Freitag, 2. Februar 2007

Die Erregungsindustrie infantilisiert

Satyananda (Jörg Andrees Elten) hat mal wieder einen seiner entlarvenden Blicke auf die Welt losgelassen.

Da der Link nicht mehr funktioniert, habe ich den Text eingescannt und hier eingestellt:


der tod eines freundes

Er starb, wie er gelebt hatte
unbeugsam, würdevoll und kein bißchen weise


von Satyananda


• Der Anruf kam gegen Mitternacht. Oliver war am Apparat. „Papi ist vor einer Stunde gestorben!“, sagte er. Oliver ist der Sohn eines meiner besten Freunde 35 Jahre alt, Jungmanager, BMW Sportwagenfahrer, unverheiratet ein flotter Typ. Aber .jetzt hatte er Mühe zu sprechen. „Wir sind alle hei ihm gewesen, haben seine Hände gehalten und ihn umarmt als es so weit war.“ „Ein schöner Tod“, dachte ich und ahnte, daß Fred seinen Abgang genau so sorgfähig organisiert hatte, wie seine zahllosen Reportagen, die er für den stern gemacht hatte.

AUF DEN GOLANHÖHEN
In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war Fred einer der ganz großen internationalen Pressefotografen gewesen. Wir waren auf vielen Reportagereisen rund um den Globus als Team unterwegs. Haben viele Hunderttausende von Meilen im Flugzeug nebeneinander gesessen und uns unsere intimsten Geheimnisse anvertraut. Haben zusammen Triumphe gefeiert und Niederlagen durchgestanden. Haben Blut, Schweiß und Tränen vergossen und unglaublich viel Spaß miteinander gehabt.
Ich erinnere mich gerade, wie wir während des israelisch-arabischen Krieges 1973 auf den Golanhöhen in einen syrischen Tieffliegerangriff gerieten. Mit einem Satz landeten wir in einem Erdloch und zogen die Köpft ein. Fred drückte mit beiden Händen einen Stahlhelm über seine Ohren, den er kurz zuvor einem toten Soldaten abgenommen hatte. Ich hatte keinen Helm, fühlte mich nackt und war auch sonst nicht gut drauf, weil ich kurz zuvor mit Fred Streß gehabt hatte. Jetzt grinste er, während die syrischen Bomber mit heulenden Motoren über uns hinwegfegten und brüllte: „Wenn du vorhin ein bißchen netter zu mir gewesen wärst, würde ich dich jetzt mit unter meinen Stahlhelm lassen!“
Typisch Fred. In jeder Lebenslage hatte er einen unglaublich spontanen Witz. Manchmal, wenn ich stundenlang aus dem Lachen nicht mehr herausgekommen war, flehte ich ihn um Gnade an: „Hör auf, Fred, ich kann nicht mehr!“
Ein paar Tage vor seinem Tod schickte er mir ein Fax. Darin heißt es: „In kritischer gegenseitiger Bewunderung haben wir uns oft liebevoll die Meinung gesagt. Dabei haben wir Schmeicheleien vermieden und trotzdem herzlich gelacht ... Die Traumreisen, die wir damals für den stern unternommen haben, müssen heutigen stern-Mitarbeitern völlig unwirklich erscheinen - wie Fabeln von einem anderen Planeten. Was ist aus dem Magazin ohne unser oft anmaßendes Auftreten geworden? Wenn ich heute in das Verlagshaus komme und am Empfangstresen meinen Namen buchstabieren muß, begreife ich, daß unser Wirken keine bleibenden Schäden hinterlassen hat …“

DIE ZEIT LÄUFT SCHNELLER
Keine bleibenden Schäden hirnerlassen? Eine kryptische Bemerkung. Er wollte damit wohl sagen, daß der stern - dank der Verdienste derjenigen, die dieses Magazin groß gemacht haben - immer noch blüht und gedeiht. Und daß die heutigen Redakteure und Reporter davon profitieren, daß wir damals unsere Sache gut gemacht und „keine bleibenden Schäden“ angerichtet haben. Dankbarkeit darf man freilich unter dem Druck der Geschälte nicht erwarten. Fred - eben noch ein Star und eine Säule des Hauses - ist schon so gut wie vergessen. Nicht nur die Herren am Empfangstresen wissen nicht, wer er ist. Auch die jungen Leute, die das Magazin heute machen. können oder wollen sieh nicht an ihn erinnern. Keine Zeit. Kein Interesse. Die Zeit - so scheint es - läuft in kulturellen Spätzeiten schneller. Wir alle spüren, daß das Tempo ständig zunimmt. Um uns herum krachen alte Strukturen zusammen. Familie, Kirche, Gewerkschaften, traditionelle Firmenkulturen, sogar die parlamentarische Demokratie lösen sich auf. Viele Menschen haben keine Kraft und keine Zeit mehr, sich um Dinge zu kümmern, die nicht ihr unmittelbares Wohlergehen betreffen. Alle halten ihr Geld zusammen und viele gehen schon gar keine festen Bindungen mehr ein, weil sie Angst davor haben, Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen.

WIR FLOGEN ERSTER KLASSE
Der Tod meines Freundes hat mich daran erinnert, wie fundamental sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen im Zeitraum von nur einer Generation verändert haben. Als wir in den 50er Jahren als Journalisten anfingen, gab es überhaupt keine Verträge, keine Arbeitszeitregelungen und keine Rentenansprüche. Wir haben einfach angeheuert und losgelegt. In den 60er Jahren profitierten wir vom Wirtschaftswunder und jubelten unsere Gehälter hoch. Dafür wurde beim stern, wenn es notwendig war, Tag und Nacht durchgearbeitet. Feste Bürozeiten hätten wir als Zumutung empfunden. Wir arbeiteten bis zum Umfallen, aber wenn die Arbeit getan war, stürzten wir uns ins Vergnügen und relaxten.
Geld spielte keine Rolle, jedenfalls nicht, wenn es darum ging, eine gute Story ins Blatt zu bringen. Wir flogen 1. Klasse, wohnten in den teuersten Hotels, heuerten vor Ort Dolmetscher und Mitarbeiter an, bewirteten Minister und Magnaten und mieteten Hubschrauber ohne Rückfrage in der Zentrale. Bei aktuellen Ereignissen mußten wir manchmal unter Konkurrenzdruck Schnellschüsse abliefern. Aber im Übrigen konnten wir uns für jede Story die Zeit nehmen, die für eine sorgfältige Arbeit notwendig war. 1977 z.B. drei Wochen für die erste Geschichte über den Ashram von Poona. Heutzutage haben Reporter für so eine Story nur noch ein paar Tage Zeit. Statt in der 1. Klasse müssen sie, wenn es irgendwie geht, in billigen Charterfliegern reisen. Keiner wagt es aufzumucken. Mehr als 8.000 Journalisten sind in Deutschland arbeitslos - darunter Hunderte von hoch qualifizierten Leuten. In den Redaktionsstuben herrscht Duckmäuserei und Anpassung. Immer mehr Journalisten verinnerlichen die Meinung der Chefredaktion so total, daß sie sie für ihre eigene halten. Dabei haben doch auch die meisten Chefredakteure schon keine eigene Meinung mehr. Sie tun, denken und sagen, was die Eigner ihrer Zeitung, ihres Magazins oder ihres Senders von ihnen erwarten. Das fällt ihnen überhaupt nicht schwer, denn inzwischen gehören sie selbst zum Establishment. Wohnen in den gleichen Villenvororten wie die Macher aus Politik und Wirtschaft. Schicken ihre Kinder auf teure Schulen, speisen in den Schlemmerlokalen der Reichen und Mächtigen.
Redaktionelle Unabhängigkeit ist nur noch eine schöne Erinnerung. Beim stern war das damals anders. Ich erinnere mich an eine Redaktionskonferenz, als plötzlich die Tür zaghaft geöffnet wurde und Dr. Bucerius, der Besitzer des stern, seine Nase durch den Spalt schob. Unser Chefredakteur, Herrn Nannen, wedelte abwehrend mit der Hand und sagte: „Buci, wir können Sie jetzt nicht gebrauchen. Lassen Sie uns mal in Ruhe Geld für Sie verdienen!“ Und der Inhaber des stern zog sich glücklich lächelnd zurück. Heute gehört der „Stern“ dem drittgrößten Medienkonzern der Welt, der Chefredakteure auswechselt, als wären sie Leiter einer Aldi-Filiale.

DER DRUCK WÄCHST
Wie in der gesamten Industrie geht es nun auch in den Medien nur noch um die Rendite. Überall fliegen Leute raus, und oft wird die Arbeit, die sie bisher gemacht haben, denjenigen aufgehalst, die noch nicht rausgeflogen sind. Der Druck wächst ständig, und langsam driftet die Gesellschaft auf den kollektiven Wahnsinn zu. Am 14. April dieses Jahres schrieb DIE ZEIT: „Rund acht Millionen Deutsche leiden an Depressionen und Ängsten, die oft psychosomatische Erkrankungen zur Folge haben. Vier von zehn Krankheitsaufhalten haben psychische Ursachen. Damit hat sich der Anteil der psychischen Erkrankungen seit 1990 mehr als verdoppelt. Die wahren Zahlen dürften noch höher liegen ... Deutsche Hausärzte schätzen, daß jeder dritte Patient in ihren Wartezimmern wegen seelischer Störungen sitzt. Am alarmierendsten sind die Zahlen bei jungen Frauen zwischen 20 und 24 Jahren. Bei ihnen stiegen die psychischen Erkrankungen laut der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) von 1997 bis 2002 um 90 Prozent!“
Zwei Tage vor seinem Tod hatte mich Fred zum letzten Mal angerufen. Die Sonne schien. Ich saß im Garten und las, als das Telefon klingelte. Fred sprach leise, fast tonlos. „Das Leben macht keinen Spaß mehr“, sagte er. „Was ist los?“, fragte ich. Und er sagte: „Mein Gedächtnis - Mittags weiß ich nicht mehr, was ich am Vormittag gemacht habe. Das ist keine Lebensqualität mehr. Verstehst du?“
„Hör mal“, sagte ich, „es ist doch gar nicht wichtig, ob du dich erinnerst. Du warst dein ganzes Leben lang unglaublich aktiv und erfolgreich. Jetzt darfst du dich einfach mit einer Decke um den Bauch in den Garten setzen und in die Sonne blinzeln. Wer sich nicht erinnert, der lebt im Hier und Jetzt. Das ist doch schon die halbe Erleuchtung!“

KEIN BIßCHEN WEISE
Aber er war nicht der Typ, der die Dinge an sich herankommen ließ. Er war ein Kämpfer. Er wollte die Kontrolle behalten - bis zum Schluß. Hingabe an das Unvermeidliche war nicht seine Sache. So konnte er nicht sehen, daß die Zeit der zunehmenden Altersgebrechlichkeit auch eine große Chance birgt. Sanft kann der alle Mensch seine Identifikation mit dem Körper auflösen und sich mit dem Bewußtsein, seinem eigentlichen Sein verbinden. Das ist der Weg vom gewöhnlichen Sterblichen zum Weisen.

Mein Freund Fred starb so, wie er gelebt hatte: unbeugsam, würdevoll - und kein
bißchen weise.

www.hierjetzt.de


aus der Osho-Times, Mitte 2005



Die Frage ist ja immer: Hat sich was verändert oder ist in Wirklichkeit alles gleich geblieben. Vielleicht komme ich ja allmählich in das Alter, in welchem einem die Vergangenheit in etwas verklärtem Licht goldiger erscheint als sie in Wirklichkeit war. Aber ich glaube, es hat sich wirklich was verändert. Das Hinsehen ist schwieriger geworden. Unter anderem, weil unsere Möglichkeiten, irgendwo anders hinzugehen, größer geworden sind. Die Zunahme der Möglichkeiten bezieht sich sowohl auf das Außen als auch auf das Innen. Außen können wir leichter weg, und durch das riesige Medienangebot ist es viel leichter, mit der Taschenlampe unserer Aufmerksamkeit irgendwo anders hinzugehen.

Sloterdijk nennt die Medien Erregungsindustrie. Sie erfüllt die Bedürfnisse des zahlenden Publikums. Was mich noch als Student den Kopf hat schütteln lassen: Warum lesen die alle die Bild-Zeitung? wandelt sich in die ernüchternde Erkenntnis, daß nur Bedürfnisse befriedigt werden können, die da sind. Die Bedürfnisbefriedigung ist einfacher geworden, auch die Ersatzbedürfnisbefriedigung ist einfacher geworden. Die Pizza kann ich mir mal grad um die Ecke holen, und wenn’s mit der Phantasie mal nicht so läuft, die Wichsvorlagen kann ich mir auch mal grad besorgen. Alles mögliche gibt’s, wozu anstrengen?


Und weil das Verhältnis von Anstrengung und Befriedigung sich verschoben hat, stehen wir einer zunehmenden Entwertung gegenüber. Wert ist, was wert ist, daß ich mich drum kümmere, daß es wird. Und Wollen ist das Maß an Energie, die ich reinstecke, daß etwas wird. Und so wird Jim Morrisons Wunsch »We don’t want just one bread, we want the whole bakery, and that now!« zum Fanal der heutigen Zeit.

Alles soll light, Du darfst, easy und instant sein: Zeichen einer zunehmenden Infantilisierung, in der Rückschläge und Durststrecken zunehmend inakzeptabel werden. Einerseits sehen sich die Medien zunehmend unter Druck, die Realität mit nicht mehr als drei Sätzen zu beschreiben, andererseits verdienen sie an der uns vermittelten Illusion, dies sei möglich. Und wir sind diejenigen, die unserem Trance-Bedürfnis nachgeben: Sei es Barbara Salesch, Deutschland sucht den Superstar (Dieter Bohlen soll angeblich der Meinung sein, in der Musikindustrie tummelten sich immer mehr Bekloppte) oder solche Leichenfledderer wie Stefan Raab, die zu nichts anderem imstande sind, als sich auf Geschaffenes draufzusetzen, es bis zum Gehtnichtmehr auszumelken und andere runterzumachen.

Unser Bedürfnis, gesehen zu werden, wird über das Ersatzbedürfnis, berührt zu werden, durch die Erregungsindustrie ersatzbefriedigt. Die Schaukel von Erregung und Befriedigung ist in vollem Gange. Berühren und Berührt-Werden ist angesagt. Wunderbare Ablenkung von unserer inneren Leere. Die voyeuristische Befriedigung am Drama des Anderen lenkt vom eigenen Drama der Katze, die um die heiße Leere herumtanzt, ab. Berührung statt Begegnung. Warum anstrengen, wenn’s auch einfach geht? Es sind immer unsere Bedürfnisse, die befriedigt werden. Und wir sind es immer, die die Zeche zahlen, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen.

Kindern in Kindermärchenfilmen einen Kanzler zu präsentieren, der von Eisendornen aufgespießt wird, und nachher Krokodilstränen weinen, weil irgendein chancenloser Schüler Amok läuft, sind die beiden Seiten unserer Zeitgeistmedaille. Die Technik des medialen Berührens wird immer ausgefeilter. Aus immer mehr Ecken werden wir von immer mehr und scheinbar immer größeren Sensationen angesprungen. Noch nicht mal eine Zapfpistole oder ein Supermarktwägelchen kann man heutzutage in die Hand nehmen, ohne sich mit einem Angebot konfontiert zu sehen. Kein Wunder, wenn wir in Kürze gezwungen werden, auch tagsüber mit eingeschaltetem Licht zu fahren, es paßt keiner mehr richtig auf, wie auch!

Die schleichende Infantilisierung läuft auf Hochtouren, und wir werden die Rechnung zu bezahlen haben, das wird sich nicht ändern. Die Techniken, mit denen uns weisgemacht wird, wir brauchten nicht oder weniger oder später zu bezahlen, werden sich verfeinern mit Hilfe noch subtilerer, noch grellerer oder lauterer oder intensiverer Sinnesbombardierung, aber an der grundsätzlichen Wahrheit wird sich nichts ändern. Diesem unseligen Trend können wir nur als Einzelner begegnen, indem wir uns immer wieder zurücknehmen, das wirklich Notwendige zu erkennen suchen. Wir müssen herausfinden, wo wir dem Einfachen huldigen sollten und wo wir auf das Angebot der Einfachheit hereinfallen, wo wir mit unserer Naivität hereinfallen und wo wir sie schätzen sollten. Wir sollten immer wieder herauszufinden versuchen, einen Überblick zu gewinnen und zu sehen, wo wir stehen anstatt uns das Unangenehme durch Ablenkung zu ersparen.

Nicht nachdenken, sonst wird’s einem übel 1

Neue Klimastudie aus Großbritannien

Wenn weiter nichts gegen den Klimawandel getan wird, stürzt die Welt in die schwerste Rezession der neueren Geschichte, die mehr kosten wird als beide Weltkriege zusammen, weite Teile der Welt unbewohnbar und Hunderte Millionen Menschen zu Flüchtlingen machen wird. Aber ein entschlossenes globales Aktions- und Investitionsprogramm könnte diese Kosten dramatisch reduzieren. Dies ist die Essenz eines am 30. Oktober in London veröffentlichten und mit Spannung erwarteten 700-Seiten Berichts über die wirtschaftlichen Aspekte des Klimawandels.

Der Autor, Sir Nicholas Stern, argumentiert, daß die katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels für einen Bruchteil der genannten Kosten, etwa ein Prozent des globalen Bruttosozialprodukts, vermieden werden können. Ein solches Programm könnte sogar neue Wachstumsanreize bieten. Politisch brisant ist, daß Sterns Bericht das zentrale Argument der amerikanischen Regierung gegen eine Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls auf den Kopf stellt. US-Präsident George Bush geht bisher davon aus, daß Klimapolitik die Wirtschaft schädigt und internationale Klimavereinbarungen eine Verschwörung gegen die amerikanische Wirtschaftsmacht sind.

Der Bericht wurde im Juli 2005 vom britischen Schatzkanzler Gordon Brown bei Sir Nicholas Stern in Auftrag gegeben, einem früheren Wirtschaftsprofessor, Weltbank-Ökonomen und seit 2003 Berater im britischen Schatzkanzleramt. Er gilt schon jetzt als die umfassendste Wirtschaftsstudie zum Klimawandel.

Der Bericht gibt zwei alternative Szenarien: eine rasche globale Offensive gegen steigende Umweltverschmutzung, die rund 350 Milliarden Dollar kosten würde – oder eine katastrophale Rezession und Kosten von knapp sieben Billionen Dollar.

(www.hm treasury.gov.uk, 31.10.2006)
zitiert nach IPPNW-forum 102, 2006


Nicht nachdenken, sonst wird’s einem übel 2

Störfall in Forsmark hätte beinahe zum GAU geführt

Stockholm – Bei dem Störfall im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark wäre es Medienberichten zufolge unter Berufung auf einen internen Bericht der deutschen Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) beinahe zu einer Katastrophe gekommen. Bei dem Störfall am 25. Juli 2006 hätten nach einem Stromdefekt die Notfallmaßnahmen nur mangelhaft gegriffen. Die Kühlflüssigkeit sank den Berichten zufolge bedrohlich ab und stabilisierte sich erst 1,90 m oberhalb des radioaktiven Kerns. Die Belegschaft habe bereits Vorkehrungen für das Öffnen von Ventilen getroffen, um bei einer Kernschmelze den Druck aus dem Reaktor zu lassen. Nur das Anspringen von zwei der insgesamt vier Notstromaggregate habe einen GAU verhindert.

Laut GRS-Bericht hätte ohne die Stabilisierung der obere Tell des Kerns 18 Minuten später freigelegen. Sowohl der schwedische Betreiber Vattenfall als auch das deutsche Kernforschungszentrum in Garching hätten mehrfach am Computer versucht, den Störfall nachzuvollzieben ohne der Ursache auf den Grund zu kommen. Unklar sei zudem, warum zwei der vier Notstromaggregate plötzlich wieder angesprungen seien, die andern zwei aber nicht. Die Unsicherheit sei deshalb besorgniserregend, da im deutschen Brunsbüttel ein Atomkraftwerk gleicher Bauart stehe und ein ähnlicher Störfall nicht auszuschließen sei.

Mitte November ist es zu einem weiteren Zwischenfall in einem Vattenfall Atomreaktor gekommen: Nach einem Brand im größten schwedischen Atomreaktor Ringhals auf der Värö-HalbinseL ca. 60 km südlich von Göteborg mußten beide Haupttransformatoren abgeschaltet werden. Der schwedische Energiekonzern Vattenfall hat indessen Berichte über eine knapp vermiedene Kernschmelze im Atomkraft Forsmark zurückgewiesen. Eine solche Gefahr habe niemals bestanden, sagte ein Unternehmenssprecher.

(IWR, Internationales Wirtschaftsforum Regenerative Energien, 21.11.2006)
zitiert nach IPPNW-forum 1002/2006

Freitag, 26. Januar 2007

Eine kurze Geschichte vom Urknall, 4. und letzter Teil

Ich sollte sagen: Bisher ist alles genau richtig. Auf lange Sicht könnte sich die Gravitation als ein wenig zu stark erweisen, und eines Tages bringt sie die Ausdehnung des Universums vielleicht zum Stillstand, sodaß es in sich zusammenbricht und zu einer neuen Singularität zusammengedrängt wird möglicherweise beginnt dann das Ganze wieder von vorn. Andererseits könnte sie aber auch zu schwach sein, sodaß das Universum für alle Zeiten auseinander strebt, bis alles so weit voneinander entfernt ist, daß keine Aussichten auf Materie Wechselwirkungen mehr bestehen. Dann wird das Universum zu etwas Trägern und Totem, das aber sehr geräumig ist. Die dritte Möglichkeit besteht darin, daß die Gravitation tatsächlich genau richtig ist – die Kosmologen sprechen von der »kritischen Dichte« – und das Universum in den richtigen Abmessungen zusammenhält, sodaß alles unendlich weiterlaufen kann. In lockeren Momenten bezeichnen die Kosmologen so etwas manchmal als Goldilock-Effekt: Alles ist genau richtig. (Nur der Vollständigkeit halber: Diese drei Möglichkeiten werden geschlossenes, offenes und flaches Universum genannt.)

Jetzt kommt die Frage, die wir uns alle schon irgendwann einmal gestellt haben: Was geschieht, wenn wir zum Rand des Universums reisen und dort den Kopf durch den Vorhang stecken? Wo wäre der Kopf, wenn er sich nicht mehr im Universum befindet? Was ist dahinter? Die enttäuschende Antwort lautet: Man gelangt nie an den Rand des Universums. Nicht weil es zu lange dauern würde – das natürlich auch –, sondern weil man nie eine Außengrenze erreicht, selbst wenn man sich hartnäckig und unendlich lange in gerader Richtung fortbewegt. Stattdessen wäre man irgendwann wieder am Ausgangspunkt (und dort würde man wahrscheinlich die Lust verlieren und aufgeben). Der Grund: Das Universum ist in Übereinstimmung mit Einsteins Relativitätstheorie (auf die wir zu gegebener Zeit noch zurückkommen werden) gekrümmt, und zwar auf eine Weise, die wir uns nicht richtig vorstellen können. Vorerst reicht die Erkenntnis, daß wir nicht in einer großen, sich ständig ausweitenden Blase schweben. Der Raum ist vielmehr gekrümmt, und zwar so, daß er zwar endlich, aber grenzenlos ist. Eigentlich kann man nicht einmal behaupten, daß der Raum sich ausdehnt, denn wie der Physiker und Nobelpreisträger Steven Weinberg richtig anmerkt, expandieren weder Sonnensysteme und Galaxien noch der Raum selbst. Stattdessen entfernen die Galaxien sich voneinander. Das alles ist für unsere Vorstellungskraft eine echte Herausforderung. Oder, in einer berühmten Formulierung des Biologen J. B. S. Haldane: »Das Universum ist nicht nur merkwürdiger, als wir annehmen; es ist merkwürdiger, als wir überhaupt annehmen können.«

Wenn man die Krümmung des Raumes erklären will, stellt man sich zum Vergleich in der Regel ein Wesen aus einem Universum mit flachen Oberflächen vor, das nie eine Kugel gesehen hat und dann auf die Erde gebracht wird. Ganz gleich, wie weit es über die Oberfläche des Planeten streift, es wird nie einen Rand finden. Schließlich ist es wieder am Ausgangspunkt und kann sich natürlich überhaupt nicht erklären, wie so etwas möglich ist. In der gleichen Lage wie unser verblüffter Flachländer sind auch wir, nur werden wir in einer höheren Dimension an der Nase herumgeführt.

Genau wie man nirgendwo einen Rand des Universums finden kann, so gibt es auch keinen Ort, an dem man sich in die Mitte stellen und sagen könnte: »Hier hat alles angefangen. Hier ist der Mittelpunkt von allem. Wir sind alle im Mittelpunkt von allem. Eigentlich wissen wir noch nicht einmal das ganz genau; mathematisch läßt es sich nicht beweisen. Die Wissenschaftler nehmen einfach an, daß wir nicht der Mittelpunkt des Universums sein können – man denke nur daran, welche Folgerungen sich daraus ergeben würden –, sondern daß alle Beobachter an allen Orten das gleiche Phänomen erleben würden. Aber letztlich wissen wir es nicht.

Für uns reicht das Universum so weit, wie das Licht in den Jahrmilliarden seit seiner Entstehung gewandert ist. Dieses sichtbare Universum – das Universum, das wir kennen und über das wir reden können – hat einen Durchmesser von 1,6 Millionen Millionen Millionen Millionen (1600.000.000.000.000.000.000.000) Kilometern. [Langsam mag ich nicht mehr: Dazu sagt man 1 Quatrillion, 600 Trilliarden.] Aber nach den meisten Theorien ist das gesamte Universum – das Meta-Universum, wie es manchmal genannt wird – noch bei weitem geräumiger. Die Zahl der Lichtjahre bis zum Rand dieses größeren, unsichtbaren Universums, so Rees, hat dann »nicht zehn und auch nicht hundert Nullen, sondern viele Millionen«. Kurz gesagt existiert mehr Raum, als man sich vorstellen kann, auch wenn man nicht die Mühe auf sich nimmt, sich ein zusätzliches Dahinter auszumalen.

Die Urknalltheorie hatte lange Zeit eine große Lücke, über die sich viele Fachleute Sorgen machten: Sie konnte nicht einmal ansatzweise erklären, wie wir entstanden sind. Zwar wurden 98 Prozent aller vorhandenen Materie mit dem Urknall erschaffen, aber diese Materie bestand ausschließlich aus leichten Gasen: dem Helium, Wasserstoff und Lithium, von denen bereits die Rede war. Aus dem Gasgebräu der Schöpfung ging kein einziges Teilchen der schwereren Substanzen hervor, die für unser eigenes Dasein so unentbehrlich sind – Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff und so weiter. Andererseits aber – und das ist das Beunruhigende – braucht man die Wärme und Energie eines Urknalls, damit sich diese schweren Elemente bilden. Aber es gab nur einen Urknall, und bei dem entstanden sie nicht. Woher also kommen sie?

Der Mann, der die Antwort auf diese Frage fand, war interessanterweise ein Kosmologe, der die Urknalltheorie von ganzem Herzen ablehnte. Er prägte sogar den Begriff »Big Bang« ursprünglich als Ironie, mit der er sich darüber lustig machen wollte. […]

aus Bill Bryson, Eine kurze Geschichte von fast allem

nach soviel Text hat man vielleicht Lust auf ein paar Bilder: dann zu Telepolis

Besser als jeder Computer

Amazing Discoveries ist eine Werbe-/Verkaufssendung aus dem amerikanischen Fernsehen:

Hallo, ich bin Mike und ich begrüße sie alle zu einer neuen Folge von Amazing Discoveries. Heute haben wir einen Gast extra aus England zu uns einfliegen lassen, John, und John hat uns etwas mitgebracht. Willkommen John!

Danke Mike.

Was hast du mitgebracht, John?

Nun Mike, ich hab hier etwas ganz besonderes. Etwas, worauf die ganze Welt gewartet hat.

Unglaublich, sag uns schnell was es ist...

Ich hab hier ein weisses viereckiges Material und ein Stöckchen. Sie werden sich jetzt fragen, "was ist das nun schon wieder?" Ja, wir sind schon ganz gespannt John. Spann uns nicht länger auf die Folter …

Nun Mike, wenn ich dieses Stöckchen über das weiße Material bewege, dann verfärbt sich dieses genau an jenen Stellen, wo das Stöckchen das weiße Material berührt hat.

Das ist ja unglaublich …

Ja, aber das ist noch nicht alles Mike. Wenn ich mit dem Stöckchen, das man übrigens einen Bleistift nennt, einen Buchstaben, so einen wie man ihn normalerweise auf seinen Computerbildschirm sieht, auf das Material zeichne –

Unglaublich, langsam begreife ich es. Also wenn man mehrere Buchstaben nebeneinander zeichnet, dann kann man sogar lesen, ohne einen Bildschirm zu benötigen. Das ist tatsächlich so Mike, du begreifst es. Das Material nennt man übrigens Papier. Unglaublich. Also wenn das keine Amazing Discovery ist …

Und man benötigt dafür überhaupt keinen Strom? Nein, nein Mike, fantastisch, nicht? Man braucht selbst keine Batterien oder Akkus.

Junge, Junge das ist ja unglaublich. Ha John, du hast es zugeklappt. Das kann ich mit meinem Notebook auch.

Nein Mike, das ist anders, du kannst es so oft falten, wie du willst, bis es das gewünschte Maß hat.

Hey, du hörst ja gar nicht mehr auf zu falten und es wird immer kleiner und kleiner. Jetzt passt es sogar in meine Brieftasche. Das ist ja unglaublich, jetzt kann ich es immer bei mir tragen. Darf ich es mal festhalten?

Aber natürlich Mike. Hier halt mal.

Das ist ja unglaublich John, es wiegt beinah nichts.

Das stimmt Mike. Es ist 100 mal leichter als das kleinste Notebook. Kein Akku, 100 mal leichter, unglaublich, ich träume.

Nein, nein Mike, du träumst nicht. Ich kneif dir mal eben in den Arm. Kleiner Scherz Mike … ha, ha, ha … schau ich entfalte es wieder und … pass jetzt gut auf …

Aber John, was tust du jetzt??? Nein, das geht doch nicht du zerreißt das Papier in zwei Teile.

Dieses Material ist so fantastisch, schau Mike. Ich halte die zwei Teile aneinander und man kann es immer noch lesen. Unglaublich, das sollte man mal mit einer Diskette probieren, ha ha ha.

Aber was tust du jetzt? Nein, tu's nicht!!! Nicht darauf herumtrampeln.

Keine Panik Mike, schau mal...

Unglaublich, und man kann es immer noch lesen! Stellt euch vor Leute, wenn ihr so auf euren Monitor herumtrampeln würdet...

Unglaublich, was für eine Amazing Discovery! Aber sag mal John, wie lange kann man das Papier aufbewahren?

Nun, viel länger als eine Diskette oder eine Festplatte, deren magnetische Eigenschaften auf die Dauer abnehmen.

Unglaublich …

Aber das ist noch nicht alles!

Nee?

Du kannst es überall hin mitnehmen, du kannst es sowohl bei hohen als auch bei niedrigen Temperaturen benutzen. Und wenn du es nicht mehr benötigst, kannst du noch immer deine Nase damit putzen oder auf dem WC …, du verstehst was ich meine, Mike.

Ja John, unglaublich … Sag mal, aber das würde bedeuten, dass wir eines Tages überhaupt keine Computer und Notebooks mehr brauchen. Also John, du hast mich voll überzeugt … Nun sagt mal Leute, ist das nicht fantastisch???

Habe ich glaube ich, von Konfusius, Danke!

Spam-Glück

Am Ende des Jahres und Anfang eines neuen ist es Zeit für ein paar Dankesworte:
Ich möchte allen jenen danken, welche mir während des ganzen Jahres Spams und Kettenmails zugesendet haben. Dank deren Wohlwollen habe ich folgendes erlebt:

1. Ich las 50 Mal, dass Hotmail alle meine Konten löschen wird.
2. Ich werde zirka 3000 Jahre Unglück haben und bin bereits 67 Mal gestorben, weil ich nicht alle Mails weitergeleitet habe
3. Ich habe sämtliche Ersparnisse auf das Konto von Amy Bruce überwiesen. Ein kleines, armes Mädchen, welches bereits mehr als 120 Mal schwerkrank im Spital lag. (Es ist seltsam, aber dieses kleine Mädchen ist seit 1995 immer 8 Jahre alt...)
4. Mein gratis GSM Nokia ist leider nie angekommen. Ich schiebe es einfach mal auf de Post.
5. Ich habe, um nie mehr einsam zu sein und die ewige Liebe zu finden das Rezept befolgt, den Vornamen einer Person auf ein Papier zu schreiben und ganz fest an sie zu denken. Dummerweise werde ich nun alle möglichen Leute nicht mehr los
6. Ich habe mindestens 25 Bände über die Weisheiten des Dalai Lama gelesen, was mir mindestens 4690 Jahre Glück und Gesundheit garantiert
7. Nicht zu vergessen, die 50 Male während denen ich meinen Bildschirm Tag und Nacht nach dieser berühmten Nachricht absuchen musste, welche den gefährlichen Virus enthalten sollte, bei dem sogar Microsoft, Mac Affee, Norton Systemantic etc. unfähig waren, ihn aufzuspüren und zu neutralisieren … und welcher in der Lage wäre meine Harddisk zu zerstören, die Stereoanlage, den Fernseher, den Staubsauger und die Kaffeemaschine zu pulverisieren
8. Darüber hinaus habe ich festgestellt, dass afrikanische Diktatoren mindestens 4000 Nachkommen haben, die merkwürdigerweise alle in Nigeria leben und alle hinter dem gleichen Geld- oder Goldschatz her sind, den sie nur mit meiner finanziellen Unterstützung heben können.
aus dem Newsletter der Milton-Erickson-Gesellschaft

Tradition


Jeden Abend wenn der Meister sich mit seinen Schülern zur Andacht niederließ, pflegte die Katze im Ashram herumzustreunen und die Beter abzulenken. Also ließ er die Katze während des Abendgebets anbinden. Irgendwann starb der Meister, und noch lange nach seinem Tod wurde die Katze stets während des Abendgebets angebunden.
Und als die Katze starb wurde eine andere Katze gekauft, damit man sie ordnungsgemäß abends während des Gebetes anbinden konnte. Jahrhunderte später gab es schriftlich verfasste Abhandlungen darüber, wie wichtig eine ordentlich angebundene Katze für eine Gebetsstätte ist, und welcher tiefere Sinn in dem ordentlichen Anbinden einer Katze liegt.

aus dem Newsletter der Milton-Erickson-Gesellschaft

Donnerstag, 25. Januar 2007

Eine kurze Geschichte vom Urknall, Teil 3

Aus unserer Sicht ist besonders bemerkenswert, wie sich für uns alles zum Guten gewendet hat. Hätte das Universum bei seiner Entstehung nur ein kleines bisschen anders ausgesehen – wäre die Schwerkraft geringfügig stärker oder schwächer gewesen oder wäre die Ausdehnung nur ein wenig schneller oder langsamer vonstatten gegangen –, dann hätte es wahrscheinlich nie stabile Elemente gegeben, die dich und mich und die Erde, auf der wir stehen, hätten bilden können. Bei einer geringfügig stärkeren Gravitation wäre wahrscheinlich das ganze Universum wie ein schlecht aufgestelltes Zelt in sich zusammengebrochen, und ohne genau die richtigen Werte hätte es weder die richtigen Dimensionen und Bestandteile noch die richtige Dichte gehabt.

Bei einer schwächeren Gravitation dagegen hätte sich nichts zusammenfinden können, und das Universum wäre für alle Zeiten eine langweilige, gleichmäßig verteilte Leere geblieben.

Das ist einer der Gründe, warum manche Experten glauben, es habe noch viele andere Urknalle gegeben, vielleicht sogar Billionen und Aberbillionen, die sich über die gewaltige Zeitspanne [Vorsicht: wenn es keine Zeit gab, gab es auch keine gewaltige Zeitspanne, Anmerkung von mir] der Ewigkeit verteilen; dass wir gerade in diesem einen existieren, liegt demnach daran, dass es der Einzige ist, in dem wir existieren können. Edward B. Tryon von der Columbia University formulierte es einmal so: »Als Antwort auf die Frage, warum es passierte, unterbreite ich den bescheidenen Vorschlag, dass unser Universum schlicht und einfach eines von diesen Dingen ist, die von Zeit zu Zeit passieren.« Und Guth fügt hinzu: »Obwohl die Entstehung des Universums äußerst unwahrscheinlich erscheinen mag, hat niemand, wie Tryon betonte, die fehlgeschlagenen Versuche gezählt.«

Nach Ansicht des britischen Astronomen Martin Rees gibt es viele Universen, möglicherweise sogar eine unendlich große Zahl, in denen unterschiedliche Eigenschaften jeweils in anderen Kombinationen vorkommen, und wir leben einfach in demjenigen, dessen Merkmalskombination uns die Existenz ermöglicht. Als Vergleich nennt er ein sehr großes Bekleidungsgeschäft: »Wenn ein sehr großer Vorrat von Kleidungsstücken vorhanden ist, wundert man sich nicht, wenn man einen passenden Anzug findet. Findet man viele Universen, die jemals von unterschiedlichen Zahlenkombinationen beherrscht werden, dann gibt es auch eines, dessen Kombination sich für das Leben eignet. Und in diesem einen befinden wir uns.«

Rees weist darauf hin, dass insbesondere sechs Zahlen unser Universum beherrschen; würde sich nur der Wert von einer davon geringfügig ändern, könnte nichts mehr so sein, wie es ist. Damit das Universum in seiner uns bekannten Form existieren kann, muss Wasserstoff sich ständig in einem genau festgelegten, vergleichsweise großen Umfang in Helium verwandeln nämlich so, dass sich sieben Tausendstel seiner Masse in Energie verwandeln. Wäre dieser Wert nur geringfügig niedriger beispielsweise nicht 0,007, sondern 0,006 Prozent, könnte keine Umwandlung mehr stattfinden: Dann würde das Universum aus Wasserstoff und nichts anderem bestehen. Ein geringfügig höherer Wert – 0,008 Prozent –, und die Verschmelzung würde so heftig ablaufen, dass der Wasserstoff schon längst aufgebraucht wäre. So oder so würde die geringste Abwandlung der Zahlen dazu führen, dass es das Universum, wie wir es kennen und brauchen, nicht gäbe.

Liberté, Égalité, Fraternité!

Um den Tourismus zu fördern, mißachtet Frankreich die Menschenrechte

Die gewaltige Zunahme chinesischer Touristen in Frankreich hat die französische Regierung veranlaßt, einen 65seitigen Ratgeber darüber herauszugeben, wie man ihnen am besten begegnen sollte. Die vom französischen Ministerium für Tourismus verlegte Broschüre gibt Ratschläge dazu, wie man den chinesischen Reisenden ihren Aufenthalt in Frankreich möglichst angenehm gestalten kann. Alarmierend ist die Tatsache, daß dabei zur Selbstzensur geraten wird, um Frankreich für chinesische Touristen attraktiv zu gestalten.

Im Kapitel mit der Überschrift "Ratschläge für Verhandlungsführung und Geschäftsbeziehungen“ heißt es: "Vermeiden Sie es, über chinesische Politik wie etwa die Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz oder die heiklen Themen Taiwan und Tibet zu reden".

Diese Broschüre ist nur das jüngste Beispiel dafür, wie sich westliche Firmen und Regierungen in ihrer von keinerlei Moral getrübten Profitgier selbst zensieren, da ihnen der Gewinn wichtiger ist als grundlegende und universelle Werte wie die Redefreiheit. Uns wird ständig erzählt, der Handel mit China würde zur Verbesserung der Menschenrechtslage dort beitragen. Die französische Tourismusbroschüre und Googles Beschluß aus dem Jahr 2006, bei ihrer Internetsuchmaschine für chinesische Nutzer die Zensur einzuführen, machen auf traurige Weise deutlich, wie sehr die wirtschaftlichen Verflechtungen mit China, anstatt dort die Menschenrechtslage zu verbessern, unsere eigene negativ beeinflussen, indem etwa in China übliche undemokratische Vorgehensweisen hier im Westen übernommen werden.

Der Ratschlag der französischen Regierung, nicht über Tibet, den Tiananmen-Platz oder Taiwan zu sprechen, bezieht sich auf genau die Schlüsselworte, mit denen die chinesische Internetpolizei nach Nutzern fahndet, die sich über diese heiklen Themen austauschen, womit sie sich der Gefahr aussetzen, verhaftet zu werden. Mit ihrer Entscheidung eine solche Broschüre herauszugeben, verrät die französische Regierung nicht nur ihre eigenen hochgelobten Werte wie Freiheit und Demokratie, sondern sie versäumt auch, ihren Pflichten als eine der führenden demokratischen Nationen der Welt nachzukommen und sich standhaft für die unter einer repressiven Diktatur lebenden tibetischen und chinesischen Bürger einzusetzen, die ihre grundlegenden Überzeugungen nicht frei zum Ausdruck bringen können.

Die Zensur der Medien in China wurde mittlerweile dermaßen perfektioniert, daß alle Medien peinlichst genau überwacht werden. 2006 gab der der Foreign Correspondents Club in Peking bekannt, er habe von 2004 bis August 2006 insgesamt 72 Berichte von Journalisten aus 15 Ländern erhalten, die in ihrer Arbeit behindert oder schikaniert wurden.

Aktion: Schreiben Sie an französische Regierungsstellen und stellen Sie folgende Forderungen:Ich fordere die französische Regierung auf, in ihrer Broschüre "Chinesische Touristen: Wie man sie am besten willkommen heißt" die Textpassage zu streichen, in der die Leser, die mit chinesischen Reisenden zu tun haben, angewiesen werden, die Erwähnung von Tibet, Taiwan und des Tiananmen-Platzes zu vermeiden.

Weiter fordere ich die französische Regierung auf, anstatt die chinesischen Zensurmethoden zu übernehmen, öffentlich die chinesische Regierung für die Schikanen zu verurteilen, welchen Journalisten und Internetnutzer ausgesetzt sind, die über politisch heikle Themen schreiben.

Schreiben Sie an die französische Botschaft, das Tourismusministerium und das staatliche Tourismusbüro, evtl. auch an die französischen Konsulate in Deutschland. Es folgen von Angelika Mensching, Hamburg, verfaßte Briefvorschläge auf Französisch, die Appelle an die Botschaft und die Konsulate können auch auf Deutsch geschrieben werden. Bei derartigen Appellen sind Briefe vorzuziehen, denn Emails werden zumeist nicht wahrgenommen.

1) Staatliches französisches Tourismusbüro:
Maison de la France
Zeppelinallee 37
D-60325 Frankfurt am Main
info.de@franceguide.com

Briefvorschlag:
Mesdames et Messieurs,
J’ai entendu parler de la brochure «Comment souhaiter la bienvenue à nos hôtes chinois» et que là-dedans on invite les Français ayant affaire aux Chinois, de passer sous silence la place de Tiananmen, le Tibet et le Taïwan ce qui revient à mon avis à la censure. Je vous demanderais de bien vouloir vous engager auprès de votre gouvernement pour qu’on enlève les dites passages.
Au lieu de s’adapter à de telles méthodes, la France, consciente de son histoire comme patrie de la liberté et de la démocratie, devrait publiquement protester contre une telle limitation de la liberté de la presse et de l’expression en Chine et la persécution des journalistes et des internautes qui touchent des issues politiquement sensibles.

Veuillez agréer, Mesdames et Messieurs, mes salutations distinguées,

2) Französische Botschaft in Deutschland
Pariser Platz 5
D-10117 Berlin
Tel. 030 - 590 03 90 00
delphine.goullieux@diplomatie.gouv.fr
Botschafter: Claude Pierre Marcel Martin

Briefvorschlag:
Monsieur l’Ambassadeur,
J’ai entendu parler de la brochure «Comment souhaiter la bienvenue à nos hôtes chinoi » et que là-dedans on invite les Français ayant affaire aux Chinois, de passer sous silence la place de Tiananmen, le Tibet et le Taïwan ce qui revient à mon avis à la censure. Je vous demanderais de bien vouloir vous engager auprès de votre gouvernement pour qu’on enlève les dites passages.
Au lieu de s’adapter à de telles méthodes, la France, consciente de son histoire comme patrie de la liberté et de la démocratie, devrait publiquement protester contre une telle limitation de la liberté de la presse et de l’expression en Chine et la persécution des journalistes et des internautes qui touchent des issues politiquement sensibles.

Je vous prie d’agréer, Monsieur l’Ambassadeur, les assurances de ma respectueuse
considération,

3) Französisches Tourismusministerium:
Monsieur Léon BERTRAND
Ministre délégué au Tourisme auprès du ministre des Transports,
de l'Equipement, du Tourisme et de la Mer
3, place de Fontenoy
F-75007 Paris / France

Briefvorschlag:
Monsieur le Ministre,
J’ai entendu parler de la brochure « Comment souhaiter la bienvenue à nos hôtes chinois » et que là-dedans on invite les Français ayant affaire aux Chinois, de passer sous silence la place de Tiananmen, le Tibet et le Taïwan ce qui revient à mon avis à la censure. Je vous demanderais de bien vouloir vous engager auprès de votre gouvernement pour qu’on enlève les dites passages.
Au lieu de s’adapter à de telles méthodes, la France, consciente de son histoire comme patrie de la liberté et de la démocratie, devrait publiquement protester contre une telle limitation de la liberté de la presse et de l’expression en Chine et la persécution des journalistes et des internautes qui touchent des issues politiquement sensibles.
Je vous prie d’agréer, Monsieur le Ministre, les assurances de ma respectueuse considération,

4) Generalkonsulate :

Düsseldorf, Generalkonsulat
Cecilienallee 10
40474 Düsseldorf
Generalkonsul: Jacques Moreau

Frankfurt a.M., Generalkonsulat
Ludolfusstraße 13
60487 Frankfurt a.M.
Generalkonsul: Gilles Favret

Hamburg, Generalkonsulat
Pöseldorfer Weg 32
20148 Hamburg
Generalkonsul: Claude Crouail

München, Generalkonsulat
Möhlstraße 5
81675 München
Generalkonsul: Jean-Claude Schlumberger

Saarbrücken, Generalkonsulat
Johannisstraße 2
66111 Saarbrücken
Generalkonsul Gérard Grall

Stuttgart, Generalkonsulat
Richard Wagner-Straße 53,
70184 Stuttgart
Generalkonsul: Henri Reynaud

Briefvorschlag wie an den Botschafter, Anrede: Monsieur le Consul général

Schreiben Sie bitte auch an Ihren Parlamentsabgeordneten und fordern Sie ihn auf, sich an die französische Botschaft zu wenden und dort seine Betroffenheit über den Versuch Frankreichs zum Ausdruck zu bringen, französische Bürger, die mit chinesischen Touristen zu tun haben, der Zensur zu unterwerfen. Bitte schicken Sie Kopien der Antwortschreiben, die Sie evtl. erhalten, an Free Tibet Campaign, denn das hilft ihnen bei der Beurteilung der Lage.

Übersetzung: Irina Raba, Adelheid Dönges, Revision: Angelika Mensching

Rundmail der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), Arbeitsgruppe München, vom 17. Januar 2007

Sonntag, 21. Januar 2007

Eine kurze Geschichte vom Urknall, Teil 2

Obwohl alle vom Urknall reden, werden wir in vielen Büchern gewarnt, man solle sich darunter keine Explosion im üblichen Sinn vorstellen. Es war vielmehr eine riesige, sehr plötzliche Ausdehnung von ungeheuren Ausmaßen. Aber wodurch wurde sie ausgelöst?

Eine Vorstellung besagt, die Singularität sei vielleicht der Überrest eines früheren, zusammengebrochenen Universums danach wären wir nur Teil eines ewigen Kreislaufs, in dem sich Universen ausdehnen und zusammenziehen wie der Blasebalg an einem Sauerstoffgerät. Andere führen den Urknall auf ein so genanntes »falsches Vakuum«, ein »Skalarfeld« oder eine »Vakuumenergie« zurück – in jedem Fall auf eine Qualität oder ein Etwas, das in das bestehende Nichts ein gewisses Maß an Instabilität hineinbrachte. Dass aus dem Nichts ein Etwas hervorgeht, erscheint unmöglich, aber die Tatsache, dass vorher nichts da war und jetzt ein Universum existiert, ist der Beweis, dass es möglich ist. Vielleicht ist unser Universum nur ein Teil vieler größerer Universen, von denen manche in anderen Dimensionen existieren, und vielleicht laufen ständig und überall Urknalle ab. Möglicherweise hatten Raum und Zeit auch vor dem Urknall eine völlig andere Form, die wir uns in ihrer Fremdartigkeit nicht vorstellen können, und der Urknall stellt eine Art Übergangsphase dar, in der das Universum sich von einer unbegreiflichen Form in eine andere verwandelte, die wir beinahe verstehen können. »Das sind schon fast religiöse Fragen«, erklärte der Kosmologe Dr. Andrei Linde aus Stanford im Jahr 2001 der New York Times.

In der Urknalltheorie geht es eigentlich nicht um den Urknall selbst, sondern um das, was danach geschah. Nicht lange danach, wohlgemerkt. Nachdem die Wissenschaftler eine Menge Mathematik betrieben und genau zugesehen haben, was in Teilchenbeschleunigern vor sich geht, können sie heute nach eigenen Angaben bis 10 hoch -43 [gesprochen: 10 hoch minus 43] Sekunden nach dem Augenblick der Schöpfung zurückblicken – damals war das Universum noch so klein, dass man es nur mit dem Mikroskop hätte sehen können. Wir brauchen nicht jedes Mal in Ohnmacht zu fallen, wenn uns ungewöhnliche Zahlen begegnen, aber von Zeit zu Zeit sollten wir vielleicht doch innehalten und uns daran erinnern, wie erstaunlich und unbegreiflich sie sind. 10 hoch -43 ist gleichbedeutend mit 0,000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.1 oder einer zehn millionstel billionstel billionstel billionstel [oder auch: eine zehn septrillionstel] Sekunde.

Was wir heute über die ersten Augenblicke des Universums wissen oder zu wissen glauben, geht zum größten Teil auf die »Inflationstheorie» zurück, einen Gedanken, der erstmals 1979 von einem jungen Teilchenphysiker namens Alan Guth geäußert wurde. Guth – er arbeitete damals in Stanford und ist heute am Massachusetts Institute of Technology tätig – war damals 32 und hatte nach eigenem Eingeständnis zuvor noch nicht viel zuwege gebracht. Vermutlich wäre er nie auf seine großartige Idee gekommen, wenn er nicht einen Vortrag über den Urknall gehört hätte, den ausgerechnet Robert Dicke hielt. Der Vortrag weckte bei Guth das Interesse für Kosmologie und insbesondere für die Entstehung des Universums.

Am Ende kam dabei die Inflationstheorie heraus. Sie besagt, das Universum habe einen kurzen Augenblick nach Anbeginn der Schöpfung eine drastische Ausweitung erlebt. Es wurde »aufgeblasen« – eigentlich lief es vor sich selbst davon, und seine Größe verdoppelte sich alle 10 hoch -34 Sekunden. Die ganze Episode dürfte nicht länger als 10 hoch -30 Sekunden gedauert haben – eine millionstel millionstel millionstel millionstel millionstel [oder auch: eine quintrillionstel] Sekunde –, aber in dieser Zeit wurde das Universum von einem Gebilde, das man in der Hand halten konnte, zu etwas mindestens 10.000.000.000.000.000.000.000.000 [10 Quatrillionen] Mal Größerem. Die Inflationstheorie erklärt die Wellen und Wirbel, die unser Universum möglich machen. Ohne sie gäbe es keine Materieklumpen und damit auch keine Sterne, sondern nur treibende Gase und immerwährende Dunkelheit.

Wenn Guths Theorie stimmt, entstand nach ungefähr einem Zehnmillionstel einer billionstel billionstel billionstel Sekunde die Schwerkraft. Nach einem weiteren lächerlich kurzen Zeitraum kamen der Elektromagnetismus sowie die starken und schwachen Kernkräfte hinzu das Material der Physik. Einen Augenblick später folgten Schwärme von Elementarteilchen das Material der Materie. Aus dem Nichts gab es plötzlich Schwärme von Photonen, Protonen, Elektronen, Neutronen und vieles andere – von jedem nach der Standard-Urknalltheone etwa 10 hoch 79 bis 10 hoch 89 Stück.

Das sind natürlich unvorstellbare Mengen. Wir brauchen uns nur zu merken, dass nach einem einzigen entscheidenden Augenblick plötzlich ein riesiges Universum da war – es hat nach der Theorie einen Durchmesser von mindestens 100 Milliarden Lichtjahren, könnte aber auch noch viel größer oder sogar unendlich groß sein. Dieses Universum bot alle Voraussetzungen für die Entstehung der Sterne, Galaxien und anderer komplizierter Systeme.

aus Bill Bryson, Eine kurze Geschichte von fast allem

Donnerstag, 18. Januar 2007

Krebskrank in den USA

25 Prozent der Befragten, die in den vergangenen fünf Jahren eine Krebserkrankung in ihrer Familie hatten, sagten, daß sie aufgrund der Krankheit alle oder fast alle ihre Ersparnisse eingebüßt hätten. Unter denen, die nicht krankenversichert waren, verbrauchten fast die Hälfte (46 Prozent) ihre Ersparnisse, aber selbst unter den Versicherten war die Quote mit 22 Prozent hoch. 13 Prozent der Befragten mussten sich Geld von Verwandten leihen (30 Prozent der Nicht-Versicherten), 13 Prozent waren aufgrund ausstehender Rechnungen von einem Pfändungsunternehmen kontaktiert worden (34 Prozent der Nicht-Versicherten).

aus der Ärzte Zeitung, 12.01.2007

Der unbeachtete Skandal

Generika-Hersteller in Deutschland haben in den vergangenen Wochen ihre Preise offenbar auf breiter Front angehoben. Wie mehrere mit der Materie vertraute Personen Dow Jones Newswires am Donnerstag sagten, haben viele Unternehmen der Branche im Dezember die Preise erhöht, um durch anschließende Preissenkungen zum 1. Januar der Verpflichtung entgehen zu können, den so genannten Herstellerrabatt in gleicher Höhe zahlen zu müssen.
Meldung in finanzen.net vom 21.12.2006

Eine kurze Geschichte vom Urknall, Teil 1

Wir können uns noch so viel Mühe geben – niemals werden wir begreifen, wie winzig, wie räumlich bescheiden ein Proton ist. Dazu ist es einfach viel zu klein.

Ein Proton ist ein letzter Baustein eines Atoms, und auch das ist natürlich kein greifbares Gebilde. Protonen sind so klein, dass ein kleiner Fleck Druckerschwärze, beispielsweise der Punkt auf diesem i, ungefähr 500 000 000 000 [das sind 500 Milliarden] von ihnen Platz bietet, das sind mehr als die Sekunden in einer halben Million Jahre. Protonen sind also, gelinde gesagt, überaus mikroskopisch.

Nun stellen wir uns vor (was wir natürlich nicht können), eines dieser Protonen würde auf ein Milliardstel seiner normalen Größe schrumpfen und einen so kleinen Raum einnehmen, dass ein Proton daneben riesengroß wirkt. Und in diesen winzig kleinen Raum packen wir nun ungefähr 30 Gramm Materie. Ausgezeichnet. Jetzt können wir ein Universum gründen.

Natürlich gehe ich davon aus, dass wir ein inflationäres Universum bauen wollen. Wer stattdessen das altmodische Standard Urknalluniversuni bevorzugt, braucht zusätzliches Material. Dann müssen wir sogar alles zusammensammeln, was es gibt – jedes kleine Fitzelchen und Teilchen der Materie von hier bis zu den Rändern der Schöpfung –, und alles in einen so unendlich kompakten Punkt zusammenpressen, dass er überhaupt keine Dimensionen hat. So etwas bezeichnet man als Singularität.

So oder so müssen wir uns auf einen richtig großen Knall vorbereiten. Dabei würden wir uns natürlich gern an einen sicheren Ort zurückziehen und das Schauspiel von dort aus beobachten. Leider können wir aber nirgendwo Zuflucht suchen, denn außerhalb der Singularität gibt es kein Wo. Wenn die Ausdehnung des Universums beginnt, füllt sich damit keine größere Leere. Es existiert nur ein einziger Raum: der Raum, der während des Vorganges erschaffen wird.

Sich die Singularität als eine Art schwangeren Punkt vorzustellen, der in einer dunklen, grenzenlosen Leere hängt, ist zwar eine natürliche, aber auch falsche Vorstellung. Es gibt weder Raum noch Dunkelheit. Um die Singularität herum ist nichts. Dort existiert kein Raum, den sie einnehmen könnte, kein Ort, an dem sie sich befindet. Wir können noch nicht einmal fragen, wie lange sie schon dort ist – ob sie wie eine gute Idee gerade erst ins Dasein getreten ist oder ob sie schon immer da war und in aller Ruhe auf den richtigen Augenblick gewartet hat. Die Zeit existiert nicht. Es gibt keine Vergangenheit, aus der sie hervortreten könnte.

Und so, aus dem Nichts, nimmt unser Universum seinen Anfang.

In einem einzigen blendenden Stoß, in einem Augenblick der Prachtentfaltung, der für jede Beschreibung mit Worten viel zu schnell und umfangreich ist, nimmt die Singularität himmlische Dimensionen an und wird zu einem unvorstellbar großen Raum. In der ersten, lebhaften Sekunde (und viele Kosmologen widmen ihre gesamte Berufslaufbahn dem Versuch, diese Sekunde in noch dünnere Scheiben zu zerlegen) entstehen die Schwerkraft und die anderen beherrschenden Kräfte der Physik. Nach noch nicht einmal einer Minute hat das Universum einen Durchmesser von weit mehr als einer Million Milliarden Kilometern, und es wächst schnell. Wärme ist jetzt reichlich vorhanden, zehn Milliarden Grad, genug, damit die Kernreaktionen beginnen und leichte Elemente entstehen lassen – im wesentlichen Wasserstoff und Helium mit einem Schuss (ungefähr einem unter hundert Millionen Atomen) Lithium. Nach drei Minuten sind 98 Prozent aller Materie entstanden, die existiert oder jemals existieren wird. Wir haben ein Universum. Es ist ein Ort der erstaunlichsten und lohnendsten Möglichkeiten, und wunderschön ist es auch. Und alles ist ungefähr in der Zeit geschehen, die man zur Zubereitung eines Sandwichs braucht.

Wann sich dieser Augenblick ereignet hat, ist noch ein wenig umstritten. Die Kosmologen haben lange darüber diskutiert, ob der Augenblick der Schöpfung sich vor zehn Milliarden Jahren abspielte, oder vor doppelt so langer Zeit, oder irgendwo dazwischen. Heute bewegt man sich offenbar auf eine Einigung bei ungefähr 13,7 Milliarden Jahren zu, aber die Messung solcher Dinge ist, wie wir noch sehen werden, von berüchtigter Schwierigkeit. Eigentlich kann man nur eines mit Sicherheit sagen: An irgendeinem unbestimmten Punkt in der sehr weit entfernten Vergangenheit kam aus unbekannten Gründen der Augenblick, der in der Wissenschaft als t = 0 bezeichnet wird. Von da an waren wir unterwegs.

Natürlich wissen wir vieles noch nicht, und von dem, was wir zu wissen glauben, wussten wir vieles vor kurzem ebenfalls noch nicht, oder wir glaubten noch nicht, es zu wissen. Selbst die Vorstellung vom Urknall ist noch relativ neu. Die Idee als solche geisterte schon seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts herum, als der belgische Priester und Gelehrte Georges Lemâitre sie erstmals vorsichtig äußerte, aber in der Kosmologie spielt sie erst seit Mitte der sechziger Jahre eine größere Rolle. Damals machten zwei junge Radioastronomen eine außergewöhnliche, unerwartete Entdeckung.

Die beiden – sie hießen Arno Penzias und Robert Wilson – wollten 1965 mit einer großen Funkantenne arbeiten, die den Bell Laboratories gehörte und in Holmdel, New Jersey, stand. Dabei störte sie aber ein ständiges Hintergrundgeräusch – ein ununterbrochenes Zischen, das jede experimentelle Arbeit unmöglich machte. Es war ein erbarmungsloser, unbestimmter Lärm, der Tag und Nacht, zu allen Jahreszeiten, von allen Stellen des Himmels kam. Ein Jahr lang versuchten die jungen Astronomen alles, was ihnen in den Sinn kam, um die Ursachen des Geräusches ausfindig zumachen und zu beseitigen. Sie überprüften sämtliche elektrischen Geräte. Sie bauten Instrumente um, prüften Stromkreise, spielten mit Kabeln herum, staubten Stecker ab. Sie kletterten in die Antennenschüssel und brachten Klebeband auf allen Schweißnähten und Nieten an. Sie kletterten noch einmal in die Schüssel, dieses Mal mit Besen und Bürsten, und schrubbten alles ab, was sie in einem späteren Fachaufsatz als »weißes dielektrisches Material« bezeichneten – normalerweise nennt man es Vogelscheiße. Aber was sie auch versuchten, es nützte nichts.

Was sie nicht wussten: Nur 50 Kilometer entfernt, an der Princeton University, suchte ein Wissenschaftlerteam unter Leitung von Robert Dicke genau nach dem, was die beiden mit so viel Mühe loszuwerden versuchten. Die Forscher in Princeton waren von einem Gedanken ausgegangen, den der in Russland geborene Astrophysiker George Gamow schon in den vierziger Jahren geäußert hatte: Danach musste man nur weit genug in den Weltraum blicken, dann würde man eine kosmische Hintergrundstrahlung finden, die vom Urknall übrig geblieben war. Nachdem diese Strahlung die Weiten des Universums durchquert hatte, sollte sie nach Gamows Berechnungen in Form von Mikrowellen auf die Erde treffen. In einem späteren Fachaufsatz hatte er sogar ein Instrument genannt, das sich für ihren Nachweis eignete: die Bell-Antenne in Holmdel. Leider hatten weder Penzias und Wilson noch irgend jemand aus der Arbeitsgruppe in Princeton diesen späteren Artikel gelesen.

Natürlich hatten Penzias und Wilson genau das Geräusch gehört, das Gamow postuliert hatte. Sie hatten den Rand des Universums gefunden, oder zumindest den Rand seines sichtbaren Teils, der 150 Milliarden Billionen Kilometer entfernt ist. Sie »sahen« die ersten Photonen, das älteste Licht des Universums, das allerdings über Zeit und Entfernung hinweg zu Mikrowellen geworden war, genau wie Gamow es vorausgesagt hatte. Wenn wir diese Entdeckung im richtigen Licht betrachten wollen, hilft uns ein Vergleich, den Alan Guth in seinem Buch Die Geburt des Kosmos aus dein Nichts anstellte: Wenn man sich den Blick in die Tiefen des Universums als Blick vom 100. Stock des Empire State Building vorstellt (wobei der 100. Stock die Gegenwart und die Straße den Augenblick des Urknalls darstellt), befanden sich die am weitesten entfernten Galaxien zur Zeit von Wilsons und Penzias’ Entdeckung ungefähr im 60. Stock, und die am weitesten entfernten Objekte überhaupt – die Quasare – lagen ungefähr in Höhe des 20. Geschosses. Mit ihrer Entdeckung erweiterten die beiden unsere Kenntnisse über das sichtbare Universum bis auf einen Zentimeter über dem Bürgersteig.

Wilson und Penzias wussten immer noch nicht, woher die Geräusche kamen; sie riefen Dicke in Princeton an, beschrieben ihm ihr Problem und hofften, er würde eine Lösung vorschlagen. Dicke war sofort klar, was die beiden jungen Männer gefunden hatten. Als er den Hörer aufgelegt hatte, sagte er zu seinen Kollegen: »So Jungs, man hat uns überrundet.»

Kurz darauf erschienen im Astrophysical Journal zwei Artikel: In dem einen beschrieben Penzias und Wilson ihre Erfahrungen mit dem Zischen, in dem anderen erklärte Dickes Arbeitsgruppe, worum es sich dabei handelte. Obwohl Penzias und Wilson nicht nach der kosmischen Hintergrundstrahlung gesucht hatten, obwohl sie sie nicht erkannten, nachdem sie sie gefunden hatten, und obwohl sie auch ihre Eigenschaften in keinem Fachaufsatz beschrieben oder interpretiert hatten, erhielten sie 1978 den Nobelpreis für Physik. Den Wissenschaftlern in Princeton blieben nur freundliche Worte. Dazu schrieb Dennis Overbye in Das Echo des Urknalls, Penzias und Wilson hätten die wahre Bedeutung ihrer Entdeckung erst verstanden, als sie darüber etwas in der New York Times gelesen hätten.

Nebenbei bemerkt: Die Auswirkungen der kosmischen Hintergrundstrahlung hat jeder von uns schon einmal erlebt. Man braucht nur den Fernseher auf einen nicht belegten Kanal einzustellen: Das »Schneegestöber«, das man dort sieht, wird zu ungefähr einem Prozent von diesem uralten Überbleibsel des Urknalls hervorgerufen. Wer sich das nächste Mal beschwert, dass es im Fernsehen nichts zu sehen gibt, sollte daran denken, dass man immer bei der Geburt des Universums zusehen kann.

aus Bill Bryson, Eine kurze Geschichte von fast allem

Freitag, 12. Januar 2007

So kann man’s auch sehen…

Bevor ich zum Thema komme, muß ich noch die Grundprämisse der Zauberei erklären, wie Don Juan sie mir darlegte. Für einen Zauberer, sagte er, sei die Welt des alltäglichen Lebens nicht wirklich oder so, wie wir dies annehmen. Für einen Zauberer sei die Wirklichkeit oder die Welt, die wir alle kennen, nur eine Beschreibung.
Um diese Prämisse zu begründen, gab Don Juan sich alle Mühe, mich davon zu überzeugen, daß das, was in meinen Augen die wirklich vorhandene Welt war, nur eine Beschreibung der Welt sei; eine Beschreibung, die mir seit dem Augenblick meiner Geburt eingehämmert worden sei.
Jeder, der mit einem Kind in Kontakt komme, erklärte er, sei ein Lehrer, der unaufhörlich die Welt erkläre, bis zu dem Augenblick, wo das Kind die Welt so wahrnehmen könne, wie sie ihm erklärt wird. Nach Don Juan haben wir keine Erinnerung an diesen folgenschweren Augenblick, einfach weil wir keinen Bezugsrahmen hatten, in dem wir ihn mit etwas anderem hätten vergleichen können. Doch von diesem Augenblick an ist das Kind ein Mitglied. Es kennt die Beschreibung der Welt; und es erreicht, glaube ich, die volle Mitgliedschaft, wenn es in der Lage ist, alle seine Wahrnehmungen so zu deuten, daß sie mit dieser Beschreibung übereinstimmen und sie dadurch bestätigen.
Für Don Juan besteht die Wirklichkeit unseres alltäglichen Lebens daher aus einem endlosen Fluß von Wahrnehmungsinterpretationen, welche wir, die Individuen, denen eine bestimmte Mitgliedschaft gemeinsam ist, gemeinsam anzustellen gelernt haben.
Die Vorstellung, daß die Wahrnehmungsinterpretationen, welche die Welt konstituieren, im Fluß begriffen sind, stimmt mit der Tatsache überein, daß sie ununterbrochen stattfinden und selten, wenn überhaupt, in Frage gestellt werden. Tatsächlich wird die Realität der Welt, wie wir sie kennen, als so feststehend angesehen, daß die Grundprämisse der Zauberei, nämlich daß unsere Realität nur eine von vielen möglichen Beschreibungen ist, kaum eine Chance hat, als ernsthafte These akzeptiert zu werden.
Im Fall meiner Lehrzeit kümmerte sich Don Juan glücklicherweise überhaupt nicht darum, ob ich seine Behauptung als seriös akzeptieren konnte, und trotz meines Widerstands, meines Unglaubens und meiner Unfähigkeit, zu verstehen was er sagte, erläuterte er seine Feststellungen immer wieder. Als Lehrer war Don Juan also bestrebt, mir von unserem ersten Gespräch an die Welt zu beschreiben. Meine Schwierigkeiten, seine Begriffe und Methoden zu erfassen, rührten von der Tatsache her, daß die Einheiten seiner Beschreibung meinen eigenen fremd und mit ihnen unvereinbar waren.
Er war davon überzeugt, daß er mich »Sehen« lehrte, im Gegensatz zum bloßen »Schauen«, und daß der erste Schritt zum Sehen darin bestünde, »die Welt anzuhalten«.
Jahrelang hatte ich die Vorstellung, »die Welt anzuhalten«, als kryptische Metapher aufgefaßt, die in Wirklichkeit nichts besagte. Erst im Verlauf einer formlosen Unterhaltung gegen Ende meiner Lehrzeit geschah es, daß ich ihre Tragweite und ihre Bedeutung als eines der wichtigsten Elemente von Don Juans Wissen voll erfaßte.…
Don Juan sagte, daß man, um zu »sehen«, zuerst die Welt anhalten müsse. »Die Welt anhalten« war tatsächlich eine zutreffende Bezeichnung für bestimmte Bewußtseinszustände, in denen die Realität des alltäglichen Lebens verändert ist, weil der Strom der Interpretationen, der für gewöhnlich ununterbrochen fließt, durch eine Reihe ihm fremder Umstände unterbrochen ist. In meinem Fall bestanden diese meinem normalen Interpretationsfluß fremden Umstände in der zur Zauberei gehörigen Beschreibung der Welt. Für das »Anhalten der Welt« stellte Don Juan die Bedingung, daß man überzeugt sein mußte; mit anderen Worten, man mußte die neue Beschreibung in einem totalen Sinn erlernen, um sie gegen die alte auszuspielen und dadurch die uns allen gemeinsame dogmatische Sicherheit zu zerbrechen, daß die Gültigkeit unserer Wahrnehmung oder unserer Wirklichkeit der Welt nicht bezweifelt werden könne.
aus Castaneda, Die Reise nach Ixtlan
Links zu:
Carlos Castaneda
Tensegrity

Seite, auf der Castanedas Person und Werk kritisch hinterfragt wird: www.sustainedaction.org


Die buddhistischen Meditationsmeister wissen, wie flexibel und beeinflußbar der Geist ist. Wenn wir ihn trainieren, ist alles möglich. Tatsächlich sind wir ja bereits perfekt von und für Samsara trainiert: Wir haben Übung darin, eifersüchtig zu werden, festzuhalten, ängstlich, traurig, verzweifelt und gierig zu sein, wir sind geübt, mit Arger auf alles zu reagieren, was uns provoziert. Wir sind tatsächlich schon so geübt, daß diese negativen Emotionen ganz spontan entstehen, ohne daß wir auch nur versuchen müßten, sie hervorzurufen. Alles ist daher eine Frage der Übung und der Macht der Gewohnheit.

Widmen wir den Geist der Verwirrung, wird er – und das wissen wir alle nur zu gut, wenn wir ehrlich sind – ein dunkler Meister der Verblendung, genial im Erzeugen von Suchten, geschickt und von perverser Geschmeidigkeit in seinen sklavischen Abhängigkeiten.

Widmen wir ihn aber der Meditation und dem Ziel, sich selbst von Täuschung zu befreien, werden wir erleben, daß sich unser Geist im Laufe der Zeit – mit Geduld, Disziplin und der rechten Übung – allmählich selbst zu entwirren beginnt und zu seiner ihm innewohnenden Glückseligkeit und Klarheit findet.

[…]

Einer der Hauptgründe, warum wir so viel Angst haben, uns dem Tod zu stellen, liegt darin, daß wir die Wahrheit der Vergänglichkeit ignorieren.

Für uns ist Wandel gleichbedeutend mit Verlust und Leid. Und wenn sich Veränderung einstellt, versuchen wir, uns so gut wie möglich zu betäuben. Stur und ohne nachzufragen halten wir an der Annahme fest, daß Dauerhaftigkeit Sicherheit verleiht, Vergänglichkeit hingegen nicht. Tatsächlich aber gleicht die Vergänglichkeit bestimmten Leuten, denen wir im Leben manchmal begegnen: Anfangs finden wir sie schwierig und irritierend, aber bei näherer Bekanntschaft sind sie viel freundlicher und angenehmer, als wir uns je hätten vorstellen können.




Mittwoch, 3. Januar 2007

Die Entstehung unserer Erde

Es gibt ein tolles Buch: Bill Bryson, Eine kurze Geschichte von fast allem. In unnachahmlich einfachem und witzigem Stil erklärt er "fast alles", was so im aktuellen physikalischen Allgemeinwissen angesagt ist. Die Zeitschrift "Bild der Wissenschaft kürte es zu einem der Wissenschaftsbücher des Jahres 2004.
In lockerer Folge will ich zukünftig immer mal wieder Ausschnitte daraus bringen. Hier der erste:

Vor ungefähr 4,6 Milliarden Jahren sammelte sich im Weltraum ein großer Gas- und Staubwirbel mit einem Durchmesser von rund 25 Milliarden Kilometern. Praktisch seine ganze Materie – 99,9 Prozent der Masse des Sonnensystems – bildete die Sonne. Zwei mikroskopisch kleine Körnchen des restlichen Materials näherten sich einander so stark an, dass sie durch elektrostatische Kräfte zusammenhielten. In diesem Augenblick wurde der Grundstein für unseren Planeten gelegt. Überall im Sonnensystem geschah das Gleiche: Staubkörner stießen zusammen und bildeten immer größere Klumpen. Schließlich wurden die Brocken so groß, daß man sie als Planetenvorläufer bezeichnen kann. Diese kollidierten immer und immer wieder, zerbrachen und fanden sich in endlosen Zufallskombinationen ständig neu zusammen, aber bei jeder Begegnung gab es einen Sieger, und einige dieser Sieger wurden so groß, daß sie in ihrer jeweiligen Umlaufbahn zum beherrschenden Element wurden.

Das alles ging bemerkenswert schnell. Von einer winzigen Ansammlung aus Staubkörnern bis zu einem Kleinplaneten von mehreren hundert Kilometern Durchmesser vergingen wahrscheinlich nur wenige zigtausend Jahre. Nach nur 200 Millionen Jahren oder sogar noch weniger war die Erde im Wesentlichen fertig; allerdings war sie noch geschmolzen und dem ständigen Bombardement der Trümmer ausgesetzt, die nach wie vor durch den Weltraum trieben.

Zu jener Zeit, ungefähr vor 4,5 Milliarden Jahren, stieß ein Himmelskörper von der Größe des Mars mit der Erde zusammen und schlug so viel Materie los, daß daraus ein kugelförmiger Begleiter werden konnte: der Mond. Nach heutiger Kenntnis sammelte das Material sich innerhalb weniger Wochen zu einem einzigen Klumpen, und nach einem Jahr hatte sich die Gesteinskugel gebildet, die uns bis heute begleitet. Das Mondgestein stammt zum größten Teil nicht aus dem Erdkern, sondern aus der Kruste unseres Planeten und enthält deshalb nur wenig Eisen, obwohl es auf der Erde viel davon gibt .

Diese Theorie wird übrigens fast immer als ganz modern bezeichnet, in Wirklichkeit formulierte sie Reginald Daly von der Harvard University aber schon in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts . Neu ist daran nur, daß man ihr heute mehr Aufmerksamkeit schenkt.

Schon als die Erde erst ein Drittel ihrer endgültigen Größe hatte, dürfte sich eine erste Atmosphäre gebildet haben. Sie bestand vorwiegend aus Kohlendioxid, Stickstoff, Methan und Schwefel – nicht gerade Substanzen, die man mit Lebewesen in Verbindung bringen würde, und doch ging aus diesem giftigen Gebräu das Leben hervor. Kohlendioxid ist ein hochwirksames Treibhausgas. Das war damals etwas Gutes, denn die Sonne leuchtete noch erheblich schwächer als heute. Hätte die Erde nicht vom Treibhauseffekt profitiert, wäre sie wahrscheinlich ständig gefroren gewesen, und das Leben hätte vielleicht niemals Fuß fassen können. Aber irgendwie setzte es sich durch.

Während der nächsten 500 Millionen Jahre wurde die Erde weiterhin erbarmungslos von Kometen, Meteoriten und anderem galaktischen Schutt bombardiert, und mit ihm kamen das Wasser, das die Ozeane füllte, sowie die unentbehrlichen Bestandteile für die Entstehung des Lebens. Es war eine Umwelt von einzigartiger Unwirtlichkeit, und dennoch kam das Leben in Gang. Ein kleiner Beutel voller Chemikalien zuckte und wurde lebendig. Wir waren unterwegs.

Vier Milliarden Jahre später fragten sich die Menschen, wie das alles abgelaufen sein könnte.

aus Bill Bryson, Eine kurze Geschichte von fast allem

hier ein Link zu einer Rezension

Der Tod und das Reisbällchen

Tokio (dpa). In Japan sind auch in diesem Jahr wieder Menschen an den traditionellen „O-Mochi“-Reisklößen zum Neujahrsfest erstickt. Bis Dienstag hätten vier ältere Männer den Verzehr der klebrigen Bällchen aus gestampftem Reis nicht überlebt, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo. Allein in der Haupstadt Tokio mußten 14 weitere Menschen im Alter zwischen 65 und 91 Jahren ins Krankenhaus gebracht werden, weil ihnen die Neujahrs-Spezialität im Hals steckengeblieben war. Sieben von ihnen seien bewußtlos und in einem kritischem Zustand, hieß es. Immer wieder bleiben vor allem alten Menschen die extrem klebrigen Bällchen im Hals stecken. Obgleich jeder in Japan die „Gefahr“ kennt, will niemand auf die „O-Mochi“ verzichten.

aus der HAZ vom 3. Januar 2007

Dienstag, 2. Januar 2007

Man spricht Deutsch

In der französischen Sprache gibt es mehr dem Deutschen entnommene Wörter, als man denkt. Bei vielen erkennt man die Wurzel und die Bedeutung sofort, aber das ist nicht immer der Fall. Kennen Sie zum Beispiel die Bedeutung des Wortes vasistas und seinen Ursprung?

le bretzel – die Bretzel
la crampe – der Krampf
l’edelweiss (m) – das Edelweiß
l’ersatz (m) – der Ersatz
la halte – der Halt, i.S.v. Rast, Pause
le hamster – der Hamster
le handball – das Handball(spiel)
la quenelle – der Knödel, der Kloß
la quetsche – die Zwetsch(g)e
le képi – die Schirmmütze
le kirsch – das Kirschwasser
le kitsch – der Kitsch
le krach – der Börsenkrach
le leitmotiv – das Leitmotiv

Ein vastistas leitet sich ab von "Was ist das" und ist das französiche Wort für "Guckfenster, Oberlichtfenster"!

aus dem Langenscheidt Sprachkalender Französisch



Samstag, 30. Dezember 2006

Ärzteblatt-Nachlesen 1

Medizingeschichte(n): Psychiatrie - Psychische Kur
(Deutsches Ärzteblatt 100, Ausgabe 50 vom 12.12.2003, Seite A-3321)

Medizingeschichte(n): Mesmerismus Sympathie
Deutsches Ärzteblatt 100, Ausgabe 47 vom 21.11.2003, Seite A-3094

über den Tod Sigmund Freuds:
Medizingeschichte(n): Ethik in der Medizin – Sterbehilfe
Deutsches Ärzteblatt 100, Ausgabe 47 vom 21.11.2003, Seite A-3108

Deutsches Ärzteblatt 103, Ausgabe 51-52 vom 25.12.2006,
Seite A-3444

Deutsches Ärzteblatt 103, Ausgabe 51-52 vom 25.12.2006,
Seite A-3444


Ärzteblatt-Nachlesen 2

Von schräg unten: Doctors hopping
(Deutsches Ärzteblatt 103, Ausgabe 47 vom 24.11.2006)

Arztgeschichte: Der himmlische Arztbrief
(Deutsches Ärzteblatt 103, Ausgabe 48 vom 01.12.2006, Seite 100)

Freitag, 29. Dezember 2006

Schwarzwaldklinik für Sarkasten

Mein geliebter Dr. House hat es inzwischen sogar ins Deutsche Ärzteblatt geschafft:

Fernsehkritik: Dr. House – Misanthrop mit Kultstatus
(Deutsches Ärzteblatt 103, Ausgabe 50 vom 15.12.2006, Seite A-3405)

Sonntag, 24. Dezember 2006

Friede im Krieg

VON ACHIM BALKHOFF

Weihnachten und Schlachtenlärm, das paßt nicht zusammen. Im Ersten Weltkrieg haben heute vor 90 Jahren einfache Soldaten auf beiden Seiten der Front, Briten und Deutsche, die Weihnachtsbotschaft begriffen. Und Fußball gespielt, statt aufeinander zu schießen. Ein wahres Weihnachtsmärchen.

Bitterkalt ist es auf den Feldern von „La Moutarderie“. Es braust ein heftiger Sturm. Eine Menge Menschen sind dort draußen, zu sehen sind sie nicht. Sie müssen sich in selbst ausgehobenen Gräben verkriechen und stehen und waten dort knöcheltief im Schlamm. Wagen sie es doch einmal aufzuschauen, starren sie auf Munitionskisten, Stacheldraht und Tierkadaver. Auch tote Menschen liegen dort weit verstreut. Niemand traut sich, sie zu bergen.

Das Anwesen „La Moutarderie“ liegt in Nordfrankreich, in der Gemarkung Frelinghien, nahe der belgischen Grenze. Die nächst größere Stadt ist Armentiers. Das fruchtbare Land gehört eigentlich der Familie Leblon, die hier aber nicht wohnen darf. Nicht einmal die Kohl- und Rübenernte haben sie in diesem Jahr einfahren können. Die Leblons wurden vertrieben. Auf dem Bauernhof haben sich seit Wochen junge Männer aus England und Schottland verschanzt, auf den Feldern davor haben sich junge Deutsche eingegraben. Es ist Krieg – und es ist Heiligabend. Der erste Heilige Abend des Ersten Weltkriegs. Heute vor 90 Jahren.

Johannes Niemann ist Oberleutnant beim 179. Königlich-Sächsischen Infanterieregiment, Ernest Williams ist ein einfacher Soldat bei der 12. Division der Britischen Armee. Niemann ist Mitte zwanzig, ein wenig älter als Evans. Sie sind Feinde. Auf mehreren Kilometern stehen sich die Krieg führenden Streitkräfte in diesem Abschnitt der Westfront gegenüber. Hunderte von Menschen haben allein hier schon ihr Leben gelassen. Dem Deutschen wurde eingebläut, der „Tommy“ sei ein Barbar, umgekehrt sehen diese im „Fritzen“ nur ein „wildes Tier“, eines mit „Mord im Blick“. Daran erinnern sich Niemann und Williams später, aber auch noch an viel mehr.

Es ist der 24. Dezember, und irgendetwas ist angenehmer als in all diesen furchtbaren Wochen zuvor. Will der Krieg etwa eine Pause machen? Unaufhörlich knatterten vorher die Gewehre, schlugen Granaten ein, mußte man mit Sturmangriffen rechnen und um sein Leben fürchten. Plötzlich aber liegt eine gespenstische Ruhe über „La Moutarderie“. Nur aus der Ferne klingt noch ein leiser Gefechtsdonner herüber. Mit klammen Fingern kramt Johannes Niemann ein Geschenkpaket heraus.

Die Feldpost hat es im ersten Kriegsjahr noch bis in die vordersten Reihen geschafft. Ein Büchlein, eine Kerze, ein Brief von daheim. Das Übliche in solchen Zeiten. „Wolltest du nicht nur ein paar Wochen weg?“ „Warum müssen wir Weihnachten getrennt sein?“ „Pass bitte auf Dich auf.“ Den anderen frierenden Männern in den verschlammten Gräben widerfährt Ähnliches. Wehmut kommt auf, aber auch ein Hauch festlicher Stimmung. Die ersten Tränen rollen über die unrasierten Wangen. Langsam wird es dunkel, es ist 16 Uhr.

Ein bißchen Frieden zwischen den Schlachten: Im Ersten Weltkrieg versuchten sich die Soldaten in Weihnachtsstimmung zu versetzen – im Schützengraben wie im Unterstand.

Der kaiserliche Nachschub hatte es sogar geschafft, kleine, geschmückte Tannenbäume an die hart umkämpfte Front zu bringen. Wie zum Trotz stellen Niemann und die anderen Soldaten die Bäumchen, Symbole für ein Friedensfest, auf die Balustraden ihrer Schützengräben und zünden die Kerzen an.

Flackerndes Kerzenlicht erhellt das Niemandsland. So etwas wie friedliche Stimmung macht sich breit über „La Moutarderie“. Aber wie so oft, wenn Krieg ist, sind Mißverständnisse im Spiel, und der Feind, keine 200 Meter entfernt, vermutet Böses.

Die beleuchteten Christbäume habe man zunächst für eine listige Geheimwaffe der Deutschen gehalten, erzählt Ernest Williams später einmal. Ein ohrenbetäubendes Gewehrfeuer sei deshalb die erste Antwort gewesen, die Realität des Krieges schien die halbwegs festliche Atmosphäre brutal zu zerstören. Gehen beide Seiten jetzt wieder aufeinander los?

Doch Niemann und andere Offiziere lassen nicht zurückschießen. Aus den deutschen Stellungen erklingt ein anderes Geräusch, Gesang. Anfangs ist es nur einer, der „Stille Nacht, heilige Nacht“ vor sich hin singt. Ganz leise und zart erklingt die Weise von Christi Geburt – und sie wird lauter. So laut, bis ein weihnachtlicher Chorgesang erschallt. Kurz darauf „entspringt das Ros“, und der Feind reagiert. „Good, old Fritz“ ruft es aus den gegenüberliegenden Stellungen und „More, more“. Gern doch, und die sächsischen Soldaten singen ihr „Oh, du Fröhliche“ herüber.

Bald beginnt auch die Gegenseite, die plötzlich keine mehr zu sein scheint, zu singen: „The Boys of Bonnie Scotland, where the Heather and the Bluebells grow.“ Dafür gibt's Beifall. Dann „While Shephers Watched their Flocked by Night“, und die Dämme sind gebrochen. Kehlen statt Kanonen. Der Krieg verwandelt sich in dieser Nacht in einen friedlichen Sängerwettstreit. Und diese Nacht verläuft wie so viele andere, gesellige Nächte. Erst lauthals und lustig, dafür stimmt man gern „Tipperary“ und „Home, Sweet Home“ an, am Ende melancholisch „Auld Lang Syne.“

Am ersten Weihnachtstag ist Ernest Williams frühmorgens als Späherposten eingeteilt. Er traut seinen Augen nicht. Feldgrau gekleidete deutsche Soldaten klettern aus ihren Gräben, waffenlos, gehen auf die feindliche Seite zu. „Merry Christmas Englishmen. We not shoot, you not shoot.“ Die sächsischen Infanteristen sind gebildete Leute, als Kriegsfreiwillige haben viele die Sprache des Feindes – wenn auch nicht perfekt – auf den Gymnasien gelernt, von denen sie direkt und ohne Umwege in den Krieg abgezogen wurden.

Die britischen Soldaten verstehen die Geste sehr wohl und verlassen ihre Schützengräben. Man begegnet sich, grüßt höflich, schüttelt sich die Hände. An sich ein normaler Vorgang, im Krieg aber geradezu undenkbar.

„We are Saxons, you are Angelsaxons, why should we shoot each other?“, fragt der deutsche Offizier seinen britischen Gegner, der sich dieser simplen, aber doch überzeugenden Logik anschließt. Mit einem Schluck Brandy bekräftigen sie ihre neue Erkenntnis. Es werden Geschenke ausgetauscht, Dresdener Christstollen gegen Plumpudding. Die Koalition der Unwilligen steht, auf dem blutgetränkten Acker der Familie Leblon ruhen nun die Waffen, die jungen Männer wollen an diesem Tag nicht töten – aber gewinnen wollen sie schon.

Plötzlich fällt ein Fußball aufs Feld, ein echter Lederball. Einer von der anderen Seite hat ihn mitgebracht, das Wort Feind fällt nicht mehr. Ein Sachse brüstet sich damit, daß er mit Leipzig vor einem Jahr 1:0 gegen die Celtics aus Glasgow gewonnen habe, was zu jener Zeit wahrlich einem Fußballwunder glich. Galt doch das Königreich als Mutterland der „Footers“. Also Revanche?

Man zögert nicht allzu lange und pfeift das Länderspiel „Deutschland gegen England“ an. Einen neutralen Schiedsrichter gibt es nicht. Wer sollte es auch sein? Bauer Leblon war ja vom Hof gejagt worden. Auch Torstangen sind nicht zu finden, dafür müssen jeweils zwei Mützen herhalten, korrekt in sieben Meter Abstand. Das Spielfeld kann sich sehen lassen, 50 mal 100 Meter, von den Soldaten platt und glatt getreten, von Munitionskisten und toten Tieren freigeräumt. Die herumliegenden Menschenleichen hatte man vorher noch gebührend bestattet.

Das Spiel selbst verläuft, wie Fußball eben verläuft. Es spielen elf gegen elf, und ihre jeweiligen Anhänger fiebern mit und feuern an. Von kleinen spielerischen Mängeln ist später zu hören, die selbstverständlich auf den hart gefrorenen Acker zurückzuführen sind. Gute Ausreden finden konnte man damals schon. Ja, und selbst die hohe Schule der Taktik wurde praktiziert. Die wenigen schottischen Spieler trugen unter ihrem Rock – trotz der Kälte – keine Unterhosen, was die deutsche Mannschaft anfangs doch sehr irritiert haben soll. Erst hinterher wurden sie über diesen würdigen Brauch aufgeklärt.

Überhaupt hinterher. Man macht dort weiter, wo nachts zuvor aufgehört wurde. Die Schotten spielen auf ihren Dudelsäcken, die Deutschen auf ihren Mundharmonikas. Es wird noch ein gemeinsames Foto gemacht, wie das bei denkwürdigen Sportereignissen so üblich ist, und es wird auch noch kräftig und gemeinsam einer gehoben. Schnaps ist schließlich keine Mangelware an der Front. Über Politik wird im Niemandsland nicht gesprochen, eher schon über die Menschen daheim. Fotos der Angehörigen werden aus den Taschen gezogen und Fragen nach dem Sinn des Krieges gestellt. Niemann tauscht noch eine Flasche Rum gegen eine Büchse mit Rindfleisch. Später spricht er vom Wahnsinn, mit dem Gegner keine Kugeln, sondern Konserven getauscht zu haben. Beim Auseinandergehen schwören sich beide Seiten noch zwei Dinge. Keinem Befehlshaber vom Fußballspiel und der Feier zu erzählen und nicht mehr aufeinander zu schießen. Welch schöne Bescherung.

Die Männer in den Schützengräben halten sich an diesen Schwur, kein einziger Schuß entweiht die weihnachtliche Stille über diesen Frontabschnitt. Auch in den Tagen danach liegt Frieden über den Feldern von „La Moutarderie“. Doch ein Geheimnis bleibt das christliche Miteinander nicht.

Der nicht befohlene Waffenstillstand, der in Kriegszeiten so unglaubliche „Friede von unten“ ergreift auch andere Abschnitte der Front – und so etwas fällt auf. Die Opferzahlen gehen spürbar zurück, und das haben Heeresleitungen überhaupt nicht gern. Die Engländer lösen sofort ihre Truppen ab und weisen die nachrückenden Divisionen an, auf jeden Feind zu schießen. Auch das deutsche Oberkommando handelt, tauscht aus und untersagt ab 29. Dezember jedwede Verbrüderungsaktion. Wer sich dem Befehl widersetzt, wird erschossen. Niemann und Evans verlassen „La Moutarderie“.

Danach wird geschwiegen. Die reichsdeutsche Presse bringt keine Zeile über die ungewöhnlichen Ereignisse an der Front, die Redaktionen beider Seiten waren ein halbes Jahr nach Ausbruch der Feindseligkeiten viel zu sehr mit Kriegspropaganda beschäftigt. Diese geradezu ungeheuerlichen Nachrichten hätten den Nationalstolz doch zu sehr getroffen.

Ohne sich untereinander abzusprechen, schweigen auch die Regimentskommandeure das friedliche Spiel tot. Noch heute gibt es in den Militärarchiven nur wenige Hinweise auf die Geschehnisse am Weihnachtstag 1914. Einen nutzt der frühere Beatles-Sänger Paul McCartney, um 70 Jahre später seinen Hit „Pipes of Peace“ zu schreiben, einen anderen die Filmindustrie, um daraus den Stoff für einen großen Weihnachtsfilm für 2005 zu drehen. In der Hauptrolle die von Hildesheim nach Hollywood gewechselte Diane Krüger.



Johannes Niemann stirbt 1979 in Hamburg. Er war der letzte Zeitzeuge auf deutscher Seite. „Es war die große Sehnsucht, die uns vereinte“, sagte er rückblickend. „Die Sehnsucht nach den Familien, die man lange nicht gesehen hatte, die Sehnsucht nach dem kleinen Glück in einer schweren Zeit.“

Ernest Williams glaubt fortan an die Kraft des Fußballs. Bis zu seinem Tod vor 20 Jahren leitet er den Landesverband Cheshire im englischen Fußballverband, sein Hauptaugenmerk gilt dabei der Jugendarbeit. „Mit der Vermittlung internationaler Jugendspiele möchte ich dazu beitragen, daß niemals wieder Menschen auf Menschen schießen müssen.“

Bleibt nur noch eines zu sagen. Dieses wohl ungewöhnlichste Fußballspiel aller Zeiten endet 3:2 für Deutschland. Wie unwichtig doch ein Ergebnis sein kann.


Ein Erinnerungs-, kein Wiederholungsspiel: In Neuville Saint-Vaast, nicht weit von dem Ort, wo verfeindete Deutsche und Briten mitten im Krieg Fußball spielten, trafen sich vergangenen Sonntag [Dezember 2004] ein französisches (in Blau) und ein internationales Team von Deutschen, Briten und Belgiern zu einem Wohltätigkeitsspiel.


aus der HAZ vom 24. Dezember 2004


siehe dazu auch:
- Der Weihnachtsfrieden von 1914 (Alles Schall und Rauch, 25.01.2014)

Freitag, 22. Dezember 2006

Das Licht der Hoffnung

Vier Kerzen brannten am Adventskranz Es war still. So still, daß man hörte, wie die Kerzen zu reden begannen. Die erste Kerze seufzte und sagte: „Ich heiße Frieden. Mein Licht leuchtet, aber die Menschen halten keinen Frieden, die wollen mich nicht.“ Ihr Licht wurde immer kleiner und verlosch schließlich ganz.
Die zweite Kerze flackerte und sagte: „Ich heiße Glauben, aber ich bin überflüssig. Die Menschen wollen von Gott nichts wissen. Es hat keinen Sinn mehr, daß ich brenne.“ Ein Luftzug wehte durch den Raum und die Kerze war aus.
Leise und traurig meldete sich die dritte Kerze zu Wort: „Ich heiße Liebe. Ich habe keine Kraft mehr zu brennen. Die Menschen stellen mich an die Seite. Sie sehen nur sich selbst und nicht die anderen, die sie lieb haben sollen.“ Und mit einem letzten Aufflackern war auch dieses Licht gelöscht.
Da kam ein Kind in den Raum. Es schaute die Kerzen an und sagte: „Aber, aber, ihr sollt doch brennen und nicht aus sein!“ Und fast fing es an zu weinen. Da meldete sich auch die vierte Kerze zu Wort. Sie sagte: „Hab’ keine Angst! So lange ich brenne, können wir die anderen Kerzen wieder anzünden.“
Mit einem Streichholz nahm das Kind Licht von dieser Kerze und zündete die anderen Lichter wieder an.

(von P. Tisch-Rodler)





Donnerstag, 21. Dezember 2006

Die Geschichte vom Lametta

gibt’s schon x-mal im Net, ich verlinke es deshalb nur.