Mittwoch, 10. Juni 2009
Raubtierkapitalismus und kranke Bankangestellte
Medizin-Standesfürsten und die Medizin
Bundesärztekammerpräsident Hoppe will rationieren. So weit so gut. Aber dass dies derart ignorant, gedankenlos auf Stammtischniveau geschieht, ist eine Schande:
„Wunschmedizin ist, wenn man beim Genuss von Speisen und Getränken keine Abstriche machen will, aber Medikamente braucht, damit die Magenschleimhaut das auch verträgt. Da muss man dann ehrlich sein und dem Patienten sagen, dass er das selbst bezahlen oder auf Alkohol und fettes Essen verzichten muss.'"...Bei zu hohen Cholesterinwerten kann man auch eine Diät machen. Medikamente sind nur in Ausnahmefällen nötig. Die Menschen müssen bei der Erhaltung ihrer Gesundheit mitwirken, damit das System möglichst wenig in Anspruch genommen wird.“
So spricht ein Angehöriger der oberen Schicht, der anscheinend noch nie was davon gehört hat, dass Alkohol und Übergewicht zum Beispiel schicht- und bildungsabhängig ist oder mit längerer Arbeitslosigkeit korreliert – das ist ja so einfach, das als Willenssache hinzustellen! Das ist schick, das gibt Missfelder-Applaus vom Stammtisch (genau da!) Wenn (laut Robert-Koch-Institut) lediglich 8.2% der 11-15-jährigen Jungen aus wohlhabenden Familien Übergewicht haben, aber 15,8 % derselben Altersgruppen aus armen Verhältnissen, dann sollte man das Maul nicht zu sehr aufreißen (Bei den Mädchen ist das Verhältnis 3.7% zu 9,4%. Wenn man mit 1 Dollar 250 Kalorien an Karotten aber 1200 Kalorien an Keksen kaufen kann, wenn die Morbiditätsquote bei länger als 12 Monaten arbeitslosen Männern bei 59,7% liegt, bei den Erwerbstätigen bei 27,7% und, und und…. dann sollte ein Ärztekammerpräsident mal sein Auge auf den Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit legen und nicht von Diät schwadronieren. Aber – wie titelt Bettina Schmidt in ihr sehr lesenswertes Buch:
Eigenverantwortung haben immer die andern.
Da fällt mir ein, dass immer noch niemand mein Referat „Gesundheit – soziale Ungleichheit – Eigenverantwortung“ abgerufen hat….

Zum Interview mit Hoppe bei FR-Online
Donnerstag, 28. Mai 2009
Streichelnetzwerk entdeckt
GÖTEBORG – Beruhigung, Schmerzlinderung, Wohlbefinden – all das kann ein sanftes Streicheln der Haut bewirken. Schwedische Forscher liefern jetzt Gründe dafür. Die Haut ist von einem Netzwerk C-taktiler Nerven durchzogen, die gezielt auf Streicheln reagieren. Sie schicken ihre Signale direkt in das Hirnareal, in dem positive Gefühle verarbeitet werden. NATURE NEUROSCIENCE berichtet, dass Probanden feinste Elektroden in die Unterarmhaut gestochen wurden, sodass jede das Signal einer einzelnen Nervenfaser registrierte. Anschließend streichelte ein Roboter mit einem weichen Ziegenhaarpinsel in einer genau festgelegten Geschwindigkeit und mit speziellem Druck über die Haut der Teilnehmer. Ein Teil der Testpersonen sollte angeben, welche Druck-Geschwindigkeit-Kombi am angenehmsten war. Genau in dem Geschwindigkeitsbereich, der am positivsten empfunden wurde, feuerten die CT Fasern am stärksten. Das "Streichelnetzwerk" dient dazu, soziale Nähe zu vermitteln und einen Gegenpol zu Schmerzreizen zu schaffen, vermuten die Forscher. ■ Draufgängern genügen Placebos
MONTREAL – Je mutiger ein Mensch, desto empfänglicher für Placebos. Dies stellten kanadische Wissenschaftler von der McGill-Universität fest, so NEW SCIENTIST. Hierzu testeten sie an Probanden eine wirkstofffreie Creme die sie als schmerzlindernd ausgaben. Der Schmerz wurde durch eine Salzlösung ausgelöst, die man den Testpersonen in die Beine injizierte. Außerdem führte man einen Persönlichkeitstest mit den Teilnehmern durch, um ihre Abenteuerlust einzustufen. Je abenteuerlustiger, desto besser half die angeblich lindernde Creme gegen die Schmerzen. Die Forscher führen dieses Ergebnis auf eine höhere Empfindlichkeit der Personen auf Dopamin zurück. Allein die Vorstellung, dass der Schmerz nachlässt, aktiviere das Belohnungszentrum und sorge für das angenehme Gefühl, dass ein Ziel erreicht ist. ■ Dicke schaden dem Klima
LONDON – Übergewicht ist ungesund, auch für die Umwelt. Phil Edwards und Ian Roberts von der School of Hygiene and Tropical Medicine fanden heraus, dass eine schlanke Gesellschaft eine Gigatonne weniger CO2 ausstößt als eine fettleibige Bevölkerung. Im INTERNATIONAL JOURNAL OF EPIDEMIOLOGY erläutern die Forscher, dass dünne Menschen, zum Beispiel in Vietnam, weniger essen. Weniger Lebensmittelproduktion bedeutet weniger Treibhausgase. Darüber hinaus verbrauche der Transport von Dicken mehr Energie. "Wenn man sich in einem schweren Körper bewegt, ist es, als wurde man mit einem Spritfresser durch die Gegend fahren", schreibt das Fachmagazin. Auch die Abhängigkeit von Autos steige mit dem Körpergewicht. Die Wissenschaftler fordern auf, Übergewicht als "Schlüsselfaktor" für den Klimaschutz zu erkennen. ■ Montag, 25. Mai 2009
Geriatrie – Frauen leben länger, sind aber kränker
Annual Scientific Meeting of the American Geriatric Society, Chicago, 29.4-2.5.2009
Schröpfen gegen das Karpaltunnelsyndrom
Schröpfkopfmassage, unblutig. Mit der blutigen Variante, bei der vor dem Aufsetzen der Schröpfköpfe die Haut leicht angeritzt wird, kann bei Karpaltunnelsyndrom geholfen werden.Die Wirksamkeit des blutigen Schröpfens beim Karpaltunnelsyndrom konnte erstmals belegt werden. Häufig ist die Brachialgie mit Nacken- und Schulterschmerzen assoziiert. Forscher der Universitat Essen haben sich diese Verbindung zwischen Handgelenk und Schulter zunutze gemacht. In einer randomisierten kontrollierten Therapiestudie wurden 52 Brachialgiepatienten in zwei Gruppen unterteilt Eine Gruppe wurde im Schulterbereich blutig geschröpft – dabei werden die Schröpfköpfe an Hautstellen angesetzt, die zuvor mit einer kleinen Kanüle oder Lanzette eingeritzt wurden –, die Kontrollgruppe bekam eine Wärmetherapie. Nach sieben Tagen gingen die Beschwerden (Schmerzen in Schulter und Hand, Kribbeln, Taubheitsgefühl) der Schröpfgruppe um 60 Prozent zurück, in der Kontrollgruppe nur um 23 Prozent. Der Wirkmechanismus basiert vermutlich auf dem Prinzip der Reflexzonen. Das Schröpfen fördert die Durchblutung und muskuläre Spannungslösung in einem bestimmten Areal – hier im Schulterdreieck. Dies wiederum habe günstige reflektorische Effekte auf den betroffenen Nerv, so die Naturmediziner.
Arzthonorare
Radiologen stehen gemeinsam mit den Internisten an der Spitze der Arzt-Honorare in Deutschland. Hausärzte landen nach aktuellen Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung abgeschlagen auf Platz 9 und 10. Die rote Laterne halten die Psychotherapeuten auf Platz 13 (nicht in der Graphik). www/kbv.deDonnerstag, 21. Mai 2009
Auf Sauftour
bei ZEIT-Online
Und bei SPIEGEL-Online lüftet Frank Plasberg das Geheimnis von 30, 60 und 95. Wenn wir René Weller nicht hätten: »Meine Frau macht den Haushalt ich mach’ den Rest.« Renée, das war … »SPITZE!«
Mittwoch, 20. Mai 2009
Schmerzforschung – Wer das Risiko liebt, reagiert besser auf Placebo
Journal of Neuroscience 2009;29:4882-87
Schlafstörungen – Erhöhte Suizidgefahr
Wojnor M. et al. International Congress of the World Psychiatric Association, Florenz, April 2009
Menopause – Akupunktur bei Hitzewallungen nicht wirksam
Lee et al. Climateric 2009;12(1):16-25
Dienstag, 19. Mai 2009
Betagter Patient muß ins Krankenhaus – Danach nicht mehr der Alte
Annals of Internal Medicine 2009;150:372-78
Führende US-Ärzte fordern: Weniger Industrie-Sponsoring für Fachgesellschaften
JAMA 2009;301:1367-72
HIV-Epidemie – Ist das Virus aggressiver geworden?
Clin Infect Dis 2009;48:1293-95
Endspiele im Sport – Für Fans lebensgefährlich
ACC-Jahrestagung, 29.3.-1.4.2009, Orlando
Montag, 18. Mai 2009
Wo sind wir?
Dann fühlt sich das Innenministerium auf den Schlips getreten (sollte man eigentlich aushalten können). Und dann löscht der Provider die Seite. Wie kommt’s? (Link zu ZEIT-Online)Nun, das Bundesverwaltungsamt (BVA), zuständig für den Internet-Auftritt des Bundesinnenministeriums, hat sich schriftlich mit der Bitte an den Provider gewandt, die Satireseite umgehend zu sperren, da diese die Originalseite des Ministeriums »nachahme«.
Der Provider hat sein Vorgehen gerechtfertigt. Kann man ja auch gut nachvollziehen.
ZEIT-Online:
Der Gehorsam des Providers erspart dem BVA eine Überprüfung der rechtlichen Grundlage sogar. Zwar ist es verboten, Hoheitszeichen des Bundes zu missbrauchen, doch handelt es sich eher um eine bußgeldpflichtige Ordnungswidrigkeit. Außerdem steht und fällt der Vorwurf der »Nachahmung« mit der Tatsache, ob es sich bei der Seite um offensichtliche Satire handelt oder nicht.
Ob die Satire wirklich zu subtil war, um von Jedermann als solche erkannt zu werden, dürfte im Auge des Betrachters liegen. Und im Zweifel hätte ein Gericht dies zu prüfen.Der Fall zeigt, welchen Einfluss der Staat schon jetzt auf Provider hat. Rechtlich ist weder dem Provider noch dem BVA ein Vorwurf zu machen, auch wenn die Grundlage, auf die sich das Schreiben stützt, dünn ist. Allerdings dürfte das Prozedere all jenen als Bestätigung dienen, die befürchten, Sperrlisten für Kinderpornografie-Seiten seien nur der Wegbereiter für eine Zensur unliebsamer Inhalte.
[…]
Blogger Förster hat seine Seite inzwischen überarbeitet, und sie steht auch wieder im Netz. Allerdings bleibe ein übler Nachgeschmack, wie er schreibt:
Ihm sei es unverständlich, wieso »es Sperrlisten und neue Gesetze braucht, um unbestreitbar schwerstkriminelle Inhalte unzugänglich zu machen, wenn es ein paar Minuten dauert, harmlose Satireseiten mit wenigen Klicks am Tag vom Netz zu nehmen«. (ZEIT-Online)
Wo sind wir also? In einem Land, in welchem es möglich ist, innerhalb kürzester Zeit harmlose Satireseiten abzuschalten und Leuten wegen ein paar Cent zu kündigen (Lidl) und in dem es auf der anderen Seite anscheinend gewaltigen Aufwand braucht, schwerkriminelle Internet-Inhalte zu blockieren und sich die Heuschrecken eine goldene Nase verdienen.
Jetzt fragen wir uns: Wer ist schuld? (Bei uns ist ja immer jemand schuld. Das muß auch so sein, weil man sich sonst letztendlich selbst an die eigene Nase fassen müßte.) Leute sind schuld, die sowas aushalten und mitmachen: Uns geht’s gold (bei ZEIT-Online). Und bei uns in Hannover wollen unsere Politiker einen neuen Landtag bauen, der 45 Millionen Euro kosten soll. Er wird zwar nur ein halbes Dutzend Mal im Monat genutzt, aber wenn man der HypoRealEstate hunderte von Milliarden reinschüttet, kommt’s da auch nicht mehr drauf an. Die sind auch schuld. Und Obama ist auch schuld. Will Guantanamo zumachen und kriegt vom Kongreß kein Geld nicht für. Selbst schuld. Und Arnie Terminator, der ist auch schuld. Will das kalifornische Haushaltsloch stopfen, und die Leute sind dagegen. So geht’s nicht. Bessere Überzeugungsarbeit! 35 Millionen für die Kampagne, bei weitem zu wenig. Arnie, du bist auch schuld.
Ich warte auf die Fragen nach den niedrigen Wahlbeteiligungen. Genügend Wahlen haben wir dieses Jahr ja.
Sie leben vom Lösegeld der Piraten
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Von Marc Engelhardt
Schneller Reichtum im Armenhaus: Für junge Somalis bleibt nur die Laufbahn als Pirat.In der Einfahrt stehen Geländewagen, auf Hochglanz poliert. Wo früher nur windschiefe, strohbedeckte Fischerhütten die Küste säumten, blitzen heute weiß getünchte Villen in der gleißenden Sonne. An der staubigen Küste im Norden Somalias spielen die Kosten keine Rolle mehr: Neureiche Piraten wie Hassan Abdi haben Geld en masse. »Ich habe in wenigen Jahren Hunderttausende Dollar verdient», sagt der Mann. Abdi – dessen Name hier geändert ist – stammt aus Eyl. Das ist eines der berüchtigtsten Piratennester in Puntland, der Region rund ums Horn von Afrika.
In Puntland ist die Piraterie zum mit Abstand wichtigsten Wirtschaftssektor avanciert. Dreißig Millionen Dollar Lösegeld sollen Piraten hier im vergangenen Jahr gemacht haben. Der puntländische Haushalt beträgt etwa zwanzig Millionen.
In Eyl hat sich rund um das Kerngeschäft eine rege Dienstleistungsindustrie entwickelt. Sobald die Seeräuber – das sind selten mehr als zehn Mann – ein neues Schiff gekapert haben, läuft in der Gegend eine wohl geölte Maschinerie an, berichtet ein somalischer Journalist, der nur Abdullahi genannt werden möchte. »Männer ziehen Anzüge und schicke Schuhe an, werfen Laptops in ihre Landcruiser und fahren zum Hafen, um auf die ankommende Besatzung zu warten«, erzählt der Journalist. Die einen erklären sich flugs zu Verhandlungsführern, andere zu Finanzverwaltern. Im Dorf warten Köche darauf, das lukrative Catering für die Geisein zu übernehmen. »Wer schießen kann, übernimmt Wache: gut fünfzig auf dem Schiff, noch mal fünfzig davor.« Jede helfende Hand wird entlohnt, sobald das Lösegeld fließt. Nicht jeder wird reich dabei: Von den Millionensummen, die bezahlt werden, bekommen manche Helfer gerade mal einen Zwanzig-Dollar-Schein ab.
Ein Teil des Lösegelds, erklärt Abdullahi, geht für Schmiergelder drauf: »Da tauchen immer wieder Führer irgendwelcher Gruppen auf, und wenn der Piratenboss glaubt, dass sie eine Gefahr darstellen, bekommen sie etwas ab.« Islamistische Gruppen sind ebenso darunter wie Clanmilizen oder sogenannte Polizisten, die vom Staat schon lange nicht mehr bezahlt werden. »In Somalia wird ständig gekämpft. Wer heute ein Dorf kontrolliert, kann morgen schon wieder verjagt worden sein«, erklärt Abdullahi.
Puntlands Regierung unter Abdirahman Mohamud Farole hat bislang keinen Versuch gemacht, gegen die Piraten vorzugehen. »Die puntländische Regierung profitiert von der Piraterie, direkt und indirekt«, weiß ein Journalist, der für den puntländischen Sender Radio Garowe arbeitet. Auch er will seinen Namen nicht nennen. »Die Piraten zahlen eine Art Steuer an die Behörden, damit sie gar nicht erst versuchen, lästig zu werden«, sagt er. Dass Farole derzeit versucht, westlichen Gebern eine Sondereinheit zur Bekämpfung der Piraterie schmackhaft zu machen, sei eine Farce, sagt denn auch Andrew Mwangura, der ein Seefahrer-Hilfsprogramm in der kenianischen Hafenstadt Mombasa betreibt. »Die sagen: Gebt uns Geld. Und das verschwindet dann irgendwo. Aber wirklich etwas gegen die Piraten unternommen wird damit nicht.« Die 15 Millionen Euro, die Farole fordert, sollten besser zur Wiederherstellung der staatlichen Ordnung in Somalia eingesetzt werden, meint Mwangura.
Selbst wenn der Regierungschef es ernst meinen sollte: In der Bevölkerung hätte sein Plan nur wenig Rückhalt. Denn Männer wie Abdi kurbeln die Wirtschaft an. Sie geben Schnellboote in Auftrag, die von örtlichen Handwerkern aus Fiberglas hergestellt werden. Anstelle von Außenbordern bauen sie Lkw-Motoren ein, die eine Schiffsschraube antreiben. So kommen die Boote richtig auf Touren. Die Piraten kaufen Lebensmittel für die Geiseln und importieren Waffen und Khat, das Rauschkraut, das die Söldner bei der Stange hält. Und sie beschäftigen Hunderte Jugendlicher, die sonst keinen Job hätten.
Einen Teil seiner Lösegelder investiert Abdi in Häuser, Restaurants, Kneipen, Bordelle. Für all jene, die von diesem Aufschwung profitieren, ist Abdi ein Held, einer der dafür gesorgt hat, dass in einer von 18 Jahren Bürgerkrieg und Regierungslosigkeit gezeichneten Region eine Boomtown neben der anderen entsteht. Junge Bewerber stehen Schlange: Für junge Somalis, die nie einen funktionierenden Staat erlebt haben, ist das Piratentum derzeit der einzige Karriereweg. ■
»Wir sind Helden«
Alles begann, als ich die Highschool abgeschlossen hatte, auf die Universität wollte und dafür kein Geld da war. Also wurde ich wie mein Vater Fischer in Eyl im Puntland, im Norden Somalias, auch wenn ich davon träumte, für ein richtiges Unternehmen zu arbeiten. Doch dazu kam es nie, weil 1991 die somalische Regierung zerschlagen wurde und das Land zerfiel. Als Fischer auf See wurden wir oft von fremden Booten und Trawlern angegriffen. Wir mussten fliehen, um unser Leben zu retten. So fing auch ich an, Schiffe zu entführen. Ich weiß, man hält uns für Piraten, die sich illegal Geld beschaffen. Wir aber betrachten uns als Helden, die der Armut entkommen. Mit den Entführungen begehen wir in unseren Augen kein Verbrechen, sondern fordern nur ein Wegegeld, da wir seit Jahrzehnten keine Regierung mehr haben, die unser Seegebiet kontrollieren könnte. Wir werden so lange weitermachen, bis es wieder somalische Autoritäten gibt, die unsere Hoheitsgewässer schützen und kontrollieren.
(aus: »Der Freitag«, 23. April 2009)
aus Publik-Forum 9•2009
Wir lagen vor Madagasakar
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Von Gerhard Armanski
Piraterie ist von jeher eine gewaltsame Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums, der auf den Meeren transportiert wird. Sie nährt sich von den großen Seehandelsrouten, den Lebensadern des Kapitalismus. Das war schon bei den Piraten in der Karibik so. Zu ihrer Zeit wurden die Gold- und Perlenschätze, die den Kolonien in Südamerika abgepresst worden waren, nach Europa verschifft. Damals feierten die wilden Kerle des Kapitalismus in der Karibik Urständ. Mit zunehmendem Warenhandel blühte die Piraterie erst richtig auf. Die Zeit zwischen 1650 und 1730 galt den Piraten als goldene. Davon leben heute noch romantische oder ironische Verfilmungen, etwa mit Errol Flynn oder Johnny Depp.
Das weltbeste Piratenmuseum auf den Bahamas gibt Auskunft, wie es wirklich war. »Vaterlandslose Gesellen« schlossen mit den legendären Anführern damals regelrechte Verträge. Darin waren der Beuteanteil je nach Rang und die Entschädigung für Verwundungen genau festgelegt. Die zusammengewürfelten Mannschaften hatten kein langes Leben zu erwarten, Ärzte waren selten und sehr begehrt. Im Gegensatz zur Mär vergriffen sich die Piraten an Bord nie an »erbeuteten« Frauen; das hätte deren Wert als geldträchtige Geisel gemindert. Das Entermesser oder der Haken bildeten ihre bevorzugte Waffe. Häufig fuhr man unter falscher Fahne und ließ erst im letzten Augenblick die der Piraten steigen. Der heute bei Kinderfesten so beliebte Totenkopf war eher die Ausnahme; man bevorzugte fantasievolle Eigenprodukte um Tod und Gewalt, gekreuzte blutrote Messer oder einen Galgen, unter dem ein Schatzsack baumelte.
Mythische Träume: Ken Duken als StörtebekerIm Zeichen des aufkommenden Merkantilismus aber wollten Engländer, Franzosen und Spanier keine ungesetzlichen Übergriffe auf ihre »ordentlich« erworbenen mobilen Reichtümer mehr dulden. Sie patrouillierten in der Karibik und griffen allmählich alle Piraten auf. In wenigen Jahren waren die Seewege »gesäubert«, die Piraten endeten am Galgen oder schlugen sich mit anderen Arbeiten durch. Ihre Geschichte ist damit aber nicht zu Ende. Die Piraten wurden zu mythischen Träumen. Die historische Wirklichkeit, die meist weit weniger edel war als ihre filmischen Abziehbilder, verwandelte sich zur »großen Erzählung«. Auf Kreuzfahrtschiffen singen Passagiere zum Abschied »Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord …« Das Genre spielt den wilden Mythos der Freiheit vor, wie sie der industriellen Gesellschaft verloren gegangen ist. Es mystifiziert ein soziales Außenseitertum, das Unabhängigkeit, Aggression und Sehnsucht nach grenzenloser Weite verbindet. Die andere Seite des Portlebens der Piraterie ist höchst real. Wie die Mafia wird sie zum Subsystem des Kapitalismus. Da haben wir nicht nur die aktuellen Überfälle auf Seetransporter, sondern auch die Produkt-, Internet- oder Wissenschaftspiraterie. Mit solchen Übergriffen kann das System leben, solange sie nicht überhandnehmen. Aber irgendwann hört der Spaß auf, und die »internationale Gemeinschaft« schickt sich an, in den verunsicherten Gewässern wieder Ordnung zu schaffen. ■
Gerhard Armanski, Historiker und Schriftsteller, ist häufig selbst auf den Weltmeeren unterwegs.
Sonntag, 17. Mai 2009
Vor 55 Jahren: Das Urteil in Brown gegen den Schulbezirk von Topeka
Vor 55 Jahren, am 17. Mai 1954, verkündete Earl Warren, ein Jahr zuvor durch Präsident Eisenhower zum Obersten Richter berufen, die einstimmige Entscheidung des Obersten Gerichts im Fall Brown, dass „getrennte Bildungseinrichtungen von Natur aus ungleich“ sind. Dieses Urteil beendet den auf eine Sammelklage aus dem Jahr 1952 zurückgehenden Rechtsstreit wie auch die lange etablierte Rassentrennung oder Segregation in den öffentlichen Schulen im Süden der USA.Nach drei Amtsperioden als Gouverneur in Kalifornien wurde Warren 1948 der republikanische Vizepräsidentschafts-Kandidat. Dann kam der Wendepunkt in Warrens Leben: US-Präsident Dwight D. Eisenhower ernannte ihn 1953 zum
Aus dem Fall Miranda v. Arizona entstand die Regelung, die die Polizei anwies, Verdächtigen bei der Festnahme ihre Bürgerrechte zu erklären. Diese Regelung stieß bei Polizeibeamten, Staatsanwaltschaften, den Justizministern der Bundesstaaten und FBI- Chef J. Edgar Hoover auf Empörung. Der sogenannte „juristische Aktivismus“ des „Warren-Gerichts“ wurde von konservativen Kreisen heftig angeprangert.
Gleich nach der Ermordung von John F. Kennedy ernannte der neue Präsident, Lyndon B. Johnson, Warren zum Leiter einer Sonderkommission (die „Warren-Kommission“), die die Fakten des Attentats sammeln und ermitteln sollte. Schließlich beschloss die Kommission, dass nur der mutmaßliche Attentäter, Lee Harvey Oswald, verantwortlich war. Diese Schlussfolgerung hieß „die Theorie eines einzelnen Schützen“ („the lone gunman theory“). Viele Kritiker blieben skeptisch, denn es gab in dem Bericht der Kommission mehrere Widersprüche, und heute glauben viele Menschen noch an verschiedene Verschwörungstheorien. Unter anderem argumentiert man, es wäre für Oswald unmöglich gewesen, drei Schüsse so schnell nacheinander abzufeuern. Trotz allem blieb Warren fest.
1969 ging Warren in den Ruhestand, obwohl alle Richter des Obersten Gerichtshofs lebenslang amtieren dürfen. Seine Kollegen schätzten ihn als den „Superchef“, obwohl er die Zielscheibe vieler Konservativer war. Zu dieser Zeit gab es in den südlichen Bundesstaaten zahllose Plakate mit der Devise: „Impeach Earl Warren!“ („Enthebt Earl Warren des Amtes!“)
Warren starb 1974 in Washington D. C. und wurde auf dem Nationalfriedhof Arlington beigesetzt.