Freitag, 19. September 2008

Kritische Stimmen zur Bankenkrise

zwei Artikel bei ZEIT Online:
Der tägliche Crash (18.09.2008)
Reichtum und Risiko (17.09.2008)

Es kann nicht sein, daß so viele Leute warnen, unsere Finanz-»Elite« aber sich trotzdem über Monate, wenn nicht Jahre, auf zunehmend dünnem Eis bewegt und eigenes Handeln einzig mit Renditezwang und mit dem Tun der anderen rechtfertigt. Die jetzige Bankenkrise beweist, daß der Markt nicht die nötigen Selbstregulationsmechanismen besitzt. Er reguliert sich zwar selbst – die jetzige Krise ist ja gerade solch eine Systemantwort –, jedoch bleibt zu fragen, ob die blauen Augen, die hier gesammelt werden, die Sache wert sind. Die Weltwirtschaftskrise 1929 wurde ausgelöst durch den Zusammenbruch des spekulativ überbewerteten US-Aktienmarktes. Folge war ein Paradigmenwechsel in der Volkswirtschaftslehre, wodurch die bis dahin geltende klassische Wirtschafttheorie abgelöst wurde durch den Keynesianismus, der stärkere staatliche Eingriffe forderte und die Nachfrage in den Vordergrund stellte.

– Wikpedia: Weltwirtschaftskrise
– Post: Rückkehr eines Außenseiters
– Eine kurze Geschichte der Finanzkrisen (bei der FAZ)
– Albert Müller will sich auf den Nachdenkseiten in den nächsten Wochen die neoliberale Irrlehre vornehmen.
– Wolfgang Köhler bei ZEIT Online über die Geburt des Neoliberalismus
– Petra Pinzler fragt bei ZEIT Online: »Wo sind bloß die Liberalen?«
– Stephan Leibfried über das Abklingen der antietatistischen Mode (auch bei ZEIT Online)

In Jahrhunderten gewachsene Handlungsgrundsätze im Bankenwesen wurden in den letzten Jahrzehnten zunehmend und stillschweigend mißachtet. Unter anderem der, daß vergebenen Krediten adäquate Liquiditätsreserven gegenüberzustehen haben und langfristige Kredite nur mit langfristigen Einlagen refinanziert werden dürfen (Goldene Bankregel).

aus Devisen-Wallstreet Online:
Das Subprime-Segment gibt es seit Mitte der 1990er Jahre. Dessen Marktanteil lag bis Ende 2003 bei maximal 5,0% aller Hypotheken. Bis zum Dezember letzten Jahres hatte sich dieser Wert auf 15,0% verdreifacht. Immer wieder ist im Kreditzyklus zu beobachten, dass eine einfachere Refinanzierung auch das Risiko reduziert. Der Grund ist, dass die Schuldner ihre Kredite durch immer günstigere bedienen können. Die Finanzdienstleiter reagieren darauf zumeist mit einer weiteren Lockerung der Kreditstandards. Genau dies war im Zeitraum 2003 bis 2005 in den USA der Fall. Die Kreditpyramiden kehren sich aber bei steigenden Zinsen um und treiben die Ausfallraten in die Höhe – ein „normaler“ Prozess, der sich leider im Subprime-Segment aufgrund seiner speziellen Kundschaft potenziert.

– Ein Fallbeispiel aus den USA bei Polit-Pege (was heißt hier »Subprime«?)
– Unkonventionell vorgetragene aber kompetente Feststellungen von Mattin
– Fundierte Darstellung der Entwicklung der Finanzkrise beim Institut für Weltwirtschaft der Universität Kiel

Matthias Platzeck (SPD, gefällt mir, der Mann, wäre ein sympathischer Kanzlerkandidat) fand gestern bei Maybrit Illner deutliche Worte: Finanzsysteme stärker an die Kandare nehmen.
Die ganze Diskussion beim ZDF
– Ein Interview mit Prof. em. Dr. Rudolf Volkart beim ERSTEN
– Jan Peter Kranen, Professor für Finanzwirtschaft meint bei ZEIT Online: »Diese Krise ist erklärbar.«

Was unterm Strich bleibt: Wir benötigen funktionierende Kontrollen. Und: Hedgefonds weg, die lassen sich nicht kontrollieren.

Sogar Angie fordert jetzt Kontrollen, dann muß es wirklich schlecht stehen.
Der Bundesrechnungshof kritisiert die ungenügende Kontrolle des KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau)-Engagements bei der IKB (Industriekreditbank) durch Finanz- und Wirtschaftsministerium.
Europa streitet über Auswege aus der Krise, und Deutschland gerät wegen seiner niedrigen Löhne unter Druck (bei ZEIT Online)
Unter Druck wird Deutschland auch beim Export geraten. (Reuters)
In den USA beginnt man aufzuräumen, während die nächste Bank in die Pleite geht. (heute, ZDF)

Zum Schluß noch zwei Bemerkungen:
1. Der US-amerikanische Präsidentschaftskandidat der Republikaner, John McCain forderte noch vor wenigen Jahren, staatliche Kontrollen aus dem Finanzsektor herauszuhalten, jetzt fordert er staatliche Kontrollen. Ja, was denn nun?
2. Der Vorstandsvorsitzende der Citibank mußte, nachdem er 4 Milliarden Euro in den Sand gesetzt hatte, gehen, eine Abfindung von 40 Millionen bekam er noch … (ich dachte Leistung sollte sich wieder lohnen).

Donnerstag, 18. September 2008

Die Geschichte der IKB-Bank

Diese Zusammenfassung bezieht sich auf einen hochinteressanten Artikel bei Wikipedia!
Zur Organisation der Reparationszahlungen nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Bafio (Bank für Industrie-Obligationen) gegründet. Mit dem Young-Plan 1929 fielen die Reparationszahlungen und damit der ursprüngliche Geschäftszweck der Bafio weg.
Die Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er brachte unter anderem die hochverschuldeten ostdeutschen Landwirtschaftsbetriebe in eine existenzbedrohende Situation.
1931 traten das Osthilfegesetz und das Industriebankgesetz in Kraft. Die neuen Aufgaben der Bafio waren nun:
  • Die landwirtschaftliche Entschuldung im Osthilfegebiet
  • Die Gewährung mittel- und langfristiger Kredite an gewerbliche Betriebe, insbesondere solche kleineren und mittleren Umfangs.

1939 wurde die Bank im Rahmen der Gleichschaltung umbenannt in „Deutsche Industriebank“.

Während der Zeit des Nationalsozialismus war die Bank mit Kapitalverschiebungen im Zuge der Judenverfolgung befaßt, später mit der Kreditvergabe für kriegswirtschaftlich wichtige Investitionen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg durfte die Industriebank anfänglich in Berlin nicht tätig sein, so daß 1949 eine Neugründung in Westdeutschland (Düsseldorf) als Industriekreditbank AG (IKB) erfolgte. Die alte Industriebank erwarb 1953 die Mehrheitsanteile an der IKB. Mitte der 1960er Jahre verhalf das Berlinhilfegesetz zu neuem Schwung, die Industriebank wurde Annahmestelle für sogenannte Berlindarlehen: Dies war die Basis für ein lebhaftes Langfristkreditgeschäft in Westberlin.
1974 vollzog sich die juristische Vereinigung von alter Industrie- und neuer Industriekreditbank. 1987 gründete die IKB eine Niederlassung in Hongkong, Ende der 90er Jahre folgten Niederlassungen in Paris, London und schließlich auch in New York.

Die Pleite der IKB-Bank

Zu einem Übersichtsartikel über die Bankenkrise bei Wikipedia

Die Bankenkrise begann im Frühsommer 2007 mit der Subprimekrise (im deutschsprachigen Raum auch als US-Immobilienkrise bezeichnet). Die zuvor steigenden Immobilienpreise in den USA stagnierten, während viele Kreditnehmer aufgrund steigender Zinsen ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten. Die Hauskredite, d. h. die Rückzahlungs- und Zinszahlungsansprüche gegen die Schuldner, waren als Wertpapier verbrieft und als Forderungsbesichertes Wertpapier (asset-backed security, ABS) verkauft worden.
Ursache war eine zu hohe Anzahl an Subprime-Krediten (Kredite an Kreditnehmer mit geringer Bonität), denen ungenügende Liquiditätsreserven gegenüberstanden.
Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds vom April 2008 belaufen sich die Verluste als Folge der Finanzkrise auf bis zu 600 Milliarden Euro.

Die Schließung von Hedgefonds und die Verluste bei den Investmentbanken führten zu einer Abnahme der Risikobereitschaft privater und institutioneller Anleger, wodurch sich der durch die Krise ausgelöste Liquiditätsengpaß der Kreditinstitute noch verschärfte.
Die Subprime-Krise in den Vereinigten Staaten und die plötzliche Illiquidität der ABCP-Papiere und ABS-Anleihen brachten im Jahre 2007 die beiden Bankhäuser IKB Deutsche Industriebank und Sachsen LB in existenzbedrohende Krisen, da sie ihre angekauften Forderungen nicht mehr im Geldmarkt refinanzieren konnten.

Größter Anteilseigner an der privaten IKB ist mit 38% die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Diese mußte als Großaktionär die IKB-Bank mehrfach mit Zahlungen in Milliardenhöhe stützen.
Von 1999 bis 2008 war Ingrid Matthäus-Maier (geb. 1945, SPD) Mitglied im Vorstand der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), mit einer Bilanzsumme von 350 Millionen Euro neuntgrößte Bank in Deutschland. Am 9. Dezember 2005 wurde sie zur Vorstandssprecherin der KfW-Bankengruppe gewählt und übernahm das Amt am 1. Oktober 2006. Damit wurde sie zur ersten Frau an der Spitze einer deutschen Großbank. Wegen der Krise der IKB und den Finanzspritzen durch die KfW wurde Matthäus-Maier von der Politik kritisiert. Am 7. April 2008 trat sie, ein Jahr vor Ende ihres Vertrages, von ihrem Vorstandsposten bei der KfW zurück.

Die Schieflage der IKB war hauptsächlich dadurch entstanden, daß sie der in diesem Markt aktiven und sich über ABCP refinanzierenden Emissionsgesellschaft „Rhineland Funding Capital Corporation“ eine Kreditlinie von 8,1 Mrd. Euro zur Verfügung gestellt hatte.
Insbesondere wegen der sich daraus ergebenden Risiken sahen sich mehrere Banken – darunter die Deutsche Bank – gezwungen, der IKB Kredite zu kündigen, was bei einer Inanspruchnahme der Liquiditätslinie zur Zahlungsunfähigkeit der IKB hätte führen können. Der Sprecher der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), Jochen Sanio, sprach – wohl auch wegen der Bedeutung der IKB für den deutschen Mittelstand – in diesem Zusammenhang sogar von der größten deutschen Bankenkrise seit 1931.

Zur Abwendung der akuten Probleme der IKB wurde durch die KfW sowie die deutschen Bankenverbände ein Bankenpool gegründet, der einen Risikoschirm in Höhe von 3.5 Mrd. Euro bereitstellte. Die EZB steuerte zudem mit einer erhöhten Liquiditätsbereitstellung auf dem Geldmarkt gegen, indem sie den Banken über kurzfristige Refinanzierungstender bis zu 258 Mrd. € zur Verfügung stellte.

Das Geschäftsjahr 2007/2008 schließt die IKB mit einem Fehlbetrag von 600-700 Millionen Euro. Von den fünf Vorständen, die die IKB vor dem 30. Juli 2007 geführt haben, ist lediglich der für Personal verantwortliche Vorstand im Unternehmen verblieben.

Das Hamburger Abendblatt berichtet am 22.08.2008 von Informationen aus der FDP, nach denen KfW, der Bund (und damit auch der Steuerzahler) sowie die Bankenwirtschaft
bislang rund 9,8 Milliarden Euro an Risiken der IKB abdeckten.

Links zu zwei SPIEGEL Online-Artikeln:
Eine Seuche namens Subprime (11.07.2007)
Wie die Hedgefons-Blase entstand – und zerplatzte (21.07.2007)

Zu einem aktuellen Artikel bei den heute-Nachrichten:
KfW: Altehrwürdig und kein bißchen weise? (18.09.2008)

Pornos, privater Sex und hohe Latten

Nackte Tatsachen: Die Deutschen gucken nach einer Umfrage immer mehr Pornos. Mit Folgen für das Sexleben: Die Lust auf den perfekten Körper wächst - notfalls per Operation. Und die Messlatte für den Sex liegt immer höher.

Zum Artikel beim ZDF

Aus dem Artikel:

»Viele junge Mädchen glaubten heute, dass sich ihr Freund eine Art Porno-Star im Bett wünsche.«

Ach, die armen Frauen! Wenn sich jemand operieren läßt, dann die Frauen. Und wenn jemand Schwierigkeiten mit den Erwartungen des Anderen hat, dann sind das wieder die Frauen. Und wenn beim Sex jemand in Streß kommt, sind es nochmal die Frauen.

Was soll der Quatsch? Es ist beschämend, daß sich jemand solch ein Geschreibse erlauben kann. Vor einigen Monaten sah ich eine Folge aus dem »Siebten Sinn«, einer Verkehrsinformationssendung, die in den 70er Jahren im Ersten fünf Minuten lang vor dem Freitagsabend-Krimi lief. Die betreffende Folge bat Männer um Verständnis, wenn sie Frauen am Steuer sahen und rief zu toleranter Rücksichtnahme auf. Realsatire at it’s best!

Vielleicht denkt in 20 oder 30 Jahren mal jemand Ähnliches über die ZDF-Meldung.

Liebe bei ZEIT Online

Datenpanne? Was für eine Panne?

Die Norweger sind geschockt: Das Osloer Steueramt hat die komplette Liste aller 3,9 Millionen Steuerzahler mit Personennummer, Namen, Einkommen und Steuersatz auf CDs hochoffiziell an Medien geschickt.

zum Artikel beim ZDF

Big Brother lacht sich tot!

Mittwoch, 17. September 2008

Real existierender Kapitalismus vor der Haustür 2

Vor einiger Zeit habe ich über den Versuch der Firma Boehringer berichtet, in einem Wohngebiet in Kirchrode/Hannover ein Forschungsinstitut zu errichten zur Herstellung von Impfstoffen wie den Versuch verschiedener Bürger und Gruppierungen, dies zu verhindern.
Sogenannte »Informationsveranstaltungen«, organisiert durch die Stadt Hannover, die Tierärztliche Hochschule und Boehringer waren nichts anderes als Versuche, kritische Fragen durch gebetsmühlenartig wiederholte Allgemeinplätze abzuwürgen. Nur, die Kirchröder sind ein eigenes Völkchen und werden ziemlich stinkig, wenn man an ihren Fragen vorbeizuantworten versucht. So war bei sämtlichen Veranstaltungen ein hoher Adrenalinspiegel garantiert. Und als Zuhörer konnte man einige Gesichtsverluste daherlabernder Dumpfbacken mit Freude zur Kenntnis nehmen.
Der Rentner, der sich damals in seinem Lebenswerk aufhängen wollte, ist inzwischen mit viel Boehringer-Geld vom Suizid abgehalten worden.
Letztlich ging es darum, ob die Jakobi-Kirchengemeinde, der ein großer Teil des für den Bau benötigten Geländes gehört, dem Verkauf an Boehringer zustimmt. Um ihre Bedenken vorzutragen, wurde im Juni 2008 von mehr als einhundert Gemeindemitgliedern die Einberufung einer Gemeindeversammlung beantragt. Diese fand jetzt gerade am 14. September mit großem Getöse statt. Vier Tage vorher hatte der Kirchenvorstand der Gemeinde mit Zustimmung der Landeskirche den Vertrag mit Boehringer unterschrieben. Ein höheres Kaufgebot von Bewohnern des Stadtteils war unberücksichtigt geblieben.

Artikel bei der HAZ, die Arbeit mit böswilligen Unterstellungen darf hier auch nicht unerwähnt bleiben (Artikel bei der HAZ)
bei der Neuen Presse
beim CDU-Ortsverein (auf die nächsten Wahlergebnisse bin ich gespannt)

Nähende Heuschrecken

Manchmal denke ich, es bringt mehr, Georg Schramm (jetzt in »Neues aus der Anstalt«) zuzuhören als die Tagesschau zu sehen:
Vor einigen Wochen mußte (?) die IKB-Bank mit einigen hundert Millionen Euro Steuergeldern gestützt werden, da sie durch die amerikanische Bankenkrise ins Trudeln gekommen war.
Vor wenigen Tagen nun wurde sie an Lone Star verkauft. Eingefädelt hat das Geschäft angeblich Friedrich Merz.

– zur ZDF-Seite
– direkt zur ganzen Sendung

Die Folgetermine für die 17. Folge vom 16. September 2008:
  • 3sat
    30. September 2008, 00.45 Uhr
  • ZDFinfokanal
    20. September 2008, 21.30 Uhr
    27. September 2008, 21.30 Uhr
  • ZDFtheaterkanal
    1. Oktober 2008, 19.40 Uhr
– über die dubiose Rolle der Deutschen Bank beim IKB-Absturz (ARD Monitor 577 vom 24.4.08)
– Sammlung kritischer Artikel über den IKB-Verkauf als PDF-Datei zum Download

ältere Posts zur Finanzkrise:

Finanzkrise, die nächste (27.02.08)
Finanzkrise, erst der Anfang (23.02.08)

Übersichtspost vom Januar zum Raubtierkapitalismus, mit verschiedenen weiterführenden Links


Links zu Artikeln über Friedrich Merz:

– bei Mein Parteibuch
– bei der Süddeutschen (Schily rechtfertigt sich unter Hinweis auf Merz)
– bei Netzpolitik (Merz und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung)
– bei der Welt (Merz’ Nebentätigkeiten bringen über 50.000 EUR im Jahr, naja!)
– bei Deutsche Wordpress (wieder über Nebentätigkeiten)
– bei Telepolis (der wohl fundierteste Artikel über seine Nebentätigkeiten)
– Geplänkel bei Abgeordnetenwatch

Und nicht vergessen: Bertelsmann ist auch noch da! Zum Strategiepapier (aus dem Jahr 2006), zum direkten Download als pdf-Datei. Bertelsmann in der Diskussion (bei diegesellschafter.de)


Montag, 15. September 2008

Rekordwirkungsgrad für Solarzellen

Mit einem Wirkungsgrad von 37,6 Prozent wandelten Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für solare Energiesysteme ISE in Freiburg Sonnenlicht in elektrischen Strom um. Die Forscher schafften damit einen Europarekord. Das Ergebnis wurde auf der Basis sogenannter Mehrfachsolarzellen aus III-V-Halbleitern erzielt. Das sind Solarzellen, die bislang hauptsächlich im Weltraum eingesetzt wurden. Neue technische Entwicklungen erlauben nun auch den kosteneffizienten Einsatz derartiger Solarzellen auf der Erde. Hierfür wird das Sonnenlicht bis zu 2000-fach auf eine nur wenige Quadratmillimeter große Mehrfachsolarzelle gebündelt. Die Konzentrator-Technologie verspricht schon in naher Zukunft die Kosten der Stromerzeugung aus Sonnenlicht deutlich zu senken, insbesondere in Ländern mit viel direkter Sonneneinstrahlung.

Publik-Forum Nr. 14•2008

Man unterscheidet zwischen Sonnenkollektoren (verwendet in thermischen Solaranlagen), die meist (Heiz-)Wasser aufheizen und Solarmodulen (verwendet in Photovoltaikanlagen), die die Lichtenergie in Strom umwandeln. Für den Privatgebrauch sind meist thermische Solaranlagen attraktiver, da deren Wirkungsgrad bei 60-75% liegt. Noch 2006 wurde in einem Telepolis-Artikel der damals gültige Weltrekord bei Solarmodulen mit 24,7% angegeben.
Wie da Handelsblatt Ende August berichtete, bringt die Firma Concentrix solar nun Solarzellen mit einem Wirkungsgrad von über 36% auf den Markt. Dieser Wirkungsgrad wird durch die Verwendung von Linsen erreicht, die das einfallende Licht auf bestimmte Punkte bündeln.
Seit einiger Zeit existieren auch Hybridkollektoren, die beide Techniken verbinden und sowohl Licht in Wärme wie auch in Strom umwandeln. Inzwischen gibt es auch Solar-Dachschindeln. Man darf also weiter gespannt sein…

Samstag, 13. September 2008

Benedikt und die Götzen

Benedikt hat in Frankreich vor den Götzen der heutigen Zeit gewarnt. Er rief nachdrücklich dazu auf, »die Götzen der heutigen Zeit zu durchschauen, ›die den Menschen von seinem wahren Ziel abhalten, von der Freude des ewigen Lebens mit Gott‹. Idole und ihre Anbetung hielten den Gläubigen von der Wirklichkeit fern, sagte Benedikt. Er sprach von der Versuchung, die Vergangenheit zu schönen und dabei ihre Mängel zu vergessen, oder auch von der fernen Zukunft zu schwärmen in der Annahme, ›dass der Mensch, allein durch seine Bemühungen, das Königreich der ewigen Freude auf Erden bauen kann‹.« (heute-Nachrichten vom 13.9.08)

Es ist schon so eine Sache mit dem Benedikt. Man hat ihm ja vorgeworfen, mehr ein Papst für den Kopf denn für das Herz zu sein. (Aus dem Jahr 2005 gibt’s zu diesem Konfliktfeld – wieder mal ein Feld, damit die Fernwirkung vermieden werden kann – einen sehr nachdenkens- oder herzenswerten Artikel des Berliner Tagesspiegels: Habermas papam.) Aber wenn er der erste Papst ist, den ich überhaupt des Sich-an-ihm-Reibens für wert erachte, finde ich, ist der Kopf – in diesem Fall sein Kopf – nicht der Schlechteste. Wenn ich jetzt mal über den Ausdruck »Freude des ewigen Lebens mit Gott« nicht nachdenke und einfach so tue, als ob das das wär’, was ich auch gut finde (ich werde das jetzt hier nicht weiter ausbreiten, da hat der olle Benedikt ja ein paar tausend Jahre Religionsphilosophie hinter sich, da kann und will ich nicht gegenhalten), dann kann ich dem, was er sagt nur aus vollem Herzen (und Kopf), zustimmen. Tote Meister, meinte mal Osho, sind praktisch, die können sich nicht wehren. Und daß Idole eher was sind, wo wir unsere Sehnsüchte drauf projizieren, dürfte nach ein wenig Anstrengung (im Kopf, da läßt uns leider das Herz im Stich) klar sein. Eins dieser Idole – und da wir ja grad die 68er und ihre gesellschaftliche Relevanz zelebrieren, kommt mir grad ein 68er Idol sehr recht – wird grad in der ZEIT entzaubert (wie die Worte wieder so passen!): Che! Und dabei ist es mir wichtig: nichts gegen das Herz. Und daß (also in den 60ern) damals auch Herz gefehlt hat, zeigt ein Artikel von Peter Roos bei ZEIT Online. Und jetzt die ketzerische Frage (wir haben ja mit Benedikt angefangen): Gibt’s lebensrettende Musik? Das Kaufverhalten fördernde Musik gibt’s, das hören wir in jedem Supermarkt. Und Paul McCartney, der das angeblich überhaupt nicht mag, ist inzwischen auch mit dabei (also bei der verkaufsfördernden Musik). Aber lebensrettend? Damals war anscheinend eine für viele Menschen existentielle Zeit, und das ist der Unterschied zu heute: heute gibt’s keine lebensrettende Musik mehr. Aber egal ob jetzt damals oder heute: die Leute brauchen Idole, um ihr Herz dran zu hängen. Anscheinend sind sie dann erst bei sich, wenn sie nicht mehr bei sich sind, bzw. kommen sie zu sich, wenn sie ihr Herz irgendwo drangehängt haben. Vielleicht kann ja dann der Kopf helfen, wieder zurück zu kommen. Wenn man bei sich ist…
Manche bleiben dann. Wahrscheinlich, weil’s da besser ist und weil sie das Hiersein dann besser aushalten können, wenn sie weg sind. Auch Christoph Schlingensief denkt über Gott nach und ob er ihn vielleicht schon längst verlassen hat (also Christoph Gott), und vielleicht war ja Gott einsam, daß er Christoph dafür mit Krebs bestraft hat (also ein alttestamentarisch eifersüchtig-strafender Gott). Dabei braucht man gar nichts tun (Wu Wei! waaaaaaau! aua!! [siehe das fünfte Stück auf der ersten Seite – damals hatten die Platten noch zwei Seiten – Todd-Rundgren-Platte von 1978] Oh!). Vielleicht kommt das mit dem Nicht-Tun irgendwann raus: das ist kein altchinesisches Prinzip, das hat Helmut Kohl erfunden und es wird – abgesehen von einzelnen Schröderschen Agenda-Störungen – seit den 80er Jahren in der deutschen Politik konsequent umgesetzt.

Also Leute, hängt Eure Herzen an Götzen und Idole, Ihr braucht das und macht es sowieso. Aber dann benutzt Euren Verstand und kommt wieder zurück.

»Er sprach von der Versuchung, die Vergangenheit zu schönen und dabei ihre Mängel zu vergessen, oder auch von der fernen Zukunft zu schwärmen in der Annahme, ›dass der Mensch, allein durch seine Bemühungen, das Königreich der ewigen Freude auf Erden bauen kann‹.«

Sie die Vergangenheit hätten wir hinter uns, dann zu unseren Bemühungen um die Zukunft: Von Saint-Exupéry gibt es den Herz-erquickenden Spruch:

Wenn Du ein Schiff bauen willst,
dann rufe nicht die Menschen zusammen,
um Holz zu sammeln,
Aufgaben zu verteilen
und die Arbeit einzuteilen,
sondern lehre sie die Sehnsucht
nach dem großen, weiten Meer.

Daß der arme Antoine sein Leben lang nicht von seiner Mama weggekommen ist, spielt in diesem Zusammenhang schon eine Rolle. Wer ist wohl die eifersüchtige Rose (im Kleinen Prinzen) auf seinem Heimatplaneten, die ihn mit ihrer Eitelkeit quält? (»Man darf den Blumen nicht zuhören, man muss sie anschauen und einatmen.«) Wenn Antoine meint: »Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar«, begibt er sich auf die Ebene unserer alltäglichen Sprachverwirrung. Und seinen Ratschlag für den Schiffbau finde ich erschreckend defizitär. Nach Wikipedia-Angaben hat Maos großer Sprung 20 bis 40 Millionen Menschenleben gefordert. Da lobe ich mir doch eine ordentliche Arbeitsanweisung!

Also Leute, seid begeistert, tut Euer Bestes, aber prüft Euer Herz und prüft Euren Kopf (da sind nur alte Gedanken drin) und prüft Eure Sicht der Dinge.
Und um nochmal ein bißchen Durcheinander reinzubringen (über Wittgenstein habe ich vor kurzem was geschrieben):

Jeder Weg ist nur ein Weg
und es ist kein Verstoß gegen sich selbst oder andere,
ihn aufzugeben, wenn dein Herz es dir befiehlt ...
Sieh dir jeden Weg scharf und genau an.
Versuche ihn so oft wie nötig.
Dann frage dich, nur dich allein: ... Ist es ein Weg mit Herz?
Wenn ja, dann ist es ein guter Weg;
wenn nicht, ist er nutzlos.

Carlos Castaneda (1925-1998)
(Juan Matus in »Die Lehren des Don Juan«)

Und noch ein Letztes: Der liebe Gott hat uns aus dem Paradies rausgeschmissen. (Und das hat sehr wohl einen Sinn gehabt.) Glaubt Ihr wirklich, er läßt uns ein Königreich der ewigen Freude bauen? Also Benedikt, weiter so!

Freitag, 12. September 2008

Fernsehtips – nicht verpassen

Die Grafik "http://www.langenau.de/de/10_kultur/10.02_pfleghof/images/i_hagen_rether_gross.jpg" kann nicht angezeigt werden, weil sie Fehler enthält.

Dienstag, 16. September, 22:15 h im ZDF: Neues aus der Anstalt, diesmal auch dabei: Hagen Rether




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Donnerstag, 18. September, 22:00 h auf VOX: Ausnahmezustand



Donnerstag, 11. September 2008

Mannsbilder und Weibsbilder

Die ZEIT gibt Literaturempfehlungen für Jungs und Mädchen.

Zu den Empfehlungen für Mädchen (»Tolle Frauen«) gehören unter anderem:
– Lolita, eine Zwölfjährige, die nach dem Tod ihrer Mutter ihren Stiefvater verführt und sich von ihm für Sex bezahlen läßt,
– Ja’ara, die einem unnahbaren Egomanen verfällt und ihren Mann verläßt, um sich vom Liebhaber demütigen zu lassen,
– die schöne, reiche, dominante und vermeintlich liebesunfähige Wanda, die ihren Liebhaber nach allen Regeln der Kunst quält,
– die durch eine Hetzkampagne eines Reporters fertiggemachte Katharina, die den Reporter schließlich erschießt,
– die Alkoholikerin Martha, die ihren Mann für einen unfähigen Verlierer hält und versucht, sich an dessen neuem, verheirateten Kollegen gütlich zu tun,
– Pippi, bärenstark und Papa immer weg,
– Madame Bovary, die von ihrem Mann gelangweilt ist, ihn verläßt und sich durch Kaufräusche und Luxus zu betäuben sucht und, nachdem ihr kein Mann hilft, sich vergiftet,
– Rosy, die, wenn sie nicht grad auf einer Sexmesse als Auspeitscherin arbeitet, sich unter anderem zwischen Paaren selbstverwirklicht und dort ungefragt aber kräftig im Liebesspiel – nicht immer unter dem Beifall ihrer Geschlechtsgenossinnen – mitmischt.
[Quelle: Carsten Klook, Literarische Vorbilder: Nicht nur für Mädchen!, ZON, 08.09.2008]


Zu den Empfehlungen für Jungen (»Super-Typen«) gehören:
– Holden, an den emotional keiner rankommt und der alles verwirft, was erwachsen ist,
– die lebens- und genußsüchtigen Sal und Dean, die Autos klauen, Drogen nehmen und dem bürgerlichen Leben zu entfliehen suchen, [Wie hieß das bei Walt Disney’s Herbie auf dem Parkplatz vor dem Schnellimbiß: "Hier kommt keiner raus, Baby!"]
– Bowling, ein Versicherungsagent, der vor seiner nörgelnden Frau und seinen Kindern flüchtet und der seiner durchschnittlichen Existenz durch die Rückkehr zu seiner Kindheit zu entkommen sucht,
– Werther, ein klassisch verfahrener Tagträumer, der ohne Lebensplan herumhüpft, sich einzig und allein seiner Flamme, der verlobten Lotte mit den schwarzen Augen hingeben will und sich zum Schluß umbringt,
– Felix, ein Dieb, Zuhälter und Hochstapler, Prototyp des superluxuriösen Aufschneiders mit Großmannssucht,
– Mersault, ein emotional unbeteiligt erscheinender, zum Toder verurteilter Mörder,
– Tom und Huck, zwei Lausbuben, die ohne Eltern großwerden und dann einen Schatz finden,
– Oskar, der keinesfalls erwachsen werden will und das eine Zeit lang auch schafft,
– ein Kauz, der als einer der ganz wenigen eine Katastrophe überlebt hat, beim Waldspaziergang beinahe erschossen wird, die Angreiferin aber überrumpelt, eine Zeit lang mit ihr zusammen lebt und dann von ihr verlassen wird,
– Yossarian, der vergeblich versucht, verrückt zu spielen, um seinem Schicksal zu entkommen.
[Quelle: Carsten Klook, Literarische Vorbilder : Jungs, lest mal hier!, ZON, 08.09.2008]


Ein Hoch auf die Vorbilder, weiter braucht man wohl nichts zu zu sagen… "Jodl!"

Sitzen zwei Japaner auf der Zugspitze. Dem einen fällt das Radio in die Tiefe, und so ruft er seinem erfahrenen Kumpel zu: "Hol die Ladio, hol die Ladio…" Der antwortet: "Hol du die Ladio!"

… und noch nicht mal auf Konfuzius ist mehr Verlass… {jedenfalls bei der ZEIT}

Die Olympiade - Ein Fest der Lügen

Von Jamyang Norbu

Jetzt, wo sich die olympischen Spiele dem Ende nähern, gibt es wohl nur wenige Menschen auf der ganzen Welt, die von all den Lügen, Täuschungen, Betrügereien, Manipulationen, all den Kontrollmaßnahmen und den Grausamkeiten, die sich die chinesische Regierung während der olympischen Spiele zuschulden hat kommen lassen, gar nichts gehört oder gelesen hätten oder sie sogar selbst bezeugen könnten. Tatsächlich hat es derart viele dieser Vorkommnisse gegeben, daß es sich lohnt, sie einmal aufzulisten, denn ich bin sicher, daß viele Leute das eine oder andere oder gar mehrere übersehen oder vergessen haben, falls sie ihnen anfänglich aufgefallen sein sollten.
Zunächst einmal wären da die spektakulären, computergenerierten riesigen „Spuren des Feuerwerks“, die bei der durchs Fernsehen übertragenen Eröffnungszeremonie „angefügt“ wurden.
Wußten Sie, daß die eintausend oder mehr Trommler, die während der Zeremonie en masse auftraten, alle Soldaten der Volksbefreiungsarmee oder Angehörige der bewaffneten Volkspolizei waren? Solche, die gerade turnusmäßig ausgetauscht waren und vielleicht noch kurz zuvor Menschen in Tibet oder Ost-Turkestan gefoltert oder erschossen haben?
Dann gab es da die allzu flotte 9jährige Lin Miaoke, die die „Ode an das Mutterland“ vorzutragen schien, obwohl sie in Wirklichkeit nur die Lippen zu einer Aufnahme des Gesanges eines anderen Mädchens bewegte, das als weniger attraktiv eingestuft worden war, nämlich der 7jährigen Yang Peiy. Falls der echte Panchen Lama (der sich unter Hausarrest in Beijing befindet) dies im Fernsehen verfolgt haben sollte, könnte er eine Art Déjà-Vu-Erlebnis gehabt haben.
Ai Weiwei, der ursprünglich den Plan für das Vogelnest-Stadion entworfen hat und einer der seltenen chinesischen Künstler oder Intellektuellen von Format ist, die noch eine eigene Meinung bewahrt haben, kommentierte: „Die Zeremonie täuschte ihre 600 Millionen Zuschauer und demütigte sie“. Noch 2007 hatte er Zhang Yimou und Steven Spiegel für ihre Choreographie der Eröffnungszeremonie kritisiert und ihnen vorgeworfen, sie würden ihrer Verantwortung als Künstler nicht gerecht werden.
Ein weiterer Programmpunkt in der Eröffnungszeremonie war eine Prozession von Kindern, die eine große chinesische Flagge ins Stadion trugen, wobei jedes der kostümierten Kinder für eine der ethnischen Minderheiten der Volksrepublik China (VRC) stand. Die Kinder waren aber alle Chinesen. Die Kinder der Minderheiten wurden vermutlich für zu barbarisch oder als potentielle Störfaktoren bei dieser großen Aufgabe betrachtet. Eines von ihnen hätte ja „Freiheit für Tibet“ rufen können.
Der Grund könnte ja auch der gewesen sein, daß es einfach keine Angehörigen von „Minderheiten“ mehr in Beijing gab. Wir wissen, daß beinahe jeder Uighure und jeder Tibeter aus der Stadt verbannt wurde, nicht nur Studenten und Besucher, sondern sogar die arme Amala, die Flitterkram an der U-Bahn-Station verkaufte. Tsering Shakyas Nichte, Dechen Pemba, wurde ebenfalls ausgewiesen, obgleich sie britischer Nationalität ist und sowohl ein Visum als auch einen Wohnberechtigungsschein besaß. Wir wissen außerdem, daß Wanderarbeiter, Beschwerdeführer von außerhalb der Stadt und viele andere Bürger die Hauptstadt unter Zwang verlassen mußten. Aber machen wir davon mal kein so großes Aufhebens, denn schließlich wurde das Visum für Joey Cheek, einem Eisschnelläufer, Goldmedaillengewinner und Menschenrechtsaktivisten, widerrufen, bloß weil er sich gegen den Völkermord in Darfur ausgesprochen hatte. Wenn nicht einmal Goldmedaillen-Gewinner zu den Olympischen Spielen reisen dürfen, wer darf es dann?
Wo wir schon von Aktivisten sprechen, sollten wir natürlich erwähnen, daß der chinesische Menschenrechtsaktivist Zeng Jinyan am Vorabend der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele einfach aus Beijing verschwand. Einige weitere chinesische Menschenrechtsaktivisten scheint das gleiche Schicksal ereilt zu haben, darunter auch den Anwalt Ji Sizun. Eine Freundin behauptete, sogar dasTelefonkabel in ihrem Appartement sei abgeklemmt worden. Sie sind verschwunden, einfach so. Wie die desaparecidos [die Verschwundenen] in Südamerika in den 70er Jahren.
Laut „Reporter ohne Grenzen“ wurden während der Olympischen Spiele 22 Journalisten angegriffen oder festgenommen. Mindestens 50 Menschenrechtsaktivisten wurden verhaftet und schikaniert oder gezwungen, Peking zu verlassen.
Alle Krankenhäuser in Beijing wurden angewiesen, ihre psychiatrischen Stationen abzuriegeln. Den Patienten wurde verboten, die Gebäude während der Spiele zu verlassen. Die Behörden haben dies vermutlich aus kosmetischen Gründen getan. Dem Reporter von New York Times fiel auf, daß es gar keine alten Leute auf den Straßen Beijings gab. Dies könnte auf Sicherheitsgründe zurückzuführen sein, da mehrere Hundert (vielleicht sogar Tausende) von Dissidenten, Mitgliedern unabhängiger Arbeiterorganisationen, Anhängern der Falun-Gong-Bewegung und andere Personen in spezielle staatliche psychiatrische Institutionen eingewiesen wurden, die „Ankang“ genannt werden. In diesen Anstalten müssen sie nach Meldungen von Human Rights Watch Medikamente einnehmen, werden mit Elektroschocks traktiert, und es werden unter Umständen psychochirurgische Eingriffe, möglicherweise sogar die präfrontale Lobotomie, an ihnen vorgenommen – alles, um sie von ihrem „antisozialen Verhalten“ zu „kurieren“.

Der zweite Teil folgt morgen, der gesamte Artikel steht übersetzt auf unserer Website unter: http://www.igfm-muenchen.de/tibet/ctc/2008/JN_Luegenfest.html
Der Originalessay, sowie andere Essays dieses Autors steht auf seiner Website: http://www.jamyangnorbu.com/
Übersetzung: Melanie Pelka, Adelheid Dönges, Revision: Angelika Mensching

Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), Arbeitsgruppe München
www.igfm-muenchen.de/tibet/tibetstart.html

Dienstag, 9. September 2008

„Global Sexual Wellbeing Survey“

… heißt die vom Kondomhersteller Durex in Auftrag gegebene Studie zur allgemeinen sexuellen Zufriedenheit auf dem Globus. Mehr als 26 000 Menschen in 26 Ländern nahmen an dieser bisher größten Umfrage zu diesem Thema teil. Hier einige Ergebnisse: Nur 44 Prozent der weltweit Befragten gaben an, mit ihrem Sexleben zufrieden zu sein. Frauen sind grundsätzlich etwas zufriedener als Männer (46 zu 43 Prozent) Am zufriedensten sind die Liebenden in Nigeria (67 Prozent), Mexiko (63 Prozent) und Indien (61 Prozent). Die Deutschen befinden sich mit 38 Prozent im hinteren Mittelfeld – aber immer noch deutlich vor den Franzosen (!) mit noch bescheideneren 25 Prozent an sexuell Zufriedenen. Unterboten werden diese nur noch von den Japanern mit 15 Prozent. Am meisten Zeit Ihr die weltschönste Sache zu zweit gönnt man sich in Afrika: 24 Minuten nehmen sich die Nigerianer für sexuelle Intimitäten. Auch die Griechen (22,3 Minuten) und Mexikaner (22,1) lassen sich Zeit. Die Deutschen gestatten sich immerhin knapp 18 Minuten und liegen damit ungefähr gleichauf mit den USA und Australien. Der Inder mag es hingegen schnell und wendet sich bereits nach 13,2 Minuten anderen Dingen zu.
aus der Osho-Times vom Juli 2008

Im Dorf Kicaköy im Süden der Türkei läuft im Moment gar nichts

Vielleicht machen’s unsere Kinder ja mal besser, vorausgesetzt, es gibt keinen Wassermangel.

„Simple living“

… so der ironische Titel der Kampagne. mit der die 26ährige dänische Designerin Nadja Plesner auf den Völkermord in Darfur aufmerksam machen will. Die Idee kam ihr im letzten Sommer, als sich die Medien über die Verhaftung des Partygirls Paris Hilton überschlugen. „Mir stieß auf, wie viel darüber berichtet wurde und wie wenig über das Sterben in Darfur.“

So beschloss sie eine Kampagne durchzuführen, die „mit den Stilmitteln, die offensichtlich in der Modewelt wirken – kleine, hässliche Hunde und große Designertasche – den Blick auf die Katastrophe in Darfur zu lenken.“ Sie entwarf ein T-Shirt mit einem kleinen, nackten Afrikanerjungen mit einem Chihuahua im einen Arm und einer enormen Modetasche über dem anderen. Dass das Design der Tasche auffällig den Modellen Louis Vuittons gleicht, löste bei den Modezaren keine Freude aus. Sie forderten Plesner auf, ihre Entwürfe zurückzuziehen, und drohten mit täglichen Bußgeldern von 15 000 Euro. Die Designerin ließ sich nicht einschüchtern und machte mit einem leicht abgewandelten Taschenmodell weiter. Mit Erfolg. Nach dem Clinch mit Louis Vuitton verkauften sich die T-Shirts und Poster so gut, dass Plessner der humanitären Organisation „Divest for Darfur“ schon 20 000 Euro Überschuss überweisen konnte. www.nadiaplesner.com
aus der Osho-Times vom Juli 2008

Montag, 8. September 2008

Westliches Stolpern in der Georgien-Krise

Der Bericht über westliche Naivität in der Georgienkrise im gestrigen Weltspiegel zeigte in erschreckendem Maße das peinlich uninformierte Vorgehen unserer politischen Elite. Putins Drohungen, Abchasien und Südossetien anzuerkennen stammen vom Februar des Jahres, wenn nicht noch früher. Steinmeiers (Zitat: „Was den Westen betrifft, so war Steinmeier der einzige, der sich überhaupt darum gekümmert hat.") Vorschlag in Abchasien, dort 200.000 Georgier wiederanzusiedeln zeigt von Unwissenheit. Deutschland wird mit diesem Informationsstand von keiner der Konfliktparteien ernst genommen.
Die auf die Ukraine und Georgien niederprasselnden NATO-Beitritts-Zusagen sind einfach nur dumm. Man stelle sich vor, wie die USA reagieren würden, wenn Mexiko oder Honduras mit Rußland ein Militärbündnis einzugehen versuchen würden. Dann wäre was los!
Das Machtgehabe des Westens gegenüber Rußland ist schon imperialistisch zu nennen und zeugt von erstaunlicher Rücksichtslosigkeit. Die Meldungen über den Krieg in Südossetien sind da einfach nur Parteimache und dürfen nicht ernstgenommen werden.

Wenigstens haben wir kleine Korrekturelemente im öffentlich-rechtlichen Sendebereich, so waren die Statements Maischbergers »ARD-Ältestenrats« richtig wohltuend.

Aber vielleicht ist das alles in ein paar Tagen nicht mehr wichtig

Samstag, 6. September 2008

Ein Blick zurück

„Die armen Kranken zwang man, sich von einem von oben her bestimmten Arzt behandeln zu lassen. Die Ärzte zwang man durch eine maßlose Konkurrenz, eine Stellung anzunehmen, welche ihnen den ihrer Anstrengungen würdigen Lohn vorenthielt … Diese Verhältnisse mussten notwendig die Armen und die Ärzte erbittern; beide mussten allmählich mehr und mehr von der Überzeugung durchdrungen werden, dass sie Opfer falscher gesellschaftlicher Grundsätze waren …

Nicht genug, dass die Armen und die Ärzte in die politisch-soziale Opposition gedrängt wurden, es gestaltete sich auch ihr gegenseitiges Verhältnis oft genug sehr ungünstig. Die armen Kranken stellten an den Arzt, den man ihnen aufgezwungen … hatte, Forderungen … verlangten sie doch von ihm jede Aufopferung bei Tag und Nacht, jede Hingebung des Körpers und des Geistes.

Der Arzt, seinerseits, mit Geschäften und wohl auch mit … Sorgen belastet, ohne hinreichende Mittel zur wirklichen Pflege der Kranken, fast ohne Aussieht auf persönliche Anerkennung seiner Mühen, abgespannt und missmutig, kam nur zu leicht dazu, seine Pfleglinge zu vernachlässigen, ihren übertriebenen Forderungen kaltes Phlegma entgegenzusetzen und in einer dankbareren und einträglicheren Praxis Ersatz für seine Entbehrungen zu suchen. Was war einfacher und natürlicher?

Und welches war das Resultat für den Staat? Die Zahl der Siechen vermehrte sich, wie die Zahl der Armen überhaupt stieg … Mochte immerhin in den Händen Einzelner größerer Reichtum aufgehäuft werden, der National-Wohlstand im Ganzen erhielt immer schwankendere Grundlagen.“

Rudolf Virchow vor 160 Jahren in der „Medizinischen Wochenschrift“,
zitiert nach »Projekt Psychotherapie“ 03/2008

Freitag, 5. September 2008

Weniger ist mehr


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Von Klaus Hofmeister


Wir leben in Yang-lastigen Zeiten, sagt die Frankfurter Feng-Shui-Beraterin Bettina Kudicke. Und sie meint damit, dass unser Leben aus dem Lot geraten ist, die Harmonie dahin ist. Das Gleichgewicht von Yin und Yang ist ein wichtiges Prinzip der chinesischen Lebenskunst. Die meisten modernen Menschen verstoßen sträflich dagegen, auch wenn die Sehnsucht nach Einheit, nach Einfachheit im Lebensganzen, nach einer Ordnung von innen heraus auch im Westen spürbar ist. Yanglastige Zeiten, damit meint die Innenarchitektin die optische und akustische Reizüberflutung, der wir ausgesetzt sind, den Konsumrausch, die Schnelligkeit, Hektik und den Stress, die Arbeitsverdichtung, den Zwang, alles Mögliche gleichzeitig tun zu müssen. Kurz: Sie meint damit den durchschnittlichen Alltag der meisten Zeitgenossen. Der Gegenpol Yin, der uns hierzulande weithin abgeht, steht für Ruhe, Entspannung, Einfachheit, für das »Weniger ist mehr«, oder, wie der chinesische Weise Lao Tse sagt: »In Einfachheit … liegt Reichtum.« Bettina Kudickes Weg, der Einfachheit eine Chance zu geben, ist die bewusste Raumgestaltung nach den Regeln des Feng Shui.

Manfred dagegen sucht diese Einfachheit dienstagabends auf dem Meditationskissen. Nur Sitzen und Atmen im Stile des buddhistischen Zen. Dreimal 25 Minuten, dazwischen fünf Minuten meditatives Gehen. In völliger Stille und so langsam, dass man kaum vorwärts kommt. Aber darauf kommt es hier ausnahmsweise auch gar nicht an. »Ich bin beruflich jeden Tag angespannt. Für mein Innenleben ist der stressige Job wie eine Zentrifuge. In der Stille sammle ich mich wieder ein. Die Meditation hilft mir, meine Mitte zu stärken.« Auch Elisabeth will zu sich kommen und muss dabei nicht unbedingt ankommen. Obwohl sie auf dem Jakobsweg durch Spanien pilgert. Aber sie geht ihn häppchenweise, jedes Jahr zwei Wochen. Sie ist Anwältin, »nicht religiös im normalen Sinn«. »Aber der Camino, der hat schon was«, strahlt Elisabeth. »Du tust nichts anderes als gehen. So, dass du die Strecke gut schaffst. Einen Schritt nach dem anderen. Die Sonne ist heiß, und der Schweiß fließt, aber: Du musst nur gehen, mehr nicht. Das ist herrlich entspannend.« Elisabeth geht mit einer Freundin, aber sie trennen sich auch über weite Strecken: »Es ist wichtig, sein eigenes Tempo zu gehen.« Im Alltag ist Elisabeth oft fremdbestimmt durch Termine und Pflichten. Auf demJakobsweg findet sie zu sich, zu ihrem Tempo, dort ist sie ganz bei sich und entdeckt Erfüllung in etwas ganz Einfachem: einen Schritt nach dem anderen zu setzen, mehr nicht.

Der erstaunliche Pilgerboom – nicht erst seit Hape Kerkelings Bestseller »Ich bin dann mal weg« – zeigt exemplarisch die Sehnsucht nach ursprünglichen, nicht entfremdeten und nicht schon kommerzialisierten Lebenserfahrungen. Das unmittelbare, einfache Erleben ist gefragt Auch andere Trends stürzen die Beobachtung: Es gibt eine neue Lust am Wandern. Internetseiten zum einfachen Leben, vom Handarbeiten bis zum Barfußlaufen, zeugen ebenfalls davon. Auch die Wiederentdeckung des Fastens gehört dazu. Der Geschmack eines Apfels nach einer Fastenwoche soll selbst durch ein (noch dazu sündhaft teures) Gourmetgericht nicht zu toppen sein.

»Weniger ist mehr«, das ist auch Christiane Thiels Credo. Sie bietet in Berlin ihre Dienste an für »heilsames Aufräumen«. Für Menschen, die nicht loslassen können, die Krimskrams sammeln und angesichts von Zeitungsstapeln, Erinnerungsdöschen, Schubladen voller Strumpfhosen mit Laufmaschen, die sie eines Tages unter langen Hosen tragen möchten, längst dem Chaos die Herrschaft überlassen haben. Dann hilft Christiane Thiel beim Sortieren. Denn: »Dinge sortieren, das heißt immer, sein Leben sortieren.« Das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden, das, was man liebt, von dem, woran man sich nur gewöhnt hat. Das Hängen an alten Dingen ist meist auch ein innerlicher Zustand, unnütz gefüllte Wohnungen, das Hortenwollen sind in jeder Hinsicht ein Ausweis für »Immobilität«. »Manchmal kann ich den Kunden überzeugen«, erzählt Christiane Thiel augenzwinkernd, »dass er seine Erinnerung behält, auch wenn er jetzt sofort das Streichholz wegwirft, mit dem er eine Kerze entzündet hat, bevor er vor Jahren in einem Hotelzimmer in Venedig ein Kind zeugte …« Sie schafft systematisch Platz, mehr Luft kommt ins Haus. Und wenn die ersten Quadratmeter freier Fußboden wieder zu sehen sind, kann die Energie langsam wieder fließen.

Werner Tiki Küstenmachers Schreibtisch ist aufgeräumt und das Büro wie geleckt. Der gelernte Pastor, Karikaturist und Bestsellerautor ist der Papst der »Weniger-ist-mehr«-Ideologie in Deutschland. Sein Ratgeber »Simplifv your life« ist über zwei Millionen Mal verkauft worden, übersetzt in zwanzig Sprachen. »Die Menschen sind buchstäblich mit schwerem Gepäck unterwegs«, sagt Küstenmacher, »deshalb sind Entrümpeln, Entschlacken, Sich-leichter-Machen ein Megatrend.« Vom Messie bis zum spirituellen Sinnsucher sind Küstenmachers Tipps gefragt. Der »Überdruss am Überfluss« ist meist der Ausgangspunkt, wenn Kunden zu seinem Ratgeber greifen oder den monatlichen Beratungsdienst abonnieren. Küstenmacher ist der Zusammenhang von außen und innen wichtig. Er will helfen, zu sich selbst und damit zum Wesentlichen zu finden. Dabei geht er in einem achtstufigen Modell vom Äußeren zum Inneren vor: Von den vielen »Sachen« über die »Gesundheit« die »Mitmenschen« bis zum »Ich« und zur »Spiritualität«.

15 000 Gegenstände soll ein durchschnittlicher deutscher Haushalt enthalten. Und bei den »Kunden« von Pastor Küstenmacher sind es meist noch mehr. Aber als hätten wir nicht schon genug, kaufen wir weiter. Jedes Jahr mehr. Seit dem Jahr 2000, so meldet das Statistische Bundesamt, ist der private Konsum um zehn Prozent gestiegen. Kaufen soll glücklich machen. Und mehr Kaufen noch glücklicher. Das zumindest suggeriert die Werbung. Der gesunde Menschenverstand und die Glücksforschung haben die Werbung aber schon widerlegt. Ab einem bestimmten Wohlstandsniveau ist das Wohlbefinden durch Wohlstandssteigerung nicht mehr zu beeinflussen. Die für die Hamburger Zeit schreibende Kulturjournalistin Iris Radisch nennt es das Wohlstandsparadox: »Mit steigendem Lebensstandard steigt das Anspruchsniveau an und sinkt die Dauer der durch die Ware gewährten Lusterfüllung. Auf der aussichtslosen Suche nach anhaltendem Warenglück kaufen wir in immer kürzeren Intervallen.« Radisch nennt das eine »wachstumsfördernde Glücksvernichtungslogik« und meint, dass es das Glück nicht ohne eine Umkehr gibt.

Glück und die Wachstumslogik der Industriegesellschaft gehen also offenbar nicht nahtlos zusammen. Obwohl auch die »Weniger-ist-mehr«-Bewegung sich selbst neue Märkte schafft: Nicht nur die verschiedenen Lebensvereinfachungsratgeber zeigen das. Auch Bücher zur »Entschleunigung« des Lebens, zum »Lob der Langsamkeit« und zum »Downsrufting« finden zahlreichen Absatz. Das Credo des Dowtshifting lautet: Wer weniger arbeitet, lebt besser. Henriette Löwisch ist ein Beispiel dafür. Sie war Chefredakteurin der Nachrichtenagentur AFP in Deutschland. Das hohe Arbeitstempo, die Sparzwänge bei gleichzeitig immer weiter wachsender Arbeitsverdichtung führten sie in die Krise.

Sie hat viel verdient, aber vor lauter Arbeit schien sie das eigene Leben zu verpassen. Schon ökonomisch gesehen war alles aus dem Gleichgewicht geraten: die persönlichen Investitionen in ihren Beruf waren hoch, der persönliche Gewinn (außer dem finanziellen) blieb unbefriedigend. Eines Tages standen wichtige Fragen unabweisbar im Raum: »Wo ist der Stern an Deinem Himmel? Was ist Deine Berufung? Was kannst Du gut, und was davon macht Dir Freude?« Sie stieg aus, tauschte Konsummöglichkeiten gegen Seelenfrieden und bildet nach einer Phase der Orientierung heute mit Leib und Seele Journalisten aus.

Menschen, die bewusst leben, sich nach den Werten ihres Lebens und dem Wert des Lebens fragen, nennen die Soziologin »Post-Materialisten«. Es sollen in Deutschland 15 Millionen sein, die zu dieser Gruppe zu zählen sind. Sie entziehen sich soweit möglich dem Druck der selbstausbeuterischen Wohlstandsoptimierung, schalten einen Gang zurück, konsumieren bewusst, schaffen vielleicht den Fernseher ab und achten auf Lebensqualität. Meistens sind es Besserbetuchte, die es sich auch leisten können, so zu leben. Eine auch politisch nennenswerte Bewegung für ein »Weniger ist mehr« – wie seinerzeit die Aussteiger oder die Alternativen – ist derzeit allerdings nicht zu beobachten.

Eher sind zahlreiche Symptome für ein Unwohlsein an der herrschenden Überfluss- und Konsumgesellschaft auszumachen. Etwa die Zeitschrift »Landlust«. Sie ist derzeit Deutschlands Magazin mit der rasantesten Auflagensteigerung: 2006 mit 100 000, 2007 schon mit mehr als 250 000 Käufern. Das Blatt bietet im Hochglanzformat »die schönen Seiten des Landlebens«. Einfaches Naturerleben (»Mit Stock und Stöckchen – Kinder basteln mit Ästen aus dem Wald«), schlichte Küche (»Weißkohl – Der Dinosaurier unter den Gemüsen«), ländliches Wohnen (»Gemütliche Kaminöfen«) bedienen die Sehnsucht nach dem einfachen, dem ursprünglicheren Leben.

Diese Suche nach dem einfacheren Leben, nach dem »Weniger ist mehr« berührt die zentralen Lebensfragen: Warum lebe ich so, wie ich lebe? Gefällt mir das wirklich? Oder wie Iris Radisch formuliert: »Kommt es im Leben auf viel Liebe, viel Urlaub oder auf eine möglichst große Briefmarkensammlung an?« Die Zeit-Autorin plädiert für einen »Verzicht aus Hedonismus«. Glück entsteht nur, wenn die Balance stimmt, wenn Be- und Entlastung im Gleichgewicht sind, wenn Yin und Yang harmonisch ineinandergreifen. Das Einfache schätzen und mit allen Sinnen lebendig verkosten können, sich nicht im Vielerlei verlieren und nicht mit Unwesentlichem zumüllen, diese Lebenskunst muss heute offenbar wieder erlernt werden. Der Minimalismus der Lebenskunst, wie ihn die Alten in italienischen Bergdörfern noch virtuos beherrschen, will wieder geübt sein, oder so, wie ihn der Schriftsteller Milan Kundera beschrieb: Gelassen auf einer Bank in der Sonne sitzen und »dem lieben Gott ins Fenster schauen«. •

aus Publik-Forum Nr. 14•2008

Donnerstag, 4. September 2008

Vorsicht vor Chrome!

zu SPIEGEL online

Was auf uns zukommt

Während die Chinesen noch ihren Glücksrausch nach den gelungen Olympischen Spielen ausschlafen, man sich in Tibet jetzt voll auf die anstehenden Säuberungen konzentrieren kann, der Dalai Lama im Krankenhaus liegt, die EU über Sanktionen gegen die bösen Russen streitet und Deutschland erstmals seine Armen zählt und überlegt, wieviel man zum Leben braucht, gewinnen die amerikanischen Präsidentschaftskandidaten mehr an Kontur.

Barack Obamas Krönungsshow in Denver kostete 60 Millionen Dollar. Er fordert schon seit Monaten mehr deutsche Soldaten in Afghanistan. Jetzt bezieht er Prügel von deutschen Politikern, die es nicht einsehen, daß wir uns am Hindukusch die Hände dreckig machen und in Amerika dafür die Steuern gesenkt werden können. Sogar dem CSU-Vorsitzenden Erwin Huber ist was dazu eingefallen: „Mehr deutsche Soldaten nach Afghanistan für Steuersenkungen in Amerika ist eine abwegige Idee." Inzwischen haben auch sogar schon einige Obamas Buch gelesen: In „Audacy of Hope" aus dem Jahr 2006 schreibt er: „Obwohl mir alle Belege zeigen, dass die Todesstrafe nur wenig tut, um Verbrechen zu verhindern, glaube ich, dass es einige Verbrechen gibt – mehrfachen Mord, die Vergewaltigung und Tötung von Kindern –, die so schändlich sind, so völlig inakzeptabel, dass die Gesellschaft das Recht hat, ihre Empörung mit der Todesstrafe voll zum Ausdruck zu bringen.“ Der Oberste Gerichtshof befand im Juni 2008 solche Strafen als nicht rechtens. Obama lehnt das Urteil jedoch ab und John McCain ist empört.

Kommen wir damit also zu den Republikanern: Die Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten Sarah Palin ist die erste weibliche Gouverneurin von Alaska und gesellschaftspolitisch konservativ. Sie ist Mitglied bei Feminists for Life of America, die sich als strikte Abtreibungsgegner positionieren, auch bei Vergewaltigungsopfern und Inzestschwangerschaften. Sie lehnt sexuelle Aufklärung im Schulunterricht ab und spricht sich stattdessen für Programme zur Förderung der sexuellen Enthaltsamkeit bei Jugendlichen aus. Sie ist ferner Mitglied der National Rifle Association, Befürworterin der Todesstrafe und lehnt gleichgeschlechtliche Ehen ab. Zugleich hat sie auch einen Ruf als Reformerin und konsequente Korruptionsbekämpferin. Sie sprach sich dagegen aus, Intelligent Design neben der Evolutionstheorie in den Lehrplan aufzunehmen.
Außenpolitisch gilt sie als unerfahren, bezeichnete aber im Juni 2008 während eines Gottesdienstes öffentlich den Irakkrieg als Gottes Wille. (aus Wikipedia)
Auch beim österreichischen Standard gibt es eine Zusammenfassung ihrer politischen Positionen.
Aus dem englischen Wikipedia: FFL describes its broader vision as opposition to all forms of violence, considered as "inconsistent with the core feminist principles of justice, nonviolence and nondiscrimination" including the death penalty, assisted suicide, euthanasia, infanticide, and child abuse. FFL does not take an official stance on contraception but they do seek a traditional feminist goal of equality in the workplace."
Mit Widersprüchen scheint die Frau keine Probleme zu haben.
Daß ihre 17-jährige Tochter schwanger ist, ist ja inzwischen – wie auch einige andere Dinge aus ihrem Leben – genüßlich breitgetreten worden.
(Was lernen wir daraus: Schwanger werden kann man auch ohne Aufklärung im Unterricht.)

Hinter soviel Gestöber tritt John McCain in den Hintergrund. Ein Freund von ihm, der mit ihm in nordvietnamesischer Kriegsgefangenschaft war, George "Bud" Day, 83 und höchstdekorierter noch lebender Amerikaner erzählt Beeindruckendes.

Noch ein kurzer Blick auf Arnie, der wohl zu den übernächsten Wahlen antreten wird: Transfette verboten.

Und zuletzt müßt Ihr Euch unbedingt noch eine Frau genau ansehen: Wow!

Hält sich bei Auftritten ihres Mannes stets im Hintergrund: Cindy McCain

Mittwoch, 3. September 2008

Männer immer Täter, Frauen immer Opfer?

[…]
Die These nach der »Männer Täter und Frauen Opfer« seien:
* liegen Hellfeldzahlen zugrunde.* Die theoretische Grundlage zur ausschließlich männlichen Verursachung von Gewalt, liefert die patriarchalische Grundordnung westlicher Gesellschaften (kurz: Patriarchatsthese genannt).
Wie sich eine solche scheinbare Bestimmtheit auf die Realität eines Menschen auswirken kann, will ich an zwei Beispielen deutlich machen. Im ersten Beispiel handelt es sich um einen Mann mit Kindern, der sich im Okt. 2004 an mich wandte. Er berichtete, dass die Kindesmutter nicht nur ihn, sondern auch die Kinder im Jahr 2003 fast täglich geschlagen, ihnen die Arme gedreht habe und die Kinder vernachlässige. Vor ca. einem Jahr hätte er wegen dieser Handlungen die Kinder ins Krankenhaus gebracht, dann habe die Kindesmutter ein paar Tage später plötzlich das Sorgerecht für die Kinder beantragt. Sie gebe dabei an, dass nicht sie, sondern der Ehemann die Kinder geschlagen hätte und zudem wolle der Ehemann die Kinder auch entführen. Die Kinder seien nun im Kinderheim untergebracht. Er könne seine 3 Kinder nur alle 14 Tage für 2 Std. im betreuten Umgang besuchen. Dieser würde willkürlich auch noch erschwert. Letztes Mal habe er sie erst nach einem Monat sehen dürfen. In einem Gutachten würde eher dem Ehemann als der Kindesmutter zugestanden, für die Kinder sorgen zu können. Darin würde auch darauf Bezug genommen, dass die Kindesmutter den Ehemann geschlagen hätte und er versucht habe, sich zu wehren. In seinen weiteren Ausführungen, sieht es ganz so aus, dass die Gewaltvorwürfe, die nun von der Frau gegen ihren Ehemann erhoben werden, durch ihn nicht mehr entkräftet werden können, und die sozialen und justitiablen Hilfssysteme ihm keinen Glauben schenken werden.
Im zweiten Beispiel geht es um eine Art Hilferuf eines Mannes, der sich ebenfalls im Herbst 2004 an mich wandte. Seine Frau trete als Nebenklägerin auf, um ihn wegen Körperverletzung durch das Gericht verurteilen zu lassen. Vorausgegangen wäre ein Streit mit Rangeleien und Handgreiflichkeiten seitens seiner Frau. Er wehrte sich, hierdurch habe sie blaue Flecken an den Handgelenken und Oberarmen davongetragen. Der Polizei erzählte sie, er hätte sie geschlagen. Sie jammere und weine bei den Aussagen immer hilflos. Seiner Frau werde geglaubt, ihm nicht!
Auch im zweiten Beispiel wird die Gewaltausübung der Partnerin nunmehr zu einem Gewaltvorwurf gegen den Mann stilisiert. Die These nach der »Männer Täter und Frauen Opfer« seien, macht es Männern offenbar schwer, als Opfer von Gewalt wahrgenommen bzw. anerkannt zu werden. […]
Eine weitere Einschränkung der Aussagekraft von Hellfeldzahlen ergibt sich durch eine Analyse, die Mansel (2003) in seinem Artikel: Die »Selektivität strafrechtlicher Sozialkontrolle«, vorgelegt hat. Auf der Basis von unterschiedlichen Datenquellen analysierte er u.a. Hellfelddaten. Dabei handelte es sich um die vorliegenden Individualdaten der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) und der Strafverfolgungsstatistik (jeweils Daten von 1999) von 13 Bundesländern, sowie Daten aus Opferbefragungen. So analysierte er anhand dieser Daten, »inwiefern sich für weibliche Tatverdächtige die Wahrscheinlichkeit, später auch durch ein Gericht sanktioniert zu werden, von der bei männlichen Tatverdächtigen unterscheidet«. Er konnte zeigen, dass Opfer, wenn Sie vermuten oder wissen, dass der Täter ein Mann war, seltener auf die Erstattung einer Anzeige verzichten als gegenüber weiblichen Tätern. Männern bereitet es Probleme, sich als Opfer von Frauen zu begreifen.
Vor diesem Hintergrund interpretieren sie die gegen sie gerichteten Aktionen der Frauen seltener als Straftaten. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mann bei Behandlungsbedürftigkeit des Opfers angezeigt wird, ist gegenüber einer Frau, um das fünffache erhöht, d.h. männliche Täter werden fünf mal häufiger von den betroffenen Opfern angezeigt, als Täterinnen. Frauen haben innerhalb des bundesdeutschen Strafrechtssystems deutlich geringere Chancen inhaftiert zu werden.
Aus der Analyse dieser Datenquellen zieht Mansel folgendes Fazit: »Die Unterschiede in den Anteilen von männlichen und weiblichen Tätern in den offiziellen Statistiken auf der einen und in der Opferbefragung auf der anderen Seite, zeigen an, das beide Statistiken kaum eine verlässliche Grundlage bilden, um über den Verbreitungsgrad von Straftaten und deren Verteilung auf männliche und weibliche Täter Aussagen zu machen«.
[…]
Die Studie von Habermehl (1989) war Bestandteil einer Dissertation an der Universität Bielefeld. Sie befragte 553 Männer und Frauen aus der Bundesrepublik Deutschland und gelangte zu folgenden Ergebnissen:
»Von allen Männern und Frauen zwischen 15 und 59 Jahren, die schon einmal einen Partner hatten bzw. die einen Partner haben, waren 63,2 % schon einmal Gewalt ausgesetzt: 68,1 % der Männer und 58 % der Frauen haben schon einmal Gewalt in der Partnerschaft erlebt. 43,3 % der Männer und 34,7 % der Frauen sind schon einmal von einem Partner misshandelt worden, d.h. sie waren einer Form von Gewalt ausgesetzt, die ein Verletzungsrisiko einschließt. [...]
Bei der partnerschaftlichen Gewalt besteht nicht nur, wie die Literaturanalysen ergeben haben, ein ausgewogenes Täter-Opfer-Verhältnis zwischen Männern und Frauen, sondern sogar ein leichter Frauenüberschuss auf der Täterseite: Mehr Frauen als Männer setzen Gewalt gegen ihren Partner ein - mehr Männer als Frauen haben schon Gewalt durch ihre Partnerin erlebt. [...]
Nicht nur partnerschaftlicher, sondern auch der elterlichen Gewalt sind mehr Jungen als Mädchen ausgesetzt. Auch hier stimmen die Ergebnisse der vorliegenden empirischen Untersuchung mit denen der Literatur - Analysen überein«.
[…]
Physische Gewalt, die unter Partnern in der Scheidungs- und Trennungsphase auftritt, hat Amendt in seiner sog. Väterstudie mit erhoben (die hier berichteten Zahlen sind ein Zwischenergebnis:
www.vaeterstudie.de/newsletter/newsletter_1.htm):
»Von bislang 700 anonym befragten Männern der zweiten Befragungswelle gaben 203 an, dass es kurz vor oder während ihrer Trennung zu Handgreiflichkeiten gekommen sei. Dazu zählten beispielsweise Schläge ins Gesicht, der Wurf einer Tasse, schmerzhafte Fußtritte wie auch Angriffe mit einem Messer und der Sturz von einer Treppe, den Exfrau und Schwiegermutter vereint herbeiführten. [...] In 18% Prozent der erhobenen Fälle gehen die Handgreiflichkeiten von Männern, in 60 Prozent von ihren Partnerinnen aus. In 22 Prozent der erhobenen Fälle gehen die Handgreiflichkeiten von beiden Partnern aus«.
Die Repräsentativität dieser Daten ist – so (auch) Amendt einschränkend gegeben, da die Befragten über ein sehr hohes Einkommens- und Bildungsniveau verfügten, das nicht dem Durchschnitt der Bevölkerung entspreche.
[aus dem Aufsatz »Ist häusliche Gewalt männlich?« von Helmut Wilde bei manndat.de]
zu dem Aufsatz »Männer und Opferinnen« von Reinhard Stölzel bei Männerbüro Trier
»Die Familie ist auch für Männer mit Abstand das Wichtigste im Leben - auch und gerade für die berufstätigen Väter.« (zur Tagesschau)