Mittwoch, 11. März 2009

Erklärung Seiner Heiligkeit des Dalai Lama zum 50. Jahrestag des tibetischen Volksaufstandes

Heute begehen wir den 50. Jahrestag des friedlichen Aufstands des tibetischen Volkes gegen die Unterdrückung in Tibet durch das kommunistische China. Seit vergangenem März sind in weiten Teilen von ganz Tibet friedliche Proteste ausgebrochen. Die meisten der daran Beteiligten waren junge Leute, die nach 1959 geboren und aufgewachsen sind und die ein freies Tibet selbst nicht mehr gekannt oder erlebt haben. Doch die Tatsache, dass sie geleitet waren von der von Generation zu Generation weitergegebenen festen Überzeugung, der Sache Tibets zu dienen, ist wirklich etwas, worauf wir stolz sein können. Es wird auch für diejenigen in der internationalen Gemeinschaft, die sich engagiert für die Tibetfrage einsetzen, eine Quelle der Inspiration sein. Unsere Hochachtung und unsere Gebete gelten all denen, die seit Beginn unseres Kampfes und auch während der Krise des vergangenen Jahres ihr Leben für die Sache Tibets ließen und Folter und unermessliche Not erleiden mussten.

Etwa 1949 begannen kommunistische Truppen nach Nordost- und Osttibet (Kham und Amdo) einzudringen, und 1950 schon waren über 5’000 tibetische Soldaten umgekommen. Mit Blick auf die herrschende Situation entschloss sich die chinesische Regierung zu einer Politik der friedlichen Befreiung, die 1951 zur Unterzeichnung des 17-Punkte-Abkommens und seines Anhangs führte. Seitdem steht Tibet unter der Herrschaft der Volksrepublik China. Das Abkommen sieht jedoch ausdrücklich vor, dass Tibets einzigartige Religion und Kultur sowie seine traditionellen Werte geschützt werden sollen.

Zwischen 1954 und 1955 traf ich in Peking mit den meisten der hochrangigen chinesischen Führungspersonen der Kommunistischen Partei, der Regierung und des Militärs unter der Führung des Vorsitzenden Mao Zedong zusammen. Als wir darüber sprachen, wie die soziale und wirtschaftliche Entwicklung Tibets gestaltet und dabei das religiöse und kulturelle Erbe Tibets bewahrt werden sollte, erklärten sich Mao Zedong und alle anderen führenden Leute einverstanden, statt einer Militärverwaltungskommission lieber einen Vorbereitenden Ausschuss einzusetzen, der den Weg für die Errichtung einer Autonomen Region ebnen sollte, wie es im Abkommen vorgesehen war. Ab 1956 jedoch, als in Tibet eine ultralinke Politik eingeführt wurde, wendete sich die Lage zum Schlechteren. Das führte dazu, dass die Zusagen, die übergeordnete Staatsorgane gegeben hatten, vor Ort nicht eingehalten wurden. Die gewaltsame Durchführung der so genannten „demokratischen Reform“ in den tibetischen Regionen Kham und Amdo, die nicht im Einklang mit den Gegebenheiten vor Ort stand, führte zu Chaos und Zerstörung großen Ausmaßes. In Zentraltibet verstießen chinesische Beamte gewaltsam und absichtlich gegen die Bestimmungen des 17-Punkte-Abkommens, und ihre Politik der harten Hand verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Diese aussichtslose Entwicklung ließ dem tibetischen Volk keine andere Wahl als sich am 10. März 1959 friedlich zu erheben. Die chinesische Staatsmacht reagierte darauf mit beispielloser Gewalt, was in den folgenden Monaten dazu führte, dass Zehntausende Tibeter getötet, verhaftet und eingekerkert wurden. Deshalb floh ich in Begleitung einer kleinen Gruppe von tibetischen Regierungsbeamten, darunter einige Kalons (Minister), ins Exil nach Indien. In der folgenden Zeit flohen fast hunderttausend Tibeter ins Exil nach Indien, Nepal und Bhutan. Während der Flucht und in den Monaten danach litten sie unvorstellbare Not, die noch heute im tibetischen Gedächtnis lebendig ist.

Nach der Besetzung Tibets führte die chinesische kommunistische Regierung eine Reihe repressiver und gewaltsamer Kampagnen durch wie die „demokratische Reform“, den Klassenkampf, die Kommunen, die Kulturrevolution, die Verhängung des Kriegsrechts sowie in jüngerer Zeit die patriotische Umerziehung und die Kampagne des Hart-Zuschlagens. Dies stürzte die Tibeter in so tiefes Leid und Elend, dass sie buchstäblich die Hölle auf Erden erlebten. Das unmittelbare Ergebnis dieser Kampagnen war der Tod von Hunderttausenden von Tibetern. Die Kontinuität des buddhistischen Dharma wurde unterbrochen. Tausende religiöser Zentren – Mönchs- und Nonnenklöster und Tempel – wurden dem Erdboden gleich gemacht. Historische Gebäude und Denkmäler wurden zerstört, Naturschätze rücksichtslos ausgebeutet. Heute ist Tibets empfindliche Umwelt verschmutzt worden, Wälder wurden massiv abgeholzt und die Tierwelt, etwa die wilden Yaks und die tibetischen Antilopen stehen vor dem Aussterben.

Diese 50 Jahre haben dem Land und dem Volk von Tibet unermessliches Leiden und Zerstörung gebracht. Noch heute leben die Tibeter in Tibet in ständiger Angst, und die chinesische Regierung begegnet ihnen nach wie vor mit ständigem Misstrauen. Heute sind die Religion, die Kultur, die Sprache und die Identität, die Generationen von Tibetern höher geschätzt haben als ihr Leben, von Auslöschung bedroht; kurz gesagt: die Tibeter werden wie Verbrecher angesehen, die den Tod verdienen. In der Petition der 70’000 Zeichen, mit der sich der verstorbene Panchen Rinpoche 1962 an die chinesische Regierung wandte, hat er die Tragödie des tibetischen Volkes dargelegt. Noch einmal brachte er sie kurz vor seinem Tod 1989 in Shigatse zur Sprache, als er sagte, das, was wir unter der chinesischen kommunistischen Herrschaft verloren haben, wiege weit schwerer als das, was wir gewonnen haben. Viele besorgte und unvoreingenommene Tibeter haben sich ebenfalls zu den Nöten des tibetischen Volkes geäußert. Selbst der Sekretär der Kommunistischen Partei, Hu Yaobang, gab bei seiner Ankunft in Lhasa 1980 diese Fehler unumwunden zu und bat die Tibeter um Vergebung. Viele Infrastrukturmaßnahmen wie Straßen, Flughäfen, Eisenbahnenlinien usw., die scheinbar den Fortschritt in tibetische Gebiete gebracht haben, sind in Wirklichkeit mit dem politischen Ziel unternommen worden, Tibet zu sinisieren und dafür den hohen Preis der Zerstörung der tibetischen Umwelt und Lebensweise in Kauf zu nehmen.

Was die tibetischen Flüchtlinge betrifft, so ist es uns, ungeachtet vieler anfänglicher Probleme wie großer klimatischer und sprachlicher Umstellungen und der Schwierigkeit, den Lebensunterhalt zu verdienen, gelungen, uns im Exil neu zu etablieren. Dank des Großmutes unserer Gastländer, vor allem Indiens, konnten die Tibeter in Freiheit und ohne Angst leben. Wir konnten unseren Lebensunterhalt verdienen und unsere Religion und Kultur bewahren. Wir konnten unseren Kindern sowohl die traditionelle als auch eine moderne Erziehung bieten und uns dafür einsetzen, die Tibetfrage zu lösen. Es gab auch noch andere positive Ergebnisse. So hat sich ein besseres Verständnis des tibetischen Buddhismus mit seiner Betonung des Mitgefühls in vielen Teilen der Welt positiv ausgewirkt.

Sofort nach unserer Ankunft im Exil begann ich an der Förderung der Demokratie in der tibetischen Gemeinschaft zu arbeiten und richtete zu diesem Zweck 1960 das tibetische Parlament-im-Exil ein. Seitdem sind wir auf dem Weg zur Demokratie Schritt für Schritt vorangekommen, und heute hat sich unsere Exilverwaltung zu einer voll funktionierenden Demokratie mit einem eigenen geschriebenen Statut und einer Legislative entwickelt. Das ist wirklich etwas, worauf wir alle stolz sein können.

Seit 2001 haben wir ein System institutionalisiert, mit dem die politische Führung der Tibeter im Exil durch Verfahren, ähnlich denen anderer demokratischer Systeme, direkt gewählt wird. Gegenwärtig läuft die zweite Amtsperiode des direkt gewählten Kalon Tripa (Vorsitzender des Kabinetts). Dadurch haben sich meine täglichen administrativen Pflichten verringert, und ich befinde mich heute in einem Zustand des Halb-Ruhestands. Doch für die gerechte Sache Tibets zu arbeiten ist die Pflicht eines jeden Tibeters, und solange ich lebe, werde ich diese Pflicht erfüllen.

Als Mensch ist mein Hauptanliegen die Förderung menschlicher Werte; darin sehe ich den wesentlichen Faktor für ein glückliches Leben auf individueller, familiärer und gesellschaftlicher Ebene. Als ein religiöser Praktizierender ist mir als Zweites die Förderung interreligiöser Harmonie ein Anliegen. Und mein drittes Anliegen ist natürlich die Tibetfrage. Das hat in erster Linie damit zu tun, dass ich ein Tibeter mit dem Namen „Dalai Lama“ bin; wichtiger aber ist, dass es mit dem Vertrauen zu tun hat, das die Tibeter innerhalb wie auch außerhalb Tibets in mich gesetzt haben. Dies sind die drei wichtigen Anliegen, derer ich stets gewärtig bin.

Außer der Aufgabe, sich um das Wohl der tibetischen Gemeinschaft im Exil zu kümmern – eine Aufgabe, die sie recht gut erfüllt hat – besteht die Hauptaufgabe der Zentralen Tibetischen Verwaltung darin, auf eine Lösung der Tibetfrage hinzuarbeiten. Nachdem wir 1974 unsere für beide Seiten vorteilhafte Politik des Mittleren Weges formuliert hatten, waren wir bereit, auf das Gesprächsangebot einzugehen, das Deng Xiaoping 1979 machte. Es wurden viele Gespräche geführt und Erkundungsdelegationen entsandt. Dies brachte jedoch keinerlei konkrete Ergebnisse, und die formellen Kontakte brachen schließlich 1993 ab.

Dann führten wir 1996–97 unter den Tibetern im Exil eine Meinungsumfrage durch und holten, wo immer das möglich war, auch Anregungen aus Tibet ein. Es ging dabei um Vorschläge zu einem Referendum, mit dem das tibetische Volk den künftigen Kurs unseres Freiheitskampfes zu seiner vollen Zufriedenheit bestimmen sollte. Aufgrund des Ergebnisses der Umfrage und der Anregungen aus Tibet beschlossen wir, die Politik des Mittleren Weges fortzusetzen.

Seit der Wiederaufnahme der Kontakte im Jahre 2002 haben wir die Strategie verfolgt, auf einer einzigen offiziellen Schiene und mit einer einzigen Agenda vorzugehen, und haben acht Gesprächsrunden mit der chinesischen Regierung geführt. Daraufhin legten wir ein Memorandum über echte Autonomie für das tibetische Volk vor, in dem wir dargelegten, wie die in der chinesischen Verfassung festgeschriebenen Bedingungen für regionale Autonomie durch volle Anwendung der Autonomiegesetze erfüllt werden können. Das chinesische Beharren darauf, dass wir akzeptieren sollen, dass Tibet seit jeher ein Teil Chinas gewesen sei, ist nicht nur wahrheitswidrig, sondern auch unvernünftig. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, ganz gleich, ob sie gut oder schlecht war. Verfälschung der Geschichte zu politischen Zwecken ist unzulässig.

Wir müssen in die Zukunft blicken und zu unserem beiderseitigen Wohle arbeiten. Wir Tibeter suchen nach einer gesetzlich verankerten und echten Autonomie, nach einer Regelung, die es den Tibetern möglich macht, im Rahmen der Volksrepublik China zu leben. Wenn China dem Wunsch des tibetischen Volkes nachkommt, wird es in der Lage sein, Stabilität und Einigkeit zu verwirklichen. Wir unsererseits stellen keine geschichtlich begründeten Forderungen. Rückblickend betrachtet, gibt es heute kein Land auf der Welt – China eingeschlossen – dessen territorialer Status über alle Zeiten unverändert geblieben ist und auch in Zukunft unveränderlich ist.

Unser Bestreben, dass alle Tibeter unter einer einzigen autonomen Verwaltung zusammengefasst werden, steht im Einklang mit dem eigentlichen Sinn des Prinzips nationaler regionaler Autonomie. Es befriedigt auch die Grundbedürfnisse des tibetischen und des chinesischen Volkes. Die chinesische Verfassung und andere einschlägige Gesetze und Regelungen stellen dem nichts in den Weg, und viele führende Vertreter der chinesischen Zentralregierung haben dieses aufrichtige Bestreben akzeptiert. Als er das 17-Punkte-Abkommen unterzeichnete, erkannte Premierminister Zhou Enlai dies zwar als berechtigte Forderung an, doch sei es nicht der richtige Zeitpunkt, sie umzusetzen. Als 1956 das Vorbereitende Komitee für die „Autonome Region Tibet“ gebildet wurde, deutete Vizepremier Chen Yi auf eine Landkarte und sagte, wenn man Lhasa zur Hauptstadt der Autonomen Region Tibet, die alle tibetischen Gebiete in den anderen Provinzen mit einschlösse, machen könnte, dann wäre das ein Beitrag zur Entwicklung Tibets und zur Freundschaft zwischen der tibetischen und der chinesischen Nationalität – eine Ansicht, die vom Panchen Rinpoche und vielen anderen tibetischen Führungskräften und Wissenschaftlern geteilt wurde. Wenn die chinesischen Führer irgendwelche Einwände gegen unsere Vorschläge haben, dann hätten sie die Gründe dafür nennen und uns Alternativen zur Erörterung vorschlagen können, aber das ist nicht geschehen. Ich bin enttäuscht darüber, dass die chinesische Regierung nicht in angemessener Weise auf unsere aufrichtigen Bemühungen eingegangen ist, das Prinzip einer authentischen nationalen und regionalen Autonomie für alle Tibeter entsprechend der Verfassung der Volksrepublik China durchzusetzen.

Ganz abgesehen davon, dass der gegenwärtige Verlauf des sino-tibetischen Dialogs keine konkreten Ergebnisse gebracht hat, sind die tibetischen Proteste, die ganz Tibet seit März letzten Jahres erschüttert haben, brutal niedergeschlagen worden. Deshalb wurde im November 2008 eine Sonderversammlung von Exil-Tibetern einberufen, auf dem die öffentliche Meinung über unser weiteres Vorgehen erkundet werden sollte. Man hat sich auch bemüht, nach Möglichkeit Vorschläge von Tibetern in Tibet einzuholen. Das Ergebnis dieses Prozesses war, dass eine Mehrheit der Tibeter die Fortsetzung der Politik des Mittleren Weges voll unterstützt. Daher betreiben wir diese politische Linie jetzt mit größerer Zuversicht und werden uns weiterhin um eine echte nationale regionale Autonomie für alle Tibeter bemühen.

Seit undenklichen Zeiten sind das tibetische und das chinesische Volk Nachbarn. Auch in Zukunft werden wir miteinander leben müssen. Deshalb ist es für uns äußerst wichtig, in Freundschaft miteinander zu koexistieren.

Seit der Besetzung Tibets haben die chinesischen Kommunisten ein verzerrtes Propagandabild von Tibet und seinem Volk verbreitet. Deshalb gibt es in der chinesischen Bevölkerung nur wenige Menschen, die ein wahres Verständnis von Tibet haben. Es ist für sie tatsächlich sehr schwer, die Wahrheit zu finden. Auch gibt es ultralinke chinesische Führer, die seit dem letzten März enorme propagandistische Anstrengungen unternommen haben mit dem Ziel, das tibetische und chinesische Volk auseinander zu bringen und Feindschaft zwischen ihnen zu säen. Das hat leider dazu geführt, dass bei einigen unserer chinesischen Brüder und Schwestern ein negativer Eindruck von den Tibetern entstanden ist. Deshalb möchte ich, wie ich es auch früher schon wiederholt getan habe, ein weiteres Mal an unsere chinesischen Brüder und Schwestern appellieren, sich von solcher Propaganda nicht beeinflussen zu lassen, sondern stattdessen unvoreingenommen zu versuchen, Tatsachen über Tibet herauszufinden, so dass es nicht zu Entzweiungen zwischen uns kommt. Die Tibeter sollten sich ebenfalls um Freundschaft mit dem chinesischen Volk bemühen.

Wenn wir auf 50 Jahre im Exil zurückblicken, so haben wir viele Höhen und Tiefen erlebt. Aber die Tatsache, dass die Tibetfrage lebendig ist und die internationale Gemeinschaft zunehmendes Interesse daran zeigt, ist wirklich ein Erfolg. So gesehen zweifle ich nicht daran, dass die Rechtmäßigkeit der Sache Tibets sich durchsetzen wird, wenn wir weiterhin dem Weg der Wahrheit und der Gewaltlosigkeit folgen.

Wenn wir jetzt 50 Jahre im Exil begehen, dann ist es dringend geboten, den Regierungen und den Völkern der verschiedenen Gastländer, in denen wir leben, unsere tiefe Dankbarkeit auszusprechen. Wir befolgen nicht nur die Gesetze dieser Gastländer, sondern wir verhalten uns auch so, dass wir zu einer Bereicherung dieser Länder werden. In gleicher Weise sollten wir in unserem Bemühen um die Sache Tibets und um den Erhalt seiner Religion und Kultur unsere Zukunftsvision und Strategie gestalten, indem wir aus unseren Erfahrungen der Vergangenheit lernen.

Ich sage immer, wir sollten das Beste hoffen und auf das Schlimmste vorbereitet sein. Ob wir es von globaler Warte aus betrachten oder im Kontext der Ereignisse in China, es besteht Grund für uns, auf eine baldige Lösung der Tibetfrage zu hoffen. Doch wir müssen uns aber auch für den Fall gut vorbereiten, dass der tibetische Kampf noch für lange Zeit andauert. Dazu müssen wir unser Augenmerk vor allem auf die Erziehung unserer Kinder und die Ausbildung von Fachkräften auf verschiedenen Gebieten richten. Wir müssen auch das Bewusstsein für Umwelt und Gesundheit schärfen und das Verständnis für gewaltfreie Methoden und ihre Anwendung in der tibetischen Bevölkerung verbessern.

Ich möchte diese Gelegenheit auch benutzen, um der Staatsführung und dem Volk von Indien sowie der Zentralregierung und den Regierungen der Bundesstaaten meinen tief empfundenen Dank auszusprechen. Sie haben den Tibetern im Exil über die letzten 50 Jahre ungeachtet aller Probleme und Hindernisse unschätzbare Unterstützung und Hilfe geleistet. Ihre Freundlichkeit und Großzügigkeit lässt sich nicht ermessen. Ich möchte auch den führenden Politikern, den Regierungen und Völkern der internationalen Gemeinschaft sowie den verschiedenen Tibet-Unterstützungsgruppen meinen Dank für ihre großmütige Unterstützung aussprechen.

Mögen alle fühlenden Wesen in Frieden und Glück leben.

Der Dalai Lama
10. März 2009

Samstag, 7. März 2009

Faschismus und Spiritualität

Damals, als ich in Gießen studierte, gab es da eine recht eindrucksvolle Sannyas-Szene. Viele Lehramts-Studenten, viele im Referendariat. Und – wie das bei uns Menschen nun mal so ist – es gab auch den sogenannten Gruppendruck. Gruppendruck halt auf rot mit Mala und auf dem Weg zur Erleuchtung. Der Weg ist halt das Ziel. Auch wenn es rot ist. Und das Referendariat war kein Zuckerschlecken. Lehrjahre sind halt keine Herrenjahre, waren sie noch nie. Auch zur Zeit, als es noch keine Globalisierung und keine Bankenkrise gab. Und, um es in dem damaligen Sannyas-Slang auszudrücken: die auf dem Weg zur Erleuchtung befindlichen roten Referendare »dropten« reihenweise. Der Weg in die Bürgerlichkeit stand halt im Widerspruch zum Weg zur Erleuchtung, jedenfalls sah das damals ganz so aus. Damals gab es auch Stempel auf den Briefen aus Poona. (Ganz so, wie ich keine Lust habe, die Rechtschreibreform mitzumachen, habe ich auch keine Lust, die neue Schreibweise »Pune« mitzumachen. Aufs mitmachen hatte ich noch nie viel Lust. Wahrscheinlich bin ich da nicht besser als viele andere, die versuchen irgendwelchen Bildern, die sie im Kopf haben, zu entkommen.) Simmt: Die Briefe kamen inzwischen aus Oregon, von der Ranch. Und diese Stempel auf den Briefen sagten »Let Go«, und waren so, daß man es auch als »Let Go Ego« lesen konnte. Und wie man das Ego loslassen konnte, jedenfalls in der Ansicht der vielen Roten, die keine Ahnung aber umso mehr Meinungen davon hatten, was sie sich unter Erleuchtung vorzustellen hatten (zur Rechten eines nicht existierenden Gottes zu sitzen, der der Scheiße, die hier ablief, einfach zu sah, war halt nicht besonders attraktiv), also nach Meinung der Roten war es der spirituellen Entwicklung förderlich, wenn man möglichst viele Sachen losließ oder dropte: Haus, Lebensgefährte, Ausbildung bzw. Beruf. Und in dieser Gießener Sannyas-Gruppe war man halt angesehen, wenn man alles mögliche dropte.

Ich war damals in der Sannays-Szene nicht besonders angesehen. Weil, einerseits kam ich mit dem Studium nicht gut zurecht, andererseits war ich für meine Studienkommilitonen ein absoluter Exot (um es gelinde auszudrücken) und zuguterletzt hielt ich als gut dressiertes Bürgersöhnchen auch noch an diesem Studium, unter dem ich so litt, auch noch fest, als alle um mich herum dropten. Und wenn dann nach dem neusten World-Festivel sämtliche Sannyas-Center auf der Welt für etwa einen Monat funktionsunfähig waren, weil mal wieder alle möglichen Leute neue Liebhaber gefunden hatten, mit denen sie zusammenleben wollten und alle möglichen Leute mit Trennungsschmerz und Umzug beschäftig waren und in allen Sannyas-Centern auf der Erde die Waschmaschinen rauchten, weil es neue Color-Cards mit den neuen angesagten Rot-Tönen gab und alle sich die Kleider umfärbten, saß ich in meinem Stübchen und büffelte und litt vor mich hin. Wie Danny Glover in »Lethal Weapon« »zu alt für den Scheiß’« war, hatte ich dafür einfach keine Zeit.

Und weil die Gießener Commune langsam den Bach runter ging – das vegetarische Restaurant lief nicht, die Osho-Disco in einer ehemaligen Schwulenkneipe war einfach zu klein, und das Investitionsrisiko für eine größere Räumlichkeit zu groß – und man dann trotzdem noch irgendwie in Kontakt mit der großen Gemeinde der auf dem roten Weg zur Erleuchtung sich befindlichen bleiben wollten, fuhren viele Gießener ab und zu zu Treffen nach Wiesbaden in eine große Sannyas-Disco, in der man dann regelmäßig die aktuellsten Meldungen von der Ranch zu hören bekam.

Alle wußten, daß die Ranch in Schwierigkeiten war, auch in politischen Schwierigkeiten. Die Rednecks konnten mit diesen Roten, die in the middle of nowhere eine riesige Kommune aus dem Boden stampften, nichts anfangen, im Gegenteil: sie waren ihnen äußerst suspekt.

Und Sheela, die schon seit Jahren die Organisation der Kummune in Händen hielt – nach Oshos Worten blicken Frauen im Leben einfach besser durch (und ich glaube, er hat sich immer die richtigen Leute ausgesucht) – war auf den Gedankan gekommen, die Umstände, unter denen die dortigen Kommunalwahlen stattfanden, zu ihren Gunsten zu verändern, indem man unter dem Deckmantel der Fürsorglichkeit Obdachlose aus ganz Nordamerika auf die Ranch einlud und so die Zahl der Stimmberechtigten drastisch erhöhen konnte. Mir war sofort klar, um was es ging, aber zu der damaligen Zeit gab es noch einen anderen Gruppendruck: außer »fallenlassen« ging es auch um »surrender«. Eine Art spiritueller Weichmacher für dieses starrsinnige Ego, das an einem klebte wie die Fliege auf der Scheiße und am Erleuchtet-Werden hinderte. Und wenn man den Meister wirklich liebte, dann gab man sich auch hin. Was Hingabe war, war auch nicht so ganz klar. (Für viele bedeutete es Selbstaufgabe.) 1983 in Alpbach auf dem Kongreß »Andere Wirklichkeiten« saß die »Botschafterin« Oshos für Europa, Ma Latifa – ich habe mir das von jemandem erzählen lassen, war also selbst nicht dabei – mit einigen Vortragenden – ich glaube, es handelte sich um Rupert Sheldrake und Morris Berman – abends beim Bier und entblödete sich nicht, den Anwesenden zu eröffnen, diese ganzen Diskussionen, wie irgendwas zu sehen und zu verstehen sei, habe sie eingestellt, ihren »Mind« habe sie schon vor ein paar Jahren weggeschmissen. (Ma Latifa war auch mit dafür verantwortlich, daß sich die Sannyasins auf diesem Kongreß bis auf die Knochen blamierten, aber das ist eine andere Geschichte.) Und genauso wie die »Mamas« (so wurden die Sannyas-Frauen in Führungspositionen genannt) ihre »Minds« wegschmissen, so schmissen auf dem Weg zur roten Erleuchtung auch viele Sannyasins ihre Verantwortung weg, ihr kritisches Denken und ihre Fähigkeiten, einen einmal eingeschlagenen Weg trotz aller Widrigkeiten fortzusetzen. Surrender und Dropen waren Freifahrtscheine fürs Vermeiden von Unannehmlichkeiten und erlaubten die graue Masse oberhalb der Nasenwurzel mit gutem Gewissen abzuschalten.

Wie gesagt, wir Gießener Unerschütterlichen, die noch Kontakt zur großen roten Karawane aufrechtzuerhalten versuchten, machten uns also alle paar Wochen auf nach Wiesbaden ins dortige Center. Und bei einer dieser Veranstaltungen im Herbst 1984 bekamen dann etwa 500 Rotgewandete von jemandem, der gerade von der Ranch zurückgekommen war, mit glänzenden Augen erzählt, uns Sannyasins ginge es ja jetzt gut, und wir würden nun im Rahmen des »Share a Home«-Programmes die Obdachlosen aus der ganzen USA auf die Ranch rufen, um ihnen sie Errungenschaften der Roten Gemeinde zukommen zu lassen. Als jemand aus dem Publikum fragte, wie denn das mit den bevorstehenden Kommunalwahlen sei und daß in der deutschen Presse sehr wohl Überlegungen angestellt würden, daß es eine seltsame Koinzidenz gebe von »Share a Home« und Kommunalwahlen, und wie sich denn die Ranch zu diesen Überlegungen und Verdächtigungen in der Presse stellen würde (ich freute mich, und dachte: endlich fragt hier mal einer kritisch nach), schlug die wohlig warme Wir-Haben-Uns-Alle-Lieb-Stimmung plötzlich um. Um es kurz zu machen: Der Frager wurde vor versammelter Mannschaft ordentlich rund gemacht, er habe ja schon seit Jahren Schwierigkeiten zu Surrendern und mit seinem Mindfuck solle er doch die anderen nicht durcheinandermachen, und er solle doch jetzt einfach mal endlich vertrauen. Und in diesem Moment fragte ich mich, was ich da verloren hatte. War ich jetzt nach Poona gefahren, hatte zweifelnd an meinem Medizinstudium festgehalten und meinen größten Meister aller Zeiten mit seinen Ideen allen Nicht-Durchblickern mehr oder (meist) weniger geduldig erklärt und war dafür mit der Aura des Bekloppten belohnt worden, um mir nun in einer roten Faschisten-Gemeinde die Segnungen irgendwelcher größenwahnsinnigen Mamas vor Erleuchtungs-Seligkeit besoffen reinzutun und das Maul zu halten, wenn jemand da einfach fertiggemacht wurde? Was unterschied denn dann uns Rote von irgendwelchen anderen Gruppierungen? – Und das war für lange Jahre mein letzter Kontakt mit einer größeren Anzahl von Sannyasins. Ob die Faschisten rot, schwarz oder braun sind, damit wollte und will ich nichts zu tun haben.

Osho hat mal gesagt, wir Deutschen könnten froh sein, Hitler gehabt zu haben. Und hat, wie so oft, damit in ein Wespennest gestochen. In unserer deutschen – vielleicht auch westlichen – Pressekultur gibt es ja auch einen Gruppendruck: Kein Statement darf über die Länge einer Bildzeitungsschlagzeile hinausgehen, und wer das, was er sagt, so formuliert, daß jemand, der weniger als 20 Sekunden lang drüber nachdenkt, es mißverstehen kann, der ist verkehrt. Und die Presse fiel dann einmütig über diesen indischen Sex-Guru her und meinte, Osho habe damit sagen wollen, er finde Hitler gut. Was Osho meinte, war, daß wir Deutschen, die wir auf Hitler reingefallen sind, so viel Scheiße gebaut haben, daß die Schuld und die Scham darüber so groß ist, daß die Wahrscheinlichkeit, daß wir sowas in den nächsten Tausend Jahren nochmal tun, ziemlich gering ist. Wir Deutschen sind für sowas nach Hitler sensibilisiert. Deshalb auch die Proteste gegen die deutsche Wiederbewaffnung in den Fünzigern (Gustav Heinemann, späterer Bundespräsident und Mitbegründer der CDU trat 1952 aus Protest aus seiner Partei aus und in die SPD ein). Und genauso, wie wir Deutschen froh sein können, daß wir mit der Scham und der Schuld über Hitler nun gezwungen sind, wach zu bleiben, genauso kann sich die christliche Kirche über die Hexenverfolgung freuen. Auch die hat das Augenöffnen erzwungen. Wie schwierig es ist – und wir Deutschen haben das ja gewiß nicht freiwillig getan (das Mitscherlich-Buch über die Unfähigkeit zu Trauern wurde nicht umsonst geschrieben) – der eigenen Schuld ins Auge zu blicken, sehen wir an der Art, wie die Franzosen mit ihrem Napoleon und ihrer Kolonialgeschichte umgehen, die Russen mit Stalin, die Türken mit ihrem Genozid an den Armeniern und die Amis mit Bush (da wird ja hoffentlich noch einiges kommen).

Für mich ist Osho der einzige Meister, der noch zu Lebzeiten seinen Schülern die Möglichkeit gegeben hat, in die Scheiße zu springen – und wie auch hochintelligente Leute das mitmachen, haben wir auf der Ranch gesehen. Und da im offiziellen Sannyas-Diskurs darüber kaum geredet wird, ist Satyanandas Artikel mal wieder eine Wohltat. Aus Dummheiten lernen wir, und je größer die Dummheit, desto größer die Möglichkeit, für sich da was rauszuziehen. Das erzeugt unter anderem auch Demut. Viel effektiver, als wenn das nur auf einem Stück Papier steht und man sich wieder bauchpinseln kann, wie sanft man sein Ego, wenn man’s schon nicht loswerden kann, wieder hingebogen hat. Und weil der Alte den Mut hatte, seine ganze Community – und auch sich selbst – dermaßen vor den Augen der Weltöffentlichkeit bloßzustellen, unter anderem deshalb ist er für mich der Größte.

So jemand wie Ma Latifa wird auf absehbare Zeit in der Sannyas-Szene keinen Boden unter die Füße mehr kriegen, und egal, wie weh es getan hat, zu sehen, wie sich die Roten unsterblich blamieren, ich glaube, besser kann man nicht lernen. Ich jedenfalls habe nie mehr wieder jemandem begreiflich zu machen versucht, daß es nichts besseres gibt als Sannyas. Ich habe viele Leute auf dem spirituellen Weg getroffen, die meisten haben einen ziemlich kleinen Geist, egal wie sie ihn anstreichen, und ich habe viele Leute getroffen, die ich richtig klasse finde, und es ist mir völlig egal zu wem sie beten und welche Lieder sie singen. Ich habe ziemlich viel verloren auf dem Weg, wo ich doch hoffte viel zu gewinnen, aber von den Dingen, die ich verloren habe, hat sich häufig herausgestellt, daß der Schmerz des Verlustes es wert war. Es hat nur häufig ziemlich lange gebraucht, bis ich es merkte und mir eingestehen konnte. Und wie diese Sannyas-Dinosaurier über die Dummheiten ihrer Jugend reden, ist sehr erfrischend. Manches lernen wir spät und manches nie, das liegt in unserer Natur und in der Natur der Dinge. Und wenn wir das begreifen, dann haben wir was wichtiges gelernt auf unserem Weg, egal, was der für eine Farbe hat. Holz hacken, Wasser tragen, erleuchtet werden, holz hacken wasser tragen…

Mittwoch, 4. März 2009

Von den guten alten Zeiten

"Geldgeschäfte auf den Finanzmärkten werden von psychischen Stromstößen beherrscht: Gier, Wunschdenken, Eitelkeit, Neid, Minderwertigkeitskomplexe, Egomanie, Misstrauen und vor allem – Angst. Deshalb finde ich das Börsenspiel so interessant. Es spiegelt die menschliche Natur wider und du kannst deine eigenen psychischen Impulse beobachten."



Klartext

Und was ist aus der Erleuchtung geworden?

Ein Kamingespräch über das ferne Nirvana

von Satyananda

Neulich hatten wir Besuch von Freunden aus alten Zeiten. Mit den alten Zeiten verbinde ich vor allem Erinnerungen an Pune 1 und an die Ranch in Oregon. Lang, lang ist’s her! Und doch sind die Erinnerungen so frisch. Wenn ich Freunde aus dieser Zeit wiedersehe, bin ich erst mal verblüfft: Wie schnell wir uns verändert haben – dreißig Jahre sind nicht spurlos an uns vorübergegangen!
Devi zum Beispiel war gerade mal zwanzig Jahre alt, als wir uns in Pune begegneten. Hübsch, knackig und lustig, war sie besessen von der Idee, erleuchtet zu werden. So stürzte sie sich hoch motiviert und furchtlos in eine Selbsterfahrungsgruppe nach der anderen.
Jetzt saß sie mit uns vor dem Kamin, eine reife Frau mit interessanten Fältchen im Gesicht und grauen Strähnen im Haar. Als ich sie fragte, womit sie ihr Geld verdient, sagte sie lachend: „Ich versuche, Manager wieder aufzurichten, die in der Finanzkrise ihren Halt verloren haben.“ Coaching nennt man das heutzutage.

Was ist aus ihnen geworden?
Auch Khoji ist kaum wiederzuerkennen. Als ich ihn zum ersten Mal traf, erschien er mir in seinem langen roten Kleid wie eine biblische Gestalt. Schlank, hochgewachsen, schulterlanges dunkles Haar, wallender Bart, sanfte Bewegungen, strahlender Blick aus hellblauen Augen … Er war mit einem VW-Bus aus Deutschland nach Pune gekommen – ein Hippie mit Gitarre, Hasch-Pfeife und einer wunderschönen Freundin, die aber schon bald in den Armen eines Group-Leaders landete.
Dreißig Jahre später ist Khoji ein erfolgreicher Macher in der IT-Branche, immer noch schlank, aber ohne Bart. Verheiratet mit einer Ärztin, hat er drei Kinder, spielt Golf und Tennis und engagiert sich für ein Hilfsprojekt in Afrika.
Wir tranken Tee und unterhielten uns über andere Veteranen aus alten Sannyas-Zeiten. Was ist eigentlich aus Astha geworden? Und aus Rammurti? Und aus Chaitanya Hari? Während wir über sie sprachen, tauchten wir ein in die Welt, die Osho damals für uns hervorgezaubert hatte – eine Welt der Hingabe, der Ekstase, der schmerzvollen Begegnungen mit uns selbst und unserem Ego, der spirituellen Höhenflüge und der seelischen Abstürze. Es war eine wunderbar romantische Welt. Während Osho seine lectures hielt und wir ihm in stiller Versenkung lauschten, tobten mitunter Affen-Rudel über das Wellblechdach der Buddhahalle, und im Herbst ließen sich im Koregaon Park ganze Schwärme von bunten Wellensittichen in den ausladenden Kronen der Mangobäume nieder. Vorbei … vorbei …
Was hat uns damals hauptsächlich beschäftigt? Osho natürlich!
„Für mich war er der Über-Vater“, sagte Devi. „Ich liebte ihn abgöttisch. Es war ein tolles Gefühl, ihn fragen zu können, wenn ich Rat brauchte. Er sagte mir, wo es lang ging und ich fühlte mich bei ihm geborgen. Manchmal verstand ich ihn nicht. Aber das war mir egal. Für mich war er unfehlbar.“

Ein Geschmack von Faschismus
„Kam dir das nicht manchmal ein bisschen riskant vor?“, fragte ich.
„Erst viel später kam mir das riskant vor“, sagte Devi. „Als es mit der Ranch vorbei war und plötzlich FBI-Agenten und Staatsanwälte auftauchten. Da waren angeblich ein paar schräge Dinge passiert. Wir hatten keine Ahnung. Aber ich fragte mich plötzlich: ‚He Devi! Hast du gepennt, oder wolltest du nichts wissen?“
Khoji, etwas mürrisch: „Machst du dir etwa Selbstvorwürfe?“
„Ich versuche nur, meine Erfahrungen auf der Ranch richtig einzuordnen. Osho hat uns ja immer wieder eingeschärft, dass Hingabe und totales Vertrauen für die Arbeit mit einem spirituellen Meister absolut nötig sind. Also habe ich vertraut, auch wenn mir das auf der Ranch nicht immer leicht fiel.“
„Auf der Ranch gab es ja auch eine ganz einfache Regel“, warf ich ein. „Wer nicht JA sagt, ist negativ. Und Negativität ist das Schlimmste, was du Osho und der Kommune antun kannst.“
Khoji: „Für mich ist das Faschismus!“
„Ich erinnere mich an eine Lecture in Oregon“, sagte ich, „in der ich Osho sagen hörte: ,I gave you a taste of fascism!‘ (Ich habe euch einen Geschmack von Faschismus gegeben). Für mich war dieser Satz wie ein Erkenntnisblitz.“
„Das leuchtet mir total ein“, rief Devi. „Es ging auf der Ranch doch vor allem um Bewusstseins-Entwicklung unter Laborbedingungen. Dazu gehörte zum Beispiel auch, zwischen totalem und blindem Vertrauen zu unterscheiden. Wenn du Faschismus witterst, sagst du nicht JA, sondern du sagst ein klares NEIN. Osho ist wahrscheinlich der erste spirituelle Meister, der von seinen Schülern erwartet, dass sie auch NEIN sagen.“

Blindes Vertrauen
„Ich war damals echt sauer auf Osho“, sagte Khoji. „Ich fand, dass er mich verarscht hatte. Was ist denn der Unterschied zwischen totalem und blindem Vertrauen? Ich habe auch heute noch keine Lust dazu, mich für den Scheiß verantwortlich zu fühlen, den Sheela damals angerührt hat.“
Devi: „Dann gehörst du wohl auch zur Gemeinde der ‚Ranch-Geschädigten‘, die noch heute ihre Wunden in Chat-Foren lecken?“
„Ach was“, konterte Khoji. „Ich hab mich natürlich längst abgeregt. Heute kann ich sehen, dass die Ranch in Oregon das schärfste Experiment in Sachen Selbsterfahrung gewesen ist, das es je gegeben hat.“
Das Kaminfeuer knisterte und wir schwiegen eine Weile. Plötzlich sagte Devi: „Was ist denn eigentlich aus der Erleuchtung geworden?“
Fröhliches Gelächter.
Khoji: „Erleuchtung? Tolle Idee! Gut, dass du mich daran erinnerst!“
Devi: „In Pune gab es ja überhaupt kein anderes Thema als Erleuchtung. Könnt ihr euch erinnern? Osho redete fast jeden Tag von Erleuchtung und wir alle waren unheimlich scharf darauf.“

Fokus Meditation
Khoji: „Ich weiß noch, dass ich damals auf Tantra gesetzt habe. Ich fand Oshos These ‚Vom Sex zum kosmischen Bewusstsein‘ unwiderstehlich. Im Klartext hieß das für mich: durch Vögeln zur Erleuchtung! Ein tolles Konzept. Ich habe es unermüdlich ausprobiert, aber letztendlich war der spirituelle Gewinn gleich Null (lacht). Irgendwas muss ich da wohl missverstanden haben.“
Devi: „Ich habe auch vieles missverstanden. Zum Beispiel habe ich geglaubt, dass er für meine Erleuchtung sorgen würde, wenn ich nur brav zu seinen Füßen sitze und ihn anhimmele. Das hat er zwar nicht gesagt, aber ich habe ihn so verstanden.“
Khoji: „Als ich nach dem Abenteuer von Oregon in die real existierende Welt zurückkehrte, habe ich die Erleuchtung erst mal von meiner Prioritätenliste gestrichen. Ich hatte einfach keine Zeit mehr dafür. Zu viel Tempo, Lärm und Chaos. Wir leben in einem globalen Irrenhaus. Wenn man da erleuchtet werden will, braucht man einen starken Fokus und eine relativ stabile materielle Grundlage. Osho hat oft gesagt, dass man nicht meditieren kann, wenn man ständig ums tägliche Brot kämpfen muss. Das entspricht meiner Erfahrung.“
Wir sprachen eine Weile über Geld und Sicherheit. Wie viel braucht man, um sich sicher zu fühlen? Ein interessantes Thema, über das man stundenlang reden könnte. Aber es lohnt sich eigentlich nicht, denn Sicherheit ist sowieso eine Illusion. Also blieb die Frage: Wie kann man sich in dieser Welt des Wahnsinns auf Meditation fokussieren?
Dabei kamen wir wieder auf Oregon zu sprechen, und Devi fragte: „Vielleicht ist das Experiment gar nicht gescheitert? Wir machen einfach weiter! Die Themen, die uns damals beschäftigt haben, sind doch zeitlos. Und unsere Vision ist so aktuell wie noch nie!“

www.hierjetzt.de

bevor der Text wieder weg ist, »Klartext« aus der aktuellen Osho-Times

Dienstag, 3. März 2009

ORGASMUS-STUDIE: Geld macht geil

Frauen, die mit reichen Männern Sex haben, kommen häufiger zum Höhepunkt. In einer Studie mit 1534 Frauen bestand eine deutliche Korrelation zwischen dem Einkommen des Mannes und der von den Frauen selbst angegebenen Orgasmus-Häufigkeit. Die britischen Forscher gehen davon aus, das es sich um ein Evolutionsphänomen handelt, das Frauen bei der Partnerwahl hilft. Vielleicht könnte man das Studienergebnis auch dazu heranziehen, Ulla Schmidt von der Notwendigkeit der Erhöhung der Ärztehonorare zu überzeugen.
Evolution and Human Behavior; doi:10.1016/j.evolh umbehav.2008.11.002
aus MMW – Fortschritte der Medizin Nr. 5/2009

Wie würde Dr. House sagen: Alle Patienten lügen!

FEINSTAUB: Länger leben in guter Luft

Ein Rückgang der Luftverschmutzung zahlt sich für die Bevölkerung aus – durch gewonnene Lebensjahre. Eine Studie zeigte, dass die Lebenserwartung in 51 US-Städten von 1980 bis 2000 um fast drei Jahre angestiegen ist. Ein signifikanter Anteil von fünf gewonnenen Lebensmonaten geht nach den Autoren allein auf die Tatsache zurück, dass die Luft in den untersuchten Städten in den letzten Jahren kontinuierlich verbessert werden konnte. Es wird vermutet, dass die sauberere Luft insbesondere zu einem Rückgang kardiovaskulärer und kardiopulmonaler Erkrankungen geführt hat.
N Engl J Med vom 22.1.2009
aus MMW – Fortschritte der Medizin Nr. 5/2009

AKUPUNKTUR BEI KOPFSCHMERZ: Wirksam, wo auch immer die Nadeln treffen?

Akupunktur wirkt prophylaktisch gegen Spannungskopfschmerzen und Migräne. Dabei ist es gleichgültig, ob die Nadeln an den der traditionellen chinesischen Medizin entsprechenden Akupunkturpunkten gesetzt werden oder nicht. Zu diesem Schluss kommt eine Metaanalyse der Cochrane Collaboration, die 33 Studien mit 6736 Patienten auswertete. In dieser Studie war die Akupunktur sogar einer medikamentösen Prophylaxe überlegen.
www.cochrane.org
aus MMW – Fortschritte der Medizin Nr. 5/2009

FASTENKUREN: Warum sich Frauen dabei schwerer tun

Abnehmen fällt Frauen schwerer als Männern. Warum das so ist, fand jetzt eine US-Studie heraus, die 13 Frauen und zehn Männer mittels Positronenemissionstomografie (PET) untersuchte. Den Probanden wurde ihre Lieblingsspeise vorgesetzt, an der sie zwar riechen, aber nicht kosten durften. Beim zweiten Versuch waren die Probanden auf den Verzicht vorbereitet. Wie die PET zeigte, waren dabei in Männerhirnen allerlei inhibitorisch wirksame Regionen aktiv, in Frauenhirnen nicht.
Proc Natl Acad Science, im Druck
aus MMW – Fortschritte der Medizin Nr. 5/2009

Montag, 2. März 2009

Wie ungesund ist das Musizieren?

Seit 1974 geistert der Cellistenhoden durch die medizinische Fachliteratur. Dieses Leiden soll durch die Reibung des Instruments an der empfindlichsten Körperstelle der ausübenden Musiker entstehen. Beschrieben wurde das Krankheitsbild von einem gewissen John Murphy im British Medical Journal. Die Arbeit wurde immer wieder zitiert, wenn es um Berufskrankheiten bei Musikern ging. Jetzt hat John Murphy's Frau, Elaine Murphy, Mitglied des House of Lords und Ärztin, gestanden, das Krankheitsbild frei erfunden zuhaben. Inspiriert worden sei sie durch einen Artikel im British Medical Journal, der den Gitarristennippel beschrieb. Bei Gittarenspielern könne es zu einer Reizung der Brustwarzen kommen, wenn sie ihr Instrument in Brusthöhe hielten, hieß es da. Die Murphys hielten das für einen Scherz und erfanden ihrerseits den Cellohoden. Das British Medical Journal reagierte mit dem Hinweis, dass Fälscherei in der Wissenschaft eine ernste Sache sei, die man keineswegs gutheißen könne. In diesem Fall sei aber wohl kein nennenswerter Schaden entstanden. Ob das stimmt? Auffallend ist schon, dass das Cello in den meisten großen Orchestern von Frauen gespielt wird. Haben die Murphys vielleicht dem einen oder anderen Mann den Weg in eine große Musikerkarriere verbaut? Sollte man mal untersuchen.
BMJ 2009;338:b288, doi: 10.1136/bmj.b288Murphy JM. Cello scrotum. BMJ 1974;ii:335.
aus MMW – Fortschritte der Medizin Nr. 6/2008

Vielleicht reibt das Cello ja bei den Frauen an den Brustwarzen…
Und Cellisten sollte man vielleicht empfehlen, etwas gegen Prostatakrebs zu unternehmen… (siehe drei Posts weiter)


Multivitamine ohne Wert

Welchen Einfluss hat die Einnahme von Multivitaminpräparaten auf das Risiko für Krebs oder kardiovaskuläre Erkrankungen? Bei über 160.000 postmenapausalen Frauen ging man im Rahmen der Women's Health Initiative dieser Frage nach. Die gute Nachricht: Vitamine erhöhen das Risiko für diese Krankheiten nicht. Die schlechte: Sie vermindern es auch nicht. In der Studie waren die Teilnehmerinnen, von denen die Hälfte regelmäßig Vitamine einnahm, im Schnitt acht Jahre lang verfolgt worden. Dabei zeigte sich kein Zusammenhang zwischen Vitaminzufuhr und dem Auftreten von Malignomen oder KHK. Auch die Gesamtmortalität unterschied sich nicht in den beiden Gruppen.
Arch Intern Med. 2009;169(3):294-304
aus MMW – Fortschritte der Medizin Nr. 8/2009

Dicke Mütter in chaotischen Haushalten

Nach Daten der Centers for Disease Control and Prevention sind 32% aller US-Amerikaner adipös. 41% aller Mütter schleppen übermäßige Pfunde mit sich herum. Das Risiko, adipös zu werden, ist für Mütter in chaotischen Haushalten besonders hoch, ergab nun eine Studie des New York Obesity Research Center. Als instabile bzw. chaotische Haushalte galten Familien, die mit ungesichertem Einkommen in ärmlicher Umgebung lebten. In 40% der Fälle handelte es sich um alleinerziehende Mütter mit einem Durchschnittsalter von 28 Jahren. 48% dieser Mütter waren adipös. Im Vergleich dazu waren in stabilen Haushalten (finanziell abgesichert in guter Umgebung) nur 38% der Mütter übergewichtig. Die Adipositas der Mütter spiegelte sich nicht im Gewicht der jungen (im Durchschnitt drei Jahre alt) Kinder wieder.
Journal of Health Care for the Poor and Underserved 20:122-133, 2009
aus MMW – Fortschritte der Medizin Nr. 8/2009

Sonntag, 1. März 2009

Erhöht sexuelle Aktivität das Krebsrisiko?

Bisher galt: Regelmäßige bis häufige sexuelle Betätigung schützt Mann vor Prostatakrebs. Im British Journal of Urology wurde nun eine Studie veröffentlicht, deren Ergebnisse – zumindest bei jüngeren Männern – eher in die andere Richtung zeigen: Männer zwischen zwanzig und dreißig, die häufig masturbieren oder anderweitig sexuell aktiv sind, hatten gegenüber enthaltsameren Geschlechtsgenossen ein signifikant erhöhtes Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken. Ab dem 50. Lebensjahr wirkt sich eine gesteigerte sexuelle Aktivität dann allerdings wieder positiv aus: Das Risiko sinkt deutlich.
BJU International 2009;103:778-85
aus MMW – Fortschritte in der Medizin Nr. 9/2009

Kaffeetrinkerinnen rührt seltener der Schlag

Gute Nachricht für Kaffeetanten: Regelmäßiger Kaffeegenuss führt nicht zu einem erhöhten Schlaganfallrisiko. Frauen, die täglich mehrere Tassen Kaffee trinken, erleiden sogar etwas seltener einen Schlaganfall. Der Schutzeffekt macht sich allerdings nur bei Nichtraucherinnen bemerkbar, wie eine Analyse der Nurses' Health Study mit über 50.000 Teilnehmerinnen zeigt. Damit gibt es eine weitere Entwarnung für das „schwarze Gift“. Andere Studien haben kürzlich gezeigt, dass Kaffee auch das KHK-Risiko nicht steigert und möglicherweise vor Diabetes schützt.
Circulation, online 16. Februar 2009
aus MMW – Fortschritte in der Medizin Nr. 9/2009

Dienstag, 24. Februar 2009

Hormonersatztherapie: Frontalhirn schrumpft um 2,4 Kubikzentimeter

Ob frau langfristig Hormone substituieren möchte, sollte sie sich gut überlegen. Denn die Hormonersatztherapie hat allerlei unerwünschte Wirkungen, obwohl man lange Zeit das Gegenteil propagierte. So steigt neben dem Karzinomrisiko dasjenige für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und auch die Leistung des Gehirns lässt nach. Als Ursache für den Niedergang der kognitiven Fähigkeiten hatte man eine zerebrale Minderdurchblutung in Verdacht. Jetzt zeigen zwei Arbeiten, dass der Hormonersatz nicht etwa vermehrte Mikroinfarkte zur Folge hat. Vielmehr schrumpft das Gehirn, und zwar vor allem im Frontalhirn und im Hippocampus, einer Struktur, die beim Erinnern eine wichtige Rolle spielt.
(L. Coker et al., S. Resnick et al., Neurology 2009; 72:124-134,135-142)
aus MMW-Fortschritte in der Medizin Nr. 3-4/2009

Freitag, 20. Februar 2009

Viel Palästina und ein bißchen türkische Toleranz


Maestro des Friedens

Stardirigent Daniel Barenboim und sein besonderes Orchester spielen gegen den Krieg in Nahost

In diesen Tagen an Daniel Barenboim heranzukommen scheint ungefähr so schwer zu sein, als wollte man Angela Merkel zu Beginn der Finanzkrise mal eben zum Plaudern auf einen Kaffee einladen. Im Moment überschlägt sich alles, seufzt eine Mitarbeiterin der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Hier ist er seit 1992 als Generalmusikdirektor tätig. Ob als Pianist oder als Dirigent: »Maestro« Barenboim ist weltweit begehrt. Doch zurzeit herrscht ein besonderes Interesse an ihm.

Wegen der Lage im Gazastreifen wurden jüngst zwei Konzerte des argentinisch-israelischen Weltstars mit dem West-Eastern Divan Orchestra in Kairo und Katar abgesagt. Einer der Auftritte findet nun in der Berliner Staatsoper statt. Das aus israelischen und arabischen Musikern bestehende Orchester hatte Daniel Barenboim 1999 zusammen mit dem verstorbenen palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said ins Leben gerufen. Der Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen des Nahen Ostens solle durch die Erfahrung des gemeinsamen Musizierens möglich werden, lautet ihr Ziel. Unter den Musikern gebe es große Differenzen über den aktuellen Konflikt, sagte Daniel Barenboim zuletzt in einem Interview. Gerade deswegen wollten das Orchester und er mit dem Zusammenspiel ein Zeichen setzen.

Für seine Verdienste um die israelischpalästinensische Aussöhnung wurde der Dirigent mehrfach ausgezeichnet. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon ernannte ihn 2007 zum Friedensbotschafter der UNO. Der Musiker scheint überall auf der Welt zu Hause zu sein. Er spricht sechs Sprachen. In Buenos Aires wurde er als Sohn von Eltern jüdischrussischer Abstammung geboren. 1952, im Alter von zehn Jahren, zog er mit der Familie nach Israel. Zu diesem Zeitpunkt spielte er bereits seit fünf Jahren Klavier und gab sein internationales Debüt in Wien und Rom. Eine Weltkarriere mit Tourneen in sämtliche Kontinente folgte.

»Barenboim ist ein Extremmusiker und ein extremer Mensch«, sagt Rüdiger Liebermann. Als Erster Geiger bei den Berliner Philharmonikern arbeitet er seit vielen Jahren regelmäßig mit dem Dirigenten zusammen. Einen so exzellenten Künstler wie ihn gebe es in der Welt wohl kaum ein zweites Mal. Er lege viel Wert auf volles Engagement, so der Violinist. Einmal sei er direkt nach einem Konzert mit den Berliner Philharmonikern im thüringischen Meiningen mit dem Hubschrauber nach Frankfurt/Main geflogen. Von dort reiste er weiter nach Paris, um eine Concorde nach Chicago zu erwischen. So kam er am gleichen Abend rechtzeitig zu einer Orchesterprobe.

Daniel Barenboim ist in vieler Hinsicht einzigartig. Seit 2008 besitzt er neben dem argentinischen, spanischen und israelischen Pass die palästinensische Ehrenstaatsbürgerschaft. • Lea Gerschwitz


Bittere Pillen

Naher Osten: Vier Schritte aus dem Teufelskreis der Gewalt

Der Teufelskreis der Gewalt, den wir jetzt wieder in Gaza erleben, muss beendet werden. Klar ist, dass beide Seiten nie aus eigener Kraft zu einer Vereinbarung finden werden. Die Palästinenser sind gespalten. Dies lähmt ihre Fähigkeit, effektiv zu verhandeln. Und die Israelis zögern, weil einige mit dem Status quo gut leben können, während andere den Konflikt dazu nutzen, um die Siedlungen in der Westbank voranzutreiben. Die einzige Chance, um weiterzukommen, ist die, dass die internationale Gemeinschaft, angeführt von den USA, die Skizze eines Agreements auf den Tisch legt.

Diese Vereinbarung sollte auf vier Punkten basieren: Kein Rückkehrrecht für die palästinensischen Flüchtlinge. Eine bittere Pille für die Palästinenser, die nur dadurch versüßt werden kann, dass die Welt ihr Leiden anerkennt. Weiter, dass Jerusalem als Hauptstadt zweier Staaten anerkannt wird. Eine bittere Pille für die Israelis, ohne die es aber nicht geht. Drittens ein territoriales Arrangement, das auf den Grenzen von 1967 beruht, mit flexiblen Ausnahmeregelungen, wo mittlerweile stark urbanisierte Gebiete eingegliedert werden müssten. Viertens ein demilitarisierter palästinensischer Staat bei gleichzeitiger Stationierung von US-Militärs entlang der Grenze. Sie garantieren die Sicherheit der Israelis vor Selbstmordattentaten und Raketen.

Ich bin davon überzeugt, dass eine solche Vereinbarung die Unterstützung der Mehrheit der Israelis und der Palästinenser erhalten und die Extremisten auf beiden Seiten isolieren würde. Ein bloßer Waffenstillstand, auch ein langfristiger, wäre ungenügend. Ein Waffenstillstand würde nämlich nur den Status quo verstetigen, was unerträglich wäre. Was US-Präsident Barack Obama tun muss, ist, sich ernsthaft und entschlossen im Friedensprozess zu engagieren. Das allein würde die USA zum konstruktiven Mediator machen anstatt zum passiven Teilnehmer, wie sie es in den Bush-Jahren wurden. • Zbigniew Brzezinski

Er war Sicherheitsberater von Ex-Präsident Carter und ist Sicherheitsberater von Barack Obama.


Menschliche Katastrophe

Der Krieg im Heiligen Land – aus palästinensischer Perspektive


Wie kann auch etwas anderes herauskommen als ein permanenter Kriegszustand, wenn die Weltmächte imperial ein Land verteilen, auf dem seit Jahrtausenden Menschen leben, deren Identität palästinensisch ist? Man kann dieses Land nicht einfach einer Gruppe von Europäern »schenken«, die in Europa als Juden verfolgt wurden. Der Teilungsplan der UN von 1947 sagt eindeutig, dass es zwei Staatengeben muss: Palästina und Israel. Solange es jedoch kein Palästina gibt, ist der Staat Israel illegal.

Unsere deutsche Regierung betont Israels Recht auf Selbstverteidigung gebetsmühlenartig, ohne die menschliche Katastrophe der Palästinenser zu erwähnen. Deutschland nennt als Grund stets den Holocaust – mit dem die Palästinenser nichts zu tun haben. Indem die Bundesregierung die Verbrechen Israels ignoriert, macht sie sich mitschuldig. Obwohl im Grundgesetz steht, dass in Krisengebiete keine Waffen geliefert werden dürfen, erhält Israel von Deutschland modernstes Kriegsmaterial.

Die Palästinenser sollen entwaffnet werden, der Gewalt der Besatzungsmacht Israel schutzlos ausgeliefert. Israels Armee ist eine der stärksten und modernsten der Welt. Was haben die Palästinenser und Hamas dagegenzusetzen? Das Ungleichgewicht ist gewaltig. Das Verhältnis der Toten im akuten Krieg beträgt 1:130, bei den Verletzten ist es 1:1000.

Frieden kann es nur geben, wenn Israel sich aus den besetzten Gebieten zurückzieht, die völkerrechtswidrigen Siedlungen räumt und somit die Voraussetzungen für die Staatsgründung Palästinas erfüllt sind. Die palästinensischen Flüchtlinge haben ein Rückkehrrecht, oder sie müssen entschädigt werden, wie es die UN-Resolution 194 von 1948 vorsieht. Selbstverständlich ist, dass Israels Mauer, die auf palästinensischem Boden gebaut wird und laut dem Internationalen Gerichtshof rechtswidrig ist, abgerissen werden muss. Palästinas Bauern müssen entschädigt werden. Unabdingbar ist die gegenseitige Anerkennung beider Staaten. • Khalid Tatour

Er stammt aus Nazareth und engagiert sich als Kulturarbeiter in Deutschland.

Blowin' In The Wind - Bob Dylan - Lyrics - (HD scenic) [2:40]

Veröffentlicht am 30.09.2015
by Giulia Zarantonello



Die Zukunft wird jetzt gebahnt (Nager vererben erworbene Fähigkeiten, Ben Schwan, heise Online, 20.02.2009)


renaud le deserteur [4:02]

Hochgeladen am 11.08.2008
le deserteur ac un peu d'anti sarko vs pouvé laché dé comse svp

Der Song ist ursprünglich von Boris Vian, hier die Übersetzung der Renaud-Version


Alexsandro de Souza, brasilianischer Mannschaftskapitän des türkischen Fußball-Erstligisten Fenerbahce Istanbul, beantragte im Namen seiner sieben christlichen Legionärs-Kollegen beim Vereinsvorstand die Errichtung einer kleinen Kirche auf dem Trainingsgelände am asiatischen Ufer des Bosporus. In Internetforen wird jetzt unter den Anhängern des Vereins heftig und kontrovers über diese Forderung diskutiert.

aus Publik-Forum 1•2009

Donnerstag, 12. Februar 2009

27 000 PR-Berater polieren das Image der USA

Ein Chefredaktor beklagt den immensen Einfluss des amerikanischen Verteidigungsminsteriums auf seine Journalisten. Jetzt ist ihm der Kragen geplatzt: Er enthüllt schier unglaubliche Fakten über die PR-Arbeit des Pentagons. 

Die Bush-Administration hat das US-Militär in eine globale Propaganda-Maschine verwandelt. Tom Curley, Chef der amerikanischen Nachrichtenagentur AP, kann dazu nicht mehr länger schweigen. Am Wochenende referierte er an der Universität von Kansas vor Journalisten über den Druck des US-Verteidigungsministeriums auf seine Berichterstatter in Kriegsgebieten wie Irak oder Afghanistan. Sein Fazit: «Es wird langsam unerträglich.» Hohe Generäle hätten gedroht, dass man die AP und ihn ruinieren werde, wenn die Reporter weiterhin auf ihren journalistischen Prinzipien beharren würden. Seit 2003 wurden bereits elf Journalisten der AP im Irak für mehr als 24 Stunden verhaftet.
mehr:
- 27'000 PR-Berater polieren Image der USA (Marc Brupbacher, Tagesanzeiger.ch, 12.02.2009 – Hervorhebung von mir)

Associated Press CEO Tom Curley speaks on press freedom {1:59}

AP Archive
Am 21.07.2015 veröffentlicht 
1. Mid shot of Tom Curley walking to podium
2. Wide shot of event
3. SOUNDBITE (English) Tom Curley, President and Chief Executive Officer, Associated Press: "The powerful have to be watched, and we are the watchers. And you don''t need to have your notebook snatched by a policeman to know that keeping an eye on government activities these days has gotten a lot harder. In fact, the government itself actually has told us so. After the 9/11 terrorist attacks the Attorney General of the United States informed federal departments he was reversing the spirit of the Freedom of Information Act."
4. Mid shot, audience
5. SOUNDBITE (English) Tom Curley, President and Chief Executive Officer, Associated Press:
"By last summer, a government study determined that nearly a third of federal officials whose duty is to comply with FOI (Freedom of Information) requests reported they had succeeded in reducing the flow of information to the public. The states appear to have fallen in step with the new spirit of secrecy."
6. Mid shot, audience.
7. SOUNDBITE (English) Tom Curley, President and Chief Executive Officer, Associated Press.
"The government is pushing hard for secrecy. We must push back equally hard for openness. I think it''s time to consider establishment of a focussed lobbying effort in Washington. An advocacy centre for open government would identify and oppose legislation that puts unreasonable restrictions on public information."
8. Mid shot, audience.
9. SOUNDBITE: (English) Tom Curley, President and Chief Executive Officer , Associated Press.
"A fight is what this is. A fight is what our system of government intends and expects it to be. We do not sit in some impartial referee''s box where open government is concerned. Like it or not, we''re in the game for keeps and we can play either badly or play well."
10. Wide shot of event.
STORYLINE:
Denouncing increased official secrecy, Associated Press (AP) President and Chief Executive Officer (CEO) Tom Curley unveiled a plan to open a media advocacy centre to lobby in Washington, DC for open government.
Curley outlined the plan and the reasons for such an approach during a speech on Friday in Riverside, California.
At every level of government, he said, records are being sealed and requests for information denied, and courts are imposing gag orders and sealing documents.
In the wake of the September 11 terrorist attacks, the news media had failed in its mission and remained largely silent on important issues Curley said, including secret arrests of suspects of Middle Eastern descent and closed deportation hearings.
Speaking in the Hays Press-Enterprise Lecture series, Curley warned that a continued relaxation of vigilance by news organisations, "could become a dangerous habit if we allow it to take hold, dangerous for us and the society in which we play such a critical role."
He noted that the "government is pushing hard for secrecy," and said "we must push back equally hard for openness."
Curley acknowledged the advocacy proposal is potentially controversial, but he defended the approach, saying "a fight is what this is. A fight is what our system of government intends and expects it to be."
Curley cited recent intrusions on information-gathering, including an AP reporter''s digital recording being erased by a US marshal at a speech by US Supreme Court Justice Antonin Scalia, and a confrontation between a sheriff''s deputy and a freelance photographer on assignment for the AP outside a Michael Jackson grand jury hearing.
The photographer deleted digital images after being ordered to do so by the deputy. You can license this story through AP Archive: http://www.aparchive.com/metadata/you... Find out more about AP Archive: http://www.aparchive.com/HowWeWork

siehe auch:
- 👻 Der Geheimdienst informiert? 😜 (Post, 16.05.2019)
- Schweden: Wie man einen Staat umdreht (Post, 15.05.2019)
- Geheimdienste und Leitmedien: unbekannte Fakten plus eindeutige Schlussfolgerungen ergeben unvoreingenommenes, faktenfreies Geschwurbel (Post, 15.03.2019)
- Die Propaganda-Fabrik (Thomas Röper, Rubikon, 10.10.2018)
- Propaganda mit Fragezeichen? – Der nächste Blogger vor Gericht… (Post, 14.06.2018)
Wie borniert muss eine ARD-Journalistin sein, solche billigen Geschichten aus zweiter Hand zu erzählen und (sich) nicht selbst darin zu erkennen? Sich nicht dran zu erinnern, dass laut Recherchen der US-Weltagentur AP das Pentagon über 27.000 Personen verfügt, die ausschließlich für die Öffentlichkeitsarbeit (PR, Werbung, Rekrutierung) zuständig sind? Nur dazu da, das Image der USA aufzupolieren? Dass diese ungeheure PR-Maschinerie des US-Militärs die amerikanischen Steuerzahler jährlich 4,7 Milliarden Dollar kostet? Und dass an dieser und anderen staatlichen Maschinerien des Westens (Achtung: Bundespresseamt Berlin!) Heerscharen von Journalisten hängen, unter anderem auch die der ARD? Leute, deren berufliche Realität sich prinzipiell nicht von dem unterscheidet, was sie über die „russischen Trolle“ zusammenfantasieren?
[
Faktenfinder betreibt faktenfreie antirussische Hetze, Jens Wernicke, Rubikon, 26.04.2017]


aktualisiert am 28.05.2019

Donnerstag, 5. Februar 2009

Renaud et Axelle Red: Manhattan Kaboul


Renaud & Axellered Manattan kaboul von cladstrife

Petit Portoricain
Bien intégré, quasiment New Yorkais,
Dans mon building tout de verre et d'acier,
Je prend mon job, un rail de coke, un café

Petite fille Afghane,
De l'autre côté de la Terre,
Jamais entendu parler de Manhattan,
mon quotidien c'est la misère et la guerre

Deux étrangers au bout du monde, si différents
Deux inconnus, deux anonymes, mais pourtant
Pulvérisés sur l'autel
De la violence éternelle

Un 747 s'est explosé dans mes fenêtres,
Mon ciel si bleu est devenu orage,
Lorsque les bombes ont rasé mon village

Deux étrangers au bout du monde, si différents
Deux inconnus, deux anonymes, mais pourtant
Pulvérisés sur l'autel
De la violence éternelle

So long, adieu mon rêve américain,
Moi, plus jamais l'esclave des chiens
Ils t'imposaient l'Islam des tyrans
Ceux-là ont-ils jamais lu le Coran ?

J'suis redevenu poussière,
Je s'rai pas maître de l'Univers,
Ce pays que j'aimais tellement serait-il
Finalement colosse aux pieds d'argile ?

Les dieux, les religions,
Les guerres de civilisations,
Les armées, drapeaux, les patries, les nations
Font toujours de nous de la chair à canon

Deux étrangers au bout du monde, si différents
Deux inconnus, deux anonymes, mais pourtant
Pulvérisés sur l'autel
De la violence éternelle

Deux étrangers au bout du monde, si différents
Deux inconnus, deux anonymes, mais pourtant
Pulvérisés sur l'autel
De la violence éternelle

==========

Kleiner Puerto Ricaner,
Gut integriert, beinah schon New Yorker
In meinem Gebäude, ganz aus Glas und Stahl
Mache ich meinen Job,
eine Dose Cola, ein Kaffee

Kleines afghanisches Mädchen
Von der anderen Seite der Welt
Niemals etwas gehört von Manhatten
Mein Alltag, das ist das Elend und der Krieg.

Zwei Fremde am Ende der Welt - so unterschiedlich!
Zwei Unbekannte, zwei Annonyme, aber dennoch
Vernichtet auf dem Altar der ewigen Gewalt

Eine 747 ist in meinen Fenstern explodiert

Mein Blauer Himmel wurde zu einem Gewitter
Als die Bomben mein Dorf abrasierten

Auf Wiedersehen, mein amerikanischer Traum

Ich werde nie mehr die Sklavin der Hunde sein
Sie haben dir den Islam der Tyrannen aufgebürdet
Haben sie denn jemals den Koran gelesen?

Ich bin wieder zu Staub geworden
Ich werde nicht der Meister des Universums sein
Dieses Land, das ich so liebte, wird es
am Ende ein Kollos auf Füßen aus Ton?

Die Götter, die Religionen
Die Kriege der Zivilisation
Die Waffen, die Fahnen, die Heimaten, die Nationen
Machen uns immer zu Kanonenfutter

Zwei Fremde am Ende der Welt - so unterschiedlich!
Zwei Unbekannte, zwei Annonyme, aber dennoch
Vernichtet auf dem Altar der ewigen Gewalt

Freitag, 16. Januar 2009

Mittwoch, 7. Januar 2009

Pleite der letzten Utopie

… so nennt ZEIT-Online einen Artikel über die Finanzkrise. Liest sich wie von ein paar braven Abiturienten. Setzen, zwei plus.

Währenddessen erwartet Francis Fukuyama nach dem Ende der Geschichte eine politisch instabilere Welt.
Artikel bei ZEIT-Online
Weitere Fukuyama-Artikel bei ZEIT-Online.

Eigentlich ist es ja fast ein Witz: Hunderttausende demonstrieren, diskutieren und machen was weiß ich alles. Und nun, auf dem Höhepunkt Ihrer Macht, nach dem Ende des Sowjetsystems, in dem Moment, wo sich jeder von dieser Scheiß-Globalisierung geknechtet fühlt, schießt der Kapitalismus solch ein Eigentor. Wo das Eine am stärksten ist, kommt das Andere.


Fukuyama in der Süddeutschen über die Notwendigkeit einer anderen Kultur. Wow! Denn macht mal! Direkt unter der ersten Seite des Artikels folgende Anzeige:

Dienstag, 6. Januar 2009

Das Poincaré-Abenteuer


Jules Henri Poincaré [pwɛ̃kaˈʀe] (* 29. April 1854 in Nancy; † 17. Juli 1912 in Paris) war ein bedeutender französischer Mathematiker, theoretischer Physiker, theoretischer Astronom und Philosoph. Er galt in seiner Wirkungszeit in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bis zum ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts und danach als einer der bedeutendsten Mathematiker, worin ihm zu seiner Zeit nur in Deutschland David Hilbert Konkurrenz machte, und zusätzlich noch als führender theoretischer Physiker und Astronom.

Poincarés Werk zeichnet sich durch Vielfalt und hohe Originalität aus; seine außergewöhnliche mathematische Begabung war durch ein hohes Maß an Intuition gekennzeichnet. Auf mathematischem Gebiet entwickelte er die Theorie der automorphen Funktionen, die qualitative Theorie der Differentialgleichungen und gilt als Begründer der algebraischen Topologie. Weitere seiner Arbeitsgebiete in der Reinen Mathematik waren die algebraische Geometrie und die Zahlentheorie. Auch die Angewandte Mathematik profitierte von Poincarés Ideenreichtum. Auf dem Gebiet der Physik reichen seine Beiträge von Optik bis Elektrizität, von Quanten- bis Potentialtheorie, von Thermodynamik bis spezieller Relativitätstheorie, die er mitbegründete. Auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie (Philosophie) leistete Poincaré u. a. mit seinem Werk Wissenschaft und Hypothese bedeutende Beiträge zum Verständnis der relativen Gültigkeit von Theorien. In seinem Buch stellt Poincaré verschiedene geometrische Systeme vor, die allesamt logisch kohärent sind, einander aber widersprechen. Welche davon zuträfen entscheide nicht die Mathematik, sondern die Naturwissenschaften. (Henri Poincaré, Werk, Wikipedia, abgerufen am 06.04.2017)
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Obwohl Poincaré ein hervorragender Ingenieur war, war die Mathematik seine große Liebe. Der Lehrplan an der École Polytechnique mit den Vorlesungen in Mathematik und Physik kam seinem Geschmack entgegen. An der École des Mines waren die Kurse auf technische Spezialgebiete zugeschnitten, und die Studenten wurden auf künftige Führungsaufgaben vorbereitet. Aber Poincarés Interesse an der »Königin der Wissenschaften« erlahmte nie. Ihm verdankte er, dass er schon als Schüler hochrangige Preise gewonnen hatte.

Während er an der École des Mines Mineralogie, Bergbau und andere praktische Fächer studierte, beschäftigte sich Poincaré privat mit Problemen der höheren Mathematik. Nach dem ersten Jahr seines Ingenieursstudiums hatte er einen Aufsatz über partielle Differentialgleichungen beendet, der später vom Journal de l’École Polytechnique veröffentlicht wurde. Einer der Leser, der weltberühmte Mathematiker Charles Hermite von der Sorbonne, war beeindruckt, aber gespalten: Einerseits war Poincarés Arbeit von erstaunlicher intellektueller Tiefe, andererseits schien der Verfasser nicht in der Lage zu sein, seine Gedanken klar auszudrücken; sein Stil war etwas wirr, auch fehlten Details. Wie schon als Kind kamen ihm auch jetzt seine Ideen in so schneller Folge, dass er nicht immer die Zeit hatte, sie in allen Einzelheiten auszuarbeiten. Als er Jean Darboux, dem nachmaligen Sekretär der Academic des Sciences, der auf Poincarés Beerdigung die Grabrede halten würde, eine weitere Arbeit über Differentialgleichungen vorlegte, rühmte der Sorbonne-Professor die Vorzüge der Abhandlung, kritisierte aber zugleich deren fehlende Präzision. Poincaré beseitigte prompt die Unklarheiten, und die Arbeit wurde der Pariser Universität als seine Doktorarbeit vorgelegt. Als Poincaré seinen Abschluss an der École des Mines machte, sah es so aus, als sei er bereits für eine wissenschaftliche Laufbahn bestimmt.

Im Dezember 1879 entband der Minister für Öffentliche Arbeiten Poincaré von seinen Ingenieurspflichten und stellte ihn der höheren Bildung zur Verfügung. In mathematischen Kreisen inzwischen allgemein bekannt, erhielt Poincaré einen Lehrauftrag für Mathematik an der Universität von Caen in Nordwestfrankreich. Sein etwas unorganisierter Unterrichtsstil wurde von den Studenten nicht durchweg geschätzt, aber seine Kollegen, vor allem sein früherer Lehrer Hermite, waren voll des Lobes. Zwei Jahre später wurde Poincaré auf den Lehrstuhl für mathematische Physik und Wahrscheinlichkeit an der Sorbonne berufen. Gleichzeitig erhielt er einen Lehrauftrag an seiner Alma mater, der École Polytechnique. Im selben Jahr heiratete er Louise Poulain d’Andecy. Das Paar bekam drei Töchter und einen Sohn. Dann musste er sich einer Herausforderung stellen, die seinen Namen in ganz Europa bekannt machte. Doch die Abfolge der Ereignisse vollzog sich nicht ohne einige Schwierigkeiten.

Seit Johannes Keplers Berechnungen der Umlaufbahnen der Himmelskörper und Isaac Newtons Entdeckung der Schwerkraft hatte niemand darüber nachgedacht, ob Erde, Mars oder Venus eines Tages von ihren Umlaufbahnen um die Sonne abweichen und plötzlich einen anderen Kurs einschlagen könnten. Selbst heute noch halten wir es für selbstverständlich, dass unser Planetensystem stabil bleibt. Aber muss das so sein? Könnte ein vorbeifliegender Komet eines Tages das Planetensystem aus dem Gleichgewicht bringen?

Als Kepler die elliptische Umlaufbahn des Mars berechnete, hat er nicht gesondert erwähnt, dass der Himmelskörper auf seinem Weg um die Sonne nicht genau eine Ellipse beschrieb. Die Beobachtungen, die er von seinem Vorgänger in Prag, dem kaiserlichen Mathematiker und Astronom am Hofe Rudolfs II., Tycho Brahe, erhalten oder vielmehr diesem gestohlen hatte, waren die genauesten Daten, die zur damaligen Zeit verfügbar waren. Aber dennoch enthielten sie winzige Ungenauigkeiten. Die Umlaufbahn ist nur fast periodisch oder, wie Mathematiker gern sagen, quasiperiodisch. Sie weicht von einer exakten Ellipse ab, weil die Umlaufbahn eines Planeten nicht allein von der Schwerkraft der Sonne, sondern auch von der Schwerkraft aller anderen in dem System vorhandenen Körper beeinflusst wird. Also machten Wissenschaftler – Mathematiker, Astronomen, Physiker – sich daran, die Umlaufbahnen von mehr als zwei Körpern zu berechnen, deren Anziehungskräfte aufeinander wirken. Da das Zweikörperproblem von Newton gelöst worden war, fuhren die Wissenschaftler mit drei Körpern fort, weil sie annahmen, dass dies weniger schwer zu berechnen war. Man müsste dem System lediglich, so dachten sie, noch ein paar Gleichungen hinzufügen und diese lösen. Aber bald erkannten sie, dass die Sache nicht ganz so einfach war: Das sogenannte Dreikörperproblem konnte nicht exakt gelöst werden.

Als er 55 Jahre alt war, überlegte König Oskar II. von Schweden und Norwegen, ein großer Anhänger der Wissenschaft, wie er seinen 60. Geburtstag feiern sollte, der am 21. Januar 1889 stattfinden würde. Gösta Mittag-Leffler, ein schwedischer Mathematiker, der das Angebot einer außerordentlichen Professur in Berlin abgelehnt hatte, um in seiner Heimat zu bleiben, und der nun ein aufstrebendes Mitglied der wissenschaftlichen Elite Schwedens war, hatte eine Idee: In seiner Jugend hatte der König Kurse an der Universität belegt und sich in Mathematik ganz wacker geschlagen. Später gründete er die mathematische Zeitschrift Acta Mathematica, deren Chefredakteur Mittag-Leffler wurde. Also schlug Mittag-Leffler als angemessene Möglichkeit zur Feier des runden königlichen Geburtstages die Auslobung eines Preises für einen Aufsatz über das n-Körper-Problem vor (n meint hier jede Zahl einschließlich der 3). Mit seinem Vorschlag hoffte er drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Der Preis würde die königliche Wertschätzung der Wissenschaft zum Ausdruck bringen, er würde Skandinavien bekannt machen, und der Wirbel um den Preis würde Mittag-Lefflers eigenes Prestige in der Welt der Mathematik steigern.

König Oskar gefiel die Idee. Wenn schon keine bedeutende mathematische Theorie oder ein physikalisches Grundgesetz mit seinem Namen verbunden würde, dann könnte er wenigstens jemand anderem einen Oscar für dessen Arbeit verleihen. Der Monarch beauftragte Mittag-Leffler mit den Einzelheiten der Organisation des Preises. Er sollte die Statuten ausarbeiten, die Jury auswählen, den Preis bekannt geben und schließlich den Gewinner aussuchen.

Mittag-Leffler, der noch nicht ahnte, wie viel Kopfzerbrechen ihm das Projekt bereiten würde, machte sich mit Schwung an die Arbeit. Zuerst schien alles gut zu laufen. Er konnte zwei der wichtigsten europäischen Mathematiker, seine früheren Lehrer Charles Hermite in Paris und Karl Weierstraß in Berlin, überreden, zusammen mit ihm als Jurymitglieder zu fungieren. Aber nun traten Probleme auf. Die Wahl von Weierstraß kränkte den jähzornigen Leopold Kronecker, Weierstraß’ ewigen Rivalen an der Berliner Universität, zutiefst. Mittag-Leffler wies ihn darauf hin, dass Weierstraß bloß ausgewählt worden sei, weil er der ältere war. Dies beruhigte Kronecker vorübergehend, dennoch ging er Mittag-Leffler während des gesamten Wettbewerbs und in der Zeit danach weiter auf die Nerven, bis er 1891 starb. Ein weiteres Problem war, dass Hermite und Weierstraß, obwohl beide fließend Deutsch und Französisch sprachen, darauf bestanden, in ihrer jeweiligen Muttersprache miteinander zu korrespondieren. Man bat Mittag-Leffler, den Vermittler zu machen und die hin und hergehende Korrespondenz zu übersetzen und weiterzuleiten. Aber dies sollte die geringste seiner Sorgen sein.

Um den Wettbewerb zu erweitern, nahmen die Jurymitglieder drei Problemstellungen auf. Die interessanteste war natürlich das n-KörperProblem. Die von Weierstraß gestellte Frage lautete, leicht umformuliert: »Für ein gegebenes System von n sich untereinander anziehenden Teilchen, die den Newton’schen Bewegungsgesetzen folgen, soll, unter der Annahme, dass es zu keinem Zweierstoß kommt, eine allgemeine Lösung gefunden werden in Form einer Potenzreihe in den Zeit- und Raum-Koordinaten, die für alle Werte der Zeit- und Raum-Koordinaten gleichförmig konvergiert.«

Die Fragen und die Statuten des Wettbewerbs wurden rechtzeitig im Jahr 1885 in den Acta Mathematica und in anderen Publikationen veröffentlicht. Die Einsendungen hatten anonym bis zum 1. Juni 1888 im Redaktionsbüro der Acta Mathematica einzugehen. Kronecker ergriff sofort die Gelegenheit, zuerst eine, dann noch eine der Fragen zu kritisieren. Aber seine kritischen Anmerkungen wurden als die Bedenken eines Nörglers erkannt und nicht ernst genommen. In ganz Europa machten sich Mathematiker an die Arbeit.

Als drei Jahre später der Abgabetermin näher rückte, hatte man zwölf Einsendungen erhalten. Wie in den Statuten vorgeschrieben, waren sie anonym eingereicht worden und nur durch ein Epigraf auf dem Umschlag gekennzeichnet. Ein weiterer Umschlag mit demselben Epigrafen enthielt den Namen und die Adresse des Verfassers und würde bis zum Tag der Preisverleihung verschlossen bleiben. Bis heute ist lediglich die Identität von vier Einsendern bekannt, die anderen Autoren sind nach wie vor anonym. Fünf Aufsätze befassten sich mit dem Dreikörperproblem. Keiner von ihnen enthielt seine Lösung. Aber das 150-seitige Manuskript mit dem Epigrafen nunquam praescriptos transibunt sidera fines (»nichts überschreitet die Grenzen der Sterne«) hatte gewaltige Fortschritte in der Erforschung der Dynamik sich bewegender Körper erzielt. Also entschieden die Mitglieder der Jury, dass der Autor dieses Aufsatzes der Gewinner des Wettbewerbs wäre.

Am Vorabend des königlichen Geburtstages erfolgte im Stockholmer Schloss die Bekanntgabe des Gewinners. Der Umschlag, der den Namen enthielt, wurde mit banger Erwartung vor einer gespannten Menge geladener Gäste geöffnet. »Und der Gewinner des Oscars für das beste Drehbuch heißt … Henri Poincaré für ›Das Problem der drei Körper‹.« Im Gegensatz zu der heutigen Zeremonie dieses Namens gab es kein frenetisches Gekreische und Hurrageschrei, keine Tränen, auch rief niemand mit vor Rührung erstickter Stimme »Danke, Mom!« – es gab bloß höflichen Applaus, während der König das Protokoll unterzeichnete.

Poincaré hatte sich mit dem Problem befasst, indem er es zunächst einmal eingrenzte: Er ging von einem System aus, das aus einem großen Körper (wie der Sonne), einem kleineren Körper (wie der Erde) und einem sehr kleinen Körper (in unserem Sonnensystem symbolisiert durch den Mond) besteht. Aber selbst das »begrenzte Problem«, wie es fortan genannt wurde, erwies sich als verdammt schwierig. Poincaré gelang es, die Umlaufbahnen der drei Körper nur ungefähr als Summen von Zahlenreihen zu beschreiben. Als Antwort auf die Preisfrage, wie sie von Weierstraß gestellt worden war, genügte das. Aber Poincaré ging noch darüber hinaus. Er bewies ganz genau, dass keine analytische Lösung (das heißt keine eleganten Formeln) existiere, welche die Position der Körper zu allen Zeiten beschreiben würde. Überraschend an diesem Ergebnis ist, dass die Positionen der Planeten in unserem Sonnensystem nicht mit absoluter Genauigkeit vorhergesagt werden können.

Trotz dieser schlechten Nachricht erkannte der Graf von Löwenhaupt, Schwedens Botschafter in Paris, Poincaré am 23. März 1889 eine Goldmedaille mit dem Bildnis des Königs und das Preisgeld von 2500 Kronen zu. (Um das Preisgeld ins richtige Verhältnis zu setzen: Mittag-Lefflers Jahresgehalt als Professor in Stockholm betrug 7000 Kronen.) Hermite, der in seiner Eigenschaft als Preisrichter eine Kopie der Medaille, wenngleich in Silber, erhielt, erzählte später, seine Medaille sei bei einer Sitzung der Akademie der Wissenschaften von Hand zu Hand gegangen, und alle seien von ihrer Schönheit beeindruckt gewesen.

Poincaré erkundigte sich, wie er König Oskar angemessen danken könne. Mittag-Leffler, der eine Gelegenheit sah, sein eigenes Prestige zu fordern, riet Poincaré, ein Dankesschreiben zu verfassen, das er persönlich dem König überreichen würde. Er schloss einen deutlichen Hinweis ein, dass Seine Königliche Hoheit hocherfreut wäre, etwas Neues über den Nutzen der Acta Mathematica für die Wissenschaft und die Arbeit der Chefredaktion zu hören. Poincaré tat wie ihm geheißen, vergaß in der Eile allerdings, einen Umschlag für seinen Brief beizulegen. Ein paar Tage später sandte er das fehlende Stück nach.

Die Nachricht von dem Preis sorgte in ganz Europa für Schlagzeilen, und die wissenschaftliche Elite in Frankreich war begeistert. Nicht genug damit, dass Poincaré den Oscar erhielt, ging ein lobende Erwähnung – und eine weitere Goldmedaille – an Paul Appell, ebenfalls Franzose und Professor für Maschinenbau an der Sorbonne. Welch ein Triumph für die Franzosen, nachdem sie den Deutsch-Französischen Krieg verloren hatten! Der Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät schilderte dem Conseil général des universités die Großtat und schloss seinen Vortrag mit den Worten, die Entscheidung der Jury, die Preise zwei Franzosen zuzusprechen, sei ein »neuerlicher Beweis für das hohe Ansehen, das die Arbeit unserer französischen Schule bei den berühmtesten ausländischen Mathematikern genießt«. Die beiden Professoren wurden unverzüglich zu Rittern der Legion d’Honneur gemacht. Sicherheitshalber ließ die französische Regierung Mittag-Leffler die gleiche Ehre zuteil werden.

Das hätte das Ende der Geschichte sein können, und alle Beteiligten hätten sich wieder ihren normalen Geschäften widmen können. Aber die Schwierigkeiten sollten erst anfangen. Ein verärgerter Wissenschaftler, der Astronom Hugo Gyldén, behauptete auf einer Sitzung der Schwedischen Akademie der Wissenschaften, dass er zwei Jahre zuvor dieselben Ergebnisse veröffentlicht habe, die Poincaré nun in seiner Preisschrift vorgelegt habe. Ein anderer Stockholmer Mathematiker, Anders Lindstedt, schaltete sich mit einer ähnlichen Behauptung in den Streit ein. Als König Oskar Wind von dem Vorwurf bekam, verlangte er eine Erklärung. Mittag-Leffler hatte gehofft, bis zu diesem Zeitpunkt einen Bericht von Weierstraß über Poincarés Arbeit in Händen zu halten. Er wäre ihm bei der Verteidigung von Poincarés Arbeit eine große Hilfe gewesen, aber der alte und kränkliche Mann in Berlin war in Verzug. (Auf einer anderen Ebene sei das vielleicht auch ganz gut so gewesen, wie Mittag-Leffler in einem Brief gestand. Der »schreckliche« Kronecker warte doch bloß darauf, den Bericht zu sehen, damit er ihn kritisieren könnte.) Weil er irgendwie nicht mehr weiterwusste, bat Mittag-Leffler Poincaré, ihm eine Antwort zu geben. Poincaré erfüllte die Bitte postwendend.

Poincaré hatte in der Tat großen Respekt vor Gyldéns Arbeit und behauptete, bei ihrer Meinungsverschiedenheit gehe es darum, wie die Konvergenz einer Zahlenreihe definiert werde. Eine Zahlenreihe ist eine unendliche Zahlenfolge wie 1 + 2 + 3 + … Es heißt, sie konvergiert, wenn ihre Einträge eine endliche Summe ergeben. Zum Beispiel 1 + 1/2 +1/4 + 1/8 + ... = 2,0, folglich konvergiert die Reihe. Wenn die Summe gegen unendlich tendiert, da die Anzahl der Glieder zunimmt, heißt es, die Reihe divergiert.

Aber Mathematiker hatten eine andere Vorstellung von Konvergenz als Astronomen. Letztere behaupteten, dass eine Zahlenfolge, deren Einträge schnell an Wert abnähmen, im Endeffekt eine endliche Summe habe. Für Mathematiker war das längst nicht genug. Die Glieder der sogenannten harmonischen Reihe beispielsweise, die als 1 + 1/2 + 1/3 + 1/4 + 1/5 + ... anfängt, werden sehr schnell kleiner. Trotzdem kann bewiesen werden, dass die Summe gegen unendlich tendiert. Und das sehr langsam: Nicht weniger als 178 Millionen Einträge müssen hinzugefügt werden, um die Summe von 20 zu erreichen, aber irgendwann wächst die Summe über alle Grenzen hinaus. Folglich divergiert die harmonische Reihe. Also muss, selbst wenn die Glieder der Reihe so schnell kleiner werden, dass eine Planetenumlaufbahn für sehr, sehr lange Zeiträume – wir sprechen hier von vielen Millionen und Milliarden Jahren – bis zu einer Genauigkeit von mehreren Stellen hinter dem Komma berechnet werden kann, die Konvergenz der Reihe mathematisch bewiesen werden, gerade wenn die Anzahl der Glieder der Reihe gegen unendlich tendiert.

Gyldén und Lindstedt hatten in ihrer Arbeit Zahlenreihen verwendet, um sich den Umlaufbahnen der Körper, die sich umeinander bewegen, anzunähern. Um die Stabilität eines Systems von drei oder mehr Körpern – beispielsweise unseres Sonnensystems – nachzuweisen, ist es entscheidend, herauszufinden, ob die Reihe konvergiert. Wenn sie divergiert, könnte das System explodieren. Gyldén räumte ein, dass die Reihe gelegentlich divergiere, behauptete aber, dass dies nur für eine unendlich kleine Menge an Parametern erfolge. Daher wäre es äußerst unwahrscheinlich, dass die Planeten jemals von ihren elliptischen Umlaufbahnen abkämen. Poincaré andererseits behauptete, dass die Menge an Parametern, die zu Explosionen führten, auch wenn sie klein sei, nicht vernachlässigt werden dürfe. Eine kleine Störung, vielleicht sogar ein Komet, der uns einen Besuch abstatte, könne alles kippen und die Erde aus ihrer regelmäßigen Umlaufbahn um die Sonne entweder in den Weltraum oder in ein schwarzes Loch irgendwo in den Weiten des Universums katapultieren.

Trotz dieses Horrorszenarios stieß Mittag-Leffler einen Seufzer der Erleichterung aus. Zumindest konnte er Poincarés Arbeit in dieser Richtung verteidigen, selbst wenn es bedeutete, dass die Stabilität des Sonnensystems nicht für alle Ewigkeit garantiert war. Aber auch diese Episode war nichts im Vergleich zu dem, was noch kommen sollte.

Wie die Statuten des Preises verlangten, sollte der prämierte Aufsatz in einer der kommenden Ausgaben der Acta Mathematica veröffentlicht werden. Mittag-Leffler beauftragte seinen Assistenten Edvard Phragmén mit der Vorbereitung des Manuskripts für die Publikation. Phragmén war ein ernster junger Mann, und er machte sich mit religiösem Eifer an seine Aufgabe. Er überprüfte jede Gleichung, stellte jede Berechnung noch einmal an. Im Juli 1889, ein halbes Jahr nachdem der Preis verliehen worden war, stieß Phragmén auf einen Punkt, der ihm unklar war. Er berichtete Mittag-Leffler davon und bat Poincaré in einem Brief um Klärung.

Diesmal war Poincaré am Zug. Nicht allzu besorgt, begann er auf die Bitte des Redakteurs hin der Sache nachzugehen. Er war in mathematischen Kreisen bereits als jemand bekannt, der sich nicht immer an die strengen Regeln der Zunft hielt. Wie schon in seiner Kindheit, als ihm Einfälle schneller kamen, als er sie aussprechen konnte, verwandte er auch in seiner mathematischen Arbeit nicht immer ausreichend Zeit auf die Ausarbeitung der Details. Zur Bestürzung seiner Leser übersprang er in einem Beweis manchmal ein paar Schritte.

Um Phragmén zufriedenzustellen, fügte Poincaré erklärende Anmerkungen hinzu, die an den Schluss der Preisschrift angehängt werden sollten. Er führte sie alphabetisch auf; Anmerkung A, Anmerkung B, Anmerkung C etc. Sehr bald schon hatte er Anmerkung I erreicht. Aber während er die umfangreichen Anmerkungen schrieb, wurde ihm nach und nach etwas viel Schlimmeres deutlich. Bei dem Versuch, die schwer verständlichen Punkte zu klären, erkannte er zu seiner größten Bestürzung, dass sein Aufsatz noch einen weiteren Fehler enthielt – allerdings keinen unbedeutenden Schnitzer, sondern einen ernsthaften Defekt. Er hatte nachgewiesen, dass drei Körper in einem Gravitationssystem entweder zu einem Gleichgewicht, zu periodischen Umlaufbahnen oder zu quasiperiodischen Umlaufbahnen tendieren können. Aber eine weitere Möglichkeit hatte er übersehen: chaotische Umlaufbahnen.

Poincaré war am Boden zerstört. Hier stand er, Oscar-Preisträger, Ritter der Ehrenlegion, Liebling der wissenschaftlichen Gemeinschaft, und das alles beruhte auf einem fehlerhaften Aufsatz? Die in seiner Abhandlung enthaltenen bedeutenden Fortschritte, die trotz der Fehler gültig blieben, wären für immer vergessen, die neuen Methoden, die er erfunden hatte, würden nicht beachtet. Alles, was seinen Wissenschaftskollegen und den nachfolgenden Generationen im Gedächtnis bliebe, wären seine Irrtümer und Fehler.

Poincaré machte sich daran, den Aufsatz zu überarbeiten. Monatelang suchte er hektisch, aber erfolglos nach einem einfachen Weg unter Umgehung der fehlerhaften Abschnitte. Allmählich dämmerte ihm das Ausmaß seiner Irrtümer, die er ohne Zweifel begangen hatte. Am 1. Dezember 1889 traf Poincaré eine der wohl schmerzhaftesten Entscheidungen seines Lebens. Er setzte ein Telegramm an Phragmén auf und bat ihn, den Druck zu stoppen. Am selben Tag schickte er einen Brief an Mittag-Leffler, in dein er seine große Not eingestand. Je ne vous dissimulerai pas le chagrin que me cause cette découverte, schrieb er (»Ich will Ihnen den Kummer nicht verhehlen, den diese Entdeckung mir bereitet«).

Es war zu spät. Am 4. Dezember, drei Tage nachdem Poincaré den Brief aufgegeben hatte, informierte Mittag-Leffler ihn postwendend, dass bereits Vorabexemplare an einige ausgewählte Persönlichkeiten verschickt worden seien. Er versuchte zunächst, die schlimme Situation herunterzuspielen, indem er Poincaré zur Geburt seiner Tochter Yvonne nur ein paar Wochen zuvor gratulierte. Er bedauere die ganze Angelegenheit sowohl um Poincarés als auch um seiner selbst willen, schrieb er. Das Aufsehen um den Preis hatte Mittag-Leffler viele Feinde beschert, die überaus zufrieden wären, aus der jüngsten Wendung der Ereignisse einen Skandal zu machen. Ein wenig unaufrichtig fuhr er fort, er halte es »ausschließlich für meinen eigenen Fehler, die Schwachstelle in der Beweisführung nicht entdeckt zu haben«.

Eigentlich hatte er nicht die Absicht, die Schuld auf sich zu nehmen. Ganz im Gegenteil, seine salbungsvolle Bemerkung sollte das genaue Gegenteil andeuten. Natürlich konnte niemand ihn dafür kritisieren, dass ihm ein so verstecktes Detail entgangen war. Aber es war ein bisschen zu offensichtlich. Er strich den Satz wieder aus und schrieb stattdessen, dass er es nicht für schmachvoll erachte, geirrt zu haben, wo jemand von Poincarés Format sich getäuscht habe. Außerdem, so schrieb er, sei er sich sicher, dass Poincaré dieses schwierige Problem eines Tages lösen könne. Vielleicht sollten die freundlichen Bemerkungen die Wirkung der schlechten Neuigkeit abschwächen, vielleicht sollten sie Poincaré ermutigen, weiter an einer verbesserten Fassung zu arbeiten. Denn als Mittag-Leffler es kurz darauf nicht für nötig befand, einen der wichtigsten Beiträger der Acta Mathematica bei Laune zu halten, wurde er sehr viel direkter. In einem Brief an Hermite zwei Tage später äußerte er sich ganz unverblümt: »Der Fehler, den Poincaré gemacht hat, ist schlimm und entscheidend für den ganzen Aufsatz. Es gibt nur wenige Seiten, auf denen er die fehlerhaften Ergebnisse nicht verwendet.«

Sobald der Brief an Poincaré abgegangen war, machte Mittag-Leffler sich an den Versuch der Schadensbegrenzung. Nicht nur sein eigenes Ansehen stand auf dem Spiel. Sowohl Hermite als auch Weierstraß war der Fehler entgangen. Wenn das bekannt würde, wäre ihrer beider Ruf irreparabel beschädigt. Gyldén, einer der Empfänger der Vorabexemplare, würde die Kunde von dem Scheitern nur zu gerne in die Welt hinausposaunen. Kronecker lauerte ebenfalls auf eine solche Gelegenheit. Und was war mit dem König? Solcherart zur Zielscheibe des Spotts gemacht, wäre sein Zorn unerbittlich. Die gesamte Zukunft der Acta Mathematica stand auf dem Spiel. Während er wider alle Vernunft hoffte, dass Poincaré die Sache irgendwie korrigieren könnte, scheute Mittag-Leffler keine Mühe, sämtliche Spuren des Fehlers zu vertuschen.

Er telegrafierte sofort nach Berlin und Paris, um sicherzustellen, dass nicht ein einziges Exemplar der Acta Mathematica den Subskribenten zugestellt würde. Dann überlegte er sich, wie er die Vorabexemplare, die bereits verteilt worden waren, wieder in die Finger bekommen könnte. Es waren nur eine Handvoll Vorabdrucke verschickt worden. Selbstverständlich hatten Hermite und Weierstraß jeder einen bekommen, ein weiterer war bei dem Mathematiker Camille Jordan in Paris. Der Herausgeber der renommierten Mathematischen Annalen hatte ein Exemplar erhalten, ebenso Sophus Lie in Norwegen, der Astronom George Hill in New York, zwei Mathematiker in Italien und ein paar Kollegen in Stockholm. Die problematischsten Empfänger der Vorabdrucke waren Hugo Gyldén und Anders Lindstedt.

Mittag-Leffler beschrieb Poincaré kurz, wie er beabsichtigte, die Vorabexemplare zurückzuholen. Die Operation verlangte viel Geschick. Abgesehen von Hermite, der bereits wusste, was im Gange war, sollte niemandem etwas erzählt werden, außer dass sich ein unbedeutender Fehler in die Druckfassung des Aufsatzes eingeschlichen habe. Mit einiger Erleichterung gestand Mittag-Leffler Poincaré: »Ich bin sehr froh, dass kein Exemplar an Kronecker geschickt wurde. Was die Exemplare betrifft, die Gyldén und Lindstedt erhalten haben, werde ich mein Bestes tun, sie zurückzubekommen, ohne Verdacht zu erregen.« Er schloss seinen Brief mit einem Rat: »Ich denke, diese ganze Geschichte muss unter uns bleiben, bis Ihre Neufassung des Aufsatzes veröffentlicht ist. So werden weder die Wissenschaft noch Sie Schaden nehmen durch diese Angelegenheit, die, davon bin ich überzeugt, auf völlig ehrenwerte Art behandelt worden sein wird.« Nicht alle waren Mittag-Lefflers Meinung.

Anscheinend gaben alle Empfänger ihre Exemplare ohne großes Theater ab, und niemand hatte etwas gemerkt. Das heißt niemand außer Weierstraß. Ihn hatte man über die peinliche Angelegenheit im Dunkeln gelassen. Es mag Mittag-Lefflers aufrichtige Sorge um die Gesundheit des alten Mannes gewesen sein, die ihn davon abgehalten hatte, ihm die Neuigkeit zu erzählen. Aber die Gerüchte erreichten Berlin. Hugo Gyldén war zu Besuch gekommen und erzählte nur zu gern allen, die es hören wollten, was er vermutete. Und Kronecker war ganz Ohr. Als Weierstraß nun von seinen Kollegen auf einen möglichen Fehler in Poincarés Preisschrift angesprochen wurde, befand er sich in einer äußerst misslichen Lage. Niemand wollte seiner Versicherung glauben, dass er nichts davon wisse. Weierstraß war nicht nur frustriert, dass irgendwo ein verborgener Fehler existierte, den er in seiner Funktion als Preisrichter eigentlich hätte entdecken sollen, sondern er hatte auch das Gefühl, dass man ihm Sand in die Augen streute. In dem Telegramm, in dem er gebeten wurde, das Vorabexemplar zurückzuschicken, wurde nur ein kleiner Fehler erwähnt, dessen Korrektur eine kleine Verzögerung im Publikationsplan nach sich zöge. Jetzt wurde ihm klar, dass an der Sache viel mehr dran war, als man ihm verraten hatte.

Weierstraß war verständlicherweise verärgert und schrieb Mittag-Leffler einen ungehaltenen Brief. In seiner aufrechten deutschen Gesinnung sei er bereits voller böser Ahnungen gewesen, als er hörte, dass die veröffentlichte Fassung des Aufsatzes nachträgliche, im Anschluss an die Preisverleihung vorgenommene Änderungen enthalten würde. Jetzt stelle sich heraus, dass, um einen Fehler zu korrigieren, nicht nur erklärende Anmerkungen hinzugefügt werden sollten, sondern eine ganz neue Fassung geschrieben werde. Mittag-Leffler versuchte ihn zu beruhigen. Der Fehler sei bei Weitem nicht so schwerwiegend, wie Gyldén ihn hinzustellen versuche, schrieb er. Genau genommen fände der Astronom aus Stockholm es wahrscheinlich aus purem Eigeninteresse zweckdienlich, das Ausmaß des Fehlers zu übertreiben. Außerdem würde Poincaré seinen Aufsatz, wenn er ihn umschriebe, verständlicher machen, und der Text würde viel gewinnen. Sobald er im Druck erschienen sei, würden nur noch Leute wie Gyldén – der eine Vorliebe für divergierende Reihen entwickelt habe – oder wie Kronecker – der nichts akzeptierte, was nicht aus seiner eigenen Feder stammte – nicht zu seinen Bewunderern zählen.

Weierstraß war keinesfalls beruhigt. Weil nicht gewillt, die Angelegenheit so nachsichtig zu behandeln, wie Mittag-Leffler, Hermite und Poincaré es vorhatten, schickte er ausführliche Beschwerdebriefe nach Stockholm. In Deutschland, so schrieb er, komme es nicht infrage, Änderungen an einer Preisschrift zuzulassen, sobald eine Entscheidung getroffen worden sei. Schließlich sollten spätere Leser die Möglichkeit haben, sich auf der Grundlage exakt desselben Aufsatzes, welcher der Preiskommission vorgelegt worden war, eine eigene Meinung zu bilden. Natürlich sei es sehr schmerzlich für ihn, dass er den Fehler nicht selbst bemerkt habe, fuhr er fort, bevor er sich ein wenig in die eigene Schadensbegrenzung vertiefte. Er wolle nicht davon sprechen, dass er die ganze Zeit krank gewesen sei, schrieb er, erwähnte es dann aber doch. Wichtiger sei, dass niemand von einem Preisrichter verlangen könne, sich für die Wahrheit jeder Aussage in einem so umfangreichen Manuskript zu verbürgen, vor allem, wenn viele Berechnungen gar nicht tatsächlich durchgeführt, sondern nur angedeutet würden. Diese letzte Bemerkung war ein kaum verhüllter Schlag gegen Poincarés ärgerliche Angewohnheit, ganze Teilstücke eines Beweises auszulassen, weil sie ihm selbst klar erschienen. Überdies, schrieb Weierstraß, dürfe niemand es einem Leser verübeln, dass er sich auf die mathematische Kompetenz des Autors verlasse. Außerdem sei das schwierige Ergebnis, das sich nun als unrichtig herausgestellt habe, so verlockend gewesen, dass er, Weierstraß, sich habe aufs Glatteis fuhren lassen. Am ärgerlichsten sei jedoch, dass der Bericht an den König nun zurückgezogen werden müsse. Und so ging es immer weiter und weiter.

Mittag-Leffler hatte wenig Zeit für den mürrischen alten Mann; die wichtigere Säuberungsaktion war in vollem Gange. Bislang hatte jeder seine Erklärung akzeptiert, dass ein kleiner Fehler in den Druckfahnen übersehen worden sei und Poincaré darauf bestehe, ihn zu korrigieren. Aber Gyldéns Exemplar machte ihm Kopfzerbrechen. Zu guter Letzt beschloss er, es persönlich abzuholen. Er war erfolgreich, ließ aber dann in einem Brief an Hermite seiner Enttäuschung freien Lauf. Der Fehler sei schlimm, schrieb er, und Poincaré müsse weit über eine simple Überarbeitung hinaus umfangreiche Änderungen an dem Text vornehmen. Aber das wäre ihm eine gute Lehre. Vielleicht würde er am Ende von seiner Unsitte ablassen, Ergebnisse zu verkünden, deren Beweise er selbst nur sehr unvollständig kenne. Vielleicht würde der Vorfall, sobald er öffentlich bekannt werde, andere veranlassen, seine früheren Arbeiten kritischer unter die Lupe zu nehmen. Poincaré sei gewiss ein Genie, aber diesmal habe er allen zu viel zugemutet. Er sei noch jung – Poincaré war damals 32 Jahre alt –, und er würde sich ändern. Die Mathematik würde davon profitieren, schloss Mittag-Leffler.

Der Erfolg der verdeckten Operation übertraf Mittag-Lefflers Erwartungen. Sämtliche ausstehenden Vorabdrucke, die den fehlerhaften Aufsatz enthielten, waren zurückgegeben worden, und die gesamte Auflage von Band 13 der Acta Mathematica wurde eingestampft. Die einzigen noch vorhandenen Exemplare der Originalauflage sind im Mittag-Leffler-Institut in Djursholm außerhalb Stockholms untergebracht.

Jetzt hing alles von Poincaré ab. Die Arbeit, die zu leisten war, ging weit über eine einfache Revision des Aufsatzes hinaus. Ohne zu wissen, ob er Erfolg haben würde, machte Poincaré sich daran, die neuen Mittel und Methoden zu ersinnen, die erforderlich waren. Nach mehrmonatiger intensiver Arbeit war er fertig. Das neue Manuskript war wirklich bahnbrechend. Es lieferte die ersten Spuren der Chaostheorie, die nur hundert Jahre später so populär werden sollte. Die Möglichkeit der chaotischen Bewegung von Körpern war genau das, was er in der fehlerhaften ersten Fassung des Aufsatzes übersehen hafte. Tatsächlich wurde sie zu einem schicksalhaften Fingerzeig. So ist sie zum Beispiel die Grundlage für den sogenannten Schmetterlingseffekt, demzufolge kleine Ursachen weitreichende Folgen haben können: Ein Schmetterling, der in Texas mit den Flügeln schlägt, könnte in Australien ein Unwetter auslösen.

Das neue Manuskript enthält auch Poincarés berühmtes »Theorem der Wiederkehr«, demzufolge ein energiesparendes System von sich selbst überlassenen Körpern am Ende immer in seine Ursprungsposition (oder eine arbiträr nahe Position) zurückkehrt. Dies bedeutet – zur großen Erleichterung der Menschheit –, dass die Planeten unseres Sonnensystems, selbst wenn sie sich sehr, sehr weit voneinander entfernen, am Ende wieder in ihre ursprüngliche Position zurückkehren, obwohl das extrem lange dauern kann. Im Januar 1890 schickte Poincaré die neue Fassung seines Aufsatzes an Mittag-Leffler. Sie war hundert Seiten länger als die ursprüngliche Abhandlung.

Auf Mittag-Lefflers Drängen hin hatte Poincaré nur eine bissige Bemerkung angefügt: In der Einleitung dankte er Edvard Phragmén, der seine Aufmerksamkeit auf einen point délicat (einen delikaten Punkt) gelenkt habe, wodurch er einen wichtigen Fehler habe entdecken und verbessern können. Damit hatte sich’s. Niemand, der den Aufsatz las, würde irgendetwas Verkehrtes bemerken, und jene, die Bescheid wussten, würden über das wahre Ausmaß der Beinahe-Katastrophe den Mund halten. Wie verlangt, übernahm Poincaré die Druckkosten für den neuen Band 13. Am 1. Juni 1890 schickte er eine Zahlungsanweisung über 3585 Kronen und 65 Öre an Mittag-Leffler. Das waren 1085 Kronen und 65 Öre mehr als das Preisgeld, das er erhalten hatte, aber Poincaré war nur zu gern gefällig.

Insgesamt hatte Mittag-Lefflers Plan wirklich gut funktioniert. Als Band 13 der Acta Mathematica im April 1890 nach über einjähriger Verzögerung gedruckt wurde, erinnerte sich niemand mehr an die Gerüchte über eine fehlerhafte frühe Fassung von Poincarés Aufsatz. Was blieb, war einzig der meisterhafte Aufsatz. Erst viele Jahre später, als Wissenschaftshistoriker das Archiv des Mittag-Leffler-Instituts durchforsteten und die ursprüngliche Fassung mit dem veröffentlichten Aufsatz verglichen, wurde das wahre Ausmaß der Unterschiede entdeckt.

Für Mittag-Leffler war es an der Zeit, eine wohlverdiente Pause einzulegen. Ursprünglich war geplant gewesen, alle vier Jahre eine neue Preisschrift anzukündigen, aber erwartungsgemäß wurden nach diesem Fiasko nie wieder irgendwelche mathematischen Oscars verliehen. Phragmén, der Assistent, der den Stein ins Rollen gebracht hatte, wurde mit tatkräftiger Unterstützung von Mittag-Leffler und Poincaré als Professor an die Stockholmer Universität berufen. Er forschte später über Versicherungsmathematik, wurde Direktor einer Versicherungsgesellschaft und amtierte zehn Jahre lang als Präsident der schwedischen Gesellschaft der Versicherungsmathematiker. Poincaré erarbeitete während der folgenden Jahre weitere Einzelheiten über die Stabilität des Sonnensystems. Die drei Bände seines 1200-Seiten-Werkes Les méthodes nouvelles de la mécanique céleste (»Neue Methoden der Himmelsmechanik«) erschienen nacheinander 1892, 1893 und 1899. Im Jahr 1967 wurde von der NASA eine englische Übersetzung des grundlegenden Werkes veröffentlicht, und das American Institute of Physics gab ein Jahrhundert nach dem Erscheinen des ersten Bandes in Paris einen Neudruck heraus.

Wir wollen in der Aufregung über den Preis und das damit verbundene Trara unser armes Sonnensystem nicht vergessen. Gibt es irgendetwas, worum man sich Sorgen machen müsste? Beide Fassungen von Poincarés Preisschrift ließen die eigentliche Frage, ob das n-Körper-System explodieren könne, offen. Was Poincaré jedoch tatsächlich entdeckte, war der bedenkliche Schmetterlingseffekt, wonach winzige Störungen in einem System gewaltige Konsequenzen haben können. Folglich war es immerhin denkbar, dass die von einem so kleinen Objekt wie einem Raumschiff erzeugten Störungen Planeten in Stücke reißen konnten. Die Frage der ewigen Stabilität des Sonnensystems war nach wie vor offen.

Im Jahr 1912 fand Karl Sundman, ein skandinavischer Mathematiker, eine unendliche Reihe, welche die Umlaufbahn der Körper in einem System beschreibt und doch konvergiert – wenn auch unendlich langsam. Im Jahr 1954 hielt der Russe Andrei Nikolajewitsch Kolmogorow auf dem Kongress der Internationalen Mathematiker-Vereinigung in Amsterdam einen Plenarvortrag über das n-Körper-Problem. Thema war die knifflige Frage, was mit periodischen Umlaufbahnen von Körpern passiert, wenn kleine Perturbationen ihren Kurs stören. Seine Antwort lautete, dass viele gestörte Umlaufbahnen quasiperiodisch werden, dass sie aber nicht explodieren würden. Folglich werde das Sonnensystem, von geringfügigen Schwankungen abgesehen, stabil bleiben. Also kein Grund zur Sorge, wir können ruhig schlafen.

Können wir wirklich? Nun ja, nicht ganz. Am Courant Institute in New York wurde der deutsche Fulbright-Stipendiat Jürgen Moser von einem Redakteur des Mathematical Reviews gebeten, einen Bericht über Kolmogorows Referat zu schreiben. Und genau wie Phragmén 65 Jahre früher wurde auch Moser misstrauisch, als er über eine Passage stolperte, die ihm unklar war. Als er sich genauer mit ihr beschäftigte, hatte er den Eindruck, als sei Kolmogorows zentrale These nicht vollständig bewiesen. Er machte sich daran, die Lücke zu füllen. Sechs lange Jahre beschäftigte Moser sich mit dem Problem, bevor er die Lücke in Kolmogorows Beweis endgültig schließen konnte. Er löste ein Problem der »kleinen Nenner«, mit dem sich schon Poincaré herumgeschlagen hatte, indem er zeigte, dass die Zähler in der Reihe schneller kleiner wurden als die Nenner, und die Reihe folglich konvergiere. Übrigens ist bis heute umstritten, ob Mosers Beitrag tatsächlich nötig war. Es gibt Mathematiker, die behaupten, dass an Kolmogorows Beweis überhaupt nichts gefehlt habe.

Zur selben Zeit, als Moser nach dem fehlenden Teil des Puzzles suchte, nahm einer von Kolmogorows Studenten, Wladimir Igorewitsch Arnold, das n-Körper-Problem aus einem anderen Blickwinkel in Angriff. Während Moser Perturbationen von Umlaufbahnen in Betracht zog, die hinlänglich gleichmäßig waren, untersuchte Arnold Perturbationen, die als Zahlenreihen ausgedrückt werden konnten. Er kam zu dem gleichen Schluss wie Moser. So konnte die Frage bezüglich der Stabilität des Sonnensystem endlich beantwortet werden: Zu unseren Lebzeiten und denen unserer Kinder und Enkel braucht sich niemand Sorgen zu machen. In der nächsten Zeit zumindest werden die Planeten nicht von ihren Umlaufbahnen abweichen. Zu Ehren der drei Mathematiker – Kolmogorow, Arnold und Moser – wurde die neue Theorie nach ihren Initialen benannt: KAM-Theorie. Trotz ihrer beruhigenden Resultate bleibt ein mulmiges Gefühl: Die Stabilität unseres Sonnensystems, das aus neun Planeten besteht, nicht bloß aus dreien, wird von der Wissenschaft nicht gerade garantiert.

Ausgerüstet mit dem Oscar, trat Poincaré aus dem Rampenlicht zurück, um sich wieder der Lehre und Forschung zu widmen. Seine Produktivität war ungeheuer. In nur 35 Jahren veröffentlichte er nicht weniger als 500 Aufsätze, Abhandlungen und Bücher. (Nach allem, was man hört, war Poincaré ein produktiver Schreiber … und ein guter Sohn. Während seiner Studienzeit in Paris schrieb er mehr als 300 Briefe an seine Mutter.) Aber sein Lebenswerk war nicht nur zahlenmäßig gewaltig, sondern auch hinsichtlich der Bereiche, die es umspannte. Poincaré war einer der beiden letzten Mathematiker auf der Welt, die ein umfassendes Verständnis aller existierenden Zweige der Mathematik hatten. Der andere war David Hilbert in Göttingen. Nach dem Ableben dieser beiden Giganten Anfang des 20. Jahrhunderts zersplitterte das Fach in so viele Disziplinen und Unterdisziplinen, dass kein einzelner Mathematiker jemals wieder hoffen konnte, mehr als gerade mal den Stoff seines oder ihres unmittelbaren Spezialgebietes zu begreifen.

An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war es noch möglich, Universalist zu sein, vorausgesetzt, man war ein Genie vom Format Poincarés. Dessen grundlegende Schriften umfassten viele Zweige der Mathematik, Physik und Wissenschaftsphilosophie. Ideen kamen ihm intuitiv. Lösungen für die Probleme, über die er nachdachte, tauchten manchmal aus heiterem Himmel auf, während einer schlaflosen Nacht, nach zu viel schwarzem Kaffee, wenn er Flure abschritt oder in den Bus stieg. Sobald etwas in seinem Kopf halbwegs berechnet war, brachte er es zu Papier. Folglich mangelte es seinem Schreibstil an Genauigkeit. Seine Aufsätze sprudelten vor Hinweisen und Ideen, die nicht immer ausreichend bewiesen waren. Jedes Mal, wenn er eine Abhandlung beendet hatte, war er mit Inhalt und Stil unzufrieden.

Dennoch hat er unzählige Beiträge verfasst. Zu den Arbeiten, die den größten Einfluss auf das Fach hatten, gehören Poincarés sechs Abhandlungen über Analysis situs (»Analysis der Lage«), jenes Fachgebiet, das heute als Topologie bekannt ist. Der Versuch eines geometrischen Ansatzes zur Beschreibung und Klassifizierung der Lösungen algebraischer Gleichungen brachte Poincare vom Umgang mit Zahlen und Formeln ab und führte ihn zur Visualisierung von Kurven und Strömen. Die Algebraische Topologie sollte das Teilgebiet werden, dem er so den Weg ebnete. Ihr wird unser Hauptinteresse gelten.

In der Physik befasste Poincaré sich mit Himmels- und Strömungsmechanik, mit Optik, Elektrizität, Kapillarität, Elastizität, Thermodynamik, Theorien des Lichts und elektromagnetischer Wellen, der Quantentheorie und der speziellen Relativitätstheorie. Poincarés Arbeiten zu letzterem Thema sind von besonderem Interesse. Zur selben Zeit, als der technische Experte dritter Klasse beim Patentamt der schweizerischen Stadt Bern, Albert Einstein, an der speziellen Relativitätstheorie arbeitete, kam Poincaré selbst der Entdeckung dieser Theorie sehr nahe. Wie vielleicht nicht anders zu erwarten, gab und gibt es noch immer einige nationalistisch inspirierte Versuche, die Theorie für Frankreich zu reklamieren. Es besteht jedoch Einigkeit darüber, dass Poincaré es nicht schaffte. Obwohl ihm das erforderliche mathematische Instrumentarium zur Verfügung stand, war er nicht kühn genug, so revolutionär davon Gebrauch zu machen, wie Einstein es tat.

Sein Lehrstil fand nicht überall Anklang. Sein Verstand arbeitete zu schnell, und seine Vorlesungen waren manchmal schlecht vorbereitet, auch mangelte es ihnen an Brillanz. Dass er sich mit einem Kurs anscheinend langweilte, nachdem er ihn einmal gegeben hatte, war auch nicht hilfreich. Weil er dasselbe Thema niemals zweimal anbot und niemals zurückblickte, fehlte seinen Vorträgen der letzte Schliff. Es blieb den Studenten überlassen, seine Vorlesungsskripte zu redigieren und sie als Lehrbücher drucken zu lassen, die sich als sehr erfolgreich erwiesen. Erstaunlicherweise hatte Poincaré nur einen einzigen Doktoranden, Louis Jean-Baptiste Bachelier, dessen Doktorarbeit Théorie de la speculation (»Theorie der Spekulation«) als eines der Grundlagenwerke der Finanztheorie gilt.

Poincaré starb am 17. Juli 1912. Ein erstes Anzeichen, dass mit seiner Gesundheit nicht alles zum Besten stand, war bereits auf dem Internationalen Mathematikerkongress in Rom im Jahr 1908 aufgetaucht. Kurz bevor er seinen Vortrag über die »Zukunft der Mathematik« halten sollte, bekam er plötzlich Prostataprobleme. Der Vortrag wurde von einem Kollegen gehalten, während Poincaré im örtlichen Krankenhaus behandelt wurde. Madame Poincaré eilte nach Rom, um ihren Mann nach Hause zu bringen. Zurück in Paris, nahm Poincaré sein altes Programm bald wieder auf, und weitere vier Jahre war alles normal. Am 9. Juli 1912 jedoch musste er sieh einer Operation unterziehen. Danach schien er sich gut zu erholen, aber acht Tage später führte anscheinend eine Embolie zu seinem plötzlichen Tod. Er war erst 58 Jahre alt.

Poincaré wurden zu Lebzeiten viele Ehrungen zuteil. Der Oscar war bloß die erste und die Ritterschaft in der Legion d’honneur die zweite. Im Jahr 1887 wurde er in die Académie des sciences gewählt, 1906 wurde er ihr Präsident. Zwei Jahre später, 1908, wurde Poincaré Mitglied der Académie française, dem Forum der berühmtesten französischen Schriftsteller und Dichter. Seine Mitgliedschaft in dieser erhabenen Gesellschaft mag man mit einem kleinen Fragezeichen versehen. Obwohl Poincarés Leistungen in der Wissenschaft über jeden Zweifel erhaben sind, ist sein Status als Großliterat, vergleichbar mit einem Racine und Voltaire, fragwürdig. Seine drei bekanntesten philosophischen Werke, La Science et l’hypothese (1901, dt. Wissenschaft und Hypothese, 1914), La Valeur de la science (1905, dt. Der Wert der Wissenschaft, 1910) und Science et méthode (1908, dt. Wissenschaft und Methode, 1914) mögen, obschon von großem Interesse – angeblich wurden sie sogar von Sekretärinnen und anderen Frauen gelesen –, in erster Linie als Vorwand für seine Wahl gedient haben.

Gerüchten zufolge gab es noch einen anderen Grund für seine Wahl in ihre illustren Reihen. Raymond Poincaré, Henris Cousin und von 1912-13 Ministerpräsident und Außenminister sowie von 1913-20 Präsident der französischen Republik, war Kandidat für die Aufnahme in die Akademie. Seine politischen Gegner wollten das verhindern. Überzeugt davon, dass die Statuten der Akademie es nicht zuließen, dass zwei Angehörige derselben Familie Mitglieder wären, schlugen sie vor, Henri zu wählen. Aber sie irrten sich. Solche Statuten existierten nicht, und ein Jahr nach seinem Cousin wurde Raymond ordnungsgemäß gewählt. Einem anderen Gerücht zufolge brauchte die berühmte Wörterbuch-Kommission der Akademie jemanden, der all die neuen Wörter in der Physik und Mathematik ordnete. Da wir gerade von Familie sprechen, Henris Schwager, der Philosoph Émile Boutroux, wurde ebenfalls in die Académie française gewählt, wenn auch erst drei Monate nach Henris Tod.

Abgesehen von den zahlreichen Auszeichnungen, Medaillen und Preisen, die Poincaré zu Lebzeiten verliehen wurden, gibt es in Frankreich und sogar im Weltraum viele Wahrzeichen, die uns an ihn erinnern. Die Universität in seiner Heimatstadt Nancy beispielsweise ist ebenso nach ihm benannt wie eines der bekanntesten Lycées der Stadt. In Paris ehrt die Rue Henri Poincaré im schicken 20. Arrondissement den großen Mathematiker – zugegeben, nach Cousin Raymond wurde eine dreispurige, viermal so lange Avenue benannt, aber er war schließlich Staatspräsident –, sowie der Krater Poincaré in einem zur Zeit noch nicht so angesagten Teil des Mondes. (Der Präsidenten-Cousin hat keinen Krater, immerhin.) Wo wir gerade dabei sind, es gibt auch die Avenue du Recteur Poincaré, zur Erinnerung an Henris anderen Cousin, Lucien, einen bedeutenden Universitäts-Verwaltungsbeamten, und im 13. Arrondissement trägt eine Avenue den Namen seines Schwagers, Emile Boutroux.


Aus George G. Szpiro: Das Poincaré-Abenteuer. Ein mathematisches Welträtsel wird gelöst. Aus dem Englischen von Thomas Bertram. Piper, München 2008, S 48-71, abgedruckt in Denkanstöße 2009, Ein Lesebuch aus Philosophie, Kultur und Wissenschaft, Piper, München 2008, S. 83-104

George G. Szpiro, geboren 1950, studierte Mathematik in Zürch und promovierte, später wandte er sich dem Journalismus zu. Seit 1987 berichtet er von Jerusalem aus für die »Neue Zürcher Zeitung« über Israel sowie über Mathematik und andere wissenschaftliche Themen. Seine monatlich in der »NZZ am Sonntag« erscheinende Kolumne »Gorge Szpiros kleines Einmaleins« wurde 2003 von der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften mit dem Prix Média ausgezeichnet. Neben »Mathematik für Sonntagmorgen« erschienen von ihm »Mathematik für Sonntagnachmittag« und »Das Poincaré-Abenteuer« sowie zuletzt »Mathematischer Cocktail«.

siehe auch:
- Henri Poincaré, n-Körper-Problem (Wikipedia, abgerufen am 06.04.2017)

Der Irrtum von Henri Poincaré {51:45}

mathspacewien
Veröffentlicht am 10.01.2014
Die schönsten Fehler: Der Irrtum von Henri Poincaré Vortrag von Rudolf Taschner in den Hofstallungen des mumok, 8. Jänner 2014