Donnerstag, 3. März 2016

Über den Hass

Am besten fangen wir mit Franz Meyer an. Er ist im Ruhestand und lebt in einer Kleinstadt. Er liest seit Jahren die Webseite und die Zeitung, für die ich arbeite; zu 25 Prozent ist er zufrieden mit uns, zu 75 Prozent nicht. Das gibt er auf seinem Blog als Grobschätzung an. Er hat mit uns ideologische Differenzen. Man könnte sagen: Er arbeitet sich an uns und der Welt ab. Vor allem in unseren Foren im Internet. Wir kennen ihn. Wir bekommen Mails von ihm, wenn wir seine Beiträge löschen, die gegen die Netiquette verstoßen. In den Mails verunglimpft er Mitarbeiter und bloggt nun außerdem über uns.

„Die Süddeutsche Zeitung zensiert in ihrem Online-Forum wie eine totalitäre Macht“, schreibt Franz Meyer auf seiner Startseite in einem gelben Laufband. In einem Text behauptet er: „Die Meinungsbildung der SZ ist überwiegend aus homosexueller Sicht geprägt.“ Gerade daher rühre eine „große Gegnerschaft zu Putin“. Das ist eine größere seiner Thesen, und so geht es weiter.

Weil das Internet jedem eine Bühne bietet – auch wenn Zensurbeklager jammern, sie würden von aller Welt unterdrückt –, wird auf solchen Seiten öffentlich, was früher meistens in der relativen Privatsphäre eines Stammtisches oder einer Werkskantine blieb. Meyers Webseite eröffnet eine Weltsicht, mit der ein urbaner, halbwegs kosmopolitischer Menschenfreund gewöhnlich nicht konfrontiert wird. Wer mit ebenjener Haltung seine Texte durchstöbert, schwankt zwischen Schaudern und einer Faszination, die sich anfühlt, als würde man einer Lawine beim Losbrechen zusehen. In Zeitlupe. Glaubt Franz Meyer wirklich an eine schwule Verschwörung gegen Christen? Meint er seine bayerisch-katholische Hetze gegen protestantische Norddeutsche wie Merkel und Gauck ernst? Fordert er tatsächlich eine Einheitskirche (auch für Atheisten!) und – eine besondere Pointe des Blogs – eine „drastische Zensur der Boulevardpresse hinsichtlich Sensations-, Sex- und Paparazzi-Journalismus“?

mehr:
- Über den Hass (Plöchinger, 03.03.2016)

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