwürmer in kleine Teile zerschneiden und aus jedem wird ein neuer Wurm entstehen.

Der Begriff der morphogenetischen Felder ist entwickelt worden, um diesen Vorgang zu verstehen. Der Grundgedanke ist dabei, daß das Feld dem System zugehörig ist, das man beschädigt, und daß Regeneration deswegen möglich ist, weil das Feld immer noch da ist und das System zu seiner eigentlichen Form, der ganzen Form, führen kann, obwohl man einen Teil davon weggenommen hat. Und eine der Eigenschaften von Feldern ist ihre Geschlossenheit. Denken Sie wieder an den Vergleich mit dem Magneten: Wenn man einen Magneten in zwei Hälften schneidet, erhält man nicht zwei halbe Magneten, sondern zwei ganze, kleiner, aber trotzdem vollständig. Und jeder ganze Magnet hat ein vollständiges magnetisches Feld um sich herum. Man kann nicht eine Scheibe aus dem Feld herausschneiden und wegtragen. Das Feld ist eine Ganzheit Genau das ist die Idee hinter dem Konzept der morphogenetischen Felder: daß sie form-gebende Ganzheiten sind.

Dieser Gedanke ist das erste mal 1922 formuliert worden, von dem Russen Alexander Gurwitsch, und er wurde dann in den 20er Jahren in Österreich von Paul Kammerer weiterentwickelt. Seither allerdings hat sich die Theorie nicht mehr sehr verändert. Viele Biologen haben den Gedanken akzeptiert und den Begriff der morphogenetischen Felder verwendet, aber die Frage, was die Felder nun eigentlich sind und wie sie funktionieren, blieb ziemlich im Dunkeln. Viele Biologen sagen: Der Begriff des morphogenetischen Feldes ist eben eine Art, über komplizierte physikalische und chemische Interaktionen zu reden, die wir noch nicht ganz verstehen. Das läuft dann aber mehr oder weniger auf eine mechanistische Sichtweise hinaus, besagt das gleiche wie das herkömmliche mechanistische Modell. Dadurch ist also eine Ansicht, die ursprünglich als radikale Abkehr von der orthodoxen Biologie begonnen hat, für die meisten Leute wieder zu einem Teil der orthodoxen Auffassung geworden, daß man nämlich irgendwann alles in Begriffen von Molekülen, Elektrizität und anderen bekannten physikalischen Faktoren verstehen können wird.

Andere sind der Ansicht, daß es mit den morphogenetischen Feldern mehr auf sich hat, und einige Wissenschaftler vertreten sogar ausdrücklich den Standpunkt, daß es sich dabei um Platonische Ideen oder Archetypen handelt, um sozusagen metaphysische Realitäten, die idealen, zeitlosen Formen aller Lebewesen. Nicht viele Biologen vertreten diese Ansicht, aber doch einige; und meistens tun sie das nicht öffentlich. Immerhin gibt es manche, die diesen Standpunkt sehr leidenschaftlich verfechten.


Die Theorie, die ich hier darlegen werde, ist davon sehr verschieden. Was ich bisher gesagt habe, diente dazu, Ihnen den Hintergrund für die Hypothese zu geben, die ich darstellen will. Bis jetzt habe ich einige Entwicklungen der Biologie in den letzten 60 Jahren zusammengefaßt. Meine eigene Hypothese stellt eine dritte Art, über morphogenetische Felder zu denken, dar. Ich nehme an, daß diese Felder wirklich existieren, daß sie nicht einfach magnetische oder elektrische Felder sind, nicht einfach eine Umschreibung für bekannte Arten von Interaktionen zwischen den Teilen eines Organismus; sondern daß wir es hier mit einer neuen Art von Feld zu tun haben, das von der Wissenschaft bisher noch nicht in Betracht gezogen wurde. Außerdem nehme ich an, daß diese Felder eine bestimmte Form haben, daß also zum Beispiel das Feld einer Rose sozusagen rosenförmig ist, oder das Feld eines Hundes in einer direkten Beziehung zur Form des Hundes steht. Und es muß sehr, sehr viele verschiedene Felder für alle verschiedenen Arten von Tieren und Pflanzen geben. Wenn jedes dieser Felder dem sich entwickelnden Organismus seine spezifische Gestalt verleiht, so muß das Feld dieser bestimmten Spezies selbst eine spezifische Form oder Struktur haben.

Wie erhält es diese Struktur? Die Antwort, die ich vorschlage, ist, daß sich die Struktur eines morphogenetischen Feldes aus der tatsächlichen Form früherer Mitglieder dieser Spezies herleitet. Das Feld, das etwa einer Katze ihre Form gibt, das katzen-morphogenetische Feld sozusagen, ist dann eine Art Zusammenfassung (composite) der tatsächlichen Formen früherer Katzen. Deren Form beeinflußt die sich entwickelnde Katze durch Fernwirkung (action at a distance) über Zeit und kaum hinweg, nicht dadurch, daß sie in der DNS verschlüsselt ist. Dieses morphogenetische Feld stellt dann so etwas wie das Gedächtnis der Art dar, ein kollektives oder zusammengefaßtes Gedächtnis. Jedes Mitglied einer Spezies wird durch deren spezifisches morphogenetisches Feld geformt, das Feld der Spezies. Umgekehrt beeinflußt aber die Form, die der Organismus schließlich entwickelt, wiederum das morphogenetische Feld, wirkt auf dieses Feld zurück und formt dadurch zukünftige Mitglieder derselben Art.

Das sind keine leicht zu verstehenden Gedankengänge, weil sie sehr verschieden von den Ideen sind, mit denen wir aufgewachsen sind. Ich werde sie im Folgenden ausführlicher erklären, Beispiele dafür geben und auch zeigen, wie sie überprüft werden könnten.

Dieses Diagramm zeigt in einer sehr vereinfachten Weise, wie sich der Einfluß solcher Felder über die Zeit aufbaut. Jede Form, jede Art von Tier oder Pflanze entsteht in der Zeit, und es gibt immer ein erstes dieser Art. Meine Theorie sagt nun nichts darüber aus, wie dieses erste Exemplar zustande kommt; darauf werden wir später noch zu sprechen kommen. Worüber meine Theorie Aussagen macht ist, wie diese Struktur, wenn sie erst einmal entstanden ist, wiederholt wird, wie sie dazu neigen wird, immer wieder vorzukommen. Wenn eine bestimmte Struktur das zweite Mal entsteht, wird sie vom ersten Exemplar beeinflußt werden, beim dritten Mal vom ersten und zweiten, beim vierten Mal vom ersten, zweiten und dritten usw. Der Einfluß wird also kumulativ sein. Ich behaupte, daß dieser Einfluß nicht mit der Zeit verschwindet, und daß er auch durch Raum oder Entfernung nicht abgeschwächt wird. Wenn also die Anzahl von Mitgliedern einer Spezies wächst, wird das morphogenetische Feld stärker werden, durch Wiederholung intensiviert. Je öfter etwas Bestimmtes passiert, desto wahrscheinlicher wird es wieder passieren.

Da aber die Mitglieder einer Spezies einander nicht völlig gleichen, sondern nur ähnlich sind, wird das morphogenetische Feld, das ihren Einfluß repräsentiert, sozusagen eine Zusammenfassung der früheren Mitglieder der Spezies sein. Es wird nicht eine definitive Form ergeben, nicht scharf abgegrenzt sein, sondern mehr eine Wahrscheinlichkeitsstrukur darstellen. Eine Analogie für diesen Prozeß findet sich bei „kumulativen Fotografien“ (composite photographs).


Diese Fotografien wurden vor 100 Jahren von Francis Galton angefertigt, einem Cousin von Charles Darwin, der an durchschnittlichen Formen interessiert war. In der oberen Reihe sehen Sie drei Schwestern, in der unteren Reihe diese Schwestern im Profil. Die mittlere Reihe zeigt „durchschnittliche Schwestern“, die dadurch entstehen, daß man die Bilder der drei auf den selben Film aufgenommen hat, mit einem Drittel der Belichtungszeit für jede einzelne Aufnahme. Das ist jetzt der Durchschnitt von nur dreien, aber man kann den Vorgang weiterführen, und was dabei herauskommt, zeigt das nächste Bild.
Oben haben wir Beispiele von durchschnittlichen Offizieren, links, und durchschnittlichen Mannschaftsgraden, rechts, der Britischen Armee. Francis Galton war sehr daran interessiert, herauszufinden, ob Offiziere einem bestimmten rassischen Typ angehörten; das interessierte damals viele Engländer.

Der Hauptunterschied scheint aber gewesen zu sein, daß mehr Offiziere Schnurrbärte hatten. In der unteren Reihe sehen sie moderne kumulative Fotografien, links 30 weibliche und rechts 45 männliche Wissenschaftler vom John Innes Research Institute in England.

Wenn Sie also das Gesicht rechts ansehen, sehen Sie in Wirklichkeit 45 männliche Gesichter. Die individuellen Unterschiede heben einander auf, die gemeinsamen Züge werden verstärkt. Und die Form des Gesichts ist durch die Wahrscheinlichkeitsverteilung bestimmt, die wir auf diese Weise bekommen. Könnte man morphogenetische Felder sehen, ich glaube, sie würden so aussehen: sie hätten unscharfe Ränder, wären nicht klar abgegrenzt, sie wirken im Sinne von Wahrscheinlichkeit, nicht exakter Kausalität. Und das ist wichtig, weil ich glaube, daß sie letztlich probabilistische Prozesse auf der Quantenebene beeinflussen, wie sie die moderne Physik beschreibt.

Die nächste Abbildung zeigt, wie morphogenetische Felder aufgebaut sind.

Links haben wir das übliche Diagramm einer Hierarchie, rechts ist eine bessere Darstellung des gleichen Zusammenhanges, die wir „eingebettete Hierarchie“ (nested hierarchy) nennen könnten, denn sie zeigt, wie jedes Organisationsniveau in das nächsthöhere eingebettet ist. Wir könnten uns den äußersten Kreis zum Beispiel als den Organismus denken, die kleineren Kreise stellten dann die Organe dar, die Kreise darin die Gewebe, darin wären dann die Zellen, die Organellen, Proteinmoleküle usw. bis hin zu den Atomen und subatomaren Partikel. Morphogenetische Felder schließen also andere morphogenetische Felder ein, und ich glaube, sie wirken auf Systeme dadurch ein, daß sie die Felder und die Wahrscheinlichkeit der Ereignisse auf den niedrigeren Oranisationsniveaus beeinflussen. Wie das funktionieren könnte, kann ich hier nicht näher ausführen, ich gehe darauf detaillierter in meinem Buch ein.


Nun muß ich auf die Frage zu sprechen kommen, was diese Theorie tatsächlich bedeutet. Bisher habe ich darüber in einer sehr abstrakten und theoretischen Weise gesprochen, und tatsächlich ist es ja nur eine Theorie, eine Weise, die Welt zu betrachten. Aber in der Wissenschaft ist es wichtig zu sehen, was die Konsequenzen einer bestimmten Theorie sind, und herauszufinden, ob diese Folgerungen überprüft werden können. Und um das zu tun, müssen wir Voraussagen treffen und dann Experimente entwickeln, die diese Voraussagen prüfen. Ich werde jetzt einige derartige Experimente beschreiben.

Zunächst betrifft diese Theorie nicht nur lebende Organismen. Sie gilt auch für die Formen von Kristallen, Molekülen und Atomen. Ich behaupte, daß diese Art von Feldern sogar im chemischen Bereich wirken. Denken wir zum Beispiel an die Form eines Kristalls, genauer an die Gitterstruktur, also die Art, wie die Moleküle angeordnet sind: es gibt Gründe für die Annahme, daß diese Form nicht allein durch bekannte energetische Zusammenhänge verursacht ist. Wenn ein neuer Stoff hergestellt wird, den es bisher noch nie gegeben hat – in der Pharmazie, in anderen Bereichen der chemischen Industrie und in Universitäten geschieht das ständig – so wird zunächst kein morphogenetisches Feld für die Kristallstruktur bestehen, weil diese Art von Kristall noch nie existiert hat. Es könnte also das erste Mal schwierig sein, die Substanz zu kristallisieren, wir müßten waren, bis ein morphogenetisches Feld entsteht, wie immer das auch geschieht. Aber nachdem die Substanz einmal Kristalle gebildet hat, sollte es beim zweiten Mal überall auf der Welt schon ein wenig leichter sein, weil der Vorgang vom morphogenetischen Feld des ersten Kristalls beeinflußt würde. Beim dritten Mal wäre es dann wieder leichter, beim vierten Mal noch mehr – überall auf der Welt müßte es mit der Zeit leichter sein, die Substanz zu kristallisieren. Ist das tatsächlich so?

Die Antwort lautet: ja. Es ist den Chemikern wohlbekannt, daß neue Substanzen zunächst schwierig zu kristallisieren sind und daß es überall auf der Welt mit der Zeit leichter wird. Das ist unzählige Male beobachtet worden, viele Chemiker wissen es aus eigener Erfahrung, es ist eine unter Chemikern allgemein akzeptierte Tatsache. Aber wie lautet die Erklärung dafür? Eine mögliche Erklärung lautet, daß es ein Chemiker vom anderen lernt, und das ist natürlich möglich und sicher ein Faktor. Die andere Erklärung aber, zusätzlich zu verbesserten Methoden, ist eine höchst ungewöhnliche. Sie nimmt an, daß die Substanzen deswegen schneller kristallisieren, weil kleine Teile der Kristalle in der Kleidung und speziell in den Bärten von wandernden Chemikern in der ganzen Welt herumgetragen werden und dann in anderen Laboratorien aus ihren Bärten in die Kristallisierungsschalen fallen und solcherart die Kristallisation beschleunigen. Viele Chemiker werden Ihnen derartige Geschichten erzählen. Wenn Sie Freunde haben, die Chemiker sind, fragen Sie sie etwas zum Thema Kristallisation, aber sagen Sie nicht, warum Sie fragen. Machen Sie das Experiment, und ich garantiere Ihnen, in der Mehrzahl der Fälle werden Sie eine Geschichte über einen bärtigen Chemiker hören. Das gehört zur Folklore in der Chemie, es ist ein schwieriges Gebiet dieser Disziplin und wird in den Lehrbüchern nicht sehr systematisch behandelt, aber es existiert als eine Art Folklore in den Köpfen der Chemiker.

Aus dem Blickwinkel der Hypothese, die ich vorschlage, sind diese Vorgänge nun sehr interessant, weil hier die Fakten den Erwartungen der Hypothese entsprechen. Die bisherigen Erklärungen sind nicht gerade überzeugend und sind auch noch nie empirisch überprüft worden. Dabei wäre das leicht möglich: Man könnte versiegelte Behälter an verschiedenen Orten in der Welt aufstellen, um die Kristallisationsgeschwindigkeit zu verschiedenen Zeiten zu überprüfen. Man könnte bärtige Chemiker von den Experimenten ausschließen und Staubpartikel ausfiltern – eine andere Erklärung ist nämlich, daß winzige Partikel der Kristalle in die Luft gelangen und in mikroskopisch kleinen Staubteilchen über die ganze Welt verteilt werden. Dann könnte man prüfen, ob die Kristallisation in einer gesättigten Lösung unter Standardbedingungen wirklich mit der Zeit schneller vor sich geht. Das wäre ein möglicher Test, aber er ist noch nicht gemacht worden.


Es gibt viele mögliche Überprüfungen im Bereich von Form und der Vererbung von Form. Einige davon diskutierte ich in meinem Buch. Die Erklärung wäre aber hier zu kompliziert und würde den Rahmen dieses Vortrags sprengen.

Ich möchte jetzt darauf zu sprechen kommen, wie man die Theorie im Bereich des Verhaltens prüfen kann. Wir gehen also von einem Ende des Spektrums, den Kristallen, gleich zum anderen, dem Verhalten. Und ich glaube, daß die selben Prinzipien, die gleichen formativen Felder, auch das Verhalten beeinflussen. Ich behaupte, daß das ererbte Verhalten von Tieren, das heißt ihre Instinkte, durch die gleiche Art von Einfluß aus der Vergangenheit zustandekommen, durch jenen Prozeß der Einwirkung von Gleichem aus Gleichem, den ich „morphische Resonanz“ nenne. Dies sollte auch auf Verhalten zutreffen.

Eine der Vorhersagen der Theorie ist: Wenn man in einem Teil der Welt Tieren beibringt, etwas Neues zu tun, so sollte es dadurch überall in der Welt für Tiere leichter werden, die gleiche Sache schneller zu lernen. Wenn wir also hier in Österreich Ratten einen neuen Trick beibringen, dann sollten Ratten in New York oder Australien oder Afrika imstande sein, diesen Trick leichter zu lernen, nur weil wir die Ratten hier trainiert haben, ohne daß eine Kommunikation im üblichen Sinne stattgefunden hat. Also nicht weil wir per Telefon durchgegeben haben, wie man die Ratten trainiert, oder weil wir Ratten von hier nach dort gebracht hätten, die es den anderen Tieren vormachen. Ohne diese Art von Verbindung sollten sie schneller lernen, das ist die Vorhersage der Theorie. Daran sehen Sie, wie radikal diese Theorie ist und wie sehr sie sich von der gängigen mechanistischen Theorie der Biologie unterscheidet.

Wiederum ist dies etwas, was überprüft werden kann. Und tatsächlich ist es überprüft worden. Man hat das Verhalten von Ratten lange Zeit untersucht und beobachtet, mit welcher Geschwindigkeit sie neue Tricks lernen. Ich habe die umfangreiche Literatur über Rattenpsychologie durchgearbeitet, und tatsächlich scheint der Effekt, von dem ich spreche, eingetreten zu sein. Ich behaupte nicht, dies sei schon ein zwingender Beweis für die Theorie. Ich sage nur, wenn man nach Bestätigung sucht, findet man Dinge, die in diese Richtung weisen.

Ich gebe nur ein Beispiel für solche Ergebnisse aus Experimenten mit Ratten, die zwischen 1920 und 1954 durchgeführt wurden. Sie wurden von W. McDougall, einem Psychologieprofessor in Harvard, begonnen. Er brachte Ratten bei, aus einem Wasser-Labyrinth zu entkommen, und die erste Generation von Ratten lernte sehr langsam. Wenn die Tiere Fehler machten, bekamen sie unglücklicherweise einen elektrischen Schock verpaßt – das ist in dieser Art von Experimenten leider üblich. Viele von ihnen bekamen Hunderte von elektrischen Schocks, bis sie lernten, daß die den falschen Ausgang benutzten. McDougall ließ diese Ratten nun Nachkommen haben, und testete diese. Sie lernten schneller. Die nächste Generation ernte noch schneller. McDougall dachte, damit Beweise für die Vererbung von erworbenen Eigenschaften erbracht zu haben, für Lamarck’s Theorie der Vererbung, die hier in Österreich von Paul Kammerer verteidigt wurde und in den 20er Jahren eine sehr umstrittene Theorie war.

Die Experimente wurden von wissenschaftlichen Gegnern heftig kritisiert, und um diesen Einwänden zu begegnen, mußte McDougall seine experimentellen Techniken verbessern und die Versuche noch strikter kontrollieren. Es gelang ihm, die Kritik zu entkräften. Der am häufigsten vorgebrachte Einwand war der, er habe die intelligentesten Ratten zur Zucht bestimmt. Er sagte, das sei nicht der Fall gewesen, er habe die Ratten nach einem Zufallsprozeß ausgewählt, bevor sie die Eltern der nächsten Generation wurden, ohne bei der Auswahl zu wissen, ob sie klug waren oder nicht. Darauf meinten seine Kritiker, es müsse ein unbemerkter selektiver Faktor am Werk sein, die weniger intelligenten Tiere hätten mehr elektrische Schocks erhalten, deswegen wären sie schwächer gewesen, deswegen hätten sie weniger Nachkommen produziert, also hätte ein selektiver Vorteil zugunsten der intelligenteren Ratten bestanden.

Also wiederholte McDougall sein Experiment, diesmal wählte er tatsächlich die Ratten, die die Eltern der nächsten Generation wurden, aus, nachdem sie getestet worden waren – allerdings nahm er die dümmsten Tiere, die am langsamsten gelernt hatten.

Die Abbildung zeigt die Ergebnisse dieses Versuches.

In der Senkrechten ist die durchschnittliche Anzahl von Fehlern eingetragen, ein Absinken dieses Wertes bedeutet also eine Steigerung der Lerngeschwindigkeit. Die erste Generation machte durchschnittlich 250 Fehler, bevor sie lernte, den richtigen Ausgang zu benutzen. Die letzte, die 22. Generation, machte durchschnittlich 25 Fehler. Das bedeutet eine zehnfache Steigerung der Lerngeschwindigkeit. Dies ist das Gegenteil dessen, was nach der normalen genetischen Theorie zu erwarten gewesen wäre, denn bei Selektion der dümmsten Ratten hätten die Nachkommen natürlich langsamer lernen sollen.

McDougalls Kritiker konnten an diesem Experiment keinen Fehler feststellen, also blieb ihnen nichts anderes übrig als es zu wiederholen. Einer von ihnen, EA.E. Crew aus Edinburgh, besorgte sich Ratten von genau derselben Rasse, die auch McDougall verwendet hatte, baute das gleiche Wasser-Labyrinth wie McDougall und machte überhaupt alles genauso wie er. Crew fing seine Experimente an, nachdem McDougall seine beendet hatte, und Crew’s Ratten begannen mit einer durchschnittlichen Fehlerzahl von 25. Manche fanden den Ausgang sogar beim ersten Mal. Also gab Crew auf – er konnte nicht erklären, warum seine Ratten so schnell lernten, und MacDougall konnte das auch nicht.

Das nächste Experiment dieser Art wurde in Australien durchgeführt, von W. Agar an der University of Melbourne. Er änderte die Bedingungen geringfügig, und seine Ratten lernten nicht ganz so schnell wie die von Crew, aber immer noch schneller als McDougalls erste Generation. Agar führte den Versuch über 50 Generationen durch, wofür er 25 Jahre brauchte. Genau wie McDougall fand er, daß seine Ratten von einer Generation zur nächsten besser wurden, die Lerngeschwindigkeit steigerte sich. Er überprüfte auch die Lerngeschwindigkeit von Ratten, die nicht Nachkommen von trainierten Tieren waren, sondern ganz gewöhnliche Tiere derselben Rasse, die nicht mit getesteten Tieren verwandt waren, die keine Väter, Mütter oder Großeltern hatten, die schon einmal getestet worden waren. Agar fand, daß auch diese Versuchstiere besser wurden, und daß die Steigerung der Lerngeschwindigkeit sich bei allen Ratten dieser speziellen Art bemerkbar machte.

Das ist also ein Effekt von der Art, wie ihn die Hypothese vorhersagt. Die Ergebnisse liegen vor, und es ist eines der längsten Experimente in den Annalen der Rattenpsychologie. Ich habe festgestellt, daß es noch andere Beispiele für solche Phänomene in der Literatur gibt.


Konventionell ausgerichtete Biologen werden sich von diesen Beweisen nicht überzeugen lassen. Sie werden vielleicht sagen, es müsse noch eine andere Erklärung dafür geben, vielleicht sei der Versuchsleiter immer besser bei der Durchführung des Experiments geworden, oder etwas Ähnliches. Und das ist natürlich durchaus möglich. Ich sage nicht, daß meine Interpretation die einzig mögliche ist, ich sage nur, daß die Ergebnisse vom Standpunkt meiner Hypothese aus sehr interessant sind und sie zu stützen scheinen, und daß es daher der Mühe wert wäre, diese Theorie mit Hilfe von genau kontrollierten Verfahren zu überprüfen, die das Verhalten von Tieren wie etwa Ratten untersuchen. Und ich glaube, es ist möglich, Experimente zu entwickeln, die eindeutige Resultate liefern würden.

Der gleiche Vorgang wie der eben beschriebene sollte nach der Theorie natürlich auch bei Menschen geschehen. So sollte es zum Beispiel im Laufe der letzten 100 Jahre für Kinder leichter geworden sein, das Fahrradfahren zu lernen, weil Millionen von Leuten es bereits gemacht haben. Offensichtlich lernen Kinder heute auch im allgemeinen schneller, Fahrrad zu fahren, aber wiederum gibt es hier natürlich andere mögliche Erklärungen: bessere Fahrräder, mehr Motivation, bessere Lernmethoden und dergleichen. Es ist also schwer, eindeutige Ergebnisse zu bekommen. Aber wo immer ich nach Bestätigung für die Theorie gesucht habe, haben die Fakten sehr gut zu den Vorhersagen gepaßt, die sie macht. Ich meine also, so weit hergeholt scheint sie nicht zu sein, wenn wir uns tatsächlich die Fakten ansehen

Die Theorie führt zu einer sehr neuen Sicht der Vererbung. Nach der üblichen Ansicht hängt Vererbung fast völlig von der Information ab, die in der DNS, der Desoxyribonucleinsäure der Gene, verschlüsselt ist. Darin sollen alle Informationen enthalten sein, die für die Herausbildung des Organismus und für die Instinkte, das ererbte Verhalten eines Tieres, notwendig sind. Es ist offensichtlich, daß die DNS, die chemische Zusammenssetzung der Gene, eine wichtige Rolle in der Vererbung spielt, und die Erkenntnisse der Genetik haben uns gezeigt, daß Unterschiede in der DNS zu erblichen Unterschieden zwischen Organismen führen können. Ich behaupte nun, daß die Form und die Organisation von Organismen direkt von früheren Mitgliedern der eigenen Spezies ererbt wird, und zwar auf dem Wege der morphischen Resonanz. Wie passen diese beiden Ansichten der Vererbung zusammen? Zunächst scheinen sie miteinander in Konflikt zu stehen. Wenn wir sie aber näher betrachten, sehen wir, daß sie nicht im Widerspruch stehen, sondern komplementäre, einander ergänzende Sichtweisen zum Verständnis der Vererbung darstellen.

Das beste Mittel, dies zu verstehen, ist der Vergleich mit einem Fernsehempfänger. Stellen Sie sich vor, Sie wüßten nicht, wie Fernsehen funktioniert, und sie sehen ein Fernsehgerät, da sind Bilder auf dem Schirm, Sie sehen kleine Leute, die reden oder tanzen oder Musik machen. Ihre erste und naheliegende Hypothese wird sein, daß da im Apparat kleine Leute sind, deren Abbild Sie auf dem Schirm sehen. Manche Kinder glauben das tatsächlich. Sie können diese Theorie überprüfen, indem Sie im Inneren des Empfängers nachsehen, und wenn Sie das tun, sehen Sie keine kleinen Leute. Dann könnten Sie sagen, na ja, die Leute müssen wirklich sehr klein sein, mikroskopisch klein und in den Drähten. Sie untersuchen die Drähte und sehen immer noch keine kleinen Menschen. Dann können Sie sagen, sie müssen so klein sein, daß man sie nicht einmal mit dem Mikroskop entdecken kann, oder Sie könnten eine differenziertere Hypothese entwickeln: Sie könnten sagen, daß die kleinen Leute als Ergebnis von komplizierten Interaktionen zwischen den einzelnen Teilen des Fernsehapparates, den Transistoren, Drähten, Kondensatoren usw. auf dem Schirm erscheinen. Außerdem spielt die Energie, die in den Apparat kommt, eine Rolle, wenn man den Stecker zieht, hören die Bilder auf, wenn man ihn wieder in die Steckdose tut, kommen sie wieder. Ähnliches passiert, wenn man im Gerät Drähte entfernt und wieder einsetzt. Sie könnten also denken, daß die Bilder aus komplizierten Interaktionen zwischen den Teilen des Geräts entstehen. Diese Teile sind aus normalen chemischen Substanzen wie etwa Kupfer oder Silizium, man kann sie analysieren, sie haben nichts Geheimnisvolles an sich, und sie interagieren miteinander in einer Weise, die noch nicht ganz geklärt ist. Aber in, sagen wir, 15 oder 20 Jahren werden wir imstande sein, die Bilder vollständig durch komplizierte Interaktionen zwischen den Teilen zu erklären.


Genauso, denke ich, ist die Position der herkömmlichen mechanistischen Biologie. Wenn man jemandem mit dieser Einstellung sagt: Es gibt da Einflüsse, die kommen von außerhalb des Geräts, sie sind unsichtbar, man kann sie nicht sehen, berühren oder mit anderen Sinnen erfassen, aber die Bilder der Leute auf dem Schirm kommen tatsächlich von außen, könnte er das leicht abtun. Das sei eine sehr vage Theorie, es gebe überhaupt keine Beweise für solche Einflüsse, das sei der pure Mystizismus oder ähnliches. Oder man könnte die Idee auch ernsthaft überprüfen, könnte sagen, nun, wenn es etwas ist, muß es etwas wiegen, denn nichts existiert, wenn wir es nicht messen können. Also wiegen wir das Fernsehgerät in eingeschaltetem und ausgeschaltetem Zustand, es wiegt beide Male gleich viel, und das beweist, daß nichts von außen in das Gerät hereinkommt. Sehr überzeugend. Aber falsch. Nicht ganz falsch, weil die Teile des Fernsehgerätes wohl wichtig sind; aber ebenso wichtig sind die Sendungen, auf die es eingestellt ist, die unsichtbaren Felder, die es empfängt.

Was nun meiner Meinung nach bei der Vererbung geschieht, ist folgendes: Das befruchtete Ei hat bereits eine Struktur, die von seinen Genen abhängt, und welche Arten von Proteinen es in seiner Entwicklung produziert, hängt ebenfalls von seiner Erbmasse ab. Aber diese Proteine und die DNS sind wie die Drähte und Transistoren im Fernsehempfänger. Sie sind die Bauteile des Empfängers. Wenn man eine Drahtverbindung verändert oder den Wert eines Kondensators oder Widerstands, dann verändert sich das Bild auf dem Schirm. Ebenso werden Veränderungen im genetischen Material das Empfangssystem und damit die Qualität der Bilder beeinflussen. Aber die Bilder selbst sind in dieser Information nicht enthalten. Vielmehr dient die DNS zum Aufbau des Empfangssystemes, und die Organisation der Form und des Verhaltens kommt durch morphische Resonanz zustande, durch das kollektive Gedächtnis der Spezies. Die DNS spielt also durchaus eine wichtige Rolle in der Vererbung; was ich sage, steht keineswegs im Widerspruch damit, daß der Einfluß genetischer Faktoren in der Vererbung nachgewiesen ist. Diese beiden Auffassungen sind völlig komplementär. DNS steuert die Sequenz von Aminosäuren und Proteinen und in einem gewissen Ausmaß die Proteinsynthese, aber möglicherweise nicht mehr. Die anderen Arten der Organisation werden von den morphogenetischen Feldern bestimmt.

Dies führt also zu einer neuen Sicht der Vererbung und damit auch der Evolution. Denn die gängige Theorie der Evolution baut auf der Mendel’schen, also der genetischen Theorie der Vererbung auf. Und wenn diese falsch oder zu begrenzt ist, wenn Vererbung mit einem kollektiven Gedächtnis zu tun hat, dann existiert auch die Möglichkeit der Vererbung von erworbenen Eigenschaften, nicht nur auf die Nachkommen von Eltern, die etwas Neues gelernt haben, sondern potentiell auf alle Mitglieder der Spezies. Diese Theorie geht also weiter als die Vererbungslehre von Lamarck. Sie läßt auch Verbindungen zwischen verschiedenen Arten möglich erscheinen; danach wäre es denkbar, daß eine Spezies in einem Teil der Welt die morphogenetischen Felder einer anderen Art in einem anderen Teil der Welt aufnimmt und dadurch ähnliche Strukturen in sehr verschiedenen Organismen auftauchen, die vielleicht durch große Entfernung oder sogar durch ein sehr langes Zeitintervall voneinander getrennt sind. Die Kennzeichen von bereits ausgestorbenen Arten könnten dann wieder auftauchen. Solche Vorgänge sind aus dem Studium der fossilen Geschichte bekannt, man spricht dann von „Atavismen“.

Eine der radikalsten Implikationen dieser Theorie betrifft unsere Auffassung von Gedächtnis. Denken wir daran, was bei der morphischen Resonanz vor sich geht: Organismen werden von anderen Organismen aus der Vergangenheit beeinflußt, und diese Wirkung ist umso größer, je ähnlicher diese Organismen einander sind. Nun können wir fragen: Welchem Organismus der Vergangenheit ähnelt jeder Organismus am meisten? Wer in der Vergangenheit war mir ähnlicher als jeder andere Organismus? Die Antwort lautet: ich selbst. Jeder Organismus, jedes System, jeder Kristall, jedes Atom, jedes Molekül ist sich selbst in der unmittelbaren Vergangenheit ähnlicher als jedem anderen System. Die direkteste Einwirkung durch morphische Resonanz ist also die aus der eigenen unmittelbaren Vergangenheit. Dies erklärt meiner Meinung nach, warum die Form eines Systems im allgemeinen über die Zeit stabil bleibt, obwohl seine materiellen Bestandteile ständig wechseln. Die Materie unseres Körpers ist einem dauernden Austausch unterworfen, wir nehmen jeden Tag neue Substanz auf und verlieren andere oder scheiden sie aus. Trotzdem bleibt unsere Form mehr oder weniger die gleiche. Der Prozeß der Selbst-Resonanz, der Resonanz mit den eigenen vergangenen Zuständen, hilft, die Form zu bewahren und aufrecht zu erhalten. Auf der Verhaltensebene bedeutet diese Selbst-Resonanz einen direkten Einfluß vergangener Zustände auf den gegenwärtigen. Wenn man etwas früher gelernt hat oder oft getan hat, Fahrrad fahren zum Beispiel, dann beeinflußt dies die Art, wie man jetzt Fahrrad fährt. Und die Erinnerung dieser Fertigkeit muß nicht im Gehirn gespeichert werden, sie kann direkt aus der Vergangenheit durch morphische Resonanz wirken.

Ich bin der Ansicht, daß Erinnerungen nicht im Gehirn gespeichert sein müssen. Unser Gehirn könnte eher wie ein Empfänger als wie ein Speicher funktionieren. Wenn ein Teil des Empfangssystems beschädigt wird, könnten wir vielleicht nicht imstande sein, Zugang zu bestimmten Erinnerungen zu bekommen. Wenn wir einen Teil des Fernsehgeräts entfernen, bekommen wir unter Umständen das eine oder andere Programm nicht mehr herein. Das beweist aber nicht, daß die Information dieser Programme in dem Teil gespeichert war, den wir entfernt haben. Wenn wir nach einer Gehirnverletzung bestimmte Erinnerungen verlieren, so beweist das nicht, daß diese Erinnerungen in dem Teil des Gehirns gespeichert waren, der verletzt wurde. Wenn bestimmte Erinnerungen durch Stimulation eines bestimmten Teils des Gehirns hervorgerufen werden, so muß das nicht bedeuten, daß diese Erinnerung an der stimulierten Stelle gespeichert ist; wir können schließlich auch einen Fernsehempfänger an einer bestimmten Stelle stimulieren und er springt dann vielleicht auf einen anderen Kanal um. Man empfängt dann andere Bilder von einem anderen Sender. Das heißt aber nicht, daß der von uns stimulierte Teil diese Information enthält.

Tatsächlich ist die Frage, wie das Gedächtnis funktioniert, sehr rätselhaft. In der konventionellen Biologie gibt es viele verschiedene Theorien des Gedächtnisses. Eine besagt, daß Gedächtnisinhalte als Moleküle im Gehirn gespeichert werden, zum Beispiel als Ribonucleinsäure (RNS). Die Theorie kommt langsam aus der Mode. Eine andere nimmt über das ganze Gehirn verteilte Veränderungen in den Enden der Nervenzellen an, eine weitere postuliert Kreisläufe von nachschwingender elektrischer Aktivität. Trotzdem bleibt die Frage, wie Gedächtnis zustandekommt, sehr mysteriös. Wir nehmen es zwar als gegeben hin, aber diese Frage ist von der Biologie bisher ganz gewiß nicht gelöst. Ich behaupte also, das Phänomen des Gedächtnisses ist noch völlig ungeklärt, es gibt überhaupt keine Beweise dafür, daß Erinnerungen im Gehirn gespeichert werden. Wir nehmen dies nur normalerweise an, weil es unseren allgemeinen materialistischen oder mechanistischen Grundannahmen entspricht. Man geht in unserer Kultur einfach davon aus, daß Gedächtnisinhalte im Gehirn gespeichert werden, denn wie sollte es sonst funktionieren? Dabei kann man das durchaus infrage stellen, und dies ist im Laufe der Jahrhunderte auch schon von vielen Philosophen gemacht worden, die Frage ist seit mindestens 2000 Jahren, vielleicht auch länger, als Problem erkannt worden, und sie ist noch immer eines. Ich behaupte nicht, meine Erklärung sei schlichtweg die richtige, aber sie ist eine mögliche, ebenso wie die konventionelle Erklärung, die aber nicht bewiesen ist. Die Frage ist also offen.

Wenn nun Erinnerungen nicht im Gehirn gespeichert werden, wenn wir vielmehr Erinnerungen empfangen, indem wir uns auf unsere vergangenen Zustände einstellen, wieso empfangen wir dann nicht auch die Erinnerungen anderer Menschen? Denn natürlich sind uns andere Menschen in vieler Hinsicht ähnlich, wenn auch nicht so ähnlich wie wir uns selbst. Zusätzlich zu unseren persönlichen Erinnerungen könnten wir auch noch die zusammengefaßten Erinnerungen der ganzen Spezies empfangen, eine Art kollektives Gedächtnis. Und in diesem kollektiven Gedächtnis würden wir keine spezifischen Details erwarten, sondern Zusammenfassungen. Die individuellen Details bestimmter Erfahrungen würden in den Hintergrund treten, während das allgemeine Erfahrungsmuster verstärkt würde. Wir würden also etwas sehr Ähnliches wie die Archetypen des kollektiven Unbewußten bekommen, von denen C.G. jung sprach. Tatsächlich ist unsere Betrachtungsweise gut vereinbar mit Jungs Konzept des kollektiven Unbewußten, das er auch als eine Art Gedächtnis betrachtete. Wenn Jung zum Beispiel vom Mutterarchetyp sprach, so faßte er diesen als Zusammenfassung von zahllosen Erfahrungen mit Müttern in der Vergangenheit auf.

Ein Archetyp hat also Ähnlichkeit mit den „kumulativen Fotografien“, die wir vorher gesehen haben, wo die allgemeinen Charakteristika erhalten bleiben und die individuellen Details herausfallen. Wiederum führt also unsere Hypothese zu einer Vorhersage, die den Tatsachen sehr gut entspricht. Denn Jung und seine Schüler haben, wie ich meine, sehr überzeugende Belege für die Existenz eines kollektiven Unbewußten aus der Untersuchung von Träumen, Mythen und ähnlichem Material geliefert.

Zweitens: wenn wir normalerweise unsere eigenen Erinnerungen aufnehmen, so wäre es möglich, daß wir auch die Erinnerung einer anderen Person empfangen. Und wenn diese Erinnerung aus der unmittelbaren Vergangenheit stammt, zum Beispiel gerade eine Sekunde alt ist, dann liefe das auf eine nahezu gleichzeitige Gedankenübertragung, oder Telepathie hinaus.

Drittens, es wäre dann auch möglich, Zugang zu Erinnerungen von Menschen zu haben, die bereits tot sind. Das wäre dann die Erinnerung an ein vergangenes Leben. Daß so etwas vorkommt, dafür gibt es Beweise aus Fallstudien von Kindern und nicht ganz so verläßliche Belege, die durch hypnotische Regression gewonnen wurden. Diese Ergebnisse sind natürlich sehr umstritten, aber immerhin haben wir hier eine Vorhersage, die mit einer möglichen Art von Erfahrungen übereinzustimmen scheint.

Viertens: Wenn Gedächtnisinhalte nicht im Gehirn gespeichert werden, wäre es möglich, über ein Leben nach dem physischen Tod auf eine ganz andere Weise zu denken, als es uns das mechanistische Paradigma erlaubt. Den gängigen Theorien der Biologie zufolge werden Erinnerungen im Gehirn gespeichert, es gibt zwar, wie ich schon gesagt habe, verschiedene Ansichten darüber, wie dies geschieht, aber daß die Speicherung im Gehirn erfolgt, darin stimmen alle überein. Wenn wir also sterben, zerfällt unser Gehirn, und es gäbe dann keine Möglichkeit, daß diese Erinnerungen in irgendeiner Form überleben, einmal abgesehen davon, daß sich andere Menschen an uns erinnern.

Wenn also Gedächtnisinhalte im Gehirn lokalisiert sind, so besteht überhaupt keine Möglichkeit für ein Leben nach dem Tode oder Reinkarnation. Diese Dinge sind aber ein wichtiger Bestandteil aller Religionen in der ganzen Welt. Es mag eine Illusion sein, zu glauben, daß wir nach dem Tode weiterleben. Aber der eigentliche Grund, warum dies von Materialisten und dogmatischen Atheisten für unmöglich gehalten wird, ist die Annahme, daß Erinnerungen im Gehirn gespeichert werden und daher nicht überleben können. Es ist ein sehr starkes Argument, und wenn es zutrifft, würde das meiner Meinung nach praktisch alle traditionellen religiösen Ansichten vom Leben nach dem Tode widerlegen. Für Atheisten ist dies ein sehr wichtiger Punkt. Sie glauben, daß es gute Beweise für eine solche Widerlegung gibt. Wenn dem aber nicht so ist, wird die Frage offen. Ich behaupte nicht, daß meine Theorie auf irgendeine Weise das bewußte Überleben des physischen Todes beweisen kann. Aber immerhin räumt sie die Möglichkeit ein, was die konventionelle Sichtweise nicht tut. Die Frage des Gedächtnisses ist also eine sehr wichtige und interessante.

Zum Abschluß muß ich noch darauf hinweisen, daß die hier vorgetragene Hypothese sich ihrem Wesen nach mit der Wiederholung von Ereignissen befaßt. Sie erklärt, wie sich Ereignisse wiederholen, wenn sie sich einmal ereignet haben. In ihrer allgemeinsten Formulierung bringt sie uns dazu, die Gesetze der Natur mehr als Gewohnheiten zu betrachten, wie ich schon eingangs gesagt habe. Sie sagt: was einmal geschehen ist, beeinflußt das, was jetzt geschieht, und was jetzt geschieht, wird die Ereignisse in der Zukunft beeinflussen. Je öfter etwas geschieht, desto wahrscheinlicher wird es in Zukunft wieder geschehen, sofern andere Faktoren gleichbleiben. Die Theorie sagt also etwas über Gewohnheiten aus.

Sie erklärt nicht das Phänomen der Kreativität, sagt nichts darüber, wie das erste Mal zustandekommt, wie der erste Dinosaurier, die erste Katze, der erste Gedanke von Sir Isaac Newton oder die erste Symphonie von Mozart entstanden ist. Schöpferische Akte kann diese Theorie nicht erklären, sie handelt von der Wiederholung. Die Frage der Kreativität muß dabei offen bleiben. Ich selbst glaube nicht, daß es überhaupt Aufgabe der Wissenschaft ist, die Kreativität zu erklären. Die Wissenschaft untersucht Regelmäßigkeiten, Kreativität hat aber immer mit dem Einbruch von etwas Neuem zu tun, das man nicht völlig aus ihm heraus erklären kann, was vorher geschehen ist.


Es gibt verschiedene Arten, die Kreativität zu verstehen. Für den Materialisten ist sie letztlich ein Produkt des Zufalls, denn für ihn gibt es im Universum nichts als die Materie, die Naturgesetze und den Zufall. Also wäre Zufall die letzte Erklärung für den Materialisten. Der Phantast oder Animist hat die Vorstellung eines kreativen Faktors in der Natur, einer bestimmenden Intelligenz oder auch einer Hierarchie von bestimmenden Intelligenzen, die für Kreativität und den evolutionären Prozeß verantwortlich ist. Für den Theisten hängt die Kreativität in der Natur letzten Endes von ihrem kreativen Urgrund ab. Diese Frage kann nicht entschieden werden, trotzdem könnten ein Theist und ein Atheist verschiedene Ansichten über Kreativität haben und dennoch gemeinsan im Labor arbeiten und untersuchen, wie morphische Resonanz zustande kommt oder nicht. Diese Hypothese kann also in sehr verschiedenen metaphysischen Positionen ihren Platz finden.

Die Hypothese, die ich hier vorgetragen habe, ist nicht mehr als eine Hypothese, eine Möglichkeit, die ich zur Diskussion stelle. Sie kann mit Hilfe von Experimenten überprüft werden. Einige derartige Experimente sind bereits in Angriff genommen worden, es ist sogar ein Wettbewerb veranstaltet worden, wo ein Preis für die besten Ideen, wie man die Hypothese überprüfen könnte, ausgesetzt worden ist. Es wird wahrscheinlich einige Jahre dauern, bevor wir erste Antworten haben. Aber ich hoffe es wird Antworten geben, die zeigen, ob wir hier in die richtige Richtung gehen oder nicht.

Wenn die Antwort positiv ausfällt, wären die Implikationen dieser Theorie für Physik, Biologie und Psychologie allerdings sehr weitreichend. Und ich glaube, dies würde dazu beitragen, eine wirklich holistische Sichtweise zu entwickeln, die über die mechanistische Betrachtungsweise der Natur weit hinausgehen kann.

aus Rainer Kakuska (Hrsgb.), Andere Wirklichkeiten, Trikont-Verlag, 1984

Rupert Sheldrake bei Wikipedia


Bei solch wenig greifbaren Sachverhalten ist Vorsicht geboten. Sheldrake sagt in obigem Vortrag: »Ich nehme an, daß diese Felder wirklich existieren, daß sie nicht einfach magnetische oder elektrische Felder sind, […]; sondern daß wir es hier mit einer neuen Art von Feld zu tun haben, das von der Wissenschaft bisher noch nicht in Betracht gezogen wurde.«

Dagegen ist z. B. auf Borna-Borreliose-Herpes.de zu lesen:

»Instrumentelle Biokommunikation ist die Möglichkeit, morphogenetische Felder zu scannen und zu informieren. Alles in unserer Welt ist von solchen Feldern umgeben, egal ob Pflanze, Tier oder Mensch oder sogar jedes Ding. Jedes Feld erhält die komplette Information über das, was es umgibt und hält Kontakt zu allen Feldern gleicher Art. Sie sind das Bindeglied, durch das Alles mit Allem verbunden ist. Morphogenetische Felder (siehe dazu auch Rupert Sheldrake [Link]) sind ein elektromagnetisches Phänomen und können daher auch durch elektro-magnetische Schwingungen verändert werden [Hervorhebung von mir]. Biologische Organismen haben die Fähigkeit ausserhalb wahrnehmbarer oder messbarer Bereiche miteinander zu kommunizieren (Biokommunikation). Instrumentelle Biokommunikation ist die Möglichkeit ein physikalisches Gerät so zu bauen, dass es simulieren kann ein biologisches System zu sein. Die Folge: Es kann nun von anderen biologischen Systemen Informationen erhalten oder solche auch an andere Systeme weitergeben.«

Also: Rupert Sheldrake ging Anfang der 80er Jahre mit einer Hypothese an die Öffentlichkeit, die aus der Biologie der 20er Jahre stammte und erweiterte diese. Die Hypothese über die sogannten morphogenetischen Felder besagt: Es gibt immaterielle Felder, die Informationen enthalten. Diese Felder haben mit den bisher bekannten physikalischen Feldern nichts zu tun. Diese Felder wirken über Raum und Zeit hinweg und vermitteln Informationen über Formen (morphogenetische Felder), Wissen (Frösche lernen schneller, aus einem Labyrinth herauszukommen) und Vorgänge (Tiere spüren, wenn sich ihre kilometerweit entfernten Besitzer unvorhergesehenerweise auf den Heimweg machen). Da der Zweig der Hypothese, der sich auf die Formgebung bezieht, inzwischen durch die Entdeckung vom Morphogenen (siehe Wikipedia-Artikel) obsolet wurde, reduzierte Sheldrake seine Hypothese auf »morphische Felder« und beschäftigt sich inzwischen mit Telepathie.
Diejenigen, die entweder ihr eigenes New-Age-Esoterik-Bussiness-Süppchen kochen oder aufgrund neurotischer Strukturen zur Aufrechterhaltung ihrer Identität oder ihres Wohlbefindens auf die Existenz wissenschaftlich nicht nachweisbarer Phänomene angewiesen sind (»Papa hat’s mal wieder nicht gebracht« und »Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen«) und die Sauberkeit ihres Denkens diesen Bedürfnissen unterordnen, vereinnahmen Teile der Hypothese und passen sie in ihre Weltsicht ein.


Zum Schluß eine Buchrezension von Michael Schmidt-Salomon (über Sheldrake/Fox, Engel. Die kosmische Intelligenz, Kösel-Verlag, 1998):

Ich gestehe: Vor einiger Zeit hielt ich Rupert Sheldrake für einen durchaus ernstzunehmenden Wissenschaftler. Seine Ende der achtziger Jahre erstmals veröffentlichte "Theorie der morphogenetischen Felder" schien mir eine zwar unorthodoxe, aber in ihrer Gesamtheit doch diskussionswürdige Alternative zum grassierenden DNA-Fundamentalismus vieler moderner BiologInnen zu sein. Spätestenes nach der Lektüre der gemeinsam mit dem Theologen Mattew Fox publizierten Arbeit über die "kosmische Intelligenz der Engel" befürchte ich , die Dinge anders sehen zu müssen.

Das in Dialogform abgefasste Buch ist in fünf größere Kapitel unterteilt. Im einleitenden Kapitel "Die Wiederkehr der Engel und die neue Kosmologie" versuchen die Autoren, das Thema zu umreißen (vor allem beschäftigen sie sich mit den vermeintlichen Parallelen von Engelsglauben und naturwissenschaftlicher Forschung). In den Kapiteln zwei bis vier werden Texte von Dionysios Areopagita, Thomas von Aquin und Hildegard von Bingen vorgestellt und interpretiert. Im abschließenden Ausblick "Engel im neuen Jahrtausend" fassen Sheldrake und Fox die obskuren "Ergebnisse" ihrer Untersuchung zusammen. Außerdem legen sie eine Liste von "Fragen für die Zukunft" vor, die die gedankliche Unklarheit der Autoren noch einmal in aller Deutlichkeit demonstrieren.

Das Erstaunlichste an diesem Buch ist zweifellos die Art, wie hier komplexe naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit dümmstem, metaphysischem Spuk vermengt werden. (Die Autoren stützen sich nicht nur auf die Visionen der epileptischen Hildegard, sondern auch auf die epochemachenden Arbeiten von Einstein, Planck und Bohr.) Ja, mitunter könnte man sogar schmunzeln über diesen holprigen Versuch, die Existenz von Engeln in das naturwissenschaftliche Weltbild zu integrieren (z.B. über die tendenzielle Gleichsetzung von Engeln und Photonen), wären da nicht die vielen Textstellen, in denen das rückwärtsgewandte Engagement der Verfasser ungeschminkt zu Tage tritt. Denn es ist das erklärte Ziel der Autoren zu einer "Resakralisierung der Welt", einer "Heiligung des Kosmos" beizutragen, weil angeblich nur auf diese Weise der Untergang unserer Spezies zu verhindern ist. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass Sheldrake und Fox das Buch den Engeln gewidmet haben - "in der Hoffnung, dass sie wiederkehren, um uns in das neue Jahrtausend zu geleiten".

Die anti-säkulare Stoßrichtung des Buches wird bereits in der Einleitung deutlich. Dort heißt es: "Engel zu studieren bedeutet, ein Licht auf uns selbst zu werfen, besonders auf diejenigen Aspekte, die in unserer säkularen Zivilisation, in unserem säkularen Schulsystem und sogar in unseren säkularen Gottesdiensten [sic!] unterdrückt worden sind." Den Autoren zufolge war schon die Moderne ein schrecklicher Holzweg. Offen loben sie die prämodernen Kulturen der Vergangenheit, in denen die Menschen an Geistwesen aller Art glaubten. Auch der Astrologie sprechen sie eine überaus wichtige Bedeutung zu. (In diesem Zusammenhang wird auch die astrologische Fundierung der US-Politik unter Ronald Reagan gewürdigt. Dass der astrologiegläubige Reagan u.a. die Staatsschulden der USA in astronomische Höhen katapultierte, wird selbstverständlich dezent verschwiegen).

Fazit: Sollte Sheldrake das Ziel gehabt haben, seinen Ruf als Wissenschaftler völlig zu ruinieren, so ist ihm dies spätestens mit dem vorliegenden Buch hinreichend gelungen. In einem der wenigen lichten Momente dieses Buches heißt es: "Aus diesem Grund sind ja säkulare Humanisten und Rationalisten gegen jede Form von Religion. Wenn man die guten Engel einlässt, dann bekommt man auch die bösen - zusammen mit Verfluchungen und Aberglauben, jenem Alptraum der Hexerei, den die mechanistische, rationalistische Weltsicht für immer beseitigt glaubte." Dass die Autoren trotz dieser Erkenntnis den Engelsglauben wiederbeleben möchten, sollte man freilich nicht auf die transzendentalen Wirkungen vermeintlicher Gottesboten zurückführen, sondern vielmehr auf die durch und durch irdischen Nachwirkungen religiöser Sozialisation, denen sich - wie dieses Buch eindrucksvoll zeigt - selbst kluge Köpfe allzu oft nicht entziehen können.

Donnerstag, 10. Juli 2008

Felder, der zweite von vieren

Wechselwirkung in der Physik

Seit mehr als 2000 Jahren fragen die Philosophen sich, woraus die Dinge in unserer Welt bestehen und wie sie miteinander verbunden sind. Das aristotelische Schema mit seinen vier Elementen, deren Wechselwirkung auf ihre jeweiligen Qualitäten zurückging, nahm auf allerdings sehr schematische Weise bereits unser Verständnis des Aufbaus der Materie vorweg, auch wenn deren Grundhausteine, wie wir sie heute kennen, natürlich nichts mit Feuer, Wasser, Luft und Erde gemein haben.

Wenn es um die Kräfte geht, die zwischen den TEILCHEN wirken, ziehen die Physiker es vor, von Wechselwirkungen zu sprechen, denn diese Kräfte beeinflussen zwar die Bewegung der Teilchen, können aber auch zu einer grundlegenden Veränderung der Teilchen führen, etwa wenn sich eines in ein anderes umwandelt.

In der klassischen Physik übertragen sich Kräfte zwischen zwei Teilchen im Raum über ein Feld: Eines der beiden Teilchen erzeugt ein Feld, das sich im Raum ausbreitet und dann auf das andere Teilchen einwirkt. Sowohl die QUANTENPHYSIK als auch die RELATIVITÄTSTHEORIE zwangen die Physiker, diese Auffassung zu revidieren. Wenn es zu einer Wechselwirkung kommen soll, muss danach »irgendetwas« ausgetauscht werden. Dieses als Quant bezeichnete Etwas ist ein für das Feld charakteristisches Teilchen. Zu einer Wechselwirkung kommt es demnach zwischen zwei Teilchen nur über den Austausch eines dritten Teilchens. Dieses dritte Teilchen, das die Wechselwirkung überträgt oder vermittelt, wird als Eichboson der Wechselwirkung bezeichnet (siehe BOSON UND FERMION). Da man es nicht unmittelbar aufspüren kann, sagt man, es sei VIRTUELL (doch das heißt nicht, dass es kein wirkliches Teilchen wäre). Die Reichweite der Wechselwirkung ist umso geringer, je größer die Masse des Eichbosons ist, das sie überträgt.

Um alle bekannten Phänomene erklären zu können, benötigen die Physiker insgesamt vier Wechselwirkungen [alles Fette in diesem Artikel ist eine Hervorhebung von mir], die als fundamental gelten: die Gravitation natürlich; die elektromagnetische Wechselwirkung, die für den Zusammenhalt der Materie im Bereich unserer menschlichen Größenordnungen sorgt; die schwache Wechselwirkung, die bestimmte radioaktive Prozesse steuert; und die starke Wechselwirkung, die für den Zusammenhalt der Atomkerne sorgt.


Die Gravitation

Die GRAVITATION beherrscht unsere alltägliche Welt, vom Fall eines Körpers bis hin zur Bewegung der Planeten. Dennoch ist sie unvergleichlich schwächer als die übrigen drei fundamentalen Wechselwirkungen, so dass man sie auf der Ebene der Teilchen vernachlässigen kann.

Die gravitative Wechselwirkung ist anziehenden Charakters und von unendlicher Reichweite. Soll sie auf der Ebene der Teilchen mit einer den übrigen Wechselwirkungen vergleichbaren Stärke wirksam werden, bedarf es ganz außergewöhnlicher Bedingungen, wie sie in den ersten Augenblicken des Urknalls herrschten, als eine extrem hohe Energiedichte bestand. Warum hat dann die Gravitation auf makroskopischer Ebene so große Bedeutung? Der Grund liegt darin, dass sie eine ausschließlich anziehende Kraft ist und ihre Wirkungen sich daher akkumulieren; das heißt, sie wächst proportional zur Zahl der beteiligten Teilchen.

Das Teilchen, das die Gravitation übertragen soll, ist das Graviton. Seine Masse ist gleich null, und man hat es noch nicht experimentell nachweisen können. Da die vorausgesagten Effekte der Gravitonen so klein sind, heißt dies jedoch keineswegs, dass sie nicht existierten.


Die elektromagnetische Wechselwirkung

Die elektromagnetische Wechselwirkung (siehe ELEKTROMAGNETISMUS) sorgt für den Zusammenhalt der Atome und beherrscht sowohl die chemischen Reaktionen als auch die Optik. Wie die gravitative Wechselwirkung hat auch sie eine unendliche Reichweite, doch da sie je nach Vorzeichen als anziehende oder als abstoßende Kraft auftritt, heben sich ihre kumulativen Effekte über größere Entfernungen wegen des insgesamt elektrisch neutralen Charakters der Materie gegenseitig auf. Die Theorie, die all diese Aspekte sehr präzise zu erklären vermag, ist die so genannte Quantenelektrodynamik. Sie führt die elektromagnetische Wechselwirkung auf den Austausch virtueller PHOTONEN zurück (als virtuell werden sie bezeichnet, weil sie als Teilchen nicht nachweisbar sind). Alle elektrisch geladenen oder (wie das Neutron) mit einem magnetischen Moment ausgestatteten Teilchen (die daher wie ein winziger Magnet wirken) unterliegen der elektromagnetischen Wechselwirkung.

In früheren Zeiten galten Elektrizität und Magnetismus als zwei getrennte Phänomene. Seit dem 19. Jahrhundert wissen wir, dass der Magnetismus durch die Bewegung elektrischer Ladungen entsteht. So erklären sich zum Beispiel die Störungen, denen ein Kompass in der Nähe eines Gewitters unterliegt. James Clerk Maxwell verdanken wir die Gleichungen, in denen sich sämtliche elektromagnetischen Phänomene zusammenfassen lassen.


Die starke Wechselwirkung

Der ATOMKERN besitzt eine erstaunliche Stabilität. Die Energie, die erforderlich ist, um ein NUKLEON, das heißt ein Proton oder ein Neutron (die beiden Kernbausteine) aus einem Atomkern herauszulösen, ist etwa eine Million Mal größer als die Energie, die das Elektron an den Atomkern bindet. So stellt sich denn die Frage, welche Kraft einen derartigen Zusammenhalt gewährleisten kann. Welche Kraft überwindet die elektrische Abstoßung zwischen den Protonen innerhalb eines Atomkerns, die auf der Tatsache beruht, dass diese Teilchen dieselbe (positive) elektrische Ladung haben? Keine klassische Kraft – weder die elektromagnetische Kraft noch die Gravitation – vermag den Zusammenhalt des Atomkerns zu erklären. Daher muss es eine dritte Kraft geben, die man als starke Kernkraft oder als starke Wechselwirkung bezeichnet. Im Unterschied zu den beiden klassischen Kräften, die im Bereich der Größenordnung eines Atomkerns nur schwach ausgeprägt sind, aber von unendlicher Reichweite sind, ist die starke Wechselwirkung sehr intensiv und besitzt eine sehr geringe Reichweite. Sie ist so stark, dass sie ihre Wirkung innerhalb der unvorstellbar kurzen Zeit von 10-23 s [10 hoch minus 23] entfaltet (das ist die Zeitspanne, die manche extrem instabile Teilchen, die so genannten Resonanzteilchen, benötigen, um zu zerfallen und sich in andere, leichtere Teilchen umzuwandeln (siehe RESONANZ). Die Reichweite der starken Wechselwirkung beträgt etwa ein Fermi, das ist der millionste Teil eines Milliardstel Meters (10-15 m, 10 hoch minus 15 Meter).

Nicht alle Teilchen unterliegen der starken Wechselwirkung. Die Teilchen, die empfindlich für sie sind, bezeichnet man als HADRONEN, die übrigen als LEPTONEN. Wir kennen mehr als 350 Hadronen, die nahezu alle instabil sind.

Die Wechselwirkung zwischen Hadronen, zum Beispiel zwischen den Nukleonen, beruhen auf fundamentaleren Wechselwirkungen zwischen QUARKS (den Teilchen, aus denen Die Hadronen bestehen). Wie die elektromagnetische Wechselwirkung auf der elektrischen Ladung basiert, so geht die starke Wechselwirkung auf die so als FARBE bezeichnete Ladung zurück. Man darf sich allerdings nicht vorstellen, die Quarks waren wirklich bunt. Der Ausdruck »Farbe« (vielfach wird hier der englische Ausdruck colour benutzt) ist lediglich die bildhafte Umschreibung eines Etiketts, einer besonderen Art von Ladung, die diese Teilchen tragen. Die starke Wechselwirkung wird durch die so genannten Gluonen übertragen, Teilchen, deren Name auf das englische glue: »Leim«, zurückgeht, weil die Quarks gleichsam aneinander kleben, wenn man sie voneinander zu trennen versucht. Die Quarks lassen sich nicht als freie Teilchen isolieren, sie sind auf das Innere der Hadronen beschränkt. Im Blick auf die Farbladung wird die Theorie der starken Wechselwirkung als Quantenchromodynamik bezeichnet.


Die schwache Wechselwirkung

Die schwache Wechselwirkung, die gleichfalls nur eine sehr kurze Reichweite hat, wird vielfach als verschwindend gering dargestellt. Sie ist insbesondere für den so genannten Betazerfall verantwortlich. Dabei zerfällt innerhalb eines Atomkerns ein Neutron in ein Proton, ein Elektron und ein Antineutrino. Das Elektron und das Antineutrino verlassen den Atomkern. Da das Proton im Kern verbleibt, entsteht bei dieser Umwandlung ein anderes chemisches Element. Die schwache Wechselwirkung mag zwar nur eine verschwindend geringe Stärke haben, doch sie beherrscht immerhin die thermonuklearen Reaktionen, aus denen unsere Sonne (wie alle übrigen Sterne) die Energie bezieht, von der wir hier auf der Erde leben.

Die Reichweite der schwachen Wechselwirkung beträgt nur ein Tausendstel Fermi (10-18 m, 10 hoch minus 18 Meter), sodass man schon fast von einer Berührung sprechen kann. Die charakteristische Zeit, in der diese Kraft ihre Wirkung entfaltet, ist sehr viel länger als bei der starken Wechselwirkung und reicht von 10-10 [zehn hoch minus zehn] Sekunden bis zu einigen Minuten. Deshalb wird ihre Wirkung oft von der sehr viel schnelleren starken Wechselwirkung verdeckt.

Die schwache Wechselwirkung ist eine Exzentrikerin unter den fundamentalen Wechselwirkungen. Sie lehnt es ab, bestimmten elementaren SYMMETRIEN zu gehorchen, an die sich ihre Schwestern peinlich genau halten; das gilt etwa für die Symmetrie, die als PARITÄT bezeichnet wird.

Die schwache Wechselwirkung wird durch W+-, W-- und Z0-Bosonen [W plus, W minus und Z null-Bosonen] übertragen, deren Existenz 1983 experimentell bewiesen wurde. Sie haben eine vergleichsweise große Masse und sind etwa 100-mal schwerer als die Protonen. Vorausgesagt worden war die Existenz dieser drei überaus kurzlebigen Teilchen schon mehrere Jahre zuvor durch eine kühne Theorie zur Vereinheitlichung der elektromagnetischen und der schwachen Wechselwirkung (so wie die Vereinigung der Elektrizität mit dem Magnetismus die elektromagnetische Welle erforderlich gemacht hatte). Nach den Prinzipien dieser Theorie der elektroschwachen Wechselwirkungen kommt es zu einer scheinbar kaum mit der Natur zu vereinbarenden theoretischen Hochzeit zwischen den schweren Bosonen, die die schwache Wechselwirkung übertragen, und den masselosen Photonen, die für die elektromagnetische Wechselwirkung verantwortlich sind. Doch diese Theorie hat sich im Experiment vollkommen bestätigen lassen, zumindest soweit es die Energie betrifft, die wir in den heutigen Teilchenbeschleunigern erzeugen können.


Die Vereinheitlichung der Wechselwirkungen

Die Kräfte der vier Wechselwirkungen unterscheiden sich durch die Energien, die dabei im Spiel sind, und hier ergibt sich eine Möglichkeit, sie miteinander zu vergleichen. Jedenfalls hofft man, auf der Grundlage von Gesetzen, die bestimmen, auf welche Weise diese Kräfte strukturiert sind und ihre Wirkung entfalten, eine Theorie schaffen zu können, in der die verschiedenen Kräfte nur noch als Formen oder Ausprägungen einer einzigen Kraft erscheinen.

In konzeptioneller Hinsicht sind auf diesem Gebiet in den letzten Jahrzehnten beträchtliche Fortschritte erzielt worden. Dazu gehört vor allem der Beweis, dass elektromagnetische und schwache Wechselwirkungen keine unabhängigen Kräfte darstellen. Im so genannten STANDARDMODELL DER TEILCHENPHYSIK gelang es sogar, drei der vier Wechselwirkungen zusammenzufassen (die dritte ist die starke Wechselwirkung). Dieses Modell liefert eine Klassifikation sämtlicher »Bausteine« der Materie. Als fundamentale Bausteine gelten danach einerseits die Leptonen, z.B. Elektronen und Neutrinos, das sind Teilchen, die sich frei bewegen können und wie die Elektronen nicht der starken Kernkraft unterliegen), und andererseits die Quarks (die der starken Wechselwirkung unterliegen und aus denen die Hadronen, z. B. Protonen und Neutronen, zusammengesetzt sind). Die Quarks sind stets mit anderen Quarks oder Antiquarks verbunden (Quarks lassen sich isoliert nicht nachweisen, ihr Vorhandensein zeigt sich jedoch in Gestalt von Teilchenstrahlen).

Das Standardmodell stützt sieh auf das formale Prinzip der sogenannten Eichinvarianz, das eine elegante und fruchtbare Interpretation der Wechselwirkungen ermöglicht, weil es die Existenz der einzelnen Wechselwirkungen jeweils auf eine spezielle Symmetrie zurückführt. Sogar die Form der Wechselwirkung ist vollständig durch die Symmetrie bestimmt, aus der sie sich herleitet. Auf der Basis dieses Prinzips hoffen die Theoretiker, alle vier Wechselwirkungen einschließlich der Gravitation zu einer Einheit zusammenfassen zu können.

Fast alle Versuche, über das Standardmodell hinaus zu einer wirklich einheitlichen Theorie zu gelangen, die auch die Gravitation auf kohärente Weise einzubinden vermöchte, stützen sich auf eine Symmetrie neuen Typs, die Bosonen und Fermionen (also die Teilchen, die die Wechselwirkungen übertragen) miteinander verknüpft und als »Supersymmetrie« bezeichnet wird. Diese Theorie sagt die Existenz neuer Teilchen voraus, die gleichsam die »supersymmetrisehen« Partner der bekannten Teilchen wären. Keines dieser Teilchen ist bislang entdeckt worden, und der nächsten Generation der Teilchenbeschleuniger fällt vor allem die Aufgabe zu, diese Theorie zu bestätigen oder zu widerlegen.

Die von der elektroschwachen Theorie angesprochene Symmetrie vereint, wie der Name schon andeutet, die Symmetrie der schwachen Wechselwirkung mit der des Elektromagnetismus. Wenn sie darin Recht hat, folgt daraus die Existenz von vier die jeweiligen Wechselwirkungen übertragenden Bosonen, deren Masse gleich null sein müsste. Aber das widerspricht der Erfahrung, denn die drei für die schwache Wechselwirkung verantwortlichen Bosonen besitzen eine recht große Masse, und nur die Masse der Photoneu, die die elektromagnetische Wechselwirkung übertragen, ist gleich null. Wie lässt sich dieser Sachverhalt erklären? Zu diesem Zweck verweist man auf einen »spontanen Bruch« der elektroschwachen Symmetrie, eine Art Sündenfall gleich zu Beginn des Universums. Aufgrund dieses Bruchs blieb nur eine Restsymmetrie erhalten, die elektromagnetische. Zugeschrieben wird dieser Bruch einem speziellen Mechanismus, dem so genannten Higgs-Mechanismus, der eine Erklärung dafür bietet, dass die Teilchen eine Masse besitzen. Zu diesem Zweck wird ein neues, elektrisch neutrales und für die schwache Wechselwirkung empfindliches Feld eingeführt, das Higgs-Feld, das mit den (für die schwache Wechselwirkung verantwortlichen) W+-, W-- und Z0-Bosonen in Wechselwirkung tritt und ihnen eine Masse verleiht, sich jedoch nicht mit dem Photon verbindet, das deshalb masselos bleibt. Wenn dieser Mechanismus einsetzt, kommt es zum Bruch der Symmetrie, und die beiden Wechselwirkungen, die elektromagnetische und die schwache, unterscheiden sich voneinander.

Führt man den Higgs-Mechanismus, der den für die schwache Wechselwirkung verantwortlichen Bosonen eine Masse zuweist, in die Gleichungen ein, funktioniert das Modell bestens (und zwar so gut, dass man die Masse dieser Bosonen schon lange vor ihrer Entdeckung vorhersagen konnte); außerdem entsprechen die Resultate den Ergebnissen der Experimente. Allerdings setzt dieser Mechanismus die Existenz eines neutralen Teilchens voraus, des Higgs-Bosons, dessen Verhalten durch die Theorie, zwar vorgegeben ist, dessen Existenz aber, noch nicht bewiesen werden konnte.

aus Thesaurus der exakten Wissenschaften, Zweitausendeins

Felder, der erste von vieren

Feld

Das physikalische Konzept des Feldes hat nur wenig gemeinsam mit dem ländlich friedlichen Stück Boden, den die Umgangssprache damit assoziiert. In der Physik wurde der Feldbegriff eingeführt, um den Einfluss einer (gravitativen, elektrischen, magnetischen oder sonstigen) Kraft in einem Bereich des Raumes zu beschreiben.

Nehmen wir als Beispiel die GRAVITATION. Seit Newton wissen wir, dass ein Körper A der Masse M (etwa ein Planet) jeden Körper B der Masse m (etwa einen Satelliten) mit einer Kraft P anzieht, deren Stärke sich umgekehrt proportional zum Quadrat der Entfernung d zwischen beiden Körpern verhält. Mathematisch lässt sich dieser Zusammenhang in der Formel F = GmM/d2 [hoch 2] ausdrücken, wobei G die allgemeine Gravitationskonstante ist (siehe NATURKONSTANTEN). Diese klassische Ausdrucksweise, die sich an Kräften orientiert, verknüpft symmetrisch das anziehende mit dem angezogenen Objekt. Man kann jedoch auch die Perspektive wechseln und gleichsam als Mittelglied eine Größe g einführen, die als Gravitationsfeld bezeichnet wird. Dieses Feld ist in jedem Punkt des Raumes definiert, sein Wert ist gegeben durch die Formel g = GM/d2 [wieder d hoch 2] (so dass F = mg). Die Massenanziehung zwischen A und B lässt sich nun auch in der Weise interpretieren, dass man sagt, das Objekt A erzeuge im umgehenden Raum ein Gravitationsfeld g, das allein von der Masse des Objekts A und dem jeweils betrachteten Punkt im Raum abhängt; dieses Feld wirkt nun auf jedes Objekt B der Masse in mit einer Kraft F = mg ein. Man sagt also nicht länger, B sei einer anziehenden Kraft seitens A ausgesetzt, sondern dem von A erzeugten Gravitationsfeld. Der Unterschied ist wichtig, denn er bedeutet einen Wechsel der Perspektive. Das durch eine bestimmte Position gekennzeichnete Objekt A wird in gewisser Weise durch das von ihm erzeugte Feld g ersetzt, dem keine bestimmte Position zukommt.

Dieser Wechsel der Perspektive erlangt seine volle Bedeutung erst in Situationen, in denen das betrachtete Objekt B dem Einfluss mehrerer Körper ausgesetzt ist. Während die Zahl der auf B einwirkenden Kräfte mit der Zahl der anziehenden Körper zunimmt, bleibt es bei einem einzigen Gravitationsfeld, denn dieses Feld ist die Summe der von den einzelnen Objekten erzeugten Felder. Situationen, bei denen mehrere Objekte im Spiel sind, lassen sich so auf stärker synthetische Weise erfassen. Und wenn die Überlagerung mehrerer Felder allzu komplex wird, so dass sich das Gesamtfeld nur noch schwer berechnen lässt, kann man immer noch zu Näherungswerten greifen und ein mittleres Feld konzipieren. Dieses Konzept hat den Physikern auf so disparaten Gebieten wie dem MAGNETISMUS (bei dem es nicht mehr um die gravitative, sondern um die elektromagnetische Wechselwirkung geht) oder der Kernphysik große Dienste erwiesen (siehe WECHSELWIRKUNG IN DER PHYSIK).

Der Feldbegriff hat auch unser Verständnis der Wechselwirkung zwischen physikalischen Systemen revolutioniert. Die Newtonsche Physik sah in den Wechselwirkungen das Ergebnis punktueller, augenblicklicher Fernwirkungen zwischen genau lokalisierten Körpern. [Hervorhebung von mir] In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte der englische Physiker Michael Faraday jedoch für die magnetischen und elektrischen Kräfte den Vorschlag, sie eher mit der Idee einer Nahwirkung über ein in diesem Falle elektromagnetisches Feld zu assoziieren (siehe ELEKTROMAGNETISMUS).

Diese Auffassung, die das Feld zur Grundlage der Wechselwirkungen macht, wurde schrittweise verallgemeinert, und man ging von einem Modell der Fernwirkungen zwischen Körpern oder Teilchen zu einer echten »Feldtheorie« über, in der das Konzept des Feldes eine grundlegende Rolle spielt.

Gelegentlich lassen sich die Wirkungen eines Feldes unmittelbar beobachten. So kann man das von einem Magneten in einer bestimmten Ebene erzeugte Feld sichtbar machen, indem man Eisenfeilspäne auf eine Platte streut. Die Eisenfeilspäne richten sieh dann von selbst an den so genannten Feldlinien aus, so dass die geometrische Gestalt des Feldes erkennbar wird. Auch das LICHT ist aus der Sicht der Physik nur ein spezielles elektromagnetisches Feld. Und nach der modernen Theorie der Gravitation. der allgemeinen Relativitätstheorie, verformt das von einem Stern erzeugte Gravitationsfeld die RAUTM-ZEIT in seiner Umgehung in der Weise, dass die Bahnen von Objekten dort eine Ablenkung erfahren (siehe GRAVITATION).

Zu jeder Wechselwirkung gehört ein charakteristisches Feld: zur gravitativen Wechselwirkung das Gravitationsfeld, zur magnetischen Wechselwirkung das Magnetfeld, zur elektrischen Wechselwirkung das elektrische Feld und so weiter. Der Feldbegriff geht sogar noch über den der Wechselwirkung hinaus. Man verwendet ihn überall dort, wo eine Größe sich für jeden Punkt des Raumes oder zumindest eines Raumbereichs definieren lässt [Hervorhebungen von mir]. So spricht man auch von einem Druckfeld oder einem Temperaturfeld, wenn man die räumliche Verteilung des DRUCKS oder der TEMPERATUR kennzeichnen möchte.

Man kann sich leicht vorstellen, wie viele physikalische Größen sich als Feld darstellen lassen. Insgesamt lassen sie sich jedoch drei Gruppen zuordnen. Die einfachsten Felder sind durch einen einzigen Parameter gekennzeichnet, das heißt durch eine einzige Zahl, die die Stärke des Feldes in jedem Punkt angibt. In diesem Fall spricht man von skalaren Feldern [Hervorhebung von mir]. Hierher gehören etwa die Temperaturfelder (denn die Temperatur ist eine Variable, die nur eine Dimension besitzt). Vektorfelder dagegen sind nicht allein durch eine bestimmte Stärke oder Größe bestimmt, sondern auch durch die jeweilige Richtung der Wirkung. Das gilt zum Beispiel für das elektrische Feld, das darin befindliche elektrisch geladene Teilchen in eine bestimmte Richtung bewegt. Schließlich gibt es Felder mit noch komplexerer Struktur, die man als Tensorfelder bezeichnet [Hervorhebungen von mir]. Sie können sehr viele Dimensionen besitzen. Ein Beispiel für ein Tensorfeld ist das Gravitationsfeld der allgemeinen Relativitätstheorie.

aus Thesaurus der exakten Wissenschaften, Zweitausendeins

Obama macht mir Angst

Lange Zeit habe ich Barack Obama die Daumen gedrückt. Alles ist besser als das Washingtoner Establishment, dachte ich mir lange Zeit. Aber je häufiger ich Obama in irgendwelchen Spots sehe, desto geringer erscheint mir die Entfernung zwischen Heiland und Antichrist. Irgendwie blutleer wirkt er, nicht einschätzbar…
Und jetzt will Obama eine Rede am Brandenburger Tor halten, und Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit findet das eine gute Idee. Vor Jahren habe ich mich darüber geärgert, daß die USA einen amerikanischen Botschafter nach Deutschland entsenden, der kein Deutsch spricht. Nun ja, dachte ich, der Bush ist halt hemdsärmlig, und die politisch Wissenden haben ja lang und breit erklärt, unter Bush würde sich nicht groß was ändern, er hätte ja gute Berater. Inzwischen wissen wir leider mehr.

Eine Rede eines im US-Präsidentschaftswahlkampf stehenden Politikers vor dem Brandenburger Tor halte ich für höchst unseriös, das Ansinnen als solches für einen bösen Fauxpas – um es milde auszudrücken – und das Bürgermeister Wowereit das noch unterstützt ist eine Disqualifikation für einen Politiker solcher Erfahrung.
Wir werden uns also darauf einrichten müssen: Auch unter Obama ist »America first«, und wie bei Bush sind Schüsse aus der Hüfte zu erwarten, bei denen wir unsere Deckung nicht vernachlässigen dürfen.

Montag, 7. Juli 2008

So macht Homöopathie die Atemwege frei

Achten Ärzte auf Symptome, Auslöser und Modalitäten, lässt sich das geeignete Mittel bei grippalem Infekt mit Husten rasch finden.

MÜNCHEN (ug). Bei akuten Atemwegskrankheiten ist das richtige Homäopathikum oft schnell gefunden. Hinweise darauf geben lokale Symptome, Auslöser und Modalitäten, also Bedingungen, unter denen die Beschwerden besser oder schlechter werden.

Sechs Homöopathika, die sich bei grippalem Infekt mit Husten bewährt haben, stellte Dr. Andreas Wacker aus Mannheim auf der Fortbildungsveranstaltung „Homöopathie für die tägliche Praxis“ vor, die die „Ärzte Zeitung“ in München veranstaltet hatte. Für jedes dieser Mittel gibt es sehr deutliche Zeichen.

• Belladonna (Tollkirsche): Typisch sind der plötzliche Beginn der Beschwerden und die flammende Röte des Gesichts. Der Kopf ist heiß, Hände und Füße aber sind kalt. Oft gibt es pulsierende Kopfschmerzen. Das Fieber kann hoch sein. Fieberfantasien sind ein ganz deutlicher Hinweis auf Belladonna. Charakteristisch ist auch: Die Patienten haben wenig Durst. Der Husten ist krampfartig, oft gibt es ein Kitzeln in Kehlkopf oder Trachea. Wichtig sind die Modalitäten: Kälte und Zugluft verschlechtern die Beschwerden. Auch Haareschneiden etwa, denn dann wird es kalt am Kopf. Die Patienten ertragen keine Erschütterung und kein Licht. Ruhe dagegen bringt Besserung.

• Bryonia (Zaunrübe): Die Patienten haben stechende Schmerzen. Die geringste Bewegung tut weh. Selbst tiefes Einatmen ist schmerzhaft. Der Husten ist trocken und ebenfalls sehr schmerzhaft. Druck auf die schmerzenden Stellen hilft. So halten sich die Patienten typischerweise beim Husten die Brust. Der Mund ist trocken, die Patienten sind sehr durstig.

• Pulsatilla (Küchenschelle): Typisch ist die weinerliche Stimmung. Trost, aber auch frische oder kühle Luft helfen. Die Absonderungen aus den Atemwegen sind dick, schleimig und gelblich-grün. Der Auswurf wird vor allem morgens ahgehustet. Abends ist der Husten trocken.

•Arsenicum album (weißes Arsen): Brennen wie Feuer spricht für dieses Mittel. Alle Absonderungen sind sehr scharf und brennend. Der Husten ist trocken. Die Patienten müssen sich beim Hustenanfall aufsetzen. Die Kranken sind ängstlich und unruhig, blass, oft mit zyanotischen Lippen, und frieren stark bis zum Schüttelfrost. Auch hier geben die Modalitäten entscheidende Hinweise auf das Mittel: Die Beschwerden werden nachts zwischen 0 und 3 Uhr schlimmer, vor allem um 1 Uhr herum. Das würden die Patienten in der Praxis auch so berichten, sagte Wacker.

• Dulcamara (Bittersüß): Im Vordergrund steht hier der Auslöser der Beschwerden, nämlich nasse Kälte. Die Patienten erzählen, sie seien durch Verkühlung krank geworden.

•Aconitum (Eisenhut): Wie bei Belladonna haben die Beschwerden plötzlich begonnen. Aber die Patienten sind blass und durstig. Der Husten ist pseudokrupp-artig.

Wacker empfiehlt die Potenz D12. Dosiert wird je nach Intensität der Beschwerden. Ist die Erkrankung sehr akut, kann am ersten Tag stündlich eine Dosis (drei bis fünf Globuli) des passenden Mittels gegeben werden, sonst zwei- bis viermal täglich bis zur Besserung der Beschwerden. Die tritt meist schnell ein. Wenn nicht, hat man nicht das passende Mittel gewählt. Bei der Potenz D12 sei das aber kein Problem, so Wacker. Denn Nebenwirkungen gebe es nicht.


um es noch einfacher zu machen:
man nehme, wenn die Modalitäten nicht ganz klar sind, eine Kombination von Belladonna und Aconitum und verwende Niedrigpotenz-Globuli (D4, D6, D8 oder D12; frei erhältlich in jeder Apotheke, weil: ist ja nix drin). Davon lutsche man alle Stunde zwei von jeder Sorte unter der Zunge. Wenn’s nach 24 Stunden deutlich besser ist, reduziere man die Frequenz auf alle zwei bis drei Stunden, am Folgetag auf alle sechs Stunden. Wenn es am nächsten Tag nur ein wenig besser ist, halte man die hohe Frequenz aufrecht. Wenn es am nächsten Tag nicht besser ist, hat es nichts geholfen und man kann den Apotheker beißen und aufhören.

Donnerstag, 3. Juli 2008

Heute vor 94 Jahren: Die Simla-Konvention

1911 wurde die Mandschu-Ch'ing-Dynastie von den Nationalchinesen unter der Führung von Dr. Sun Yatsen (1866-1925) gestürzt. 1912 wurde die Republik ausgerufen, und Yuan Shik-K'ai (1859-1916) wurde Chinas erster Präsident. Noch im gleichen Jahr (1911) vertrieben die Tibeter die chinesischen Soldaten aus Tibet, und die zwei Ambane, die Repräsentanten des Mandschu-Kaisers, wurden aus Tibet über Indien nach China ausgewiesen. Damit fiel die Oberherrschaft der Mandschus über Tibet endgültig dahin. Es ist hier zu bemerken, dass die Chinesen die Mandschus, die China während 200 Jahre beherrscht haben, als fremde Eindringlinge betrachtet und in diesem Sinne vertrieben haben. Ungeachtet dieser historischen Tatsachen erhob der Präsident der nationalchinesischen Republik, Yuan Shik-K'ai, am 12. April 1912 in bekannter Manier den Anspruch, dass Tibet als chinesische Provinz nach wie vor ein integraler Bestandteil Chinas sei. Der chinesische Standpunkt drückte sich bereits in der ersten Verfassung der Republik Chinas von 1912 aus. Gemäss Artikel 3 dieser Verfassung wurde Tibet zwar nicht als Provinz, aber dennoch zur chinesischen Republik gezählt.Kurz nach seiner Rückkehr aus dem indischen Exil nach Lhasa verkündete der 13. Dalai Lama im Jahre 1913 die Unabhängigkeit Tibets.

1914 fand die Dreier-Konferenz von Simla zwischen den gleichberechtigten Bevollmächtigten Grossbritanniens, Sir Henry McMahon, Tibets, Lönchen Shatra, und Chinas, Ivan Chen, statt. Die "Simla Konferenz" war der erste ernsthafte Versuch im Sinne des heutigen Völkerrechts, die sino-tibetischen Differenzen zu bereinigen und die Grenze Tibets festzulegen. Sie erzielte jedoch keine konkrete Lösung in dieser Frage. In der "Simla Konvention" wurde China die Suzeränität (Oberhoheit) über ganz Tibet zugesprochen, aber China hatte sich zu verpflichten, Tibet nicht als chinesische Provinz zu annektieren. Da die "Simla Konvention" von China wegen der zweitgenannten Klausel nicht ratifiziert wurde, unterzeichneten Grossbritannien und Tibet einen separaten Vertrag. In diesem wurde unter anderem festgehalten, dass Chinas Rechte über Tibet erst bei einer Ratifizierung der Simla-Konvention durch die chinesische Regierung in Kraft treten würden.

China betrachtet heute wie damals das britisch-tibetische Abkommen als ungültig.

aus Tibetfocus

Anstatt mich in endlosen Überlegungen bezüglich der Rechtmäßigkeit der Simla-Konvention zu ergehen zitiere ich lieber den guten alten Mao:

“Mongolen, Mohammedaner, Tibetaner usw. müssen den Chinesen in unserem gemeinsamen Kampf gleichgestellt werden. Niemand darf sie zwingen, die chinesische Sprache oder Schrift gegen ihren Willen zu erlernen. Jeglicher Pan-Hanismus muß aufhören.“ (beim 6. Parteikongress im Oktober 1938)

Der SPIEGEL über die Haltung der Chinesen im Jahr 1950: »
sie beteuerten, sich keineswegs in die inneren Angelegenheiten Tibets einmischen zu wollen. Man wolle den Tibetern ihre Religion und den Klöstern sogar ihren Grund und Boden lassen.«

aus »Wie China Tibet besetzte« aus dem SPIEGEL-Archiv



Wie wir wurden, was wir sind

Wir können unseren Weg zur Menschlichkeit nicht denken. Wir können die Veränderungen nur leben. Eine 68erin befragt ihre Biografie: Was ist geblieben?
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Von Annelie Keil

»Die Menschen können nicht sagen, wie sich eine Sache zugetragen, sondern nur, wie sie meinen, dass sie sich zugetragen hätte«, heißt es bei Georg Christoph Lichtenberg. Und so versuche ich zwischen den Datenbanken der Ereignisse und im Strom der unendlichen Meinungen über diejenigen, die »Die 68er« genannt werden, meine biografische Sandbank zu finden, von der aus ich beschreiben werde, was für mich die »verschiedenen Sachen« waren, die sich zu jener Zeit außerhalb meiner und in mir zugetragen haben und mich mitten im Strom der Bewegung einer Generation bis heute – als fast Siebzigjährige – mutig, neugierig, stolz, dankbar, nachdenklich und immer wieder auch wütend und verzweifelt gemacht haben.

Aber ich beginne mit einem Beispiel der Scham, an das ich mich aus aktuellem Anlass gut erinnere. Irgendwann in den 1970er-Jahren bin ich auf eine Rede des Dalai Lama und in diesem Zusammenhang auf die Folgen des kulturrevolutionären Terrors Chinas und den kulturellen Völkermord in Tibet gestoßen, der unverbrüchlich mit dem Namen Mao Tse-tung verbunden war.

Eine tiefe Scham hat mich bei der Erkenntnis ergriffen, dass wir für Frieden und Freiheit demonstrierenden Studenten zur Zeit der vollzogenen Vertreibung des Dalai Lama die chinesische Kulturrevolution für eine Errungenschaft hielten, den Namen Mao Tse-tung skandierten, seine Gedichte und Texte lasen und die Frage nach Tibet weder stellten noch uns informierten. Beschämt hat mich dabei besonders die Arroganz, mit der wir unsere Eltern angesichts ihrer Blindheit und ihres Schweigens gegenüber dem nationalsozialistischen Terror verurteilten, während wir selbst diese Art von Blindheit an anderer Stelle fortsetzten.

Wann und wie ich zu registrieren begann, dass ich zu einer, vielmehr zu zwei spezifischen Generationen gehöre, die sich durch gemeinsame, prägende Ereignisse in Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenwerden charakterisieren lassen, ist nicht einfach zu beantworten. Bei aller Gemeinsamkeit werden natürlich Krieg, Flucht, Hunger. Verfolgung, Stigmatisierung oder Bewegungen wie die 68er-Zeit nicht nur kollektiv, sondern individuell erlebt, subjektiv unterschiedlich im Lebensverlauf verarbeitet und mit sich verändernden Bedeutungen versehen. So haben die »behüteten und aufsässigen Kinder« aus bürgerlichen Akademikerfamilien, vor allem die Söhne, die Studentenbewegung mit ihrer politischen Aufbruchstimmung mit Sicherheit anders erlebt als ich, die Tochter einer von staatlicher Unterstützung lebenden Mutter, die sich von meinem Studium den sozialen Aufstieg erhoffte.

Als ich 1955 meinen Latein- und Religionslehrer unverhofft mit den gerade in einem Lehrgang für politische Bildung auswendig gelernten Sätzen konfrontierte: »Religion ist Opium für das Volk« und »Das Recht ist das Recht der herrschenden Klasse« und ich mich kurz darauf zum »Auslüften meines Gehirns«, wie er sagte, zur Zwangspause auf dem Schulhof wiederfand, hatte ich schlagartig begriffen, wie wirksam Provokationen bei der Störung der öffentlichen Ordnung, hier der Unterrichtsordnung, sein können. Ich fing gleichzeitig an zu ahnen, wie fragil diese Ordnungen sein können, wenn man sie ernsthaft befragt. Als die Polizei bei einer späteren Demonstration gegen ein Atomkraftwerk meinen Kartoffelsalat und die hart gekochten Eier als »gefährliche Wurfgeschosse« konfiszierte, war dieser Verdacht längst erhärtet. Erst später in den 60er- und 70er-Jahren wurde mir im Kontext anderer Erfahrungen und systematischer Analyse Schritt für Schritt klarer, dass es nicht um die provokatorische Erschütterung von Staat und Gesellschaft in ihren veralteten autoritären Strukturen ging, wenn wir auf der Straße riefen: »Bürger, lasst das Glotzen sein, reiht euch in die Reihen ein!« Wir mussten lernen, dass Ungehorsam, Widerspruch, Bürgerbeteiligung und Zivilcourage im Sinne der unerschrockenen, aber auch differenzierenden Meinung wie überlegte Handlung geistige und soziale Tugenden sind, die sozusagen die Basis für die Streitbarkeit in einer Demokratie und die Bestreitbarkeit von allem sind, was als sicher und unabänderbar im Mantel der Normalität oder als »Parteidisziplin« daherkommt und kritiklos auf Anerkennung pocht. Ich lernte seit meiner Schulzeit verstehen, dass selbstständiges Denken, Vertrauen in die eigenen Gefühle, Mut zur Frage und zum Fehler sowie aktive Einmischung Formen von Zivilcourage waren und den besten Schutz gegen jede Art von Vereinnahmung und ideologischer Überrumpelung darstellten.

Meine Antikriegshaltung wurde auf dem Hintergrund der Kriegskinderfahrung geboren, die Forderungen nach sozialer und Bildungsgerechtigkeit waren im Angesicht meiner Herkunft eine Art Überlebensnotwendigkeit, die Aufforderung zur Auseinandersetzung mit der Lage der Ausgegrenzten am Rande der Gesellschaft war für das Kind einer alleinerziehenden Sozialhilfeempfängerin mit Flüchtlingshintergrund schon mit Erfahrungen im Nachkriegsdeutschland angereichert- und so war die Verbindung zu den geistigen Strömungen und Perspektiven einer Generation, die insgesamt als 68er-Generation stark auf Veränderung setzte, geschaffen.



Annelie Keil ist Schriftstellerin, Sozial- und Gesundheits- wissenschaftlerin, seit 2004 emeritierte Professorin und ehemalige Dekanin an der Universität Bremen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Gesundheitswissen- schaft und psychosomatische Krankenforschung, Biografie- und Lebensweltforschung sowie die Arbeit mit Menschen in Lebenskrisen. Sie ist in zahlreichen psychosozialen Projekten engagiert, wofür ihr 2004 das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde.

Trotz vieler unterschiedlicher Einschätzungen und Differenzen zu Teilen dieser Generationsbewegung gab es so etwas wie prägende gemeinsame Lebenserfahrungen, Grundintentionen und Gestaltungsprinzipien, also eine Art Gruppensozialisation. Dazu gehörte die Vorstellung »Gemeinsam arbeiten, gemeinsam in Wohngemeinschaften leben«, nicht in die Zweisamkeit flüchten, und selbstverständlich schlug sich das auch in den eigenen biografischen Konstruktionen nieder. Die Erfahrungen von fast zwanzig Jahren Wohngemeinschaften möchte ich nicht missen, und sie erleichtern mir im Augenblick die Überlegungen, welche Art von Gemeinschaftsleben ich mir für meinen letzten Lebensabschnitt vorstellen will.

Zu dieser Gruppensozialisation gehörte auch die kritische, manchmal selbstgerechte Auseinandersetzung mit der Generation, die für Nationalsozialismus und Krieg verantwortlich schien, mit unseren Eltern und Lehrern. Weiter gehörte dazu: die Diskussion anderer Familienkonzepte, die Überlegungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Relativierung des Eigentums, Teilen und Spenden für die gemeinsame Sache, Konsumreduktion, nicht so viel Klamottenzwang, mehr soziale Gerechtigkeit. Als Kriegskind und Jugendliche der Nachkriegszeit mit den ersten politischen Erfahrungen in den 1950er-Jahren konnte ich mich auf diese Themen gut einlassen.

Worin bestanden nun aber die typischen zeitgeschichtlichen Herausforderungen meiner Generation, und weiche Antworten haben in meinem Leben eine Rolle gespielt und den inneren Dialog bei der Gestaltung des eigenen Lebensweges nachhaltig beeinflusst? Welche Fragen blieben offen, welche wurden verdrängt, und wie überlagerten und veränderten sich die allgemeineren generationsspezifischen Antworten im Angesicht der unterschiedlichen sozialen Lagen, der Geschlechterdifferenzen, des Bildungsstandes oder des Alters? Wie haben die Kriegskinder die 68er-Bewegung empfunden und wie die nächste Generation, die nur den Wiederaufbau erlebt hatte und dann zum Kern der 68er-Bewegung wurde? Wie stoßen die späteren Gruppierungen »Golf-Generation«, »Generation X« oder die »Generation Praktikum« über ihre Eltern und Großeltern auf die 68er? Was ist geblieben, was vergessen, was wird belächelt oder wütend angeklagt und von wem? Das alles wäre von großem Interesse, aber sprengt den vorliegenden Rahmen.

Als Jahrgang 1939 gehöre ich eindeutig zur »Kriegskindergeneration«, jener Generation, die einerseits als weiße Jahrgänge von keiner deutschen Armee mehr eingezogen wurden, für die sich aber der Krieg in ihren Ängsten, Verletzungen und Verhaltensweisen auf verborgene Weise manchmal bis ins hohe Alter fortsetzte, und die erst in den letzten Jahren auf ein öffentliches und therapeutisches Interesse stoßen. »Ohnemichel« war die abwertende Bezeichnung für die Wiederaufrüstungskritiker und späteren Wehrdienstverweigerer dieses Teils der Nachkriegsgeneration, die unter der Parole »Ohne mich« und getragen von den Gewerkschaften, Intellektuellen, christlichen, Frauen- und anderen Gruppen wie der noch nicht verbotenen KPD die ersten großen Aktionen gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und den Kampf gegen Militarismus und Atombewaffnung eine durchaus wirkungsvolle soziale Bewegung einleiteten, die für viele – auch für mich – konsequent in die Friedensbewegung der 1960er- und 70er Jahre führte. Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten Ostermarsch 1957, an dem ich als Schülerin gegen den Willen meiner Mutter teilnahm, wild entschlossen, zu meiner persönlichen Verantwortung zu stehen und zu bekunden, dass es in dieser Republik Entwicklungen gab, die ohne mich und mein Einverständnis stattfinden. Ich galt noch als »Halbstarke«, als ich das erste Mal einem Polizeiknüppel begegnete, der klarstellte, was Versammlungsfreiheit vor allem nicht ist. Mein Thema im Deutschabitur 1959 lautete: »Schwimme gegen den Strom, segle gegen den Wind, ohne der Vermassung anheimzufallen!« Auch dies war eine gute Vorbereitung auf die Zeit meines Studiums der Politischen Wissenschaften und meinen Versuch, eine eigenständige, begründete und kritische politische Haltung zu entwickeln, die sich den Verhältnissen stellt und nicht davonläuft, wenn es schwierig wird. In einer Gruppe indifferenter oder eingleisiger Menschen, die sich nur ihrer Familie, ihrem Beruf oder ihrer Wissenschaft stellen, zur Mitläuferin zu werden, war schon sehr früh eine Horrorvorstellung für mich.

Es gab aber neben dem Interesse an politischer Beteiligung und dem »Nie wieder Krieg« eine andere Seite des gemeinsamen Erlebnisses Krieg in dieser Kriegskindergeneration. Wir haben uns persönlich und biografisch kaum oder gar nicht mit dem Thema Kriegskindheit und ihren Folgen für uns auseinandergesetzt. Krieg aus der Perspektive des Kindes, als Grundlage spezifischer biografischer Bewältigungsmuster, jenseits der Opferhaltung, die Eltern und Gesellschaft wie Abwehrwaffen vor sich hertrugen, gab es nicht, wie ich mit politischen Freunden und Freundinnen in einem Buch über uns Kriegskinder herauszuarbeiten versuchte. Die Ablehnung des Krieges und die Ablehnung von Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung waren für uns Kriegskinder glaubwürdiger zu vertreten als für manchen, der diese Erfahrungen nicht hatte. Aber es gab mehr zu sagen! Umstellt von dem »Tabu Krieg«, dem »Tabu Nationalsozialismus« und dem »Tabu Angst«, lebten wir mit unserer spezifischen Erfahrung in den Tabuzonen einer früheren Generation, die unsere Eltern und Erzieher waren – und hatten gelernt über uns selbst, unsere Ängste, unsere Wut, unsere Verzweiflung und Zukunftssorgen zu schweigen oder allenfalls heroisch oder bagatellisierend darüber zu sprechen.

Durch meine Kindheit im Krieg, die Erfahrung von Flucht, Gefangenschaft und Vertriebenenexistenz im Nachkriegsdeutschland, den Kampf um eine gute Schulbildung und Leistungsbereitschaft der Tochter einer alleinerziehenden Mutter mit Sozialhilfe, durch einen starken Willen zur Eroberung von Lebenschancen und einen tiefen Glauben an soziale Gerechtigkeit und Veränderbarkeit der Welt, die es allerdings zu erkämpfen galt, war ich biografisch auf ein Studium der Politik- und Sozialwissenschaften in den 1960er-Jahren und die geistigen, sozialen und politischen Bewegungen, die dem Jahr 1968 vorausgingen und folgten, bestens vorbereitet. Meine zweite Generationszugehörigkeit zu den 68ern, für deren jüngere Vertreter aus den Geburtsjahrgängen der 1950er-Jahre ich schon zum alten Eisen gehörte, folgte nicht nur gefühlsmäßig konsequent aus der ersten Generationszugehörigkeit. Wenn man der ganzen Bewegung die Farbe Rot als Farbe der Lust und Hoffnung auf Veränderung zuordnen will, dann konnte ich den »roten Faden« meiner Biografie weiterverfolgen, vertiefen und mit neuen Inhalten füllen. Im Klassenbuch meiner Lehrer hatte ich den Spitznamen «Rote Zora«, der nicht als Diskriminierung, sondern als Anerkennung meiner sozialen Kämpferseele gemeint war, wie mein alter Klassenlehrer später bezeugte.

Generation als biografische Erfahrung, Politisierung als Prozess der Humanisierung der öffentlichen wie der persönlichen Verhältnisse, anfangen und aufhören lernen, Fehler machen und sie auch einräumen, statt auf Sicherheit zu setzen, die nichts wagt, Geschichtlichkeit erkennen und im Schlagabtausch das noch Tauschbare erkennen, neugierig bleiben, an eigene Erfolge glauben und nicht auf Utopia hoffen, Spuren sichern – das sind Zeichen am Rand des Weges, den ich ging, gehen wollte und gehe, den ich aber inmitten von Enttäuschungen, Überforderungen und politischer Resignation immer wieder auch zu verlieren drohte.

Wann und wie habe ich angefangen, in den 1960er-Jahren bewusster nach Koordinaten zu suchen, die mich die gesellschaftliche Welt besser verstehen ließen und mir Orientierung und Hoffnung versprachen? Und wann habe ich die kurzfristige Sicherheit, dass dies eigentlich ganz einfach sei und man nur die Haupt- und Nebenwidersprüche zu unterscheiden lernen muss, Gott sei Dank wieder verloren, ohne den dahinterliegenden Grundgedanken ganz zu verdammen? Wann habe ich angefangen, stolz auf mein Wissen zu sein, ohne die anderen zu verurteilen oder mich kränken und verunsichern zu lassen, dass ich auch als Professorin in Amt und Würden in der Wissenschaft einen anderen Weg gehen wollte? Wie lernte ich an Stadtvierteln, ihren Häusern und Bürgersteigen erkennen, dass da nicht jeder wohnen konnte, und wann wurden Obdachlose, Kranke, Arme und Menschen auf der Flucht vor dem Terror dieser Welt meine Lehrerinnen und Meister? Wann habe ich angefangen und immer wieder auch aufgehört, daran zu glauben, dass eine Welt ohne Krieg möglich ist und dass man Frieden auch im Umkreis von zehn Metern um sich herum ohne die unterschiedlichen Waffen schaffen kann?

Wenn es die 68er überhaupt gegeben hätte, dann wüsste ich nicht, über wen und was ich schreiben sollte und wollte. Ich wäre nicht gemeint und viele meiner Freunde und Freundinnen wie politischen Weggefährten aus dieser Zeit auch nicht. Was ich an Filmen, Dokumentationen und Gedrucktem in der letzten Zeit in den Rückblicken nach vierzig Jahren dazu gesehen und gelesen habe, hat mir den einen oder anderen Gedanken nahegebracht, mich aber in der Gesamtbetrachtung mehr oder weniger ratlos gemacht. Vieles klingt so undenkbar gewiss, so unerträglich moralisch. Die Jubelberichte und Abgesänge kommen wie aus einer Feder und haben nur wenig mit dem zu tun, was als biografische und gemeinsame Erfahrung einer Generation nicht nur in den Beteiligten noch lebendig ist. Verfall der Werte, Kindermangel, Pisa-Katastrophe, Terrorismus von allen Seiten, Leistungsverfall – die 68er sind an allem schuld, wenn man nur das richtige Reizwort findet. Vieles klingt wie die »Quadratur des Kekses«, so der Titel eines Buches (Gorris, Schrubben) mit den unglaublichen wie bizarren Meldungen, die Spiegelreporter aus seriösen Tageszeitungen aufgespießt haben: »Mann lebte vier Jahre im Wald«, »Frau rettet Schiffbrüchige mit Muttermilch«, »Pfau liebt Zapfsäule« und »Baby muss Hund heiraten«. Gute Fragen. Wer lebt in welchem Wald? Wie sehen die Pläne zur Rettung Schiffbrüchiger bei Hartz IV aus? Die Benzinpreise bringen den schönsten Pfau auf Trab, und vielleicht wäre manches Baby nicht erst in der Pubertät als Jugendliche auf der Straße lieber mit einem Hund als mit den Eltern oder den Pädagogen »verheiratet«, die immer nur das Beste wollen, aber die Betroffenen selbst nie danach fragen.

Was den 68ern im Rundumschlag alles zugeschrieben wird, was sie gewollt und nicht gewollt, an was sie schuld sind und was sie verraten haben, wie sie im Marsch durch die Institutionen auf und unter den Karrierestühlen Platz genommen haben oder Berufsverbote und andere Platzverweise bekamen, darüber will ich hier nicht richten und weder Lob- noch Klagelieder anstimmen. Ich nehme den biografischen Blickwinkel einer Frau ein, die mit ihrer Vorgeschichte und mit dem, was aus ihr geworden ist, die 1960er- und 70er-Jahre und die Zugehörigkeit zur 68er-Generation als ihre wichtigste Lebensphase von nachhaltiger Bedeutung mit Aufbruchstimmung, großem Erkenntnisgewinn, Zukunftsperspektive und Gestaltungsmöglichkeiten empfindet. Die Zweifel und Irrtümer, die Wut über das, was nicht gelungen ist, die blinden Flecken sind in dieser Bilanz eingeschlossen, denn sie haben dafür gesorgt, dass es auch nach den Aufbruchsjahren noch viel zu denken, zu fühlen, zu korrigieren und zu handeln gab. Eine Erkenntnis aus dieser Zeit ist nie aus meinem Bewusstsein gewichen: Institutionen und eben auch Bewegungen schaffen Gewissheiten, und genau die müssen infrage gestellt werden. «Nimmt man Gewissheiten ernst, so töten sie das Herz und fesseln die Fantasie«, mit dieser Klarstellung ist Iwan Illich zu einem meiner wichtigsten Lehrer geworden. Die Frage nach der Bedeutung von Religion und Spiritualität hake ich nicht mehr unter »Opium« ab, und manche andere provokatorische Gewissheit konnte biografisch überprüft werden.



Generationserfahrung als biografischer Prozess: Das bedeutete immer wieder neu, Zusammenhänge zwischen der Bewegung in all ihren Formen und sich selbst zu stiften und zu überprüfen. Das Gefühl, auch international in einem Generationszusammenhang zu stehen und zu neuen Ufern aufbrechen zu können, war mit Ereignissen wie »Pariser Mai«, »Prager Frühling«, »Black Power Bewegung«, »Free Speech Movement« verbunden und forderte dazu heraus, inhaltlich Stellung zu beziehen und nach Aktionsmöglichkeiten zu suchen, die im Kontext der internationalen Solidarität die notwendigen Konsequenzen für die eigenen Bewegungen im Auge hatte. Die Ermordung von Kennedy (1963), Che Guevara (1967), Martin Luther King (1968), Salvador Allende (1973) und Siegfried Buback (1977) haben mich in unterschiedlicher Weise bewegt und die alte Angst gegenüber Gewalt aufflammen lassen sowie die Idee vom gewaltfreien Widerstand als politische Überzeugung begründen helfen. Es war mir menschlich und politisch unbegreiflich, dass die RAF entstand, dass so kluge Frauen wie Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin sich darauf einlassen konnten, und überhaupt machte mir die zunehmende Fraktionierung der »Bewegung« in all die Gruppen mit Gewissheitsansprüchen und die Tolerierung unterschiedlicher Formen von Gewalt und Machtgehabe sehr zu schaffen.

In Amt und Würden: »Die Forderungen nach sozialer und Bildungsgerechtigkeit waren im Angesicht meiner Herkunft eine Art Überlebensnotwendigkeit.«



Die Verabschiedung der Notstandsgesetze, die Verhaftung der schwarzen Bürgerrechtlerin Angela Davis in den USA, die Reden von Rudi Dutschke und die Attentate auf ihn und Benno Ohnesorg, das Massaker von My Lai in Südvietnam (1968) und der Vietnamkrieg insgesamt, die großen Vietnamdemonstrationen in Westberlin (1966) und anderswo, später die große Demonstration gegen das geplante AKW Brokdorf (1976), der Radikalenerlass und die Berufsverbote, die mit den unglaublichsten Begründungen ausgesprochen wurden, waren für mich nicht irgendwelche Ereignisse, sondern Auslöser nächtelanger Diskussionen und nervenaufreibender Auseinandersetzungen, kontroverser Einschätzungen und letztlich Anlass zur persönlichen wie beruflichen Beteiligung an anderen gesellschaftlich relevanten Bewegungen, die die »geistigen Strömungen« aufnahmen, wie die Frauenbewegung, Schwulen- und Lesbenbewegung, Antipsychiatrie- und Gesundheitsbewegung. Lehrlings-, Schüler- und Jugendzentrumsbewegung, Hausbesetzerbewegung oder die Bewegung gegen Sozialabbau.

Vierzig Jahre danach wird vieles lebendig, wenn ich frage, ob und wie mich diese bewegt-bewegende Zeit geprägt, vorangebracht, ermutigt, emanzipiert, aber natürlich auch vieles hat übersehen lassen. Im »langen Marsch durch die Institutionen«, von dem Rudi Dutschke gesprochen hatte, wurde mit der biografischen und politischen Lebenserfahrung vieles klarer, was ein solcher Weg im Generationszusammenhang für den Einzelnen bedeuten kann. Die gesellschaftliche und psychosoziale Praxis braucht bis heute weniger das »revolutionäre Subjekt«, oder dessen »bürgerlichen Kritiker«, dafür aber das engagierte, mitdenkende und handelnde Subjekt, das sich auch dann einzumischen wagt, wenn nicht alles klar oder ganz sicher scheint, wohin die Reise geht und wer die Bündnispartner sein werden, ein Subjekt, das vor allem nachhaltig an Lösungen arbeitet. Und deutlicher wurde auch, dass Arroganz, Besserwisserei und ideologische Gewissheiten – egal welcher Einfärbung – nicht die Säulen einer Gesellschaft und Lebenskultur sein können, dass diese auch nicht den »Muff unter den Talaren« wegblasen und wirklich für dauerhaften frischen Wind sorgen. Für mich war diese Zeit eine umfassende Herausforderung und Ermutigung, an einer Vision mitzuarbeiten, die Iwan Illich und andere zur Zeit des Marsches auf das Pentagon 1967 in einem »Aufruf zur Feier« zusammengefasst haben: »Zur Feier unserer gemeinsamen Kräfte, damit alle Menschen die Nahrung, Kleidung und Behausung erhalten, deren sie bedürfen, um sich des Lebens zu erfreuen; zur gemeinsamen Entdeckung dessen, was wir tun müssen, damit die unbegrenzte Macht der Menschheit dazu benutzt wird, jedem von uns Menschlichkeit, Würde und Freude zu verschaffen; zu verantwortlicher Bewusstheit unserer persönlichen Fähigkeit, unseren wahren Gefühlen Ausdruck zu verleihen und uns dabei zusammenzuschließen. Wir können diese Veränderungen nur leben; wir können unseren Weg zur Menschlichkeit nicht denken. Jeder Einzelne von uns und jede Gruppe … muss zum Modell eines Zeitalters werden, das wir zu schaffen begehren« (Illich, 1996, S. 152). Eine große, vielleicht nicht einlösbare Aufgabe, aber eine konkrete Utopie, in der die Hoffnung kein Hundeleben erträgt und ins Gelingen verliebt ist, wie der Philosoph Ernst Bloch uns beigebracht hat. Ich bin zutiefst dankbar für die Erkenntnisse und Träume, die ich meinen Erfahrungen in der Kriegskinder- und 68er-Generation verdanke, Sie machen auch das Älterwerden leichter! •

Von der Autorin zuletzt erschienen: Dem Leben begegnen. Vom biologischen Überraschungsei zur eigenen Biografie, Ariston/ Hugendubel, Kreuzlingen, München 2oo6.

aus Publik-Forum 12@2008

Am 23. September denke ich ein paar Links zu posten zum Tomaten-Startschuß der real existierenden deutschen Frauenbewegung. Einen kurzen Kunstgenuß aus dem fröhlich-dramatischen Geschlechterchaos in den Köpfen kann ich mir nicht verkneifen:

Am 13. September [1969, auf der 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes] ist die Studentin Helke Sander mit ihrer Rede an der Reihe. Sander hatte in Berlin den Aktionsrat zur Befreiung der Frau gegründet, nachdem sie als Studentin gemeinsam mit anderen Frauen Wege gesucht hatte, Familie und Studium miteinander zu verbinden. Die Idee zu den ersten Kinderläden entstammten diesem Aktionsrat. „Wir müssen hier nämlich einmal feststellen,“, sagt sie „dass an der Gesamtgesellschaft etwas mehr Frauen als Männer beteiligt sind.“ Es sei höchste Zeit, die sich daraus ergebenden Ansprüche anzumelden. Sie fordert den SDS auf, darüber zu diskutieren welche praktischen Auswirkungen die Revolution, über die ständig geredet werde, denn nun haben solle: Auf die Erziehung der Kinder, auf das private Miteinander von Mann und Frau und auf die Gleichberechtigung. Wenn die Genossen dazu nicht bereit seien, sei der SDS nicht mehr als ein aufgeblasener Hefeteig.

Der SDS ist nicht bereit. Nach Sanders Rede wird erst einmal eine Mittagspause eingelegt und danach möchte keiner so recht über die Emanzipation diskutieren. Die mit Helke Sander angereiste Studentin Sigrid Rüger ist außer sich, aber vorbereitet. Rüger bewirft Hans-Jürgen Krahl [einen Adorno-Schüler], der gerade zu einer seiner berüchtigten theorielastigen Reden anheben will, mit drei Tomaten. „Genosse Krahl! Du bist objektiv ein Konterrevolutionär und ein Agent des Klassenfeinds dazu“ bekommt der verdutzte intellektuelle Kopf des SDS zu hören.

Fritz Teufel, Mitbegründer der Kommune 1 und leidenschaftlicher Provokateur, ist jetzt in seinem Element. Er geht mit einer Plastik-MP über der Schulter zum Mikrofon und fordert, alle Frauen aus dem SDS auszuschließen, „da sie ja doch nur die partriarchalen Strukturen verschleiern. Sie kommen sowieso kaum zu Wort und wenn, quatschen sie noch entfremdeter und blöder daher als die Männer.“.
aus »Ein Stadtrundgang nach 40 Jahren« auf hr-Online

Die 68er – Aufbegehren gegen starre Strukturen

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Von Irene Dänzer-Vanotti

Die 6oer-Jahre des 20. Jahrhunderts sind in der Bundesrepublik und Europa insgesamt von Bestrebungen zur Befreiung der Menschen aus erzwungenen Konstellationen und Beziehungen gekennzeichnet. Allerdings steht jedem Versuch politischer Veränderung der rigide Antikommunismus der Konservativen, ja wahrscheinlich der Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung entgegen.

1960 beginnt die Ostermarschbewegung mit Demonstrationen gegen Wiederbewaffnung und Krieg. Diese Bewegung wird die Wurzel der Friedensbewegung und der ökologischen Bewegung der späten 70er- und 80er-Jahre. An Ostern 1962 etwa nehmen 50 000 Menschen an den Demonstrationen teil.

1961 kommt zum ersten Mal die Pille auf den Markt. Sie ermöglicht freie Sexualität und damit ein bisher in der Geschichte ungekanntes Selbstbewusstsein der Frau. Zur Emanzipation der Frauen tragen natürlich auch andere Faktoren bei – bessere Ausbildung, Möglichkeiten wirtschaftlicher Unabhängigkeit –,aber die Pille ist ein entscheidender Faktor. Die Hippie-Bewegung Ende der 6oer-Jahre wäre ohne das einigermaßen sichere Verhütungsmittel nicht möglich gewesen.

1962 nimmt die Polizei in München zwei Straßenmusikanten fest, weil ihr Gesang »ruhestörend« sei. Es kommt daraufhin in Schwabing mehrere Tage lang zu Straßenkrawallen.

1962, der Vietnamkrieg ist während der gesamten 60er-Jahre Hintergrund der verschiedenen Bewegungen, die für den Frieden eintreten (Make love not war) und sich kritisch mit der Rolle der USA auseinandersetzen. Vor allem an den amerikanischen Universitäten – Berkeley in Kalifornien ist das Zentrum – sind Friedens- und Protestbewegung verknüpft. Aber natürlich auch in Deutschland. Die USA, die in der Nachkriegszeit als die Kaugummi und Carepakete spendenden Retter betrachtet wurden, werden jetzt in der Rolle der Unterdrücker und Kriegstreiber wahrgenommen.

An den deutschen Universitäten beginnen sich Studenten in den frühen 60er-Jahren gegen die Allmacht der Professoren aufzulehnen und demokratische Strukturen zu fordern. Bei allen Protesten spielte der körperliche Einsatz (Sit-in, Blockaden, Märsche etc.) eine große Rolle.

In dieser Zeit tragen Studenten erstmals keine Krawatten an der Uni und duzen einander.

Spezifisch für die deutsche 8ewegung ist die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Zwei Ereignisse fachen die Debatten an:

1965 endet in Frankfurt der Auschwitz-Prozess mit sechs lebenslangen, elf Zeitstrafen und drei Freisprüchen. Der Prozess führt den Deutschen – vielleicht zum ersten Mal – im Detail vor Augen, welche Verbrechen Deutsche in der Uniiforrn der Nationalsozialisten begingen.

1967 erscheint das Buch »Die Unfähigkeit zu trauern« von Margarete und Alexander Mitscherlich. Schon der Titel wird legendär. Er trägt dazu bei, dass die junge Generation ihre Väter und Mütter nach ihrer Geschichte in Krieg und Diktatur fragt. – Ein Teil der Wucht und der Wut, die die 68er-Bewegung in Deutschland hatte, sind nur in dem Zusammenhang zu verstehen.

Demonstranten im Strahl der Wasserwerfer: Ostermarsch in Berlin, 1968
Wucht und Wut verschafften sich auch in der Kultur Raum: Als einen weiteren Zündfunken für die Bewegung sehen viele das Konzert der Rolling Stones am 15. September 1965 auf der Berliner Waldbühne. Kaum war »Satisfaction« erklungen, tobte die Menge und schlug alles kurz und klein. Es folgten mehrstündige Straßenschlachten.

Vier Tage später wird Ludwig Erhard zum Bundeskanzler gewählt: Die Mehrheit der Deutschen ist also freundlich-demokratisch, aber auch bieder und brav.

Es kommt zur Großen Koalition.

Die Koalition beschließt die Notstandsgesetze. Eine Verfassungsänderung, die sagt: Im Fall eines Angriffs oder einer anderen außergewöhnlichen Situation kann das Grundgesetz außer Kraft gesetzt werden. Dagegen protestieren (vor allem) Studenten in ganz Deutschland. In vielen Städten werden die Proteste mit der Ablehnung lokaler Entscheidungen (etwa Erhöhung der Straßenbahntarife) verknüpft. Die Stimmung des Kritisierens hat Raum gegriffen. Von jetzt an wird nicht mehr einfach akzeptiert, was die Autoritäten im Staat – ob das Minister, Kanzler, Professoren, Lehrer oder Ärzte sind – entscheiden.

Im Dezember 1966 ruft Rudi Dutschke zur Gründung der APO, der Außerparlamentarischen Opposition, auf.

Suche nach neuen Lebensformen: Rainer Langhans und Uschi Obermaier

1967 ist Deutschland das zentrale Jahr des Aufstands. Es beginnt damit, dass am 1. Januar Rainer Langhans, Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann und andere die »Kommune 1« gründen. Damit finden die Suche nach neuen Lebensformen und die neue Macht der freien Sexualität einen Ort und einen Namen.


Politisch ist das entscheidende Datum für die ganze Bewegung der 2. Juni 1967. Der Schah von Persien und seine Frau Farah Diba besuchen Berlin. Berliner demonstrieren gegen den Schah. Am Rande der Demo erschießt ein Polizist aus der Nähe den Studenten Benno Ohnesorg. Der Polizist wird später freigesprochen und bleibt bis in die 1980er-Jahre im Amt. Ein Kommando der Roten Armee Fraktion – RAF– nennt sich nach diesem Tag.

Ikonen des politischen Widerstands: Rudi Dutschke und Fritz Teufel

Jetzt wird Rudi Dutschke endgültig der Anführer der Revolte.


»Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren«: dieser Spruch entsteht 1967. Zwei Hamburger Jura-Studenten schreiben ihn auf ein Spruchband, das sie bei einer feierlichen Rektoratsübergabe entrollen. Sie treffen damit den Nerv der Zeit.

1968, am 11. April – Gründonnerstag – verübt der Arbeiter Josef Bachmann auf offener Straße ein Attentat auf Rudi Dutschke. Es folgen gewaltsame Proteste während des Osterfestes in verschiedenen deutschen Städten.

Sigrid Rüger vom SDS wirft ihrem Kollegen Hans-Jürgen Krahl eine Tomate ins Gesicht. Die Frauen des SDS proben den Aufstand gegen die »sozialistischen Eminenzen mit den bürgerlichen Schwänzen«.

Der SDS wurde 1970 aufgelöst, nachdem der frühere Vorsitzende Hans-Jürgen Krahl bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Eine neue Form der Auflehnung gegen herrschende Machtverhältnisse sind die Besetzungen von Häusern. In den meisten Universitätsstädten wird leer stehender Wohnraum besetzt. Berühmt wird die Besetzer-Szene von Frankfurt. Joschka Fischer gehörte dazu.

Love-and-Peace-Ära: Das legendäre Rock-Festival von Woodstock

1969 feiert die Popmusik ein Fest, das zur Legende werden soll: Woodstock. Auch hier mischen sich freie Liebe, Sexualität, Rausch und Auflehnung gegen die USA (Jimi Hendrix spielt eine entfremdete Version der US-Nationalhymne, die im Klang das Verbrechen von Vietnam laut werden lässt). •



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aus Publik-Forum Nr. 12•2008