Montag, 2. Januar 2017

1966: Das Neue der Revolte – Benno Ohnesorg und die Prügelperser – Sie wollten es nicht wissen…

Zeitgeschichte Eine Vietnam-Demonstration in Westberlin wird zum Labor der Außerparlamentarischen Opposition (APO). Rudi Dutschke nennt es Kulturrevolution und Selbsterziehung

Am 10. Dezember 1966, so liest man häufig, habe Rudi Dutschke die „Außerparlamentarische Opposition“ ausgerufen. Das wäre auf den Tag genau vor 50 Jahren gewesen. Als APO, so die gängige Abkürzung, bezeichneten sich die meisten derer, die heute „die 68er“ genannt werden. Denn 1968 fand die damalige Jugendrevolte ihren Höhepunkt: Dutschke wurde in Westberlin auf offener Straße niedergeschossen. Die sich danach ausbreitenden Unruhen griffen auf Westdeutschland und Frankreich über, wo der „Pariser Mai“ fast eine proletarische Revolution ausgelöst hätte. Die Ausrufung der APO wurde Dutschke Ende Mai 1968 vom Spiegel zugeschrieben.

Nun war die APO keine Organisation, vielmehr eine Bewegung; schon deshalb ist es fraglich, ob sie an einem bestimmten Tag „gegründet“ worden sein kann. Auch wenn der 10. Dezember 1966 ein passender Zeitpunkt gewesen wäre. Am 1. Dezember hatte die Große Koalition unter dem früheren NSDAP-Mitglied Kurt Georg Kiesinger (CDU) zu regieren begonnen. Ihren 468 Sitzen im Bundestag stand eine parlamentarische Opposition von nur 50 FDP-Abgeordneten gegenüber. Schrie das nicht förmlich nach außerparlamentarischer Ergänzung? Man muss freilich fragen, ob es Dutschkes Sache war, in dieser Angelegenheit kompensierend einzugreifen. Stand er dem Parlamentarismus so nahe?

Einer anderen Version zufolge hat er an jenem 10. Dezember gesagt, die außerparlamentarische Opposition brauche „neue Organisationsformen“, so der Soziologe Siegward Lönnendonker, der an der APO beteiligt war und sie später erforschte. Tatsächlich haben Zeitgenossen und Forschungsliteratur, wie bei der Historikerin Meike Vogel zu lesen ist, eher den 30. Oktober 1966 „als Geburtsstunde der außerparlamentarischen Opposition gesehen. An diesem Tag versammelten sich Gegner der geplanten Notstandsgesetzgebung zu einer gemeinsamen Veranstaltung in Frankfurt/Main“. Es ging darum, „möglichst viele Organisationen zu einer gemeinsamen Aktion zusammenzuführen“. Auch Schriftsteller, Publizisten und Wissenschaftler waren zugegen; zwar sprach niemand von einer APO, „der Begriff fungierte allerdings bereits vorher sporadisch als Fremdbezeichnung in den Medien“, so Meike Vogel. Natürlich gehörte auch Dutschke zu den Gegnern der Notstandsgesetze. Viel stärker hat ihn jedoch der Vietnamkrieg beschäftigt. Am 10. Dezember 1966 gab es in Westberlin eine nicht genehmigte Vietnam-Demonstration auf dem Kurfürstendamm; 74 Teilnehmer wurden festgenommen. Dass Dutschke gleich danach von „neuen Organisationsformen“ gesprochen hat, ist sehr wahrscheinlich. Solche wurden an diesem Tag erstmals geübt.

mehr:
- 1966: Das Neue der Revolte (Michael Jäger, der Freitag, 28.12.2016)

Zu Protokoll: Günter Gaus im Gespräch mit Rudi Dutschke [41:17]

Hochgeladen am 05.06.2011
Zwei sehenswerte Protagonisten im Gespräch in der ARD am 3.12.1967, Günter Gaus interviewt Rudi Dutschke: Dutschke nimmt Stellung zum parlamentarischen System, zu den Instrumenten der "Herrschaft", zur NPD, zur NATO und zur Religion. Dagegen setzt er seine Vorstellungen einer freien Gesellschaft: Organisationen ohne Berufspolitiker, ohne "Apparat", bewußte Kontrolle der Geschichte durch die Menschheit. Günter Gaus stellt Fragen zu der Bewegung und zu Dutschkes Revolutionsbegriff.

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Benno Ohnesorg (* 15. Oktober 1940 in Hannover; † 2. Juni 1967 in Berlin) war ein West-Berliner Student. Durch seinen gewaltsamen Tod während einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien wurde er deutschlandweit bekannt.Der West-Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras traf den 26-Jährigen mit einem Pistolenschuss aus kurzer Distanz tödlich in den Hinterkopf. Ohnesorgs Erschießung trug zur Ausbreitung und Radikalisierung der westdeutschen Studentenbewegung der 1960er Jahre bei. Sein Todestag gilt als Einschnitt der deutschen Nachkriegsgeschichte mit weitreichenden gesellschaftspolitischen Folgen.Nachdem 2009 bekannt wurde, dass Kurras 1967 inoffizieller Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit gewesen war, wurden neue Ermittlungen durchgeführt. Sie ergaben 2011, dass er auf Ohnesorg ohne Auftrag, unbedrängt und wahrscheinlich gezielt geschossen hatte. Er wurde dennoch nicht erneut angeklagt. [Benno Ohnesorg, Wikipedia, abgerufen am 02.01.2017]
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[Doku] Der Tod des Benno Ohnesorg - 2 Juni 1967 [HD] {42:21}

Veröffentlicht am 12.03.2017
"Er liegt am Boden, eine junge Frau kniet neben ihm und hält den Kopf des Sterbenden. Das Foto wird zum Symbol. Am 2. Juni 1967 beginnt ""1968"". An diesem Tag wird unweit der Deutschen Oper in Berlin der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten niedergeschossen und stirbt wenig später. Für die Studentenbewegung ist der Tod Ohnesorgs eine Zäsur - der 2. Juni wird zum Katalysator der Unruhen. Der tote Ohnesorg wird zu einer Ikone.

Doch wer war Benno Ohnesorg, von dem man kaum mehr weiß als den Namen - und das Sterbedatum? Fast vier Jahrzehnte später begibt sich der Schriftsteller Uwe Timm auf die Suche. Timms Buch ""Der Freund und der Fremde"" (2005) ist das literarische Ergebnis dieser Suche. Es ist keine faktenorientierte Biografie, sondern eine Erzählung, die Erinnerungen vorsichtig arrangiert. Es ist ein persönliches Buch, das über den Freund reflektiert, über seinen Tod und über die prägenden 60er Jahre. Es geht in ""Der Freund und der Fremde"" aber auch um 1968, um die großen Entwürfe und Theorien. Timm zeigt, wie der Tod von Ohnesorg viele aus seiner Generation zu ""68ern"" werden ließ.

Die beiden lernten sich Anfang der 60er Jahre in einem Kolleg in Braunschweig kennen, wo sie das Abitur nachholten. Für Ohnesorg und Timm waren vor allem Kunst und Kultur der Schlüssel zu einem anderen Leben. Sie hofften, in der Literatur ihr Glück zu finden. Die beiden 20-Jährigen freundeten sich an, diskutierten über Lyrik und offenbarten sich ihre ersten literarischen Schreibversuche. Nach dem Abitur trennten sich ihre Wege. Timm ging nach München, später nach Paris. Benno Ohnesorg zog nach Berlin. Sie verloren sich aus den Augen. Im Juni 1967 hörte Uwe Timm in Frankreich von den Ereignissen der Berliner Anti-Schah-Demonstration und sah in einer Pariser Zeitung das Foto - den toten Freund."

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Der Großteil der Berliner Presse, allen voran Publikationen des Springer-Verlagsberichtete über die Ereignisse des 2. Juni 1967 ausschließlich als Gewaltausbrüche vonseiten der Studenten und stellte die Polizei lediglich als korrekt handelnde Opfer dar. Die Veröffentlichung des Fotos eines prügelnden Jubelpersers mit Totschläger in der Hand wurde von allen Zeitungen Westberlins abgelehnt. Ein Foto einer von Polizeiknüppeln verletzten Augenzeugin hingegen wurde auf den Titelseiten von Springer-Publikationen als „Opfer des studentischen Terrors“ verfälscht.[5] Der Springer-Presse wurde vonseiten der Studenten vorgeworfen „statt ihrer Informationspflicht zu genügen und wahrheitsgemäß über die Unruhe der Studenten zu berichten, hat sie die Bevölkerung systematisch gegen die Studenten aufgehetzt.“[6] Dies hatte auch konkrete Auswirkungen, als beispielsweise ein Verwaltungsangestellter, der lediglich Rudi Dutschke ähnlich sah, von einem Bürger-Mob verfolgt wurde, der ihm „Schlagt den Dutschke tot“ und „Hängt ihn auf“ hinterherrief.[5]
 [Jubelperser, Presseberichterstattung, Wikipedia, abgerufen am 02.01.2016
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Leica (1967) [10:21]

Hochgeladen am 30.09.2009
Berlin

Polizeistaatsbesuch [3:09]

Hochgeladen am 22.08.2010
http://www.laika-verlag.de/bibliothek...
Roman Brodmann, ein Schweizer Dokumentarfilmer, gehörte mit seinen 47 Jahren nicht zur Studierendenbewegung der Sechziger Jahre. Wegen seiner sozialkritischen Fernsehreportagen musste er 1963 das Schweizer Fernsehen verlassen und wechselte als freier Regisseur zum Süddeutschen Rundfunk.
Brodmanns später mit dem Grimme-Preis ausgezeichneter Film war eigentlich als amüsanter Beitrag für den Süddeutschen Rundfunk (SDR) geplant, der das aufwändige „Drum und Dran" des Schah-Besuchs zeigt. Dank der Regie Brodmanns und aufgrund der Geschehnisse am 2. Juni 1967 entstand letztlich die Chronologie einer minutiös geplanten Notstandsübung, die im Tod Benno Ohnesorgs gipfelte.
Brodmanns Film beschränkt sich nicht auf die Proteste in Westberlin, sondern dokumentiert Tag für Tag den Ausnahmezustand, in dem die BRD sich während des Staatsbesuchs befand.

Aktuelle Kamera vom 3. bis 7. Juni 67 [2:26]

Hochgeladen am 22.08.2010
http://www.laika-verlag.de/bibliothek...
Aktuelle Kamera vom 3. bis 7. Juni 67

6_Theodor W_ Adorno zur Studentenbewegung.avi [0:35]

Hochgeladen am 23.05.2010
Német hallgatói mozgalom 06

Binne Ohnesorg diák 1967. júniusi lelövésére Adenauer zavartan reagált. A múlt félelmei látszottak előtörni belőle.
- Közvetlenül Ohnesorg meggyilkolása után azt mondtam a diákjaimnak a szociológiaszemináriumon, hogy a diákok ma a zsidók szerepét játszák, és azóta sem tudok szabadulni ettől az érzéstől.
(Fordította: Nagy Csilla)

siehe auch:
- Michael "Bommi" Baumann ist tot – Benno Ohnesorgs Tod als Fanal (Post, 21.07.2016)
68er-Revolte und Ukraine-Krise: Die Identität des Westens und der Kampf um die Deutunghoheit oder Der Unterschied zwischen Pudding und Sprengstoff (27.06.2015)
- Kabarettist Dieter Thomas ist tot (Post, 26.05.2016)
- 50 Jahre »Summer of Love« – Enthemmte Jünglinge, LSD-Glück und Liebe (Post, 05.06.2015)
»Der größte Einzelerfolg der CIA« (01.05.2012)
aktualisiert am 02.06.2017

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