Freitag, 7. Dezember 2012

Heute vor 124 Jahren – 7. Dezember 1888: John Dunlop meldet das Patent für den ersten Fahrradluftreifen an

John Dunlop lässt Reifen leise laufen 

 Alle Eltern, deren Kinder je ein »Bobby-Car« mit seinen ohrenbetäubenden Reifen aus hartem Kunststoff gefahren haben, können sicherlich nachempfinden, wie es dem irischen Tierarzt John Dunlop (1840-1921) erging, wenn sein Sohn mit dem Dreirad unterwegs war, das eisenummantelte Holzräder hatte. Er sah, dass der Filius einen Heidenspaß hatte; der dabei produzierte Lärm aber war auf Dauer kaum zu ertragen. Also machte er sich ans Werk, die Lärmquelle zu beseitigen: Aus Gummischläuchen, Leinwand und einem zweckentfremdeten Schnuller als Ventil bastelte der Vater eine Ummantelung für die Holzräder und pumpte sie mit einer Ballpumpe auf. Die Lärmquelle war beseitigt und das Prinzip des luftgefüllten Reifens erfunden. 1889 gründete der findige Tierarzt in Dublin das erste Reifenwerk.

Wikipedia erzählt die Geschichte noch ein Stück weiter:
Am 7. Dezember 1888 meldete er das Patent für den ersten Fahrradluftreifen an und gründete ein Jahr später das erste Reifenwerk der späteren Dunlop-Gruppe. Das Patent verkaufte er einige Zeit später an William Harvey Du Cros. Er selbst wurde zeit seines Lebens nicht reich durch seine Erfindung.

 Charles Goodyear (1800-1860) erfand die Vulkanisation des Kautschuks und um 1840 das Hartgummi. Als Geschäftsmann war er aber wenig erfolgreich: Die bekannte Reifenfirma trägt den Namen lediglich im Gedenken an den Pionier der Gummiproduktion. 

Giovanni Battista Pirelli (1848-1932) gründete 1872 in Mailand eine Gummifabrik, die seit den 1890er-Jahren auch luftgefüllte Reifen für Fahrräder und Automobile produziert. 
 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012

Adventsrätsel (das Siebente von vierundzwanzig)

Mit Last beladen kann ich gehen, 
nimmt man die Last, 
so bleib ich stehen.
Auflösung zu Nr. 6

Auflösung zu Nr. 6 vom Jahr 2013:
Kein Nikolaus hat vier Beine, ein Nikolaus nur zwei (*gg*)

Vor 2075 Jahren – 63 v. Chr.: Cicero deckt die Verschwörung des Catalina auf

Reden zur Verteidigung der Republik

 Der römische Politiker Lucius Sergius Catilina (108-62 v. Chr.) war 67 v. Chr. zum Statthalter der Provinz Africa ernannt worden, die er zum eigenen Vorteil unerbittlich ausbeutete. Den auch ansonsten übel beleumundeten Catilina erwartete daher 66 in Rom ein Rückforderungsverfahren, weshalb er auch von der Bewerbung für das Konsulat ausgeschlossen wurde. In den Jahren 65 und 64 v. Chr. bewarb er sich ebenfalls vergebens auf das Amt und versuchte schließlich, mit Gewalt an die Macht zu kommen.

Büste des Cicero, 1. Jh. v. Chr.

 Der amtierende Konsul Marcus Tullius Cicero deckte 63 die Umsturzpläne auf und hielt im Senat vier berühmt gewordene Reden in dieser Sache. Catilina verlor daraufhin immer mehr Anhänger in Rom, wurde zum Staatsfeind erklärt und sah sich gezwungen, die Stadt zu verlassen. In Etrurien sammelte er ein Heer, das 62 v. Chr. bei Florenz geschlagen wurde. Catilina fiel in der Schlacht bei Pistoria.

 Aus Ciceros 1. Rede gegen Catilina: 

Wie weit, Catilina, wirst du es am Ende noch treiben im Missbrauch unserer Geduld? Wie lange noch wird jenes dein rasendes Beginnen uns verhöhnen? … Wem von uns, meinst du, sei es unbekannt, was du in der letzten, der vorletzten Nacht getrieben, wo du gewesen, welche Leute du um dich versammelt, welche Pläne du gefasst hast? 
 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Gestern starb Dave Brubeck

Einen Tag vor seinem 92. Geburtstag hat Dave Brubeck die Kurve gekratzt.
Als mir mein Klavierlehrer die Noten zum folgenden Stück vorlegte, habe ich Stielaugen gemacht: Geht das überhaupt, ein 5/4-Takt? Anscheinend…


(Der Komponist von Take Five, Paul Desmond, ist am Saxophon zu sehen, auf youtube gibt's noch viele interessante Versionen…)











Ein Nachruf und eine Gratulation zum 90. Geburtstag bei ZEIT Online.

Ein aufgeweckter Träumer

Kuhstall, 1917, Sprengel-Museum, Hannover

Marc Chagall war zeitlebens ein aufgeweckter Träumer. Wie selbstverständlich öffnet sein Werk die mir vertraute kleine Welt, die mich ebenso geborgen wie gefangen hält, für eine ungleich reichere Wirklichkeit. In kraftvoll visionären Bildern greift Chagall weit in die Ferne – und kommt dabei ganz nah an das Geheimnis des Lebens. Dieses Geheimnis scheint größer und bunter zu sein als das Haus des Lebens, in dem ich mich eingerichtet habe.
Chagalls Bild Der Stall aus dem Jahr 1917 illustriert dies in einer höchst eingängigen Sprache. Der übermächtige Kopf einer Kuh mit großen sanften Augen und einem ebenso sehnsuchts- wie vertrauensvollen Blick durchbricht in leuchtendem Sonnengelb die schwarzblaue Nacht. Wie befreit stößt sie aus der Dunkelheit und Enge durch das Dach ihres Stalls, der offenbar zu klein geworden ist und das Tier nicht mehr fassen kann. Die Kuh ist ein Sinnbild für alles, was lebt. Schon früh erfährt sie der kleine Marc als seine Ernährerin und als diejenige, die dem Pflug ihre Kraft leiht. Im Bild Der Stall werden die Kreatur und der Künstler eins. „Das alte Haus, das niedrige Dach. Es ist dunkel. Die kleinen Fenster sind verriegelt. Ich habe als erster die Tür geöffnet“, schreibt Chagall in einem seiner Gedichte über sein geliebtes Elternhaus. „Und bin hinausgegangen und habe die Hand in die Ferne gestreckt.“
Es gibt kein Bleiben. Leben ist Werden, Wachstum und Entwicklung: Die eigenen Grenzen überschreiten, das Andere suchen, um ganz zu sich zu kommen; das Dunkel durchdringen, um die Farben des Lebens zu finden – das ist die Botschaft eines aufgeweckten Träumers, der mich aufrüttelt aus der Apathie meines Alltags und der Banalität meiner Betriebsamkeit.


Zum Träumen erwachen 

Wer sagt denn, dass die Wachen 
aufgeweckter seien als die Schlafenden? 
Es gibt eine Wachheit, 
die die Kunst zu träumen nicht verlernt hat. 
Wenn wir das noch könnten: 
zum Träumen erwachen – 
 nicht, um das Leben zu träumen, 
sondern, um den Traum zu leben.






Adventsrätsel (das Sechste von vierundzwanzig)

Welcher Kater kann nicht laufen?
Auflösung zu Nr. 5

Heute vor 520 Jahren – 6. Dezember 1492: Kolumbus erreicht Hispaniola

Die »Neue Welt« versperrt den Weg nach Indien 

 Am 12. Oktober 1492 war Christoph Kolumbus nach über acht Wochen auf See mit den drei Karavellen seiner kleinen Entdeckerflotte endlich auf Land gestoßen. Er hatte eine kleine Insel der Bahamas erreicht, die er San Salvador nannte. Nachdem die Crew die Vorräte aufgefüllt und Kolumbus erste Kontakte zu den Einheimischen geknüpft hatte, ging die Fahrt weiter. Ende Oktober landete der Entdecker in Kuba, am 6. Dezember auf Hispaniola, der »Spanischen«, die heute Haiti und die Dominikanische Republik umfasst.

Landung des Kolumbus auf Hispaniola,
Inkunabeldruck, u, 1500
 An Weihnachten 1492 lief das Flaggschiff, die Santa Maria, vor Hispaniola auf Grund. Mithilfe der Einheimischen, deren Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit Kolumbus in höchsten Tönen lobte, ließ er die gesamte Ausrüstung an Land bringen und die erste spanische Siedlung auf amerikanischem Boden errichten. Der prächtige Goldschmuck der Einheimischen und ihre Bereitschaft, das Edelmetall gegen allerlei Tand wie Glasperlen und Klingeln zu tauschen, weckte bei den Europäern heftige Begehrlichkeiten. Kolumbus ließ einen Teil der Mannschaft zurück, segelte im Januar 1493 zunächst zurück nach Spanien und erklärte, er habe Asien erreicht und Gold sowie Sklaven gäbe es dort im Überfluss.

 Was am 6. Dezember noch geschah: 
 1921: Irland wird ein von Großbritannien unabhängiger Freistaat.
 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Geschichtsfrage

Welches Volk wird auch »das Blaue Volk« genannt?


die Inuit auf Grönland
■ die Maya in Mittelamerika
■ die Tuareg in Nordafrika

Adventsrätsel (das Fünfte von vierundzwanzig)

Was braucht das Auto,
was das Pferd sehr stört?
Auflösung zu Nr. 4

Dienstag, 4. Dezember 2012

Wir sind aus solchem Zeug wie das zu Träumen

Paysage vert, 1949

1949 verbringt Chagall vier Monate auf der schmalen Mittelmeerhalbinsel Saint-Jean-Cap-Ferrat zwischen Nizza und Monte Carlo. Die erste Wiederbegegnung mit dem Mittelmeer führt zu neuen künstlerischen Formen. Die Bilder aus dieser Zeit zeigen das Meer und die Berge – und über allem die unendliche Weite des Himmels als riesigen Raum, durchflutet von Tageslicht und sanft erhellt vom Mond. In der Grünen Landschaft von 1949 schweben Sonnenball und Mondscheibe, des Schlafes Bruder und des Lebens Schwester, wie freundliche Riesen über dem Meer des Lebens, durch das ein einsamer Ruderer sein Boot steuert – orientiert nur durch die großen Leitsterne des Tages und der Nacht. Für Chagall sind dies keine Gegensätze: Sonne und Mond, Tag und Nacht, Wachen und Schlafen, Tod und Leben sind immer schon eins. Sie gehören zusammen wie Bruder und Schwester, die mich bei der Hand nehmen und durch das Leben führen. Wo ich mich ihnen anvertraue, weisen sie mir den Weg in jene grün-golden schimmernde Landschaft von ungewöhnlich hoffnungsvoller Dichte, Intensität und Strahlung: das unbekannte Land in der Tiefe meiner Seele, das die Mühen der Entdeckung tausendfach lohnt.

Den Seinen gibt es der Herr im Schlaf

Wenn der Mensch abwesend ist, ist er am stärksten anwesend: im Schlaf, ins Traum. Lange herrschte die populäre Meinung vor, dass das Gehirn in der dämmrigen Phase abschaltet, sich eistspannt. auf Sparflamme „kocht” – und dann viel Überflüssiges vergisst. Die Neurowissenschaft hat andere Ergebnisse gebracht: Gerade jetzt herrscht zwischen den Hirnzellen höchste Aktivität. Die Neuronen „feuern” und knüpfen neue Verbindungen. Was der Mensch am Tag schafft, hat seinen Grund in der Nacht. Eigentlich ahnte es bereits Psalm 127: „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und eucls spät erst niedersetzt, um das Brot der Mühsal zu essen; denn der Herr gibt es den Seinen im Schlaf.” Eine Forschergruppe in Lübeck hat die Weisheit experimentell bestätigt. Versuchspersonen können schlafend eine Mathematikaufgabe leichter lösen als rein wachend. Mathematikern, Physikern, Chemikern, Biologen, Künstlern sind solche Erlebnisse nicht neu. Sie haben die besten Einfälle oft dann, wenn sie gerade nicht ehrgeizig “daran” denken. Morgenstund hat Gold im Mund. Danach kann man aufzeichnen. ins Werk umsetzen, was man erfahren hat. Den Tod bezeichnen wir gern als „Schlafes Bruder”. Ein falsches Bild. Denn der Schlaf ist des Lebens Schwester. In den Religionen be-ginnen Heilsereignisse nachts, ins Traum. In manchen Mythologien der Weltschöpfung entsteht die Schöpfung aus dem Nichts dadurch, dass Gott selber schläft, träumt. Träume bewegen in der Bibel manche Geschichte voran, von Jakobs Himmelsleiter bis zu den nächtlichen Eingebungen der Magier, nicht zu Herodes zurückzukehren, um den Messias zu schützen. Der allererste Schlaf des Menschen ist nach dem Mythos zugleich sein kreativster: ,,Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, so dass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch.” So entsteht die Frau, Partnerschaft, Liebe, Beziehung, Personalität. Zum sexuellen Akt, der größten und mysteriösesten Schöpfungskraft, um neues Leben zu zeugen, sagen wir: Dass Mann und Frau miteinander „schlafen”. Die Hirnforscher bestätigen: Es gibt eine menschliche Wachheit, die tiefer liegt als alle Oberflächenwachheit unserer Betriebsamkeit. Erst die Passivität machst den Menschen aktiv. Aber ohne Aktivität hilft Passivität nichts. Ähnlich ist Gott zu erfahren: eher in der Nacht als am Tag, aber nur dann, wenn man sich am Tag schon um ihn bemüht hat. 

Johannes Röser


Wir sind aus solchem Zeug wie das zu Träumen.
Und Träume schlagen so die Augen auf,
wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen, 
aus deren Krone den blassgoldnen Lauf
der Vollmond anhebt durch die große Nacht.
… Nicht anders tauchen unsere Träume auf. 
Sind da und leben wie ein Kind, das lacht,
nicht minder groß im Auf- und Niederschweben
als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht. 
Das Innerste ist offen ihrem Weben,
wie Geisterhände im versperrten Raum
sind sie in uns und haben immer Leben. 
Und drei sind eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum. 
Hugo von Hofmannsthal


Adventsrätsel (das Vierte von vierundzwanzig)

Wenn man es braucht, wirft man es weg,
wenn man es nicht mehr braucht, holt man es wieder.
Auflösung zu Nr. 3


Auflösung zu Nr. 3 vom Jahr 2013:
Ich habe den Betrag mit mehreren Münzen bezahlt,
ein Rückgeld schloss sich damit aus.

Montag, 3. Dezember 2012

Adventsrätsel (das Dritte von vierundzwanzig)

Einmal im Pfahl,
zweimal im Aal,
dreimal in beiden:
ist für die Gescheiten!
Auflösung zu Nr. 2


Auflösung zu Nr. 2 vom Jahr 2013:
Der Lausbub plünderte heimlich vorzeitig
den Inhalt eines Türchens im Adventskalender

Heute vor 549 Jahren – 3. Dezember 1563: Das Konzil von Triest endet.

Die katholische Kirche reformiert sich 

 Als Reaktion auf die Reformation Martin Luthers tagte zwischen 1545 und 1563 in drei Sitzungsperioden das Konzil von Trient. Die Versammlung grenzte sich gegen den Protestantismus ab und präzisierte die katholische Lehre. In der ersten Sitzungsperiode 1545-47 wandte sich das Konzil speziell gegen Luthers Auffassung, der Wortlaut der Heiligen Schrift allein stehe im Mittelpunkt. Dazu betonte es den auf Autorität beruhenden Charakter der kirchlichen Tradition. 1551-52 fasste das Konzil Beschlüsse zur Liturgie und den Sakramenten, 1561-63 schließlich zur Lehre der Kommunion, zum Fegefeuer und zum Ablasshandel. Zur besseren Ausbildung der Seelsorger wurde die Einrichtung von Priesterseminaren beschlossen. Mit der Bulle Benedictus Deus bestätigte Papst Pius IV. im Januar 1564 alle Dekrete des Konzils von Trient.

Darstellung einer Sitzung des Konzils von Trient, aquarellierte Federzeichnung, um 1560

 Martin Luther (* 1483) selbst erlebte nur einen Teil der ersten Sitzungsperiode, da er 1546 starb. Er hatte früh erkannt, dass einige Positionen seiner Lehre unvereinbar waren mit der traditionellen katholischen Lehre, besonders in Fragen des Papsttums. Seine Erkenntnis, »also sind und bleiben wir ewiglich geschieden«, bestätigte das Konzil auf seine Weise.

Konzil
Versammlung in kirchlichen Angelegenheiten
 Zusammenkunft aller rechtmäßigen Bischöfe
 den Vorsitz führt der Papst oder sein Legat

 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012

Sonntag, 2. Dezember 2012

Einsam aber nicht allein

Solitude, 1933

Tief in Gedanken versunken, sitzt links ein Mann in einer verlassenen Landschaft vor den Toren der Stadt. Gehüllt in seinen Gebetsschal hält er eine rote Thorarolle fest im Arm. Nacht, Nebel und schwarze Rauchschwaden umfangen ihn. Neben ihm liegt eine weiße junge Kuh mit goldenen Hörnern. Eine sich selbst spielende goldene Geige liegt an ihrem Kinn. Zusammen mit einem kleinen weißen Engel am oberen Bildrand bilden der Mann und die Kuh eine Art weißes Dreieck vor der düsteren Kulisse der kleinen Stadt. In ihrer Mitte leuchten einzig die im Rot der Liebenden gemalte Thora und die goldene Geige. 

 Auch in diesem Bild sind es wieder die roten und goldgelben Farbtöne, die die monochrome Komposition aufbrechen und auf eine andere Dimension verweisen. Es scheint, dass die Thora und die goldene Geige die Kraft haben, die dunklen Nebel zu lichten und neue Klarheit zu schaffen: über dem Mann, dem Engel und der Kuh reißen die Rauchschwaden auf und geben den Blick auf einen sanften blauen Himmel frei. 

 Chagall malt ein Seelenbild von beredter Stille und großer Sammlung und Intensität. Es entsteht im Jahr 1933 – als die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland ergriffen. Das Werk wird häufig als schwermütig bezeichnet und als dunkle Vision der heraufziehenden Todesschatten der Shoah. Für mich ist es zugleich ein Bild nachdenklicher Hoffnung, die stärker ist als die Todesschatten. Die Drei sind einsam, aber nicht allein. Sie werden zur Gemeinschaft, weil sie miteinander einen kostbaren geistigen Proviant bewahren, um das Leben zu verstehen und zu bestehen. 

 Links, auf der Herzseite, das Wort und die Weisung Gottes. Dass sie dem Mann buchstäblich am Herzen liegen, darf wohl als Hinweis darauf gewertet werden, dass es hier nicht um den Erhalt einer abstrakten Lehre gebt, sondern um das ganz konkrete Leben, das, was jeden Menschen unbedingt, unmittelbar und persönlich angeht und Halt gibt. Rechts der unerschöpfliche Vorrat an Kreativität und künstlerischer Kraft im Spiel der goldenen Geige und der Gegenwart der weißen Kuh. Sie weisen darauf hin, dass das Wort nicht Wort bleiben, sondern Wirklichkeit werden will. 

 Nach der jüdischen Legende spielt die musizierende Kuh auf die nahe Ankunft des Messias an. Einsamkeit ist für mich deshalb auch ein Bild von Aufmerksamkeit: Was liegt mir eigentlich am Herzen? Welche Nebel sind bei mir zu lichten? Wie schaffe ich Klarheit in meinem Leben?



Wenn dein Kind dich morgen fragt 

Wie ist dein Lebenstraum. der dir zu Herzen geht, 
von Horizonten weit — und Freiheitsatem weht, 
der über dich hinausgeht und weit in die Zukunft ragt, 
sagt, wofür wir leben wollen, wenn dein Kind dich morgen fragt.

In welchem Lebensraum ist jemand, der dich hält, 
mit dir an Grenzen geht bis an das Ende der Welt, 
der über dich hinausgeht und weit in die Zukunft ragt, 
sagt, warum wir glauben können, 
wenn dein Kind dich morgen fragt. 

Mit welchem Lebensziel kannst du glaubwürdig sein — 
und in dem, was du tust, zieht ein Stück Himmel ein, 
der über dich hinausgeht und weit in die Zukunft ragt, 
sagt, wie wir denn handeln sollen, 
wenn dein Kind dich morgen fragt. 

Fritz Baltruweit 




Heute vor 30 Jahren – 2. Dezember 1982: Erstes künstliches Herz eingesetzt

Ein kaltes Herz soll das Weiterleben sichern 

 Der pensionierte Zahnarzt Barney Clarke war 61 Jahre alt und todkrank, als er entschied, sich das Herz herausnehmen und durch eine künstliche Pumpe ersetzen zu lassen. Vor 30 Jahren, am 2. Dezember 1982, implantierte der US-amerikanische Chirurg William DeVries dem herzkranken Clarke das erste künstliche Herz, »Jarvik 7«. Es war über Schläuche mit einem Kompressor verbunden, der das Implantat mit Druckluft antrieb. 

Doktor William DeVries am Bett von Barney Clarke, 1982

 Die Operation gelang und sorgte weltweit für Aufsehen. Für den Patienten begann eine Zeit des Martyriums: 112 Tage lebte er mit Jarvik 7, einige seiner Organe versagten, er litt unter Schlaganfällen, Krämpfen, Infektionen und Halluzinationen. Das Herz schlug zwar weiter, aber am Schluss war für Clarke der Tod eine Erlösung. Vier weitere künstliche Herzen setzte DeVries noch ein: In allen Fällen endete das Experiment ähnlich grauenhaft, sodass die zuständige US-Behörde die Versuche schließlich verbot. Die Idee aber wurde weiter verfolgt. Moderne Kunstherzen halten heute Patienten unter annehmbaren Umständen jahrelang am Leben. 

 Was am 2. Dezember noch geschah: 
 1804: Napoleon Bonaparte krönt sich in Anwesenheit von Papst Pius VII. eigenhändig zum Kaiser der Franzosen.
 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012

Adventsrätsel (das Zweite von vierundzwanzig)

Als Handwerkszeug liegt es bereit,
doch ohne Kopf hat es wenig Zeit.
Auflösung zu Nr. 1

Samstag, 1. Dezember 2012

Adventsrätsel (das Erste von vierundzwanzig)

Die Speise, die wir täglich essen,
wird Farbe, wenn der Kopf vergessen.

Wer bringt das Pferd zum Fliegen

Les Ponts de la Seine,  1954


Maler der Träume, Zauberer der Farben und der Phantasie, Poet mit Pinsel und Palette. Kaum ein Künstler ist ein solcher Begleiter durch den Advent wie Marc Chagall (geb. 1887 in Witebsk/Weißrussland, gest. 1985 in Saint-Paul-de-Vence/Frankreich). Seine Bilder geben einer der schönsten Zeiten des Jahres eine ganz eigene Farbe. Die unvergleichliche Faszination entsteht dabei aus der Begegnung eines Malers der klassischen Moderne mit einem uralten Buch. Chagall entdeckt die Botschaft der Bibel buchstäblich als verdichtetes Leben. Sie ist ihm ebenso sehr Theo-Poesie wie Theo-Logie. Randvoll mit Geschichten erzählt sie von dem, was Menschen mit sich selbst erlebten und erlitten, mit ihresgleichen, wie sie Gott und die Welt erfuhren und sich stetig zu erneuern versuchten. Für Chagall geschehen diese Geschichten nicht neben unserem Leben oder in einer anderen, längst vergangenen Welt. Sie sind unser Leben. Dabei wendet sich der Künstler erst 1930, in der Lebensmitte also, ausdrücklich biblischen Motiven zu. Aber das alte Lebensbuch ist schon vorher das Land seiner Seele. Er leiht seine Requisiten aus der biblischen Bilderwelt, die er, Märchen- und Traumbildern gleich, in verblüffend neue und andere Zusammenhänge stellt. Und Träumen nicht unähnlich, verwickelt Chagall seine Betrachter damit in ein Gespräch über ihr eigenes Leben.

Mit Marc Chagall durch den Advent zu gehen, bedeutet mit bisweilen unerwarteten Bildern in dieses Gespräch einzutreten. Das birgt Überraschungen. Aber geistreicher wird man Gott kaum erfahren können als in der Sprache, die er jeder und jedem von uns unmittelbar ins Herz gelegt hat: der Sprache der Bilder, der Träume und der Poesie. Das ist ein anderer Advent. Ich wünsche Ihnen aber, dass es für Sie ein besonderer Advent wird. Ganz im Sinne dessen, was der junge Chagall einmal über seine Berufswahl notierte: „Ich musste einen besonderen Beruf finden. Eine Beschäftigung, die mich nicht zwingen würde, mich vom Himmel und den Sternen abzuwenden, und die mir erlauben würde, meinen Sinn des Lebens zu finden. Ja, genau das suchte ich …”
Ulrich Peters



Wir sollen unser Leben,
solange es dauert, 
mit unseren Farben der
Liebe und Hoffnung ausmalen. 
Marc Chagall

Ausschnitt aus Marc Chagalls Bild
"Selbstbildnis mit sieben Fingern", 1913/14




Marc Chagall

Seit meiner frühesten Jugend hat mich schon die Bibel in ihren Bann gezogen. Die Bibel schien mir — und scheint mir noch heute – die reichste poetische Quelle aller Zeiten zu sein. Seitdem habe ich ihren Widerschein im Leben und in der Kunst gesucht. Die Bibel ist wie ein Nachklang der Natur, und ich habe danach gestrebt, dieses Geheimnis weiterzugeben … In meiner Vorstellung versinnbildlichen die Gemälde nicht nur den Traum eines einzigen Volkes, sondern auch denjenigen der Menschheit.
Marc Chagall, 1967 

Marc Chagall wurde am 7. Juli 1887 in der weißrussischen Stadt Witebsk geboren, als erstes von neun Kindern. Nach der Schulzeit beginnt der Malunterricht, zuerst in Witebsk, dann in St. Petersburg. Die Jahre 1910 bis 1914 in Paris werden für ihn zur Chance seines Lebens: das Erlebnis von Freiheit und Lieht, die Museen mit ihrer Bilderfülle und die Auseinandersetzung mit der Pariser Kunstszene führen ihn zur Findung eines eigenen Stils. – In den Pariser Jahren entstanden die Bilder: „Der Geiger”, 1912/13 (15.12.), „Mutterschaft”, 1912/13 (22./23.12.), und „Selbstbildnis mit sieben Fingern”, 1913/14 (11/14.12.). 

1914 reist Chagall über Berlin, wo er in der Galerie „Der Sturm” seine erste große Einzelausstellung hat, nach Russland und wird dort vom Ersten Weltkrieg überrascht. 1915 heiratet er seine Jugendfreundin Bella Rosenfeld. Nach der Oktoberrevolution von 1917 beteiligt er sich als Kulturbeauftragter für den Bezirk Witebsk am Aufbau der „neuen Zeit”. 1920 geht er nach Moskau und beginnt 1921 mit der Niederschrift seiner Autobiographie „Mein Leben”. – In diesen Jahren entstanden die Bilder: „Der Stall”, 1917 (6./7.12.) und „Die Erscheinung”, 1917/18 (8./9.12.). 

1922 verlässt Chagall endgültig Russland und kehrt nach Paris zurück. Es folgen glückliche und erfolgreiche Jahre (große Ausstellungen 1924 in Paris, 1926 in New York, 1933 in Basel; Auslandsreisen, u.a. 1931 nach Palästina, um die Radierungen zur „Bibel” vorzubereiten), die jedoch zunehmend überschattet sind durch das Erstarken der totalitären Regime und die Judenverfolgungen. – Bilder aus dieser Zeit: „Die Einsamkeit”, 1933 (3.12.) und „Der Engel mit der Palette”, 1927-1936 (11./12.12.). 

Als die deutschen Truppen 1941 Frankreich besetzen, emigriert er mit seiner Frau Bella in die USA. Sie verfasst dort ihre beiden Erinnerungshände „Brennende Lichter” und „Erste Begegnung” und stirbt im September 1944. Während seines Aufenthalts in den USA (1941-47) entstanden: „Der Jongleur”, 1943 (28/29.12.), „Das Blaue Konzert”, 1945 (16./17.12.) und „Um sie herum”, 1945 (21.12.). 

1947 kehrt Chagall nach Paris zurück, lässt sich 1950 in Südfrankreich nieder und heiratet 1952 Valentina (Vase) Brodsky. Eine ungeheure Schaffensdichte zeichnet die folgenden Jahrzehnte aus: Ölbilder, Aquarelle, Radierungen, Lithographien, Zeichnungen, Glasfenster, Skulpturen, keramische Arbeiten, Decken- und Wandgemälde, Theaterdekorationen und Gobelins. 1973, bald nach seinem 85. Geburtstag, erlebt er die Einweihung des seinen Werken zur Bibel gewidmeten „Musee National Message Biblique Marc Chagall” in Nizza. – In diesen Jahren entstanden: „Die Erscheinung der Künstlerfamilie”, 1947 (19./20.12.), „Grüne Landschaft”, 1949 (4/5.12), „Die Seinebrücken”, 1954 (1. Umschlagseite und 24.12.), „Das Hohelied IV”, 1950 (1./2.12.), „Jakobs Traum”, 1960-66 (10.12.), „Das Ereignis”, 1978 (25./26.12) „Die große Parade”, 1979/80 (30./31.12.) und „Dem anderen Licht entgegen”, 1985 (1.1.). Chagell stirbt am 28. März 1985 in Saint-Paul-de-Vence.


Le Cantique des Cantiques IV, 1958


Im alten Indien verurteilte ein König. einen Mann zum Tode. Der Mann bat den König, das Urteil aufzuheben und fügte hinzu: 
„Wenn der König gnädig ist und mein Leben schont, werde ich seinem Pferd innerhalb eines Jahres das Fliegen beibringen.” 
„Es sei”, sagte der König, „aber wenn das Pferd in dieser Zeit nicht fliegen lernt, wirst du dein Leben verlieren.” 
Als seine Familie voll Sorge den Mann später fragte, wie er sein Versprechen einlösen wolle, sagte er: 
„Im Lauf eines Jahres kann der König sterben. Oder das Pferd kann sterben, oder es kann fliegen lernen. Wer weiß das schon?” 
Anthony de Mello





Alles wird gut. Die Nacht leuchtet wie der Tag. Fremde entdecken sich als Freunde. Sie gehen geschwisterlich und gerecht miteinander um. Die Liebe setzt sich durch als trei-bende Kraft des Lebens. — Der Advent ist eine Zeit großer Visionen und Versprechen, die seit alters mit ihm und den Vorstellungen davon verbunden sind, wie Gott zur Welt kommen wird. Sind diese Träume Schäume, fast zu schön, um wahr zu sein? Sind diese Versprechungen wider den Augenschein wirklich einzulösen? Ebenso gut könnte man darauf hoffen, dass ein Pferd zu fliegen lernt
Dass das Pferd fliegt, ist für Marc Chagall überhaupt keine Frage. Im freien Flug trägt es ein Liebespaar über die Stadt Jerusalem und eine jubelnde Menschenmenge in den roten Himmel hinein, in dessen Hintergrund sanfte goldgelbe Farbflächen glimmen. Aus dieser Sphäre kommt auch das Licht des Bildes, nicht etwa von der Sonne. Der Himmel spannt sich wie ein Vorhang vor dieses hintergründige Leuchten. Von ihm schließlich stammt auch die rote und gelbe Farbgebung der Flügel des Pferdes, das seine Kraft offenbar aus beiden Sphären schöpft — der Welt vor und hinter dem Vorhang. Es ist das Bild von der vitalen Kraft der Liebe. Sie bringt das Pferd zum Fliegen. Sie macht die Liebenden zu einem Königspaar, voller Würde und ausgestattet mit den unbegrenzten Möglichkeiten und der Macht von Monarchen. Die Energie der Liebe ergreift und durchglüht den gesamten Lebensraum, Himmel und Erde, Engel und Menschen, Pflanzen und Tiere, die vor dem großen Himmelsvorhang agieren. Fast erwarte ich, dass sich dieser Vorhang jetzt jeden Moment hebt und das Geheimnis des untergründig alles durchleuchtenden goldenen Lichts freigibt. 
Chagalls Sehnsuchtslandschaft steht wie ein Leitbild am Anfang des Advents. Sie lädt dazu ein, den Visionen und Versprechen der Adventszeit mit Vertrauen zu begegnen und mit ihnen eine Revision des eigenen Lebens zu wagen. Dieser Einladung schließt sich dieser Eschbacher Adventskalender an. Mit einigen der schönsten Bilder des großen jüdischen Malers, ermutigt er, die eigenen Träume von einem gelungenen Leben wieder zu entdecken und Advent zu erleben — die Ankunft und den Anbruch von etwas ganz Neuem und Unerwartetem für alle, die ihrem Traum vom Leben trauen.


Freitag, 30. November 2012

Geschichtsfrage

In welchem Jahr 
des christlichen Kalenders begann 
die islamische Zeitrechnung?

 313
 622
 910

Donnerstag, 29. November 2012

Heute vor 789 Jahren – 29. November 1223: Der Papst erkennt den Orden der Franziskaner an

Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam 


 In Armut leben, um frei zu sein für den Reichtum des göttlichen Reichs, darin fand Franz von Assisi (1181-1226) seine Bestimmung, nachdem er 1206 mit seinem wohlhabenden Vater gebrochen und ein neues Leben begonnen hatte. Er kleidete sich in ein einfaches Büßergewand, zog als Wanderprediger im mittelitalienischen Umbrien umher und hatte bald Gleichgesinnte an seiner Seite. 1210 erkannte Papst Innozenz III. die Gemeinschaft als Orden an, Honorius III. bestätigte am 29. November 1223 endgültig die Regeln der Franziskaner. 
Franz von Assisi wird von Papst Innozenz III. empfangen,
Fresko von Giotto di Bondone, um 1300
 Das Regelwerk legte den Brüdern des Ordens auf, »milde, friedfertig und bescheiden, sanftmütig und demütig« zu sein, kein Geld anzunehmen, kein Eigentum zu erwerben, sich vor Stolz und Neid zu hüten, sich »dem geschäftigen Treiben dieser Welt« fernzuhalten, »keine Verdacht erregenden Beziehungen oder Beratungen mit Frauen zu haben und die Klöster der Nonnen nicht zu betreten«. 1226 starb Franz von Assisi, schon zwei Jahre später sprach Papst Gregor IX. ihn heilig. 


 Bettelorden des Mittelalters 
Franziskaner (anerkannt 1210) 
 Dominikaner (1215) 
 Augustiner (1244) 
 Karmeliten (1247) 
 Brockhaus - Abenteuer Geschichte 2012