Freitag, 7. März 2008

Erfolg für Kindsmörder Gäfgen

Jurastudent verklagt Land Hessen auf Schmerzensgeld

Von Christian Rath


Karlsruhe. Der verurteilte Entführer und Mörder des Bankierssohnes Jakob von Metzler, Magnus Gäfgen, bekommt Prozesskostenhilfe für seine Schadensersatzklage gegen das Land Hessen. Dies hat gestern das Bundesverfassungsgericht entschieden. Gäfgens Anwalt Michael Heuchemer freute sich: „Damit hat das Gericht die Seriosität unserer Klage bestätigt.“ Der Jurastudent Gäfgen entführte und erstickte den elfjährigen Jakob 2002. Nach Gäfgens Verhaftung drohte ihm der Frankfurter Polizeivizepräsident Wolfgang Daschner mit der Zufügung von Schmerzen „wie er sie noch nie verspürt“ habe. Daschner wollte so den vermeintlich noch lebenden Jungen retten. Gäfgen führte die Polizei daraufhin zur Leiche.
Inzwischen verlangt Gäfgen, der zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, Schmerzensgeld und Schadensersatz vom Land Hessen. Er leide wegen Daschners Vorgehen unter Angstzuständen, die ärztlich behandelt werden müssten. Um den Prozess führen zu können, beantragte Gäfgen Prozesskostenhilfe, da er mittellos sei. Das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt lehnte den Antrag jedoch ab, weil die Klage nicht Erfolg versprechend sei. Gäfgen habe bereits ausreichend Genugtuung dadurch erhalten, dass Daschner wegen Nötigung zu einer Geldstrafe auf Bewährung verurteilt wurde.
Das Bundesverfassungsgericht ermöglicht Gäfgen nun aber doch, den Prozess um Schadensersatz zu führen, denn die Klage werfe schwierige Rechtsfragen auf. Der Rechtsstaat müsse sicherstellen, dass alle Bürger gleichen Zugang zum Recht finden. Dass Gäfgen gemordet hat, spielte in dem Verfahren keine Rolle.
Es wird nun also vor dem Landgericht Frankfurt zum Prozess „Gäfgen gegen Hessen“ kommen. Gäfgen gehe es dabei weniger ums Geld. Vielmehr wolle er herausfinden, wer Daschners Vorgehen im hessischen Innenministerium gedeckt hat. Daschner hatte im Strafprozess gesagt, er habe sich mit einem Vorgesetzten in Wiesbaden abgestimmt, dessen Namen er aber nicht nennen wollte. „Im Zivilprozess hat Daschner kein Aussageverweigerungsrecht mehr“, erklärt Heuchemer.
aus der HAZ vom 6.3.08


Der Daschner-Prozeß bei Wikipedia
Volker Erb, Nicht Folter sondern Nothilfe (bei der Zeit)
Ein Interview mit Wolfgang Daschner bei Bild
Reinhard Müller, Ich wollte meine Ruhe haben (bei der FAZ)
Ulrich Perwass, Berichten Sie wohl (auf seiner Homepage)
Markus Benecke, Rezension von Adrienne Lochte, Sie werden dich nicht finden. Der Fall Jakob von Metzler (2004)
Markus Benecke, Rezension von Magnus Gäfgen, Allein mit Gott: Der Weg zurück (2005; erschienen im Verlag Atlantic Millenium Press, Bendorf, der dem Verteidiger von Magnus Gäfgen, Michael Heuchemer, gehört)

Pressespiegel auf der Homepage von Michael Heuchemer
Kommentar aus der Kanzlei Hoenig in Berlin (ich verstehe überhaupt nicht, weshalb deren Links nicht mehr funktionieren! auch der nicht!)
Die Seite jurabilis macht sich einige erhellende Gedanken über die Stiftung von Magnus Gäfgen, die auch das anstehende Verfahren erklären könnten.
Jürgen Schreiber, Gegen den Rest der Welt (beim Tagesspiegel)

Carechild.de vermutet blank liegende Nerven. Die Seite behauptet, der Verteidiger von Markus Gäfgen besitze die Nutzungsrechte am Namen seines Mandanten und sei bei der Domainvergabestelle Denic auch als Verantwortlicher für die Domain www.magnus-gaefgen.de eingetragen (absichtlich nicht verlinkt). Carechild-Zitat: „Auch bei Kindermord gibt es also strahlende Gewinner, so skrupellos sie auch sein mögen.“














Es wäre interessant, darüber zu spekulieren, was geschehen wäre, wenn Jakob von Metzler lebend hätte aufgefunden werden können. Auch wäre es überlegenswert, ob die Liga für Menschenrechte auch eine Klage gegen Helmut Schmidt begrüßen würde. Dieser hatte angesichts der Flutkatastrophe 1962 den Einsatz der Bundeswehr bewirkt, was nicht verfassungskonform war (Verbot des Einsatzsatzes der Bundeswehr im Inneren). Ich stelle mir gerade die öffentliche Reaktion im Jahr 1962 vor, wenn Helmut Schmidt angeklagt worden wäre.


Berlin, New York, Bagdad: Der Krieg der Geheimdienste

Berlin. Wenn Geheimdienstleute in der Öffentlichkeit auftreten und über ihre Arbeit erzählen müssen, dann erwecken sie grundsätzlich den Eindruck, diese sei sterbenslangweilig. Viel Schreibtischarbeit, viel Aktenstudium. Manchmal aber kommt auf Umwegen heraus, dass das offenbar nicht stimmt.
Der Konkurrenzkampf ist hart in der Branche. Mit Staunen hört man zum Beispiel, dass der deutsche Bundesnachrichtendienst BND und der US-amerikanische Geheimdienst CIA einander in herzlicher Abneigung zugetan sind. Und dass es geheimnisvolle Typen gibt, die gewöhnliche Feuerwehrautos in mobile Massenvernichtungswaffen verwandeln können und damit – auf Umwegen zwar, aber immerhin – einen echten Krieg auslösen.
Der Untersuchungsausschuss des deutschen Bundestages, der noch immer ohne nennenswerten Erfolg die Rolle der deutschen Geheimdienste im Umfeld des Irak-Krieges zu durchleuchten versucht, hatte am Donnerstag wieder einmal die Spitzen der Dienste nach Berlin geladen, aktuelle und ehemalige. Heinz Fromm, Verfassungsschutzpräsident, Ernst Uhrlau, Chef des Bundesnachrichtendienstes, August Hanning, Uhrlaus Vorgänger und heute Staatssekretär im Innenministerium, und Klaus Ulrich Kersten, ehemaliger Präsident des Bundeskriminalamtes, sollten zum Fall des Deutsch-Syrers Mohammed Haydar Zammar aussagen.
Zammar wurde nach den Anschlägen des 11. September 2001 von Marokko nach Syrien verschleppt, wo er seither in Haft sitzt. Der entscheidende Tipp, wo der Mann steckt, der mit der Hamburger Terrorzelle um die Attentäter vom 11. September in Verbindung gebracht wird, soll seinerzeit vom BND an die CIA weitergereicht worden sein. Heinz Fromm bestätigte nicht den Verdacht der Opposition, wonach Zammar vermittels der Marokkoreise US-Behörden zugeleitet werden sollte. Er wusste nach eigenen Angaben auch nicht, wann und wie Zammar von Marokko nach Syrien kam. Der Ausschuss will herausfinden, ob die deutschen Behörden genug getan haben, um den deutschen Staatsbürger vor Willkür und Folter zu schützen.
Weitergekommen ist man mit diesem Anliegen am Donnerstag nicht, zumal die obersten Geheimdienstler sehr darauf achteten, das Zusammenspiel ihrer Organisation mit der CIA dort zu belassen, wo man Geheimdienstliches gemeinhin vermutet – im Dunkeln. Dabei ist das Thema durchaus im Gespräch in Geheimdienstkreisen, weil in jüngster Zeit zwei von einander unabhängige Quellen aufgetan wurden, die etwas dazu beitragen können: ein amerikanischer Journalist und ein deutscher Diplomat.
Bob Drogin, Korrespondent der „Los Angeles Times“, hat sich auf die Spur des Asylbewerbers Rafid Achmed A. gesetzt. Dieser ist ein irakischer Ingenieur und Hochstapler, der unter dem Decknamen „Curveball“ mithalf jene Informationen zu liefern, die Amerika brauchte, um sich den Weg in den Irak-Krieg zu bahnen. Drogin hat ein Buch darüber geschrieben (erschienen bei Random House in New York), wie die Erzählungen des „Curveball“ jene Massenvernichtungswaffen zu belegen schienen, die Präsident George W. Bush als Begründung für den Angriff auf Bagdad anführte.
Dort, in der Nähe der irakischen Hauptstadt, will der junge „Curveball“ in einer angeblichen Saatgutwaschanlage mobile Biowaffenarsenale auf Lastwagenanhängern konstruiert haben. Die deutschen Geheimdienstler kauften ihm die Geschichte ab, weil er Orte und Namen nannte, die man beim BND kannte. Sein technischer Sachverstand machte ihn zusätzlich glaubwürdig. Die Deutschen wurden zunächst beim amerikanischen Militärgeheimdienst (DIA) vorstellig, später kümmerte sich die CIA um den Datenfluss aus der BND-Zentrale in Pullach. Die zuständige Abteilung im Kanzleramt, das angeblich auch Bescheid wusste, wurde damals von Ernst Uhrlau geführt, dem heutigen BND-Chef.
Als der Iraker vom BND mit Geld, Aufenthaltsrecht und einer neuen Identität versorgt worden war, wuchsen freilich die Zweifel an seinen Darstellungen. Mit den Amerikanern selbst wolle er nicht sprechen, behauptete der BND gegenüber der CIA, der Mann hasse Amerikaner und würde eine Befragung psychisch wohl nicht durchstehen. Den wahren Grund vermutet Drogin freilich darin, dass „Curveball“ immer mal wieder von deutschen Bauteilen sprach, die für die angebliche Biowaffenanlage geliefert worden seien. Etwas Entscheidendes fehlte allerdings immer: Beweise.
„Curveball“ wäre beinahe in Vergessenheit geraten, wenn die USA nicht vor den Vereinten Nationen in New York Belege und Zeugen für das angebliche irakische Waffenprogramm hätten aufbieten wollen. In einem Brief an seinen US-Kollegen George Tenet lehnte es der damalige BND-Präsident August Hanning 2002 ab, „Curveball“ zu enttarnen. Die Versuche, seine Angaben zu verifizieren, schreibt Hanning, seien „ohne Erfolg geblieben“. Kein Dritter habe solche oder ähnliche Angaben gemacht, die Quelle müsse als ungesichert gelten. Es sei der CIA allerdings freigestellt, bei Einhaltung des Quellenschutzes über „mobile Kampfstoffanlagen“ zu berichten.
Wie es dazu kam, dass die US-Regierung am 5. Februar 2003 ihren Außenminister Colin Powell dennoch in die peinlichste Vorstellung seines Lebens schickte – er selbst empfindet sie als „einen schwarzen Fleck auf meiner Weste“ –, hat mit den Beziehungen unter den Geheimdiensten nicht mehr unmittelbar zu tun. Offenbar hat die CIA erst nach diesem Ereignis „Curveball“ hinterhergeforscht und in seinem ehemaligen Viertel in Bagdad nichts anderes gehört, als dass er ein Aufschneider sei, seine Geschichten seien „total hokum“, Hokuspokus.
Vielleicht passten die Erzählungen von „Curveball“ einfach zu gut in die Kriegsvorbereitungen der Regierung Bush. Vielleicht aber waren die Amerikaner wirklich so naiv, alles zu glauben. Im letzteren Fall sind ihre Geheimdienstleute gleich zweimal betrogen worden.
Für einen ehemaligen Diplomaten ungewöhnlich freimütig hat der ehemalige deutsche UN-Botschafter Gunter Pleuger dieser Tage der „Berliner Zeitung“ erzählt, schon bei Powells Auftritt vor dem UN-Sicherheitsrat habe jedermann dort gewusst, dass die von ihm ebenfalls zitierten Berichte des britischen Geheimdienstes über angebliche irakische Urankäufe in Niger falsch waren. Das Dossier habe Dokumente enthalten, die von nigrischen Politikern unterschrieben waren, die schon seit zehn Jahren tot waren.
Über ein leicht unscharfes Schwarz-Weiß-Foto eines angeblichen fahrbaren Biowaffenlabors, das das US-Verteidigungsministerium präsentierte, erinnert sich Pleuger, habe der damalige UN-Inspekteur Hans Blix später eine aufschlussreiche Bemerkung gemacht. Er habe das Foto in Farbe und mit besserer Auflösung gesehen, zitiert Pleuger seinen Freund Blix. Da sei deutlich zu sehen gewesen, dass es sich um rotes Feuerwehrauto handelte. An dieser Stelle schließt sich dann auch wieder der Kreis zu dem Märchenerzähler „Curveball“.

Reinhard Urschel in der HAZ vom 07.03.2008

siehe auch:
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Finanzkrise bricht Herzen der Sparer

STRESS Sorge ums Geld erhöht Infarktrate
Eine Systemkrise der Banken, wie sie derzeit zu beobachten ist, hat keineswegs nur ökonomisch desaströse Auswirkungen. Denn die Angst ums gefährdete Kapital treibt auch die kardiale Mortalität nach oben. In Ländern mit hohem Durchschnittseinkommen steigt die durch Herzleiden bedingte Sterblichkeit um 6,4 Prozent, in ärmeren Ländern sogar um rund 26 Prozent, wie Wissenschaftler der University of Cambridge berechnet haben (Globalization and Health 4 [2008] 1).

Als Aufhänger ihrer Studie diente den Forschern um David Stuckler die Aufregung um die Finanzen der britischen Hypothekenbank Northern Rock, die im Zuge der US-Hypothekenkrise in Schieflage geraten war. Panische Kunden hatte dies veranlasst, die Filialen zu stürmen.

Stuckler und seine Kollegen zogen daraufhin die Daten der Weltbank über Turbulenzen bei Kreditinstituten zurate und verglichen sie mit den WHO-Statistiken zur kardiovaskulären Mortalität. In puncto Infarktgefahr erinnert ihre Bilanz ein wenig an Mackie Messers Diktum aus der Dreigroschenoper: Was ist schon der Einbruch in eine Bank gegen den Einbruch einer Bank?

aus Ärztliche Praxis v. 4.3.2008

Kopfläuse: Ersticken statt vergiften

Wirksame Kopflaustherapie muss nicht giftig sein: Ein physikalisch wirkendes Präparat auf Dimeticon-Basis tötet die Läuse in allen Stadien sicher ab – ganz ohne Risiko für Nebenwirkungen oder Resistenzen wie unter dem gängigen Insektizid Permethrin.

Der Verkauf von Anti-Kopflausmitteln stieg zwischen 2003 und 2007 um 52,5% […]. Grund für diesen enormen Zuwachs sei nicht nur der hierzulande wie weltweit zunehmende Befall. Vielmehr sei das Marktwachstum gleichzeitig auch als Hinweis auf die weltweit steigende Resistenzbildung gegen chemische Pedikulozide […] zu werten. Die in 59% der Fälle eingesetzten Insektizide könnten zudem allergische und toxische Nebenwirkungen verursachen […]

Eine solche giftfreie und doch effektive Behandlungsoption steht in Nyda® L zur Verfügung: […] dringt das Gemisch aus einem dünnflüssigen, leicht flüchtigen und einem viskosen, schwer flüchtigen Dimeticon durch seine geringe Oberflächenspannung tief in die Atemwege der Parasiten ein, verdrängt den Sauerstoff und verschließt die Atemwege irreversibel. Die Läuse und auch ihre Larven und Nissen ersticken. Durch das rein physikalische Wirkprinzip sind Resistenzen und toxische Nebenwirkungen ausgeschlossen. […]

Seine hohe pedikulozide und ovozide Wirksamkeit konnte das Dimeticon Präparat in einem randomisierten, kontrollierten, untersucherblinden Vergleich mit einem 1%igen Permethrin-Präparat unter Beweis stellen. Insgesamt 145 Kinder mit hochgradigem Kopflausbefall wurden an den Tagen 1 und 8 jeweils mit einer der beiden Optionen behandelt. Unter den Dimeticon-Gemisch waren 97,2% der Kinder anschließend lausfrei, in der Permethrin-Gruppe dagegen nur zwei Drittel.
aus Der Allgemeinarzt 4/2008

Initiative: Helden der Liebe

Das Thema Erektionsstörungen kommt bei Männern höchstens in Form von Witzen zur Sprache. Dabei trifft die Erfahrung sexuell zu versagen die Männer so hart, dass sie sich zurückziehen, irgendwie alleine versuchen damit klar zu kommen. Nicht selten riskieren sie damit sogar ihre Partnerschaft. Das soll sich ändern. Die Initiative „Helden der Liebe“ möchte Männern mit Erektionsproblemen Mut machen zum Arzt zu gehen. Betroffene Paare gehen dafür an die Öffentlichkeit und erzählen auf www.helden-der-liebe.com ihre Geschichte. Zusätzlich gibt es viele Tipps rund um das Thema und einen Selbsttest.

aus der Gesundheitszeitung 3/2008

TV-Verbot für Süßigkeiten

Die französische Gesundheitsministerin, Roselyne Bachelot hat drastische Maßnahmen gegen Übergewicht bei Kindern durchgesetzt: Ab April darf im Kinderprogramm der Fernsehsender nicht mehr für Süßigkeiten geworben werden. Außerdem dürfen die großen Supermarktketten keine Süßigkeiten mehr an den Kassen anbieten, schreibt die Französische Zeitung „Le Quotidien du Medecin“.
aus Der Allgemeinarzt 4/2008

Amtliche Arzneimitteldaten gratis einschen

Über das neue Informationssystem auf www.pharmnet-bund.de sind ab sofort amtliche Daten zu Arzneimitteln kostenfrei verfügbar. Angegeben sind Name, Darreichungsform, Zulassungsinhaber und -nummer von national oder im europäischen Verfahren (aktuell und ehemals) zugelassenen bzw. verkehrsfähigen Präparaten. Vielfach stehen auch bereits Gebrauchs- und Fachinformationen bereit. Kostenpflichtig sind allerdings Angaben zu Parallelimporten, Änderungsanzeigen etc.

aus Der Allgemeinarzt 4/2008

Pflege bei Demenz: Tipps und Übungen auf CD

„Dass Angehörige und Demenzkranke gemeinsam spielerisch üben, um das Gedächtnis anzuregen und den Patienten Freude zu bereiten“ – das möchte die deutsche Alzheimer Gesellschaft mit der neuen CD „Demenz interaktiv“ fördern, sagt die Vorsitzende Heike von Lützau-Hohlbein. Aktivierungsprogramme mit Musik, Bildern und Tönen sowie vielfältige Gedächtnis- und Entspannungsübungen stehen daher im Mittelpunkt. Speziell an die pflegenden Angehörigen richtet sich außerdem ein Infomationsteil mit Wissenswertem zu Krankheitsbild, Verlauf und Therapie sowie mit Tipps zur Entlastung und zu rechtlichen und finanziellen Fragen. Die Texte werden ergänzt durch Videos mit Beispielen aus der Praxis und Experteninterviews. Die CD kann zum Preis von 15€ bestellt werden unter Tel.: 030/25 93 79 50, E-Mail: info@deutsche-alzheimer.de oder online unter www.deutsche-alzheimer.de.

aus Der Allgemeinarzt 4/2008

Donnerstag, 6. März 2008

Neurobiologische und experimentelle Befunde der Zen-Meditation

Eine Übersicht

N.-U. Neumann, K. Frasch
Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Bezirkskrankenhaus Günzburg, Abteilung Psychiatrie II der Universität Ulm (Leitung: Prof. Dr. T. Becker)


Zusammenfassung

Schon vor mehr als 15 Jahren fanden Meditation und das meditative Moment der Achtsamkeit Einzug in psychotherapeutische Konzepte. Vornehmlich wird auf Elemente des Zen-Buddhismus zurückgegriffen. Es kommen aber auch zahlreiche andere Meditationsarten zur Anwendung. Bisher fehlt allerdings eine verbindliche und objektive Definition dessen, was Meditation in seiner psychischen und neurophysiologischen Dimension ist. Die fehlende Operationalisierung des Phänomens Meditation ist auch der entscheidende methodische Mangel der bisherigen Untersuchungen. Die Zen-Meditation (Zazen) ist eine definierte Methode mit langer Tradition. Unter dem Gesichtspunkt der neurobiologischen Grundlagenforschung finden sich nur wenige Studien und es liegt nur eine fMRI-Studie vor. Bei sehr unterschiedlichem Design liefern die EEG-Studien keine spezifischen und replizierbaren Ergebnisse. Acht Untersuchungen befassen sich mit psychischen bzw. physiologischen Effekten der Zen-Meditation unter experimentellen Bedingungen Als Ergebnisse finden sich wiederholt Verbesserung von Aufmerksamkeitsleistungen, Förderung emotionaler Stabilität und Milderung stressbedingter psycho-vegetativer Reaktionen. Die weitere experimentelle Meditationsforschung bedarf vor allem einer verbindlichen Definition dessen, was Meditation ist. Außerdem muss klar zwischen neurobiologischen und klinischen „states“ und „traits“ der Meditation unterschieden werden.

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Seit mehr als zehn Jahren befassen sich Grundlagenforschung und Therapie (Psychotherapie) mit Meditation bzw. dem Phänomen des meditativen Zustandes. Ausgehend von den Arbeiten von Kabat-Zinn (1, 2) hat z. B. das „mindfulness-based-stress-reduction“-Programm („achtsamkeitsbasierte Streßreduktion“ – MBSR) große Verbreitung erfahren. Krebskranke, chronische und akute Schmerzpatienten. Anfallskranke, Patienten mit Immunschwäche, Herzkranke, Suchtkranke, Patienten mit Angststörungen, Depression und speziellen Hauterkrankungen, aber auch die allfällig Stressgeplagten sollen von dieser Methode profitieren (3-5). Die Qualitilt der entsprechenden Therapiestudien wird allerdings auch kritisch beurteilt (6).

Insgesamt sprechen die vorliegenden Untersuchungsergebnisse dennoch für eine gewisse therapeutische Effizienz der Meditation, insbesondere auch in Hinblick auf psychische Störungen. Was die neurobiologische Grundlagenforschung betrifft, so liegen mehr als 60 Arbeiten vor, die sich mit elektrophysiologischen Parametern bei Meditierenden beschäftigten und ein Dutzend Arbeiten berichtet über die Ergebnisse bildgehender Verfahren (7).

Meditation ist ein höchst subjektives Phänomen. Die bisher vorliegenden Studien beschäftigten sich mit mehr als einem Dutzend verschiedener Meditationsarten (7, 8). Entsprechend unterschiedlich sind die Ergebnisse. Damit Forschung zu Erkenntnis führt, bedarf es aber der Replizierbarkeit und Vergleichbarkeit von Untersuchungsergebnissen. Es ist beispielsweise nicht geklärt, was genau man unter Meditation – im Hinblick auf die Art der Übung und die subjektive psychische Dimension – zu verstehen hat. Auch ist nicht verstanden, welche spezifischen neuronalen bzw. neurophysiologischen Zustände und Abläufe mit Meditation korrelieren und welche kurz- (states) und langfristigen (traits) psychischen und somatischen Effekte daraus resultieren.

Um Vergleichbarkeit der Befunde zu gewährleisten und die genannten Probleme zu erhellen. werden in dieser Übersicht nur jene Untersuchungen berücksichtigt, welche die gleiche Meditationsart, nämlich Zen-Meditation, zugrunde legten. Therapiestudien mit achtsamkeitsbasierten Methoden sind nicht Gegenstand der Arbeit.


Definition und Tradition der Zen-Meditation

Die Sitzmeditation (Zazen) ist seit Jahrhunderten die elementare und wichtigste Übung im Zen-Buddhismus. Wenn es im Zen überhaupt eine Regel oder Vorschrift gibt, so ist es Zazen. Die Körperhaltung – der Lotussitz (Kekka-Fusa) – und Hilfsmittel wie Sitzkissen (Zafu) und Matte (Zabuton) sind genau beschrieben. Die gesamte Zen-Philosophie und Zazen im Besonderen sind mit der abendländischen intentionalen Lebenshaltung nicht zu vergleichen. Zazen findet nicht statt, um irgendetwas zu bezwecken oder zu erreichen. Es geht „nur“ um das stille Sitzen an sich (Shikantaza). Während der Meditation kann sich ein absichtsloser, emotionsloser, zeitloser, gedankenfreier „ichloser“ Zustand einstellen. Mit der Zen-Praxis wird das Leben von (und in) Stille und Leere möglich. In diesem „gesammelten“ (stillen und leeren) Zustand kann auch eine plötzliche mystische Erfahrung – Satori eintreten. Satori kann als Erleben ursprünglicher universeller Einheit oder als die Aufhebung aller Gegensätze, insbesondere der Trennung von Subjekt und Objekt, verstanden werden (9-12).


Methode

Eine Medline-Recherche der Jahrgänge 1980 bis 2006 lieferte unter den Stichwörtern „zen-meditation, neurophysiology, neuroimaging, psychological, clinical, effects“ sechs Arbeiten zur Neurophysiologie und Bildgebung und acht Arbeiten zu klinischen Effekten, die für unsere Fragestellung verwertbar waren.


Ergebnisse

EEG-Studien

Becker und Shapiro (13) untersuchten den Zusammenhang zwischen Meditation (Transzendentale Meditation, Zen-Meditation, Yoga Mantra Meditation) und Alphawellen-Blockade bzw. Alphawellen-Habituation. In den Untersuchungsgruppen befanden sich Meditationspraktiker mit langjähriger Erfahrung. Die Probanden der beiden Kontrollgruppen wurden zum einen aufgefordert, das Ticken einer Uhr sehr bewusst zu verfolgen („pay strong attention“) zum anderen nicht zu beachten („try not to let the clicks disturb your relaxed state“). Die Meditierenden erhielten keine Anweisung. In der Ausgangssituation bestanden zwischen den Hirnstromkurven der verschiedenen Gruppen keine Unterschiede.

Auf das Experiment bezogen fanden sich Unterschiede zwischen den Kontroll- und den Meditationsgruppen einerseits, aber auch zwischen Yoga-Meditierenden und Zen-Meditierenden andererseits. Yoga-Meditierende zeigten eine vollständige Habituation (fehlende Alphablockierung), Zen-Meditierende keinerlei Habituation. Die Ergebnisse wurden dahingehend interpretiert, dass die Yoga-Meditation zu besonders konzentrierter „Versenkung“ und Abwendung von sensorischen Reizen ,,deeply immersed and removed from sensory experience“) führt und die Zen-Meditation bewirkt, „gesammelt und hellwach von Augenblick zu Augenblick“ zu sein („being more present to the ongoing moment-to-moment sensory experience“). Der „zenmeditative“ Zustand wäre also nicht von „Entrückung“, Weltabgewandtheit und sensorischer Depravation, sondern von hellwacher Präsenz gekennzeichnet. Die Ergebnisse obwohl in einer ähnlichen Studie nicht replizierbar, weisen auch auf den Umstand hin, dass Meditation nicht gleich Meditation ist (14).

Die Kasuistik on Lehmann und Kollegen (15) berichtet über einen Fall, der mittels der „low-resolution electromagnetic tomography algorithm"-Technik (LORETA) untersucht wurde. Beobachtet wurden vier verschiedene meditative Zustände: Visualisation, Mantra (verbalisation), Self-dissolution und Self-reconstruction. Die Gamma-Aktivität zeigte während der verschiedenen Zustände unterschiedliche räumliche Verteilung. In der Visualisierungs- und Verbalisierungsphase nahm das Gamma-Spektrum in der rechten hinteren Okzipitalregion und linken zentral-temporalen Regionen zu. Während der „Self-dissolution-Meditationsphase“ war eher Zunahme der Gamma-Aktivität auch im rechten oberen Frontalgyrus zu beobachten. Experimente zu cannabinoidinduzierte Depersonalisation deuten hin, dass diese Hirnregion für veränderte Beswusstseinszustände und Selbstwahrnehmung von Bedeutung ist (16, 17).

Die Arbeitsgruppe um Murata und Takahashi (18, 19) befasste sich mit Zusammenhängen zwischen EEG-Parametern, vegetativen Funktionen und Persönlichkeitsmerkmalen bei Meditationsanfängern. In der älteren Arbeit (21) wird über 22 gesunde Probanden ohne jegliche Meditationserfahrung berichtet, bei denen neben der Hirnstromkurve die Pulsvariabilität gemessen und eine Angst-Selbstbeurteilungsskala (Spielberger’s State-Trait Anxiety Inventory) angewandt wurde. Während der Meditation zeigte sich bei allen Probanden eine Abnahme langsamer Alphaaktivität in frontalen Abschnitten, eine Zunahme schnellerer Wellen und eine Abnahme des Verhältnisses langsamer zu schnellen Wellen, gepaart mit verlangsamter Pulsfrequenz. Langsamer Alpharhythmus wird als Hinweis für Entspannung, die Zunahme schneller Wellen als Hinweis für vermehrte Aufmerksamkeit interpretiert. Der Angstindex korrelierte negativ mit der prozentualen Abnahme der frontalen Alphaaktivität und positiv mit der prozentualen Zunahme schneller Wellen. Daraus ergibt sich, dass niedrige Angstscores (baseline) eher mit dem meditativen Zustand der Aufmerksamkeit und hohe Scores mehr mit dem Zustand der Entspannung korrelieren. Die psychische Grunderfassung (trait) nimmt demnach Einfluss sowohl auf neurophysiologische Parameter, die während der Zen-Meditation entstehen, als auch auf den resultierenden psychischen Status (state; mehr Aufmerksamkeit oder mehr Entspannung).

Die zweite Untersuchung (19) befasst sich ebenfalls mit jungen gesunden Probanden (n = 20) ohne Meditationserfahrung. Die EEG-Befunde wurden mit den Ergebnissen eines Persönlichkeitsfragebogens (Cloninger’s Temperament and Character Inventory) und Pulsfrequenzen in Korrelation gesetzt. Hohe „novelty seeking scores“ (NS) korrelierten mit der Zunahme frontaler Alphaaktivität (entsprechend dem Status vermehrter Aufmerksamkeit) und relativ hoher Pulsfrequenz, während hohe „harm avoidence scores“ (HA) mit der Abnahme frontaler Thetaaktivität (entsprechend dem Status vermehrter Achtsamkeit – mindfulness“) und niedrigen Pulsfrequenzen korrelierte (immer im Vergleich mit den Ausgangswerten). Die Autoren schließen aus ihren Ergebnissen, dass die subjektiven Phänomene der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit zwei wesentliche Merkmale des meditativen Zustands – auf sehr unterschiedlichen psychophysiologischen Vorgängen und Persönlichkeitsmerkmalen basieren können Anders formuliert heißt dies, dass die subjektiven Phänomene Achtsamkeit und Aufmerksamkeit kaum objektivierbar sind.


Event-related-potential Studien

Becker und Shapiro (20) prüften in der bereits zitierten Untersuchung nicht nur EEG-Befunde, sondern – unter dem gleichen experimentellen Setting – auch akustisch evozierte Potenziale. Bezüglich der P300 Amplituden fanden sich zwischen den Gruppen (transzendentale Meditation TM, Zen-Meditation und Yoga-Meditation) keine Unterschiede. Die N100 Amplituden waren bei TM- (transzendentale Meditation) und Yoga-Meditation während der ersten 30 Stimuli erhöht, glichen sich aber nach 40 bis 50 Stimuli den in allen Gruppen gemessenen Amplituden an. Die Autoren vermuten, dass die geschärfte Aufmerksamkeit der entsprechenden Meditationsprobanden diesem vorübergehenden Phänomen größerer sensorischer Empfindlichkeit zugrunde lag (Tab. 1).

Tab. 1: Untersuchungen der Zen-Meditation mit apparativen Methoden: EEG, AEP und fMRI; Abkürzungen: EEG = Elektroenzephalografie, AEP = akustisch evozierte Potenziale, fMRI = functional Magnetic Resonance Imaging, SSTAI = Spielberger’s State-Trait Anxiety Inventory, CTCI = Cloninger’s Temperament and Character Inventory, NS = novelty seeking, HA = harm avoidance, TM = transzendentale Meditation



Bildgebende Verfahren

Mittels fMRI (functional magnetic resonance imaging) untersuchten Ritskes und Koautoren (21) elf zen-meditierende Probanden in Ruhe und während der Meditation. Ruhezustand und Meditation unterschieden sich dahingehend, dass während der Meditation eine Aktivierung im dorsolateralen präfrontalen Kortex (DLPFC), insbesondere rechts und in den bilateralen Basalganglien auftrat. DLPC-Aktivierungen sind nicht meditationsspezifisch. Sie finden sich in den verschiedensten Untersuchungen zu psychischen Funktionen (7, 22, 23). Aktivitätsminderung fand sich im rechten anterior-superioren Okzipitalgyrus und im anterioren Zingulum. Die Aktivitätsminderung im anterioren Zingulum war weniger ausgeprägt als die Aktivitätszunahme im DLPFC und wurde mit dem meditativen (psychischen) Status der Absichtslosigkeit („decreased experience of will“) in Zusammenhang gebracht. Der Befund der zingulären Aktivitätsminderung steht im Gegensatz zu den Ergebnissen nahezu aller anderen Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren bei Meditation (7,8). Diesem Befund dürfte eher methodische als meditationsspezifische Besonderheiten zugrunde liegen (7). Aktivitätssteigerung in präfrontalen kortikalen Arealen hingegen ist ein konsistenter Befund der meisten entsprechenden Untersuchungcn (7). Präfrontale Aktivität als Ausdruck vermehrter Aufmerksamkeit (Konzentration) findet sich auch in Untersuchungen. die sich nicht mit Meditation befassten (22, 23). Untersuchungen über neuronale Korrelate willentlicher Beeinflussung emotionaler Zustände deuten auch darauf hin, dass Zusammenhänge zwischen präfrontaler Aktivierung und emotionaler Ausgeglichenheit bzw. verminderter emotionaler Reagibilität (Gleichmütigkeit) bestehen 24, 25). Gleichmütigkeit ist ein zentrales Phänomen (zen-)buddhistischer Geisteshaltung (10-12).


Untersuchungen zu physiologischen und psychologischen Effekten

Tlocznski und Mitarbeiter (26) untersuchten bei Meditationsanfängern, Meditationserfahrenen und Kontrollpersonen die Wahrnehmung optischer Täuschungen (Poggendorf- und Müller-Lyer-lllusion) und die Ausprägung ängstlicher (Taylor Manifest Anxiety Scale) und depressiver Symptome (Beck Depression Inventory). In allen Gruppen nahmen die Fehleinschätzungen mit der Anzahl vorgelegter Abbildungen – insgesamt je fünf Präsentationen – signifikant ab. Meditationserfahrene fielen der optischen Täuschung signifikant seltener zum Opfer als die Probanden der anderen Gruppen, und wenn Korrekturen bei Wiederholungen vorgenommen wurden, so fielen diese moderat aus. Schließlich wiesen die Meditationserfahrenen niedrigere Angst- und Depressionsscores auf. Es wird diskutiert, dass Langzeitmeditation die sensorische Wahrnehmung schärfen und zu emotionaler Ausgeglichenheit führen kann.

Gillani und Smith (27) prüften 59 Probanden mit mindestens sechsjähriger Praxis in Zen-Meditation und 24 Kontrollpersonen mittels verschiedener Inventare (Smith Relaxation States Inventor – SRSI, Smith Relaxation Dispositions/Motivations Inventory – SRD/MI und Smith Relaxation Beliefs Inventory – SRBI). Die Kontrollpersonen hatten die Aufgabe, 60 Minuten in Stille Zeitschriften zu lesen, die Dauer der Meditation betrug ebenfalls 60 Minuten. Danach war das SRI erneut zu bearbeiten. Die Meditierenden zeichneten sich grundsätzlich durch mehr Gelassenheit, Sorglosigkeit und Dankbarkeit aus und tendierten in der Selbsteinschätzung (SRSI) nach der Meditation zu noch mehr Ruhe, Stille, Entspannung und Gelassenheit. Die Autoren sehen durch diese Ergebnisse ihre „ABC-Relaxation Theory“ bestätigt. Diese Theorie impliziert, dass es 15 verschiedene mit Entspannung assoziierte psychische Zustände („R-States“) gibt und dass das Auftreten und die Ausprägung dieser Zustände von individuellen biologischen und psychologischen Parametern abhängt (31). Auch wird betont, dass Zen-Meditation offenbar zu emotionaler Stabilität im Allgemeinen und Entspannung und Gelassenheit im Besonderen beiträgt (Tab. 2).

Tab. 2: Experimentelle Studien zu psychischen und physiologischen Effekten der Zen-Meditation; SRSI = Smith Relaxation States Inventory, SRD/MI = Smith Relaxation Dispositions/Motivations Inventory, SRBI = Smith Relaxation Beliefs Inventory, SSTAI = Spielberger’s State-Trait Anxiety Inventory, CTCI = Cloninger's Temperament and Character Inventory, MDA = Malondialdehyd; NO = Nitratoxid











Im Hinblick auf psychische Parameter sind noch einmal die Untersuchungen von Murata, Takahashi und Kollegen (18, 19) zu erwähnen. In diesen Untersuchungen konnte bekanntlich gezeigt werden, dass einerseits bestehende Persönlichkeitsmerkmale Einfluss auf die Qualität des meditativen Zustands und neurobiologische Parameter nehmen und Meditation andererseits zumindest kurzfristig zu individuell unterschiedlichen psychischen Effekten führt.

Peng und Koautoren (29) untersuchten, welchen Einfluss unterschiedliche Atemtechniken (während der Meditation) auf die Herzfrequenz nehmen. Pulsfrequenz und Atemexkursionen der zehn meditationserfahrenen Probanden wurden simultan aufgezeichnet. Die verschiedenen Atemtechniken waren „relaxation response“ (RR), „breath of fire“ (BF) und „segmented breathing“ (SB). „RR“ und „SB“ sind langsame, gleichmäßige und sehr konzentrierte Atemtechniken, die der für Zen-Meditation typischen Atmung entsprechen. Puls- und Atemaufzeichnungen waren bei RR und SB nahezu identisch. Die Frequenzen nahmen ab, die respiratorische Arrhythmie und die kardiorespiratorische Synchronisation nahmen zu. Unter BF nahm die Herzfrequenz zu und die Puls-Atem-Synchronisation deutlich ab. Änderungen der Atemtechnik während der Meditation nehmen also Einfluss auf Herzfrequenz, Sinusrhythmus und kardiorespiratorische Synchronisation. Nicht die Art der Meditation, sondern die Atmung bestimmt diese Parameter und Zusammenhänge.

Eine ähnliche Studie führten Cysarz und Bussing (30) durch. Auch sie untersuchten den Einfluss der Zen-Meditation auf die kardiorespiratorische Synchronisation und die respiratorische Sinusarrhythmie (RSA). Die Versuchspersonen (n = 9) hatten keine Meditationserfahrung. EKG-Ableitung und Atemfrequenzbestimmung erfolgten simultan unter vier verschiedenen Bedingungen: Spontanatmung, mentale Aufgabe, Sitzmeditation (Zazen) und Gehmeditation (Kinhin). Während der Sitz- und Gehmeditation kam es, neben einer deutlichen Abnahme von Puls- und Atemfrequenz, auch zu einer ausgeprägten Synchronisation von Herzschlag und Atmung. Mit Verlangsamung der Atemfrequenz nahm die respiratorische Arrhythmie zu. Eine kardiorespiratorische Synchronisation ebenso wie Puls- und Atemverlangsamung stellen sich offenbar während der Zen-Meditation auch bei Ungeübten rasch ein.

Kim und Kollegen (31) prüften den Einfluss der Zen-Meditation auf die Serum-Nitratoxid-Aktivität (NO) und den oxidativen Stress (Lipidperoxidation). Es wurden zwei nach Alter und Geschlecht angeglichene Gruppen (n = 20) – eine mit erfahrenen Meditationspraktikern und eine mit Kontrollpersonen gebildet. Im Serum der Meditierenden fanden sich signifikant höhere Nitrat- und Nitritkonzentrationen und niedrigere Malondialdehydkonzentrationea (MDA) als bei den Kontrollen. Hohe MDA- und niedrige NO-Konzentrationen als Folgen des oxidativen Stress gelten unter anderem als Risikofaktoren für Alterungsprozesse und kardiovaskuläre Erkrankungen. Die Befunde deuten darauf hin, dass Zen-Meditation zur Risikominimierung (Prävention) von Alterungsprozessen, Krebserkrankungen und Herz-Kreislauferkrankungen beitragen könnte.


Diskussion

Zur experimentellen Meditationsforschung und zu Untersuchungen mit elektrophysiologischen und bildgebenden Verfahren im Allgemeinen liegen mehrere Publikationen vor (7). Der spezifische meditative Zustand wird ganz allgemein auch als veränderter Bewusstseinszustand („altered state of consciouness“) bezeichnet (32-36). Mit dieser Umschreibung sind die Besonderheiten des „meditativen Status“ (der meditativen Erfahrung) jedoch nicht hinreichend charakterisiert. Seit jeher wird betont, dass sich die psychische Dimension der meditativen Erfahrung der Beschreibung mit bekannten Begriffen entzieht. Es heißt, Zen-Meditation kann nur subjektiv erfahren, nicht objektiv dargestellt werden (10, 11, 35, 36). Zen-Meditation ist die am wenigsten untersuchte der verschiedenen Methoden. Zen-Meditation ist ein uraltes, spirituelles Ritual. Dass dieses Verhalten mit spezifischen zumindest speziellen – neuronalen Funktionen und einer besonderen Wahrnehmung des Selbst und der Außenwelt einhergeht, scheint selbstverständlich und bedürfte an sich nicht der wissenschaftlichen Überprüfung. Wissenschaftliche Überprüfung kann jedoch zu Erkenntnisgewinn führen und eventuell können diese Erkenntnisse für medizinische Zwecke nutzbar gemacht werden. Es sei aber – noch einmal – darauf hingewiesen, dass solche Überlegungen in keiner Weise dem Geist der Zen-Philosophie entsprechen. Zazen ist absichtsloses „nur Sitzen“. Es geht dabei nicht um Heilung, Besserung, Erkenntnis, Erfahrung oder irgendeine Absicht (9, 10, 35, 37). Die Meditation, während der ein spezifischer Bewusstseinszustand (meditative Erfahrung) eintreten kann, muss – jahrelang – geübt werden. In diesem Punkt scheinen sich alle Meditationsexperten, gleich welcher spirituellen Richtung sie angehören, einig zu sein. Allerdings ist mit nichts belegt, dass Einzelne nicht schon nach kurzer Zeit zur „meditativen Erfahrung“ gelangen können. So kann das zentrale Phänomen des „Satori“ (Erleuchtung) nach Zen-buddhistischer Überzeugung nicht nur in vollkommener Meditation, sondern in jedem beliebigen Augenblick erfahren werden (11, 35). Für wissenschaftliche Fragestellungen sollte bei der Auswahl der Probanden allerdings auf langjährige Meditationserfahrung geachtet werden (38). Wenn man auf neurofunktioneller und psychischer Ebene nach dem „Spezifischen“ des meditativen Zustandes sucht, wird man es nur finden, wenn es tatsächlich vorliegt.

Die verschiedenen elektrophysiologischen Untersuchungen haben ein völlig unterschiedliches Design und unterschiedliche Fragestellungen, entsprechend unter schiedlich sind die Ergebnisse. An psychologischen und physiologischen Besonderheiten liefern die Studien, dass Zen-Meditation mit akzentuierter Vigilanz (13, 18, 19) bzw. mit erhöhter Aufmerksamkeit einhergeht und – in einem Fall – Gammawellenaktivität über einer Hirnregion produziert wurde, die – wie aus anderen Untersuchungen bekannt – bei veränderten Bewusstseinszuständen aktiv sein soll (IS). Die Studien von Murata, Takahashi und Koautoren (18, 19) lassen Schlüsse über die Zen-Meditation nur bedingt zu, da ausschließlich Meditationsnovizen untersucht wurden. Zumindest kann über „traits“ der Meditation nichts gesagt werden. Die gefundenen „states“ decken sich mit den Ergebnissen von Becker und Shapiro (13) insofern, als dominierender Alpharhythmus offenbar mit dem psychischen Status vermehrter Aufmerksamkeit korrespondiert. Erstaunlicherweise scheinen Persönlichkeitsmerkmale Einfluss auf die Qualität des meditativen Status, die damit einhergehende Hirnstromkurve und die Herzfrequenz zu nehmen.

Hohe Angst-Spannungs-Scores führten während der Meditation eher zu Entspannung, schnelleren EEG-Wellen und Pulsverlangsamung, niedrige Scores zu verstärkter Aufmerksamkeit, ausgeprägtem Alpharhythmus und Pulsbeschleunigung. Auch die Merkmale „novelty seeking“ und „harm avoidance“ wirkten sich auf den psychischen Status, das EEG und die Herzfrequenz aus. „NS“ soll während der Meditation eher mit geschärfter Aufmerksamkeit, höherer Ausprägung des Alpharhythmus und schnellerer Pulsfrequenz, „HA“ mit Abnahme frontaler Thetaaktivität, Achtsamkeit („mindfulness“) und Pulsverlangsamung korrelieren. Die subjektive Wahrnehmung während der Meditation war durchgehend bei allen Probanden von Wachheit, Aufmerksamkeit und Entspannung charakterisiert, obwohl sich Hirnstromkuren und Herzfrequenzen zum Teil deutlich unterschieden. Subjektives Empfinden kann demnach von sehr unterschiedlichen objektiven Messgrößen begleitet werden. Diese Ergebnisse sprechen unter anderem dafür, dass die psychische Dimension der meditativen Erfahrung sehr schwer zu operationalisieren ist. Auf dieses Problem haben auch Cahn und Polich in ihrer umfangreichen Übersichtsarbeit hingewiesen (7). In der fehlenden Definition dessen, was Meditation ist, sehen sie die entscheidende Schwäche der bisherigen Meditationsforschung, „given the wide range of possible meditation methods and resulting states, it seems likely that different practices will produce different psychological effects and that different psychological types will respond with different psychobiological alterations“ (7).

Die EEG-Befunde bei Zen-Meditation decken sich im Wesentlichen mit denen, die bei anderen Meditationstechniken gefunden wurden. Konsistente Befunde sind Zunahme von Theta- und Alphaaktivität und generell verstärkte Ausprägung langsamer Frequenzen (7). Meditationsspezifisches ist damit nicht erfasst, denn diese Muster finden sich typischerweise auch in der Einschlafphase (38, 39). Ein Unterschied besteht freilich im Bereich der psychischen Dimension schläfrig versus hellwach, während sich die neurophysiologischen Parameter (Hirnstromkurven) erstaunlicherweise nicht unterschieden. Vermutlich ist die feine Differenzierung und Lokalisation (topograhic mapping) der Frequenzen zwischen Meditations-EEG und Einschlaf-EEG noch nicht gelungen (7).

Die Ergebnisse der fMRI-Studie von Ritskes und Mitarbeitern (21) lassen mit Sicherheit keine Verallgemeinerungen zu. Aber auch, wenn man die Ergebnisse aller Studien (mit bildgebenden Verfahren) der verschiedensten Meditationstechniken betrachtet, ist festzustellen, dass kein Ansatz die neurophysiologischen Besonderheiten charakterisiert und identifiziert hat, die verständlich machen würden, wie und warum Meditation die (Selbst-)Wahrnehmung verändert (7). Meditationsspezifische neuronale Aktivitätsmuster konnten mit Hilfe bildgebender Verfahren bisher nicht identifiziert werden. Als konsistenter Befund ist vermehrte präfrontale Aktivität beschrieben worden (7, 8). Dieser Befund, der mit dem psychischen Status der Aufmerksamkeit korreliert, ist aber nicht nur bei Meditation, sondern auch bei anderen psychischen Funktionen zu beobachten (23-25). Das neuronale Muster der „typischen meditativen Erfahrung“, nämlich verändertes Bewusstsein („Erleuchtung“), Grenzenlosigkeit, Zeitlosigkeit und Ichlosigkeit ist damit nicht identifiziert.

Die Ergebnisse der experimentellen Untersuchungen zu psychologischen und physiologischen Aspekten tendieren vor allem in die Richtung, dass Zen-Meditation mit Parametern der psycho-vegetativen Entspannung (state) korreliert (18, 19, 27, 29, 30). Langjährige Übung scheint daräberhinaus mit grundsätzlich niedrigen Angst- und Depressionsscores (trait) zu korrelieren. Die Ergebnisse der Studie von Tlocznski und Kollegen (26) sind mit denen von Becker und Shapiro vergleichbar (13). Geschärfte sensorische Wahrnehmung und geschärfte Aufmerksamkeit scheinen nicht nur ein „state“ der Zen-Meditation zu sein, sondern auch ein „trait“.

Design und Fragestellung der Arbeiten von Kim und Kollegen (31) sind spezieller Natur. Dass Meditation Einfluss auf biochemische Parameter des oxidativen Stress nimmt, erscheint nachvollziehbar und eröffnet prinzipiell therapeutische Aspekte mit Blick auf Herz-Kreislauferkrankungen. Die Ergebnisse wurden jedoch nicht repliziert und bedürfen einer Überprüfung.

Zen-Meditation korreliert erwartungsgemäß mit einigen typischen, aber nicht spezifischen neurophysiologischen und physiologischen Effekten und Messgrößen. Ganz allgemein gelingt bisher aber weder mit Hilfe elektrophysiologischer noch bildgebender Verfahren eine Differenzierung zwischen meditativem Status und Einschlafphase bzw. meditativem Status und Aufmerksamkeit (7). Dies überrascht, da Zen-Meditation weder etwas mit Schläfrigkeit noch mit Aufmerksamkeit und Konzentration (zumindest sind diese nicht beabsichtigt) zu tun hat. Man würde also vermuten, dass sich Zen-Meditation sehr wohl von Schläfrigkeit differenzieren lässt und in bildgebenden Verfahren würde man eine Abnahme neuronaler Aktivität in Arealen erwarten, die mit bewusstseinsnahen intentionalen – motorischen und psychischen – Vorgängen korrespondieren. Die bisherigen Untersuchungsbefunde entsprechen diesen Erwartungen jedoch nicht.

Das Forschungsproblem liegt sicher nicht nur darin, geeignete Untersuchungstechniken zu finden, sondern vor allem in der schwierigen Definition dessen, was unter Meditation aus phänomenologischer Sieht zu verstehen ist. Meditation ist nicht in dem Sinne zu objektivieren wie andere psychische Zustände oder geistige Leistungen. Der Untersucher kann sich nicht sicher sein, ob das untersuchte Individuum im „meditativen Zustand“ ist, was auch immer aus subjektiver Sicht darunter verstanden mit. Möglicherweise gibt es auch sowohl aus Sicht subjektiver Erfahrung als auch aus Sicht identifizierbarer neuronaler Aktivität verschiedene meditative Zustände. Die Untersuchung der Zen-Meditation muss nicht zwangsläufig zu den Ergebnissen führen. wie z. B. die Untersuchung der Kriya Yoga-, Raj Yoga-, Sahaja Yoga- und Kundalini Yoga-Meditation oder der transzendentalen Meditation. Spezielle (aber nicht spezifische) Muster neuronaler Aktivität und spezielle physiologische Parameter der Körperperipherie, z. B. der Atmung und Herzfrequenz, finden sich bei allen Meditationsarten, deren genaue Bedeutung unter therapeutischen Gesichtspunkten ist jedoch nicht geklärt (7). Dennoch sind Meditation und Elemente zen-buddhistischer Lebenspraxis (Achtsamkeit) schon seit längerer Zeit wesentliche Bestandteile westlicher verhaltenstherapeutischer Methoden (1, 2, 4, 41-43). Die (neuro)biologische Grundlagenforschung der Meditation hinkt hinter der empirisch basierten therapeutischen Implementierung her und bedarf weiterer kluger Untersuchungen.

Literatur




























aus Nervenheilkunde 3/2008
(die Rechtschreibung habe ich vorsichtig verbessert)

Es tut sich was: Als ich 1987 bei den Lindauer Psychotherapiewochen in einer Veranstaltung das Wort Meditation erwähnte, guckten mich Leiter und Teilnehmer an, als ob ich ein Junkie wäre, der sich unberechtigterweise reingeschlichen hätte. Damals wurde Meditation einzig als Regressionsversuch verstanden: Weltflucht, zurück in den Uterus, unendliche Glückseligkeit als Versuch, der Verantwortung für sich selbst zu entfliehen. Wiewohl es nach so vielen Jahren gar nicht mehr der Punkt ist: Wenn durch ein EEG (fehlende Habituation, siehe oben unter EEG-Studien) nachgewiesen werden kann, daß der Bewußtseinszustand des Probanten »hellwach« ist, kann man ihm nicht mehr Trancegier oder sonst eine »Republikflucht aus der Realität« vorwerfen. Es wird auch deutlich, daß sich auf unbekannte Phänomene, die Angst hervorrufen, unter dem Deckmantel von Wissenschaftlichkeit beliebige Etiketten draufkleben lassen, um sich nicht mit ihnen beschäftigen zu müssen. Eine alte Regel bewahrheitet sich: Die Alten müssen aussterben, damit das Neue seinen Platz findet. Die Leute, mit denen damals zu diskutieren war, hatten in ihren Koordinatensystemen keinen Platz und keine Kriterien für das Neue. Jetzt sind andere Leute da. In einem Interview sagte Satyananda über Osho: »Er ist seiner Zeit um mindestens 50 Jahre voraus. Aber immer mehr Menschen sehen in ihm das, was er von Anfang an war: einen Weisen, der die Antworten auf viele existenzielle Fragen unserer Zeit hat. Seine Bücher erzielen weltweit Millionenauflagen. Sein Gesamtwerk ist vor zwei Jahren in die Bibliothek des indischen Parlaments aufgenommen worden - eine Ehre, die bisher nur noch Mahatma Gandhi zuteil geworden ist. Ein deutliches Zeichen dafür, dass Osho zumindest in Indien angekommen ist und ernst genommen wird.« (Osho Freiburg & Regio)

So hilflos obiger Artikel auch erscheinen mag, er ist mutig dahingehend, etwas mit Hilfe der zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Kriterien bewerten zu wollen und nun nicht den alten Weg geht, darin einen Mangel des Untersuchungsobjekts zu sehen, sondern die Eingeschränktheit der wissenschaftlichen Kriterien konstatiert. Das nenne ich Wissenschaft: Mutig genug zu sein, seine Hilflosigkeit zugeben zu können. Das ist klares Denken, das ist Objektivität! Unser Denken hat sich der Realität anzupassen und nicht umgekehrt.

Anfang der 80er nadelte mich ein inzwischen verstorbener Gießener Orthopäde wegen einer schon seit drei Monaten andauernden therapieresistenten Achillodynie. Nachdem er die Nadeln nach einer Viertelstunde aus meinem Bein rausgezogen hatte, hüpfte ich lachend im Therapiezimmer herum: sämtliche Beschwerden waren wie weggeblasen (und blieben es auch). Daraufhin er: »Erzählen Sie’s nur nicht weiter, Herr Kollege!«


Das Wirken der Natur zu kennen, und zu erkennen, in welcher Beziehung das Menschliche Wirken dazu stehen muss: Das ist das Ziel.

Tschuang Tse (Zhuangzi)
chinesischer Philosoph und Schriftsteller, daoistischer Heiliger (ca. 365 – 290 v. Chr.)
(angeregt zu dem Zitat hat mich konfusius, Danke!)



Mittwoch, 5. März 2008

Zwei Männer, die was zu sagen haben

Markus Grabka und Joachim Frick haben Zahlen ausgewertet. (Zeit online)

Zwei Frauen, die was zu sagen haben

Andrea Ypsilanti bei der Zeit

Charlotte Roche bei der Zeit: ihr Buch, ein Portrait, ein Interview

Samstag, 1. März 2008

Depression von Männern wird häufig verkannt

GESUNDHEITSREPORT Starkes Geschlecht schwächelt bei der Vorsorge

Gewalt-, Risikobereitschaft und Wutausbrüche können bei Männern auf Depressionen hinweisen. Hausärzte sollten sich dessen bewusst sein.

























Diagnose Depression? Hausärzte sollten bei ihren männlichen Patienten noch aufmerksamer sein, denn die Krankheit bleibt bei ihnen häufiger unerkannt als bei Frauen. Das starke Geschlecht neige dazu, depressive Symptome nicht wahrzunehmen, sie zu bagatellisieren oder zu verleugnen. Auch zeigten Männer bei der Erkrankung andere Anzeichen, heißt es bei der Vorstellung des Gesundheitsreports 2008 der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK).

Genannt werden Aggressionen, erhöhte Risikobereitschaft und Wutausbrüche. Im Gegensatz dazu verhalten sich depressive Frauen eher passiv und traurig. Haus- und Betriebsärzte sollten sich dem Thema Männerdepression stärker zuwenden, appelliert die DAK. Dem Kassenreport zufolge, der sich in diesem Jahr ausführlich mit „Männergesundheit“ auseinandersetzt, sind psychische Erkrankungen bei den männlichen Patienten auf dem Vormarsch.

Weitere Erkenntnisse aus dem DAK-Bericht: Männer fühlen sich gesünder als Frauen, sterben aber rund fünf Jahre früher. […]

Die subjektive und die objektive Gesundheit scheinen bei Männern gelegentlich erheblich auseinanderzuklaffen. Das zumindest legen einige Daten aus dem vom IGES Institut erstellten Report nahe. So sorgen Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Männern für fast doppelt so viele Fehltage (5,8 Prozent) wie bei Frauen (3,3 Prozent). Die Krankheitstage aufgrund von Herzinfarkt übertreffen die der Frauen um das Fünffache. An Lungenkrebs und alkoholbedingter Leberkrankheit sterben mehr als doppelt so viele Männer wie Frauen. Das starke Geschlecht war 2007 zudem rund fünfmal häufiger wegen Schlafstörungen im Krankenhaus.

Weiter auffällig ist, dass Männer öfter von Unfällen im Beruf, Straßenverkehr oder Freizeit betroffen sind.

Den objektiven Daten zum Trotz: „Männer fühlen sich subjektiv viel gesünder als Frauen“, sagt IGES-Geschäftsführer Hans-Dieter Nolting.

aus Ärztliche Praxis Nr. 9, 26.2.08

Freitag, 29. Februar 2008

Bertelsmann in Aktion

Die Souffleure der Macht

Unbemerkt und hinter wissenschaftlicher Objektivität getarnt, flüstert die Bertelsmann-Stiftung der Politik ein, was sie tun soll: den Staat streng betriebswirtschaftlich durchorganisieren
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Vor Günter Hoffmann

Wenn in Deutschland von Medienmacht die Rede ist, denken die meisten seit den späten 1960er-Jahren vor allem an den Axel-Springer-Konzern. Die publizistische und ökonomische Macht der Bertelsmann AG wurde bisher kaum wahrgenommen. Schließlich hat der Club Bertelsmann ein unpolitisches Sortiment. Zudem gibt der Konzern die liberalen Zeitschriften Spiegel und Stern heraus. Und die Konzernleitung gab vor, eine »saubere Weste« zu haben. Schließlich war das Unternehmen im Dritten Reich verboten worden.

Doch langsam rücken die Aktivitäten des Bertelsmann-Konzerns stärker in das öffentliche Bewusstsein, der zu einem der größten und einflussreichsten Medienhäuser der Welt aufgestiegen ist. Die Kritik entzündet sich vor allem an der gemeinnützigen Bertelsmann-Stiftung. Der Grund: Dezent im Hintergrund hat die Stiftung mit Studien und wissenschaftlicher Politikberatung bei fast allen umstrittenen Reformen mitgewirkt oder nachhaltige Anstöße dazu gegeben. Dazu zählen die Hartz-Gesetze mit der Einrichtung von Personal-Service-Agenturen und Job-Centern. Die Zusammenführung der Arbeits- und Sozialhilfe wurde von Projektgruppen der Stiftung im Zusammenwirken mit der Beraterfirma McKinsey konzipiert und begleitet. In einigen Bundesländern treibt die Bertelsmann-Stiftung zusammen mit den Kulturministerien die Ökonomisierung von Lehrplänen und Schulalltag voran. Das Centrum für Hochschulentwicklung der Bertelsmann-Stiftung steht für die Einführung von Studiengebühren und die Selbstfinanzierung der Hochschulen durch private Investoren. Privat vor Staat, das ist das Credo, das die Bertelsmänner auf allen Ebenen der Gesellschaft durchzusetzen versuchen.

Die Gründung der Stiftung war ein cleverer Schachzug des Firmenpatriarchen Reinhard Mohn. Mit der gemeinnützigen Einrichtung wollte er verhindern, dass Erbschaftssteuern und Erbstreitigkeiten zum Verkauf von Teilen des Konzerns führen konnten. Gleichzeitig sah er die Aufgabe der Stiftung darin, »Reformen in allen gesellschaftlichen Bereichen anzustoßen«, gemäß seiner Überzeugung, »dass Wettbewerb und die Prinzipien unternehmerischen Handelns die wichtigsten Merkmale zum Aufbau einer zukunftsfähigen Gesellschaft sind«.

Der Schachzug von Mohn ging auf. Die Stiftung wurde 1977 gegründet, Mohn übertrug ihr rund 77 Prozent des Aktienkapitals der Bertelsmann AG, deren rund 100 000 Mitarbeiter einen Umsatz von knapp 20 Milliarden Euro pro Jahr erwirtschaften. Durch die Übertragung von drei Viertel des Aktienkapitals auf die Stiftung sparte er schätzungsweise zwei Milliarden Euro an Erbschafts- oder Schenkungssteuer. Gleichzeitig ist die jährliche Dividendenzahlung an die Stiftung steuerfrei. Damit tragen auch die Steuerzahler ihren Teil zu dem bei, was die Stiftung finanziert.

Die reichste und mächtigste Stiftung in Deutschland unterstützt nicht Bedürftige, fördert keine gemeinnützigen Organisationen und finanziert auch keine extern gestellten Forschungsaufträge. Sie arbeitet laut Selbstdarstellung »ausschließlich operativ und nicht fördernd«. Das bedeutet: Sie finanziert nur die von ihr selbst initiierten Projekte. Dabei muss sich die Stiftung – was die Verwendung ihrer Gelder anbetrifft – vor keinem Parlament und keinem Rechnungshof rechtfertigen. Die Bertelsmänner kontrollieren sich selbst. Vertreter der Eigentümerfamilie Mohn sitzen sowohl im Vorstand, der die Arbeit der Stiftung leitet, wie im Kuratorium, das die Arbeit kontrolliert.

Die Bertelsmann-Stiftung verfügt über einen Jahresetat von rund 60 Millionen Euro. Sie finanziert Forschungsinstitute wie das Centrum für angewandte Politikwissenschaften (CAP) an der Uni München, das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), das Centrum für Krankenhaus-Management (CKM), angesiedelt an der Uni Münster und das Kompetenzzentrum Kommunen und Regionen, die Medienakademie Köln und die Akademie des deutschen Buchhandels in München. Rund 330 Mitarbeiter arbeiten an der strategischen Vorbereitung und Umsetzung der 60 Stiftungsprojekte.

Die Stiftung arbeitet immer nach dem gleichen Schema: Ein aktuelles Problem wird aufgegriffen. Dann gibt die Stiftung Umfragen oder Studien in Auftrag. Diese ermitteln die Kosten, die der Gesellschaft durch das Problem entstehen. Damit entsteht Beratungs- und Handlungsbedarf, Handlungskonzepte und Lösungsmöglichkeiten werden von der Stiftung erarbeitet. Das ganze Paket geht dann an die Medien, um Akzeptanz herzustellen.

Im Gegensatz zur Initiative Neue soziale Marktwirtschaft, die schnell als Truppe des Arbeitgeberlagers entlarvt wurde, arbeitet die Bertelsmann-Stiftung dezent im Hintergrund. Ihr Credo von der Überlegenheit der Privatwirtschaft in allen Bereichen kommt zumeist in wissenschaftlichem Gewand daher. Hinter den Kulissen betreibt sie effektive Lobbyarbeit, kooperiert mit Kommunalverwaltungen, Landes- und Bundesregierung, mit Kanzleramt und Bundespräsident, mit Kultusministerien, Hochschulrektorenkonferenz, Gewerkschaften, Kirchen und Wohlfahrtsverbänden. Sie nimmt Einfluß auf politische Entscheidungen, lange bevor diese im Parlament verabschiedet werden »Wir helfen der Politik, dem Staat und der Gesellschaft, Lösungen für die Zukunft zu finden«, so Mohn. Geht es nach ihm, soll das Regieren dadurch besser werden, dass »die Grundsätze unternehmerischer, leistungsgerechter Gestaltung in allen Lebensbereichen zur Anwendung gebracht werden«, nach dem Prinzip »so wenig Staat wie möglich«.

Es gibt kaum einen gesellschaftlichen Bereich, den die Bertelsmann-Stiftung nicht ins Visier nimmt. Die Probleme in der öffentlichen Verwaltung, im Gesundheits-, Schul- oder Hochschulwesen, in der Arbeitsmarkt- und Standortpolitik, der Integration- und Entwicklungspolitik, dem demografischen Wandel bis hin zum internationalen Wettbewerb und zur EU-Sicherheitspolitik – alle wurden schon untersucht. Doch hinter der bürgergesellschaftlichen Terminologie ihrer Handlungskonzepte und Lösungsvorschlägen verbirgt sich das ganze neoliberale Repertoire der Betriebswirtschaftslehre. Dieses mündet dann in ein Credo von Kennziffern, Erfolgsrechnungen, Nutzwertanalysen, Budgetierung und Effizienz, Leistungsvergleichen, Wettbewerben und Rankings.

Entsprechend sehen ihre Lösungsvorschläge aus: Abschaffung der Gewerbesteuer, Aushebelung des gesetzlichen Kündigungsschutzes, Privatisierung der Arbeitslosenversicherung, radikale Kürzungen bei der Sozialhilfe, Schulen und Hochschulen als Unternehmen am Markt, Einstieg in die Privatisierung der Kranken- und Pflegeversicherung, Privatisierung der öffentlichen Verwaltungen in Deutschland und Zentraleuropa, Aufbau einer europäischen Armee und vieles mehr. Und wie das alles erreicht werden soll? »Es ist ein Segen, dass dem Staat das Geld ausgeht. Anders kriegen wir das notwendige Umdenken nicht in Gang«, sagte Reinhard Mohn bereits 1996 in einem Interview.

Allerdings wächst inzwischen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. So beschloss der ver.di-Bundeskongress im vergangenen Herbst, die Zusammenarbeit zwischen ver.di, der Bertelsmann-Stiftung und der Bertelsmann-Tochter Arvato (folgender Beitrag) bis auf weiteres einzustellen. Viel weiter ging der Aufruf einer Bertelsmann-kritischen Tagung in Frankfurt am Main. Die über 200 Teilnehmer forderten, der Stiftung die Gemeinnützigkeit abzuerkennen, und rieten Parteistiftungen, Universitäten, Gewerkschaften und Verbände auf, ihre Kooperation mit der Stiftung und ihren Einrichtungen zu beenden.__________


_________________________________________________________________»Zu teuer für die Bürger«

Die Gewerkschaft ver.di streitet gegen die Bertelsmann-Stiftung.
Fragen an Karsten Arendt

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Vor Wolfgang Kessler


Publik-Forum: Warum hat Verdi beschlossen, keine Veranstaltungen mehr mit der Bertelsmann-Stiftung zu machen?

Karsten Arendt: Viele Gewerkschaftskolleginnen und -kollegen sind der Meinung, dass es keine Grundlagen für eine Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und der Bertelsmann-Stiftung gibt. Die Ziele und die Ideologie, die Bertelsmann vertritt, sind mit gewerkschaftlichem Denken und Handeln nicht in Übereinklang zu bringen.

Publik-Forum: Warum denn nicht?

Karsten Arendt: Die Stiftung vertritt die Ideologie, dass der Staat, insbesondere der Sozialstaat, eingedämmt und zurückgedrängt werden müsse. Grundsätzlich gilt: Privat geht vor Staat. Um dies zu untermauern, tut die Bertelsmann-Stiftung (und nicht nur die) gleichzeitig alles Mögliche, um den Staat, die Verwaltung, die Kommunen und ihre Einrichtungen als verkrustet, ineffizient, teur und bürgerfeindlich darzustellen

Publik-Forum: Was spricht gegen effiziente staatliche Dienstleistungen?

Karsten Arendt: Zunächst einmal gar nichts. Bei rein ökonomischer Betrachtungsweise wird aber ausgeblendet, dass sich der Staat bei der Organisation öffentlicher Daseinsvorsorge am Gemeinwohl orientieren muss. Staatliche Verwaltung setzt um, was von der Politik beschlossen wird. Gleichzeitig ist sie der politischen Kontrolle und Steuerung unterstellt. Effizienz lässt sich in diesem Kontext nicht einfach mit der Anwendung betriebswirtschaftlicher Steuerungsinstrumente oder durch unternehmerische Sichtweisen von Verwaltung herstellen Es gibt privatisierte, vormals staatliche oder kommunale Unternehmen, an denen sich nachweisen lässt, dass die Privatisierung die Bürger später teuer zustehen kommen kann.

Publik-Forum: Warum hat ver.di überhaupt mit der Bertelsmann-Stiftung kooperiert?

Karsten Arendt: Seit Anfang der 1990er-Jahre hat die Stiftung begonnen, sich durch vielfältige Unterstützungsangebote in Politik und Verwaltungen einzuschleichen. Insbesondere staatliche und kommunale Finanznöte und eine gewisse Hilf- und Rezeptlosigkeit der verantwortlichen Politiker und Politikerinnen machten sie empfänglich für Akteure, die der Politik unternehmerische Organisation schmackhaft machten. Gleichzeitig war unbestreitbar, dass es durchaus bürokratische Verkrustungen und ineffiziente Strukturen in vielen Verwaltungen gab. Das führte dann zu Kooperationen, an denen auch ver.di beteiligt war

Publik-Forum: Wie kann man der Macht der Bertelsmann-Stiftung deutschlandweit begegnen?

Karsten Arendt: Zunächst einmal, indem man eine kritische Öffentlichkeit über ihre Aktivitäten herstellt Dann wird es sicher wichtig sein, die Gemeinnützigkeit der Stiftung infrage zu stellen Schließlich wird es darauf ankommen, dass ein echter gesellschaftlicher Diskurs über die von Bertelsmann vertretenen Inhalte entsteht. So wie die ver.di-Kolleginnen und –Kollegen werden auch viele andere gesellschaftliche Gruppen feststellen, dass die Ziele und Methoden von Bertelsmann nicht mit ihren eigenen Werten und Vorstellungen von einem guten gesellschaftlichen Zusammenleben in Einklang zu bringen sind.__________


Karsten Arendt
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ist Personalratsvorsitzender der Kreisverwaltung Offenbach. Er engagierte sich dafür, dass ver.di künftig nicht mehr mit der Bertelsmann-Stiftung zusammenarbeitet.


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Ein Konzern übernimmt die Stadt

Bertelsmann-Tochter Arvato will die Verwaltung von Würzburg umbauen – nach privatwirtschaftlichen Grundsätzen
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Von Günter Hoffmann

Würzburg ist mit seinen 130 000 Einwohnern eine ganz normale Stadt. Bald wird sie jedoch zum Experimentierfeld. Die Stadt hat einen in Deutschland bislang einmaligen Vertrag mit der Bertelsmann-Tochter Arvato AG geschlossen. Im Rahmen einer Public Private Partnership – einer Partnerschaft zwischen Staat und Privatwirtschaft – soll Arvato die Verwaltung nach dem Vorbild der Privatwirtschaft radikal umbauen Die Gütersloher verpflichten sich, alle Verwaltungsprozesse auf einer zentralen Internetplattform zusammenzufassen Bürger und Unternehmen werden dann alle Dienstleistungen über eine Anlaufstelle, das neue Bürgerbüro, erhalten.

»Unsere Verwaltung wird schneller, besser und bürgernäher«, versprach Würzburgs Oberbürgermeisterin Pia Beckmann (CSU) im Mai letzten Jahres auf einer Pressekonferenz anlässlich der Vertragsunterzeichnung mit Arvato. Und ergänzte: »Gleichzeitig können auch die Verwaltungskosten gesenkt werden.« In der Tat, Arvato übernimmt sämtliche Kosten, auch die Vorfinanzierune des millionenteuren Projektes und erhält von der Verwaltung nur dann Geld, wenn die Einsparungen auch tatsächlich erreicht werden. Rund 75 Mitarbeiter sollen in den nächsten 10 Jahren eingespart werden. Kostenersparnis rund 27 Millionen Euro. Arvato wird davon 17 Millionen erhalten, 10 Millionen Euro fließen in den städtischen Haushalt. »Wir sind das Pilotprojekt und profitieren deshalb von der Entwicklung«, so der städtische Kommunalreferent und Projektleiter Wolfgang Kleiner. »Andere Kommunen werden nicht mehr so günstige Vertragsbedingungen erhalten.«

»Eigentlich ist die Idee, sämtliche Verwaltungsfachstellen auf einer Internetplattform zusammenzufassen, so naheliegend, dass man sich fragt, warum man nicht schon früher darauf gekommen ist«, sagt Matthias Pilz. Er ist Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im Würzburger Stadtrat. In Würzburg bedurfte es dafür der Vorarbeit der Wirtschaftsinformatiker der Universität. Sie verglichen die Verwaltungsstrukturen der Stadt mit ähnlichen Systemen in der Privatwirtschaft und kamen zu dem Ergebnis, dass die Verwaltungsarbeiten mit der Verknüpfung aller Fachstellen effektiver und kostengünstiger durchgeführt werden könnten.

Im Frühjahr 2006 schrieb die Stadt diese Leistungen nach dem neuen Vergabeverfahren »wettbewerblicher Dialog« europaweit aus, das die rot-grüne Bundesregierung noch im September 2005 erließ.

Arvato machte schließlich das Rennen. Für den Vertrag, den die Stadtverwaltung mit der Bertelsmann-Tochter abschloss, votierten die Stadträte im März 2007 einstimmig – ohne den Vertrag zu kennen. »Wir kennen nur die Eckpunkte des Vertrages, die uns die Verwaltung beschrieben hat«, so Pilz. Es sei nicht üblich, dass ehrenamtliche Stadträte ein Vertragswerk von mehreren hundert Seiten zu sehen bekommen. »Wir müssen der Verwaltung Vertrauen.«

Für Arvato ist dieser Vertrag der Einstieg in den milliardenschweren Markt der kommunalen Dienstleistungen in Deutschland. In Großbritannien ist sie bereits drin. Dort zieht Arvato Government Services für den Kreis East Riding of Yorkshire Council schon seit 2005 Steuern ein, erhebt Gebühren, zahlt Wohngeld und Sozialhilfe aus, macht Gehalts- und Lohnabrechnungen, betreut die Bürgerbüros und verantwortet die gesamte Informationstechnik.

»East Riding ist für uns ein Pilotprojekt von strategischer Bedeutung«, so Hartmut Ostrowski, Vorstandschef der Arvato AG, auf der Bertelsmann-Jahrespressekonferenz 2005. »Mit diesem Vertrag ist uns ein wichtiger Schritt in den Markt der öffentlichen Verwaltungsdienstleistungen gelungen.« Dabei profitiert die Bertelsmann-Tochter von der chronischen Geldnot der Städte und Gemeinden. Deshalb gehen die Verwaltungen Bündnisse mit privaten Unternehmen ein, die dann bislang staatliche Aufgaben übernehmen Staat und Privatunternehmen bauen gemeinsam Straßen und Tunnel, Schulen und Hochschulen, Verwaltungsgebäude und Kliniken, sie betreiben Stadtwerke und Entsorgungseinrichtungen und inzwischen selbst Gefängnisse und Rathäuser.

Die Laufzeit des Vertrages zwischen der Würzburger Stadtverwaltung und Arvato ist nicht bekannt. Fest steht allerdings, dass die Stadtverwaltung nicht die Rechnerkapazitäten hat, um ihre Verwaltungsprozesse auf einer Internetplattform zu bündeln. Das bedeutet, die Daten aller Würzburger Einwohner und Unternehmen laufen über das Rechenzentrum des Bertelsmann-Konzerns in Gütersloh. Dort läuft die Datendrehscheibe für Würzburg

Was sich sonst noch ändert, wenn die Stadtverwaltung nach privatwirtschaftlichem Muster organisiert wird, weiß derzeit niemand. Die Hoffnung auf mehr Effizienz überschattet kritische Rücktragen.__________
aus Publik-Forum Nr. 4•2008
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Also nochmal langsam:

– Dafür, daß alle Verwaltungsprozesse auf einer zentralen Internetplattform zusammengefaßt werden, können rund 75 Mitarbeiterstellen in den nächsten 10 Jahren gestrichen werden.
– Von den dadurch eingesparten 27 Millionen Euro erhält Arvato 17 Millionen.
– Die Vorarbeiten wurden von den Wirtschaftsinformatikern der Universität durchgeführt, die feststellten, daß die Verwaltungsarbeiten durch Verknüpfung aller Fachstellen effektiver und kostengünstiger durchgeführt werden könnten.
– Die Laufzeit des Vertrages mit Arvato ist nicht bekannt.
– Die Stadt hat nicht die Rechnerkapazitäten, um ihre Verwaltungsprozesse auf einr Internetplattform zu bündeln.
– Deshalb laufen alle Daten der Würzburger Einwohner und Unternehmen über das Rechenzentrum des Bertelsmann-Konzerns in Gütersloh.

Mein Kommentar:
Ich frage mich, was eine deutsche Universitätsstadt daran hindert, zwei Professoren der Wirtschaftswissenschaften und Informatik an einen Tisch zu setzen und ein zehnjähriges Studienprojekt anzuschieben, in welchem Studenten die Verwaltung umstukturieren und die notwendigen Fachstellen auf einer Internetplattform zusammenführen. Von einem Computerhersteller bekämen sie die dafür notwendigen 500 Computer für Werbezwecke wohl zu einem Spottpreis. Ist das alles so unglaublich kompliziert, daß man dafür die Privatwirtschaft braucht und – was wohl die Datenschützer dazu sagen – sämtliche Daten über Konzernrechner laufen läßt? Haben wir so wenig helle Köpfe, daß wir unsere Wäsche einem Großkonzern auf den Tisch legen?

Gibt es so wenig Interesse in den Landesregierungen an effizienteren Kommunalverwaltungen, daß die nicht dazu in der Lage sind, auf Bundesebene ein Forschungsprojekt in Gang zu setzen, in welchen recherchiert wird, wie Kommunalfachstellen am einfachsten übers Inter- oder auch ein Intranet vernetzt werden? Muß da wirklich jeder sein eigenes Süppchen kochen? Wenn ich mich als Psychotherapie-Einzelkämpfer schon selbst qualitätsmanagen muß, sollte das nicht auch verpflichtend für Kommunalverwaltungen sein? Und kommt bei diesen qualitätsgemanagten Erkenntnisprozessen nur raus, daß man die Knete einem Großkonzern in den Rachen schmeißen muß?

Ich fürchte, der real existierende Neoliberalismus präsentiert gerade die Antworten.
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Ein paar Links, die sich auf obenstehende Artikel beziehen:Axel-Springer-Konzern
Bertelsmann AG (Umsatz 2006: 19,3 Mrd. EUR, gehört zu 76,9% der Bertelsmann Stiftung und zu 23,1% der Familie Mohn)
Bertelsmann Stiftung
Reinhard Mohn
Liz Mohn, (u.a. im Aufsichtsrat der Rhön Klinikum AG, 1999 als erstes weibliches Mitglied aus Deutschland in den Club of Rome aufgenommen); siehe auch Günther Bähr, »Reinhard kann jetzt nicht« (Focus-Archiv, der Wikipedia-Link funktioniert nicht)
Brigitte Mohn (verfügt über 100% der Stimmrechte der Bertelsmann AG)
Club Bertelsmann (Umsatz 2,7 Mrd. EUR, gehört zu 100% Bertelsmann AG)
Publikationen des Verlags Grunder & Jahr (gehört zu 74,9% Bertelsmann AG)
Spiegel-Verlag (gehört zu 50,5% den Mitarbeitern, zu 24% den Erben Rudolf Augsteins und zu 25,5% Bertelsmann AG); siehe auch »Vom Sturmgeschütz der Demokratie zu Angela Merkels Spritzpistole«
Peter Hartz, Hartz-Konzept, Hartz IV (Arbeitslosengeld II), Sozialgesetzbuch II

McKinsey (Umsatz 2002 in Deutschland und Österreich: 600 Mio EUR)
Centrum für Hochschulentwicklung (CHE, Jahresetat 3,2 Mio EUR, davon 75% von der Bertelsmann-Stiftung)
Centrum für angewandte Politikforschung (CAP, auch bei der Uni München); siehe auch Werner Biermann, Neuer Griff nach Weltmacht (wieder bei der AG Friedensforschung an der Universität Kassel, wow, ihr habt viele gute Infos, Leute!)
Bertelsmann Forschungsgruppe Politik; siehe auch Jörg Kronauer, Zeit für Plan B (bei Jungle World)
Bertelsmann Wissenschaftsstiftung
Werner Weidenfeld (ehemals im Vorstand der Bertelsmann-Stiftung)
Centrum für Krankenhausmanagement (CKM), an der Universität Münster
Komptenzzentrum Kommunen und Regionen; siehe auch Rudolf Bauer, Die Tonangeber (bei Freitag 24)
Medienakademie Köln
Akademie des Deutschen Buchhandels
Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft
arvato AG (Umsatz 2006: 4,8 Mrd. EUR)
Arvato Government Services (
vom 04. – 09.03.2008 auf der CeBIT im Public Sector Parc vertreten, Halle 9, Stand Nr. E36); siehe auch »Von PPP, WWW und KWh« (bei TIC-Magazin); siehe auch Widerstandsgruppe Worms-Wonnegau (bei Wikipedia); siehe auch Paul H. Bruder, Bertelsmann – Arvato: Gute Geschäfte – was sonst? (bei Unsere Zeitung); siehe auch »Das realexistierende Matriarchat« (bei stadtmenschen.de); siehe auch Annette Groth, Achtung, neues Reformpaket (bei Linksnet); siehe auch Stefan Krempl, Bertelsmann-Tochter für Steuererhebung und IT-Sektor in Ostengland verantwortlich (bei heise online); siehe auch Alois Weber, Und der Markt ist Gott geworden (bei Spiegel Online)
Public Private Partnership 
siehe zum Schluß auch Bertelsmann-kritische Materialien bei Bildungswiki


zu Arvato:

- Ausgerechnet Arvato (Band Eins, 05/2009)
Noch ein paar Bertelsmann-bezogene Links aus anderen Posts:
– Brief eines bayerischen Hausarztes: Was derzeit wirklich passiert

– Bertelsmann macht Staat (Post vom 30.4.07)
– Der Stifter und der Staatsanwalt (Spiegel online vom 22.10.07): 
Der Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, Professor Dr. Dr. h.c. Werner Weidenfeld, soll Stiftungsgelder zum eigenen Nutzen zweckentfremdet haben. 
(Gegen eine Bußgeldzahlung wurde das Verfahren am 29.10.07 wegen Geringfügigkeit eingestellt, Quelle: Wikipedia)
– Die Bertelsmann AG – Mächtiger als der Bundestag (bei Schattenblick, Sozialistische Zeitung); man achte auf den ersten Absatz des letzten Abschnitts!
– Über die Tagung der Bertelsmann-Kritiker (aus der taz, attac und Kanal B)
Lieber Gott, ich danke Dir, daß ich nicht in einem islamischen Gottesstaat lebe. Dann müßte ich wohl wegen dieser Karikatur um mein Leben fürchten. Ich bedanke mich auch für die Existenz unabhängiger Zeitschriften, die dazu in der Lage sind, solche Verhältnisse publik zu machen. Gib den Menschen die Sehnsucht, den Dingen auf den Grund zu gehen, auf daß sie sich weniger in den schnellen Medien die Birne mit Müll zuknallen und wieder mehr Lust darauf bekommen, mit eigenem Tun die Welt zu verändern. Gib den Menschen mehr Bewußtsein für ihre Verantwortung für das, was um sie herum geschieht und lasse sie erkennen, daß die Welt nicht instant und nicht light, aber auch ohne Lidl und Saturn geil ist. Es hat ja mal so eine Zeit gegeben…